Der grosse Kater [Wolfgang Panzer]

Von Martina Huber [ Sélection CINEMA ]
Der grosse Kater

«Kater» wird der Bundespräsident genannt. Er hat den Zenit seiner Macht überschritten, will sich aber noch nicht geschlagen geben. Nun steht der Staatsbesuch des spanischen Königspaares auf dem Programm, das bedeutet zwei Tage Repräsentationspflichten nach allen Regeln des Protokolls. Der Anlass kommt ungelegen, denn auch das Privatleben bereitet dem Kater grossen Kummer. Er und seine Frau haben sich entfremdet, und seit der krebskranke Sohn im Kinderspital im Sterben liegt, mag Marie auch in der Öffentlichkeit nicht mehr die stets strahlende Präsidentengattin mimen. Diesen kritischen Moment nutzt Katers langjähriger Weggefährte und ehemaliger Rivale «Pfiff» zu seinen Gunsten. Kurzerhand nimmt er den Besuch des Kinderspitals ins offizielle Programm der höchsten Damen auf. Marie glaubt, es handle sich um ein wahltaktisches Manöver ihres Mannes und wehrt sich mit ihren eigenen Mitteln gegen die vermeintliche Geschmacklosigkeit. Es kommt zum Eklat.

Das Filmplakat von Der grosse Kater verheisst uns eine glamouröse Geschichte im Herzen der Classe Politique: Bruno Ganz trägt eine Katze auf dem Arm wie ehemals Don Vito Corleone. Diese hochtrabende Anspielung ist bezeichnend für die Vermarktung des Films, scheint aber nicht ganz unpassend, da der gesamte Film vor allem durch Oberfläche glänzt. Der grosse Kater präsentiert eine telegene Welt, einen prunkvoll inszenierten Kosmos voller geschmackvoll gekleideter Menschen. Ob all der Begeisterung für ausladende Bankette, landende Helikopter und Blumenarrangements gerät der Kern der Romanvorlage in den Hintergrund - unter anderem, weil die Geschichte in eine zeitlose Gegenwart versetzt worden ist. Thomas Hürlimann bezog sich in seinem Buch schliesslich auf einen Staatsempfang im Jahr 1979. Seine Romanfigur ist stark von spezifischen gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen geprägt: Die harte Erziehung im Kloster, der politische Aufstieg mit Hilfe der Partei, die permanente Überwachung durch den Staatsschutz sind zentrale Motive der Geschichte. Im Film wirken einzelne aus den 1970er-Jahren übernommene Elemente aufgesetzt und anachronistisch. Es entsteht keine kohärente oder stimmige Atmosphäre, Der grosse Kater transportiert ein klischiertes Schweiz-Bild.

Ein Film kann natürlich andere Schwerpunkte setzen als seine Vorlage, aber hier soll offensichtlich in erster Linie ein möglichst breites Publikum bedient werden. Im Endprodukt bleibt die Entourage beim Staatsempfang reine Kulisse; die Figuren wirken nie lebensnah, sie bleiben immer Schauspieler, die leider auch noch miserabel schweizerdeutsch synchronisiert wurden. Auch der Plot orientiert sich an der Oberfläche: alle Handlung wird erklärt und jede Emotion kommentiert. Und so ausgiebig wie das Schweizer Fernsehen, die luxuriöse Hotelküche und die Armee ins Bild gesetzt wurden (ohne dass es für die Geschichte notwendig gewesen wäre), bekräftigt den Vorrang produktionstechnischer Überlegungen.

P: Abrakadabra Films (Zürich), Neue Bioskop Film GmbH (München), Barry Films GmbH (Berlin), Schweizer Fernsehen, Teleclub AG, ARTE 2010. B: Claus Hant, Dietmar Güntsche, basierend auf dem Roman “Der grosse Kater” von Thomas Hürlimann. R: Wolfgang Panzer. K: Edwin Horak. T: Tobias Fleig, Michael Schlömer. S: Jean-Claude Piroué, Uli Schön. Aus: Josef Sanktjohanser, Barbara Bernhard, Michael Baumgartner. M: Patrick Kirst.
D: Bruno Ganz, Marie Bäumer, Ulrich Tukur, Christiane Paul, Edgar Selge, Justus von Dohnanyi, Martin Rapold, Stefan Gubser, Walo Lüönd, Sabine Berg, Beat Marti. V: Frenetic (Zürich). W: Abrakadabra Films AG (Zürich), Neue Bioskop Film GmbH (München), Barry Films GmbH (Berlin).
35mm, Farbe, 91 Minuten, Schweizerdeutsch/Deutsch.

30.1.2010, 11:25 | Kommentare(1) | Permalink

Podiumsdiskussion: «No Politics, please, we’re Swiss»

Von  Redaktion [ Veranstaltungen ]
Anlässlich der Solothurner Filmtage erschien die 55. Ausgabe des Schweizer Filmjahrbuchs CINEMA mit dem Titel "Politik". Zu diesem Thema veranstaltet CINEMA am Mittwoch, 27. Januar 2010 eine Podiumsdiskussion.

Debatten über den politischen Film und die Filmpolitik sind hierzulande so alt wie der Neue Schweizer Film. Doch warum entstehen heute kaum noch politische Filme? Fehlt es an politischer Reibung und an Daseinsnöten? Oder ist der Film einfach kein zeitgemässes Medium mehr für politische Aussagen? Das vom Jahrbuch CINEMA organisierte Podium liess FilmemacherInnen, BranchenvertreterInnen und WissenschaftlerInnen unterschiedlicher Generationen aufeinandertreffen.

PodiumsteilnehmerInnen

Nicole Hess (Filmjournalistin)
Marcy Goldberg (Filmwissenschaftlerin)
Ivana Lalovic (Filmemacherin)
Werner Schweizer (Filmemacher/Produzent)
Sabine Gisiger (Filmemacherin)^

Moderation

Julia Zutavern (Filmwissenschaftlerin)

Einen kurzen Live-Mitschnitt des Podiums finden Sie auf solotube.ch

29.1.2010, 16:01 | Kommentare(0) | Permalink

CINEMA 55: Politik

Von  Redaktion [ Aktuelle Ausgabe ]


Ob offensichtlich wie im Politthriller, in der Politsatire oder im Biopic, ob hintergründig wie im Horrorfilm, im Science-Fiction oder im Western, ob fiktional, dokumentarisch oder animiert – das Politische ist und war im Film schon immer allgegenwärtig. CINEMA 55: POLITIK will Film als Spiegel der Zeit untersuchen, das politisch Unkorrekte im Film ebenso wie das Korrekte aufspüren, Zensur und Propaganda thematisieren, subversive Underground-Filme und das Kino der Minoritäten betrachten, aber auch die politische Ausrichtung des Mainstream-Kino hinterfragen. Denn: Ist nicht jeder Film letztendlich politisch? Die Frage ist nicht neu, das Ziel ist es, sie neu und überraschend zu beantworten.

Neben inhaltlichen und formalen Aspekten sollen in der neuesten CINEMA-Ausgabe die politischen Rahmenbedingungen, die das Filmschaffen eines jeden Landes prägen, beleuchtet werden. Dabei soll auch die schweizerische Filmpolitik, die sich über die Jahrzehnte verändert hat und in letzter Zeit immer wieder zu hitzigen Diskussionen Anlass gab, nicht zu kurz kommen.

Und wie jedes Jahr gibt es im Kapitel Sélection CINEMA einen Überblick über das Schweizer Filmschaffen 2008/2009 mit kritischen Kommentaren.

CINEMA 55: Politik erscheint Ende Januar 2010 im neuen Design!

08.1.2010, 16:47 | Kommentare(0) | Permalink

Breath Made Visible [Ruedi Gerber]

Von Sonja Eisl [ Sélection CINEMA ]


Dass hier etwas nicht stimmt, ahnte Anna Halprin bereits während der Kinderballettstunden. Als die Mutter sie schliesslich «erlöste» und fortan zu Isadora Duncan, der grossen Pionierin des Ausdruckstanzes, schickte, folgte die Bestätigung: Tanz ist nicht gleich Tanz, auch wenn beides mit Bewegung zu tun hat. Wie ihre Meisterin aus Kindertagen wurde sie selbst zur Wegbereiterin einer neuen amerikanischen Tanzbewegung. Die gesellschaftlichen und künstlerischen Umbrüche ein Stück weit vorrausahnend, kehrte Halprin in den 50er-Jahren dem Broadway als damaligem Epizentrum des Modern Dance den Rücken und gründete mit dem San Francisco Dancers’ Workshop eine Truppe, die mit ihren radikalen (Outdoor-)Performances das Publikum weltweit aus seiner passiven Kunstkonsumhaltung aufrüttelte. Zusammen mit ihrem Mann und lebenslangen Kollaborateur Lawrence Halprin errichtete sie an der Westküste ihr eigenes Tanzmekka mitten im Wald, das bis heute den Freigeist der Blumenkinder atmet und Generationen von Tanzwilligen mit Workshops unter freiem Himmel läuterte.

Halprin radikalisierte die Perspektive auf den Tänzer, indem sie den Kunstbegriff öffnete und den Tanz als ein «Geburtsrecht» bezeichnet. «Tanz ist Bewegung ist sichtbar gemachter Atem also Leben», so lautet Halprins Analogie, die Ruedi Gerbers Filmdokumentation den Titel gibt. Der Schweizer Regisseur, der ausser bei Meta-Mecano (CH 1997), einem Film über das Basler Tinguelymuseum, bisher im angelsächsischen Raum gearbeitet hat, entwirft mittels Archivaufnahmen, aktuellen Interviews und Bühnenauftritten ein einfühlsames Portrait dieser atypischen Grande Dame mit Jahrgang 1920. Wie viele Kunstschaffende, die Mitte des 20. Jahrhunderts sozialisiert wurden, gibt es auch für Halprin keine klar verlaufenden Grenzen zwischen Leben und Kunst. Doch betreibt die immer noch als Tänzerin und Lehrerin aktive diesen Diffusionsprozess mit besonderer Konsequenz, indem sie die Kunst aus ihrem kulturellen Rahmen herauslöst und ihr statt dessen eine gemeinschaftsbildende und therapeutische Wirkung attestiert.

Gerbers Film Breath Made Visible fokussiert denn auch eindeutig auf die Tragweite von Halprins sozialem Kunstbegriff, etwa ihre Arbeit mit Krebs- und Aidskranken oder die Tanzstunden mit begeisterten Senioren in freier Natur. Die Bilder dieser Workshop- und Gruppenrituale wirken durch ihre Ausgestelltheit und gleichzeitige Authentizität oft befremdlich und berührend zugleich. Gut möglich, dass sie einem amerikanischen oder besonders tanzaffinen Publikum vertrauter erscheinen – eine Vermutung, die für den Film insgesamt gilt: Trotz der vielseitigen Quellen verpasst Gerber die Einbettung in ein Ganzes (zum Beispiel die zeitgenössische Tanz- und Kunstszene), um die Dimensionen von Halprins Arbeit zu verdeutlichen. Dies hätte allerdings neben den vielen schwärmerischen auch kritische Stimmen erfordert. Doch scheut sich der Regisseur die «Schattenseiten» dieser aussergewöhnlichen Vita (wie den Bruch mit den langjährigen Weggefährten oder die Situation von Halprins von klein auf den Leben-Kunst-Prozess mittragenden Kindern) wirklich zu beleuchten, was seinen Film zu einer etwas überkorrekt geratenen Hommage macht.

P: ZAS Film AG (Zürich), ZAS Film NY (New York) 2009. R, B: Ruedi Gerber. K: Ruedi Gerber, Adam Beckman. T: Margaret Crimmins, Tony Volante. S: Françoise Dumoulin, C. Peters. M: Mario Grigorov. V: Rialto Film AG (Zürich). W: ZAS Film AG (Zürich).
Digital Beta, Farbe, 80 Minuten, Englisch

02.1.2010, 16:52 | Kommentare(0) | Permalink

Verso [Xavier Ruiz]

Von Nathan Schocher [ Sélection CINEMA ]
Verso

Genf, Welthauptstadt für internationale Organisationen und Finanzmetropole, ist auch ein Umschlagplatz der Prostitution und des Drogenhandels. Dies macht uns der Prolog von Verso klar, der mit knappen «facts & figures» den Rahmen absteckt, in dem sich der Film bewegen wird. Von Beginn weg begleiten wir den Polizisten Alex (Laurent Lucas) aus nächster Nähe bei seinen Einsätzen und sehen, wie er im Bestreben, alles unter Kontrolle zu halten, selbst immer mehr ausser Kontrolle gerät. Sein Familienleben ist zerrüttet, seine Tochter konsumiert Drogen in schlechter Gesellschaft und sein ehemals bester Freund Victor (Carlos Leal), der früher ebenfalls Polizist war und mit dem Alex ein düsteres Geheimnis teilt, wird aus dem Gefängnis entlassen. Victor taucht sogleich in Genfs Unterwelt ab und macht sich nebenbei an Alex‘ Exfrau heran - Grund genug für Alex, Victor auch ohne dienstlichen Auftrag zu beschatten. Eine Entscheidung, die sich als verhängnisvoll erweist.

Verso ist einerseits Milieustudie, indem der Film die Schattenseiten der internationalen Finanzmetropole Genf beleuchtet, andererseits Polizeithriller, indem er in einem spannenden, nicht durchgehend chronologisch erzählten Plot ein Porträt eines Polizisten zeichnet, der in der Absicht gut und richtig zu handeln selbst an den Abgrund gerät. In sorgfältig stilisierten Bildern mit präziser Lichtsetzung hält Regisseur Xavier Ruiz die düstere Grundstimmung konsequent durch.

Das Highlight des Films ist Laurent Lucas als Alex, der durch Mimik und Gesten immer wieder deutlich macht, wie sehr sich Polizist und Krimineller zumindest in diesem Fall ähneln. Beide haben eine Vorliebe für dicke Autos, grosse Knarren und schöne Frauen. Beide sind Adrenalinjunkies, beide tragen eine grosse Portion Aggressivität mit sich herum, die sich in regelmässigen Gewaltausbrüchen Bahn bricht. In der Tradition des Film noir kommen in Verso Frauen nur als Trophäe oder Opfer vor, bis am Ende dann eine klassische Femme fatale die beiden Antagonisten des Films übertölpelt.

Natürlich besteht die Gefahr der Ästhetisierung von Gewalt in einem Film, der Gewalt eigentlich kritisieren will. Auch machen das Abstossende des porträtierten Milieus und die etwas stereotype Charakterisierung der Figuren es zu Beginn nicht einfach, in den Film hineinzufinden. Aber mit der Zeit beginnt die düstere Atmosphäre einen Sog zu entwickeln und die Intensität von Laurent Lucas‘ Spiel packt einen, ausserdem ist die Geschichte über weite Strecken nicht absehbar und wartet besonders am Schluss nochmals mit einer überraschenden Wendung auf. Vielleicht hätte es manchmal ein wenig mehr Tempo gebraucht, aber grundsätzlich ist dem Regisseur ein solider Thriller mit einigem Verstörungspotenzial gelungen, dessen Bilder einen auch noch nach Filmende nicht gleich loslassen.

P: Tarantula Suisse SA (Genf), Tarantula Belgique (Liège), Tarantula Luxembourg (Luxembourg) 2009. B: Nicholas Cuthbert, Xavier Ruiz. R: Xavier Ruiz. K: Greg Pedat. T: Alain Sironval. S: Jean-Paul Cardinaux. M: Tom Bimmermann. D: Laurent Lucas, Carlos Leal, Chloé Coulloud, Andres Andrekson. V: Elite Film AG (Zürich). W: Tarantula Suisse SA (Genf).
35 mm, Farbe, 105 Minuten, Französisch.

01.1.2010, 21:13 | Kommentare(0) | Permalink

Der Fürsorger [Lutz Konermann]

Von Martina Huber [ Sélection CINEMA ]
Der Fürsorger

Lug und Betrug! Unanständige Rendite! Ein kostspieliges Doppelleben! Und alles ziemlich wahr, denn Der Fürsorger ist der Biografie von Hanspeter Streit frei nacherzählt. Streit alias Dr. Claudius Alder sorgte in den 1970er- und 80er-Jahren als «Millionenbetrüger» in der Schweiz für Aufsehen. Im Film von Lutz Konermann heisst er Stalder und wird von Roeland Wiesnekker dargestellt.

Stalder ist ein ehemaliger Jungsoldat der Heilsarmee, ein Fürsorger und Familienvater, der auf die Idee kommt, seinen immer teureren Lebensstil mit dubiosen Geldgeschäften zu finanzieren. Er habe Kenntnis von einem «Geheimcode» und «Beziehungen» zum Finanzdirektor der «Chemie Schweiz AG» - mit dieser Mär und der Aussicht auf fantastische Gewinne überzeugt er zahlreiche private Klienten und Geschäftsleute, ihm grosse Bargeldbeträge anzuvertrauen. Stalder wird zwar an seiner ersten Wirkungsstätte verhaftet, aber sein Fluchtversuch aus dem Gefängnis glückt noch vor der gerichtlichen Verurteilung. Er taucht unter, wechselt die Identität, bleibt unerkannt. So kann er in seinem neuen Leben – und ohne seine zweite Ehefrau über die Hochstapelei aufzuklären – an einem anderen Ort die gleiche Methode weiterverfolgen. Wieder gelingt es ihm, einige Dorfbewohner von den Vorteilen der wundersamen Geldvermehrung zu überzeugen. Kaum einer seiner Kunden interessiert sich für die Details der Finanzaktionen. Von sagenhaften Gewinnaussichten geblendet, lässt man sich nicht nur von selbstgemalten Aktien irritieren, sondern ersteht noch dazu prestigeträchtige Verwaltungsratssitze und schliesst eigenartige Monopolverträge ab. Festgenommen wird Stalder schliesslich wegen fehlender Identitätspapiere. Nachdem er sich jahrelang mit Ausflüchten hatte herausreden können, ist es zuletzt schwierig geworden, das Lügengebäude aufrecht zu erhalten.

Die schweizerisch-luxemburgische Produktion Der Fürsorger findet mit mehreren Erzählebenen eine adäquate Form für diese verwirrliche Lebensgeschichte. Wenn Hanspeter Stalder aka Jean-Pierre aka Dr. Claudius Lenz bei der Polizei sein Geständnis ablegt, der zukünftigen Ehefrau beichtet oder aus dem Gefängnis Briefe an die Tochter schreibt, werden verschiedene Facetten von Realität und Fiktion auf unterhaltsame Weise verwoben.

Dem Millionenbetrüger Streit gelang es mit Erzählkunst, Cleverness und krimineller Energie, die bigotte Gutgläubigkeit seiner Opfer auszunützen. Ihre schamlosen Gewinnerwartungen waren aber mitentscheidend, wenn es darum ging, an der Nase herumgeführt zu werden. In Der Fürsorger sind diesen wesentlichen Motiven und der zwiespältigen Hauptfigur alle Kanten abgeschliffen worden. Das Resultat ist eine witzige, professionell produzierte, flott geschnittene und bemerkenswert schön ausgestattete Tragikomödie - aber auch die brave und unverbindliche Darstellung einer dramatischen Geschichte und darum eine verpasste Chance, denn der Zeitpunkt für eine vertiefte Auseinandersetzung mit Geldgier und Scheinheiligkeit wäre perfekt gewesen. Mit etwas mehr psychologischem Tiefgang und einer profunderen Einbettung ins gesellschaftliche Umfeld wäre aus diesem Protagonisten mehr geworden als eine melodramatische (Witz)figur mit kuriosem Lebenslauf.

P: Fama Film (Zürich), PTD Studio (Luxemburg), Elsani Film (Köln) 2009. B: Lutz Konermann, Felix Benesch. R: Lutz Konermann. K: Sten Mende. T: Laurent Barbey, Ralph Popov. S: Thierry Faber. Aus: Heidi Lüdi. Kostüme: Isabelle Dickes. M: Anselme Pau. D: Roeland Wiesnekker, Katharina Wackernagel, Johanna Bantzer, Claude De Demo, Andrea Guyer, Thierry van Werke, Michael Neuenschwander, Leonardo Nigro, Manfred Liechti. V: Filmcoopi Zürich AG (Zürich). W: Fama Film AG (Zürich).
35 mm, Farbe, 96 Minuten, Schweizerdeutsch

11.11.2009, 18:49 | Kommentare(2) | Permalink

Im Sog der Nacht [Markus Welter]

Von Christina von Ledebur [ Sélection CINEMA ]
Im Sog der Nacht

Roger hat vom Leben die Schnauze voll. Er hat keine Familie mehr, von seiner Freundin hat er sich soeben getrennt. Er will sich umbringen. Doch im allerletzten Moment verlässt ihn der Mut. Er drückt zwar ab, statt sich aber das Gehirn wegzublasen, verletzt er sich bloss am Ohr. Durch den Schuss auf ihn aufmerksam geworden, kümmern sich seine beiden neuen Nachbarn Lisa und Chris um ihn. Bald wird dem Paar klar, dass sie in dem lebensmüden Durchschnittstypen Roger den perfekten Partner für ihren geplanten Banküberfall gefunden haben.

Der Überfall ist akribisch genau geplant, doch unerwarteterweise ist neben dem Bankdirektor auch dessen Frau im Saferaum anwesend. In der Hektik verliert Chris die Fassung und schlägt die Frau nieder. Hals über Kopf fliehen die drei Gauner in die Berghütte von Lisas Tante. Dort erfahren sie durch die Medien, dass die Frau des Bankdirektors verblutet ist. Die Stimmung schlägt um. Erst noch euphorisch glücklich über das erbeutete Geld, beginnt sich in der Dreierkonstellation Misstrauen breit zu machen. Chris’ Skrupellosigkeit stösst Roger vor den Kopf und auch Lisa überkommen Zweifel. Doch sich der Polizei zu stellen, steht ausser Frage und so begeben sich die drei auf die Flucht über die Landesgrenze und geraten mehr und mehr in eine Spirale von Gewalt und Angst. Während Lisa und Roger sich dabei näher kommen, verliert Chris zunehmend die Kontrolle über sich.

Im Sog der Nacht beginnt wie ein waschechter Thriller. Doch schon bald nach dem geglückten Banküberfall wandelt sich der Film in ein Kammerspiel, welches zwar noch immer von grosser Spannung lebt, aber vor allem die Persönlichkeiten der drei Beteiligten ausleuchtet. Die Figur von Lisa steht dabei zwischen den zwei Männern. Und während der eine sich das Leben nehmen wollte und durch Lisa schrittweise zurück ins Leben findet, verliert der andere den Halt im Leben und schlittert dem Tod entgegen.

Die Filmografie des gebürtigen Deutschen Markus Welter, der sich vorwiegend als Cutter bei Filmen wie zum Beispiel Strähl (Manuel Flurin Hendry, CH 2004) einen Namen gemacht hat, bestand bisher aus Werbefilmen sowie einem Kurzfilm. Mit Im Sog der Nacht gibt er ein überzeugendes Kinodebüt. Er verfilmte einen Roman des norwegischen Autors Fredrik Skagen von 1995. Nachdem er während fünf Jahren das Geld für seinen Film zusammengesucht hatte, entstand Im Sog der Nacht letztendlich in Rekordgeschwindigkeit.

Welter konnte für sein Debüt ein tolles Schauspieler-Trio gewinnen. Die Hauptrolle, für die zunächst Dominique Jann vorgesehen war, wird von Nils Althaus (Breakout, Mike Eschmann, CH 2007 / Happy New Year, Christoph Schaub, CH 2008) gespielt. Der Schweizer Shootingstar des Jahres 2006 hat einen schwierigen Stand gegen Stipe Ergec, dem die Rolle des durchgeknallten Aussenseiters wie auf den Leib geschrieben ist. Dies hat der deutsch-kroatische Schauspieler bereits in Die fetten Jahre sind vorbei (Hans Weingartner, D 2004) bewiesen, ein Film übrigens, der beinahe wie eine Vorlage für Im Sog der Nacht scheint. An Ergecs Seite spielt die Deutsche Lena Dörrie, die mit der Rolle von Lisa ein überzeugendes Leinwanddebüt gibt.

P: HesseGreutert Film (Zürich), Greensky Films GmbH (Köln), SF, SWR, Teleclub AG 2009. B: Moritz Gerber, Markus Welter. R: Markus Welter. K: Pascal Remond. T: Christian Heck, Hugo Poletti. S: Cécile Welter, Markus Welter. M: Michael Sauter. D: Nils Althaus, Lena Dörrie, Stipe Erceg, Urs Bihler, Nina Hesse Bernhard, Samuel Weiss, Martin Ostermeier, Thomas Douglas, Manfred Liechti. V: Praesens Film AG (Zürich). W: Arri Media Worldsales (München).
35mm, Farbe, 86 Minuten, Deutsch/Schweizerdeutsch.

09.11.2009, 10:14 | Kommentare(0) | Permalink

Barfuss nach Timbuktu [Martina Egi]

Von Sonja Eisl [ Sélection CINEMA ]
Barfuss nach Timbuktu

Der Hauert Gartendünger steht bereit. Daneben Säcke voll Samentütchen mit Schweizer Qualitätsgarantie, die jetzt unter den Einwohnern des malischen Wüstendorfes Araouane weitergereicht und skeptisch studiert werden. Eine Szene, ungewollt komisch, eingefangen von einem amerikanischen Fernsehteam, das 1989 die wundersame Wandlung dokumentierte, die in dieser verödeten Oase inmitten der Sahara vor sich ging. «Hier entsteht ein Garten Eden»– so oder ähnlich könnte das ambitionierte Hilfe-zur-Selbsthilfe-Projekt des Schweizer Malers und Lebenskünstlers Ernst Aebi gelautet haben, das durch politische Unruhen 1991 ein jähes Ende fand. 20 Jahre danach kehrt er, begleitet von Martina Egis Filmcrew, zurück. Was er vorfindet ist eine verödete Oase und die Erkenntnis, eine Million Franken in den Sand gesetzt zu haben.

Regisseurin Egi, die ihre Affinität für Porträts von aussergewöhnlichen Zeitgenossen bereits als Produzentin von Fernseh-Dokumentationen wie O mein Papa (CH 2007, über den Komponisten Paul Burkhard) und Yehudi Menuhin – die Schweizer Jahre (CH 2006) unter Beweis gestellt hat, versucht in ihrem Kinodebüt einem eigentlich «Unfassbaren» auf die Schliche zu kommen. Den dramaturgischen Aufhänger liefert Aebis Hilfsprojekt, dem der Porträtierte selbst aber mit seinem natürlichen Charme und seiner schillernden Biografie fast etwas den Rang abläuft. «Er ist immer die Hauptfigur in seinen eigenen Geschichten», bemerkt Aebis Sohn in einem Interview – man glaubt ihm aufs Wort. Der Film kommt ohne jeglichen Kommentar aus, und so berichtet über weite (Ton-)Passagen hinweg Aebi über Aebi. Komplettiert durch Interviews mit Freunden und Familienangehörigen sowie zahlreiches filmisches und fotografisches Archivmaterial zeichnet die Filmautorin den Lebensweg dieses Tausendsassas und Weltenbummlers aus Zürich-Wiedikon, der in den 1970ern das New Yorker Kreativviertel Soho begründete, Lofts gewinnmaximierend umbaute und parallel dazu vor Gericht das Erziehungsrecht für seine vier Kindern erstritt. Einer also, der oft den richtigen Riecher hatte oder auch einfach keine Angst vor der eigenen Courage. So charmant und beeindruckend Aebis Anekdoten sind, so wichtig, ja unentbehrlich sind die ergänzenden Stimmen von aussen, die mit dem Bruder, Partner oder Vater nicht eben zimperlich umgehen: Was Egi den Interviewten an Aussagen entlocken kann, ist erstaunlich und das eigentliche Salz dieses Dokumentarfilmes. Wie kleine platzende Bomben offenbaren diese intimen Einblicke bisweilen aufs Schönste den Unterschied zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung und verleihen vielen von Aebis Episoden damit erst wirkliche Authentizität und Tiefe.

«Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt», lautet denn auch sein abschliessendes Fazit beim Anblick der im Sand versunkenen Ruinenlandschaft. Ein Votum, dem sich die Kritikerin anschliessen kann. Froh, die unnötig kitschig inszenierte Eingangssequenz (mit einem barfuss durch die Wüste wandernden Ernst Aebi) am Ende fast ganz vergessen zu haben.

P: Mesch & Ugge AG (Zürich), SF 2009. R: Martina Egi. B: Martina Egi, Beat Hirt. K: Frank Messmer. T: Florian Flossmann, Roberto Filaferro. S: Christian Müller. M: Fatima Dunn, Nico Contesse. V: Filmcoopi AG (Zürich). W: Mesch & Ugge AG (Zürich).
Digital Beta, Farbe, 87 Minuten, Deutsch/Englisch/Französisch

08.11.2009, 10:30 | Kommentare(0) | Permalink

Rocksteady – The Roots of Reggae [Stascha Bader]

Von Nathan Schocher [ Sélection CINEMA ]
Rocksteady

Wem sagen die Namen Marcia Griffiths oder Hopeton Lewis etwas? Hierzulande wohl den wenigsten, doch in Jamaika gehören sie zu den Stars einer goldenen Ära der reichen Musikgeschichte dieser Insel, der Zeit des Rocksteady. Und über Coverversionen sind ihre Songs gar zu Welthits avanciert, wie zum Beispiel «The Tide Is High» von Blondie oder «Rivers Of Babylon» von Boney M beweisen, die im Original von Marcia Griffiths respektive Hopeton Lewis interpretiert worden waren.

Was zeichnet denn den Rocksteady musikalisch aus? Eigentlich ist er eine verlangsamte Form des Ska und damit der Ursprung des Reggae, wie ihn Musiker wie Bob Marley dann in den Siebzigerjahren in die Welt hinausgetragen haben. Rocksteady ist eine sehr positive und seelenvolle Musik und widerspiegelt damit das optimistische Klima einer Zeit ökonomischen Wachstums in Jamaika zwischen 1966 und 1968 – in den ersten Jahren, nachdem die Insel von der britischen Krone unabhängig wurde.

Anlass zum Dokumentarfilm von Stascha Bader gibt ein Zusammentreffen der legendären Musiker des Rocksteady zu Neuaufnahmen ihrer alten Hits und einem abschliessenden Konzert. Dabei schwelgen die Musiker in Erinnerungen und lassen die Zuschauer an der Entstehungsgeschichte des Rocksteady-Sounds und ihrer Hits teilhaben. Bader ist ein erfahrener Regisseur von Musikdokumentationen und hat die Protagonisten seines Films an viele geschichtsträchtige Orte geführt, wo sie entscheidende Stationen der Rocksteady-Musik wieder aufleben lassen. Sozusagen als roter Faden fungiert Sänger Stranger Cole, der als eine Art Märchenonkel die Zuschauer auf der Insel begrüsst und in deren musikalische Schätze einführt. Dazwischen schwankt der Film zum Teil etwas konzeptlos zwischen den aktuellen Aufnahmen der Reunion und Archivaufnahmen hin und her. Damit nimmt er in Kauf, dass sich manche Erinnerungen und Statements wiederholen. Etwas irritierend ist auch der Gastauftritt von Rita Marley, die allzu Privates aus ihrem Zusammenleben mit Bob Marley preisgibt, ohne dass es die Thematik des Films erfordern würde.

Effektiv mitreissend ist dagegen die Musik, die im Kontext des aktuellen Revivals der Soulmusik der Sechzigerjahre wieder überraschend modern klingt. So hört man manchen Gassenhauer plötzlich mit neuen Ohren und erfährt dazu noch einiges über die spirituellen und historischen Wurzeln der Musik. Nicht unerwähnt bleiben soll an dieser Stelle auch die ungemein sympathische Ausstrahlung der Musiker, die nicht nur bei den Musikaufnahmen und auf der Konzertbühne für ihr Alter extrem vitale Performances hinlegen, sondern in den Interviews auch interessante und kluge Vergleiche zum heutigen Jamaika und seiner Musikszene anstellen.

P: HesseGreutert Film AG (Zürich), Muse Entertainment Enterprises (Montreal), Peace Arch Entertainment (Marina del Rey), SF 2009. B, R: Stascha Bader. K: Pjotr Jaxa, Andreas Birkle, Carlotta Steinemann. S: Teresa De Luca, Mathieu Grondin, Claudio Cea. T: Dieter Meyer. M, D: Ken Boothe, Hopeton Lewis, Leroy Sibbles, Stranger Cole, Judy Mowatt, Marcia Griffiths, Derrick Morgan, U-Roy, Dawn Penn, The Tamlins. V: Filmcoopi Zürich AG (Zürich). W: Peace Arch Entertainment (Marina del Rey).
35 mm, Farbe, 95 Minuten, Englisch.

08.11.2009, 10:22 | Kommentare(0) | Permalink

sounds and silence – unterwegs mit Manfred Eicher [Peter Guyer, Norbert Wiedmer]

Von Nathan Schocher [ Sélection CINEMA ]
Sounds and silence

Sounds and silence trägt den Untertitel unterwegs mit Manfred Eicher. Manfred Eicher hat mit der Schallplattenfirma ECM (Edition of Contemporary Music) Ende der Sechzigerjahre das vielleicht weltweit einflussreichste Musiklabel für zeitgenössische Musik gegründet. Als musikalischer Nomade reist er um den Erdball im Bestreben, die Schönheiten zeitgenössischer Musik in möglichst perfekter Klangqualität einzufangen. Peter Guyer und Norbert Wiedmer sind mitgereist und haben dabei, anders als es der Untertitel vermuten lassen würde, nicht ein Porträt des umtriebigen Produzenten geschaffen, sondern einen Filmessay über Musik und die Stille, aus der Klänge entstehen.

Es herrscht also ganz programmatisch entweder Stille oder es spricht die Musik. Damit wir Zuschauer ganz genau hinhören, sind sowohl stille wie klingende Passagen in einer Art bebildert, die nicht vom Hören ablenkt. Bilder vom Reisen und von Landschaften, aber natürlich auch von Musikern bei der Arbeit, machen es möglich, sozusagen mit den Ohren zu sehen, wie Musik entsteht. Die im Film vorkommende Musik widerspiegelt die Vielfalt des Label-Programms und schlägt den Bogen von neuer Klassik über Jazz bis Weltmusik; ein faszinierender globaler Musikteppich, der einen durch den Film trägt.

Manfred Eicher selbst ist das Gegenteil eines Selbstdarstellers, die Musiker, mit denen er an Aufnahmen arbeitet, sind häufiger im Bild als er. Obwohl er selbst zu Protokoll gibt, dass ein guter Musikproduzent auch Musiker sein müsse, wird seine eigene Vergangenheit als Kontrabassist nur kurz thematisiert. Wir erleben dafür einen offensichtlich gleichberechtigten Partner im Dialog mit den Musikern, einen Verbündeten auf der Suche nach dem perfekten Klang. Diese Einstellung und sein Engagement tragen ihm wiederum den hohen Respekt ein, den er bei den Komponisten und Musikern geniesst.

Anstrengende Aufnahmen in einer Kirche machen den geradezu sakralen Ernst deutlich, mit dem beispielsweise Arvo Pärt mit Manfred Eicher arbeitet. Umso stärker wirkt dann der magische Moment, als Eicher und Pärt – beglückt von einer gelungenen Aufnahme – spontan zu einem Tänzchen ansetzen. Leider beleben solche unbeschwerten Momente den Film selten, etwas oft beugen sich ernste, hochkonzentrierte Mienen über Instrumente, Partituren und Mischpulte. Gut möglich, dass dieses Arbeitsethos unabdingbar ist für die Qualität der im Entstehen begriffenen Aufnahmen. Dennoch riskiert dessen Darstellung im Film, dass damit das auf Nichteingeweihte manchmal abweisend wirkende Image der zeitgenössischen E-Musik oder des Jazz zementiert wird. Das ist schade, denn wer sich dem Fluss der Bilder und dem wirklich wunderschön subtil herausgearbeiteten Klang der Musik hingibt, wird diese Vorurteile nicht bestätigt finden.

P, W: Recycled TV AG (Bern), Biograph Film (Aarberg), ZDF/3sat (Mainz), SRG SSR idée suisse 2009. B, R, K: Peter Guyer, Norbert Wiedmer. S: Stefan Kälin. T: Balthasar Jucker. M, D: Manfred Eicher, Arvo Pärt, Anouar Brahem, Eleni Karaindrou, Dino Saluzzi, Anja Lechner, Gianluigi Trovesi, Nik Bärtsch, Marilyn Mazur, Jan Garbarek. V: Filmcoopi Zürich AG. W: Recycled TV AG (Bern), Biograph Film (Aarberg).
35 mm, Farbe, 90 Minuten, Deutsch/Englisch/Französisch/Italienisch/Spanisch.

07.11.2009, 10:24 | Kommentare(0) | Permalink
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