Sitting Next to Zoe [Ivana Lalovic]

Von Bettina Spoerri [ Sélection CINEMA ]
Sitting Next to Zoe


Einen glaubwürdigen Film über und mit Jugendlichen zu drehen, ist kein einfaches Unterfangen. Oftmals leiden solche Projekte an wenig oder viel Absichtseifer, pädagogischem Sendungsbewusstsein oder Anbiederung. Die 1982 in Sarajevo geborene Filmautorin Ivana Lalovic hat bereits in ihrem ZHdK-Diplomfilm Ich träume nicht auf Deutsch (2008) bewiesen, dass sie filmische Geschichten erzählen kann, die sich abseits der Klischees bewegen und eine eigene Handschrift entwickeln. Ihr erster Kino-Langspielfilm Sitting next to Zoe über zwei 15-Jährige, die an der Schwelle zum Erwachsenenleben stehen, verfügt denn auch einen stimmigen und frechen Tonfall. Die Titelrolle Zoe hat Runa Greiner (geb. 1996, seit 2011 vor der Kamera stehend) inne, und sie ist schlicht eine Wucht mit ihrer Leinwandpräsenz, dem beträchtlichen Körperumfang, den sie selbstbewusst ausspielt, ihrem lustvollen Ausloten spielerischer Möglichkeiten.

Neben ihrer quirligen, extravertierten Freundin droht die Türkin Asal (gespielt wird sie von der Schülerin Lea Bloch, die bisher in Werbespots zu sehen war) zuweilen erdrückt zu werden, wenn Zurückhaltung und strenge Erziehung auf Hemmungslosigkeit und Impulsivität treffen. Zoe und Asal, trotz (oder wegen) dieser Gegensätze beste Freundinnen, gleiten gemeinsam in die grossen Sommerferien, an deren Ende drohend viele Anforderungen warten: Wahl eines Berufs bzw. einer weiteren Ausbildung, Aufnahmeprüfungen, Bewerbungsgespräche. Wie in Anna Luifs Little Girl Blue (2003) ist die Handlung in Lalovics Film in einem Schweizer Agglomerationsgebiet (Spreitenbach) angesiedelt; die Kamera (Filip Zumbrunn) inszeniert die Treffen von Zoe und Asal in unwirtlichen Zonen (trostlose Balkonlandschaften, Treppenhäuser, Aussichten von Wohnsilos auf andere Wohnsilos, verbaute Flüsse, viel Beton) oder engen Wohnräumen.

Zoes unbändige Farbenlust, die sie in flippigen Make-Up- und Mode-Ideen auslebt, sprengt aber das Grau und die Enge – und dies schlägt sich sowohl in der Bildsprache nieder (grelle Farbenpracht, schnelle Schnitte, Nahaufnahmen, viele Perspektivenwechsel oder dann auch verklärende Bilder) wie auch im verspielten Artdesign. Asals Verliebtheit in Kai (gespielt vom schwedischen Schauspieler Charlie Gustafsson) spiegelt sich in weichzeichnenden Blicken auf den Mann ihrer Träume; nah daneben steht die bunte, eigenwillige Welt Zoes, der Asal, zuerst schüchtern, dann immer kecker, als Modell für ihre Modeentwürfe – die in eine Bewerbungsmappe für eine Kunstschule münden – dient. Solidarität, Freundschaft, erwachende Sexualität, Verletzlichkeit, Eifersucht: Lalovic lässt Zoe und Asal eine breite Palette pubertärer Gefühlsstürme durchleben und sich von den Projektionen ihrer Eltern teilweise befreien. Dies alles präsentiert der Film in einer ansteckenden, munteren Frische – wenn man auch angesichts der emotionalen Turbulenzen froh ist, die Pubertät hinter sich

PRODUKTION: Bernard Lang AG, Schweizer Radio und Fernsehen, Teleclub AG; BUCH: Stefanie Veith, Ivana Lalovic: REGIE: Ivana Lalovic; KAMERA: Filip Zumbrunn. TON: Peter Bräker. SCHNITT: Myriam Flury. KOSTÜME: Linda Harper, Sarah Bachmann. MUSIK: Marcel Vaid. DARSTELLERINNEN: Runa Greiner, Lea Bloch, Charlie Gustafsson, Bettina Stucky, Roeland Wiesnekker u.a.m.. VERLEIH: Vinca Film. WELTRECHTE: Bernard Lang AG
DCP: Farbe, 88 Minuten, Schweizerdeutsch/Deutsch/Englisch

11.7.2014, 10:31 | Permalink

Vielen Dank für Nichts [Oliver Paulus / Stefan Hillebrand]

Von Bettina Spoerri [ Sélection CINEMA ]
Vielen Dank für nichts

Schon die früheren Filme des Regie-Duos Paulus/Hillebrand liessen aufhorchen, und insbesondere auch der witzige und gelungene Bollywood meets Swissness-Spielfilm Tandoori Love (2008) des 1969 in Dornach geborenen Oliver Paulus, der mehr Aufmerksamkeit verdient hätte, als er damals erhielt. Nun beweisen Paulus und Hillebrand – der im deutschsprachigen Raum vor allem auch im Bereich des Improvisationstheaters bekannt ist – einmal mehr und noch überzeugender, dass sie Humor und ernste Themen auf subtile Art und Weise zu verbinden wissen. Und sie haben durchgehalten, trotz ablehnenden Entscheiden von Bundesamt für Kultur und Schweizer Fernsehen, fanden neue Partner und Unterstützer im benachbarten Ausland, in Italien (Südtirol) und in Deutschland.

Vielen Dank für Nichts erzählt von dem Jugendlichen Valentin (Joel Basman), der mit seinem Schicksal hadert: Seit er mit seinem Snowboard verunfallt ist, sitzt er im Rollstuhl – und damit kann er sich nicht abfinden. Seine Mutter hofft, dass ihm ein Sommertheatercamp für Behinderte in Südtirol hilft, doch Valentin möchte mit den „Spastis“ nichts zu tun haben. Er rebelliert gegen die Betreuungspersonen, die Regeln, den Theaterkurs, lehnt die Kommunikation mit seinem Zimmernachbarn Titus (Bastian Wurbs) ab, manövriert sich immer mehr ins Off, in die Einsamkeit. Seine abwehrende Haltung ändert sich erst, als er auf die junge Dolmetscherin Mira (Anna Unterberger) des italienischen Theaterpädagogen (gespielt vom Theatermann Antonio Viganó) aufmerksam wird, er schöpft Hoffnung, freundet sich mit Titus und dessen schwerstbehindertem Freund Lukas (Nikki Rappl) an – doch als er bemerkt, dass Mira zwar seine Sympathie, nicht aber seine Verliebtheit erwidert, kann er mit der Zurückweisung nicht umgehen und steigert sich in eine Art Rachefeldzug. Bei diesem Aufstand der Behinderten gegen die „Normalen“ stehen ihm Titus und Lukas zur Seite; sie bilden mit ihm ein unerschrockenes Trio, das bisweilen an alte Gangsterfilme oder aber an Don Quichottes absurde Bemühungen erinnert. Eifersüchtig auf Miras Freund Marc (Ricardo Angelini), möchte Valentin diesem ein wenig Angst einjagen, doch die Suche nach einer Waffe gestaltet sich hindernisreich. Trotz den Turbulenzen der Handlung bleibt Vielen Dank für Nichts aber immer nahe an Valentins Emotionen, seiner Wut, seiner Verzweiflung, seiner Enttäuschung, artet nicht in oberflächlichen Klamauk aus. Dazu tragen neben einer schnörkellosen Regie mit viel Respekt vor den behinderten Schauspielern, einem herausragenden Joel Basman und dem Drehbuch, das glaubwürdige Charaktere schafft (Paulus/Hillebrand), wesentlich auch Pierre Mennels Kameraführung bei, die durch die Wahl von Positionen (Nähe/Distanz, Perspektiven/Blickwinkel) Valentins Verhältnis zu den Menschen um ihn herum differenziert gestaltet.

Produktion: Motorfilm, Frischfilm Produktion; Regie: Oliver Paulus, Stefan Hillebrand; Darsteller: Joel Basman, Anna Unterberger, Isolde Fischer, Bastian Wurbs, Nikki Rappl u.a.m.; Kamera: Pierre Mennel; Editing: Ana R. Fernandes, Nela Märki, Torsten Truscheit; Musik: Rod Gonzales, Marcel Vaid; Sound Editing/Design: Ramón Orza. Verleih Schweiz: Praesens. Schweizerdeutsch, Deutsch, Italienisch. Farbe, DCP, 95 Minuten.

07.7.2014, 16:28 | Permalink

Dawn [Romed Wyder]

Von Doris Senn [ ]
Dawn

Dawn ist ein Psychodrama, angesiedelt 1947 in Palästina, das damals unter britischer Besatzung stand, während Zionisten für einen Staat Israel kämpften. Mehrheitlich in nur einem Raum gedreht und die Dauer einer Nacht umspannend, handelt Romed Wyders Film von vier Männern und einer Frau – Mitgliedern der zionistischen Widerstandsgruppe –, die einen britischen Offizier als Geisel halten, nachdem einer der ihren von den Briten gefangen wurde und vor der Hinrichtung steht. Der 19-jährige Elisha, der in Paris «angeheuert» wurde, um die zionistische Sache zu unterstützen, wurde «auserwählt», die Exekution des Offiziers zu vollziehen, wenn es bis zur Morgendämmerung (daher der Titel) zu keinem Austausch kommt.

Dawn basiert auf dem gleichnamigen Roman – der mittlere Teil einer Trilogie – aus dem Jahr 1961 des zionistischen Schriftstellers Elie Wiesel (geboren 1928 in Rumänien und selbst Holocaust-Überlebender). Der Westschweizer Regisseur Romed Wyder, der sein Debüt mit dem charmanten Pas de café, pas de télé, pas de sexe (1999) machte, gefolgt vom Polit-Thriller Absolut (2004), wagt sich damit in einer internationalen Koproduktion an ein psychologisch und philosophisch hochkomplexes Thema. Der Untertitel des Films, «Elishas Entscheidung», umreisst den Fokus des Films: das Dilemma der Hauptfigur, den Mord zu vollziehen. Elishas Erlebnisse als Holocaust-Überlebender, die in Flashbacks aufscheinen, werfen insbesondere ein Schlaglicht auf die Problematik von Opfer und Täter, Sühne und Rache, Moral und Ethik und fragen nach den menschlichen Grundwerten mit Blick auf ein übergeordnetes Ziel und vor dem Hintergrund der Judenvernichtung im Zweiten Weltkrieg.

Dies zu vermitteln, gelingt dem Film aber – trotz solider schauspielerischer Leistungen – nur ansatzweise. Der Plot vermag sich kaum aus seiner bühnenmässigen Anlage lösen: nicht das Setting, das grösstenteils auf einem Huis clos basiert, aber auch nicht die Charaktere, die sich und ihre ideologischen Positionen schablonenhaft präsentieren. So vermag auch der Zürcher «Shootingstar» Joel Basman die Selbstzweifel Elishas und seine wiederkehrende «Begegnung» mit den Geistern der Vergangenheit nur bedingt zu verkörpern: Für die emotionale Palette fehlt es da doch an Intensität und Differenziertheit.

So gewinnt der Film eigentlich erst mit dem kurzen Epilog an Brisanz – nachdem Elisha die Erschiessung vollzogen und sich, nicht ohne grossen Druck, für die «Utopie» entschieden hat. Anhand Archivbildern sieht man dort die letzten sechzig Jahre im Eildurchlauf – die Gründung des Staates Israel, Krieg, Intifada, Siedlungs- und Mauerbau. Eine endlose Spirale der Gewalt, die den Glauben an jenes übergeordnete Ziel und die «Zweckmässigkeit» des damit verbundenen Terrors bis heute Lügen straft.
DORIS SENN

PRODUKTION: Dschoint Ventschr (Zürich), Paradigma Films (Genf), Enigma Film (München), Lama Films (Israel), Delirious Productions (Whitstable GB), RTSI 2014. REGIE: Romed Wyder. BUCH: Billy McKinnon. KAMERA: Ram Shweky. TON: Keith Tunney. SCHNITT: Kathrin Plüss. MUSIK: Bernard Trontin. VERLEIH, WELTRECHTE: Dschoint Ventschr (Zürich).
Farbe, 95 Minuten, Hebräisch, Französisch, Englisch (französische, deutsche und englische Untertitel).

04.7.2014, 13:39 | Permalink

Cherry Pie [Lorenz Merz]

Von Anna-Katharina Straumann [ Sélection CINEMA ]
Cherry Pie

„Zoé est passée,“ schreibt eine junge Frau mit dem Finger in den Schmutz auf einer Mauer und fügt „par là“ hinzu. Zoe ist vorbeigegangen.. aber wohin sie geht, bleibt unklar. Bei trübem Winterwetter irrt sie hinkend am Fluss entlang, an Raststätten vorbei und auf Pannensteifen weiter. Sie lässt sie sich ein Stück mitnehmen, traumwandelt an fremden Häusern vorbei und übernachtet in einem Autowrack. Scheinbar planlos taumelt sie im Nirgendwo – mit dem einzigen Ziel: Sie will verschwinden; weg vom Freund, weg von den grauen Plattenbauten. Und nicht zuletzt will Zoé wohl auch sich selbst entfliehen. Aber die Kamera rückt der Flüchtenden nah auf den Leib, folgt ihr erbarmungslos dicht auf den Fersen. Von hinten verfolgt oder mit eng gerahmten Grossaufnahmen ist Zoé, die von Lolita Chammah, der Tochter von Isabelle Huppert gespielt wird, in fast jeder Einstellung zu sehen.

Als ihr die letzten Cents kaum mehr für eine Cola reichen, sieht Zoé eine Lenkerin, die sich auf der anderen Strassenseite die Füsse vertritt. Zoé nähert sich dem Kofferraum, öffnet ihn und legt sich unbemerkt hinein. So gelangt sie als blinde Passagierin auf eine Fähre, die sie nachts über den stürmischen Ärmelkanal bringt. In der Früh am anderen Ufer ist die rätselhafte Autofahrerin verschwunden. Zoé nimmt die Reisetasche der Fremden, zieht deren Stöckelschuhe und Kunstfelljacke an; den eigenen alten Parka wirft sie auf den Müll. Neu eingekleidet reist sie mit dem Bus weiter an einen jener charakteristischen aber saisonal ausgestorbenen südenglischen Badeorte. Im Hotelzimmer dürstet es Zoé statt nach Cola nun nach Alkohol. Statt (zu) sich selbst zu finden und sich zu einer handlungsfähigen Figur zu entwickeln, flüchtet die junge Frau in dieser Rite-de-passage „im Rücklauf“ in einen regressiven, rauschartigen Dämmerzustand. Was für ein erhabener Abschied aber schliesslich, bei Wind, Brandungsgetöse und Möwengekreische auf den schwindelerregenden Kreideklippen bei Beachy Head. Zoé est passée.. par là.

Lorenz Merz, prämierter Kameramann von Giocci d’estate und Der Sandmann, hat mit Cherry Pie, der an den Festivals von Locarno, Rotterdam und Solothurn gezeigt wurde, sein erstes längeres Werk als Regisseur realisiert. Bereits für Un día y nada wurde er 2009 für den besten Kurzfilm mit dem Schweizer Filmpreis geehrt. Dass sich Merz, ursprünglich als Grafiker und Fotograf ausgebildet, nicht nur durch einen bewundernswerten visuellen Sinn auszeichnet, sondern auch durch eine ausgeprägte Experimentierfreude auf der Tonebene (u.a. eine wiederkehrende, phantomhafte ‘voix acousmatique', die Russisch spricht), bestätigt er nun in seinem essayistischen Spielfilm. Anfangs offenbar lediglich als „Experiment“ mit beschränkter Crew und ohne Skript geplant, überzeugt Cherry Pie nicht nur mittels nachhallenden Bildern, sondern ebenso durch eine durchaus bescheidene, aber gerade dank ihrer Schlichtheit bezwingenden Geschichte.


PRODUKTION: 8 Horses. BUCH, KAMERA und REGIE: Lorenz Merz. TON: Maurizius Staerkle-Drux, Remie Blaser SCHNITT: Lorenz Merz, Samuel Doux. MUSIK: Marcel Vaid. DARSTELLERIN: Lolita Chammah. WELTRECHTE: Film Republic, London.
Colour, DCP, 85 min., Französisch, Englisch, Russisch


26.5.2014, 14:51 | Permalink

Left Foot Right Foot [Germinal Roaux]

Von Christina von Ledebur [ Sélection CINEMA ]


Left Foot Right Foot beginnt skizzenhaft: Schwarz-weisse Bilder eines Vogelschwarmes, die stummen Super-8-Aufnahmen zweier Kleinkinder, ein paar Gitarrenklänge. Das ältere Kind blickt die Zuschauer direkt an und tritt so nahe an die Kamera heran, dass wir sein Geschwister nicht mehr sehen und das Bild dunkel wird. Schnitt zurück zu den Vögeln. Noch immer ist der Film vor allem Momentaufnahme: Ein behinderter junger Mann erfreut sich an den Vögeln, den Geräuschen, an der Sonne, die durch die Bäume schimmert, oder an etwas, das nur er zu sehen vermag. Er lacht.

Sein Lachen verstummt und weicht dem monotonen Geräusch eines Kopierers, vor dem gelangweilt Marie sitzt. Die trostlose Arbeit passt zum Leben der 19-Jährigen. Ihre Mutter lebt am sozialen Abgrund, Maries Jobaussichten sind mies und ihr Freund Vincent, mit dem sie am Lausanner Stadtrand lebt, geht lieber skaten als sich mit ihr auseinanderzusetzen. Da taucht Vincents Bruder Mika auf. Nach einem Aussetzer im Heim, in dem der autistische junge Mann normalerweise wohnt, kommt er für eine Weile bei Vincent und Marie unter. Obwohl sich Marie gut mit Mika versteht, löst er in ihr Eifersucht aus, denn nur er bringt in Vincent dessen verantwortungsvolle Seite hervor. Statt Vincent von ihrer Sehnsucht nach dieser Seite zu erzählen, lässt sich Marie vom zwielichtigen Olivier das schnelle Geld versprechen und schlittert in die Prostitution. Vincent merkt davon nichts, bis es schon fast zu spät ist.

Left Foot Right Foot ist das Langfilmdebüt von Germinal Roaux. Der auffallend fotografische Blick des Lausanners, seine Vorliebe für das schwarz-weisse Bild und sein Fokus auf die Phase der Adoleszenz finden sich bereits in seiner fotografischen Arbeit, sowie in seinem Kurzfilm Icebergs (CH 2007). Roaux‘ Bilder stehen aber trotz Hang zur Ästhetisierung immer im Dienst der Geschichte. In Left Foot Right Foot dreht sich diese um Geldnot, um kaputte Familien und das schwierige Zusammenleben mit einem behinderten Menschen. In der Zuspitzung dieser Probleme findet der Film ein sehr aufwühlendes Ende. Glaubhaft inszeniert Roaux die Lebenssituation seiner Protagonisten, die verzweifelt nach dem Einstieg ins Erwachsenenleben suchen und dabei kaum vom Fleck kommen. Sie treten von einem Fuss auf den anderen, um ein Bild, welches der Filmtitel suggeriert, aufzunehmen.

Roaux kann sich für sein Debüt auf ein hervorragendes Schauspielertrio verlassen. Das Paar im Zentrum der Geschichte wird vom Argentinier Nahuel Pérez Biscayart und der Französin Agathe Schlencker gespielt. Eine wahrhaftige Entdeckung dürfte der Solothurner Dimitri Stapfer sein, der mit seiner Verkörperung des Mika auch die Jury des Schweizer Filmpreises für sich gewinnen konnte und 2014 den Preis als Bester Nebendarsteller entgegennehmen durfte.


PRODUKTION: CAB Productions SA (Chavannes-près-Renens), Unlimited (Paris), RTS Radio Télévision Suisse (Genf), ARTE (Strasbourg). BUCH: Germinal Roaux, Marianne Brun. REGIE: Germinal Roaux. KAMERA: Denis Jutzeler. TON: Jérôme Vittoz. SCHNITT: Valentin Rotelli. DARSTELLER: Nahuel Pérez Biscayart, Agathe Schlencker, Dimitri Stapfer, Mathilde Bisson, Stanislas Merhar. VERLEIH: Filmcoopi Zürich AG (Zürich). WELTRECHTE: CAB Productions SA (Chavannes-près-Renens).
DCP, Farbe, 105 Minuten, Französisch.

17.5.2014, 21:02 | Permalink

Der Goalie bin ig [Sabine Boss]

Von Bettina Spoerri [ Sélection CINEMA ]
Der Goalie bin ig



Die filmische Umsetzung des Mundart-Romans „Der Goalie bin ig“ (2010) von Pedro Lenz bewahrt alle Ingredienzien, die dem Buch einen Bestseller-Erfolg bescherten: die sympathische Verliererfigur mit ihrem weichen Dialekt, das nostalgisch angehauchte Flair der 1980er Jahre, die Melancholie einer halb erwiderten Liebe. Dass der Schriftsteller in die Übersetzung des Prosatextes in das Drehbuch mit einbezogen wurde, sorgt zudem für den richtigen Ton der Dialoge und der Erzählstimme des Goalies (Marcus Signer). Das Resultat ist ein stimmiger Film, der denn auch mit vier Schweizer Filmpreisen ausgezeichnet wurde (Regie; Hauptdarsteller; Drehbuch; Musik).

Der Goalie bin ig erzählt von einem einstmals Drogensüchtigen, der versucht, in einem normalen Leben Fuss zu fassen, sich angesichts der Realitäten seines Lebens aber auch gerne etwas vormacht. Er interessiert sich für die Serviererin Regula (Sonja Riesen) in seinem Stammlokal, beginnt von einem Neuanfang für sich und mit ihr zu träumen – doch in seiner vertrauensvollen Naivität rechnet er nicht mit der Hinterhältigkeit seiner Kollegen und Freunde. Sein bester Freund (Pascal Ulli) bittet ihn um einen Gefallen, er soll für ihn den Drogenkurier spielen, es winkt viel Geld. Was der Goalie nicht weiss: Das ist ein abgekartetes Spiel, um die Polizei auf ihn anzusetzen und vom grossen Geschäft abzulenken. Doch er tut, was seine Kollegen von ihm nicht anders erwartet haben: Er verrät niemanden, nimmt die Schuld auf sich, muss eine längere Strafe im Gefängnis absitzen. Als er wieder auf freiem Fuss ist, beginnt er um „d’Regi“ zu werben, verbringt mit ihr – nachdem ihr Freund sie geschlagen hat – sogar eine kurze gemeinsame Zeit in Spanien, glaubt das Glück nun zum Greifen nah. Erst (zu) spät merkt er, wie sehr ihn die vermeintlichen Freunde betrogen haben.

Sabine Boss inszeniert diese Geschichte eines nicht sehr lebenstüchtigen Mannes mit dem Herz auf dem richtigen Fleck auf unprätentiöse Weise und gutem Gespür für einen stimmigen Rhythmus, der den Schauspielern Raum gibt, die Gefühle der Figuren sicht- und spürbar zu machen. Signer ist die ideale Besetzung der Titelfigur; er gibt den Goalie als warmherzigen Mann mit leicht verschlafenem Blick, der zur Verharmlosung seiner Süchte (den Alkohol kann er nur kurz lassen, und am Ende ist er zu den Drogen zurückgekehrt) neigt, aber immer wieder über sich hinaus wächst. Dieser Goalie ist umgeben von einer starken Schauspieler-Gruppe (Pascal Ulli, Sonja Riesen, Michael Neuenschwander u.a.), der Kamera (Michael Saxer) gelingen berührende Inszenierungen seiner Gefühlzustände, die von schwebender Glückseligkeit bis hin zum Erkennen schmerzhafter Wahrheiten reichen, und der Soundtrack von u.a. Züri West unterstreicht das Leiden empfindlicher Herzen in einer berechnenden Welt.


Produktion: C-Films AG, Carac Film AG, SRG SSR; Regie: Sabine Boss; Buch: Jasmine Hoch, Sabine Boss, Pedro Lenz; Darsteller: Marcus Signer, Sonja Riesen, Pascal Ulli, Michael Neuenschwander; Kamera: Michael Saxer; Editing: Stefan Kälin; Musik: Peter Von Siebenthal, Richard Köchli; Weltvertrieb: Ascot Elite; Farbe, DCP, 92 Min.

08.5.2014, 10:09 | Permalink

Journey to Jah [Noël Dernesch, Moritz Springer]

Von Simon Meier [ Sélection CINEMA ]
JourneytoJah

Journey to Jah erzählt die Geschichte der europäischen Reggae-Musiker Gentleman (Tilmann Otto) und Alborosie (Alberto d'Ascola), die in Jamaika und dem Reggae eine neue geistige Heimat suchten und fanden. Auf ihrer Entdeckungsreise, die sowohl biographisch-musikalisch als auch geschichtlich und soziologisch ist, treffen sie verschiedene Persönlichkeiten der jamaikanischen Kulturszene: Den Musiker und Produzenten Richie Stephens, Bob Marleys jüngsten Sohn Damian Marley, den Sänger und Komponist Jack Radics, die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Carolyn Cooper oder die Dancehall-Musikerin Terry Lynn. Diese Persönlichkeiten geben durch ihre eigenen Erfahrungen Einblick in die Sonnen- und Schattenseiten Jamaikas, dessen Geschichte, Gesellschaft und Musik.

Reggae ist von einem sozialen Standpunkt aus betrachtet extrem politisch: Er steht für Unabhängigkeit, die Hoffnung auf eine gerechtere Welt, für Rebellion und Selbstbestimmung. Das revolutionäre Element ist dabei fest mit der kolonialen Geschichte Jamaikas verbunden. Durch die Musik versuchten die Gründer des Reggae sich von der spanischen und englischen Kolonialherrschaft zu emanzipieren. Gleichzeitig enthält der Reggae durch seine eingängigen, karibischen Melodien und Rhythmen etwas sehr Lebensbejahendes. Diese positive Lebenseinstellung, die durch die Musik vermittelt wird, wird für den jungen Tilmann Otto zur neuen geistigen Heimat. Der deutsche Musiker betont, dass der Reggae und die jamaikanischen Menschen ihm ein Gefühl von Geborgenheit geben konnten, das er zu Hause in Deutschland nie hatte. Zu organisiert und sicherheitsfixiert sei das Leben in Europa. Dieses Hin- und Hergerissensein zwischen künstlerischer und bürgerlicher Identität ist einer der zentralen Topoi des Films, wobei sich Gentlemen und Alborosie für ihre künstlerische Identität entschieden haben. Diese ist jedoch nicht ohne Widersprüche, wird man doch den Eindruck nicht los, dass sich die Musiker zu unkritisch die Eigentümlichkeiten des Reggae angeeignet haben und diese imitieren.

Doch der Film ist weit davon entfernt, Jamaika als Trauminsel von Parties, freizügiger Liebe und Marihuana zu inszenieren. Vielmehr versucht er den Blick auch auf das Schäbige und Widersprüchliche zu legen. Diese Abgründe werden mit ästhetisch stimmigen Bildern in Szene gesetzt. So kommen Leute aus den Slums von Kingston zu Wort, für die das Leben im Augenblick kein Wunschtraum sondern eine Notwendigkeit bedeutet. Jack Radics wird als kritischer Kommentator von Stereotypen über Jamaika und Reggae gezeigt, der die Love, Peace and Happiness-Mentalität des Reggae kritisch hinterfragt und die Widersprüchlichkeiten dahinter aufzeigt: Die Gewalt in Jamaika, die Homophobie, das soziale Elend. Vor diesem Hintergrund werden die Konzert- und Studioaufnahmen von Gentlemen und Alborosie – die einen filmischen Kontrast zu den Aufnahmen in den Strassen von Jamaika bilden – zu mehr als fröhlicher Musik zum Mitschunkeln: sie zeigen, wie die Musik zu einem Instrument gegen Armut, Apathie und Ausweglosigkeit werden kann, und darum viel mehr ist als Unterhaltung.


PRODUKTION Port au Prince, Pixiu Films, René Römert, Jan Krüger, Laurin Merz (Schweiz) 2013. BUCH: Moritz Springer, Noël Dernesch. REGIE: Moritz Springer, Noël Dernesch. KAMERA: Marcus Winterbauer. TON: Moritz Springer, Patrick Böhler. SCHNITT: Michelle Barbin, Christoph Senn. VERLEIH: Look Now! WELTRECHTE: Rise and Shine World Sales. DCP, Farbe, 92 min, Englisch/Deutsch.

05.5.2014, 16:01 | Permalink

TINO - FROZEN ANGEL [Adrian Winkler]

Von Stefan Staub [ Sélection CINEMA ]
TINO - FROZEN ANGEL

«Legenden sterben nicht», heisst es im Volksmund. Martin «Tino» Schippert, erster Präsident der Schweizer Hells Angels wurde bereits zu Lebzeiten zu einer Legende. Und wie es sich für die Legendenbildung schickt, war auch dessen Ableben im bolivianischen Dschungel derart mysteriös, dass sein Bruder noch Monate nach der Todesnachricht am Wahrheitsgehalt dieser Nachricht zweifelte.

In Anlehnung an das Buch von Willi Wottreng «Tino – König des Untergrundes» rekonstruiert der Filmemacher Adrian Winkler das Leben dieser streitbaren Figur. Relativ klassisch tut er dies mit einer Mischung aus Zeitzeugeninterviews und Archivmaterial. Wobei vor allem die Archivaufnahmen faszinieren. Wenn sich die Rockergang als ein freier Hort für Kameradschaft präsentiert, sich Tino in einem reichlich schrägen Werbespot für Zigaretten selber spielt oder in einer verqueren Performance im wahrsten Sinne des Worte auf die Nationalflagge scheisst, so ist dies unterhaltsam und entlarvend zugleich. Paradoxerweise entsteht gerade in diesen Momenten der Selbstinszenierung das Gefühl, der wahren Persönlichkeit des «Frozen Angels» am nächsten zu sein.

Weniger gelungen sind hingegen die Interviews. Obwohl Winkler unter anderem mit Tinos drei Freundinnen sowie dessen Bruder gesprochen hat, gehen die Gespräche leider meist nicht über oberflächliche Zuschreibungen hinaus. Weder vermögen sie an der Legende zu kratzen, noch Tinos Persönlichkeit wirklich fassbar zu machen. Und so fragt man sich irgendwann: War Tino einfach nicht mehr als modische Oberfläche, ein Abziehbild der Gegenkultur?

Solchen Fragen geht der Film freilich nicht nach. Winkler konzentriert sich vielmehr darauf, die wichtigsten Stationen von Tinos Leben nachzuzeichnen: angefangen beim Aufstieg vom Halbstarken zum Kopf der Hells Angels über die ungerechtfertigte Verhaftung bis hin zu dessen Flucht nach Bolivien. Lange Fahrten entlang einsamer Landstrassen, die als durchgängiges Motiv immer wieder dazwischen montiert werden, illustrieren dabei Tinos Lebensgefühl, wirken aber oft auch hemmend auf den Drive der Handlung.

«Tino – Frozen Angel» ist eine solid gemachte Dokumentation, die einige spannende Einblicke in ein Stück Schweizer Gegenkultur liefert. Tinos Lebensgeschichte wird in Winklers Film anschaulich nacherzählt, auch wenn man sich hie und da wünschte, der Filmer hätte mit etwas mehr Schärfe hinter die sagenumwobene Fassade der Hauptfigur geschaut.

PRODUKTION: Lina Geissmann, Prêt-à-tourner Filmproduktion GmbH (Schlieren) 2014. BUCH: Adrian Winkler. REALISATION: Adrian Winkler. KAMERA: Adrian Winkler, Mario Winkler. TON: Beni Mosele. SCHNITT: Rosa Albrecht, Adrian Winkler. MUSIK: Roy and the Devils Motorcycle. VERLEIH: Xenix Filmdistribution (Zürich) WELTRECHTE: Prêt-à-tourner Filmproduktion GmbH (Schlieren).DCP, Farbe, 92 Minuten, Deutsch (englisch/französische Untertitel).

21.4.2014, 15:07 | Permalink

Akte Grüninger – Die Geschichte eines Grenzgängers [Alain Gsponer]

Von Senta van de Weetering [ Sélection CINEMA ]
Akte Grüninger – Die Geschichte eines Grenzgängers

Paul Grüninger hat als St.Galler Polizeihauptmann dafür gesorgt, dass 1938 zahlreiche österreichische Juden in die Schweiz einreisen konnten, obschon auf Befehl von Bundesbern die Grenzen ab Sommer 1938 geschlossen waren. Grüninger tat dies, indem er das Einreisedatum der Urkunden fälschte. Anfang Neunzigerjahre erinnerte der Historiker Stefan Keller in der WOZ mit einer Artikelserie an den Beamten, der 1940 als Folge seiner Urkundenfälschungen entlassen und bis dahin nicht rehabilitiert worden war. 1997 drehte Richard Dindo einen Dokumentarfilm über Paul Grüninger, dessen Rehabilitierung inzwischen gegen viel Widerstand durchgesetzt worden war, in dem er Zeitzeugen zu Wort kommen liess. Nun also drehte Alain Gsponers einen Spielfilm über den Schweizer, dessen Namen und Taten dank Keller und Dindo in der breiten Öffentlichkeit bekannt geworden sind.

Die Titelrolle – sie sich nicht unbedingt mit der Hauptrolle deckt – spielt Stefan Kurt. Seine Leistung ist deshalb so bemerkenswert, weil er der Versuchung widersteht, aus Grüninger einen Helden zu machen. Überzeugend zeigt er einen trockenen, völlig uncharismatischen Beamten, der nichts anderes tut, als an seinen Moralvorstellungen, über die er wahrscheinlich nie viel nachgedacht hat, festzuhalten. Rings um ihn herum verrückt die politische Schweiz jedoch ihre moralischen Massstäbe zusehends, so dass es Grüninger ist, der immer mehr ins Abseits gerät. Diese Problematik hätte ein durchaus überzeugendes, politisches Drehbuch abgeben können. Alain Gsponer und Drehbuchautor Bernd Lange entschieden sich jedoch für eine konventionellere Identifikationsdramaturgie. Sie stellen der historischen Persönlichkeit eine fiktive Figur an die Seite und staffieren diese mit dem Identifikationspotenzial aus, das Grüninger fehlt. Diese durchlebt im Film nun also die Wandlung, die bei der historischen Figur von Grüninger fehlt: Robert Frei, gespielt von Max Simonischek erhält den Auftrag, den Gerüchten über die undichte Schweizer Ostgrenze nachzugehen und dem Bundesrat Bericht zu erstatten. Anders als Grüninger gerät er mitten in den Konflikt von Pflichterfüllung, Karrierezielen und der Erkenntnis, was die Schweizer Gesetze für die verzweifelten Juden an der Grenze bedeuten.

Grüninger erinnert uns daran, dass sowohl das Wissen als auch die Möglichkeit zum Handeln dagewesen wären. Dies enthält in sich schon eine grundsätzliche Kritik an der Schweiz und dem Verhalten der Behörden. Indem Freis individuelle Problematik jedoch im Film diejenige von Grüninger überlagert, verschiebt sich die politische Dimension des Films von der Handlung hin zum Dialog, der sich stellenweise als direkter Kommentar zur heutigen Flüchtlingspolitik anhört. Das ist manchmal etwas papierern und lenkt ab von einem eigentlich gelungenen Werk.

PRODUKTION C-Films (Zürich), makido film gmbh (Wien), Schweizer Radio und Fernsehen 2014. BUCH: Bernd Lange. REGIE: Alain Gsponer. KAMERA: Matthias Fleischer. SCHNITT: Mike Schärer, Bernhard Lehner 
TON: Klaus Gartner, Jakob Studnicka. MUSIK: Richard Dorfmeister, Michael Pogo Kreiner . ART DIRECTOR: Marion Schramm. DARSTELLER: Stefan Kurt, Max Simonischek, Anatole Taubman, Helmut Förnbacher. VERLEIH: Walt Disney Company Schweiz (Zürich). WELTRECHTE: Beta Film GmbH (Zürich).
DCP, Farbe, 90 min, Dialekt/Deutsch.

17.4.2014, 11:50 | Permalink

Ausschreibung CINEMA #60

Von  Redaktion [ In eigener Sache ]
cfo

Das Filmjahrbuch CINEMA berichtet seit 60 Ausgaben über nationales und internationales Filmschaffen. Ein Grund zu feiern, sich zu berauschen an der Beständigkeit dieses Projektes, das dem deutschsprachigen Schreiben über den Film seit nunmehr sechs Jahrzehnten eine Plattform bietet. So soll also der Rausch das Thema dieser nächsten Ausgabe sein.


Ob ausgelöst durch Alkohol, Drogen oder andere Mittel, oder hervorgerufen durch Gefühle transzendent-religiöser Art, durch Liebe oder Hass, Veräusserung, sinnliche Überwältigung oder Hypnose – der Rauschzustand ist Teil der Filmgeschichte.
Zunächst natürlich der Rausch des Festes: von der Entfesseltheit Stroheims über Peter Sellers Eskapaden in The Party und Olivier Assayas’ plansequenzierte Teenagerfeiern bis hin zu den Exzessen des Wolf of Wall Street. Zudem aber auch der Rausch der Grenzüberschreitung: von den Träumen des surrealistischen Kinos über die Gewaltexzesse des frühen Gangsterfilms, über die ekstatische Selbstauflösung im Reich der Sinne bis zur Überschreitung der Grenze zwischen Kunst und Gewalt des Jokers bei Batman.

Filmemacher fanden stets neue Möglichkeiten, den Rausch auf der Leinwand zu inszenieren und gleichzeitig die Zuschauer in rauschhafte Zustände zu versetzen. Jener Zuschauer, der sich im traumhaften Rausche der Bilder verliert, ist ein gängiges Motiv somatischer Konzeptionen in der Filmtheorie, sei dies in der Beschreibung der Körpergenres Horror und Pornografie, in der Kritik an der ‚Verblendungsmaschinerie‘ Hollywoods oder der Untersuchung des modernen Phänomen des Binge-Viewings bei Fernsehserien.

Rauschhafte Zustände sind darüber hinaus immer wieder Teil des kreativen Prozesses – Beispiele von Texten, Bildern und auch Filmen, die ‘wie im Rausch’ entstanden, sind mannigfach. Zahlreiche Filme, insbesondere solche aus dem New Hollywood, verweisen auf die rauschhaften Zustände, die bei ihrer Entstehung mutmasslich vorherrschten.
Im technischen Kontext taucht der Rausch als Rauschen auf: in den frühen Tonsystemen, in immer wieder auftretenden optischen Unschärfen oder der neuen Form des digitalen Rauschens beispielsweise von dunklen Bildern. Die Geschichte der Ästhetik des Films lässt sich ohne den Begriff des Rauschens, der leichten Störung, dieses irgendwie unscharfen Gemenges, nur schwer denken.

Der Rausch ist aufgrund seines kreativen Potentials, der Möglichkeit zur Sinneserweiterung und seiner zahlreichen Glücksmomente zwar unendlich verlockend, birgt aber seine Risiken. Der zu lange Aufenthalt im Rauschzustand führt unweigerlich zu Degeneration und Zerstörung – des Selbst, des Anderen, der Welt. Er ist für uns sowohl unbedingte Notwendigkeit als auch grösste Gefahr.

Wir suchen für CINEMA 60 Beiträge, die sich mit bestimmten Aspekten des Themas Rausch – gerne auch solchen, die wir in der Ausschreibung vergessen haben – auseinandersetzen. Das Jahrbuch richtet sich an ein filminteressiertes Publikum. In der Form gibt es grosse Freiheit, vom essayistischen Text bis zur wissenschaftlichen Abhandlung, von der Glosse bis zum Fotoessay. Die Textlänge soll 25‘000 Zeichen – inklusive der sparsam eingesetzten Fussnoten – nicht überschreiten.
Bitte schickt eure Ideenskizze bis zum 22. April an die Mailadresse jahrbuchcinema@gmx.ch oder an ein Redaktionsmitglied. Wir sind gespannt auf kreative und berauschende Vorschläge.

Redaktion CINEMA: Anita Gertiser, Joachim Hoffmann, Simon Meier, Marian Petraitis, Dominic Schmid, Bettina Spoerri, Anna-Katharina Straumann, Matthias Uhlmann.

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01.4.2014, 16:20 | Permalink
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