Day Is Done [Thomas Imbach]

Von Natalie Böhler [ Sélection CINEMA ]
Day Is Done

Aufnahmen aus dem Atelierfenster und die aufgezeichneten Nachrichten des Telefonbeantworters: Über zwanzig Jahre hinweg sammelte der Zürcher Filmemacher Thomas Imbach beides. Aus diesem audiovisuellen Archiv ist entstanden, eine Art Tagebuchfilm. Chronologisch reihen sich Gesehenes und Gehörtes aneinander. Der Vater erzählt aus den Ferien und gratuliert zum neuen Film, die Grossmutter gerät in Verlegenheit wegen des Piepstons, die junge Frau lädt zum Bad im See ein... Aus den Fragmenten entsteht eine Geschichte: die einer Zeitspanne im Leben einer Hauptfigur, die nur für Sekunden schemenhaft vor der Kamera auftaucht und die man sonst nie sieht oder hört. Es ist eine autobiographische Erzählung, deren Protagonist durch seinen Blick und sein Gehör anwesend ist, ansonsten aber passiv erscheint; er blickt aus dem Fenster, während Leute versuchen, ihn zu erreichen, ist gleichzeitig an- und abwesend. Zwischendurch verleihen ihm eingespielte Stücke aus Songs eine Stimme, sie drücken seine Befindlichkeit aus, bevor sie mit harten Schnitten abrupt wieder abbrechen: Stimmungen sind relativierbar, da zeit- und lebensabschnittsgebunden.
Wieviel Zeit zwischen den Aufnahmen liegt, erahnen wir nur. Es wechseln sich Schneegestöber, Sommergewitter, Herbstsonne ab, die Zeit vergeht, und grosse Dinge geschehen: Liebe, Tod, Geburt, Trennung. Immer stärker wird die Vergänglichkeit greifbar. Der Titel des Films ist einem Song von Nick Drake entnommen, der von der Melancholie des Vergehens handelt: «When the day is done, down to earth then sinks the sun, along with everything lost and won. » Nichts währt ewig, alles geht vorüber.
Was gleich bleibt: der Blick aus dem Fenster. Der Blickpunkt bietet eine Vielzahl von Details, die sich ihrerseits aber laufend verändern: Die Leuchtsignale auf der Hardbrücke erstrahlen, die Züge werden moderner, ein Hochhaus entsteht etagenweise. Day Is Done ist auch ein Landschaftsfilm, der die Entwicklung einer urbanen Topografie beobachtet, und eine Hommage an Zürichs Hardbrücke. Das Portrait des Mannes wandelt sich mit dem Portrait seiner Stadt, beide verändern sich im Lauf der Zeit. Ausserdem ist der Film eine Reverenz an den Telefonbeantworter. Im Zeitalter von SMS und Livechat, in dem die menschliche Stimme auf der Combox meist bloss noch kurze, knappe, funktionale Nachrichten hinterlässt, wirken die langen, persönlichen Botschaften auf dem Beantworter wie ein Anachronismus, dessen Intimität berührt.
Day Is Done wurde an den Berliner Filmfestspielen 2011 uraufgeführt.

PRODUKTION: Okofilm Productions GmbH (Schweiz), 2011. BUCH: Thomas Imbach, Patrizia Stotz.REALISATION/KAMERA: Thomas Imbach. TON: Félix Blume, Christian Manzutto. SCHNITT: Gion-Reto Killias, Thomas Imbach. MUSIK: Peter Bräker. DARSTELLER: Thomas Imbach. VERLEIH: Monopole Pathé (Zürich).
DCP, Farbe, 111 Minuten, Schweizerdeutsch.

18.10.2011, 18:17 | Permalink

Giochi d'estate [Rolando Colla]

Von Nathalie Jancso [ Sélection CINEMA ]
Giochi destate

Sommer an einem Strand in der Toskana, Zelte im Pinienhain, die Grillen zirpen, die Luft flirrt vor Hitze. Die Ferienstimmung, die Regisseur Rolando Colla und Kameramann Lorenz Merz mit den ersten Bildern von Giochi d’estate evozieren, ist jedoch trügerisch. Denn unter der träge- entspannten Oberfläche der sommerlichen Idylle lauern Dissonanzen.
Der Teenager Nic, sein kleiner Bruder und sein Vater haben sich auf dem Campingplatz eingerichtet. Die Mutter kommt später dazu – die Stimmung zwischen den Eltern wirkt angespannt. Bald wird klar wieso: Der Vater tickt regelmässig ohne Grund aus und schlägt zu. Nic, noch zu jung und schwach um sich für seine Mutter zu wehren, aber alt genug, um Hass zu empfinden, hat sich einen regelrechten Gefühlspanzer zugelegt. Mit stets coolem, ablehnendem Blick geht er durch die Welt und behauptet nichts zu empfinden, keinen Schmerz, keine Freude. Für seinen Vater hat er nur Verachtung übrig, doch auch seine Mutter, die immer wieder zum Schläger zurückkehrt, ist kaum ein Vorbild. Am Strand begegnet Nic der hübschen Marie, die mit Schwester und Mutter ebenfalls in Italien im Urlaub ist. Auch sie fühlt sich allein gelassen von den Erwachsenen: Ihr sehnlichster Wunsch ist es, ihren unbekannten Vater kennenzulernen, doch ihre Mutter verweigert ihr jede Auskunft über dessen Verbleib.
Mit ihren kleineren Geschwistern und Lee, dem Sohn des Kioskbesitzer, spielen Nic und Marie – ausser Reichweite der Eltern – in einer verfallenen Hütte. Nic, der Älteste, hat hier das Sagen. Seine unterdrückten Aggressionen drohen die naiv-unbekümmerten Machtspiele immer wieder in blutigen Ernst kippen zu lassen. Gleichzeitig beginnt er Gefühle für Marie zu entwickeln, mit denen beide nicht recht umgehen können.
Rolando Colla, Schaffhauser Regisseur mit italienischen Wurzeln, erzählt in Giochi d’estate eine universelle Geschichte über das Erwachsenwerden. Er zeigt, wie Jugendliche ihr Leben selbst in die Hand nehmen und schlechte Erfahrungen hinter sich lassen können – Nic und Marie erleben ihre erste Liebe. Dem stellt er die Unfähigkeit der Erwachsenen gegenüber, sich aus eingetretenen Pfaden zu befreien.
Der Film will mehr als eine Geschichte erzählen, er will eine Atmosphäre und die Stimmungslage der Protagonisten fühlbar machen. Das gelingt über weite Stecken gut, doch manchmal drohen die durchwegs schönen Bilder – wie zufällig aufgenommen und doch sorgfältig komponiert – zu sehr ins Symbolhafte und Geschmäcklerische zu kippen, die bloss angedeuteten Stimmungen wirken dann plötzlich dick aufgetragen. Dabei genügt es den durchwegs talentierten (Jung)Schauspielern zuzusehen, um zu spüren, was die Figuren bewegt.
Giochi d’estate, der seine Weltpremiere im Wettbewerb des Filmfestivals von Venedig 2011 feierte, wurde als offizieller Teilnehmer der Schweiz für das Rennen um den «ausländischen Oscar» 2012 ausgewählt.

PRODUKTION: Peacock Film (Zürich), Classic srl (Rom), RSI, ARTE 2011. BUCH: Rolando Colla, Roberto Scarpetti, Olivier Lorelle, Pilar Anguita-MacKay. REALISATION : Rolando Colla. KAMERA : Lorenz Mer. SCHNITT : Rolando Colla, Didier Ranz. TON: Michael Duss. MUSIK: Bernd Schurer, Nikolaj Grandjean. DARSTELLER : Armando Condolucci, Fiorella Campanella, Alessia Barela, Antonio Merone, Francesco Huang. VERLEIH: Look Now! (Zürich). WELTVERTRIEB: Rezo Films (Paris).
35 mm, Farbe, 101 Minuten, Italienisch.

18.10.2011, 17:59 | Permalink

Messies - ein schönes Chaos [Ulrich Grossenbacher]

Von Florian Leu [ Sélection CINEMA ]
Messies

Der Mann ist Bauer, siebzig Jahre alt, und jahrzehntelang hat er sein Land mit Maschinen, Rohren, Plachen, Wellblech, Fässern, Schindeln, Gittern, Brettern vollgestellt und ist vors Bundesgericht gegangen, weil er nichts räumen wollte und mit den Beamten immer nur stritt.
Die Frau hat zwölf Semester studiert, aber seit sie wegen Menschenscheu keine Seminarräume mehr betritt, konzentriert sie sich darauf, ihre Wohnung zu einem Schmelztiegel des Wissens zu machen. Sie hat Kassetten mit Radiosendungen, Videobänder mit Dokfilmen, Ausschnitte aus Zeitungen gestapelt, überall. Geht sie durch die Wohnung, kann sie sich die Aerobic sparen: Sie muss über all ihre Sachen steigen und braucht eine Viertelstunde von der Küche ins Bad.
Solche Geschichten erzählt Ulrich Grossenbacher in seinem Dokfilm Messies – ein schönes Chaos, der 2011 in Locarno lief. Obwohl es kaum Themen gibt, die RTL nicht schon gründlicher abgegrast hätte, ist der Film ein Meisterwerk en miniature geworden, der Zärtlichkeit für seine Figuren erzeugt.
Grossartig der Augenblick, als die Frau Luft holt nach dem Hindernisparcours durch ihr Zuhause, und dann sagt: «Ich hätte gerne ein Leben fürs Lesen und eins fürs Radiohören und eins fürs Fernsehen und eins fürs Reisen. Und wenn ich dann auch noch ein Leben fürs ordentliche Wohnen hätte, wäre das auch nicht schlecht.» Der Hunger dieser Frau und ihre Neugierde, sie reichten aus für ein Dutzend.
Grossartig die Stelle, in welcher der Bauer über «die alten Dinge» spricht und klingt, als wäre er aus einem Beckett-Stück spaziert: «Wir schätzen die alten Dinge nicht mehr. Wir zerstören sie und stellen neue Dinge her. Aber die alten Dinge kann man noch brauchen. Und die alten Dinge sind eine Verbindung zur Vergangenheit, die wir nicht kappen sollten.» Die Schlichtheit dieses Mannes und seine Recyclingphilosophie, sie machen diese Saftwurzel von einem Typen fast schon zu einem Vertreter der Avantgarde.
Grossenbacher filmt diese Geschichten in ruhigen, aufgeräumten Bildern. Sie entfalten eine Schönheit wie die Bilder des Künstlers Vik Muniz, der jahrelang auf der grössten Mülldeponie der Welt lebte, dem Jardim Gramacho in São Paolo, und Portraits der Menschen dort machte, zusammengefügt aus Recycling-Material.
Dass die Welt, oder wenigstens die Schweiz, auch mit etwas mehr Chaos ganz in Ordnung wäre, zeigt der Schluss: Ein Gemeindeangestellter verdrückt nach einer Räumungsaktion ein Brötchen. Als er fertig ist, räumt er auf. Erst rollt er die Senftube zusammen, als ginge es um eine Prüfung in Präzision. Dann räumt er alles in eine Tupperware-Box, Kante an Kante, ein geometrischer Exzess. Es sieht so schrecklich ordentlich aus, dass man in den Film reinspringen und alles durcheinanderwerfen will.

PRODUKTION: Fair & Ugly Filmproduktion GmbH (Bern), SRF 2011. BUCH: Ulrich Grossenbacher, Thomas Moll, Damaris Lüthi. REALISATION/KAMERA: Ulrich Grossenbacher. SCHNITT: Maya Schmid. TON: Niklaus Wenger. MUSIK: Resli Burri. TONSCHNITT: Peter von Siebenthal. VERLEIH: Fair & Ugly Filmproduktion GmbH (Bern). WELTVERTRIEB: Fair & Ugly Filmproduktion GmbH (Bern).
DCP, Farbe, 117 Minuten, Schweizerdeutsch.

08.10.2011, 18:09 | Permalink

Mit dem Bauch durch die Wand [Anka Schmid]

Von Nathan Schocher [ Sélection CINEMA ]
Mit dem Bauch durch die Wand

Bei Sandra und Marcel funkt es beim Chatten, Mwathi erobert Jennifers Herz mit hundert Liebesbriefen und Jasmine verknallt sich in ihren Klassenkameraden Roman. Drei typische Teenager-Liebschaften, mit dem Unterschied, dass sie bei Sandra, Jennifer und Jasmine zu einer Schwangerschaft führen, noch bevor diese volljährig geworden sind.
Regisseurin Anka Schmid hat für ihre Langzeitdokumentation Mit dem Bauch durch die Wand ihre drei Protagonistinnen klug ausgewählt. Deren Geschichten bieten Einblick in drei ganz verschiedene Ausbildungs- und Familienverhältnisse, in denen die Teenager Mütter geworden sind. Dazu berichten alle drei mit grosser Offenheit über die Erfahrungen, die sie als junge Mütter machen. Ebenso viel kriegt das Publikum über die Bilder mit, denn die Kamera lässt uns einen grossen Teil des Films einfach dabei sein, wenn die drei Frauen den Stress, Mutter zu sein, und den Stress, Teenager zu sein, irgendwie bewältigen müssen. Diese Spannung zeigt sich in ganz alltäglichen Situationen: Wenn etwa Jasmine ihren kleinen Armando für die Fasnacht als Marienkäfer verkleidet, freut sich der sichtlich weniger darauf als die jugendliche Mutter selbst, die entsprechend verärgert reagiert.
Da Anka Schmid sich eng an ihre Protagonistinnen und an das, was diese über sich erzählen, hält, werden die Motive der oft abwesenden Väter nur angedeutet. Roman muss von Jasmine nach vier Jahren des Hin und Hers schliesslich vor Gericht zur Anerkennung der Vaterschaft und Erfüllung der damit verbundenen finanziellen Pflichten gezwungen werden. Mwathi versucht in gewissen Momenten des Films rührend und etwas tollpatschig, die Vaterrolle zu übernehmen, in anderen Momenten setzt er sich als Hip-Hopper in Szene und lässt Jennifer mit der Verantwortung für das gemeinsame Kind allein. Nur Marcel und Sandra gelingt es mit viel familiärer Unterstützung, selbst eine kleine Familie zu bilden.
Dass die jungen Mütter und ihr Verhalten für sich selbst sprechen, sie also nicht über Kommentare ihrer Eltern oder von Experten erklärt werden, verleiht dem Film Authentizität und einen gewissen Drive, was ihn über thematisch ähnlich gelagerte Fernsehproduktionen hinaushebt. Natürlich bleiben so auch Fragen offen. Etwa wieso die jungen Mütter zum Teil bestimmte familiäre Ideale nachleben, die ihnen gleichzeitig das Leben schwermachen. Oder weshalb sich Teenager-Schwangerschaften manchmal über Generationen hinweg wiederholen: Jasmine etwa muss schliesslich ihr Kind im selben Heim unterbringen, in dem sie selbst einmal gewohnt hatte.

PRODUKTION: RECK Filmproduktion (Zürich), SRF 2011. BUCH/REALISATION: Anka Schmid. KAMERA: Patrick Lindenmaier, Anka Schmid. SCHNITT: Marina Wernli, Matthias Bürcher. TON: Dieter Meyer, Anka Schmid. MUSIK: Peter Bräker, Darko Linder. VERLEIH: Columbus Film AG (Zürich). WELTVERTRIEB: RECK Filmproduktion (Zürich).
35 mm, Farbe, 93 Minuten, Schweizerdeutsch.

18.9.2011, 18:13 | Permalink

The Guantanamo Trap [Thomas Selim Wallner]

Von Sonja Enz [ Sélection CINEMA ]
The Guantanamo Trap

Häftlinge in orangefarbener Kleidung und Fussfesseln, schwer bewaffnete Sicherheitsbeamte, Stacheldrahtzaun - mit diesen erschreckend vertrauten Bildern beginnt Thomas Selim Wallners Film The Guantanamo Trap. Solche Archivaufnahmen bilden den offensichtlichen Schrecken des Gefangenenlagers ab - der deutsch-kanadische Regisseur Wallner blickt mit seinem Film aber tiefer. Er zeigt das subtile, zermürbende Grauen der «Falle Guantanamo» anhand von drei Lebensgeschichten.
Murat Kurnaz war fünf Jahre lang als mutmasslicher Terrorist auf Guantanamo inhaftiert - bis heute liegen keine Beweise für seine Tat vor. Diane Beaver war Rechtsberaterin in Guantanamo Bay und erarbeitete im Auftrag ihrer Vorgesetzten Vorschläge für folterähnliche Verhörmethoden. Als pflichtbewusste Patriotin wollte sie alles in ihrer Macht stehende tun, um ihr Land vor den Gefahren des Terrors zu schützen. Als die Regierung unter öffentlichen Druck gerät, werden Einzelpersonen wie Beaver für die brutalen Verhörmethoden verantwortlich gemacht. Sie muss für die Regierung den Kopf hinhalten, verliert ihre Anstellung und wird öffentlich an den Pranger gestellt. Matt Diaz war Rechtsoffizier in Guantanamo. Er folgte seinem Gewissen, schmuggelte eine Namensliste aus dem Gefängnis und liess diese einer Menschenrechtsanwältin zukommen. Er wird verraten, verliert darauf seinen militärischen und rechtlichen Rang, sodass er nicht mehr arbeiten darf und keine Rente erhält.
Wallner erzählt die Geschichten der drei Protagonisten in einzelnen Fragmenten: Klassische, porträtartige Aufnahmen wechseln mit Alltagsbildern und Archivaufnahmen. Da ist Murat Kurnaz, der vor schwarzem Hintergrund direkt beleuchtet in die Kamera spricht. Die Haft in Guantanamo hat Spuren hinterlassen: der junge Mann scheint verbraucht, sein Gesichtsausdruck wirkt stumpf und sein Blick flimmert rastlos hin und her. Man sieht Diane Beaver, die beim Grillieren mit Freunden ihre Leistungen im Dienst für das Land feiert. Und Matt Diaz, der seiner Tochter die blaue Uniform mit Goldknöpfen zeigt, die er als «Verräter» nicht mehr tragen darf. Immer wieder tauchen auch Bilder aus den Medien auf: Die einstürzenden Twin Towers am 11. September 2001, die Aufnahmen der Misshandlungen im US-Lager in Abu Ghraib und Artikel der Bild-Zeitung über Murat Kurnaz, den «Taliban aus Bremen». Wallner verzichtet auf erklärende Kommentare und Hintergrundinformationen. Das mag vor allem zu Beginn des Films verwirren, nach und nach fügen sich die Einzelteile aber wie Mosaiksteine zu einem Ganzen zusammen. Verbindungen zwischen den drei Schicksalen werden sichtbar. Die Grenze zwischen Täter und Opfer verschwimmt. Diane Beaver wird von der Regierung fallengelassen und gerät so in die Rolle des Opfers. Sie, die pflichtbewusst ihre Aufgaben erfüllt hat, ohne diese zu hinterfragen, steht genauso alleine da wie Matt Diaz, der seinem Gewissen gefolgt ist.
The Guantanamo Trap gibt keine Antworten auf die Fragen nach Gut und Böse, nach Schuld und Verantwortung. Aber er zeigt, dass die Falle Guantanamo ohne Rücksicht auf Moral zuschnappt - und tiefe Spuren hinterlässt.

PRODUKTION: zero one film (Berlin), Xenophile Media/Amythos Media (Toronto), T&C Film (Zürich), SRF, NDR, France Télévision 2011. BUCH: Thomas Selim Wallner, Manfred Becker. REGIE: Thomas Selim Wallner. KAMERA: Filia Zumbrunn, Stéphane Kuthy. TON: Ludger Hennig, Öle von Öhsen. SCHNITT: Manfred Becker. MUSIK: Peter Scherer. VERLEIH: Columbus Films (Zürich). WELTRECHTE: First Hand Films (Zürich/Berlin). HD CAM, Farbe, 92 Minuten, Deutsch/Englisch/Spanisch.

18.9.2011, 17:46 | Permalink

Kampf der Königinnen [Nicolas Steiner]

Von René Müller [ Sélection CINEMA ]
Kampf der königinnen


Der junge Schweizer Filmemacher Nicolas Steiner, der mit seinem verspielten Kurzfilm Ich bin’s Helmut (CH 2009) an internationalen Festivals zu Recht für Aufsehen sorgte, hat für seinen ersten Langfilm ein traditionelles Schweizer Sujet gewählt: den Kuhkampf in den Walliser Alpen. Das Finale der Kämpfe in Aproz zieht jährlich im Mai zehntausend Besucher in seinen Bann. Steiner, der an der Filmakademie Baden-Württemberg Regie studiert, ist im Wallis gross geworden und interessiert sich – wie viele jungen Leute –eigentlich kaum für folkloristisches Brauchtum. Gleichwohl hat er sich entschieden einen «Heimatfilm» zu drehen, der «der eindrücklichen Tradition mit dem nötigen Stolz, einer unbändigen Faszination, aber auch mit einem kleinen Augenzwinkern begegnet».

Steiner begleitet verschiedene Protagonisten vor und während des «Kampfs der Königinnen» und zeigt das Spektakel und dessen Vorbereitungen mosaikartig aus verschiedenen Perspektiven: So beobachten wir, wie der sanftmütige Züchter Beat Brantschen und seine Familie die Tiere auf das Finale vorbereiten. In einer berührenden Szene ist Brachers Töchterchen, das sich selbst kaum auf den Beinen halten kann, im Stall vor den riesigen Tieren zu sehen. Es soll beim Füttern helfen, die präsente Kamera scheint das Kind aber mehr zu beeindrucken als das gewaltige Vieh. Weiter ist Steiner mit der Dorfjugend unterwegs, die auf der Suche nach dem ersten Kuss oder dem ersten Rausch, mit Mopeds auf dem Festgelände aufkreuzt. Zudem erscheint ein jovialer Möchtegernjournalist aus Zürich im französisch sprechenden Teil des Wallis, um «mal etwas anderes zu sehen». Der Schauspieler Andreas Herzog, der schon in Steiners Ich bin’s Helmut mitgewirkt hat, spielt sich hier selbst. Der Städter sticht aus dem Figurenensemble stark heraus und wirkt durch seine penetrante Art nicht nur beim ländlichen Anlass, sondern auch im Film auf Dauer etwas fehl am Platz.

Kampf der Königinnen kommt gänzlich ohne erklärende Kommentare aus und verzichtet auf Fakten und Hintergründe. In stilisierten schwarz-weiss Aufnahmen präsentiert der Film sorgfältig ausgewählte Eindrücke, die sich zu einem zeitlich entrückt wirkenden Stimmungsbild zusammenfügen. Beim grosse Finale wird die Stilisierung auf die Spitze getrieben: In extremer Zeitlupe scharren Hufe, prallen Köpfe aufeinander und verhaken sich Hörner – begleitet vom dramatischen Jodel-Blues der Sängerin Erika Stucky. Steiner kontrastiert die animalische Rohheit und die folkloristische Behäbigkeit mit kühler Ästhetik und moderner Musik: Eine Hommage, die Distanz hält, und gerade dadurch einen bestechenden Zugang zum traditionellen Thema findet.

PRODUKTION: Filmakademie Baden-Württemberg (Ludwigsburg) 2011. BUCH, REALISATION: Nicolas Steiner. SCHNITT: Kaya Inan. KAMERA: Markus Nestroy. MUSIK: John Gürtler, Jan Miserre. WELTRECHTE: Filmakademie Baden-Württemberg (Ludwigsburg).
HDCAM, sw., 70 Minuten, Schweizerdeutsch.

18.9.2011, 14:50 | Permalink

Vol spécial [Fernand Melgar]

Von Florian Leu [ Sélection CINEMA ]
Vol spécial

Jede Stunde donnern Flugzeuge über das Haus, in dem sie wohnen. Alle paar Monate fährt ein Wagen der Polizei vor, um einige von ihnen zu holen. In Handschellen werden die Männer abgeführt, manchmal erstickt einer.

Fernand Melgar hat mit Vol spécial einen Film gedreht, der eine Art Fortsetzung seines Werks La forteresse (CH 2008) ist. Vor drei Jahren erzählte er den Alltag jener, die in der Schweiz ankommen und mit anderen Asylbewerbern in einem Heim landen. Jetzt erzählt er den Alltag jener, die die Schweiz verlassen müssen und zusammen mit anderen Abgewiesenen auf ihre Ausweisung warten. Wenn Melgar es nicht schon war, ist er es jetzt: der Dokumentarist des Wartens.

Das Schwerste an der Warterei ist wohl, die Würde zu wahren. Die Männer im Film schaffen es immer, und wenn sie am Ende scheitern, tragen sie keine Schuld. Ein Mann singt Lieder über seine Ausweglosigkeit, die anderen stossen dazu und summen mit. Ein anderer trainiert jeden Tag auf dem Sportplatz und hält seinen Körper in Form. Am Schluss haben sie keine Chance: Die Polizisten kommen und leuchten ihnen in den Anus, als ob sie dort eine Bombe finden könnten. Wenn sie die Männer weggefahren haben, tritt der Anstaltsleiter vor die, die noch da sind, und sagt ihnen, ihre Freunde seien zwar gegangen, doch in Würde. Wie Melgar die Reaktionen darauf einfängt, von kleinen mimischen Veränderungen bis zu langen Gesprächen ein paar Stunden später: ein Beweis dafür, wie nah er an die Männer herangekommen ist, wie viel Zeit er sich genommen hat. Es wirkt, als hätte ein Feldforscher hinter der Kamera gestanden, jahrelang und an einem sehr fremden Ort.

Neben den Porträts der Männer sind es Szenen wie diese, die den Film auszeichnen: Szenen, in denen die beiden Seiten aufeinander treffen, die Männer in ihren Zellen und die Männer in ihren Hemden, die für die Ausweisung zuständig sind, freundliche Verwalter des Elends. Einmal hat einer der Insassen einen Termin mit einem dieser Verwalter, der mit ihm die Details seiner Rückschaffung besprechen soll. Der Insasse ist aus Afrika gekommen, hat in der Nähe von Lausanne eine Stelle gefunden, eine Familie gegründet, Steuern bezahlt, sich nichts zu Schulden kommen lassen. Dennoch muss er raus, weil er keine Aufenthaltsgenehmigung hat. Er sagt dem Beamten, dass er die Schweiz nicht verlassen könne und auch keinen Anlass dafür sehe. Der Beamte sagt, sein Auftrag sei, mit ihm über nichts anderes als die Ausschaffung zu reden, die letzten Fragen zu klären. Sie streiten und starren sich an, dann brechen sie das Gespräch ab. Der Mann hat Glück. Das Gericht entscheidet zu seinen Gunsten, und an einem schönen, klaren Wintertag öffnet sich das Gitter.

Für die anderen geht es schlechter aus. Sie müssen weg, einer von ihnen ist in Kloten erstickt, straff festgezurrt, wie er war. Melgar zeigt all dies ohne Kommentar, wie er schon in La forteresse auf Kommentare verzichtet hat. Es gibt auch keine Interviews, in denen Experten mit Erklärungen die Erzählung schwächen würden. Obwohl Melgar den Männern, die auf ihre Ausschaffung warten, mit Sympathie begegnet, macht er die Beamten nie zu Dämonen. Was Melgar den Vorwurf einbrachte, sein Werk sei faschistoid. Das ist Humbug. Vol spécial ist ein reifer, trauriger, schöner Film, nach dem man das Gefühl hat, in einer gemeinen, kalten, engen Welt daheim zu sein.

PRODUKTION: Climage (Lausanne), Arte, RTS 2011. REALISATION/DREHBUCH: Fernand Melgar, KAMERA: Denis Jutzeler, TON: Christophe Giovannoni, SCHNITT: Karine Sudan, MUSIK: Wandifa Njie. VERLEIH: Look Now! (Zürich). WELTRECHTE: Climage (Lausanne).
35mm, Farbe, 100 Minuten, Sprache: Französisch.

18.9.2011, 14:38 | Permalink

Silberwald [Christine Repond]

Von Florian Leu [ Sélection CINEMA ]
Silberwald

Am Anfang torkeln sie durchs Dorf und kicken Laternen aus. Am Ende haben sie Glatzen und werfen Molotowcocktails auf ein Bauernhaus. Dazwischen zünden sie vor dem Asylantenheim einen Kinderwagen an, stehlen Geld in der Garderobe des Sportclubs, rauchen einen Bong nach dem anderen, leeren Schnapsfläschchen wie Kampftrinker und jagen sich mit Paintballgewehren durch den Wald. Eine Jugend im Berner Oberland, nichts Ungewöhnliches.

Aber das ist nur die Hälfte der Geschichte: Immer wieder sitzen sie auf ihrem Töffli und heizen durch die Dörfer, auf der Suche nach dem Kick im Emmental. Oder sie schauen den Mädchen nach, bringen aber nur ein Krächzen raus, wenn sie vor ihnen stehen. Immer wieder streiten sie sich mit ihren Eltern und vermissen sie, sobald sie im Streit aus der Wohnung gerannt sind. Wie widersprüchlich die Jahre als Teenie sind, das fängt dieser Film wie wenige andere ein. Mir kommt nur Fickende Fische (Almut Getto, D 2002) in den Sinn, der vor ein paar Jahren den Drehbuchpreis der Deutschen Filmkritik gewonnen hat und ein fabelhafter Film ist.

Silberwald, diese Geschichte über das Erwachsenwerden, ist eine Gratwanderung zwischen Spass und Ernst, ein Hin und Her zwischen der Welt der Eltern und ihrer eigenen, die sich die Jungs aus Ballerspielen und Ausflügen zu einer Hütte im Wald zusammenbasteln. Zu einer Hütte, in der sich die Neonazis der Gemeinde treffen, ihre atemlose Metallmusik hören und drüber nachdenken, wem sie das Leben versauen können. Das alles ist grossartig gespielt, Silberwald ist bis in die kleinste Nebenrolle hervorragend besetzt, wirkt fast schon wie ein überästhetischer Dokfilm. Silberwald, der im Herbst 2011 in die Schweizer Kinos kommt, ist aber auch ein Film, der zur Zeit der Wahlen passt, die wohl einen Rechtsrutsch bringen werden. Man kann hier bis in die Details hinein verfolgen, wie sich einer, vor allem aus Verwirrung und Ratlosigkeit, nach rechts bewegt.

Sascha, die Hauptfigur ohne Nachnamen, hängt am Anfang nur herum und kann sich für keine Lehre entscheiden. Er heuert bei einem Bauern an und hilft ihm beim Holzhacken. Er stiehlt sich durchs Dorf und lügt seine Mutter an. Am Ende bringt er seinen ersten Baum zu Fall und lächelt eins von vielleicht drei Lächeln während dieser anderthalb Stunden, die zum Besten gehören, was Schweizer Filmemacher in den letzten Jahren gedreht haben. Christine Repond, in Solothurn mit dem Nachwuchspreis ausgezeichnet, malt das Porträt eines Dorfes ohne Namen, das jedes sein könnte, irgendwo im Hinterland, irgendwo im Nirgendwo. Sie zeigt, wie schnell einer sich im Wald verirrt und meint, sich eine Glatze rasieren zu müssen, um in der Holzhütte der Neonazis an Parties zu gehen und Freunde zu finden, die ihm passen. Repond reisst mit, indem sie uns Figuren zeigt, wie sie an jedem Bahnhof in der Pampa herumlungern: Voller Langeweile und Tatendrang.

Eine Szene kurz vorm Schluss: Sascha steht mit einem brennenden Molotowcocktail vor einem Bauernhaus, überall Flammen. Es ist eine Mutprobe. Um ein Skin zu werden, muss er mit anderen Frischlingen ein Haus mit Leuten drin niederbrennen. Die andern werfen und feuern ihn an, dann laufen sie weg. Sascha bleibt stehen, dann kommt die Polizei.

PRODUKTION: Dschoint Ventschr Filmproduktion (Zürich), Allary Film (München), SRF 2011. DREHBUCH/REALISATION: Christine Repond. KAMERA: Michael Leuthner. SCHNITT: Ulrike Tortora. DARSTELLER: Saladin Deller, Naftali Wyler, Basil Medici, Heidi Züger, Dieter Stoll, Carmen Klug. WELTRECHTE/VERLEIH: Dschoint Ventschr Filmproduktion (Zürich).
35mm, Farbe, 90 Minuten, Sprache: Deutsch

18.9.2011, 14:29 | Permalink

Hell [Tim Fehlbaum]

Von Nathalie Jancso [ Sélection CINEMA ]
Hell

Visionen der Apokalypse sorgen immer wieder für faszinierende Kinobilder: In den Mad-Max-Filmen (George Miller, AUS 1979/1981/1985) entbrennt der Kampf um das knapp gewordene Benzin, in Waterworld (Kevin Reynolds, USA 1985) geht es um das Überleben im und unter Wasser, nachdem die Pol-Kappen geschmolzen sind, und in der Romanverfilmung The Road (John Hillcoat, USA 2009) ist die Erde nach einem nicht näher erklärten Naturdesaster praktisch unbewohnbar geworden. Auf den Spuren dieser und anderer Genre-Vorbilder wandelt der junge Basler Regisseur Tim Fehlbaum mit seinem Spielfimdebüt Hell. Gleichzeitig ist ihm mit dieser deutsch-schweizerischen Koproduktion auch eine in sich geschlossene, ganz eigenwillige Mischung aus Endzeitthriller, Roadmovie und Psychohorror gelungen.
Hell ist in der nahen Zukunft angesiedelt: Die Sonne brennt seit Jahren immer heisser und bedroht dadurch das Leben auf der Erde. Die vier Hauptfiguren, zwei Schwestern und zwei zufällig zu ihnen gestossene Männer, versuchen sich mit ihrem klapprigen Auto aus der gleissenden Hölle der hitzeflirrenden Ebenen in die kühlere Bergregion zu flüchten. Doch die kleine und fragile Zweckgemeinschaft sieht sich dort bald mit einer ganz anderen Art von Hölle konfrontiert, der menschlichen nämlich. In den Wäldern haben sich die Bewohner eines ehemaligen Bauernguts zusammengerottet und schrecken um zu Überleben auch vor Kannibalismus nicht zurück.
Mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln haben Fehlbaum und sein Team einen eigenen Look kreiert: Mit stark überbelichteten Bildern und dem steten Wirbeln des Staubs wird eine beängstigend reale Zukunftsvision einer dürren, lebensfeindlichen Welt heraufbeschworen. Die bedrohlich schwarz-verkohlten Wälder lassen eine subtile Horror-Stimmung aufkommen. Gedreht wurde in Bayern und in Waldbrandgebieten auf Korsika. Und obwohl der grosse Hollywood-Pyromane Roland Emmerich Fehlbaum bei der Vorbereitung mit Rat und Tat zur Seite stand, schafft es der Film auch ohne ein einziges computergeneriertes Bild gut auszusehen.
Neben den visuellen Aspekten konnte Fehlbaum aber auch auf seine Schauspieler bauen. Die starken Frauenfiguren, die im Film das Sagen haben, sind mit Jungstar Hanna Herzsprung und Angela Winkler, die die Bauernfrau gekonnt unheimlich darstellt, kongenial besetzt. Und auch für die Männerrollen konnte er mit Stipe Erceg und Lars Eidinger bekannte deutsche Schauspieler verpflichten. Fehlbaum, der während seines Studiums an der Hochschule für Fernsehen und Film München bereits mehrere erfolgreiche Kurzfilme drehte, ist eine echte Zukunftshoffnung für den deutschsprachigen Genrefilm, das hat er mit Hell, der unter anderem am Münchner Filmfest und auf der Piazza Grande am Festival in Locarno gezeigt wurde, klar unter Beweis gestellt.

PRODUKTION: Caligari Film- und Fernsehproduktions GmbH (München), Vega Film AG (Zürich), Pro7, SRF 2011. BUCH: Tim Fehlbaum, Thomas Wöbke, Oliver Kahl. REALISATION/KAMERA: Tim Fehlbaum. SCHNITT: Andreas Menn. TON: Hugo Poletti, Jan Illing. MUSIK: Lorenz Dangel. DARSTELLER: Hannah Herzsprung, Stipe Erceg, Lars Eidinger, Lisa Vicari, Angela Winkler.
VERLEIH: Vega Film AG (Zürich). WELTVERTRIEB: Beta Film GmbH.
35 mm, Farbe, 86 Minuten, Deutsch.

10.9.2011, 18:02 | Permalink

Flying Home [Tobias Wyss]

Von Bettina Spoerri [ Sélection CINEMA ]
Flying Home

Tobias Wyss geht in seinem 80-minütigen Dokumentarfilm den tatsächlichen Verhältnissen hinter einer Familienlegende nach: dem allseits bewunderten Onkel Walter Otto Wyss – kurz „WOW!“ genannt –, der 1939 nach Amerika auswanderte und dort als Autoerfinder zuerst einmal eine Blitzkarriere hinlegte. Was aus der Ferne – und insbesondere aus den Augen des Kindes, das Tobias Wyss war – nach einer blendenden, faszinierenden Existenz aussah, entpuppt sich nun im Laufe der Recherchen des Erwachsenen immer mehr als ein schwieriges Leben voller Brüche und mehr oder weniger gut gehüteten Geheimnissen.

Der junge Ingenieur Walter Otto Wyss, erst kurze Zeit in den USA, stieg schnell auf und entwickelte ein innovatives Hybridauto, das aber am Ende nie produziert wurde. Briefe in die Heimat kaschierten seine Enttäuschung und seine wachsenden Versagensängste, und in der Aufrechterhaltung der Fassade gegenüber seinen Schweizer Verwandten wurde Walter zunehmend einsamer. Die Liebesbeziehung mit einer afroamerikanischen Tänzerin – damals noch alles andere als von der Gesellschaft toleriert – hielt er ebenso geheim wie seine obsessiven Fotoserien. Ende der 1950er Jahre lernte er in Tokio Japanisch und lebte beinahe wie ein Eremit, bevor er die letzten Jahrzehnte vor seinem Tod 2001 in Hawaii verbrachte, wo niemand seine Geschichte wirklich kennt.

Tobias Wyss nähert sich in Flying Home der Geschichte seines Onkels behutsam, sichtet die riesige Fotosammlung des Verwandten und verwebt diese Bilder und Dokumente mit seinen eigenen Aufnahmen und begibt sich auf Spurensuche in die USA. Der Neffe umkreist das Rätsel, arbeitet sich über den Glamour der lange aufrecht erhaltenen „WOW“-Fassade mit vielen offenen Fragen mehr und mehr in die Geschichte eines schillernden Lebens hinein. Er trägt Schicht um Schicht ab – bis Walter Otto Wyss überraschend auch noch einmal lebend auf der Leinwand erscheint, als gebrechlicher, kauziger Mann, der sich weiterhin nicht in die Karten sehen lassen will. Aus den vielen, in den letzten Jahren erstellten dokumentarischen Annäherungsversuchen an familiäre 'oral histories' in bzw. aus der Schweiz ragt Tobias Wyss‘ Flying Home durch eine überzeugende, vielschichtige Erzählweise heraus. Indem sich der Filmemacher als Ich-Erzähler mit in den Film hineinnimmt, seine Projektionen auf ernste, witzige und selbstironische Weise reflektiert, erzählt er durch das Eigene und Individuelle hindurch eine universale Geschichte: die von unserer Sehnsucht nach bewundernswerten Figuren – Fantasien, die meist mehr mit uns als mit der Realität zu tun haben. Flying Home ist ein verspielter, humorvoller, aber auch manchmal trauriger Film, eine intelligente, anregende Hommage an schwarze Schafe und Sonderlinge, wie es sie wohl in jeder Familie gibt. Wie ein Fotoalbum, das auf der Suche nach neuen Sichtweisen nicht nur neugierig durchgeblättert, sondern auch neu komponiert wird.

PRODUKTION: Mira Film GmbH, Schweizer Radio und Fernsehen. BUCH, REALISATION: Tobias Wyss. KAMERA: Andreas Birkle, Tobias Wyss. TON: Patrick Becker, Peter Zwierko; Sound Editing/Sound Design: Jürg von Allmen. SCHNITT: Mirjam Krakenberger. MUSIK: Daniel Almada. VERLEIH Schweiz: noch offen. WELTVERTRIEB: Mira Film GmbH.
35mm, Farbe, 80 Minuten, Sprachen: Deutsch/Englisch/Japanisch.

02.9.2011, 13:34 | Permalink
Posts  1 - 10 /592