TINO - FROZEN ANGEL [Adrian Winkler]

Von Stefan Staub [ Sélection CINEMA ]
TINO - FROZEN ANGEL

«Legenden sterben nicht», heisst es im Volksmund. Martin «Tino» Schippert, erster Präsident der Schweizer Hells Angels wurde bereits zu Lebzeiten zu einer Legende. Und wie es sich für die Legendenbildung schickt, war auch dessen Ableben im bolivianischen Dschungel derart mysteriös, dass sein Bruder noch Monate nach der Todesnachricht am Wahrheitsgehalt dieser Nachricht zweifelte.

In Anlehnung an das Buch von Willi Wottreng «Tino – König des Untergrundes» rekonstruiert der Filmemacher Adrian Winkler das Leben dieser streitbaren Figur. Relativ klassisch tut er dies mit einer Mischung aus Zeitzeugeninterviews und Archivmaterial. Wobei vor allem die Archivaufnahmen faszinieren. Wenn sich die Rockergang als ein freier Hort für Kameradschaft präsentiert, sich Tino in einem reichlich schrägen Werbespot für Zigaretten selber spielt oder in einer verqueren Performance im wahrsten Sinne des Worte auf die Nationalflagge scheisst, so ist dies unterhaltsam und entlarvend zugleich. Paradoxerweise entsteht gerade in diesen Momenten der Selbstinszenierung das Gefühl, der wahren Persönlichkeit des «Frozen Angels» am nächsten zu sein.

Weniger gelungen sind hingegen die Interviews. Obwohl Winkler unter anderem mit Tinos drei Freundinnen sowie dessen Bruder gesprochen hat, gehen die Gespräche leider meist nicht über oberflächliche Zuschreibungen hinaus. Weder vermögen sie an der Legende zu kratzen, noch Tinos Persönlichkeit wirklich fassbar zu machen. Und so fragt man sich irgendwann: War Tino einfach nicht mehr als modische Oberfläche, ein Abziehbild der Gegenkultur?

Solchen Fragen geht der Film freilich nicht nach. Winkler konzentriert sich vielmehr darauf, die wichtigsten Stationen von Tinos Leben nachzuzeichnen: angefangen beim Aufstieg vom Halbstarken zum Kopf der Hells Angels über die ungerechtfertigte Verhaftung bis hin zu dessen Flucht nach Bolivien. Lange Fahrten entlang einsamer Landstrassen, die als durchgängiges Motiv immer wieder dazwischen montiert werden, illustrieren dabei Tinos Lebensgefühl, wirken aber oft auch hemmend auf den Drive der Handlung.

«Tino – Frozen Angel» ist eine solid gemachte Dokumentation, die einige spannende Einblicke in ein Stück Schweizer Gegenkultur liefert. Tinos Lebensgeschichte wird in Winklers Film anschaulich nacherzählt, auch wenn man sich hie und da wünschte, der Filmer hätte mit etwas mehr Schärfe hinter die sagenumwobene Fassade der Hauptfigur geschaut.

PRODUKTION: Lina Geissmann, Prêt-à-tourner Filmproduktion GmbH (Schlieren) 2014. BUCH: Adrian Winkler. REALISATION: Adrian Winkler. KAMERA: Adrian Winkler, Mario Winkler. TON: Beni Mosele. SCHNITT: Rosa Albrecht, Adrian Winkler. MUSIK: Roy and the Devils Motorcycle. VERLEIH: Xenix Filmdistribution (Zürich) WELTRECHTE: Prêt-à-tourner Filmproduktion GmbH (Schlieren).DCP, Farbe, 92 Minuten, Deutsch (englisch/französische Untertitel).

21.4.2014, 15:07 | Permalink

Akte Grüninger – Die Geschichte eines Grenzgängers [Alain Gsponer]

Von Senta van de Weetering [ Sélection CINEMA ]
Akte Grüninger – Die Geschichte eines Grenzgängers

Paul Grüninger hat als St.Galler Polizeihauptmann dafür gesorgt, dass 1938 zahlreiche österreichische Juden in die Schweiz einreisen konnten, obschon auf Befehl von Bundesbern die Grenzen ab Sommer 1938 geschlossen waren. Grüninger tat dies, indem er das Einreisedatum der Urkunden fälschte. Anfang Neunzigerjahre erinnerte der Historiker Stefan Keller in der WOZ mit einer Artikelserie an den Beamten, der 1940 als Folge seiner Urkundenfälschungen entlassen und bis dahin nicht rehabilitiert worden war. 1997 drehte Richard Dindo einen Dokumentarfilm über Paul Grüninger, dessen Rehabilitierung inzwischen gegen viel Widerstand durchgesetzt worden war, in dem er Zeitzeugen zu Wort kommen liess. Nun also drehte Alain Gsponers einen Spielfilm über den Schweizer, dessen Namen und Taten dank Keller und Dindo in der breiten Öffentlichkeit bekannt geworden sind.

Die Titelrolle – sie sich nicht unbedingt mit der Hauptrolle deckt – spielt Stefan Kurt. Seine Leistung ist deshalb so bemerkenswert, weil er der Versuchung widersteht, aus Grüninger einen Helden zu machen. Überzeugend zeigt er einen trockenen, völlig uncharismatischen Beamten, der nichts anderes tut, als an seinen Moralvorstellungen, über die er wahrscheinlich nie viel nachgedacht hat, festzuhalten. Rings um ihn herum verrückt die politische Schweiz jedoch ihre moralischen Massstäbe zusehends, so dass es Grüninger ist, der immer mehr ins Abseits gerät. Diese Problematik hätte ein durchaus überzeugendes, politisches Drehbuch abgeben können. Alain Gsponer und Drehbuchautor Bernd Lange entschieden sich jedoch für eine konventionellere Identifikationsdramaturgie. Sie stellen der historischen Persönlichkeit eine fiktive Figur an die Seite und staffieren diese mit dem Identifikationspotenzial aus, das Grüninger fehlt. Diese durchlebt im Film nun also die Wandlung, die bei der historischen Figur von Grüninger fehlt: Robert Frei, gespielt von Max Simonischek erhält den Auftrag, den Gerüchten über die undichte Schweizer Ostgrenze nachzugehen und dem Bundesrat Bericht zu erstatten. Anders als Grüninger gerät er mitten in den Konflikt von Pflichterfüllung, Karrierezielen und der Erkenntnis, was die Schweizer Gesetze für die verzweifelten Juden an der Grenze bedeuten.
Grüninger erinnert uns daran, dass sowohl das Wissen als auch die Möglichkeit zum Handeln dagewesen wären. Dies enthält in sich schon eine grundsätzliche Kritik an der Schweiz und dem Verhalten der Behörden. Indem Freis individuelle Problematik jedoch im Film diejenige von Grüninger überlagert, verschiebt sich die politische Dimension des Films von der Handlung hin zum Dialog, der sich stellenweise als direkter Kommentar zur heutigen Flüchtlingspolitik anhört. Das ist manchmal etwas papierern und lenkt ab von einem eigentlich gelungenen Werk.

PRODUKTION C-Films (Zürich), makido film gmbh (Wien), Schweizer Radio und Fernsehen 2014. BUCH: Bernd Lange. REGIE: Alain Gsponer. KAMERA: Matthias Fleischer. SCHNITT: Mike Schärer, Bernhard Lehner 
TON: Klaus Gartner, Jakob Studnicka. MUSIK: Richard Dorfmeister, Michael Pogo Kreiner . ART DIRECTOR: Marion Schramm. DARSTELLER: Stefan Kurt, Max Simonischek, Anatole Taubman, Helmut Förnbacher. VERLEIH: Walt Disney Company Schweiz (Zürich). WELTRECHTE: Beta Film GmbH (Zürich).
DCP, Farbe, 90 min, Dialekt/Deutsch.

17.4.2014, 11:50 | Permalink

Ausschreibung CINEMA #60

Von  Redaktion [ In eigener Sache ]
cfo

Das Filmjahrbuch CINEMA berichtet seit 60 Ausgaben über nationales und internationales Filmschaffen. Ein Grund zu feiern, sich zu berauschen an der Beständigkeit dieses Projektes, das dem deutschsprachigen Schreiben über den Film seit nunmehr sechs Jahrzehnten eine Plattform bietet. So soll also der Rausch das Thema dieser nächsten Ausgabe sein.

Ob ausgelöst durch Alkohol, Drogen oder andere Mittel, oder hervorgerufen durch Gefühle transzendent-religiöser Art, durch Liebe oder Hass, Veräusserung, sinnliche Überwältigung oder Hypnose – der Rauschzustand ist Teil der Filmgeschichte.
Zunächst natürlich der Rausch des Festes: von der Entfesseltheit Stroheims über Peter Sellers Eskapaden in The Party und Olivier Assayas’ plansequenzierte Teenagerfeiern bis hin zu den Exzessen des Wolf of Wall Street. Zudem aber auch der Rausch der Grenzüberschreitung: von den Träumen des surrealistischen Kinos über die Gewaltexzesse des frühen Gangsterfilms, über die ekstatische Selbstauflösung im Reich der Sinne bis zur Überschreitung der Grenze zwischen Kunst und Gewalt des Jokers bei Batman.
Filmemacher fanden stets neue Möglichkeiten, den Rausch auf der Leinwand zu inszenieren und gleichzeitig die Zuschauer in rauschhafte Zustände zu versetzen. Jener Zuschauer, der sich im traumhaften Rausche der Bilder verliert, ist ein gängiges Motiv somatischer Konzeptionen in der Filmtheorie, sei dies in der Beschreibung der Körpergenres Horror und Pornografie, in der Kritik an der ‚Verblendungsmaschinerie‘ Hollywoods oder der Untersuchung des modernen Phänomen des Binge-Viewings bei Fernsehserien.
Rauschhafte Zustände sind darüber hinaus immer wieder Teil des kreativen Prozesses – Beispiele von Texten, Bildern und auch Filmen, die ‘wie im Rausch’ entstanden, sind mannigfach. Zahlreiche Filme, insbesondere solche aus dem New Hollywood, verweisen auf die rauschhaften Zustände, die bei ihrer Entstehung mutmasslich vorherrschten.
Im technischen Kontext taucht der Rausch als Rauschen auf: in den frühen Tonsystemen, in immer wieder auftretenden optischen Unschärfen oder der neuen Form des digitalen Rauschens beispielsweise von dunklen Bildern. Die Geschichte der Ästhetik des Films lässt sich ohne den Begriff des Rauschens, der leichten Störung, dieses irgendwie unscharfen Gemenges, nur schwer denken.

Der Rausch ist aufgrund seines kreativen Potentials, der Möglichkeit zur Sinneserweiterung und seiner zahlreichen Glücksmomente zwar unendlich verlockend, birgt aber seine Risiken. Der zu lange Aufenthalt im Rauschzustand führt unweigerlich zu Degeneration und Zerstörung – des Selbst, des Anderen, der Welt. Er ist für uns sowohl unbedingte Notwendigkeit als auch grösste Gefahr.

Wir suchen für CINEMA 60 Beiträge, die sich mit bestimmten Aspekten des Themas Rausch – gerne auch solchen, die wir in der Ausschreibung vergessen haben – auseinandersetzen. Das Jahrbuch richtet sich an ein filminteressiertes Publikum. In der Form gibt es grosse Freiheit, vom essayistischen Text bis zur wissenschaftlichen Abhandlung, von der Glosse bis zum Fotoessay. Die Textlänge soll 25‘000 Zeichen – inklusive der sparsam eingesetzten Fussnoten – nicht überschreiten.
Bitte schickt eure Ideenskizze bis zum 22. April an die Mailadresse jahrbuchcinema@gmx.ch oder an ein Redaktionsmitglied. Wir sind gespannt auf kreative und berauschende Vorschläge.

Redaktion CINEMA: Anita Gertiser, Joachim Hoffmann, Simon Meier, Marian Petraitis, Dominic Schmid, Bettina Spoerri, Anna-Katharina Straumann, Matthias Uhlmann.

Call for Papers als pdf herunterladen

01.4.2014, 16:20 | Permalink

Karma Shadub [Ramòn Giger]

Von Sascha Lara Bleuler [ Sélection CINEMA ]
karmashadub

Das erste Bild steht symbolisch für das Verhältnis zwischen Vater und Sohn. Der Filmemacher Ramòn Giger rahmt den Rücken von Paul Giger, fast schüchtern und aus sicherer Distanz. Der Bogen des weltbekannten Geigenvirtuosen fliegt über die Seiten, wie von göttlicher Hand getrieben. Diese narrative Klammer wird sich am Ende des Filmes schliessen, doch bis dahin ist ein steiniger Weg familiärer Abgründe, Geheimnissen und Schmerz zu überwinden. Die Annäherung an den abwesenden Vater ist das erklärte Ziel des Regisseurs, und die konfliktreiche, traumatisierte Dynamik wird gleich zu Beginn offen gelegt. Giger, der bereits mit seinem Erstling Eine ruhige Jacke viel Gespür für gleichzeitige Nähe und Distanz zu seinem Protagonisten bewies, setzt in Karma Shadub bewusst Stilmittel der Psychoanalyse ein, um die schwierige Beziehung zu seinem Vater zu ergründen. Erfolg und Scheitern dieses Prozesses sind zentrale Dramaturgie-Bausteine des Films.
Ramòn Giger erblickte in einem abgelegenen Appenzeller Bauernhaus das Licht der Welt. Vater Paul komponierte für den Neugeborenen ein Lied, eine sinnliche Geigenmelodie, die als musikalisches Leitmotiv durch den Film trägt. Paul nennt die Komposition wie seinen Sohn Karma Shadub, tibetisch “tanzender Stern”. Der Stern will später lieber “Simon” heissen und grenzt sich von seinen esoterischen Eltern ab. Als er 15-jährig von einem Aufenthalt in Amerika zurückkommt, ist der Vater ausgezogen und will die Scheidung.
Der Film ist der Versuch, die verhärteten Schichten, welche die schmerzliche Trennung der Eltern hinterliess, abzutragen und dem entschwundenen Vater näher zu kommen. Ramòn wählt insbesondere die direkte Konfrontation im Gespräch mit Paul, der anfänglich Mühe bekundet, seinem Sohn zu vertrauen. Er habe Angst, ausgenutzt zu werden und dass ein Bild von ihm entstehen könnte, das ihm nicht entspricht. Paul formuliert so treffend jenes Risiko, welchem sich jedes dokumentarische Subjekt bewusst oder unbewusst stellt. Es lässt sich rahmen, zerschneiden, fiktionalisieren, um es letztendlich der künstlerischer Vision des Filmemachers dienbar zu machen. Die emotionale Fallhöhe ist in der Überschneidung von Regisseur/Sohn umso grösser und der Film lotet dieses Spannungsfeld gekonnt aus. Die Dokumentation der Arbeit des Vaters – einer aufwendigen Inszenierung mit der Tanzkompanie St.Gallen – dient hier nur als Vorwand für die filmische Familienaufstellung. Die absolute Erlösung bleibt aus, doch der Filmemacher entlässt seinen Vater mit einem versöhnlichen Blick und trifft darin das universelle Begehren, familiären Schmerz nicht zu löschen, doch wenigstens loszulassen. Oder – filmisch gesprochen – die Eltern und ihre Geheimnisse der Unschärfe zu überlassen.

PRODUKTION: 2:1 Film GmbH 2013. REALISATION: Ramòn Giger, Jan Gassmann. BUCH: Ramòn Giger. DARSTELLER: Paul Giger, Ramòn Giger. KAMERA: Ramòn Giger, Jan Gassmann. TON: Jean-Pierre Gerth. SCHNITT: Jan Gassmann. MUSIK: Paul Giger. VERLEIH/WELTRECHTE: Cineworx GmbH/ 2:1 Film GmbH.
FORMAT: Farbe, DCP, Schweizerdeutsch, 94 min.

19.3.2014, 23:20 | Permalink

Neuland [Anna Thommen]

Von Sascha Lara Bleuler [ Sélection CINEMA ]
Neuland


«Ich interessiere mich für junge Migranten, weil sie den schlechtesten Ruf haben. Sie gelten als Kriminelle, die im Trainer herumlaufen und Leute anficken. Mir selbst geht es nicht anders“, erläutert die Basler Filmemacherin Anna Thommen ihre Motivation für ihren Abschlussfilm Neuland im Masterstudiengang der Zürcher Hochschule der Künste. Bei den eigenen Ängsten und Vorurteilen ansetzten, den Gesichtslosen ein Gesicht verleihen, sich selber und der Schweiz den Spiegel vorsetzten – ein ambitiöses Vorhaben für die junge Regisseurin. Sie beobachtet und begleitet während zwei Jahren Jugendliche der Integrationsklasse Basel. Der Mikrokosmos der komplexen Realitäten der jungen Menschen aus allen Herren Ländern zentriert sich um ihren Schulalltag und den kauzigen Lehrer Herr Zingg in der Basler Kaserne. Zingg stürzt sich mit eindrücklichem Engagement in seine Aufgabe, sein erklärtes Ziel ist es, die Schüler ihre teils traumatische Vergangenheit vergessen zu lassen und auf den Arbeitsmarkt in der Schweiz vorzubereiten. Zinggs minutiösen Erklärungen zu den Toiletten und die unbeholfenen Witze am Begrüssungstag stossen bei den jungen Menschen erstmals auf kritisches Stirnrunzeln. Doch allmählich tauen die Schüler auf und beginnen, Herrn Zinggs Humor und Einfallsreichtum im Unterricht zu schätzen. Farbige Fäden werden auf eine Weltkarte an die Tafel gepinnt – sie visualisieren die steinigen Wege, welche die Jugendlichen von ihren Herkunftsländern bis in die Schweiz zurücklegen mussten. Der 19-jährige Habibi berichtet stockend von seiner schwierigen Flucht aus Afghanistan, die ihn mit dem Schlauchboot übers Meer und während mehreren Wochen zu Fuss über die Berge führte. Neben der Schule muss er viel arbeiten, um seine Schulden für die teure Reise abzuzahlen. Wenn er es nicht schafft, das Geld aufzutreiben, würden die Gläubiger als Ersatzzahlung seiner Familie das Land wegnehmen. Herr Zingg versucht die fremden Wertevorstellungen zu verstehen und akzeptiert Ehsanullah nach einer langen arbeitsbedingten Absenz wieder in seiner Klasse.
Kamerafrau Gabriela Betschart gelingt es unaufgeregt, oftmals sehr emotionale Momente einzufangen, ohne sie zu dramatisieren. Allzu sentimental / emotional / dramatisch wirken die teilweise etwas gar süssliche geratene Hintergrundmusik; was nicht nötig gewesen wäre, denn die charismatischen Protagonisten und ihr Lehrer tragen diese intimen Momente voll und ganz. Thommen hat vor ihrer Filmausbildung selber als Primarlehrerin gearbeitet. Man spürt ihre Erfahrung im Schulalltag und ihren liebevoll ironischen Blick insbesondere in Momenten von Situationskomik zwischen Schüler und Lehrer, oder während stieren Lehrerkonferenzen. Wie bereits mit ihrem preisgekrönten Kurzfilm Second Me über einen Mann, der in der digitalen Parallelwelt vereinsamt, gelingt Thommen auch mit Neuland ein einfühlsames Porträt unterschiedlicher Jugendlichen, die sich wacker dem Sturm des Lebens in einem fremden Land stellen.


PRODUKTION: Famafilm AG/ Zürcher Hochschule der Künste
BUCH: Anna Thommen REALISATION: Anna Thommen DARSTELLER: Christian Zingg, Ehsanullah Habibi, Nazlije Aliji, Ismail Aliji, Hamidullah Hashimi, Andreas Schultheiss KAMERA: Gabriela Betschart TON: David Rehorek SCHNITT: Andreas Arnheiter, Anna Thommen MUSIK: Jaro Milko, Eric Gut VERLEIH/WELTRECHTE: Filmcooopi Zürich/Rise and shine World Sales
FORMAT: XD Cam HD, Farbe, 92 Minuten, Schweizerdeutsch, Deutsch, Farsi, Albanisch

28.2.2014, 16:41 | Permalink

Coming soon

Von Senta van de Weetering [ Aktuelle Ausgabe ]
Wir freuen uns auf die nächste Ausgabe zum Thema ENDE. Sie erscheint im Januar 2013.

So sieht das Cover aus:

Cover Ende

09.10.2013, 18:31 | Permalink

Traumland [Petra Volpe]

Von Simon Meier [ Sélection CINEMA ]
Traumland


Vier Personen, vier Geschichten. Sie sind alle durch Mia, eine bulgarische Prostituierte am Zürcher Strassenstrich, verbunden. Es ist Heiligabend. Die Sozialarbeiterin Judith kümmert sich um Sexarbeiterinnen am Zürcher Sihlquai und verkehrt privat mit einem Polizisten. Die verheiratete Lena fällt aus allen Wolken, als sie herausfindet, dass ihr Mann sie mit einer Prostituierten betrügt. Sie begibt sich auf eine Reise durch die Nacht, in der auch sie zu Mia findet. Rolf wiederum hat durch die verlorene Beziehung zu seiner Frau auch den Zugang zu seiner Tochter verloren und vertreibt seine Einsamkeit mit Bordellbesuchen. Die Spanier-Schweizerin Maria, deren Mann verstorben ist, lädt den Witwer Juan zu einem Abendessen ein. Gleich nebenan lebt Mia mit ihrem Freund.
Prostitution ist ein allgegenwärtiges Motiv im Kino. Es scheiden sich jedoch die Geister daran, inwiefern sie realistisch oder aber verherrlichend repräsentiert wird. Stellen Filme wie Elles (2011) Prostitution als Sexarbeit dar, die aus Armut, aber freiwillig begangen wird, sind zum Beispiel bei Taken (2008) die Prostituierten allesamt Opfer von brutalen, frauenverachtenden Menschenhändlern. Traumland gelingt es, einen unaufgeregten Blick auf die Thematik zu werfen. Im Zentrum steht nicht die Prostitution an sich, sondern die Menschen, die in verschiedener Art und Weise damit zu tun haben. Volpe ist das grosse Verdienst zuzusprechen, einen der lang gemiedenen Abgründe der Schweizer Gesellschaft in den Fokus der Aufmerksamkeit zu stellen. So würde auf den ersten Blick gar nichts auf eine Beziehung zwischen dem bürgerlichen Milieu von Lena und ihrem Mann einerseits und der Prostitution andererseits hinweisen. Auch der geschiedene Rolf wirkt zu Beginn viel zu gutherzig, als dass man ihm Bordellbesuche zutrauen würde. So wird Mia, grossartig gespielt von Luna Mijovic, zum Angelpunkt für verborgene Verlangen, zerrüttete Existenzen, aber auch einfach zum Lustobjekt von geilen Freiern auf der Suche nach dem schnellen Kick.
Beeindruckend ist, dass Volpe auf einen einfachen Moralismus verzichtet und die Figuren, trotz ihrer Abgründe, mit viel Menschlichkeit ausstattet. So werden dem Zuschauer einige sehr starke und auch witzige Szenen beschert, etwa wenn Rolf mit seinem Vater, seiner Tochter und der plötzlich auftauchenden Mia das Weihnachtsessen einnimmt oder Lena in die Rolle eines Freiers schlüpft, um sich ein Bild der Strassenprostitution zu machen. Einzig die Zuhälter, als deren einer sich auch Mias Freund entpuppt, bleiben eindimensional und entsprechen dem Stereotyp des frauenverachtenden, brutalen Osteuropäers. Volpe ist mit Traumland einer der stärksten Schweizerfilme seit langem gelungen, der sich ohne Weiteres mit der internationalen Konkurrenz messen kann.

PRODUKTION Zodiac Pictures (Zürich), Wüste Film Ost (Berlin), Schweizer Radio und Fernsehen 2013. BUCH/REGIE: Petra Volpe. KAMERA: Judith Kaufmann. TON: Marco Teufen, Sabrina Naumann, Noemi Hampel, Adrian Baumeister. SCHNITT: Hansjörg Weissbrich. MUSIK: Sascha Ring. DARSTELLER: Luna Mijovic, André Jung, Ursina Lardi, Bettina Stucky, Devid Striesow, Stefan Kurt, Marisa Paredes. VERLEIH: Filmcoopi (Zürich). WELTRECHTE: Zodiac Pictures.

09.10.2013, 18:27 | Permalink

Am Hang [Markus Imboden]

Von Simon Meier [ Sélection CINEMA ]
Am hang

Romanverfilmungen bilden kein eigenes Genre, doch scheiden sich die Geister daran, ob man ein Buch überhaupt verfilmen kann oder ob die Adaption immer eine unabhängige Neuinterpretation darstellt. Diese Frage ist für den Roman Am Hang von Markus Werner besonders relevant, denn Werners Geschichte besteht im Grunde nur aus einem langen Dialog zwischen zwei Männern, die durch eine ihnen anfangs unbekannte Begebenheit miteinander verbunden sind. Da ist einerseits der Anwalt für Scheidungsrecht, Clarin, der sich an Pfingsten zum Schreiben in sein Ferienhaus im Tessin begibt. Noch am Tag seiner Ankunft macht er im Hotel Bellevue in Montagnola die Bekanntschaft von Herrn Loos – der sich später als Felix Bendel entpuppt –, einem verbitterten Altphilologen, der erst vor kurzem seine langjährige Lebenspartnerin verloren hat. Es entspinnt sich ein ausgedehnter Dialog, in dem die konträren Weltsichten der beiden Figuren immer offenkundiger werden: Clarin ist ein Lebemann, der vieles nicht so ernst nimmt, auch die Liebe nicht. Loos hingegen ist bedächtig, traditionell und fortschrittskritisch. Seine Haltung fasst er im Diktum «Allein das Zögern ist human» zusammen. Sukzessive wird klar, dass die beiden Männer früher eine Beziehung zur selben Frau, Valerie, hatten. Da Loos die Trennung von Valerie alles andere als überwunden hat, wird die Bekanntschaft für Clarin immer bedrohlicher.

Der Film versucht die Dialogfixiertheit des Romans aufzubrechen, indem in ausgedehnten Rückblenden die Liebesverhältnisse von Clarin und Valerie sowie Loos und Valerie erzählt werden. Diese spielen hauptsächlich in Zürich, was für Ortskundige einen zusätzlichen Reiz des Films ausmacht. Im Film sind Loos und seine Frau ein Musikerpaar, und Loos wird in makaber-absurden Szenen als stark selbstmordgefährdet dargestellt. Das Sinnieren über Lebenseinstellungen, Liebe und gesellschaftliche Werte wird zwar gekürzt, aber doch ausführlich wiedergegeben. Der Film verlagert den Fokus auf den Aspekt des Beziehungsdramas und der wachsenden Eifersucht, wobei das Thema der Paranoia, die Clarin mehr und mehr befällt, nur am Rande behandelt wird. So wird der Ausspruch «Alles dreht sich, und alles dreht sich um ihn» mehr zu einer Floskel als zu einem Topos des Films. Trotzdem überzeugt die filmische Umsetzung, vor allem aufgrund der hervorragenden Schauspielleistungen der drei Protagonisten. Ob die dramatische Zuspitzung zu Ende des Films, die über das Buch hinausgeht und so die Bedeutungsoffenheit des Romans aufhebt, wirklich notwendig war, sei dahingestellt.

PRODUKTION: maximage (Zürich), Dreamer Joint Venture (Berlin), Schweizer Radio und Fernsehen, ARTE, Bayerischer Rundfunk, SRG SSR 2013. BUCH: Klaus Richter, Martin Gypkens. REGIE: Markus Imboden. KAMERA: Rainer Klausmann. TON: Hugo Poletti, André Zimmermann, Malte Zurbonsen. SCHNITT: Ueli Christen. MUSIK: Ben Jeger. DARSTELLER: Henry Hübchen, Martina Gedeck, Max Simonischek, Sophie Hutter. VERLEIH: Filmcoopi (Zürich). WELTRECHTE: maximage.
DCP, Farbe, 91 Minuten, Deutsch.

09.10.2013, 18:22 | Permalink

Die Schwarzen Brüder [Xavier Koller]

Von Simon Meier [ Sélection CINEMA ]
Die schwarzen Brüder

Das Tessin Mitte des 19. Jahrhunderts: Aufgrund eklatanter Armut verkaufen Bergbauern ihre Söhne als Kaminfeger nach Mailand. Weil der Vater die Arztrechnung für die verunfallte Mutter nicht bezahlen kann, wird auch der kleine Giorgio dem Mann mit der Narbe vermacht, der ihn nach Mailand bringt. Die Frau und der Sohn seines Lehrmeisters machen ihm das Leben schwer, wo es nur geht. Giorgio will sich aber nicht mit seinem Schicksal als menschlicher Putzlumpen abfinden. Als er Alfredo – der zusammen mit ihm nach Mailand gebracht worden ist – wiedertrifft, tritt er dem Bund der «Schwarzen Brüder» bei, einer Bande von verschleppten Kaminfegerjungen. Die Schwarzen Brüder haben sich gegenseitig geschworen, gegen das Elend aufzubegehren und sich gegen die Gemeinheiten der Mailänder Strassenjungen zu wehren. Ausserdem ist da noch die kränkelnde, doch hübsche Tochter des Lehrmeisters, die Giorgio das Heimweh leichter ertragen lässt.

Der Roman Die Schwarzen Brüder (1941) von Lisa Tetzner und ihrem Mann Kurt Held ist ein Klassiker der Kinderliteratur. Die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und bereits 1984 als deutscher Spielfilm sowie 1995 in Form einer japanischen Zeichentrickserie verfilmt. Kollers Verfilmung setzt auf stilistische Authentizität in Form von perfekt nachempfunden Schauplätzen, die einen direkt in die Welt des 19. Jahrhunderts eintauchen lassen. Für Giorgio ist das Exil in Mailand eine Vertreibung aus dem Paradies. Der idyllischen, archaischen Bergwelt steht die merkantile Tristesse der Grossstadt gegenüber. Hier muss er lernen, Gemeinheiten wegzustecken und sich trotzdem nicht alles gefallen zu lassen.
Berührte Der Verdingbub (2011) durch eine unverklärte Aufarbeitung der Thematik, so bleiben bei Die Schwarzen Brüder die sozialen Verhältnisse leider Klischees: Die Figuren wirken karikaturenhaft und konfliktfrei. Der Lehrmeister gesellt sich fast schon zu Beginn auf Giorgios Seite, dieser muss abgesehen von vereinzelten Gemeinheiten durch sein Umfeld keine wirklichen Hindernisse überwinden und die anderen Kaminfegerjungen bleiben in ihrer Figurenzeichnung mehr Komparsen, statt sich zu Individuen zu entwickeln. Es fehlt die Verspieltheit und Irrationalität, die Kinder in der Realität an den Tag legen. Die Stärke des Films liegt stattdessen einerseits in der souveränen Verkörperung der Figuren durch die Darsteller, andererseits in der Vermittlung eines authentischen Schicksals sowie der Erfahrung von Entbehrung und Heimweh, die den Protagonisten dazu zwingt, sich früh von seiner Kindheit zu verabschieden, um dann doch noch die Heimat wiederzufinden.

PRODUKTION Enigma Film (München), Dschoint Ventschr (Zürich), Starhaus Filmproduktion (München), Herold Productions (Frankfurt a. M.), RSI Radiotelevisione svizzera, Bayerischer Rundfunk, Westdeutscher Rundfunk Köln, Norddeutscher Rundfunk, ARTE, Degeto Film (Frankfurt a. M.) 2013. BUCH: Klaus Richter, Fritjof Hohagen. REGIE: Xavier Koller. KAMERA: Felix von Muralt. TON: Andreas Wölkli, Max Wanko, Stefan Korte. SCHNITT: Gion-Reto Killias. MUSIK: Balz Bachmann. DARSTELLER: Fynn Henkel, Moritz Bleibtreu, Oliver Ewy, Ruby O. Fee. Waldemar Cobus, Catrin Striebeck u.a. VERLEIH: Filmcoopi (Zürich). WELTRECHTE: Global Screen (München).
Farbe, 98 Minuten, Deutsch.

09.10.2013, 18:19 | Permalink

Lovely Louise [Bettina Oberli]

Von Stefan Staub [ Sélection CINEMA ]
Lovely Louise

«Es ist nie zu spät, um mit dem Leben und der Liebe zu beginnen», heisst es in der Synopsis zum Film. «Alter schützt vor Torheit nicht», würde mit Blick auf die weibliche Hauptfigur auch passen. Sieben Jahre nach Die Herbstzeitlosen hat Bettina Oberli erneut eine Emanzipationsgeschichte inszeniert. Wiederum dreht sich alles ums Älterwerden; dieses Mal aber mit einem bittersüssen Nachgeschmack. Die Geschichte ist rasch erzählt: Der 55-jährige André lebt noch immer bei seiner 80-jährigen Mutter Louise, die als junge Frau einst ihr Glück in Hollywood versuchte. André hat sein Leben als Taxifahrer und Hobby-Tüftler ganz auf seine Mutter ausgerichtet, wird dabei aber derart von ihr vereinnahmt, dass er seine persönlichen Bedürfnisse, insbesondere sein Interesse für die Wurstverkäuferin Steffi, immer wieder zurückstellen muss. Bis eines Tages der Amerikaner Bill, Louises unehelicher Sohn, vor der Tür steht. Anfangs noch unliebsamer Konkurrent, wird Bill für André zu seiner vielleicht letzten Chance, um sich endlich von seiner Mutter zu emanzipieren.

Lovely Louise ist als Tragikomödie angelegt, wobei sich dramatische und komische Elemente weitgehend die Waage halten. Allerdings hat sich die Regisseurin nicht etwa für ein Wechselbad der Gefühle, sondern – wie so oft im Schweizer Kino – für eine gemütlich dahinplätschernde Handlung entschieden. Und dies obwohl gerade im Konkurrenzkampf zwischen André und Bill eigentlich durchaus das Potenzial für komödiantisches Feuerwerk geschlummert hätte.

Die Stärken des Films liegen anderswo; im Zusammenspiel der beiden Hauptdarsteller zum Beispiel. Stefan Kurt und Annemarie Düringer harmonieren ausgezeichnet und sorgen dafür, dass man trotz der relativ vorhersehbaren Geschichte immer dran bleibt. Gerade in den kleinen, aber feinen Momenten, wenn André seine Mutter in die Schwimmtherapie begleitet oder sie mit dem Taxi bei Sprüngli abholt, kommen die Ambivalenzen der Mutter-Sohn-Beziehung am besten zum Ausdruck. Ausserdem sind in Louises Backstory zahlreiche hübsche Anspielungen auf Stars wie Marlene Dietrich, Greta Garbo oder die Schweizer Leinwandgrösse Lilo Pulver versteckt, die ähnlich wie Louise anfangs der 1960er Jahre ihr Glück in Hollywood versucht hatte.
Doch zuletzt verfehlt leider auch die Auflösung dieser Backstory ihre emotionale Wirkung. Zu konstruiert wirkt das Ganze, als dass wir wirklich mit André mitleiden könnten. Und so bleibt nach dem Abspann das Gefühl zurück, trotz einiger wirklich schöner Momente, einen Film gesehen zu haben, der weder sein komödiantisches Potenzial noch die Dramatik, die in der Mutter-Sohn-Beziehung liegt, wirklich ausschöpft.

PRODUKTION: Hugofilm Productions (Zürich), Wüste Film (Hamburg), Schweizer Radio und Fernsehen 2013. BUCH: Bettina Oberli, Petra Volpe, Xao Seffcheque. REGIE: Bettina Oberli. KAMERA: Stéphane Kuthy. TON: Kai Stork. SCHNITT: Andrew Bird. MUSIK: Adrian Weyermann. DARSTELLER: Stefan Kurt, Annemarie Düringer, Stanley Townsend, Nina Proll. VERLEIH: Frenetic Films (Zürich) WELTRECHTE: Hugofilm Productions.
Farbe, 91 Minuten, Schweizerdeutsch.

09.10.2013, 18:13 | Permalink
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