Clouds of Sils Maria [Olivier Assayas]

Von Bettina Spoerri [ Sélection CINEMA ]



Die Film- und Theaterschauspielerin Maria Enders (Juliette Binoche) bewegt sich auf dem Zenit ihrer Karriere: Internationale Produktionen, Ehrungen, Presserummel. Das bringt aber auch grosse Hektik mit sich, eine Non-Stop-Kommunikation auf mehreren Kanälen gleichzeitig – die Assayas denn auch in einer langen ersten, beklemmenden Sequenz vorführt: Enders und ihre persönliche Assistentin Val (Kristen Stewart) sind im Zug nach Zürich unterwegs, während sie auf drei Mobiles teilweise gleichzeitig mit verschiedenen Personen Termine vereinbaren, juristische und finanzielle Belange besprechen, den Ablauf von Anlässen besprechen. Enders versucht zudem, eine Laudatio auf ihren langjährigen Mentor Wilhelm Melchior zu schreiben, dessen Ehrung in Zürich stattfinden wird – da erfahren sie, dass er soeben gestorben ist. Ein geplanter Selbstmord eines Todkranken, wie sich später herausstellen wird.

Das ist der Beginn einer tiefen Krise in Enders‘ Leben. Sie beginnt damit, dass sie an eine alte, ihr unangenehme Affäre mit einem Kollegen (Hanns Zischler) erinnert wird, dann soll sie ausgerechnet jene Rolle spielen, die vor 20 Jahren eine (inzwischen verstorbene) Schauspielerin interpretierte, in Melchiors Stück „Die Maloja-Schlange“, das von der Abhängigkeit und Hassliebe zwischen zwei Frauen handelt. Die Witwe von Wilhelm Melchior (ein überraschender Auftritt von Angela Winkler) stellt Enders das Haus in Sils Maria zur Verfügung, um sich auf die Rolle vorzubereiten, wo sie, begleitet und unterstützt von Val, ihre Interpretation einstudiert. Ihre Mühe mit dem Älterwerden und dem damit einhergehenden Rollenwechsel sowie die unterschiedlichen Perspektiven von Enders und Val auf die Bedeutung der Frauenbeziehung lösen Spannungen aus, die sich durch den medialen Hype um das verwöhnte Starlet (Chloë Grace Moretz), das Enders‘ früheren Part als junge Frau übernehmen soll, noch verschärfen und schliesslich in eine Explosion münden.

Assayas inszeniert die Auseinandersetzungen zwischen den beiden weiblichen Hauptfiguren im Hausinnern, aber vor allem auch in der Engadiner Landschaft rund um den Silser See, das Fextal und den Malojapass. Dass hinter dem Titel des Melchior-Stücks ein meteorologisches Schlechtwetter-Phänomen steht, enthüllt der Film in atemberaubenden neuen und alten Bildern. Binoche und Stewart liefern sich starke Momente der ungeschminkten Konfrontation zwischen zwei Frauengenerationen; natürlich ist es eine bewusste metafiktionale Konzeption, dass sich auf dieser Ebene das Thema des Stücks spiegelt und zusätzlich Symptome des immer perverseren PR-Zirkus und Jugendwahns vorgeführt werden. Die Anlage ist raffiniert – und doch werden zu viele interessante Erzählfäden im Laufe des Films vernachlässigt, was bewirkt, dass dieser letztlich einen seltsam diffusen Eindruck hinterlässt.


PRODUKTION: CG Cinéma, Pallas Film GmbH, CAB Productions SA, Vortex Sutra, ARTE France, ZDF, Orange Studio, RTS Radio Télévision Suisse BUCH: Olivier Assayas REALISATION: Olivier Assayas DARSTELLER: Juliette Binoche, Kristen Stewart, Lars Eidinger, Chloë Grace Moretz, Hanns Zischler, Angela Winkler KAMERA: Yorick Le Saux TON: Daniel Sobrino, Nicolas Moreau SCHNITT: Marion Monnier VERLEIH/WELTRECHTE: Filmcoopi Zürich AG, MK2 International FORMAT: DCP, Farbe, 123 Minuten, Englisch

11.9.2014, 23:05 | Permalink

L'abri [Fernand Melgar]

Von Doris Senn [ Sélection CINEMA ]



Es regnet. Es ist dunkel. Und es ist fühlbar kalt. In der Mitte des Bildes: der hell erleuchtete Weg zu einer Notschlafstelle für Obdachlose, der sich wie die Einfahrt zu einer Tiefgarage ausnimmt. Menschen strömen dem Eingang zu. Man hört Kinder wimmern und Erwachsene murmeln. Allabendlich spielt sich hier ein kleines menschliches Drama ab: Menschen aus aller Welt suchen ein Obdach und eine warme Mahlzeit. Doch obwohl der Zivilschutzbunker in Lausanne viel mehr fassen könnte, dürfen nur fünfzig pro Abend rein. Das bedingt eine Selektion, stehen doch oft doppelt so viele vor der Tür. "Kinder und Frauen zuerst" lautet – wie bei der Evakuierung vom sinkenden Schiff – das Motto und führt zu herzzerreissenden Entscheiden auf der einen, zu lautstarken Diskussionen ob der Engherzigkeit, der "Willkür" der Auswahl, auf der anderen Seite.

Einmal mehr legt Fernand Melgar mit seinem jüngsten Film L'abri den Finger auf eine wunde Stelle im Flüchtlingswesen. Der Westschweizer Filmemacher weiss, wovon er spricht: Er stammt selbst aus einer Emigrantenfamilie, wurde im Exil in Nordafrika geboren und als Kind von seinen Eltern 'mitgeschmuggelt', als diese als Saisonniers in die Schweiz arbeiten gingen. So zeichnet L’abri – wie schon Melgars frühere Filme La forteresse und Vol spécial – ein einfühlsames Porträt einer Institution in schwierigem Umfeld. Er lässt uns teilhaben an den Diskussionen unter den Angestellten, die mit grosser Menschlichkeit die schwierige Situation zu meistern suchen – zwischen dem Druck von oben und den Bedürfnissen der Obdachsuchenden. Der Film gibt aber auch Einblick in die Schicksale der Migranten und Migrantinnen – etwa in dasjenige des jungen Mauretaniers, der reüssieren will, um nicht als Gescheiterter in seine Heimat zurückkehren zu müssen; in jenes des Paars aus Spanien, das dort alles verloren hat – Haus, Job, Erspartes – und nun auf eine Anstellung in der Schweiz hofft; wie auch in solche von Roma-Familien, die Richtung Westen aufgebrochen sind, um hier ihr Glück zu suchen.

Der Film evoziert die vielen Facetten beider Seiten und enthält sich wohltuend einer Schwarzweisszeichnung. Vielmehr zeigt er die komplexen Problematiken, die hinter den verschiedenen Migrationen stehen, vermag die globalen Verknüpfungen auf kleinstem Raum aufzuzeigen – und zeichnet gleichzeitig die Bemühungen ebenso wie die Hilflosigkeit und unmenschliche Härte aufseiten der Politik und den von ihr gesteuerten Institutionen. Eine Situation, für die es keine wirkliche Lösung gibt. Dies zeigt auch der Film, an dessen Schluss zwar der Frühling steht, aber kein Happy End: Mit dem warmen Wetter schliesst die Unterkunft ihre Pforten bis zum Herbst. Die Hilfsbedürftigen müssen nach anderen Lösungen suchen und zerstreuen sich vor unseren Augen in alle Himmelsrichtungen.


PRODUKTION: Climage (Lausanne), RTS – SRG SSR 2014. REALISATION, KAMERA: Fernand Melgar. TON: Elise Shubs. SCHNITT: Karine Sudan. VERLEIH: Agora Films (Genf). WELTRECHTE: Climage (Lausanne).
Farbe, 101 Minuten, Französisch (deutsche Untertitel).

11.9.2014, 22:04 | Permalink

Mon père, la révolution et moi [Ufur Emiroglu]

Von Bettina Spoerri [ Sélection CINEMA ]
Mon père, la révolution et moi

Der 1980 in Antalya in der Südtürkei geborenen türkisch-schweizerischen Filmemacherin Ufuk Emiroglu gelingt in ihrem ersten langen Kinodokumentarfilm Mon père, la révolution et moi ein anrührendes Porträt ihres Vaters. Durchbrochen von Spiel- und Animationselementen, erzählt sie von ihrem Kindheitsidol, dem Freiheitskämpfer, dem Rebell gegen das tyrannische Regime – der sich aber über die Jahre zu einer ganz anderen Figur entwickelt hat. Angereichert durch Archivmaterial, blickt Ufuk Emiroglu zurück in die 1970er Jahre. 1980, in ihrem Geburtsjahr, wurde ihr Vater verhaftet und von den Schergen gefoltert, doch er gab die Namen seiner Kameraden nicht preis. Die Gefängniszeit traumatisierte ihn nachhaltig; allerdings ist es eine Stärke dieses Films, dass er nicht einfach erklärt und psychologisiert, sondern einen die Metamorphose des Vaters aus den Augen des vorerst noch bewundernden Kindes mitverfolgen lässt. 1984 wandert die Familie Emiroglu in die Schweiz aus, siedelt sich in La Chaux-de-Fonds an, Ufuk lernt Französisch, während sich ihr Vater in dem sicheren Land zunehmend verloren fühlt (und, so ist anzunehmen, an posttraumatischen Stresssyndromen leidet). Er wird passiv, hilflos, depressiv. Und dann wird er eines Tages der Geldfälscherei überführt, landet wieder im Gefängnis. Nach der Entlassung entwickelt er sich zum Glücksspieler und Alkoholiker. Die Familie zerfällt, und Ufuk fragt sich: Was mache ich mit diesem Vaterbild, mit diesem Erbe?

Die Erzählstruktur des Films bleibt dabei nicht bei der biografischen Chronologie stehen, sondern gibt starken Kindheitsfantasie-Bildern viel Raum, akzentuiert, reflektiert, ironisiert durch die Augen der heute erwachsenen Tochter. Anders als etwa Ramòn Giger in Karma Shadub (2013) oder Kaleo La Belle in Beyond this Place (2010), die ihre Väter konfrontieren, wählt Emiroglu den introspektiven Weg. Sie setzt sich mit ihren Projektionen auf den Vater auseinander, ihre Traumbilder – und stellt sie der herben Realität gegenüber. Die äussere Reise der Familie löst eine innere Reise aus, die eine starke visuelle Ebene eröffnet. Hier ist Emiroglu äusserst erfindungsreich und findet die richtige Mischung zwischen Distanz und Nähe zum Vater, dem einstigen Idol, der nun von der desillusionierten, erwachsenen Tochter als Gesprächspartner aufgesucht wird, um verstehen zu können.

Mon père, la révolution et moi geht so auf einmal humorvolle, dann wieder nachdenkliche, schonungslose und mutige Weise der Frage nach Sinn und Bedeutung nach. Den einstigen Revoluzzer gibt es nicht mehr, doch die Tochter ist von der Vergangenheit und vor allem auch seinem Mythos geprägt – und in ihr lebt er nun weiter. Einfühlsam, respektvoll, doch nie mehr blind begegnet sie ihrem Vater. Beklemmend, traurig, aber auch gleichzeitig ermutigend ist dieser Film, in dem wenig beschönigt wird. Da ist die neue Stimme einer eigenwilligen Filmautorin sichtbar geworden, auf deren weitere Arbeit man nun sehr neugierig ist.

PRODUKTION: Dschoint Ventschr Filmproduktion AG (Zürich), Akka Films, RTS Radio Télévision Suisse 2013. BUCH: Ufuk Emiroglu. REALISATION: Ufuk Emiroglu. KAMERA: Ufuk Emiroglu, Joakim Chardonnens. TON: Peter Bräker, Denis Séchaud. SCHNITT: Ana Acosta. VERLEIH: Dschoint Ventschr Filmproduktion AG (Zürich). WELTRECHTE: Dschoint Ventschr Filmproduktion AG (Zürich).
DCP, Farbe, 81 Minuten, Französisch/Türkisch (deutsche/englische/französische Untertitel)

11.9.2014, 13:42 | Permalink

Grandpère [Kathrin Hürlimann]

Von Thomas Hunziker [ Sélection CINEMA ]
Grandpère

Ratsch und zisch. Schon brennt das Zündholz. Ein bärtiger Mann zündet sich damit zu Beginn des animierten Kurzfilms Grandpère eine Zigarette an. Es ist Fritz Hürlimann, der Grossvater der Filmemacherin Kathrin Hürlimann, die sich in ihrem Werk an den «alten und ruhigen Mann» aus ihrer Kindheit erinnert, der jedoch durch eine Tat am Samstag, 22. Februar, 1969 nationale Berühmtheit erlangte. An diesem Tag legte er Feuer in der Telefonzentrale Hottingen, was zu einer der «grössten Katastrophen in der neueren Zürcher Stadtgeschichte» führte, wie Die Zeit damals schrieb. 30 000 Telefonanschlüsse und 600 Fernschreiber wurden durch den Akt ausser Betrieb gesetzt, der Sachschaden wurde auf mehrere Millionen Franken geschätzt. Bis alle Leitungen wieder repariert waren, dauerte es über einen Monat.

Wie lässt sich dieser Brandanschlag erklären? Diese Frage stellten sich 1969 die Medien und nun auch Kathrin Hürlimann in ihrem Film. Bereits im Anschluss an die Tat stellte sich Fritz Hürlimann der Polizei und erklärte seine Motive. Belastende, miserabel bezahlte Nachteinsätze, unhaltbare Vorwürfe der Vorgesetzten und zuletzt ein junger schnoddriger Monteur, der ihm als Chef vor die Nase gesetzt wurde, hätten ihm keinen anderen Ausweg mehr gelassen. Die Tat war «ein Vergeltungsakt für erlittene Unbill in seiner Funktion als PTT-Angestellter», wie ihn die Neue Zürcher Zeitung zitierte.

Der Brandstifter hielt seine Gedanken auch in Tagebüchern fest. 2012 stiess die Enkeltochter auf die Notizen und stellt in ihrem Kurzfilm die öffentliche Berichterstattung aus Tagesschau, Tages-Anzeiger und Neue Zürcher Zeitung den privaten Aufzeichnungen des Grossvaters und ihren eigenen Erinnerungen gegenüber. Sie zeichnet die Ereignisse mit klaren, leicht zittrigen Strichen vor schwarzem Hintergrund. Dabei schöpft sie auch die Möglichkeiten des Animationsfilms voll aus: Männer verschmelzen zu Gitterstäben, die Köpfe von Vorgesetzten verwandeln sich in Schweinegesichter und der junge Vorgesetzte tritt dem Grossvater als Riese auf den Kopf. Kurz dominiert rot und vor allem gelb, als der Grossvater den Brand legt. Daneben zeugen Ausschnitte aus Fernsehen und Zeitung von der Berichterstattung.

Wie schon Anja Kofmel mit Chrigi (CH 2009) zeigt auch Kathrin Hürlimann, dass sich der kurze Animationsfilm hervorragend eignet, um mit der eigenen Biografie verbundene historische Ereignisse eindrucksvoll zu verarbeiten. Dabei zeigt Hürlimann in Grandpère exemplarisch auf, wie erniedrigende Anstellungsverhältnisse zu einer Eskalation führen können. Dadurch ist ihr nicht nur ein kunstvolles, sondern zugleich ein erschütterndes und aktuelles Werk über Belastung durch prekäre Arbeitsbedingungen gelungen.

PRODUKTION: Hochschule Luzern, Schweizer Radio und Fernsehen (Zürich). 2013. BUCH, REALISATION, KAMERA, SCHNITT, TONSCHNITT: Kathrin Hürlimann. TON: Thomas Gassmann, Kathrin Hürlimann. MUSIK: Adrian Pfisterer. VERLEIH, WELTRECHTE: Hochschule Luzern.
DCP, Farbe/Schwarzweiss, 6 Minuten, Schweizerdeutsch.

09.9.2014, 09:18 | Permalink

Sleepless in New York [Christian Frei]

Von Simon Meier [ Sélection CINEMA ]
Sleepless in New York

Die New Yorker Alley Scott, Michael Hariton und Rosey La Rouge sind sich wahrscheinlich noch nie begegnet. Und doch haben sie eines gemeinsam: Sie alle gehen durch die kathartische Hölle einer zerbrochenen Beziehung. Christian Frei geht in seinem neusten Dokumentarfilm der Frage nach, wie sich Menschen nach einer Trennung verhalten und wieso. Dabei bildet die Nacht, die Zeit der vermeintlichen Erholung und Ruhe, den Rahmen der Dokumentation. Es ist die Zeit, wenn die Protagonisten am wenigsten davon abgelenkt sind, über ihr vergangenes Leben mit ihrem Partner nachzudenken und darüber den Schlaf verlieren oder ihn gar nie zu finden.

Die Anthropologin Helen Fisher bildet den analytischen Gegenpart zu den in Emotionen aufgelösten Protagonisten. Sie untersucht die Hirnaktivitäten von kürzlich getrennten Personen. Dabei gelangt sie zu erstaunlichen Einsichten: Die neuronalen Aktivitäten in den Köpfen der Betroffenen sind fast die gleichen, wie die von Süchtigen oder Personen die starke Zahnschmerzen haben. Regisseur Christian Frei wiederum bringt sich mittels Skype als Befrager von Alley Scott ein, der sie zu Beginn als Figur einführt und in den Zeiten der Schlaflosigkeit nach ihrem Befinden fragt. Die Protagonisten ihrerseits reflektieren aus dem Off über ihre Situation, ihre Erlebnisse, ihre Gemütszustände und ihre Zukunftswünsche. Dabei scheinen gerade letztere bei allen drei zu Beginn inexistent, und sie selber in einem fieberhaften Zustand der Vergangenheitsobsession festgefahren zu sein. Das Ausbrechen aus diesem Gefangensein im früheren Leben bildet denn auch das eigentliche Thema des Films.

Formal arbeitet die Dokumentation mit einer klassischen Parallelmontage zwischen den drei Protagonisten und der Anthropologin. Als eine Art Nebenhandlung wird dazwischen der Liebeskummer von New Yorkerinnen und New Yorker, die mit der U-Bahn unterwegs sind, dokumentiert. Sie gegeben in kurzen Statements ihre Erfahrungen und Gefühlszustände wieder und suggerieren die Allgegenwärtigkeit von Menschen in Liebeskummer. Für den atmosphärischen Rahmen sorgt u.a. Max Richter, vor allem für seine Filmmusik zu Waltz with Bashir namhaft, als auch Michael Harinton, der seinen Liebeskummer mit dem Cellospiel zu lindern versucht.

Christian Frei, vor allem durch seinen Dokumentarfilm War Photographer (CH 2001) bekannt, gelingt eine einfühlsame Darstellung seiner Protagonisten. Die Empathie des Zuschauers für die porträtieren Personen bleibt hingegen bis zum Schluss gedämpft, da der Film die Figuren nicht eingehender als Persönlichkeiten mit einer eigenen Biographie thematisiert – was eine tiefgehendere Identifikation mit ihnen erlauben würden – sondern sich ganz auf die Zeitperiode des Liebeskummers, der in diesem Moment eine ewig währende Gegenwart bedeutet, beschränkt.


PRODUKTION Christian Frei Filmproduktion, Schweizer Radio und Fernsehen, SRG SSR, ZDF/ARTE (Schweiz) 2014. BUCH: Christian Frei. REGIE: Christian Frei. KAMERA: Peter Indergand. TON: Judy Karp, Florian Eidenbenz, Florian Eidenbenz. SCHNITT: Christian Frei, Lara Hacisalihzade. MUSIK: Max Richter, Eleni Karaindrou, Giya Kancheli. VERLEIH: Praesens Film. WELTRECHTE: Films Transit International. DCP, Farbe, 92 min, Englisch.

05.9.2014, 12:09 | Permalink

Thuletuvalu [Matthias von Gunten]

Von Sascha Lara Bleuler [ Sélection CINEMA ]


Die Medien sind voll von Analysen zu den Gefahren des Klimawandels, doch trotzdem bleiben dessen Bedrohung und längerfristige Konsequenzen für den Bürger mit Durchschnittsinteresse an Umweltschutzbelangen schwer fassbar. Matthias von Gunten besuchte zwei Orte der Erde, wo die globale Erwärmung nicht bloss theoretisches Konzept, sondern ein greifbares Monstrum ist, dass gierig immer mehr Lebensraum verschlingt. Szenen, gefilmt im nördlichen Thule in Grönland, zeigen eindrücklich, dass die Tage der vermeintlich ewigen Eisdecke am Nordpol gezählt sind. Die sicher geführte Kamera von Pierre Mennel zeigt in atemberaubenden Bildern Schlitten über die Eisdecke fliegen, doch immer wieder treffen die Jäger mit ihren Hunden auf riesige Löcher, die nur schwer zu überwinden sind. Einmal schafft es ein Schlittenhund nicht, mit seinem Sprung über den reissenden Fluss zu seinem Rudel am anderen Ufer zu gelangen. Verzweifelt zappelt das Tier im eisigen Wasser, während die Besitzer fluchend mit Stecken zu helfen versuchen. Die beklemmende Momentaufnahme steht sinnbildlich für die brüchige Existenz der traditionellen Lebensgrundlage, die den Menschen in Thule buchstäblich wegschmilzt. Früher konnten die Schlitten ungehindert über die dicke Eisschicht gleiten, nun werden die Risse mit jedem Jahr grösser, bald wird hier überhaupt nicht mehr gejagt werden können. Die Tonaufnahmen fangen das leise Knirschen des Eises ein und wirken wie eine unheilvolle Vorahnung.

Auch auf der anderen Seite der Erdkugel macht Thuletuvalu die drastischen Konsequenzen der Polschmelze erfahrbar. In Tuvalu ist der Meeresspiegel bereits so deutlich angestiegen, dass viel ehemaliges Wohngebiet im Wasser versinkt. Dem südpazifischen Inselstaat steht das Wasser bis zum Hals, doch trotzdem wollen viele der älteren Menschen nicht wegziehen – lieber ertrinken sie im ansteigenden Meer. Oder aber sie klammern sich an den Glauben, dass die Macht der Götter sie noch vor der Apokalypse retten wird. Die idyllisch wirkende Natur und die jahrhundertealten Lebensweisen beider Bevölkerungsgruppen stehen in beklemmenden Kontrast zur Tatsache, dass deren Existenz durch den Klimawandel vor der Auslöschung steht. Von Guntens Dokumentation macht das Leiden der Menschen greifbar. Ohne zu dramatisieren, nutzt er die Schönheit der Bilder, um diese vom Untergang bedrohten Orte bereits als schmerzlichen Sehnsuchtsort zu inszenieren und hält unserer rücksichtslosen Konsumgeselschaft den Spiegel vor. Die stillen Bilder funktionieren als laute Anklage und als trauriger Abgesang auf eine schon verlorene Welt. Das Schnittkonzept des Films besticht durch seine Einfachheit und durch die visuellen Kontraste zwischen Schneelandschaft und Palmstränden: die Montage trennt und verbindet so zugleich das Schicksal der klimatisch so unterschiedlich situierten Völker.


PRODUKTION: HesseGreutert Film, Odysseefilm, Schweizer Radio und Fernsehen. REALISATION: Matthias von Gunten. KAMERA: Pierre Mennel. TON: Valentino Vigniti. SCHNITT: Caterina Mona, Claudio Cea. SOUND DESIGN: Roland Widmer. MUSIK: Marcel Vaid VERLEIH: Look Now. WELTRECHTE: Accent Films International Ltd.
FORMAT: Farbe, DCP, 96 min., English/Inuktitut.

05.9.2014, 09:49 | Permalink

Broken Land [Stéphanie Barbey, Luc Peter]

Von Doris Senn [ Sélection CINEMA ]
Broken Land

Ein langer schwarzer Streifen zieht sich durch die Wüstenlandschaft, deren sanfte Dünen bis zum Horizont reichen. Dann in Nahaufnahme: ein Kinderstrumpf, eine rosa Tasche, ein Plastikkrieger mit abgebrochenem Bein – vom Sand halb verschluckt.

Das dunkle Band ist der Grenzzaun zwischen Mexiko und den USA und soll vor «illegalen» Immigranten «schützen». Von oben wirkt die Grenze wie ein scharfer Schnitt durch eine weite, friedliche Landschaft. Wir fahren mit einem Mann im Auto zur «Routinekontrolle». Bizarr, was uns der sympathische Rentner – ein Bewohner der Gegend auf der US-Seite – als seinen Alltag schildert: das Checking der 16 Kameras, die seine abgelegene Farm überwachen, die beiden Waffen, die er und seine Frau neben dem Bett liegen haben, um sich gegen Eindringlinge zu wehren, die vielen Notfallnummern von Polizei, Grenzwacht, CIA, die er sicherheitshalber auf seinem Handy gespeichert hat …

Die beiden aus der Romandie stammenden Filmschaffenden Stéphanie Barbey und Luc Peter zeichnen mit Broken Land ihren zweiten Dokumentarfilm. Nach Magic Radio (2007), in dem eine nigerianische Radiostation im Zentrum stand, widmen sie sich hier einem Dauerthema der Welt-News: der Migration von Süd- nach Nordamerika, dem Drogenhandel, den Konflikten rund um die Grenze. Dazu haben sie den Blickpunkt von US-Grenzanwohnern ausgewählt. Ein Spektrum, das zwar sehr wohl faschistoide Vietnamveteranen umfasst, die als selbst ernannte Bürgerwehr der Grenze entlang patrouillieren, aber auch so geerdete Viehzüchter wie jener, der den Zeiten nachtrauert, als das Vieh frei im Grenzgebiet weiden konnte und man in nachbarschaftlichem Kontakt mit den Ranchern auf der anderen Seite der Grenze stand, oder das Alt-Hippie-Ehepaar, das Essen und Trinkwasser an Orten versteckt, wo Flüchtende in der Regel haltmachen.

Denn, so wird klar, nicht nur repressive Politik, Drogenkrieg und Not die Menschen aus dem Süden zur Flucht, was sie häufig auf ihrem Weg mit ihrem Leben bezahlen. Die ebenso verzweifelten wie wenig fruchtbaren Versuche des Nordens, sich gegen den Flüchtlingsstrom abzuschotten, macht die US-Bürger und Bürgerinnen in unmittelbarer Nähe zum Grenzzaun selbst zu Gefangenen und Opfern der Staatspolitik.

Unter der künstlerischen Mitarbeit von Peter Mettler (The End of Time), der auch für Kamera und Schnitt mitzeichnet, schufen Barbey und Peter ein ebenso aufwühlendes wie subtiles Porträt eines Landstrichs, entlang dessen sich die Widersprüche von Nord und Süd, von Arm und Reich, von Unterdrückung und Profit herauskristallsieren. Dazu ebenso unprätentiös und brillant: die Mischung aus feinen Klängen, in denen Bruitage und Musik unmerklich auftauchen, ineinander übergeben und wieder verklingen – gezeichnet von Franz Treichler, Mitglied der legendären Westschweizer Band Young Gods, die den Film zu einem kleinen, feinen Meisterwerk machen.

PRODUKTION: Intermezzo Films (Genf), RTS – SRG SSR, Arte 2015. REALISATION: Stéphanie Barbey, Luc Peter (in künstlerischer Zusammenarbeit mit Peter Mettler). BUCH: Stéphanie Barbey, Luc Peter, Aude Py. KAMERA: Peter Mettler, Luc Peter. SCHNITT: Florent Mangeot, Peter Mettler, Vincent Pluss. SOUND DESIGN/MUSIK: Franz Treichler. VERLEIH: Xenix Filmdistribution (Zürich). WELTRECHTE: Intermezzo Films (Genf).
Farbe, 75 Minuten, Englisch (deutsche, französische Untertitel).


04.9.2014, 14:06 | Permalink

Yalom's Cure [Sabine Gisiger]

Von Bettina Spoerri [ Sélection CINEMA ]
Yaloms Cure

Irvin D. Yalom ist einer der bekanntesten Psychoanalytiker in den USA, und seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt. Heute lebt der 1931 geborene Sohn russisch-jüdischer Einwanderer, von dessen Büchern – u.a. Und Nietzsche weinte oder Die rote Couch – viele zu Bestsellern wurden, mit seiner Frau in Palo Alto in Kalifornien. Wie einigen seiner Kollegen gelang es Yalom, fachliches Wissen für ein breites Publikum verständlich und packend zugleich zu vermitteln; dies geschah zum einen in anschaulichen Sachtexten, zum anderen in zunehmend auch literarischen Werken, in denen er Fallbeispiele aus seiner Arbeitspraxis verarbeitete. Die Schweizer Filmautorin Sabine Gisiger legt ihrem Dokumentarfilm, der im Wesentlichen zentrale Elemente von Irvin D. Yaloms Erkenntnissen vorstellt, die Erzählstimme des Protagonisten selbst, vornehmlich als Off-Stimme unterlegt, zu Grunde. Yalom, ein Vertreter der existentiellen Psychotherapie, legt auf diese Weise seine Überlegungen dar, fasst seine Erfahrungen und Schlossfolgerungen zusammen und blickt auf sein Leben zurück. Seltener sind situative Momente, die visuell sichtbar werden, wie ein gemeinsam mit seiner Frau genossenes Sprudelbad, begleitet von selbstironischen Kommentaren, oder beispielsweise Unterwasseraufnahmen mit Yalom als Taucher.

Neben Landschaftsimpressionen, die wie Stimmungsbilder, als Momente des Verweilens oder meditative Momente für die Zuschauer eingesetzt werden, bilden zahlreiche fotografische Aufnahmen, Home Movies und historische Aufnahmen eine wichtige Gestaltungsebene des Films. Dokumentationen von Gruppentherapien – Yalom sah den ‚Patienten‘ mehr als Partner auf Augenhöhe und arbeitete früh schon mit den vielfachen Wirkungen von Gruppensitzungen – werden in Reenactment-Szenen nachgestellt, und nicht zuletzt kommen auch einige von Yaloms Familienmitgliedern zu Wort. Todesangst und Sinnkrise, transgenerationelle Phänomene und die Frage nach der richtigen Nähe und Distanz zwischen Behandelndem und Behandelten, die Komplexität von Verliebtheit und Projektionen, Liebe, Ehe und langjähriger Partnerschaft sind einige der in dem Film behandelten Elemente des Yalom’schen Denkuniversums. Zuweilen wünschte man sich aber mehr kritische Distanz und mehr Vertiefung in einige der vielen Themen statt der zwar interessanten, aber etwas schnellen Aufeinanderfolge der vorgestellten Forschungs- und Erfahrungsfelder. Zudem tendiert der Musik-Einsatz zur Akzentuierung von Momenten oder Übergängen, wo diese Art dramatischer Aufladung eher irritiert. Der Film, dessen Untertitel Anleitung zum Glücklichsein etwas allzu sehr nach Lebenshilfe-Medium klingt, eignet sich aber gut als Einführung in Yaloms faszinierendes Denken und Schaffen.


PRODUKTION: Das Kollektiv für audiovisuelle Werke GmbH, Vega Film AG, Schweizer Radio und Fernsehen. BUCH: Sabine Gisiger. REGIE: Sabine Gisiger. KAMERA: Helena Vagnières, Tim Metzger. MUSIK: Balz Bachmann. DARSTELLERINNEN: Irvin D. Yalom, 
Marylin Yalom, Susan K. Hoerger , Larry Hatlett. VERLEIH: Filmcoopi (Zürich). WELTRECHTE: Autlook Filmsales GmbH (Wien).
Farbe, 77 Min., Englisch.

04.9.2014, 13:54 | Permalink

Sitting Next to Zoe [Ivana Lalovic]

Von Bettina Spoerri [ Sélection CINEMA ]
Sitting Next to Zoe


Einen glaubwürdigen Film über und mit Jugendlichen zu drehen, ist kein einfaches Unterfangen. Oftmals leiden solche Projekte an wenig oder viel Absichtseifer, pädagogischem Sendungsbewusstsein oder Anbiederung. Die 1982 in Sarajevo geborene Filmautorin Ivana Lalovic hat bereits in ihrem ZHdK-Diplomfilm Ich träume nicht auf Deutsch (2008) bewiesen, dass sie filmische Geschichten erzählen kann, die sich abseits der Klischees bewegen und eine eigene Handschrift entwickeln. Ihr erster Kino-Langspielfilm Sitting next to Zoe über zwei 15-Jährige, die an der Schwelle zum Erwachsenenleben stehen, verfügt denn auch einen stimmigen und frechen Tonfall. Die Titelrolle Zoe hat Runa Greiner (geb. 1996, seit 2011 vor der Kamera stehend) inne, und sie ist schlicht eine Wucht mit ihrer Leinwandpräsenz, dem beträchtlichen Körperumfang, den sie selbstbewusst ausspielt, ihrem lustvollen Ausloten spielerischer Möglichkeiten.

Neben ihrer quirligen, extravertierten Freundin droht die Türkin Asal (gespielt wird sie von der Schülerin Lea Bloch, die bisher in Werbespots zu sehen war) zuweilen erdrückt zu werden, wenn Zurückhaltung und strenge Erziehung auf Hemmungslosigkeit und Impulsivität treffen. Zoe und Asal, trotz (oder wegen) dieser Gegensätze beste Freundinnen, gleiten gemeinsam in die grossen Sommerferien, an deren Ende drohend viele Anforderungen warten: Wahl eines Berufs bzw. einer weiteren Ausbildung, Aufnahmeprüfungen, Bewerbungsgespräche. Wie in Anna Luifs Little Girl Blue (2003) ist die Handlung in Lalovics Film in einem Schweizer Agglomerationsgebiet (Spreitenbach) angesiedelt; die Kamera (Filip Zumbrunn) inszeniert die Treffen von Zoe und Asal in unwirtlichen Zonen (trostlose Balkonlandschaften, Treppenhäuser, Aussichten von Wohnsilos auf andere Wohnsilos, verbaute Flüsse, viel Beton) oder engen Wohnräumen.

Zoes unbändige Farbenlust, die sie in flippigen Make-Up- und Mode-Ideen auslebt, sprengt aber das Grau und die Enge – und dies schlägt sich sowohl in der Bildsprache nieder (grelle Farbenpracht, schnelle Schnitte, Nahaufnahmen, viele Perspektivenwechsel oder dann auch verklärende Bilder) wie auch im verspielten Artdesign. Asals Verliebtheit in Kai (gespielt vom schwedischen Schauspieler Charlie Gustafsson) spiegelt sich in weichzeichnenden Blicken auf den Mann ihrer Träume; nah daneben steht die bunte, eigenwillige Welt Zoes, der Asal, zuerst schüchtern, dann immer kecker, als Modell für ihre Modeentwürfe – die in eine Bewerbungsmappe für eine Kunstschule münden – dient. Solidarität, Freundschaft, erwachende Sexualität, Verletzlichkeit, Eifersucht: Lalovic lässt Zoe und Asal eine breite Palette pubertärer Gefühlsstürme durchleben und sich von den Projektionen ihrer Eltern teilweise befreien. Dies alles präsentiert der Film in einer ansteckenden, munteren Frische – wenn man auch angesichts der emotionalen Turbulenzen froh ist, die Pubertät hinter sich

PRODUKTION: Bernard Lang AG, Schweizer Radio und Fernsehen, Teleclub AG; BUCH: Stefanie Veith, Ivana Lalovic: REGIE: Ivana Lalovic; KAMERA: Filip Zumbrunn. TON: Peter Bräker. SCHNITT: Myriam Flury. KOSTÜME: Linda Harper, Sarah Bachmann. MUSIK: Marcel Vaid. DARSTELLERINNEN: Runa Greiner, Lea Bloch, Charlie Gustafsson, Bettina Stucky, Roeland Wiesnekker u.a.m.. VERLEIH: Vinca Film. WELTRECHTE: Bernard Lang AG
DCP: Farbe, 88 Minuten, Schweizerdeutsch/Deutsch/Englisch

11.7.2014, 10:31 | Permalink

Vielen Dank für Nichts [Oliver Paulus / Stefan Hillebrand]

Von Bettina Spoerri [ Sélection CINEMA ]
Vielen Dank für nichts

Schon die früheren Filme des Regie-Duos Paulus/Hillebrand liessen aufhorchen, und insbesondere auch der witzige und gelungene Bollywood meets Swissness-Spielfilm Tandoori Love (2008) des 1969 in Dornach geborenen Oliver Paulus, der mehr Aufmerksamkeit verdient hätte, als er damals erhielt. Nun beweisen Paulus und Hillebrand – der im deutschsprachigen Raum vor allem auch im Bereich des Improvisationstheaters bekannt ist – einmal mehr und noch überzeugender, dass sie Humor und ernste Themen auf subtile Art und Weise zu verbinden wissen. Und sie haben durchgehalten, trotz ablehnenden Entscheiden von Bundesamt für Kultur und Schweizer Fernsehen, fanden neue Partner und Unterstützer im benachbarten Ausland, in Italien (Südtirol) und in Deutschland.

Vielen Dank für Nichts erzählt von dem Jugendlichen Valentin (Joel Basman), der mit seinem Schicksal hadert: Seit er mit seinem Snowboard verunfallt ist, sitzt er im Rollstuhl – und damit kann er sich nicht abfinden. Seine Mutter hofft, dass ihm ein Sommertheatercamp für Behinderte in Südtirol hilft, doch Valentin möchte mit den „Spastis“ nichts zu tun haben. Er rebelliert gegen die Betreuungspersonen, die Regeln, den Theaterkurs, lehnt die Kommunikation mit seinem Zimmernachbarn Titus (Bastian Wurbs) ab, manövriert sich immer mehr ins Off, in die Einsamkeit. Seine abwehrende Haltung ändert sich erst, als er auf die junge Dolmetscherin Mira (Anna Unterberger) des italienischen Theaterpädagogen (gespielt vom Theatermann Antonio Viganó) aufmerksam wird, er schöpft Hoffnung, freundet sich mit Titus und dessen schwerstbehindertem Freund Lukas (Nikki Rappl) an – doch als er bemerkt, dass Mira zwar seine Sympathie, nicht aber seine Verliebtheit erwidert, kann er mit der Zurückweisung nicht umgehen und steigert sich in eine Art Rachefeldzug. Bei diesem Aufstand der Behinderten gegen die „Normalen“ stehen ihm Titus und Lukas zur Seite; sie bilden mit ihm ein unerschrockenes Trio, das bisweilen an alte Gangsterfilme oder aber an Don Quichottes absurde Bemühungen erinnert. Eifersüchtig auf Miras Freund Marc (Ricardo Angelini), möchte Valentin diesem ein wenig Angst einjagen, doch die Suche nach einer Waffe gestaltet sich hindernisreich. Trotz den Turbulenzen der Handlung bleibt Vielen Dank für Nichts aber immer nahe an Valentins Emotionen, seiner Wut, seiner Verzweiflung, seiner Enttäuschung, artet nicht in oberflächlichen Klamauk aus. Dazu tragen neben einer schnörkellosen Regie mit viel Respekt vor den behinderten Schauspielern, einem herausragenden Joel Basman und dem Drehbuch, das glaubwürdige Charaktere schafft (Paulus/Hillebrand), wesentlich auch Pierre Mennels Kameraführung bei, die durch die Wahl von Positionen (Nähe/Distanz, Perspektiven/Blickwinkel) Valentins Verhältnis zu den Menschen um ihn herum differenziert gestaltet.

Produktion: Motorfilm, Frischfilm Produktion; Regie: Oliver Paulus, Stefan Hillebrand; Darsteller: Joel Basman, Anna Unterberger, Isolde Fischer, Bastian Wurbs, Nikki Rappl u.a.m.; Kamera: Pierre Mennel; Editing: Ana R. Fernandes, Nela Märki, Torsten Truscheit; Musik: Rod Gonzales, Marcel Vaid; Sound Editing/Design: Ramón Orza. Verleih Schweiz: Praesens. Schweizerdeutsch, Deutsch, Italienisch. Farbe, DCP, 95 Minuten.

07.7.2014, 16:28 | Permalink
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