Mulhapar [Paolo Poloni]

Von Sascha Lara Bleuler [ Sélection CINEMA ]


"Als ich hier im Dorf ankam, war ich eine Schönheit, und jetzt – schau mich an" schnauft eine ältere Frau mit einem zerfurchten, aber immer noch hübschen Gesicht. Sie kauert auf einem Teppich von Reiskörnern, die sie flink mit einem Kartonblatt sortiert. Ihre schon zur Hälfte weiss nachgewachsenen hennagefärbten Haare leuchten im Sonnenlicht.

Mulhapar ist ein 600 Seelen-Dorf im nördlichen Pakistan, wo eine Mehrheit von Muslimen mit einer Minderheit von Christen in scheinbarer Harmonie lebt. Es sind unaufgeregte Alltagsmomente, bruchstückartige Gespräche und insbesondere Bilder von Menschen bei der Arbeit, die der Regisseur Paolo Poloni in zu einer bildschönen, unkommentierten Collage verwebt. Zurückhaltend beobachtet er das Ökosystem eines Dorfes, dessen Bewohner, bedingt durch ihren gesellschaftlichen Status, mit sehr unterschiedlichen Realitäten konfrontiert sind. Noch unbeschwert plappern zwei Teenager-Mädchen in die Kamera; Marvi ist Muslima, Somera Christin, doch beide scheren sich herzlich wenig um ihren religiösen Hintergrund. Die Freundinnen gehören zu den mittellosen Familien in Mulhapar; der auf den Reisfeldern erwirtschaftete Tageslohn wird mit Putzarbeiten bei den reicheren Familien ein wenig aufgebessert. In beobachtend gefilmten Szenen werden das finanzielle Gefälle und die jahrzehntealte Hackordnung zwischen den Bewohnern spürbar: Während der muslimische Grossgrundbesitzer, der zu den fünf wohlhabenden Sippen gehört, dem christlichen Mädchen gönnerisch einen Zustupfer für das bevorstehende Weihnachtsfest zusteckt, wischt deren Mutter mit vollem Körpereinsatz dessen Fussboden.

Die ästhetischen Tableaus lassen einen zuweilen die Härte der Arbeit und der Lebensumstände, denen die Menschen hier ausgesetzt sind, vergessen. Das Wechselspiel zwischen milchigem Morgennebel, gleissender Mittagssonne und schliesslich der Abenddämmerung, mit ihrem Schattenwurf auf die mit Wäsche behängten Dächern, ist voller Poesie. Da steht ein Maler in weissem Overall auf einer hohen weissen Leiter und weisselt eine graue Wand; ein Rechteck über dem Mauerstück rahmt den wolkenfreien Himmel. Das Bild ist von perfekter Farbkomposition, und doch möchte man glauben, dass Poloni, der für diesen Film selbst die Kamera schulterte, hier ganz zufällig vorbeikam. Mit seinem dichten instrumentalen Klangteppich schrammt der Film zwar zuweilen knapp am Ethnokitsch vorbei und die Aufnahmen von Fussbälle nähenden Pakistanis untermauern etwas simplistisch die These des bösen West-Kapitalismus. Trotz diesen „Gutmensch-Momenten“ gelingt Poloni aber über weite Strecken ein technisch solides, poetisches Portrait eines Dorfes – fernab der gewohnten düsteren Medienberichte über dieses konfliktgebeutelte Land.


PRODUKTION: RECK Filmproduktion GmbH REALISATION: Paolo Poloni KAMERA: Paolo Poloni TON: SCHNITT: Paolo Poloni, Fee Liechti SOUND DESIGN: Peter Von Siebenthal MUSIK: Cyril Boehler VERLEIH: Look Now WELTRECHTE: RECK Filmproduktion GmbH FORMAT: DCP, Farbe, Urdu/Panjabi/English, 93 min.


24.9.2014, 17:49 | Permalink

The Green Serpent – Of Vodka, Men and Distilled Dreams [Benny Jaberg]

Von Sascha Lara Bleuler [ Sélection CINEMA ]


Alkohol ist unbestritten die gefährlichste Gesellschaftsdroge. Die Sucht nach dem Rausch, die Möglichkeit des Loslassens durch den flüssigen Gehilfen gehört seit jeher zum sozialen Gefüge, ja zum Menschsein. Die seelischen Abgründe, die sich auftun, wenn man sich immer mehr dem Alkoholkonsum verschreibt, sind allgemein bekannt und an Dokumentarfilmen, die oftmals den moralischen Zeigefinger heben, mangelt es nicht. Der junge Schweizer Filmemacher Benny Jaberg will mit seinem Kurzfilm The Green Serpent, das Phänomen Alkohol auf unkonventionelle Weise durchleuchten. Er seziert filmisch die Wirkung des Wodkas, ergründet den schmalen Grad zwischen euphorischem Schwebezustand und dem tiefschwarzen Sumpf der Depression danach. Bewusst unvoreingenommen folgt Jaberg der “grünen Schlange” hinein in die alkoholdurchtränkten Gefilde von Russland, und sucht nach der künstlerischen Inspiration, die das Getränk freisetzt. Auf seiner Reise trifft er scheinbar zufällig auf allerlei Gestalten, die über die Wirkung des Rauschgetränks philosophieren. Der Dichter Mstislav Biserov schaut sowjetische Propagandafilme und wartet vor seinem Bildschirm auf das Einkicken der Wodkaschen Muse – nur durch deren halluzinogene Kraft erreiche er poetische Höhenflüge. Nüchternheit degradiere ihn zu einem nervlichen Wrack, sei seiner Kreativität ein Fluch. Auch dem Schauspieler Aleksandr Baschirov dient Alkohol als Gefühlskatalysator. Seine wässrigen Augen funkeln schelmisch und er gibt zu, dass nur das grüne Gift seine existentiellen Angstzustände ertränken kann. Für die Russen funktioniere Wodka als Ersatz für die rastlose Suche nach Identität und setzte teleportische Kräfte frei. Der Physiker Nikolai Budnev, der am vereisten Baikalsee Forschungen zu Ausserirdischen betreibt, destilliert mittels Rauschzustand gar das Wesen der „dunklen Materie, des Göttlichen“ heraus.

Manch solch verschrobene Weisheiten geben die Protagonisten nicht ohne Augenzwinkern von sich und Jaberg spinnt ihre transzendentalen Gedankengänge mit assoziativ montierten Bildern der verschneiten Einöde weiter. Sein Kurzfilm entstand im Rahmen des „Russischen Winter Projekts“, welches sieben Filmteams Gelegenheit bot, sich künstlerisch mit russischen Stereotypen auseinander zusetzten. So begab sich Jaberg auf eine fünfwöchige filmische Reise mit der transsibirischen Bahn; das oftmals aus dem Zugfenster heraus gedrehte Material schnitt er noch während der Fahrt. Zeitlupe und das Spiel mit Tiefenschärfe verleihen den hauptsächlich Nachts gedrehten Aufnahmen einen surrealen Charakter – tanzende Blasen im grün ausgeleuchteten Wodkaglas werden zum Sternenhimmel. Und die psychedelische Musik von Marcel Vaid vertont in perfekter Symbiose die poetischen Details von Jabergs Bilderwelten.


PRODUKTION: Benny Jarberg, MiruMir Studio REALISATION/DREHBUCH: Benny Jarberg KAMERA: Joona Pettersson, Benny Jarberg TON: Xavier Thieulin SCHNITT: Benny Jarberg SOUND DESIGN: Benny Jarberg MUSIK: Marcel Vaid WELTRECHTE: Benny Jarberg FORMAT: DCP, Russisch, Farbe und schwarz-weiss, 20 min.

24.9.2014, 17:43 | Permalink

L’escale [Kaveh Bakhtiari]

Von Stefan Staub [ Sélection CINEMA ]


Eine bescheidene Bleibe im Untergeschoss eines Athener Wohnhauses. Hier auf engstem Raum lebt eine Gruppe iranischer Migranten, die von ihren Schleppern im Stich gelassen wurden und nun in Griechenland gestrandet sind. Amir, einst selbst ein illegaler Einwanderer mit ähnlichem Schicksal, gewährt ihnen einen temporären Unterschlupf und unterstützt sie bei der Besorgung von Papieren, die ihnen eine Weitereise in ein anderes europäisches Land ermöglichen sollen. Doch das unsichere Leben in der Illegalität ist zermürbend und nicht selten wird der Zwischenhalt zur Endstation ihrer Träume.

Kaveh Bakhtiari, Absolvent der ECAL in Lausanne, hat mit L’escale seinen ersten langen Dokumentarfilm inszeniert. Das Projekt nahm seinen Anfang, als Bakhtiari mit seinem Kurzfilm La valise (2007) an einem griechischen Filmfestival eingeladen war. In Athen traf er seinen Cousin Mohsen, der zu jener Zeit in Amirs «Wohngemeinschaft» lebte. Die Lebenswege der beiden Cousins könnten unterschiedlicher nicht sein: Während Bakthiari bereits mit acht Jahren mit seinen Eltern in die Schweiz immigrierte und mittlerweile den Schweizer Pass besitzt, war sein Cousin auf der Flucht nach Europa beinahe ertrunken und hatte vor ihrer Begegnung mehrere Monate in griechischer Haft verbracht.

Bakhtiari nutzt diese Ausgangslage für eine konsequent subjektive Herangehensweise. Er zieht in Amirs Keller ein und wird mit seiner Handkamera zu einem ständigen Begleiter der Migranten. Indem er seinen Protagonisten auf Augenhöhe begegnet, erleben wir die alltäglichen Zermürbungen, die permanenten Ängste und Desillusionierungen aus nächster Nähe. Gerade aus dieser Intimität gewinnt der Film seine emotionale Kraft. So gesehen ist es nur folgerichtig, dass der Filmemacher auf einen erklärenden Off-Kommentar sowie sorgfältig kadrierte Bilder verzichtet und stattdessen ganz auf die Vorzüge der teilnehmenden Beobachtung vertraut.

Nach und nach wachsen einem die Porträtierten ans Herz und die Tragik hinter den einzelnen Schicksalen wird spürbar. Das Politische bleibt dabei zwar meist im Hintergrund, doch finden sich immer wieder einzelne Momente – wie jener am Hafen, wo Flüchtlinge verzweifelt durch die Lücken in den Zäunen kriechen, um auf eines der Kreuzfahrtschiffe zu gelangen – die einem die gesellschaftliche Tragweite der Problematik eindrücklich vor Augen führen.

L’escale, feierte seine Premiere an der «Quinzaine des Réalisateurs» in Cannes und wurde an den Solothurner Filmtagen mit dem «Prix de Soleure» ausgezeichnet. Es ist der verdiente Lohn für ein ebenso persönliches wie kraftvolles Leinwanddebüt.


PRODUKTION: Elisabeth Garbar & Heinz Dill, Louise Productions (Lausanne). Olivier Charvet & Sophie Germain, Kaléo Films (Paris) 2014. BUCH: Kaveh Bakhtiari. REALISATION: Kaveh Bakhtiari. KAMERA: Kaveh Bakhtiari. TON: Kaveh Bakhtiari. SCHNITT: Kaveh Bakhtiari, Charlotte Tourres, Sou Abadi. MISCHUNG: Etienne Curchod. MUSIK: Luc Rambo. VERLEIH: Filmcoopi (Zürich) WELTRECHTE: Doc & Film International (Paris).DCP, Farbe, 100 Minuten, Persisch (englisch/französische/deutsche Untertitel).

24.9.2014, 17:14 | Permalink

Cure - The Life of Another [Andrea Staka]

Von Simon Meier [ Sélection CINEMA ]
Cure - The Life of Another


Dubrovnik, eine Küstenstadt im Süden Kroatiens. Der Unabhängigkeitskrieg ist soeben zu einem Ende gekommen. Linda, in der Schweiz zur Welt gekommen, kehrt mit ihrem Vater aus dem Exil in die alte und zugleich neue Heimat zurück. Das 14-jährige Mädchen freundet sich mit der gleichaltrigen Eta an, und sie werden beste Freundinnen. Ihr Lieblingsort ist ein Kieferwald am Rand der Stadt. Dort tauschen sie sich über ihre ersten sexuellen Erfahrungen aus und albern herum. Am Rand des Waldes, bei einem Kliff, ereignet sich ein folgeschwerer Zwischenfall. Eta macht sich über Linda lustig und beschimpft sie als schwächlich. Es entsteht ein Gerangel: Eta stolpert und nachdem Linda ihre Freundin zuerst festhält, stosst sie diese über die Klippe. Linda kehrt allein in die Stadt zurück. Dort scheint sich jedoch niemand für den genauen Hergang des Vorfalls sonderlich zu interessieren. Weder die Angehörigen der Verstorbenen noch die Polizei. Eta sei ertrunken, wird behauptet. Schon bald nimmt Linda den Platz in der Familie ihrer verstorbenen Freundin ein. Es entwickelt sich eine Verwischung der Identitäten, in dem Linda tatsächlich Eta zu sein und ihr Leben weiterzuführen scheint...

Dramaturgisch arbeitet der Film mit einer Vielzahl von Andeutungen und Mehrdeutigkeiten: Kurz vor dem Todesfall tauschen die Mädchen ihre Kleider und einen Ohrring, Etas Grossmutter scheint sie wirklich für ihre eigene Enkeltochter zu halten, spannt sie in die Aufgaben des Haushaltes ein, und nimmt sie sogar ins Familienalbum auf. In der Schule gibt sie die Aufgaben für sich und ihre Freundin ab. Immer wieder taucht Eta in Lindas Vorstellung auf und neckt sie, wie es sei, nun ihrer statt ihr Leben zu führen. Linda nähert sich Ivo an, der Eta begehrte, und lässt sich auf seine Avancen ein. Sie wird aufmüpfiger und mutiger, wie es ihre Freundin war. Das Vortäuschen einer Normalität, die eigentlich keine ist, kann auch als die kollektive Verdrängung der Greuel des Krieges, die kein Verharren im Vergangenen zulassen, gesehen werden.

Wie schon in Andrea Strakas Das Fräulein, geht es in Cure – The Life of Another um gegensätzliche Figuren, die sich in ihrer Verschiedenheit gegenseitig bewundern und gleichzeitig verachten. Die lebenshungrige Eta möchte von Dubrovnik weg, Linda hingegen versucht sich am neuen Ort zu Recht zu finden und ist eigentlich eine scheue Aussenseiterin. Vieles bleibt jedoch vage, da der Film stark mit Auslassungen und Andeutungen arbeitet, die nicht aufgelöst werden, und vom Zuschauer dadurch viel Interpretationsarbeit abverlangt wird. Eine etwas dezidiertere Zuspitzung des Szenarios hätte dem Film nicht geschadet. Am Ende beugt sich Linda dem psychologischen Druck, den der Zwischenfall auf sie ausübt, und kehrt in die Schweiz zurück. Hier kann sie ihre Identität nochmals neu erfinden, bleibt aber trotzdem in ihrer eigenen Vergangenheit gefangen.

PRODUKTION: Okofilm Productions, Ziva Produkcija, Deblokada, Schweizer Radio und Fernsehen, ZDF/ARTE, Thomas Imbach, Leon Lucev, Damir Ibrahimovic (Schweiz, Kroatien, Bosnien-Herzegowina) 2014. BUCH: Andrea Staka, Marie Kreutzer, Thomas Imbach. REGIE: Andrea Staka. KAMERA: Martin Gschlacht. TON: Predrag Doder Doco, Roman Bergamin, Peter Bräker, Sasha Heiny. SCHNITT: Tom La Belle. MUSIK: Milica Paranosic. DARSTELLERINNEN: Sylvie Marinkovic, Lucia Radulovic, Mirjana Karanovic, Marija Skaricic, Leon Lucev, Franjo Dijak. VERLEIH: Pathé Films. WELTRECHTE: Okofilm Productions. DCP, Farbe, 83 min, Kroatisch, Schweizerdeutsch.

24.9.2014, 09:51 | Permalink

Der Kreis [Stefan Haupt]

Von Anna-Katharina Straumann [ Sélection CINEMA ]
Der Kreis

„Seit der Geburt bin ich seltsam...,“ singt der Travestiekünstler Röbi Rapp (Sven Schelker) kokett. So fühlt sich wohl auch der junge Französischlehrer Ernst Ostertag (Matthias Hungerbühler), als er dem Star der Bewegung «Der Kreis» gebannt zuhört. Beflügelt von der Auseinandersetzung mit der gleichnamigen Zeitschrift, besucht Ernst zum ersten Mal einer der legendären Ballnächte im Theater Neumarkt Mitte der 1950er Jahre und verliebt sich in den gleichaltrigen Mann auf der Bühne. Diese Liebesgeschichte bildet den Brennpunkt für Stefan Haupts neuen Film.

Das Skript könnte man kaum besser anlegen: Zwei Liebende – der eine aus dem liberaleren Theatermilieu, der andere aus gutbürgerlicher Familie, der seine sexuelle Orientierung verstecken muss, um seine Stelle nicht zu verlieren – kommen, und bleiben, gegen alle Widrigkeiten zusammen. Stefan Haupts Docufiction ist aber weit mehr als ein bewegender Liebesfilm. Auch wenn bei weitem nicht öffentlich akzeptiert, legalisierte 1942 ausgerechnet das Land, das erst ab den 1970er Jahren das Frauenstimmrecht einführte, als erster europäischer Staat Homosexualität. Durch die Zwinglistadt wehte – zwar nur vorübergehend und im Versteckten – ein mondäner und freigeistiger Wind. Dank der Untergrundorganisation und der gleichnamigen international gestreuten dreisprachigen Publikation, die politische Aufsätze, erotische Illustrationen und Poesie publizierte, wurde «Der Kreis» zum wichtigsten Sprachrohr der Schwulenbewegung europa- wenn nicht weltweit. Um 1960 aber, als sich anderswo die Bürgerrechtsbewegungen ankündigten, schwang in Zürich das Pendel für die Homosexuellen zurück. Katalysator waren die berüchtigten „Schwulenmorde“ im Stricher-Milieu. Von nun an herrschte polizeiliche Willkür, denn Homosexualität war zwar gesetzlich nicht strafbar laut neuem Grundsatz „aber registrierbar: Grossrazzien wurden durchgeführt, Register angelegt, Tanzverbote gewaltsam durchgesetzt, und statt Toleranz breitete sich Repression aus. Die Bewegung «Der Kreis» wurde zerschlagen, die Publikation eingestellt.

Ähnlich wie bei Swiss Schweizers Verliebte Feinde wird hier also nicht nur eine Geschichte zweier Liebender erzählt, sondern ein brisantes aber kaum bekanntes Kapitel Schweizer Emanzipationsgeschichte. Obschon ursprünglich nicht als Docufiction geplant, erweist sich die Form als geglückte Kombination: Originaldokumente, kaum gesehenes Archivmaterial der filmtitelgebenden Zeitschrift und die Stimmen der gealterten Zeitzeugen sorgen für die verbürgte historische Verankerung. Erst dadurch wird die gesellschaftsgeschichtliche Tragweite dieser individuellen Liebesgeschichte überhaupt fassbar. Nicht nur, weil «Röbi und Ernst» als erstes gleichgeschlechtliches Paar ihre Partnerschaft 2004 in Zürich eintragen liessen, greift der Film über die Blütezeit und die Zerschlagung einer richtungsweisenden Bewegung in die Gegenwart. Der Kreis ist auch ein gemeingültiges und hochaktuelles Plädoyer für die vorbehaltlose Akzeptanz von sozialen Minderheiten – und für die Liebe.


PRODUKTION: Contrast Film (Zürich,Bern) 2014. BUCH: Stefan Haupt, Christian Felix, Ivan Madeo, Urs Frey. REGIE: Stefan Haupt. KAMERA: Tobias Dengler. TON: Vorname Name. SCHNITT: Christoph Menzi. KOSTÜME: Catherine Schneider. MUSIK: Federico Bettini. DARSTELLERINNEN: Matthias Hungerbühler, Sven Schelker, Anatole Taubmann, Marianna Sägebrecht. VERLEIH: Ascot Elite, Zürich. WELTRECHTE: Wide House (Paris).
DCP, Farbe, 102 Minuten, Schweizerdeutsch / Hochdeutsch

23.9.2014, 13:52 | Permalink

Oro verde [Mohammed Soudini]

Von Christina von Ledebur [ Sélection CINEMA ]
Oro verde


Seit der Ingenieur Mario auf die Strasse gestellt wurde, sucht er fieberhaft nach einer neuen Stelle. Das grosse Haus mit Pool will bezahlt sein und seine Ehefrau Clara will er nicht arbeiten schicken, schliesslich möchte das Paar demnächst ein Pflegekind aufnehmen. Widerwillig nimmt er den Job in einem Callcenter an. Doch der sanftmütige Mittvierziger eignet sich überhaupt nicht dafür, älteren Damen Schönheitsoperationen übers Telefon zu verkaufen, und so ist Mario nach nur zwei Wochen bereits wieder arbeitslos. Da erregt eine Nachricht in der Tagesschau seine Aufmerksamkeit: Die Tessiner Polizei hat am Zoll in Chiasso eine Rekordmenge Cannabis beschlagnahmt, welche demnächst verbrannt werden soll. Nach einer kurzen Inspektion des Geländes ist klar: Marios genialer Plan, das Gras gegen Heu einzutauschen und mit ersterem reich zu werden, bedarf einiger Helfer. Er findet sie in dem Bestatter Leo, dem Tagelöhner Augusto, seinem ehemaligen Mitarbeiter Ivan und – wenn auch unvorhergesehen – in seiner Frau. Doch das Vorhaben entpuppt sich als schwieriger als gedacht.

Der Tessiner Regisseur Mohammed Soudani ist ursprünglich Kameramann. In jungen Jahren wanderte er aus Algerien in die Schweiz ein und begann hier, eigene Filme zu machen. Gleich mit seinem ersten Spielfilm Waalo Fendo – La où la terre gèle (CH 1997) landete er einen Grosserfolg. Für das Immigrantendrama erhielt er den Schweizer Filmpreis. Es folgten mehrere Dokumentarfilme, zum Beispiel Guerre sans image – Algérie, je sais que tu sais (CH 2002) über den algerischen Bürgerkrieg, der Kinderfilm Lionel (CH 2010) und das Drama Taxiphone – El Mektoub (CH 2010) mit Bruno Ganz und Mona Petri in den Hauptrollen.

Mit Oro verde (CH 2014) wagt Soudani sich zum ersten Mal ins Komödienfach vor. Die Geschichte ist von einem Ereignis inspiriert, das anfangs dieses Jahrhunderts tatsächlich stattgefunden hat. Soudani machte aus einer Zeitungsmeldung ein Heist-Movie, nur dass hier die Gangster – im Vergleich zu den Genre-Klassikern wie zum Beispiel Ocean’s Eleven (USA 2001) – blutige Anfänger sind. Diesem Umstand entspringt ein Grossteil der Komik von Oro verde. Für den Slapstick sorgt Carlos Leal mit seiner tollpatschigen Figur Augusto. Leal, Leonardo Nigro, Giorgia Würth und die beiden italienischen Schauspieler Ignazio Oliva und Fausto Sciarappa ergeben zusammen ein starkes Schauspielerensemble. Leider kann dieses nicht immer darüber hinwegtäuschen, dass es Oro verde bisweilen an Erzähltempo und Schmiss fehlt.


PRODUKTION: Amka Films Productions SA (Savosa), RSI Radiotelevisione svizzera (Lugano). BUCH: Walter Pozzi, Davide Pinardi, Lara Fremder. REGIE: Mohammed Soudani. KAMERA: Pietro Zuercher. TON: Daniela Bassani, Stefano Grosso, Marzia Cordo . SCHNITT: Jacopo Quadri. DARSTELLER: Fausto Sciarappa, Carlos Leal, Leonardo Nigro, Giorgia Würth, Ignazio Oliva. VERLEIH: Praesens-Film AG (Zürich). WELRCHTE: Amka Films Productions SA (Savosa).
DCP-Harddisk, Farbe 90 Minuten, Italienisch.

22.9.2014, 14:43 | Permalink

Clouds of Sils Maria [Olivier Assayas]

Von Bettina Spoerri [ Sélection CINEMA ]



Die Film- und Theaterschauspielerin Maria Enders (Juliette Binoche) bewegt sich auf dem Zenit ihrer Karriere: Internationale Produktionen, Ehrungen, Presserummel. Das bringt aber auch grosse Hektik mit sich, eine Non-Stop-Kommunikation auf mehreren Kanälen gleichzeitig – die Assayas denn auch in einer langen ersten, beklemmenden Sequenz vorführt: Enders und ihre persönliche Assistentin Val (Kristen Stewart) sind im Zug nach Zürich unterwegs, während sie auf drei Mobiles teilweise gleichzeitig mit verschiedenen Personen Termine vereinbaren, juristische und finanzielle Belange besprechen, den Ablauf von Anlässen besprechen. Enders versucht zudem, eine Laudatio auf ihren langjährigen Mentor Wilhelm Melchior zu schreiben, dessen Ehrung in Zürich stattfinden wird – da erfahren sie, dass er soeben gestorben ist. Ein geplanter Selbstmord eines Todkranken, wie sich später herausstellen wird.

Das ist der Beginn einer tiefen Krise in Enders‘ Leben. Sie beginnt damit, dass sie an eine alte, ihr unangenehme Affäre mit einem Kollegen (Hanns Zischler) erinnert wird, dann soll sie ausgerechnet jene Rolle spielen, die vor 20 Jahren eine (inzwischen verstorbene) Schauspielerin interpretierte, in Melchiors Stück „Die Maloja-Schlange“, das von der Abhängigkeit und Hassliebe zwischen zwei Frauen handelt. Die Witwe von Wilhelm Melchior (ein überraschender Auftritt von Angela Winkler) stellt Enders das Haus in Sils Maria zur Verfügung, um sich auf die Rolle vorzubereiten, wo sie, begleitet und unterstützt von Val, ihre Interpretation einstudiert. Ihre Mühe mit dem Älterwerden und dem damit einhergehenden Rollenwechsel sowie die unterschiedlichen Perspektiven von Enders und Val auf die Bedeutung der Frauenbeziehung lösen Spannungen aus, die sich durch den medialen Hype um das verwöhnte Starlet (Chloë Grace Moretz), das Enders‘ früheren Part als junge Frau übernehmen soll, noch verschärfen und schliesslich in eine Explosion münden.

Assayas inszeniert die Auseinandersetzungen zwischen den beiden weiblichen Hauptfiguren im Hausinnern, aber vor allem auch in der Engadiner Landschaft rund um den Silser See, das Fextal und den Malojapass. Dass hinter dem Titel des Melchior-Stücks ein meteorologisches Schlechtwetter-Phänomen steht, enthüllt der Film in atemberaubenden neuen und alten Bildern. Binoche und Stewart liefern sich starke Momente der ungeschminkten Konfrontation zwischen zwei Frauengenerationen; natürlich ist es eine bewusste metafiktionale Konzeption, dass sich auf dieser Ebene das Thema des Stücks spiegelt und zusätzlich Symptome des immer perverseren PR-Zirkus und Jugendwahns vorgeführt werden. Die Anlage ist raffiniert – und doch werden zu viele interessante Erzählfäden im Laufe des Films vernachlässigt, was bewirkt, dass dieser letztlich einen seltsam diffusen Eindruck hinterlässt.


PRODUKTION: CG Cinéma, Pallas Film GmbH, CAB Productions SA, Vortex Sutra, ARTE France, ZDF, Orange Studio, RTS Radio Télévision Suisse BUCH: Olivier Assayas REALISATION: Olivier Assayas DARSTELLER: Juliette Binoche, Kristen Stewart, Lars Eidinger, Chloë Grace Moretz, Hanns Zischler, Angela Winkler KAMERA: Yorick Le Saux TON: Daniel Sobrino, Nicolas Moreau SCHNITT: Marion Monnier VERLEIH/WELTRECHTE: Filmcoopi Zürich AG, MK2 International FORMAT: DCP, Farbe, 123 Minuten, Englisch

11.9.2014, 23:05 | Permalink

L'abri [Fernand Melgar]

Von Doris Senn [ Sélection CINEMA ]



Es regnet. Es ist dunkel. Und es ist fühlbar kalt. In der Mitte des Bildes: der hell erleuchtete Weg zu einer Notschlafstelle für Obdachlose, der sich wie die Einfahrt zu einer Tiefgarage ausnimmt. Menschen strömen dem Eingang zu. Man hört Kinder wimmern und Erwachsene murmeln. Allabendlich spielt sich hier ein kleines menschliches Drama ab: Menschen aus aller Welt suchen ein Obdach und eine warme Mahlzeit. Doch obwohl der Zivilschutzbunker in Lausanne viel mehr fassen könnte, dürfen nur fünfzig pro Abend rein. Das bedingt eine Selektion, stehen doch oft doppelt so viele vor der Tür. "Kinder und Frauen zuerst" lautet – wie bei der Evakuierung vom sinkenden Schiff – das Motto und führt zu herzzerreissenden Entscheiden auf der einen, zu lautstarken Diskussionen ob der Engherzigkeit, der "Willkür" der Auswahl, auf der anderen Seite.

Einmal mehr legt Fernand Melgar mit seinem jüngsten Film L'abri den Finger auf eine wunde Stelle im Flüchtlingswesen. Der Westschweizer Filmemacher weiss, wovon er spricht: Er stammt selbst aus einer Emigrantenfamilie, wurde im Exil in Nordafrika geboren und als Kind von seinen Eltern 'mitgeschmuggelt', als diese als Saisonniers in die Schweiz arbeiten gingen. So zeichnet L’abri – wie schon Melgars frühere Filme La forteresse und Vol spécial – ein einfühlsames Porträt einer Institution in schwierigem Umfeld. Er lässt uns teilhaben an den Diskussionen unter den Angestellten, die mit grosser Menschlichkeit die schwierige Situation zu meistern suchen – zwischen dem Druck von oben und den Bedürfnissen der Obdachsuchenden. Der Film gibt aber auch Einblick in die Schicksale der Migranten und Migrantinnen – etwa in dasjenige des jungen Mauretaniers, der reüssieren will, um nicht als Gescheiterter in seine Heimat zurückkehren zu müssen; in jenes des Paars aus Spanien, das dort alles verloren hat – Haus, Job, Erspartes – und nun auf eine Anstellung in der Schweiz hofft; wie auch in solche von Roma-Familien, die Richtung Westen aufgebrochen sind, um hier ihr Glück zu suchen.

Der Film evoziert die vielen Facetten beider Seiten und enthält sich wohltuend einer Schwarzweisszeichnung. Vielmehr zeigt er die komplexen Problematiken, die hinter den verschiedenen Migrationen stehen, vermag die globalen Verknüpfungen auf kleinstem Raum aufzuzeigen – und zeichnet gleichzeitig die Bemühungen ebenso wie die Hilflosigkeit und unmenschliche Härte aufseiten der Politik und den von ihr gesteuerten Institutionen. Eine Situation, für die es keine wirkliche Lösung gibt. Dies zeigt auch der Film, an dessen Schluss zwar der Frühling steht, aber kein Happy End: Mit dem warmen Wetter schliesst die Unterkunft ihre Pforten bis zum Herbst. Die Hilfsbedürftigen müssen nach anderen Lösungen suchen und zerstreuen sich vor unseren Augen in alle Himmelsrichtungen.


PRODUKTION: Climage (Lausanne), RTS – SRG SSR 2014. REALISATION, KAMERA: Fernand Melgar. TON: Elise Shubs. SCHNITT: Karine Sudan. VERLEIH: Agora Films (Genf). WELTRECHTE: Climage (Lausanne).
Farbe, 101 Minuten, Französisch (deutsche Untertitel).

11.9.2014, 22:04 | Permalink

Mon père, la révolution et moi [Ufur Emiroglu]

Von Bettina Spoerri [ Sélection CINEMA ]
Mon père, la révolution et moi

Der 1980 in Antalya in der Südtürkei geborenen türkisch-schweizerischen Filmemacherin Ufuk Emiroglu gelingt in ihrem ersten langen Kinodokumentarfilm Mon père, la révolution et moi ein anrührendes Porträt ihres Vaters. Durchbrochen von Spiel- und Animationselementen, erzählt sie von ihrem Kindheitsidol, dem Freiheitskämpfer, dem Rebell gegen das tyrannische Regime – der sich aber über die Jahre zu einer ganz anderen Figur entwickelt hat. Angereichert durch Archivmaterial, blickt Ufuk Emiroglu zurück in die 1970er Jahre. 1980, in ihrem Geburtsjahr, wurde ihr Vater verhaftet und von den Schergen gefoltert, doch er gab die Namen seiner Kameraden nicht preis. Die Gefängniszeit traumatisierte ihn nachhaltig; allerdings ist es eine Stärke dieses Films, dass er nicht einfach erklärt und psychologisiert, sondern einen die Metamorphose des Vaters aus den Augen des vorerst noch bewundernden Kindes mitverfolgen lässt. 1984 wandert die Familie Emiroglu in die Schweiz aus, siedelt sich in La Chaux-de-Fonds an, Ufuk lernt Französisch, während sich ihr Vater in dem sicheren Land zunehmend verloren fühlt (und, so ist anzunehmen, an posttraumatischen Stresssyndromen leidet). Er wird passiv, hilflos, depressiv. Und dann wird er eines Tages der Geldfälscherei überführt, landet wieder im Gefängnis. Nach der Entlassung entwickelt er sich zum Glücksspieler und Alkoholiker. Die Familie zerfällt, und Ufuk fragt sich: Was mache ich mit diesem Vaterbild, mit diesem Erbe?

Die Erzählstruktur des Films bleibt dabei nicht bei der biografischen Chronologie stehen, sondern gibt starken Kindheitsfantasie-Bildern viel Raum, akzentuiert, reflektiert, ironisiert durch die Augen der heute erwachsenen Tochter. Anders als etwa Ramòn Giger in Karma Shadub (2013) oder Kaleo La Belle in Beyond this Place (2010), die ihre Väter konfrontieren, wählt Emiroglu den introspektiven Weg. Sie setzt sich mit ihren Projektionen auf den Vater auseinander, ihre Traumbilder – und stellt sie der herben Realität gegenüber. Die äussere Reise der Familie löst eine innere Reise aus, die eine starke visuelle Ebene eröffnet. Hier ist Emiroglu äusserst erfindungsreich und findet die richtige Mischung zwischen Distanz und Nähe zum Vater, dem einstigen Idol, der nun von der desillusionierten, erwachsenen Tochter als Gesprächspartner aufgesucht wird, um verstehen zu können.

Mon père, la révolution et moi geht so auf einmal humorvolle, dann wieder nachdenkliche, schonungslose und mutige Weise der Frage nach Sinn und Bedeutung nach. Den einstigen Revoluzzer gibt es nicht mehr, doch die Tochter ist von der Vergangenheit und vor allem auch seinem Mythos geprägt – und in ihr lebt er nun weiter. Einfühlsam, respektvoll, doch nie mehr blind begegnet sie ihrem Vater. Beklemmend, traurig, aber auch gleichzeitig ermutigend ist dieser Film, in dem wenig beschönigt wird. Da ist die neue Stimme einer eigenwilligen Filmautorin sichtbar geworden, auf deren weitere Arbeit man nun sehr neugierig ist.

PRODUKTION: Dschoint Ventschr Filmproduktion AG (Zürich), Akka Films, RTS Radio Télévision Suisse 2013. BUCH: Ufuk Emiroglu. REALISATION: Ufuk Emiroglu. KAMERA: Ufuk Emiroglu, Joakim Chardonnens. TON: Peter Bräker, Denis Séchaud. SCHNITT: Ana Acosta. VERLEIH: Dschoint Ventschr Filmproduktion AG (Zürich). WELTRECHTE: Dschoint Ventschr Filmproduktion AG (Zürich).
DCP, Farbe, 81 Minuten, Französisch/Türkisch (deutsche/englische/französische Untertitel)

11.9.2014, 13:42 | Permalink

Grandpère [Kathrin Hürlimann]

Von Thomas Hunziker [ Sélection CINEMA ]
Grandpère

Ratsch und zisch. Schon brennt das Zündholz. Ein bärtiger Mann zündet sich damit zu Beginn des animierten Kurzfilms Grandpère eine Zigarette an. Es ist Fritz Hürlimann, der Grossvater der Filmemacherin Kathrin Hürlimann, die sich in ihrem Werk an den «alten und ruhigen Mann» aus ihrer Kindheit erinnert, der jedoch durch eine Tat am Samstag, 22. Februar, 1969 nationale Berühmtheit erlangte. An diesem Tag legte er Feuer in der Telefonzentrale Hottingen, was zu einer der «grössten Katastrophen in der neueren Zürcher Stadtgeschichte» führte, wie Die Zeit damals schrieb. 30 000 Telefonanschlüsse und 600 Fernschreiber wurden durch den Akt ausser Betrieb gesetzt, der Sachschaden wurde auf mehrere Millionen Franken geschätzt. Bis alle Leitungen wieder repariert waren, dauerte es über einen Monat.

Wie lässt sich dieser Brandanschlag erklären? Diese Frage stellten sich 1969 die Medien und nun auch Kathrin Hürlimann in ihrem Film. Bereits im Anschluss an die Tat stellte sich Fritz Hürlimann der Polizei und erklärte seine Motive. Belastende, miserabel bezahlte Nachteinsätze, unhaltbare Vorwürfe der Vorgesetzten und zuletzt ein junger schnoddriger Monteur, der ihm als Chef vor die Nase gesetzt wurde, hätten ihm keinen anderen Ausweg mehr gelassen. Die Tat war «ein Vergeltungsakt für erlittene Unbill in seiner Funktion als PTT-Angestellter», wie ihn die Neue Zürcher Zeitung zitierte.

Der Brandstifter hielt seine Gedanken auch in Tagebüchern fest. 2012 stiess die Enkeltochter auf die Notizen und stellt in ihrem Kurzfilm die öffentliche Berichterstattung aus Tagesschau, Tages-Anzeiger und Neue Zürcher Zeitung den privaten Aufzeichnungen des Grossvaters und ihren eigenen Erinnerungen gegenüber. Sie zeichnet die Ereignisse mit klaren, leicht zittrigen Strichen vor schwarzem Hintergrund. Dabei schöpft sie auch die Möglichkeiten des Animationsfilms voll aus: Männer verschmelzen zu Gitterstäben, die Köpfe von Vorgesetzten verwandeln sich in Schweinegesichter und der junge Vorgesetzte tritt dem Grossvater als Riese auf den Kopf. Kurz dominiert rot und vor allem gelb, als der Grossvater den Brand legt. Daneben zeugen Ausschnitte aus Fernsehen und Zeitung von der Berichterstattung.

Wie schon Anja Kofmel mit Chrigi (CH 2009) zeigt auch Kathrin Hürlimann, dass sich der kurze Animationsfilm hervorragend eignet, um mit der eigenen Biografie verbundene historische Ereignisse eindrucksvoll zu verarbeiten. Dabei zeigt Hürlimann in Grandpère exemplarisch auf, wie erniedrigende Anstellungsverhältnisse zu einer Eskalation führen können. Dadurch ist ihr nicht nur ein kunstvolles, sondern zugleich ein erschütterndes und aktuelles Werk über Belastung durch prekäre Arbeitsbedingungen gelungen.

PRODUKTION: Hochschule Luzern, Schweizer Radio und Fernsehen (Zürich). 2013. BUCH, REALISATION, KAMERA, SCHNITT, TONSCHNITT: Kathrin Hürlimann. TON: Thomas Gassmann, Kathrin Hürlimann. MUSIK: Adrian Pfisterer. VERLEIH, WELTRECHTE: Hochschule Luzern.
DCP, Farbe/Schwarzweiss, 6 Minuten, Schweizerdeutsch.

09.9.2014, 09:18 | Permalink
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