Editorial Sport [CINEMA 48]
| Von Natalie Böhler, Flavia Giorgetta | [ Frühere Ausgaben ] |
„Sportfilme funktionieren nicht!“ So lautete eine oft gehörte Reaktion, als wir das Thema dieser CINEMA-Ausgabe verkündeten. Die Begründung: „Entweder man ist sportinteressiert oder nicht, und wenn, sieht man sich Sport am Fernsehen oder live an.“ Beim Brainstorming assoziierten wir und die allermeisten Befragten damit Produktionen aus den USA: Baseball- und American-Football-Filme. Danach begann die grosse Ratlosigkeit. Die spärliche Literatur zum Thema entspricht der Seltenheit von Sportfilmen; im TV dagegen nimmt Sport umso mehr Platz ein.
Ein Blick in die Vergangenheit zeigt allerdings, dass die Funktion des Fernsehens, Sportereignisse zugänglich zu machen, früher vom Kino erfüllt wurde. Im Unterschied zur Fotografie hat Film den Vorteil, eine Zeitdauer aufzeichnen zu können. Sportgeschehen sind als Sujet für den Film eigentlich prädestiniert: Sie sind dynamisch, stellen Tempo, Ästhetik, körperliche Leistung ins Zentrum. Sportler streben nach Superlativen, wollen Rekorde brechen. Ihr Tun ist, wortwörtlich, spektakulär. Im frühen Film bildete Sport eine attraktive Möglichkeit, mit einer unbeweglichen Kamera ein Maximum an Bewegtheit einzufangen. Auf diesen Aspekt der Konstellation „Sport und Film“ gehen mehrere Beiträge ein: Mariann Lewinsky betrachtet Aufnahmen von Schweizer Turnvereinen aus den Anfängen des Films. Nicht zuletzt wegen ihrer Körperdarstellungen geben diese Szenen ein lohnendes Spektakel für den Film ab. Gianni Haver zeigt, welche Rolle der Sport in Armee-Instruktionsfilmen zwischen 1939 und 1945, also zur Blütezeit der Geistigen Landesverteidigung, spielt. Matthias Christen untersucht die Entwicklungslinie von Zirkusfilmen. Sie beginnen im Sport des 18. Jahrhunderts, ziehen sich durch den frühen Film bis zum modernen Erzählkino, und sind eine Mischform aus Erzähl- und Spektakelkino: Unter anderem hat hier ein boxendes Känguru seinen Auftritt
Zunehmen verdrängte das Fernsehen diese Funktion des Kinos – spätestens, als sich die Liveschaltung als unschlagbare Attraktion erweis. Der Sport ist im Gegenzug ein ergiebiger Hintergrund für Spielfilme. Das Sportereignis hat eine eigene Dramaturgie: Die Spannung des Kampfgeistes und des Wettbewerbs, die Dramatik von Leistung und Lohn, Die Sehnsucht nach dem Sieg und die Ideale der sportlichen Fairness – all diese Elemente können den Plot unterstützen. Flavia Giorgetta untersucht, wie der Tanz in den Tanzfilmen der Achtzigerjahre den Zeitgeist spiegelt. Die Tanznummern sind nicht nur wegen ihres Glamours und ihrer Erotik attraktiv, sondern lassen auch auf das zeitspezifische Lebensgefühl schliessen.
Die Abenteuerlichkeit ist ein weiteres Element, das gern ausgeschöpft wird. Wie Meret Ernst und Jörg Magener zeigen, leben die Unterwasserfilme von Hans Hass davon: Exotische Settings unterstreichen die Gefahr bis zu einem solchen Grad, dass die Dramaturgie so mancher Sequenz unfreiwillig komisch wird. Der Temporausch, die Gefahr und starke Maschinen machen den Nervenkitzel von Autorennen aus. Welche Spielformen diese testosteronreiche Kombination im Spielfilm annehmen kann, betrachtet Reto Baumann in einer Genrestudie.
Die typischen US-amerikanischen Teamsportarten – allen voran Baseball – kennen kein Unentschieden; Amerikaner stehen den häufig unentschieden endenden Fussballmatches ratlos gegenüber, und es darf vermutet werden, dass Mentalitätsunterschiede mit begründen, weshalb Fussball sich (noch) nicht in den USA durchgesetzt hat und warum in Europa kaum jemand die Baseball-Regeln beherrscht. Dass der US-Teamsport im Film immer auch Metapher ist, zeigen Daniela Janser, Florian Keller und Veronika Grob: Zwischen dem Gleichheitsgedanken und der Möglichkeit, durch Leistung seinen eigenen American Dream zu verwirklichen, entsteht ein dramaturgisches Spannungsfeld. Im Teamsport können Spieler verschiedener sozialer und ethnischer Herkunft einen utopischen Ort der Gleichheit schaffen, wie er im „realen“ Leben nicht möglich ist.
Anderseits spiegelt Sport im Film oft die Gewalt der Strasse wider. Besonders der Boxerfilm bildet eine beliebte Metapher der Grausamkeit der Grossstadt: Jeder ist ein Einzelkämpfer, der bloss überleben kann, wenn er sich die Brutalität, die ihn umgibt, aneignet. Rolf Niederer geht den Boxerfilmen von den Anfängen bis zu Fight Club auf den Grund – der Kampfsport kann als Erfüllung des Traumes von Aufstieg und Ruhm oder der Ernüchterung dienen, dass Gewalt nicht immer ans Ziel führt.
Wieso der so populäre König Fussball nicht häufiger zur Rahmenhandlung im Film dient, bliebt ein Rätsel. Nun erscheint das erste Schweizer Fussballdrehbuch: Richard Reich gelingt es in Ueli der Fussballer, zugleich der nationalen Filmtradition gerecht zu werden und neue Wege zu beschreiten. Nicht bloss erhält der Fussball das filmische Gewicht, das ihm seit langem gebührt. Reicht hat in sein Drehbuch unauffällig Strategien eingewoben, die verschiedenen Gremien geradezu eine Finanzierung aufdrängen. Für CINEMA hat er seine subtile Arbeitsweise aufgedeckt – eine Blaupause für angehende Drehbuchstars Wie Fussball im Fernsehen für Geld sorgt, beschreibt Hans-Peter Wäfler, indem er die wirtschaftlichen Zusammenhänge zwischen Sportverbänden, TV-Stationen und Fans aufzeigt. Auch wen Sport oft die höchsten Einschaltquoten garantiert, kann die Spirale nicht unendlich hochgeschraubt werden. Wir müssen wohl nicht befürchten, dass unsere Lieblingsmannschaften bloss noch auf Pay-TV-Sendern zu sehen sein werden.
Im WM-Sommer 2002 setzte sich auch die Kunst mit Fussball auseinander. Tom Menzi beschreibt die Hintergründe zu drei seiner Installationen in der Ausstellung „Balsam – Exhibition einer Fussballseele“. Ebenfalls zur Fotografie hat Nico Gutmann gegriffen, der das Erlebnis im Stadion mit dem Kinobesuch vergleicht. Mögen die Eintrittskarten und Starkult noch so ähnlich sein: Gutmann kommt zum gnadenlosen Schluss, dass es das Erlebnis im Kino niemals mit demjenigen im Stadion aufnehmen kann.
Genug Gründe, der Leinwand noch mal eine Chance zu geben, finden sich im Index , der eine Auswahl der letztjährigen Schweizer Filmproduktion bespricht. Thomas Christen zeichnet im CH-Fenster die Geschichte der Filmwissenschaft an der Universität Zürich nach. Der Filmbrief stammt dieses Jahr aus Indien: Meenakshi Shedde gibt einen Einblick in die grösste Filmproduktion der Welt: Bollywood.
Für die Redaktion
Natalie Böhler, Flavia Giorgetta


