Las pelotas [Chris Niemeyer]

Von Bettina Spoerri [ Sélection CINEMA ]
Las pelotas

Wie unbedingte Fussballbegeisterung in eine ziemlich gewagte genetische Versuchsanordnung münden kann, erzählt der 1973 in Zürich geborene Filmemacher Chris Niemeyer in seinem wunderbar frechen und eigenwilligen viertelstündigen Kurzfilm Las pelotas (spanisch „Die Bälle“). Der Titel darf in diesem Fall ruhig zweideutig aufgefasst werden, und mit der Gelassenheit der Grossmutter in dem Film – aufgrund ihrer Erfahrung mit der Zucht von Tieren die Verkuppelungsexpertin – kann es wohl kaum jemand aufnehmen.

Alles beginnt auf einem Fussballfeld in der argentinischen Provinz, wo Väter auf den Zuschauerrängen von der grossen Zukunft ihres kickenden Nachwuchses träumen, denn heute sind die Scouts der bedeutenden Fussballclubs anwesend. Doch die Enttäuschung von Chato und Lopez ist gross, denn für ihre Jungs interessiert sich keiner. Auf ihre Nachfrage, warum ihre Sprösslinge nicht gut genug seien, heisst es, der eine habe eine schöne Linke, der andere sei ein guter Kopfballspieler. „Die Kombination von beiden, das ergäbe einen Superspieler“, sagt der Mann im Anzug freundlich und rauscht in seinem teuren Wagen davon. Doch für Chato und Lopez ist dieser Bescheid kein Grund zur Resignation; vielmehr führen sie den Gedankengang konsequent zu Ende und ruhen nicht, bis sie eine solche Kreuzung – mit einiger Bauernschläue – in die Wege geleitet haben. Dafür müssen aber auch die Frauen mitmachen. In diesem wunderbar humorvollen, ja spitzbübischen Film haben sie volles Verständnis für den fussballerischen Zeugungsehrgeiz ihrer Männer und sind nur ein klein wenig nervös – nicht minder Chato und Lopez –, als tatsächlich der Partnertausch und der Akt stattfinden, natürlich unter den strengen Schiedsrichteraugen der Anstandsdame Grossmutter, die sich wie gesagt durch nichts erschüttern lässt. Wenn es dann „9 Monate später“ in der Geburtsabteilung heisst: „Es ist ein Junge“, wissen die beiden Männer nicht zu nennen, wer der Vater des Neugeborenen sei. Und als Zuschauer fragt man sich auch zumindest kurz, was denn nun aus dem zweiten Beischlaf geworden ist – doch gerade das augenzwinkernde Ignorieren solcher ‚Probleme‘ macht diesen Kurzfilm, der mit dem Schweizer Filmpreis für den Besten Kurzfilm (und unter anderem auch mit dem Pardino d’oro für den Besten Schweizer Kurzfilm am Filmfestival Locarno) ausgezeichnet worden ist, so unwiderstehlich witzig.

Genaues Timing von den Dialogen bis hin zum Schnitt, ein präziser Sinn für ironisierende Perspektiven und Bildkompositionen, zwei überzeugende Schauspieler-Paare und bei all dem ein Humor, der meisterhaft die Balance hält und nie ins Grobe kippt oder die Figuren ins Lächerliche abdriften lässt, machen den Zauber dieses kleinen Meisterwerks aus.

P: Plan B Film GmbH (Zürich) 2009. B: Laura Albornoz, Pablo Aguilar, Chris Niemeyer. R: Chris Niemeyer. K: Philipp Koller. T: Ignacio Zabalota. S: Gion-Reto Killias. D: Jorge Roman, Jorge Pedraza, Monica Lairana, Loreny Vega. V: Frenetic Films (Zürich). W: Plan B Film GmbH (Zürich).
35mm, Farbe, 15 Minuten, Spanisch.

21.8.2010, 13:15 | Kommentare(0) | Permalink

Bazar [Patricia Plattner]

Von Bettina Spoerri [ Sélection CINEMA ]
Bazar

Die 60-jährige Gabrielle (Bernadette Lafont) ist eine lebensfreudige, selbstbewusste Antiquitätenhändlerin mit eigenem Laden an bester Adresse in Genf. Doch als sie den 25-jährigen Fred (Pio Marmaï) kennenlernt und sich in ihn verliebt, ist das nicht nur für sie eine Überraschung. Plötzlich sieht sich Gabrielle mit Eifersucht und Intoleranz in ihrem Umfeld konfrontiert – und dann muss sie auch noch ihren Laden räumen, der ihr schon vor längerer Zeit gekündigt worden ist, was sie aber einfach nicht wahrhaben wollte.

In vorwiegend komödiantisch-leichtem Ton erzählt die Westschweizer Regisseurin Patricia Plattner von der Leidenschaft einer älteren Frau für einen sehr viel jüngeren, freiheitsliebenden Adonis. Was eine mutige Stoffwahl wäre und auch von den Figurenzeichnungen her durchaus frisch und überraschend beginnt, gefasst in warme, sorgfältig komponierte Bilder, verliert sich indes immer mehr in konventionellen Wendungen. Bis zuletzt bestätigt Bazar viele gängige Klischees über ältere Frauen-junge Männer-Paare und umtänzelt das Tabuthema mit enttäuschender Konfliktscheue. An den Rand der Peinlichkeit geht das, wenn die Hauptdarstellerin (eine meist verschmitzt lächelnde Lafont, was mit der Zeit angestrengt maskenhaft wirkt) selbst im Bett kein Fleckchen nackte Haut zeigen darf, sondern stets vollkommen in Stoff eingehüllt neben dem wohlgeformten, muskulösen Mann liegt. Und dieser entpuppt sich am Ende, wenn sich darüber schon niemand mehr wundert, als unverantwortlicher Schürzenjäger.

Wo bleibt da das Begehren der Frau? fragt man sich besorgt, umso mehr, als dieses Gabrielle vom Drehbuch her so suggestiv in den Mund gelegt wird – es bleibt in diesem Film Behauptung. Interessanter als die Auseinandersetzung zwischen Fred und Gabrielle sind deshalb die Reibungsflächen, die zwischen Gabrielle und ihrem Freundeskreis sowie ihrer Tochter – ungefähr in Freds Alter – (gespielt von Lou Doillon, einer Tochter Jane Birkins) entstehen, nachdem sie ihnen ihre Verliebtheit eröffnet hat. Da offenbart sich die als Lockerheit getarnte Engstirnigkeit einer nur scheinbar toleranten urbanen Gesellschaft. Die Freunde und die Tochter wenden sich ab, als Gabrielle nicht mehr ganz dem Bild entspricht, das sie sich von ihr gemacht haben: zwar schon etwas unkonventionell und eigensinnig, doch nicht auf diese so unvernünftige, gar kindische Weise! Eine werdende Grossmutter soll bitte mehr Würde und Abgeklärtheit zeigen. Wo Bazar von solchen Misstönen erzählt, von der sanften Gewalt derjenigen, die uns zu lieben meinen – und von der Angst vor der Pensionierung, dem endgültigen Altwerden, dem Eintreten in den letzten Lebensabschnitt, gewinnt der Film und mit ihm die Schauspieler an Glaubhaftigkeit.

P: Light Night Production SA (Genf-Carouge), Alfama Films Productions (Paris / Lissabon),Arte, TSR 2009. B: Patricia Plattner, Aude Py, Blandine Stintzy, Christian Lyon. R: Patricia Plattner. K: Aldo Mugnier, Milivoj Ivkovic, Heidi Hassan. T: Etienne Curchod, Henri Maïkoff, Denis Séchaud. S: Loredana Cristelli. D: Bernadette Lafont, Pio Marmaï, Lou Doillon, Sacha Bourdon. V: Frenetic Films (Zürich). W: Light Night Production SA (Genf-Carouge), Alfama Films Productions (Paris / Lissabon),
35mm, Farbe, 103 Minuten, Französisch, Portugiesisch.

21.8.2010, 13:07 | Kommentare(0) | Permalink

Mürners Universum [Jonas Meier]

Von Doris Senn [ Sélection CINEMA ]
Mürners Universum^

Es beginnt mit einer schummrigen Untertasse auf einem Fernsehbildschirm, davor Erwin Mürner mit schütterem weissem Haar. Erwin ist 77, und seine Leidenschaft gilt den Ausserirdischen: Nicht nur türmen sich in der kleinen Wohnung, die er mit seiner Frau Sonja teilt, Bücher und Zeitschriften zum Thema – er träumt auch davon, einen Film über seine persönliche Begegnung mit den Aliens zu machen.

Nun ist daraus ein Film über ihn geworden: darüber, wie Erwin mit seiner Kamera nachmittags den Himmel einfängt und nicht weniger als drei ominöse Punkte mit «Energieschirm» festhält – darüber, wie er seine Theorien über den Urknall ausbreitet und wie er mit einem stachligen, roten Massageball in seinem Arbeitszimmer den Flug eines UFOS nachahmt.

Der Regisseur Jonas Meier, der auch für Drehbuch, Kamera und Schnitt von Mürners Universum zeichnet, fand den «kurligen» Senioren in Winterthur, wo er selbst lebt. Nach einer Ausbildung an der HGK Luzern und einer Reihe von Werbefilmen und Musikvideos, die bereits von seinem schrägen Humor und seiner originellen Ästhetik geprägt waren, ist dies nun Meiers erster langer Dokumentarfilm. Der Filmemacher überlässt die Bühne dem liebenswerten Amateur-Ufologen – und manchmal dessen Frau Sonja. Sie hat so ihre liebe Mühe mit ihrem Erwin und seinem ausufernden Hobby. Und doch lässt sie ihn gewähren, stellt sich manchmal selbst hinter die Kamera oder zieht sich resigniert mit ihrem Akkordeon aufs Bett zurück, weil das noch der einzige freie Platz in der Wohnung ist.

Mürners Universum ist ein Film über das Alter und die Einsamkeit, über schweizerische Biederkeit und eine (unschweizerisch) grosse Passion. Jonas Meier fängt dies alles mit einem erfrischenden Sinn für Details und Situationskomik und einem Flair für überraschende Bildkompositionen ein. Auch versteht er es, das Aufregende, Schöne und Eigentümliche im absolut Unscheinbaren zu entdecken – vom Schüttstein über die Zimmerpflanze bis hin zur Küchenuhr, deren Sekundenzeiger nicht vom Fleck kommt. Mit seinen lakonischen Bildern begibt er sich damit auf eine ähnlich bestechende Gratwanderung zwischen groteskem Humor und existenziellem Tiefgang wie der renommierte schwedische Regisseur und Werbefilmer Roy Andersson (Songs From the Second Floor, S 2000).

Mürners Universum ist ein kurzweiliges Porträt über einen wunderlichen Zeitgenossen, dessen grosser Traum es ist, einen UFO-Film zu realisieren und damit um die Welt zu reisen. Was nun durchaus wahr werden könnte – wenn auch in einem etwas anderen Sinn: Dem kleinen dokumentarischen Juwel aus der Hand von Jonas Meier dürfte Kultstatus zuteil werden – sowohl im Kino als auch auf der internationalen Festivalkarriere, die der Film mit Sicherheit vor sich hat.

P: Zweihund GmbH (Winterthur), SF 2010. B, R, K, S: Jonas Meier. V: Xenix (Zürich). W: Zweihund GmbH (Winterthur).
Digital Beta, Farbe, 83 Minuten, Schweizerdeutsch.

18.8.2010, 15:09 | Kommentare(0) | Permalink

Daniel Schmid – Le chat qui pense [Pascal Hofmann, Benny Jaberg]

Von Doris Senn [ Sélection CINEMA ]
Daniel Schmid

Er war ein Träumer, ein Ästhet, ein Kosmopolit und ein Geschichtenerzähler. Der Cineast Daniel Schmid (1941–2006) realisierte zwischen 1972 und 1999 nicht weniger als 13 Spiel- und Dokumentarfilme. Der Film Daniel Schmid – Le chat qui pense zeichnet das unkonventionell-heterogene Werk und seine vielschichtige Persönlichkeit nach.

2006 ersannen die beiden Master-Studierenden der ZHdK, Pascal Hofmann und Benny Jaberg, das Projekt, ein «Porträt mit ihm, nicht über ihn» zu machen. Doch kaum begonnen, durchkreuzte der überraschende Tod Daniel Schmids ihr Vorhaben. Die Nachwuchsfilmer legten das Projekt vorerst ad acta – um es dann aber (glücklicherweise) doch wieder aufzunehmen. Sie nutzten die 200 Stunden Rohmaterial (!) unterschiedlichster Herkunft als Schatztruhe, um ein stilistisch ausgereiftes Bild von Schmids Person und Schaffen zu machen. Der Untertitel des Films – «Le chat qui pense» – geht auf einen Eintrag in einem Notizbuch Daniel Schmids zurück, den die Regisseure als ebenso «geschmeidigen, wie eigensinnig-verspielten, menschennahen und doch eigenbrötlerischen Künstler» erlebten.

Daniel Schmid – Le chat qui pense folgt der Chronologie von Daniel Schmids Leben und Werdegang: von seinem Aufwachsen als tagträumender Hoteliersohn im bündnerischen Flims (über das er 1992 den Film Hors Saison drehte), von seinen Erfahrungen im Berlin der 1960er, wo er Teil der Clique um Rainer Werner Fassbinder und Ingrid Caven wurde, später in Paris – und immer wieder von seiner Rückkehr in die Heimat: diese vom grauen Fels, von Wolken und Gipfeln beherrschte Landschaft.

Das Filmporträt besteht aus Gesprächen mit Daniel Schmid, mit Weggefährten – etwa dem Kameramann Renato Berta, dem Filmemacher Werner Schröter oder dem Filmpublizisten Shiguéhiko Hasumi –, ergänzt mit Ausschnitten aus Schmids Filmen und Archivmaterial, das bestechend Landschaft und Zeitepochen illustriert. Am Anfang von Schmids Œuvre standen avantgardistische, von Brecht inspirierte Filme (Heute Nacht oder nie, 1972), gefolgt von atmosphärisch-kraftvollen Bergdramen wie Violanta (1977) oder Jenatsch (1987). Schmid realisierte aber auch brillante Dokumentarfilme wie Il bacio di Tosca (1984) – über ein Altersheim für ehemalige Opernstars in Mailand – oder Das geschriebene Gesicht (1995) über das Kabuki-Theater. Sein letzter vollendeter Film ist die Schweiz-Satire Beresina oder die letzten Tage der Schweiz, die 1999 in Cannes gezeigt wurde.

Auf ebenso einfühlsame wie formal bestechende Art und Weise gelingt Pascal Hofmann und Benny Jaberg mit Daniel Schmid – Le chat qui pense eine Hommage an einen Filmemacher, der untypisch für die Schweiz und doch tief in ihr verwurzelt war. Ihr Werk – das nicht zuletzt auch viel Lust macht, Schmids Filme (wieder) zu entdecken – feierte seine Premiere an der Berlinale 2010.

P: T&C Film (Zürich), ZHdK, SF 2010. B/R/S: Pascal Hofmann, Benny Jaberg. K: Pascal Hofmann, Benny Jaberg, Filip Zumbrunn. V: Columbus Film (Zürich). W: T&C Edition (Zürich).
HD CAM, Farbe/Schwarzweiss, 83 Minuten, Deutsch.

02.8.2010, 22:18 | Kommentare(0) | Permalink

Toumast [Dominique Margot]

Von Niklaus Schäfer [ Sélection CINEMA ]
Toumast

Aminatou und Moussa haben Krieg und Elend erlebt, jetzt leben sie in Frankreich und machen unter dem Namen Toumast Musik. So können sie ihre Identität auch in der Fremde leben. Aminatou und Moussa kommen aus dem nomadisch lebenden Volk der Tuareg, in ihrer eigenen Sprache Imazighan (freie Menschen) oder Kel Tamascheq (Sprecher des Tamascheq). Heute leben die Tuareg sowohl unter dem Druck der modernen Staaten als auch dem der multinationalen Konzerne, die in ihrem Gebiet Uran abbauen.

Neben Aminatou und Moussa, die mit ihrer Gruppe – Toumast ist Tamascheq und heisst Identität – dem Film seinen Namen geben, kommen in Dominique Margots Dokumentarfilm auch Rebellen zu Wort – Moussa selbst wurde in Libyen zum Soldaten ausgebildet – sowie Tilwat, eine Gruppe von Frauen, Witwen und alleinerziehenden Müttern, die sich mit ihrer Musik für den Frieden engagieren.

Margots Film ist eine gelungene Mischung aus Musikfilm, traditionellem Dokumentarfilm mit erklärendem Voice-Over und Infografiken und modernem Dokumentarfilm, in dem die Menschen selbst zu Wort kommen. Die erklärenden Teile in Form von Karten und Informationen zur Geschichte der Tuareg sind dabei auf jeden Fall gerechtfertigt, da selbst Araber, also auch die meisten Nordafrikaner nichts oder nur wenig über die Tuareg wissen. Erst durch den Kolonialismus, gegen den sie immer wieder Widerstand geleistet haben, wurde die Vormachtstellung der Tuareg in ihrem Gebiet gebrochen.

Die schweizerisch-französische Doppelbürgerin Dominique Margot hat lange in Frankreich als Licht- und Videokünstlerin des Rockzirkus Archaos gearbeitet; nach dem Studium an der Filmschule Zürich hat sie unter anderem für arte und BBC als Kamerafrau und Regisseurin gearbeitet. Diese verschiedenen Erfahrungen finden in ihrem Toumast ihre glückliche Synthese.

P: maximage GmbH (Zürich), SF 2010. B, R: Dominique Margot. K: Matthias Kälin, Patrick Ghiringhelli. T: Dieter Meyer, Laurent Barbey, Philippe Welsh. S: Daniel Gibel. M: Toumast, Tilwat. V: Moviebiz (Zürich). W: maximage GmbH (Zürich).
35 mm, Farbe, 88 Minuten, Französisch und Tamascheq.

04.7.2010, 13:48 | Kommentare(0) | Permalink

Madly in Love [Anna Luif]

Von Christina von Ledebur [ Sélection CINEMA ]
Madly in Love

Devan ist jung und abenteuerlustig. Doch wenn es um die Liebe geht, fügt sich der junge Tamile, der seit seiner Jugend in der Schweiz lebt, den Familientraditionen. Zur Freude seines Vaters wird Devan Nisha heiraten, eine Tamilin, die er bisher nur über Skype kennt. Kurz vor der Hochzeit lernt Devan bei der Arbeit Leo kennen. Die alleinerziehende Deutsche wurde von der Liebe arg enttäuscht. In Devan findet sie nach langer Zeit wieder jemanden, dem sie sich öffnet. Die beiden verlieben sich Hals über Kopf ineinander. Doch während Leo sich eine Zukunft mit Devan ausmalt, ist dieser zwischen seinen Gefühlen für Leo und den Verpflichtungen gegenüber seinem Vater und seiner Tradition hin- und hergerissen. Ohne Leo etwas von seiner Hochzeit zu erzählen, lässt er sich mit ihr ein. Doch er weiss: Früher oder später wird die Seifenblase platzen.

Madly in Love ist nach Little Girl Blue (CH 2003) Anna Luifs zweiter Spielfilm. Fünf Jahre arbeitete die Zürcher Regisseurin an der romantischen Komödie im Stile eines Bollywoodfilms, für die sie eine ihr komplett fremde Kultur kennenlernte. Zwar erlebt sie selber als Tochter ungarischer Flüchtlinge eine ähnliche Gespaltenheit der Schweiz gegenüber wie ihre Hauptfigur Devan. In die Welt der tamilischen Gemeinschaft in Zürich musste sie sich aber erst einarbeiten. Eine besondere Herausforderung war das Casting. Die dafür verantwortliche Corinna Glaus sprach unzählige Leute auf Zürichs Strassen an und fand so Laiendarsteller für die Rolle von Devans Verlobten Nisha sowie für praktisch alle Nebenrollen. Die Besetzung der Hauptrolle gestaltete sich allerdings schwieriger. Luif und Glaus wurden in London fündig. Der junge Tamile Muraleetharan Sandrasegaram, der Devan verkörpert, lernte extra für sein Schauspieldebüt in Madly in Love Schweizerdeutsch.

Im Vergleich zu Luifs äusserst feinfühligem Spielfilmdebüt lässt Madly in Love einiges an Tiefe vermissen. Fast scheint es, als läge das Hauptaugenmerk des Films auf dem Porträt der tamilischen Gemeinschaft in Zürich. Das gelingt dem Film auch gut, bieten doch die Szenen in den tamilischen Läden im Zürcher Kreis fünf einen spannenden Einblick in eine nahe, aber gänzlich unbekannte Welt. Die Beziehung zwischen den Liebenden Devan und Leo bleibt allerdings etwas auf der Strecke. Natürlich hat sich Luif aktiv gegen ein Sozialdrama und für eine leichtfüssige romantische Komödie entschieden, aber ihre Anleihen beim Bollywoodkino – die Liebesgeschichte, die tragisch zu enden droht, aber in ein Happy End mündet, die Sing- und Tanzeinlagen – helfen nicht darüber hinweg, dass es der Liebe, die alle Grenzen sprengen soll, an Glaubhaftigkeit fehlt.

P: Topic Film AG (Zürich), Neue Cameo Film (Köln), SF 2010. B: Elke Rössler, Eva Vitija. R: Anna Luif. K: Stephan Schuh, Gabriel Sandru, Andres Brütsch. T: Michael John. S: Myriam Flury. Aus.: Dorothee Schmid, Regula Marthaler, Catrina Lohri. M: Balz Bachmann. D: Laura Tonke, Muraleetharan Sandrasegaram, Murali Perumal, Sugeetha Srividdunapathy, Anton Ponraja, Yannick Fischer, Sivarajasingam Moorthy, Mangayarkarasi Subramaniam-Sellah, Christof Oswald, Seetha Lazmi Nadaraja. V: Filmcoopi AG (Zürich). W: Topic Film AG (Zürich).
35mm, Farbe, 84 Minuten, Schweizerdeutsch/Tamilisch.

01.7.2010, 23:12 | Kommentare(0) | Permalink

Dharavi, Slum for Sale [Lutz Konermann]

Von Florian Leu [ Sélection CINEMA ]
Dharavi

Nirgends wohnen mehr Menschen als hier: Dharavi hat die höchste Bevölkerungsdichte der Welt: Ein Slum, zwei Quadratkilometer, 800'000 Leute, früher ein Aussenbezirk von Bombay, heute ein Innenbezirk von Mumbai. Hier, in diesem Hubraum des Handels, werden Millionen von Hemden genäht, Millionen von Krügen getöpfert, Millionen von Bändern geflochten. Gemäss einer Statistik befindet sich in jedem Haushalt Europas ein Produkt aus diesem Viertel. Wenn man auf eine der Hütten steigt, sieht man Türme aus Glas und Stahl: Der ärmste und der reichste Teil der Stadt, das Ghetto und das Bankenviertel, liegen unmittelbar nebeneinander.

Dem Architekten Mukesh Mehta ist das ein Dorn im Auge. In den USA hat der Mann Villen errichtet und ist als Gewinner nach Indien zurückgekehrt. Jetzt will er einen Teil Mumbais umbauen: Hütten niederreissen, Parks anlegen, Mietshäuser hochziehen, alles umsonst. Wer mehr als zehn Jahre im Ghetto gelebt hat, erhält eine Wohnung in einem Wolkenkratzer, das ist der Plan. Die Regierung sichert ihre Unterstützung zu, Beamte mit Vermessungsgeräten tauchen auf, Behörden klopfen an der Tür, Polizisten fragen nach Papieren. In der Bevölkerung regt sich Widerstand, Demonstranten laufen durch die Gassen, Politiker sahnen Wählerstimmen ab, Sozialarbeiter schlagen die Hände über dem Kopf zusammen. Nach einer Abstimmung verschwindet das Projekt von den Reissbrettern. Der Architekt schneidet ein bedenkliches Gesicht und macht sich davon. Der Slum bleibt, wie er ist: Voller Schmutz und Leben, Enge und Kraft.

Aus dieser Geschichte haben Lutz Konermann und Rob Appleby einen mitreissenden Dokfilm gemacht. Setzte sich Konermann letztes Jahr in Der Fürsorger mit einem Hochstapler in der Schweizer High-Society auseinander, liefert er nun ein Werk aus einer der ärmsten Gegenden der Welt. Die Globalisierungsgeschichte zeichnet sich aus durch sein Gespür für Gegensätze: Auf der einen Seite der Architekt, den wir in seinem Landhaus am Meer sehen – wie er meditiert und aus Panoramafenstern schaut. Auf der anderen Seite die Slumbewohner, die wir in ihren Verschlägen sehen – wie sie im Licht der Neonröhren arbeiten und in Flimmerkisten blicken. Hier die Investoren mit Bergen von Essen auf ihren Tellern, dort die Leute aus dem Ghetto mit einer Handvoll Reis in der Hand. Der Film ist schlicht und spannend erzählt, seine Struktur gleicht einem Keil, der sich zwischen die Schichten und Kasten der Bevölkerung von Mumbai geschoben hat. Am Anfang bleiben wir jeweils lange beim Architekten und bei den Slumbewohnern. In der zweiten Hälfte des Films macht Konermann Tempo, spitzt den Konflikt zu, wechselt öfter zwischen den Welten, die sich immer weiter auseinanderzubewegen. Für die Bewohner des Slums endet die Geschichte glimpflich. Vielleicht müsste man sagen: Sie nimmt nicht die schlimmstmögliche Wendung. Doch dass Dharavi Probleme der Superlative hat, wie Wohnungsmangel und Arbeitslosigkeit, mangelnde Hygiene und grassierende Kinderarbeit, daran ändert auch die abgewendete Katastrophe nichts.

P: Hugofilm Productions GmbH (Zürich), Tradewind Pictures GmbH (Köln), SF, SRG SSR idée suisse 2010. B: Rob Appleby. R, K: Lutz Konermann. S: Stefan Kälin, Michael Schaerer. T: Ron Appleby, Farida Pacha. M: Dürbeck & Dohmen. D: Mukesh Mehta, Rais Khan, Soni Shrivastava, Cyrus Guzder, Ranchod Tank. V: Frenetic Films AG (Zürich). W: Frenetic Films AG (Zürich).
35 mm, Farbe, 80 Minuten, Englisch und Deutsch.

16.6.2010, 14:47 | Kommentare(0) | Permalink

Cosa voglio di più [Silvio Soldini]

Von Florian Leu [ Sélection CINEMA ]
Cosa voglio di piu

Das Handy spielt die Hauptrolle in diesem Film. Mal wird es von einer Frau gedrückt, die einen Anruf ihrer Affäre erwartet. Mal hält es die Tochter der Affäre in der Hand und nimmt es ab, als die Frau anruft, die Kinderstimme hört und wieder auflegt. Mal zittert es und lässt mit Pixeln den Puls der Frau in die Höhe schnellen. Mal liegt es still da und glänzt ein wenig – Cosa voglio di più zeigt das Handy als minimalistischen Charakterdarsteller auf der Höhe seiner Kunst.

In den Nebenrollen: Alba Rohrwacher als Anna und Pierfrancesco Favino als Domenico, Büroangestellte die eine, Aushilfskellner der andere, beide verheiratet, sie mit einem dicken Heimwerker, er mit einer müden Hausfrau. In ihrer ersten Szene schenkt er ihr Champagner ein, in der zweiten gibt er ihr seine Telefonnummer, in der dritten sitzt sie in einem Café und wartet auf ihn. Plötzlich packt sie die Angst, abrupt steht sie auf, rasch geht sie raus und stösst mit ihm zusammen. Szenen einer Affäre: Sie küssen sich in Hauseingängen, treffen einander in Motels, tippen sich Kurzbotschaften, erregen den Verdacht der Zuhausegebliebenen, reissen aus nach Tunesien.

Silvio Soldinis Neuling zeigt ihn als Meister des Realismus, als einen Dardenne auf Italienisch. Rohrwacher und Favino sagen ihre wenigen Sätze auf eine Weise, als träten sie in einem Dokumentarfilm auf. Das Drehbuch, das Soldini mit Doriana Leondeff und Angelo Carbone geschrieben hat, ist schlicht und witzig, trauriger als Pane e tulipani (I/CH 2000), doch näher an der Wirklichkeit. Einige Szenen könnten kaum trivialer sein, doch ist es ihre vermeintliche Einfachheit, die sie so bestechend machen. Als Favinos Domenico von seiner Frau aus der Wohnung geworfen wird und im Auto übernachtet, klopft auf einmal ein Mann an die Scheibe der Beifahrerseite und steigt ein. Es ist der Vater der Frau, einen ernsten Ausdruck im Gesicht, eine fleckige Tüte in der Hand. Er sagt, als würde er dem Oberarzt das Operationsbesteck reichen: „Hier hast du die Croissants. Jetzt geh in die Wohnung hoch und mach die Sache wieder gut, bevor die Kleinen wach sind.“

P: Lumière & Co. ( Milano), Vega Film (Zürich), RSI 2010. B: Doriana Leondeff, Angelo Carbone, Silvio Soldini. R: Silvio Soldini. K: Ramiro Civita. T: François Musy. S: Carlotta Cristiani. M: Giovanni Venosta. D: Alba Rohrwacher, Pierfrancesco Favino, Giuseppe Battiston, Teresa Saponangelo. V: Filmcoopi AG (Zürich). W: Pyramide International (Paris).
35 mm, Farbe, 126 Minuten, Italienisch.

31.5.2010, 14:37 | Kommentare(0) | Permalink

David Wants to Fly [David Sieveking]

Von Nathan Schocher [ Sélection CINEMA ]
David Wants to Fly

Wenige lebende Filmemacher werden von Filmstudenten derartig kultartig verehrt wie David Lynch. Auch Filmschulabsolvent David Sieveking würde gerne so rätselhaft-düstere Filmwelten erschaffen wie sein berühmter Namensvetter. Leider fehlt ihm dazu die Inspiration, und so erhofft sich Sieveking von einem persönlichen Treffen mit Lynch wertvolle Tipps und Hinweise auf Lynchs eigene Inspirationsquellen. Lynch empfiehlt dem Jungfilmer Transzendentale Meditation (TM). Sieveking befolgt Lynchs Rat und besucht sofort einen teuren TM-Einführungskurs. Anfänglich scheint das Meditieren zu wirken, aber nach ersten Rückschlägen beginnt Sieveking genauer zu recherchieren, worauf er sich mit der Transzendentalen Meditation eigentlich eingelassen hat. Seine Recherchen dokumentiert er mit der Kamera. Es stellt sich heraus, dass TM eine durch Spendengelder finanzierte weltumspannende Organisation ist, die in sogenannten „Universitäten der Unbesiegbarkeit“ und Camps für Yogische Flieger den Weltfrieden anstrebt. Sieveking lernt bald auch TM-Aussteiger kennen, die vom autoritären und widersprüchlichen Verhalten des TM-Gründers Maharishi und dem obskuren Finanzgebaren der Organisation nichts Gutes zu berichten haben. Als Sieveking darauf sein Idol David Lynch mit kritischen Fragen konfrontieren will, blockt dieser plötzlich ab und will bei allfälliger Veröffentlichung des Filmmaterials den Jungfilmer verklagen.

Selbstironisch berichtet Sieveking in David Wants to Fly über seinen Selbstversuch mit der Transzendentalen Meditation. Er lehnt sich dabei klar an den forsch-investigativen Dokumentarfilmstil eines Michael Moore oder Morgan Spurlock (Super Size Me, USA 2004) an. Daraus ergeben sich einige amüsante Momente, wenn etwa Sieveking im Schneidersitz das Yogische Fliegen übt oder als Resultat einer kreativen Anwandlung die Grossmutter seiner Freundin stundenlang hinter einem Vorhang versteckt, um dieser einen Lynch-mässigen Empfang zu bereiten. Mit der Zeit beginnt der omnipräsente Sieveking mit seiner gespielten Naivität allerdings zu nerven, da es dem Regisseur und Hauptdarsteller in Personalunion schwerfällt, dem Publikum die Entwicklung vom Lynch-Fan zum Sekten-Kritiker glaubhaft nachzuzeichnen. Formal weist der Film keine klare Linie auf: Meditative Landschaftsaufnahmen wechseln sich ab mit verwackelten Handkamera-Bildern. Eindrücklich sind hingegen Szenen wie die von Tumulten überschattete Grundsteinlegung für eine Universität der Unbesiegbarkeit auf dem historisch vorbelasteten Teufelsberg in Berlin.

P: Lichtblick Film- und Fernsehproduktion GmbH (Köln), Dschoint Ventschr Filmproduktion (Zürich) 2010. B, R: David Sieveking. K: Adrian Stähli. T: Johannes Schmelzer-Ziringer. S: Martin Kayser-Landwehr. M: Karl Stirner. V: Praesens-Film AG (Zürich). W: Lichtblick Film- und Fernsehproduktion GmbH (Köln)
35 mm, Farbe, 97 Minuten, Deutsch/Englisch/Hindi

31.5.2010, 09:56 | Kommentare(0) | Permalink

GURU – Bhagwan, his Secretary and his Bodyguard [Sabine Gisiger, Beat Häner]

Von Natalie Böhler [ Sélection CINEMA ]
Guru

Der Guru im Rolls Royce: Das Bild ging in den 1980er-Jahren durch die Medien und machte Bhagwan Shri Rajneesh, heute bekannt als Osho, weltweit berühmt-berüchtigt. Bhagwans Ashram im indischen Pune, gegründet in den 1970er-Jahren, wurde zur Zulaufsstelle für Westler auf der Suche nach alternativen Lebensformen und der Befreiung von sozialen und psychischen Zwängen. Nach Konflikten mit der indischen Regierung zog Bhagwans Anhängerschaft 1981 in die USA um und gründete Rajneeshpuram, eine Grosskommune in Oregon. Was als spirituelle Utopie gedacht war, kippte bald in eine totalitär strukturierte Gesellschaft, geprägt von Paranoia und Grössenwahn.

Das Ziel des Dokumentarfilms GURU – Bhagwan, his Secretary and his Bodyguard von Sabine Gisiger und Beat Häner ist es, den Gründen für diesen Wandel auf die Spur zu kommen. Dazu arbeiten die Filmemacher mit dem strukturellen Mittel der Gegenüberstellung zweier wichtiger Figuren aus Bhagwans Gefolgschaft: Sheela Birnstiel, seiner ehemaligen Sekretärin, und Hugh Milne, seinem Leibwächter. Beide erzählen von ihrer Zeit im Ashram und ihrem anschliessenden Bruch mit dem Guru, seiner Lehre und seiner Gemeinschaft. Reichhaltiges, sorgfältig recherchiertes Archivmaterial, das das Leben im Ashram dokumentiert, bringt visuelle Abwechslung in den Film, der sonst ganz auf die Porträts von Birnstiel und Milne setzt.

GURU erzählt die Entwicklung von Bhagwans Gemeinschaft als klassische, chronologische Narration von Aufstieg und Zerfall: Was als Befreiung und Utopie beginnt, artet aus zum Grossunternehmen, das neue Abhängigkeiten schafft und in dessen Zentrum das Verlangen nach Macht und Geld steht. Es ist die Geschichte einer ideologischen Bewegung, die ihre Unschuld verliert; an die Stelle spiritueller Suche tritt die bedingungslose Unterwerfung unter starre Regeln einer Obrigkeit.
Die Konzentration auf die beiden gut ausgewählten Porträtierten schafft eine grosse Nähe zu ihnen und ihren Erlebnissen. Stellenweise wäre mehr Tiefe in der Betrachtung wünschenswert, um hinter dem Stereotyp eines mystischen Indiens mehr Differenzierung zu gewinnen. Allzu leicht laufen die Schlagworte Tantra, freier Sex, Verschmelzung von Ost und West sonst Gefahr, ein pauschal exotisiertes Bild von Spiritualität und eine vereinfachende Ost-West-Dichotomie abzugeben. Ausserdem wären mehr Kommentare zum Archivmaterial interessant, um den Alltag im Ashram besser vorstellbar zu machen. Viele Fragen bleiben am Schluss des Films offen. Wie unterscheidet sich Bhagwans Gemeinschaft von anderen Ashrams? Wie sieht ihre Gegenwart aus? Das grösste Rätsel bleibt jedoch, worin nun eigentlich die einzigartige Anziehungskraft des Gurus bestand: Bis zum Schluss bleibt Rajneesh eine fremde, schillernde Figur.

P: Das Kollektiv für audiovisuelle Werke GmbH, Teleclub, SF 2010. B / R: Sabine Gisiger und Beat Häner. K: Beat Häner, Matthias Kälin. S: Barbara Weber. M: Marcel Vaid. V: Filmcoopi AG, Zürich. W: Das Kollektiv für audiovisuelle Werke GmbH, Zürich.
35mm, Farbe, 98 Min., Dolby Digital, Englisch

28.5.2010, 12:29 | Kommentare(0) | Permalink
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