Tôt ou tard [Jadwiga Kowalska]

Von Thomas Hunziker [ Sélection CINEMA ]
Tôt ou tard

Sonne, Mond und Sterne verzieren das riesige Zahnrad, dass sich ächzend im Innern der Erde in Bewegung setzt. Weiter oben steht eine Eiche, auf und in der ein Eichhörnchen und eine Fledermaus leben. Das Eichhörnchen sammelt am Tag seine Nüsse, die Fledermaus jagt in der Nacht nach Mücken. Die verschiedenen Welten sind durch Tageszeiten voneinander getrennt. Das Räderwerk in der Unterwelt steuert Tag, Nacht und noch einiges mehr.

Doch eines Tages lässt das Eichhörnchen eine Nuss fallen, die im Innern der Eiche in die Tiefe rollt und zwischen zwei Rädern eingeklemmt wird. Der geregelte Alltag gerät ins Stocken, Tag und Nacht sind gleichzeitig. So treffen Eichhörnchen und Fledermaus aufeinander. Die beiden Einzelgänger machen sich auf eine gemeinsame Reise und entdecken die seltsamsten Auswirkungen der einzelnen Zahnräder auf ihre beschauliche Welt. Da stehen die beiden plötzlich Kopf und lösen eine Sintflut aus. Als der Schaden behoben ist, wird dem Eichhörnchen langweilig.

Hat das sprichwörtliche Sandkorn im Getriebe für gewöhnlich unerwünschte Auswirkungen, erweist sich die Eichel im Räderwerk von Tôt ou tard als erfreulicher Auslöser einer ungewöhnlichen Freundschaft. Charmant, subtil und auch ein wenig hintersinnig schildert Jadwiga Kowalska die besondere Begegnung und ihre Folgen. Die einfühlsam erzählte Geschichte bietet viel Spielraum für Interpretationen, lässt sich aber auch als einfaches Abenteuer von zwei gegensätzlichen Figuren geniessen.

Für ihren Diplomfilm an der Hochschule Luzern verwendete Kowalska geschmeidige Legetechnik und dezente 2D-Computeranimation. Wie schon in Die Erde ist rund (CH 2006) lässt sie behutsam Humor einfliessen und entwickelt einen entspannten Rhythmus. Abgerundet wird das harmonisch inszenierte Werk durch die sehnsüchtige Klezmer-Musik von Louis Crelier, und die ausgefeilten Toneffekte von Alexander Miesch und Denis Séchaud, die es wunderbar rattern, surren, knarren und quietschen lassen.

Die vermutlich höchste Auszeichnung erhielt Jadwiga Kowalska im März 2009, als ihr für Tôt ou tard der Schweizer Filmpreis verliehen wurde. Aber auch an zahlreichen Festivals bewährte sich die bezaubernde Geschichte. Die Liste der Auszeichnungen ist beeindruckend lang. Neben Hauptpreisen an den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen und dem Jeugfilm Festival in Antwerpen erhielt Tôt ou tard auch die Publikumspreise am Festival Animateka in Ljubljana, den Bremer Tierfilmtagen Camera Animale und den Schweizer Jugendfilmtagen in Zürich.

P: Hochschule Luzern (Luzern), SF 2008. B, R, K, Animation: Jadwiga Kowalska. T: Alexander Miesch, Denis Séchaud. M: Louis Crelier. V, W: Hochschule Luzern (Luzern).
35mm, Farbe, 5 Minuten, ohne Dialoge

01.11.2009, 10:37 | Kommentare(0) | Permalink

Signalis [Adrian Flückiger]

Von Thomas Hunziker [ Sélection CINEMA ]
Signalis

Schon Christian Morgenstern erkannte die künstlerische wertvolle Bedeutung von Wieseln. Sein ästhetisches Wiesel sass inmitten Bachgeriesel – um des Reimes willen. Für seinen animierten Kurzfilm Signalis hat Adrian Flückiger ebenfalls ein Wiesel als Hauptfigur ausgesucht. Erwin sitzt inmitten Verkehrsgeriesel. Er steuert in einer Ampel den Fluss der Autos. Das kann ganz schön eintönig sein. Aber nur, wenn alles nach Plan läuft.

Der Tagesablauf von Erwin ist nach einem strengen Schema geregelt. Im mittleren, gelben Stock sind sein Bett, die Zuckerwürfel und der Kühlschrank. In der unteren, grünen Etage befinden sich der Wecker, der ihn um 5 Uhr zum Dienst ruft, der Esstisch, die Küchenutensilien und das dekorative Bild von der grünen Wiese. Im oberen, roten Stock warten die Kaffeemaschine, der Kochherd, der Fernseher und die Toilette. So eilt Erwin regelmässig die Treppe hoch, um danach an einer Stange in den untersten Stock zu rutschen und befriedigt während der Arbeit auch gleich seine persönlichen Bedürfnisse.

Nach Arbeitsschluss bleibt noch genügend Zeit, um ein wenig fernzusehen. Doch eines Abends schläft Erwin vor dem Fernseher kurz ein. Weil er dadurch seine Tasse vergisst, gerät der nächste Tag ganz schön aus dem Lot. Anstatt der Tasse stellt Erwin die Giesskanne unter die Kaffeemaschine. Doch das klappt nicht wirklich. Irgendwie will sich anschliessend der geregelte Ablauf einfach nicht mehr einstellen und so verschieben sich die Phasen der Ampel. Unter Druck trifft Erwin eine folgenschwere Entscheidung, die zum befreienden Knall führt.

Wie schon im Kurzfilm What‘s Next? (CH 2007), den er zusammen mit Claudia Röthlin realisierte, entwickelt Adrian Flückiger in Signalis, seiner Abschlussarbeit an der Hochschule Luzern, aus einer einfachen, aber fantastischen Grundidee einen hinreissenden Stop-Motion-Film. Technisch überzeugen der ausgeklügelte, pulsierende Rhythmus, die lebendige Tonspur und das dynamische Zusammenspiel von Animation und Schnitt. Inhaltlich begeistert der verschmitzte Humor und die trotz reduzierten Requisiten liebevollen Details – so sieht Erwin sich im Fernsehen etwa Autorennen an und die Positionen all seiner Utensilien sind sorgfältig an Wänden und Böden markiert.

Das Abenteuer des Wiesels hat sich 2009 als wahrer Abräumer an zahlreichen Festivals entpuppt. Neben diversen Auszeichnungen erhielt Signalis die Publikumspreise am Animationsfilmfestival Fantoche, an den Schweizer Jugendfilmtagen, am Time Film Festival in Lausanne und am IAFF in Lodz. Zudem gewann Flückigers Film in Solothurn den Nachwuchspreis Suissimage/SSA und wurde für den Schweizer Filmpreis nominiert.

P: Hochschule Luzern (Luzern), SF 2008. B, R, K, Animation: Adrian Flückiger. T: Joern Poetzl, Wolf-Ingo Römer, Philipp Sellier. M: Andy Iona. V, W: Hochschule Luzern (Luzern).
Beta SP, Farbe, 5 Minuten, ohne Dialoge.

01.11.2009, 10:34 | Kommentare(0) | Permalink

The Sound of Insects – Record of a Mummy [Peter Liechti]

Von Christina von Ledebur [ Sélection CINEMA ]
The Sound of Insects

Ein Polizeiwagen steht am Waldrand. Aus dem Gestrüpp tragen Beamte die mumifizierte Leiche eines Mannes, der sich während mehrerer Wochen in einer kleinen Plastikhütte zu Tode gehungert hat. So beginnt Peter Liechtis neuestes Werk The Sound of Insects – Record of a Mummy. Was folgt ist eine filmische und musikalische Auseinandersetzung mit dem, was vorher geschah. Ein 40-jähriger Mann beschliesst, sich umzubringen. Mit einer Plastikplane, einem Radio und einem Tagebuch ausgerüstet, verschanzt er sich im Wald und wartet auf den Tod. Doch dieser lässt lange auf sich warten. Statt der erwarteten vier Wochen siecht der Mann während zweier Monate dahin. Die Veränderungen seines Körpers und seines Geistes hält er akribisch genau und bis kurz vor seinem Tod in seinem Tagebuch fest. Nach und nach wird sein Körper so schwach, dass er sich kaum mehr bewegen kann, und sein Geist beginnt zu halluzinieren. In welcher Form wird der Tod ihm erscheinen? Ist er schon lange da und seine Gedanken nur noch ein Nachhallen, ein letztes Aufflammen von Leben vor dem grossen Nichts?

Der St. Galler Regisseur Peter Liechti hat sich für The Sound of Insects – Record of a Mummy an einem literarischen Text des Japaners Shamada Masahiko orientiert, der wiederum auf einer wahren Begebenheit basiert, nämlich auf den Aufzeichnungen eines Mannes, der sich zu Tode hungerte. Zu den Aufzeichnungen, die im Off zu hören sind, hat Liechti einen Reigen von Bildern zusammengestellt, welche die halluzinativen Zustände illustrieren, in die der Schreibende mehr und mehr gerät. Bisweilen sind das ganz konventionelle Bilder wie die des Sensemanns, andere sind meditativer Art oder suggerieren Träume des Sprechers. Diese Assoziationen werden gemischt mit Aufnahmen, in welcher die Kamera auf die Plastikplane gerichtet ist, mit der sich der Sterbende vor Wind und Regen schützt und deren Zustand den langsamen Verlauf der Zeit illustriert. Begleitet wird die Bildersammlung von einer durchgehenden Tonspur aus Musik und Geräuschen. Je näher der Sprecher dem Tod kommt, desto intensiver und subtiler werden die Geräusche. Auf einmal wird sein Alltag vom «Summen der Insekten» - so der deutsche Titel des Filmes – beherrscht.

Liechti bewegt sich mit The Sound of Insects – Record of a Mummy wie bereits in mehreren seiner Arbeiten an der Grenze zwischen Dokumentarfilm und Experimentalfilm. Zwar ist die Geschichte im Dokumentarischen verankert, was Liechti aber daraus macht, ist eine Art Assoziationsfluss in Bildern und Tönen. Es gelingt ihm, damit einen beklemmenden Sog herzustellen, der einen letztendlich – genau wie den Protagonisten – auf den Tod als Erlösung warten lässt.
Für die Musik zeichnet Norbert Möslang, die Bilder stammen von Liechti selbst und vom kürzlich verstorbenen Kameramann Matthias Kälin. Als Sprecher in der englischen Version ist Peter Mettler, kanadischer Regisseur mit Schweizer Wurzeln, zu hören, in der deutschen Alexander Tschernek. The Sound of Insects – Record of a Mummy wurde an zahlreichen Festivals aufgeführt und mit dem Europäischen Dokumentarfilmpreis 2009 ausgezeichnet.

P: Liechti Filmproduktionen GmbH (Zürich), Schweizer Fernsehen 2009. B: Peter Liechti (nach einem Roman von Shimada Masahiko). R: Peter Liechti. K: Matthias Kälin, Peter Liechti, Peter Guyer. T: Christian Beusch, Balthasar Jucker. S: Tania Stöcklin. M:Norbert Möslang, Christoph Homberger. V: Look Now! (Zürich). W: Autlook Filmsales GmbH (Wien).
35mm, Farbe und s/w, 88 Minuten, Deutsch/Englisch.

06.10.2009, 18:17 | Kommentare(3) | Permalink

Space Tourists [Christian Frei]

Von Nicola Ruffo [ Sélection CINEMA ]
Space Tourists

Auch Milliardäre suchen nach dem Sinn des Lebens. Christian Freis neuster Dokumentarfilm Space Tourists porträtiert Zeitgenossen, die in ihrem irdischen Dasein so viel Geld verdient haben, dass es schwierig wird, alles wieder in einem Menschenleben auszugeben. Und darum wollen sie ihren utopisch geglaubten Kindheitstraum verwirklichen. Was früher für Normalsterbliche unmöglich war, ist seit einigen Jahren mit dem nötigen Kleingeld von 20 Millionen Dollar käuflich: ein Flug ins All. Facettenreich zeigt Space Tourists den Wandel der ehemaligen sowjetischen Raumfahrt von der Propaganda zum Geschäft. Wohlhabende Weltraumtouristen nehmen den militärischen Drill des russischen Weltraumprogramms auf sich, um mit der Sputnik für ein paar Tage schwerelose Ferien zu verbringen.

Anousheh Asari ist die erste weibliche Weltraumtouristin. Ihre Geschichte zieht sich wie ein roter Faden durch den Dokumentarfilm. Von der Vorbereitung bis zur Landung kommentiert sie ihre Erlebnisse selbst. Ihre Dokumentation des Kosmonautinnen-Alltags erschöpft sich jedoch schnell im Trivialen. So führt sie dem Zuschauer etwa die Funktionsweise einer Toilette im Weltall vor. Überraschender sind die kontrastierenden Nebenschauplätze des Weltraumtourismus, die der Schweizer Dokumentarfilmer Frei in seinem Werk zeigt. Sein Kameramann Peter Indergand filmt Orte am Boden, die noch verlassener wirken als das Weltall. Als eine Art Reiseleiter führt der Magnum-Fotograf Jonas Bendiksen den Kinozuschauer durch heruntergekommene Ruinen des sowjetischen Weltraumbahnhofs Baikonur. Die Kompositionen von Edward Artemyev, der auch die Musik zu Solaris (UdSSR 1972) und Stalker (UdSSR 1979) von Andrei Tarkowski komponierte, verstärken eindrücklich die Wirkung dieser verlebten Atmosphäre. Poetische, fast surreal anmutende Bilder von Raketenschrottsammlern, erhascht die Kamera mitten im kasachischen Nirgendwo. Die Schrottsammler sind auf der Jagd nach den begehrten Raketenstufen, die nach jedem Start ins Weltall vom Himmel fallen. Anschliessend verkaufen die Schrotthändler die Raketenteile nach China, wo Aluminiumfolie daraus gefertigt wird. Oder wie es der Fotograf Bendiksen lapidar formuliert: „In einer globalisierten Welt wickelt man sein Sandwich – in ein altes Raumschiff!“

Space Tourists zeigt das neue Phänomen Weltraumtourismus nicht als blosse Science Fiction, sondern als ein Zeichen unserer Zeit. Seine Protagonisten könnten unterschiedlicher nicht sein. Doch wie schon bei seinem Portrait des Kriegsfotografen James Nachtwey im oscarnominierten Dokumentarfilm War Photographer (CH 2001), gelingt es Christian Frei, ein differenziertes Bild aller Hauptakteure zu schaffen. Immer wieder fängt er intime Momente ein. Auch bei den schwerreichen Weltraumtouristen, die normalerweise durch eine Schar PR-Beauftragten abgeschirmt werden. So entdeckt der Zuschauer gemächlich, die Menschen, die sich vorerst hinter Ghandi-Zitaten und Allerweltsweisheiten verstecken. Doch was klar wird: Wer die Antwort auf den Sinn des Lebens sucht, wird sie auch im All nicht finden.

P: Christian Frei Filmproduktion GMBH (Zürich), Schweizer Fernsehen/ZDF/ARTE (2008). B: Christian Frei. K: Peter Indergand. S: Christian Frei, Andreas Winterstein. T: Florian Eidenbenz M: Edward Artemyev, Jan Garbarek. V: Look Now! (Zürich). W: Christian Frei Filmproduktion GMBH (Zürich).35mm, Farbe, 90 Minuten, Russisch/Englisch/Kasachisch/Rumänisch

05.10.2009, 18:24 | Kommentare(0) | Permalink

Pepperminta [Pipilotti Rist]

Von Doris Senn [ Sélection CINEMA ]
Pepperminta

Sie ist da: Pepperminta! Und mit ihr der lange erwartete Spielfilm der Videokünstlerin Pipilotti Rist. Rund vier Jahre hat sie daran gearbeitet und davon rund ein Drittel der Zeit allein für die Postproduktion aufgewendet. Der Name der titelgebenden Hauptfigur entstammt der Namensparade der Kinderbuchfigur Pippi Langstrumpf (wie schon Rists eigenes Vornamen-Pseudonym), deren aufmüpfiges Wesen sie teilt.

Die Mission der rothaarig-sommersprossigen Pepperminta (verkörpert von der Tänzerin Ewelina Guzik, mit der Rist schon verschiedentlich zusammenarbeitete) heisst: die Welt von Angst befreien und sie in Farbe tauchen. Und dafür gewinnt sie bald Mitstreiter: so den Hypochonder Werwen (Sven Pippig) oder die androgyne Edna (Sabine Timoteo), die über Tulpenfelder wacht, die sich sattrot bis zum Horizont ziehen. Nachdem die beiden vom geheimnisumwobenen Menstruationsblut getrunken haben, das Pepperminta im Augapfel-Schatzkästchen ihrer Grossmutter aufbewahrt, trollen sich die «drei Musketiere» mit ihren farbenprächtigen Uniformen durch die Welt und verwandeln sie in eine Villa Kunterbunt: Sie entlocken den Gästen im noblen Speiserestaurant die geheimsten Herzenswünsche, verwandeln die staubtrockene Uni-Vorlesung in einen psychedelischen Massenorgasmus und entkommen den tumben Ordnungshütern auf einem Gefährt, das sie mit «Türflügelschlag» antreiben.

Wie schon in ihrem Kurzfilm Pickelporno (CH 1992) und in ihren audiovisuellen Installationen, mit denen sie Museumssäle in aller Welt verzauberte, besticht Pipilotti auch in ihrem Kinodebüt mit viel Originalität und kühnen Kameraperspektiven: Sie verkehrt Oben und Unten, Gross und Klein und lässt die Farben in faszinierenden Kompositionen auf der Leinwand explodieren. Mit Pipilotti auf Bilderreise gehen, heisst, die Riesenzehen im Lehm suhlen, schwerelos in tiefblaue Unterwasserwelten eintauchen und bunt bemalte Schneckenhäuschen in Grossaufnahme bestaunen. So wird Kino zu einem alle Sinne verzückenden Ereignis – wenn da die Erzählung nicht wäre: In einer Mélange aus Märchen, Kitsch, New Age und Feminismus reiht sich in Pepperminta Anekdote an Anekdote, ohne dass sich daraus ein wirklich spannungsreicher Plot entwickelt. Und auch die propagierte Anarchie der ansonsten so erfrischend-unverblümten Künstlerin ist mit der ausgiebig genutzten Off-Stimme etwas zu didaktisch geraten. So gelingt Pipilotti – trotz der poppigen Sinneswelt, die sie einmal mehr kreiert – der Sprung aus der Kunstwelt der Museen hinaus in die breitenwirksame Kultur der Kinosäle leider nur ansatzweise.

P: Hugofilm (Zürich), Coop99 (Wien) 2009. B: Pipilotti Rist, Chris Niemeyer. R: Pipilotti Rist. K: Pierre Mennel. T: Thomas Gassmann. Visual Effects Supervisor: Davide Legittimo. S: Gion-Reto Killias. M: Anders Guggisberg, Roland Widmer. D: Ewelina Guzik, Sven Pippig, Sabine Timoteo. V: Frenetic (Zürich). W: The Match Factory (Köln).
35 mm, Farbe, 84 Minuten.

03.10.2009, 11:07 | Kommentare(1) | Permalink

Die Frau mit den 5 Elefanten [Vadim Jendreyko]

Von Christina von Ledebur [ Sélection CINEMA ]
Frau mit den 5 Elefanten

Swetlana Geier, die bedeutendste Übersetzerin russischer Literatur in die deutsche Sprache, lebt alleine in Freiburg, wo sie sich, längst im Ruhestand, tagtäglich ihrem Lebenswerk widmet: der Übersetzung von Fjodor Dostojewskis fünf grössten Werken, den «fünf Elefanten», wie sie sie selbst nennt. Ihren Arbeitsalltag teilt sie sich mit einer ebenfalls pensionierten Frau, die Geiers gesprochene Sätze auf der Schreibmaschine festhält. Alle paar Wochen kriegt Geier Besuch von einem Musiker, mit dem sie das Geschriebene auf seinen Klang hin prüft.
Eines Tages wird ihr strukturierter Alltag durch einen Unfall jäh durcheinander gebracht. Ihr Sohn verletzt sich bei einem Berufsunfall so schwer, dass er monatelang im Krankenhaus liegt und kaum noch ansprechbar ist. Swetlana Geier legt ihre Arbeit nieder und kocht jeden Tag für ihren Sohn.

Die Auszeit von der Übersetzerarbeit bringt Geier dazu, in ihre Vergangenheit zu reisen. Der Unfall ihres Sohnes ist nicht der erste grosse Schicksalsschlag in ihrem Leben. Nachdem die erst 15-jährige Swetlana – damals lebte die Familie in der Ukraine und war dem stalinistischen Terror ausgesetzt – ihren Vater einen Sommer lang alleine gepflegt hatte, erlag dieser den Folterverletzung, die ihm in der Haft zugefügt worden waren. Nur wenig später verlor sie ihre beste Freundin, die als Jüdin von den in Kiew einmarschierenden Deutschen hingerichtet wurde. Dennoch nahm sie daraufhin eine Stelle bei einer deutschen Firma an, für die sie, die bereits als Kind Deutschunterricht genossen hatte, übersetzte. Aus Angst, der Kollaboration angeklagt zu werden, floh sie 1943 nach der Niederlage der Deutschen gemeinsam mit ihrer Mutter nach Deutschland und wurde in ein Gefangenenlager interniert. Dort begann sie kurze Zeit später ihre akademische Laufbahn und wurde zu einer der renommiertesten Übersetzerinnen.

Der ursprünglich aus Deutschland stammende, in der Schweiz aufgewachsene Filmemacher Vadim Jendreyko ging davon aus, mit Die Frau mit den 5 Elefanten einen Dokumentarfilm über die Übersetzungsarbeit und das alltägliche Leben von Swetlana Geier zu drehen. Dass Geier ihre Arbeit zur Seite legte, als ihr Sohn sich verletzte, war ein unvorhersehbarer Zwischenfall. «Als der Unfall geschah, hörte Frau Geier auf zu arbeiten. Zunächst sorgte ich mich um mein ursprüngliches Konzept», sagte Jendreyko in einem Interview.

Tatsächlich aber verhilft der Unfall Jendreykos Film zu einer neuen Dimension. Ist der Beginn des Filmes von einer unglaublich sprachgewandten, kontrollierten Frau geprägt, die selbst beim Bügeln ihrer Leintücher auf die Textur des Stoffes achtet, der für sie einem Text gleichkommt, zeigt die Reise in die Vergangenheit auf einmal eine zerbrechliche Frau, die angesichts ihrer Vergangenheit auch mal verstummt. Jendreyko zieht sich, wenn er sie zu den Stätten ihrer Geschichte begleitet, auf eine beobachtende Position zurück. Kritische Fragen, die sich insbesondere bei Geiers Engagement für die Deutschen beinahe aufdrängen, stellt er nicht. Dies führt im Film zu einer sonderbaren Lücke, deren Schliessung sich Geier aber beharrlich verweigert.

Vadim Jendreyko ist der Regisseur von Bashkim (CH 2002), dem Film über den hochbegabten, aber gewalttätigen Boxer Bashkim Berisha, der 2002 als bester Schweizer Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde. Wenn auch auf den ersten Blick zwischen Bashkim Berisha und Swetlana Geier kein Zusammenhang besteht, so sind es doch die Schicksale der Entwurzelten, die den Basler Filmemacher immer wieder interessieren. Über Die Frau mit den 5 Elefanten sagte er: «Während der Entwicklung dieses Projektes wurde mir bewusst, dass ich mich einmal mehr mit einem Flüchtlings- bzw. Migrantenschicksal auseinandersetze.»

Es ist Jendreyko ein äusserst subtiles Porträt einer aussergewöhnlichen Frau gelungen. Er verwebt in stimmigen Bildern die beiden Seiten von Swetlana Geier: Die junge, unerfahrene Ukrainerin einerseits, die alte, weise Vermittlerin der Kulturen andererseits. Jendreykos Film wurde 2009 am Festival Visions du réel in Anwesenheit der 86-jährigen Protagonistin uraufgeführt und holte dort mehrere Preise.

P: Mira Film GmbH (Basel/Zürich), Filmtank Hamburg GmbH, ZDF/ 3sat Berlin, Schweizer Fernsehen 2009. B: Vadim Jendreyko. R: Vadim Jendreyko. K: Nils Bohlbrinker, Stéphane Kuthy. T: Daniel Almada, Florian Beck, Patrick Becker. S: Gisela Castronari-Jaensch, Vadim Jendreyko. M: Daniel Almada, Martin Iannacone. V: Cineworx GmbH. W: Mira Film GmbH (Basel/Zürich).
35mm, Farbe, 93 Minuten, Deutsch/Russisch.

02.10.2009, 17:53 | Kommentare(0) | Permalink

Cargo [Ivan Engler]

Von Thomas Hunziker [ Sélection CINEMA ]
Cargo

Der Schweizer Film hat in diesem Jahr den Weltraum entdeckt. Die Dokumentarfilme The Marsdreamers von Richard Dindo und Space Tourists von Christian Frei beschäftigen sich mit den Möglichkeiten der bemannten Raumfahrt bis zum Mars. Derweil werden in Ivan Englers Spielfilmdebüt Cargo die Figuren noch viel tiefer ins Universum geschickt.

Weil das Leben auf der Erde wegen Umweltverschmutzung und Seuchen nicht mehr möglich ist, sollen weiter entfernte Planeten bewohnbar gemacht werden. Laura Portmann (Anna Katharina Schwabroh) heuert auf dem leicht heruntergekommenen Raumschiff Kassandra als Ärztin an. Der Lohn für die beschwerliche Reise zur Station 42 soll ihr einen Flug nach Rhea ermöglichen. Auf dem idyllischen Planeten befindet sich bereits ihre Schwester.

Da es in letzter Zeit vermehrt zu Anschlägen von Aktivisten gekommen ist, die gegen die Bevölkerung des Weltraums und für eine Rückkehr zur Erde kämpfen, begleitet auch der Sicherheitsbeamte Samuel Decker (Martin Rapold) den Flug. Die erste Zeit der vierjährigen Reise verläuft ereignislos. Doch zwei Monate vor Ankunft im Raumhafen entdeckt Portmann, dass die Schleuse zum Frachtraum geöffnet war. Sie weckt den Captain und Decker aus dem Kälteschlaf, um gemeinsam mit ihnen den ungewöhnlichen Vorfall zu untersuchen. Dabei stossen sie auf bedrohliche Geheimnisse.

Mit viel Einsatz und Idealismus haben Regisseur Ivan Engler und Produzent Marcel Wolfisberg ihren Traum vom ersten Schweizer Science-Fiction-Film verwirklicht. Da einheimische Produktionen aus diesem Genre fehlen, müssen internationale Werke als Gradmesser dienen: In Bezug auf die technische Umsetzung ist dabei Moon (GB 2009) von Duncan Jones ein gutes Beispiel. Beide Filme mussten mit einem relativ geringen Budget von um die 5 Millionen Franken auskommen. Jones machte aus den finanziellen Einschränkungen eine Tugend und begnügte sich damit, seinen Thriller hauptsächlich in Innenräumen spielen zu lassen. Die wenigen Ausflüge auf die Oberfläche des Mondes konnten dadurch visuell tadellos umgesetzt werden. Engler und Wolfisberg liessen es sich hingegen nicht nehmen, regelmässig anspruchsvolle Aussenaufnahmen einzufügen. Das ist optisch spektakulär, aber auch anspruchsvoll bezüglich der technischen Umsetzung. Tatsächlich ist in einigen Szenen an vereinzelten Konturen ein leichtes Flimmern zu entdecken. Dieser kleine Makel schmälert die beeindruckende technische Leistung allerdings nur geringfügig.

Die Geschichte und die Stimmung auf dem Schiff erinnern an Alien (USA 1979) von Ridley Scott - die dunklen Gänge auf der Kassandra und die gegenseitigen Verdächtigungen sorgen für eine beklemmende Atmosphäre. In der zweiten Hälfte des Films wird die Handlung jedoch ziemlich überladen. Alle noch überlebenden Besatzungsmitglieder verfolgen plötzlich entgegengesetzte Interessen. Vor lauter Enthüllungen und Täuschungen geht schnell einmal die Übersicht und auch die zuvor aufgebaute Stimmung verloren.
Trotz einiger Abstriche, vor allem auf Ebene des Drehbuchs, ist Cargo aber dennoch ein beachtlicher Ausflug in ein bisher vom Schweizer Film vernachlässigtes Genre.

P: Atlantis Pictures Ltd (Ebikon), Centauri Media AG (Ebikon), Schweizer Fernsehen (Zürich), Teleclub AG (Zürich). R: Ivan Engler, Ralph Etter. B: Ivan Engler, Patrik Steinmann, Thilo Röscheisen. K: Ralph Baetschmann. S: Timo Fritsche. T: Ivo Schläpfer, Patrick Storck, Marco Teufen. M: Fredrik Strömberg. D: Anna Katharina Schwabroh, Martin Rapold, Regula Grauwiller, Pierre Semmler, Claude-Oliver Rudolph, Yangzom Brauen, Michael Finger. V: Elite Film AG (Zürich). W: Telepool GmbH (Zürich).
35mm, Farbe, 120 Minuten, Deutsch

24.9.2009, 20:21 | Kommentare(2) | Permalink

Geburt [Silvia Haselbeck, Erich Langjahr]

Von Nathan Schocher [ Sélection CINEMA ]
Geburt

Im Kino kommen Kinder normalerweise zwar unter ziemlich dramatischen Umständen, dafür aber sehr rasch zur Welt. Wer Geburten nur aus Hollywoodfilmen oder Fernsehserien kennt, stellt sich darunter ein hektisches Spektakel vor, in dem vor allem Mediziner und nicht die werdende Mutter und ihr Kind im Mittelpunkt stehen.

Im Dokumentarfilm Geburt von Silvia Haselbeck und Erich Langjahr lernen wir, dass es bei der Geburt eines Kindes um etwas ganz anderes geht. Wir nehmen an zwei Schwangerschaften teil, sehen Geburtsvorbereitungskurse und medizinische Untersuchungen, die aber nie auf abgehobene Weise klinisch daherkommen, sondern bei denen immer das Interesse für den Zustand des neuen Lebens im Mutterbauch im Zentrum steht.

Man staunt über den Mut und die Stärke der porträtierten Mütter, die einen so unverkrampft und selbstverständlich an ihrer Schwangerschaft teilhaben lassen, dass man sich als Zuschauer nie als Voyeur fühlen muss. Man staunt aber auch über Silvia Haselbeck und Erich Langjahr, denen es offenbar gelungen ist, ein solch vertrauensvolles Verhältnis zu den porträtierten Familien aufzubauen, dass die Familien sicher sein können, dass die Kamera die von ihnen gesteckten Grenzen nicht überschreiten wird. So begleiten wir die Familien bis zur eigentlichen Geburt. Und obwohl diese Aufnahmen nicht ganz ohne Effekthascherei auskommen, fühlt man sich als Zuschauer doch in diesen Momenten den Familien sehr nahe und hofft und bangt mit ihnen, dass auch ja alles gut gehen möge.

Positiv an Geburt ist der fast gänzliche Verzicht auf Kommentar. Weder erklärt eine Off-Stimme, wie man jetzt das Gesehene einzuordnen hat, noch kommentiert eine Mutter explizit ihren Zustand. Die Frauen versuchen ihre Schwangerschaft so zu gestalten, dass sie sich möglichst wohl fühlen und schon während der Schwangerschaft eine Beziehung zum noch ungeborenen Kind aufbauen können. Ebenfalls erfreulich ist es, mitzuerleben, wie eine verständnisvolle Hebamme sich in der Geburtsvorbereitung auch Zeit dafür nimmt, den Vater des Kindes an dieser Beziehung teilhaben zu lassen.

Wie schon die früheren Filme des eingespielten Teams Haselbeck/Langjahr bezieht Geburt seine Stärke aus der ruhigen Beobachtung, er behält eine Distanz bei, die es dem Zuschauer erlaubt, vom intimen Ereignis einer Geburt gedanklich eine Brücke zu schlagen zum Nachdenken über den elementaren Kreislauf des Lebens. In früheren Filmen haben die Filmemacher beobachtet, wie Bauern, Hirten und ihre Tiere im Einklang mit den Rhythmen der Natur leben. Eigentlich logisch, dass sie nun mit derselben Ruhe und Präzision vom Werden des Menschen erzählen.

P: Langjahr Film GmbH (Root) 2009. B, R, K, S: Silvia Haselbeck und Erich Langjahr. T: Silvia Haselbeck. M: Carmela Konrad, Beat Föllmi, Lea Dudzik, Mani Planzer, Thomas K.J. Mejer. V, W: Langjahr Film GmbH (Root) 2009.
35 mm, Farbe, 76 Minuten, Schweizerdeutsch

12.9.2009, 10:22 | Kommentare(0) | Permalink

The Marsdreamers [Richard Dindo]

Von Thomas Hunziker [ Sélection CINEMA ]
Marsdreamers

Auf dem Mond haben die Menschen ihre Fussabdrücke bereits hinterlassen. Nun lockt der Mars. Schon in wenigen Jahrzehnten soll eine bemannte Mission den roten Planeten erkunden. Der Schweizer Regisseur Richard Dindo hat sich für den Dokumentarfilm The Marsdreamers in den USA mit Menschen unterhalten, die sofort bereit wären, sich auf diese Reise zu begeben. In Locarno feierte das Werk im Wettbewerb der Sektion «Cinéastes du Présent» seine Weltpremiere.

Wie muss man sich das Leben auf dem Mars vorstellen? Was ist Sinn und Zweck einer bemannten Mission? Und wer würde sich dafür zur Verfügung stellen? Richard Dindo, den es schon lange gereizt hat, einen Film in den USA zu drehen, hat sich bei amerikanischen Wissenschaftlern, Architekten, Studenten und Ingenieuren erkundigt, wie das Leben auf dem Mars aussehen könnte und welche Herausforderungen auf die Erforscher des fernen Planeten zukommen werden. Immer wieder betonen die Utopisten, wie gefährlich eine solche Mission sein wird. Fast alle sind aber davon überzeugt, dass eine Reise zum Mars für das Überleben der Menschheit notwendig ist.

Als sich die Aussagen bereits zu wiederholen beginnen, melden sich zwei Taos-Indianer zu Wort. Sie amüsieren sich ein wenig über die Pläne der Weissen, sind aber gleichzeitig leicht irritiert, denn für sie ist klar: Weil die Menschen ruhelos sind und das Leben auf der Erde satt haben, wollen sie zu einem anderen Planeten aufbrechen. Anstatt das Leben hier zu respektieren, töten sie es und wollen einen neuen Planeten erobern. Ähnlich denkt der Schriftsteller Kim Stanley Robinson: Wenn das Überleben der Menschheit auf der bedrohten Erde nicht gesichert werden kann, dann ist eine Mars-Mission von vornherein zum Scheitern verurteilt. Wenn hingegen die Absicht einer Mars-Besiedelung den Menschen die Zerbrechlichkeit der Erde und die Bedeutung ihres Ökosystems bewusst macht, dann kann sie auch einen positiven Einfluss haben.

Am Ende wird klar, dass diese Aussagen mit Dindos Botschaft übereinstimmen. Die Reise zum Mars ist zwar ein schöner Traum, aber zuerst muss auf der Erde aufgeräumt werden. Eine ganz ähnliche Botschaft richten die Mars-Träumer an ihre Mitmenschen, für den Fall, dass sie eines Tages tatsächlich zum Mars reisen: «Tragt Sorge zur Erde!» Wer sich ausgiebig mit dem Gedanken beschäftigt, die Erde vielleicht für immer zu verlassen, erkennt auch, wie kostbar der blaue Planet ist.

The Marsdreamers besticht hauptsächlich durch seinen Inhalt. Formal ist der Film eher konventionell. Dindo und sein Kameramann Pio Corradi haben sich mit ihren HD-Kameras vor allem auf Personen und Landschaften konzentriert. Dabei haben sie auch Bilder von Landschaften eingefangen, die in ihrer Kargheit der Mars-Oberfläche sehr ähnlich sind. Sobald aber ein Interview in einem geschlossenen Raum stattfindet, verlieren die Aufnahmen an Spannung. Zwischen die sprechenden Köpfe sind echte Aufnahmen vom Mars und Visualisierungen einer möglichen Mission montiert.

P: Lea Produktion GmbH (Zürich), Les Films d'ici (Paris), Télévision Suisse Romande (Genf), Teleclub AG (Zürich) 2009. R, B: Richard Dindo. K: Richard Dindo, Pio Corradi. S: Eulalie Korenfeld, René Zumbühl. T: Gilles Bernardeau, Martin Witz. M: Christophe Boutin. V: Filmcoopi Zürich AG (Zürich). W: Lea Produktion GmbH (Zürich), Les Films d'ici (Paris). 35mm, Farbe, 83 Minuten, Englisch

07.9.2009, 10:26 | Kommentare(0) | Permalink

Giulias Verschwinden [Christoph Schaub]

Von Thomas Hunziker [ Sélection CINEMA ]
Giulias Verschwinden

Plötzlich ist sie weg. Giulia (Corinna Harfouch) ist gerade unterwegs zur Feier ihres 50. Geburtstags. Da stellt sie fest, dass die Reflexion ihres Gesichtes in einem Busfenster nicht mehr zu erkennen ist. Ein Abstecher in ein paar Läden soll den Frust vergessen lassen. Doch auch dort wird sie nicht wahrgenommen. Bis sie in einem Brillenladen von einem fremden Mann (Bruno Ganz) angesprochen wird. Anstatt zu ihren Freunden ins Restaurant zu eilen, lässt sich Giulia zu einem Drink einladen.

Derweil wartet die Geburtstagsgesellschaft immer ungeduldiger. Im Gespräch witzeln sie über Krampferscheinungen beim Sex, Vergesslichkeit und den schwer verdaubaren geschmolzenen Käse. Im Alterswohnheim feiert unterdessen Léonie (Christine Schorn) ihren 80. Geburtstag. Sie bringt durch ihr unziemliches Verhalten ihre verklemmte Tochter genussvoll in Verlegenheit. Und in der Stadt sind zwei Teenager auf der Suche nach dem perfekten Geburtagsgeschenk für ihren 18-jährigen Schwarm. Als sie goldene Turnschuhe stehlen wollen, landen sie auf dem Polizeiposten.

Nach Happy New Year (CH 2008) hat Regisseur Christoph Schaub einen weiteren Episodenfilm gedreht, der in Zürich spielt. Doch das erkennen nur Ortskundige. Giulias Verschwinden spielt in einem in Dunkelheit gehüllten Zürich, in dem alle Menschen Deutsch sprechen. Das liegt daran, dass das ursprünglich für Daniel Schmid verfasste Drehbuch von Schriftsteller Martin Suter stammt. Für Schaub war klar, dass der Text nicht in Mundart übersetzt werden sollte.

Das Drehbuch ist voller schlagfertiger Dialoge und herrlicher Bonmots über das Alter und die Befindlichkeit verschiedener Generationen. Besonders die Freunde von Giulia wissen nicht so recht, ob sie sich mehr über die ersten Alterbeschwerden beklagen sollen oder sich doch eher darüber freuen dürfen, dass die Unerfahrenheit und die Verträumtheit der jungen Jahre weit zurückliegen. Lösungen für das unbeschadete Überstehen des Alterungsprozesses bieten Suter und Schaub nicht. Vielmehr schwebt im Hintergrund die «Die Geburt der Venus» von Sandro Botticelli als Symbol für das Unerreichbare: unvergängliche Jugend und Schönheit.

Schaub hat den Film mit zwei HD-Kameras gedreht, um «die Geschichte mit Tempo und Intensität zu erzählen und die Dialoge als spritzigen Schlagabtausch zu gestalten». Durch die reduzierten Schauplätze wirkt die Inszenierung bisweilen zwar ein wenig wie ein Bühnenstück. Doch die treffenden Dialoge und die spielfreudigen Schauspieler sorgen dafür, dass der Film trotz eingeschränkter Bewegungsfreiheit immer einen lebendigen und unbeschwerten Eindruck vermittelt. Nachteil der digitalen Kameras: da viele Szenen mit wenig Licht gedreht wurden, ist das Bild ziemlich düster. Teilweise stört auch die etwas nervös eingesetzte Handkamera. Die Bildgestaltung ist aber durch die vielen Spiegel und zahlreiche den Blick verdeckenden Objekte meist sehr reizvoll. Die formalen Schwächen mindern den Genuss dieser bissigen Komödie über das Alter und das Altern denn auch kaum.

P: T&C Film AG (Zürich), SRG SSR idée suisse (Bern), Teleclub AG (Zürich) 2009. R: Christoph Schaub. B: Martin Suter. K: Filip Zumbrunn. S: Marina Wernli. T: Peter Bräker, Gabriel Hafner, François Musy, Hugo Poletti. M: Balz Bachmann. D: Corinna Harfouch, Bruno Ganz, Stefan Kurt, André Jung, Sunnyi Melles, Daniel Rohr, Teresa Harder, Max Herbrechter, Christine Schorn, Renate Becker. V: Columbus Film AG (Zürich). W: T&C Edition AG (Zürich).
35mm, Farbe, 87 Minuten, Deutsch

29.8.2009, 11:15 | Kommentare(0) | Permalink
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