Aime ton père [Jacob Berger]

Von Patrick Straumann [ Sélection CINEMA ]

Leo Shepherd ist ein renommierter Schriftsteller, der nach drei Jahren uneingestandener Schreibunfähigkeit erfährt, dass ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen werden soll. Auf der Reise nach Stockholm, wo er den Preis entgegennehmen will, wird er in einen Unfall verwickelt, den er zwar heil übersteht, in dessen Folge er auf Grund einer Verwechslung jedoch für tot erklärt wird. Sein Sohn Paul, der mit Leo seit Jahren in Konflikt steht, nutzt diese unverhoffte Erklärung für Leos Verschwinden und entführt seinen Vater, um ihn zu einer Aussprache zu zwingen. Im Verlauf dieser Auseinandersetzung erinnert ihn Paul an seine zahlreichen in der Kindheit erlittenen Erniedrigungen und Traumata, während sich Leo mit seinem Sinn für Prioritäten rechtfertigt: Die Kunst sei wichtiger als das Leben, niemand interessiere sich dafür, ob Dante oder Faulkner gute Väter gewesen seien.

Am Ende erweist sich diese erzwungene Begegnung jedoch für beide als befreiend. Leo, dem sein angeblicher Tod umso gelegener kommt, als er ihn vor einem öffentlichen Eingeständnis seines «writer’s block» bewahrt, verbringt sein weiteres Leben anonym in der schwedischen Tundra. Paul hat sich in Folge seiner Konfrontation mit dem Vater innerlich genügend gelöst, um vor der Schwedischen Akademie zu dessen Ehre eine Laudatio zu halten.

Der ambivalente Eindruck, den der Film hinterlässt, ist in zweiter Linie auf die latent hysterische Überzeichnung der Figuren zurückzuführen. In erster Linie rührt er daher, dass der Plot stets auch die Beziehung zwischen dem Regisseur und seinem eigenen Vater, dem Schriftsteller und Maler John Berger, zu illustrieren scheint. Gérard und Guillaume Depardieu, die Jacob Berger in diesem Spielfilm für die Hauptrollen gecastet hat, verleihen dem exzessiven Vater-Sohn-Konflikt ebenfalls eine spezifisch ausserfilmische Färbung. Zahlreiche szenaristische Hinweise (der Weltruhm des Vaters, sein absolutes Engagement für seine künstlerische Karriere, die Anspielung auf die Drogensucht des Sohnes) lassen überdies den Rückschluss zu, dass die Charakterisierung der beiden Hauptfiguren aus dem Leben der Darsteller schöpft und metonymisch auch auf die persönlichen Erfahrungen des Autors verweist, zumal Depardieu (Vater) auf dem Abspann des Films auch als Co-Produzent ausgewiesen ist.

Was allerdings ebenfalls bleibt, ist eine dramaturgisch radikale Idee, die Aime ton père eine interessante Eigenständigkeit verleiht: Die blau eingefärbten Flashbacks aus Pauls Kindheit scheinen mit den Bildern des Morgengrauens und den Aufnahmen der Ostsee geradezu zu verfliessen, als ob sich die schmerzhaftesten Erinnerungen und Empfindungen nicht im verbalen Ausdruck, sondern nur im wortlosen Erfahren der Welt zur Auflösung kommen könnten. Auch der Himmel über Leos letzter skandinavischer Zuflucht, in der er malend seiner existenziellen Niederlage beikommen will, ist strahlend blau.


01.12.2002, 00:00 | Kommentare(0) | Permalink

La Parade (Notre Histoire) [Lionel Baier]

Von Doris Senn [ Sélection CINEMA ]

Euphorische Gesichter, wallende Regenbogenfahnen, Frauen Arm in Arm, Männer Hand in Hand – Lesben und Schwule, so weit das Auge reicht. Unter ihnen: eine strahlende Marianne Bruchez, hauptverantwortlich für diese farbenprächtige Invasion im Walliser Sion. Der 7. Juli 2001 war ein geschichtsträchtiger Tag – nicht nur für das kleine Städtchen, sondern und ganz besonders für die Homosexuellen im Wallis und der ganzen Schweiz. An diesem Datum nämlich fand in der katholisch geprägten Region ein Gay Pride statt – die seit Stonewall weltweit zelebrierte Demonstration für die Anerkennung der Homosexuellen.

Dem Pride vorausgegangen waren das Veto des Bischofs und ein behördlicher Hindernislauf, waren eine riesige Medienresonanz und eine rechtsextreme Antikampagne, waren Zerwürfnisse innerhalb der Gay Community und persönliche Anfeindungen gegenüber der Organisatorin. Sieben Monate lang hat Lionel Baier diese Geschehnisse dokumentiert, in deren Zentrum Marianne steht. Sie repräsentierte letztlich als Einzige des Komitees mit Namen und Gesicht den Gay Pride – die «parade» –, die ja gerade die Sichtbarkeit der Homosexuellen zum Ziel hat. Solange sich alles im Versteckten abspielte, war es für den Stadtpräsidenten von Sion ein Leichtes zu behaupten, dass die mutmasslichen zehn Prozent Homosexuelle in der Gesellschaft vielleicht für San Francisco, aber sicher nicht für das Wallis zuträfen. Doch die OrganisatorInnen wollten nicht warten, bis auch das Wallis für «so etwas» reif wäre. Und sie wollten den Umzug auch nicht in einer Grossstadt der französischen oder deutschen Schweiz durchführen, sondern hier, wo sie herkommen, leben und arbeiten. Die Solidarität der Manifestierenden aus dem ganzen Land gab ihnen Recht.

La parade ist eine sehr persönliche Dokumentation. Der Filmemacher stammt aus der Gegend; er ist mit vielen der Protagonisten befreundet, und sein eigenes Coming-out schwingt immer mit. In einem Kameraschwenk lassen sich von seinem jetzigen Wohnort Lausanne aus, wie Baier feststellt, die beiden Extreme der religiös-konservativen Herkunftsregion und des nahen weltoffenen Genf einfangen, wo gleichzeitig mit dem Kampf für den Pride die registrierte Partnerschaft für Lesben und Schwule die Gesetzeshürde passierte.

Eine geschickte Montage konstruiert Episoden aus der langen Vorbereitungszeit und wiederkehrende Rückschläge mit Streiflichtern aus den letzten erwartungsvollen Stunden vor der «parade» zu einer dramatischen Spannungskurve: Liegt der Versammlungsplatz frühmorgens noch verlassen und grau unter strätzendem Regen, reisst die Wolkendecke mit fortschreitendem Tag zunehmend auf, und eine immer grösser werdende Menge ergiesst sich in die engen Strassen Sions. Als berührender Höhepunkt der «parade» erklimmt Bruchez das Rednerpult und lässt ihren Blick überwältigt über die Anwesenden schweifen. In einem eindrücklichen Finale zelebriert der Film diesen langen Moment der Akklamation – als ersehnten Schlusspunkt eines monatelangen Kampfes und Signal für einen hoffnungsvollen Aufbruch.


01.12.2002, 00:00 | Kommentare(0) | Permalink
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