Landschaften im Film verorten den Erzählstoff, setzen narrative Knotenpunkte. Sie gerinnen zu Menetekeln, spiegeln innere Zustände der ProtagonistInnen und können ein Genremerkmal sein. Allen diesen Facetten gemein ist die Tatsache, dass der Begriff der Landschaft die Trennung von betrachtendem Subjekt und beschriebenem Objekt voraussetzt. Erst diese Distanzierung macht aus der Natur eine «Landschaft» und ermöglicht deren Beschreibung. Dadurch wird das über Jahrhunderte hinweg zweckgerichtete Verhältnis der Menschen zur Landschaft ergänzt. Die Begriffsgeschichte der Landschaft ist eng verbunden mit der Geschichte der Wahrnehmung und Darstellung dessen, worin wir leben. Mit den reproduktiven Bildmedien Fotografie und Film findet ein dokumentarischer Zug in die Landschaftswiedergabe Eingang: Landschaft scheint sich selbsttätig abzubilden, scheinbar frei von jeder künstlerischen Überformung und Interpretation. Die Metapher der Fotografie als eines «Pencil of Nature», der die Wunder der Natur aufzeichnet, setzt sich mit dem Film fort, der die «Physiognomie der Landschaft» sichtbar macht, wie Béla Balázs hoffte. Einen radikalen Weg beschreiten Experimentalfilmer, welche die Landschaft in den Stand eines Subjekts bringen: Chris Welsby gibt, wie Natalie Böhler in ihrem Aufsatz beschreibt, der Landschaft die Regie in die Hand; sie bestimmt die Form und den Inhalt des Films. Ebenso lässt sich die Arbeit Rüdiger Neumanns verstehen, der, wie Thomas Tode aufzeigt, Naturphänomenen wie dem Nordlicht in ihrer betörenden Ereignishaftigkeit nachspürt.
Im Erzählkino dagegen bleibt die Selbstentfaltung der Landschaft in ein narratives Gerüst eingebunden. Als «geltungssüchtige Kulisse» (Dorothee Wenner) schiebt sie sich zuweilen in den Vordergrund - umso mehr, wenn sie an die Tradition des symbolisch aufgeladenen Landschaftsgartens anknüpft. Solche Filme setzen eine Lesart gestalteter Natur fort, die seit dem 17. Jahrhundert im kulturellen Gedächtnis verankert ist. Die filmische (Re-)Konstruktion von Landschaft hilft aber auch, die Psychologie der handelnden Figuren besser zu verstehen, wie dies Thomas Christen anhand der Filme von Michelangelo Antonioni und Andrei Tarkowski ausführt. Richard Dindo beansprucht in seinen Dokumentarfilmen, dass die gefilmte Landschaft weit mehr bedeutet als eine einfache Illustration biografischer Stationen. Die Erzählung, so Marcy Goldberg, verbindet sich mit dem Ort der Geschehnisse und stiftet eine Erinnerung an das unwiderruflich Vergangene, das keine Spuren hinterlassen hat.
Wie stark unsere Wahrnehmung von Landschaft seit dem 19. Jahrhundert durch Dynamisierung und Geschwindigkeit bestimmt wird, macht Fred Truniger am Beispiel von Volko Kamenskys Divina Obsesión deutlich. Eine Reihe aneinander montierter Autofahrten durch französische Verkehrskreisel illustriert, wie sich die Landschaftswahrnehmung durch die Geschwindigkeitserfahrung definiert. Tourismus als ein Agens, Landschaften zu zivilisieren und dem ungefährlichen Blick der Reisenden zu öffnen, war bereits in der frühesten Geschichte des Schweizer Films zentral, wie Roland Cosandey zeigt. Schliesslich hat neben Mobilität und Tourismus auch die Erfahrung des Kinos selbst Spuren in der Wahrnehmung von Landschaft hinterlassen: Filme wie Dawn of the Dead , der in einer Mall spielt, bringen amerikanische Filmbuffs dazu, den Schauplatz fotografisch zu rekonstruieren und ihre Fundstücke auf Webseiten der Fangemeinde zugänglich zu machen. Rembert Hüser demonstriert, wie der Film durch den Besuch des realen Orts in der Fantasie zu neuem Leben erweckt wird.
Das kulturelle Wissen indigener Völker, das sich in der Landschaft verbirgt, versucht der ethnologische Film sichtbar zu machen. Henning Engelke zeigt, dass auch dieses filmische Konzept auf Konventionen der Landschaftswahrnehmung und -darstellung zurückgreift, um unser Verständnis der darin lebenden Menschen zu fördern. Im Abenteuerfilm schiebt sich der Blick auf die Landschaft in die lange Tradition des Ausstellens des Exotischen, wie Hans J. Wulff erläutert: Wildnis ist das ausgestellte Andere, die theatrale Enklave im zivilisierten Leben. Der exotisierende Blick auf die Alpen, Herzstück des Schweizertums, wurde im Zeichen der geistigen Landesverteidigung seit den späten Dreissigerjahren national aufgeladen. Seit den Sechzigern wich diese Repräsentation einem direkteren Blick. So interpretiert Maria Tortajada den Abhang als konstituierendes Element des Berges, der neu kadriert wird und als narratives Element und Hauptdarsteller ideologiefreie Bedeutung gewinnt.
In der Nocturne zeigt Vinzenz Hediger am Beispiel von Barbara Streisand und Jennifer Lopez die Mechanismen der Starwerdung. Weder Lopez noch Streisand sind bloss Fanobjekte, sondern unterscheiden sich durch ihre Durchsetzung in mehreren Sparten und ihre ethnischen Hintergründe vom typischen Hollywood-Produkt. Für das CH-Fenster streicht Claudia Reiche in ihrem Artikel zu Gabriel Baurs Essayfilm über Drag Kings, Venus Boyz , die fliessenden Übergänge zwischen den Geschlechtern und die Faszination der Unbestimmtheit heraus. Catherine Silberschmidt widmet sich im diesjährigen Filmbrief der von schwierigsten ökonomischen Rahmenbedingungen geprägten Kinogeschichte der Kapverdischen Inseln. Wie immer bietet der Index eine sorgfältig kommentierte Auswahl der jüngsten Schweizer Filmproduktion.
Für die Redaktion
Meret Ernst, Flavia Giorgetta, Jan Sahli