Schenglet [Laurent Nègre]

Von Laura Daniel [ Sélection CINEMA ]

Schenglet ist ein elektronisches Visum-Armband, das jeder Einwanderer während seines Aufenthalts in Europa am Handgelenk oder wahlweise auch am Fussgelenk tragen muss. Nach drei Monaten läuft das Visum ab und Schenglet wird, sofern man ein gültiges Rückflugticket hat, entfernt. Sollte die Ausreisefrist ignoriert werden, greift Schenglet selbst zu anderen Massnahmen. Eine Woche nach Ablauf des Visums erklingt ein Alarmsignal, wird dieses ignoriert, injiziert Schenglet angst lösende Mittel und Penthatol. Sollte trotz der injizierten Dosis Widerstand geleistet werden, wird der/die Schenglet-TrägerIn aufgrund thermischen Drucks automatisch mit einer Kennnummer versehen, die eine neue Einreise in den Schengen-Raum zu einem späteren Zeitpunkt verunmöglicht. Sollte die eingereiste Person weiterhin Widerstand leisten und gar versuchen Schenglet manuell zu entfernen, muss mit gravierenden physischen Verletzungen gerechnet werden, z.B. wird die Hand abgehackt.
Verpackt in einem technisch brillanten Werbefilm, unterlegt mit einer gleichermassen freundlichen als auch anonymen Voice-over, illustriert Nègre eine Horror- Einwanderungspolitik der Zukunft. Nègres Animationsfilm ähnelt in vielerlei Hinsicht den Instruktionsfilmen in Flugzeugen. Jene Ästhetik wird instrumentalisiert, um die Gefahr einer fortschreitenden Überwachungspolitik scharfsinnig und pointiert zu demontieren. Je weiter fortgeschritten der Film, desto unbehaglicher wird es den ZuschauerInnen und desto unbehaglicher wirkt auch die gewählte, uns bekannte Form der Präsentation. Der Film entlarvt sich nach und nach als Satire.
Schenglet wurde als technisches Gerät and der Ecole d`Ingénieurs de Genève entworfen, dann an realen Trägern gefilmt und in der Postproduktion derartig umgestaltet, dass der Film seinen virtuellen Charakter erhielt. Mit Hilfe von Computeranimation wurden die virtualisierten Figuren, samt Schenglet, vor einem Collage-artigen Hintergrund platziert. Gerahmt ist der Film von zwei Aufnahmen, in denen ein Schwarzafrikaner von einer im Dunklen stehenden Menge beobachtet wird. Die Angst ist ihm ins Gesicht geschrieben. Den Schlusssatz bildet der eingeblendete Artikel 13.1 der Menschenrechtserklärung: «Everyone has the right to freedom of movement and residence within the borders of each state.»

P: Bord Cadre Film (Genève) 2002. B: Laurent Nègre, Zoltan Horvath. R: Laurent Nègre. K: Pascal Montjovent. T: Kuleni Berhanu. S: Laurent Nègre. M: KMA. D: Taye Berhanu, Diane Palma, Herve Dafe, Kuleni Berhanu, Mike Moundou. V,W: Bord Cadre Film (Genève).
Video, Farbe, 7 Minuten, Französisch (englische Untertitel).


25.1.2004, 17:49 | Permalink

Mission en enfer [Frédéric Gonseth]

Von Laura Daniel [ Sélection CINEMA ]
1942 machte sich ein Sonderzug mit 250 Schweizer Ärzten, Krankenschwestern und Rettungshelfern auf den Weg an die Ostfront. Die sich freiwillig Gemeldeten glaubten, an einer rein humanitären Aktion des Roten Kreuzes teilzunehmen. In Russland angekommen, mussten sie realisieren, dass ihre Mission in Wahrheit eine diplomatische Geste gegenüber dem Naziregime war. Obwohl ihnen in der Schweiz versichert worden war, es gelte PatientInnen aus beiden Lagern, sowohl Russen, als auch Deutsche, zu behandeln, durften sie sich an der Front angekommen nur um die Deutschen kümmern. Befolgten sie diese Anweisungen nicht, wurden sie gemassregelt.
Frédéric Gonseth besuchte die Überlebenden dieser Mission und befragte sie zu ihren Erlebnissen an der Front. Erstaunlicherweise haben fast alle der Befragten ihre Erfahrungen genaustens dokumentiert. Die meisten führten Tagebuch, einige brachten sogar Fotos und Filmaufnahmen heim. Zusammengesetzt aus Talking-Head-Aufnahmen aus den Interviews und Archivmaterial führt Gonseths Film zurück in ein dunkles Kapitel der europäischen Geschichte und offenbart damit die schier unglaublichen Grausamkeiten dieses Krieges. Auch wenn die gezeigten Bilder die erzählten Erfahrungen der MedizinerInnen widerspiegeln – die Ärzte berichten, wie sie tagein, tagaus aufgrund der begrenzten Zeit und Mittel oft nur Beine amputieren mussten –, muten sie zum Teil etwas gar reisserisch an, wenn z. B. durch einen musikalischen Spannungsbogen dann tatsächlich eine Beinamputation eingeführt wird und die ZuschauerInnen die ganze Prozedur mitansehen müssen.
Einige der Befragten berichten von Konzentrations- und Gefangenenlagern; ihre Erzählungen über das Gesehene sind nur schwer zu ertragen. Eindrücklich ist, wie viele der Befragten bis zu den Dreharbeiten mit niemandem über ihre Erlebnisse gesprochen hatten –beim Interview mit Gonseth sprudelt es nur noch so aus ihnen heraus, als müssten sie sich diese Last endlich von der Seele reden.
Sowohl Erzählungen als auch Bilder von der Front hinterlassen einen grossen Eindruck, es sind aber jene Szenen, in denen einige von ihrer Rückkehr in die Schweiz erzählen, und was ihnen hier widerfahren ist, welche haften bleiben: wie jener Arzt, dem die Lizenz entzogen wurde, weil er nicht aufhören wollte, die Schweizer Bevölkerung mit Diavorträgen über die Konzentrationslager zu informieren. Diejenigen, die sich an die Schweizer Regierung wandten wurden trotz Fotos und genauesten Dokumentationen, mit dem Kommentar abgespiesen, diese Geschichten seien nicht glaubwürdig.
Vor Wut und Entsetzen kommen einem Waadtländer Arzt noch heute die Tränen, wenn er von dem zu Ehren ihrer Rückkehr veranstalteten Bankett spricht, an dem jeder/jede neben einer prominenten politischen Persönlichkeit sitzen durfte: Sein Banknachbar wusste ihm nichts Besseres zu erzählen, als wie schrecklich es doch sei, dass in Bern die Butter so knapp sei.
Mission en enfer ist eine äusserst sehenswerte, zugleich packende als auch erschütternde Dokumentation über die Widersprüche der Schweizer Politik im Zweiten Weltkrieg.
P: Frédéric Gonseth Productions (Lausanne), TSR, Almaz Film Productions (Lausanne) 2003. B, R, K, S: Frédéric Gonseth. T: Catherine Azad. M: Michel Hostettler. V: Filmcoopi (Zürich). W: 10 Francs (Paris).
35 mm, Farbe, 120 Minuten, Französisch, Deutsch, Russisch, Polnisch (französische Untertitel).



25.1.2004, 17:39 | Permalink

Achtung, fertig, Charlie! Mike Eschmann]

Von Laura Daniel [ Sélection CINEMA ]
Achtung, fertig, Charlie! ist der erste schweizerische Versuch einer Teenager-Rezept-Komödie, die den Spagat zwischen helvetischer Eigentümlichkeit und amerikanischen Vorbildern dieser Art – wie etwa American Pie – probt.
Antonio Carrera wird just an jenem Tag, der gemeinhin als der schönste Tag im Leben eines Liebenden bezeichnet wird – seinem Hochzeitstag – quasi vom Traualtar weg zwangsrekrutiert: Antonio hat es dummerweise versäumt, seinem Marschbefehl Folge zu leisten. Nun wird er vor versammelter Hochzeitsgesellschaft seiner Braut Laura entrissen und landet auf dem Kasernenareal, wo ihn eine bunt gemischte Füsilierkompanie und der leicht sadistische Korporal Weiss erwarten. Da weder Diskussionen noch Verweigerung und Ungehorsam dazu führen, dass Carrera zurück zu seiner Braut gelassen wird, greift er zu Plan B. Plan B, wie Bluntschi, beruht auf der Erkenntnis, dass erstens Rekrutin Michelle Bluntschi die uneheliche Tochter des Hauptmanns Reiker ist und zweitens Sex in der Kaserne strengstens verboten ist, woraus Carrera mit Hilfe von Rekrut Weber zu folgern vermag, dass in der Kombination beider Elemente des Problems Lösung liegt. Carrera braucht also bloss Bluntschi zu verführen, um aus der RS zu fliegen. So irrwitzig der Plan, so vorhersehbar seine Folgen: Bluntschi und Carrera werden nicht nur zu Sexualpartnern, sondern zu einem Liebespaar. Der Umstand, dass Vater Moretti sein Textilfabrik-Imperium mit Hilfe der Mafia aufgebaut hat, verleiht dem Liebeskummer der verlassenen Laura eine zusätzliche Brisanz: Sie scheut keine Mittel, um sich an Antonio zu rächen.
Bevor Achtung, fertig, Charlie! in den Schweizer Kinos anlaufen konnte, wurden bereits hitzigen Debatten über Sinn und Unsinn dieses Projekts geführt. Das i-Tüpfelchen dieses Diskurses war dann die offizielle Distanzierung des VBS, des Bundesamtes für Verteidigung und Sport, vom Film. Aufgrund einiger expliziter Szenen sowie der allgemeinen Verulkung des Schweizer Militärs wollte das VBS die dem Film einst bewilligte Unterstützung entsagen. Für diejenigen, die sich den Film ansehen, mutet es ziemlich seltsam an, dass er Anstoss derartigen Ärgernisses werden konnte. Achtung, fertig, Charlie! macht sich zwar lustig übers Militär, ist in seiner Botschaft aber überaus militärfreundlich. Am Schluss des Films siegt nicht nur die Liebe, sondern es triumphieren die Füsiliere über die Grenadiere, Teamgeist über Individualität und Kiffertum. Das Ende ist mit so vielen Paaren gespickt, dass man sich glatt ins Molière`sche Theater zurückversetzt wähnt, sogar geheiratet wird dann doch noch.
Nach Exklusiv stellt die Luzerner Produktionsfirma Zodiac Pictures mit Achtung, fertig, Charlie! ein weiteres handwerklich solides, publikumsorientiertes Projekt auf die Beine, dem es weder an einem vermarktbaren Soundtrack noch an prominenten HauptdarstellerInnen fehlt. Filme wie Achtung, fertig, Charlie! sind durchaus einige Experimente wert, schade nur dass die Hauptrolle mit einem derartig begrenzten Schauspieltalent besetzt wurde. Vielleicht hätten auch die Herren vom VBS mehr gelacht, wenn Michael Koch es fertig gebracht hätte, während des ganzen Films mehr als drei verschiedene Gesichtsausdrücke zu Gute zu geben. Ebenfalls eher seltsam ist die Performance von Mike Müller, dem man den Mafioso genauso wenig abnimmt, wie Aegerter und Koch den Secondo, resp. die Seconda. Eine eher angenehme Überraschung hingegen bietet die ehemalige Miss Schweiz Melanie Winiger.
P: Lukas Hobi, Zodiac Pictures (Luzern) 2003. B: Michael Sauter, David Keller. R: Mike Eschmann. K: Roli Schmid. T: Hugo Poletti. S: Michael Schaerer. M: Manuel Stagars, Gotthard, Core22, Lovebugs, Mia Aegerter. D: Michael Koch, Melanie Winiger, Marco Rima, Mia Aegerter, Martin Rapold, Mike Müller. V: Buena Vista International (Schweiz). W: Telepool (Zürich).
35 mm, Farbe, 90 Minuten, Schweizerdeutsch.

25.1.2004, 17:35 | Permalink

Globi - der gestohlene Schatten [Robi Engler]

Von Laura Daniel [ Sélection CINEMA ]

Maestro, ein verschmähter Orchestermusiker, beschwört in einer schrecklichen Sturmnacht eine böse Macht herauf. Mit ihrer Hilfe will er eine so schöne Musik kreieren, dass die Welt ihr nicht widerstehen kann und damit sein Genie endlich erkennt. Ohne es zu merken wird er von der ominösen Macht selbst instrumentalisiert: Diese begehrt nichts weniger, als die Herrschaft über die Welt.
Zusammen mit einer liebesbedürftigen Ratte schafft Maestro eine Maschine, eigentlich eine Art Hochleistungs-Licht-Staubsauger, mit der er die Schatten von MusikerInnen stiehlt und sich so sein persönliches Orchester zusammenstellt. Es sind nämlich die Schatten – oder wie Globi einiges später erklärt die Seelen – mit deren Hilfe sich Musik machen lässt. Diejenigen, die ihres Schattens beraubt wurden, sind folglich nicht mehr in der Lage zu musizieren. So auch Benji, ein junger Rockgitarrist, dessen Freundin Lucinda ihm unter allen Umständen helfen will und ihn zur Polizei bringt. Da Benji nach dem Verlust seines Schattens nicht einmal mehr fähig ist seiner Gitarre hawaiianische Klänge zu entlocken, sondern nur noch schauerliches Geschrumme, wird er von der Hawaiibegeisterten Polizeiinspektorin abgewiesen. Wenigstens begegnen Benji und Lucinda auf dem Polizeiposten dem Erfindervogel Globi, mit dessen Hilfe sie nun Benjis Schatten wieder zurückerobern wollen.
Als Maestro noch Globis Virtual-Reality-Ei stiehlt bleibt ihnen nichts anderes übrig als dem Bösewicht in Begleitung seines Roboter-Eis Squidney in sein unterirdisches Opernhaus zu folgen. Weil Globi sich dem Willen des Maestros nicht beugt, befreit er alle anderen MusikerInnenschatten und den Maestro aus den Fängen der dunklen Macht. Maestro wird von Lucinda und Benji kurzerhand in ihrer Band aufgenommen und auch die Polizeipräsidentin bleibt nicht alleine: Sie findet in der Ratte endlich einen Partner für ihre Traumreise nach Hawaii.
Die MacherInnen des ersten Globifilms wollen viel: Wie es sich im Schweizer Film heute vielerorts zeigt (z.B. Achtung, fertig, Charlie! ), wird auch hier ambitiös versucht, eine Verbindung zwischen Eigentümlichem und Globalen zu schaffen. Die seit siebzig Jahren bekannte und beliebte Figur Globi trifft auf Virtual Reality, Manga-Ästhetik und High-Concept-Marketing. Leider scheint der Film mehr Wert auf die Globi angehängten Attribute als auf die Figur selbst zu legen: So wird der Film vor allem von seinem Soundtrack getragen, der, obwohl er zweifelsohne wirklich gut ist, weite Strecken des Films – wollte man es böse formulieren – geradezu zukleistert. Auch wenn der moderne Look des Film zum Teil sehr ansprechend ausgefallen ist und die verschärfte Funktion der Musik mit dem Argument, bei Globi – der gestohlene Schatten handle es sich eben um einen Film über MusikerInnen und Musik, teilweise legitimiert werden kann, bleibt einiges, das es hier zusammenzuhalten gibt: Es treffen der traditionelle Zeichenstil der Globibände auf mangaähnliche Figuren, die lustigen Gehilfen und Geräte Globis auf das düstere Schattenreich des Maestros, globitypische, witzige Dialoge auf eine irrwitzige Story, deren Ausgang wohl nicht nur die erwachsenen ZuschauerInnen nicht befriedigen wird.
Der streckenweise an ein animiertes Musikvideo erinnernde Film wirkt dann am stärksten, wenn der Globi-Sprecher Walter Andreas Müller die Figur durch witzige Globi-Phrasen zum Leben erweckt oder wenn die Ratte, gesprochen von der Musikerin Medea Nadja von Ah, mit ihren Intermezzi etwas Schwung in die Sache bringt. Auch finden sich im Film immer wieder witzige Details, die zum schmunzeln anregen, etwa wenn in Maestros düsterem Orchester u.a. Hendrix, Joplin und Parker auf die Opernsängerin Pavalotti treffen.

P: Fama Film (Zürich), Motion Works (Halle), Iris Productions (Luxemburg), Impuls Home Entertainement (Cham), SF DRS 2003. B: Peter Lawrence, Angela Stascheid. R: Robi Engler.
K: Peter Weller. T: Ronny Schreinzler .S: Susan Born. Aus: Takashi Masunaga. M: Medea Nadja von Ah, Lunik, Boris Blank, Roman Glaser, Michael Wernli. D: Yaël, Wanda Vyslovzilova, Walter Andreas Müller, Medea Nadja von Ah, Phillippe Roussel, Birgit Steinegger. V: Fama Film (Zürich). W: Iris Productions (Luxemburg).
35 mm, Farbe, 72 Minuten, Schweizerdeutsch.

25.1.2004, 17:29 | Permalink

L'escalier [Frédéric Mermoud]

Von Laura Daniel [ Sélection CINEMA ]

Rachel ist 15 und verliebt. Das Treppenhaus wird für sie zum Ort des Geschehens. Am Tag muss sie es, als Tochter des Hausmeisterehepaars, putzen, aber am Abend trifft sie Hervé. Im Treppenhaus erleben sie ihre ersten Küsse und Zärtlichkeiten, manchmal liest er ihr aus Nietzsches Also sprach Zarathustra vor. Bald aber wird das Treppenhaus für sie zu eng, die Sehnsucht nach einem ungestörten Ort wird immer grösser und so schlägt Hervé Rachel eines nachts vor, mit ihm für ein Wochenende in die Normandie auszubrechen. Alles ist organisiert, und Rachel wartet um vier Uhr morgens im Treppenhaus, wie sie es mit Hervé vereinbart hat, doch er erscheint nicht. Anstatt in der Normandie verbringt sie das Wochenende in der Wohnung der jungen Lehrerin von Hervé, die zufälligerweise im gleichen Wohnblock wie Rachel lebt und die Rachel an jenem Morgen weinend im Treppenhaus vorfindet. Ihrer Freundin Jess erzählt Rachel die Geschichte vom ersten Mal, so wie sie es sich erträumt hätte. Auf die Frage, ob sie mir Hervé zusammenbleiben wird, sagt Rachel: «Non, je préfère garder souvenir comme ça, pure.»
Mermoud erzählt die Geschichte von Rachel und Hervé mit Sorgfalt. Mit wenigen Worten und Bildern wird so viel gesagt und gezeigt, dass sich das Publikum in die Teenagerfiguren hineinversetzen kann. Schöne Bilder, tragen zum Charme des Kurzfilms bei. Bemerkenswert ist die Einheit des Ortes, die von Mermoud konsequent durchgehalten wird: das Treppenhaus wird immer wieder von Neuem in einer anderen Kadrage einfangen. Mermoud schafft es, diesen Raum lebendig zu machen, ihn mit Geschichten und Erinnerungen zu füllen. Die Not der Teenager, die nur diesen gemeinsamen Raum haben, und die daraus entstehende Spannung treiben die Geschichte vorwärts, in der sonst nur wenig vor sich geht. Die Reaktionen und Interaktionen der Teenager in L'escalier sind gut beobachtet und subtil umgesetzt. Sowohl kompositorisch als auch schauspielerisch kann L'escalier nur gelobt werden, allerdings wäre ein bisschen mehr Wagnis zu begrüssen. Der Film bleibt trotzdem eine feine, kleine Geschichte.

P: FCA Films, (Ventôme)/ Tabo Tabo Films (Paris) 2002. B, R: Frédéric Mermoud. K: Thomas Hardmeier. T: Julien Sicart, Bruno Reiland. S: Sarah Anderson. D: Nina Meurisse, Clément Van den Bergh, Stéphanie Sokolinski, Camille Japy. W: Tabo Tabo Films (Paris).
35 mm, Farbe, 22 Minuten, Französisch.


25.1.2004, 17:14 | Permalink

Das Alphorn [Stefan Schwietert]

Von Doris Senn [ Sélection CINEMA ]

Wenn das Auge über nebelverhangene Berge und glitzernde Seen streift und dazu der kehlige, sanft vibrierende Klang ins Ohr dringt, fällt es auch den Folklore-Widerständigsten schwer, sich seiner Faszination zu entziehen. Das Alphorn – so ist es verbürgt – ging auch unseren Ahnen unter die Haut. Im 18. Jahrhundert war das Alphornblasen den Schweizer Söldnern verboten, weil es unter den Eidgenossen Heimweh auslöste und sie in die Desertion oder den Freitod trieb. Das änderte allerdings nichts daran, dass das Instrument und seine Musik vor 200 Jahren praktisch ausgestorben waren. Noch vor Entstehung des Schweizer Nationalstaats erklärte man es deshalb zum Inbegriff der Älplerkultur und liess es an Unspunnenfesten Wiederauferstehung feiern. Erfolgreich, wie man heute feststellen kann.
Stefan Schwieterts Das Alphorn widmet sich nur am Rand der Geschichte und dem Mythos des zum Nationalsymbol avancierten Instruments. Im Zentrum stehen dafür Musiker, die das Spannungsfeld der einheimischen Alphornszene repräsentieren. So etwa Hans-Jürg Sommer, einer der wichtigsten Alphornspieler und -komponisten. Auf ihn geht das Stück «Moosruef» zurück, ein Klassiker, der unter der Ächtung des schweizerischen Jodelverbands steht. Dieses weltweit einzige Gremium, das die landeseigene Volksmusik zu reglementieren sucht, wirft Sommer das Falschspielen und das Sich-in-Szene-Setzen auf Kosten der Tradition vor. Quer in den Ohren liegt der Jury vor allem der alphorncharakteristische Naturton b (der schon früher von der Kirche als «teuflisches Intervall» verboten wurde). Er gibt Sommers Stücken das Urig-Melancholische – im Gegensatz zu den glatten Harmonien konfektionierter Ländlermusik.
Seit mehr als zwei Jahrzehnten erforscht Hans Kennel die hiesige Musiktradition und verbindet sie mit dem Jazz. Nicht nur brachte er das Alphorn ans Festival in Montreux, er tritt auch mit traditionellen Büchel-Spielern wie Vater und Sohn Trütsch aus dem Muotatal oder den jodelnden Geschwistern Schönbächler auf. Auch diese widerstreben der verordneten Ästhetisierung der Volksmusik und musizieren untemperiert mit Naturtönen. Für Balthasar Streiff wiederum ist das Alphorn schlichtweg ein «Phänomen». Dessen Beschränkung auf rund ein Dutzend Töne empfindet er als kreativen Anreiz. Er verbindet Stimme und Instrument und experimentiert mit dem Raum. Dies zeigt auch der Film sehr schön: etwa wenn Streiffs Gruppe «hornroh» mit periskopähnlichen Hörnern unter der Autobahnbrücke spielt. Oder sie ihre Instrumente auf den Rolltreppen des Zürcher Hauptbahnhofs in Szene setzen.
Am anderen Ende der Skala steht als Vertreter der «echten» Folklore – und durchaus sympathisches Original – Urs Pattschneider. Schade, dass sein Porträt als letztes in der Reihe etwas viel Gewicht erhält und dadurch – Pattschneider ist eifriger Befürworter des Jodelverbands – die «Unbotmässigkeiten» der «Wilden» zu relativieren scheint. Gedacht war es wohl – wie der Besuch in der Alphornfabrik – als humoriger Einschub. Man hätte sich aber auch vorstellen können, dass der Film sich auf die innovativen Musiker beschränkt und ihren Kreationen mehr Raum gewährt hätte. Dessenungeachtet bietet Das Alphorn – als dritter Musikfilm Schwieterts (nach A Tickle in the Heart, 1996, und El acordeón del diablo, 2000) – einen äusserst anregenden Einblick in eine unvermutet dynamische Musikszene.

P: Neapel Film (Therwil), SF DRS 2003. B, R: Stefan Schwietert. K: Pio Corradi. T: Benedikt Fruttiger. S: Isabel Meier. M: Hans-Jürg Sommer. W: Neapel Film (Therwil).
Video/35 mm, Farbe, 76 Minuten, Schweizerdeutsch (deutsche Untertitel).

25.1.2004, 14:36 | Permalink

Mais im Bundeshuus (Le génie hélvétique) [Jean-Stéphane Bron]

Von Doris Senn [ Sélection CINEMA ]
Wenn wir es nicht schon wüssten – Mais im Bundeshuus öffnete uns definitiv die Augen: Die Politik ist kein Quell der Lauterkeit, die Politiker keine Waisenknaben. Hohe Ziele ringen da mit knallharten Eigeninteressen. Ethische Grundsätze messen sich mit wirtschaftlicher Profitgier. Ein Spiel mit Fouls und Handicaps, mit Solovorstössen und Defensivblockaden, mit Überraschungsangriffen und Zufallstreffern. Vorzugsweise glauben wir, dass unsere kleine Modelldemokratie frei von solchen Mauscheleien sei. Doch nun hat Jean-Stéphane Bron den eidgenössischen Parlamentsalltag unter die Lupe genommen und gibt an einem Beispiel ernüchternden Einblick.
Das Zentrum von Mais im Bundeshuus – der «Mais» steht dialektal für «Aufruhr, Lärm», aber auch für die gentechnisch veränderte Pflanze par excellence – bildet eine parlamentarische Kommission, die sich über ein Jahr lang der gesetzlichen Reglementierung der Gentechnologie annimmt: der berühmt-berüchtigten Gen-Lex. Bron verzichtet auf Aktenstudium und trockene Faktenvermittlung – und weil die Verhandlungen hinter geschlossener Tür stattfinden, bleibt ihm (und uns) auch die hoh(l)e Politrhetorik erspart. Die Kamera steht vor der ominösen Tür mit dem Schild «Kommission – darf nicht gestört werden», wo Bron geduldig auf die Rauch- und Kaffeepausen, auf die Zeiten vor und nach den Sitzungen wartet. Dann also, wenn die VolksvertreterInnen Dampf ablassen, der Kamera insgeheim den nächsten Schachzug anvertrauen oder wortlos ihrer Enttäuschung in tiefen Zügen an der Zigarette Ausdruck verleihen. Da werden jovial Schultern geklopft, Bündnisse mit Augenzwinkern besiegelt, Resultate via Handy erörtert, Köpfe zusammengesteckt und Strategien ersonnen. Da schliessen Freund und Feind kurzfristige Bündnisse, da wird Druck ausgeübt und werden Ideologien über Bord gekippt.
Die «Helden» dieser Politposse sind die grüne Biobäurin Maya Graf, der Wissenschaftler Jacques Neirinck (CVP), die rote Gemeindepräsidentin Liliane Chappuis, der SVPler und Bauer Sepp Kunz sowie der eng mit der Pharmaindustrie liierte Johannes Randegger (FDP). Es ist unglaublich, was Bron mittels der kleinen Interaktionen dieser Figuren über das Funktionieren von Politik vermitteln kann. Unvoreingenommen, mit wachem Blick für die kleinen Gesten und offenem Ohr für die geheimsten Gedanken der PolitikerInnen verweist er augenzwinkernd auf die grossen Zusammenhänge – ein Können, das er auch schon in seinem amüsanten Film über eine Autofahrschule (La bonne conduite, 1999) unter Beweis stellte. Die in geschickt eingeflochtenen musikalischen Bezüge zum Italowestern (Musik: Christian Garcia) bauen nebst der verhandlungstechnischen Suspense eine subtile Klimax bis zur Abstimmung im Plenum auf. Hier wird uns ein Showdown in 32 Artikeln geboten, der so manchem Krimi an Spannung und unvorhersehbaren Wendungen das Wasser reichen kann.
P: Ciné Manufacture (Lausanne), SRG SSR idée suisse 2003. B, R: Jean-Stéphane Bron. K: Eric Stitzel. T: Luc Yersin. S: Karine Sudan. M: Christian Garcia. V: Vega (Zürich). W: Ciné Manufacture (Lausanne).
Video/35 mm, Farbe, 90 Minuten, Schweizerdeutsch, Französisch, Deutsch (deutsche, französische Untertitel).


25.1.2004, 14:16 | Permalink

Das letzte Versteck [Pierre Koralnik]

Von Francesco Laratta [ Sélection CINEMA ]
Als literarische Vorlage für Pierre Koralniks Spielfilm Das letzte Versteck dient der Roman Die Reise der Schriftstellerin Ida Fink. Den Spielfilm leiten einige dokumentarische Aufnahmen der in Tel Aviv lebenden Autorin ein. «Das, was ich erzähle, ist ganz, ganz wahr. Natürlich handelt es sich um eine persönliche Wahrheit, die nur einem selbst gehört», berichtet Fink über ihre literarisch verarbeitete Geschichte. Dieser für einen Spielfilm eher ungewöhnliche Einstieg stellt eine Würdigung der Autorin dar und weist zugleich auf die historische Authentizität der Charaktere in Das letzte Versteck hin.
Eva, die gerne studieren möchte und davon träumt, Schriftstellerin zu werden, und ihre Schwester Irene, die hingegen lieber beim Vater bleiben will, um sich zur Ärztin ausbilden zu lassen, sind 18, beziehungsweise 20 Jahre alt und plötzlich ganz auf sich alleine gestellt. Ihr Vater, ein jüdischer Arzt, schickt sie als Zwangsarbeiterinnen nach Deutschland. Zu diesem Zeitpunkt – im polnischen Zbaraz, im Herbst 1942 – scheint ‚das letzte Versteck’, um dem Genozid zu entkommen, die «Höhle des Löwen» zu sein. So irren die zwei als Katarzyna und Elzbieta und mit gefälschten Dokumenten durch das von Krieg geprägte Land in Richtung Deutschland.
Die Reise der beiden Schwestern führt sie zunächst in das Arbeitslager einer Maschinenfabrik im Ruhrgebiet. Die Arbeit ist hart – doch die Schwestern halten zusammen und mimen die frommen polnischen Bauernmädchen; die heilige Maria als Anhänger um den Hals, falten sie jeden Abend vor dem Einschlafen die Hände zum Gebet. Doch das Gerücht, Jüdinnen seien unter den jungen Polinnen versteckt, hält hartnäckig an. Eva und Irene müssen fliehen. Bei Weinbauern am Rhein finden sie Arbeit. Auf dem Gut beschäftigt die Familie auch einen jungen Polen, in den Eva sich verliebt; ihre Liebe wird erwidert. Doch auch dieser Aufenthalt erfährt ein abruptes Ende – ebenso Evas Liebe.
Schliesslich – auf einem Rheindampfer kurz vor der Schweizer Grenze – verspotten Nationalsozialisten die zwei polnischen Serviertöchter als ‚kulturlos’. Eva lässt sich das nicht gefallen, setzt sich ans Klavier und spielt ausgezeichnet – zeitgleich fliegt ein Flugzeug der Alliierten tief über den Dampfer hinweg und beginnt, auf die nationalsozialistische Tafelgesellschaft zu schiessen. Evas Musik begleitet diesen Angriff und kündet wie auch die Schüsse das Ende ihrer Odyssee an.
Der Film fokussiert besonders auf die psychologische Belastung eines solch gefährlichen Versteckspiels. Sich in falsche Identitäten hineinzulügen und in ständiger Angst zu leben, treibt die jungen Frauen an Rand der Verzweiflung. Sie kämpfen gegen Depressionen, Angstzustände und Resignation an. Doch immer wieder fängt sie ihre innige Schwesternliebe auf, gibt ihnen Kraft, all das durchzustehen.
Die Geschichte schreitet mit beachtlichem Tempo voran – entsprechend müssen sich einige NebendarstellerInnen mit teils fragmentarischen Charakteren zufrieden geben. Die Figuren Eva und Irene hingegen sind äusserst prägnant, gut und bewegend gespielt. Johanna Vokalek spielt ergreifend natürlich, während Agnieska Piwowarska durch eine ausdrucksstarke Mimik besticht. Das letzte Versteck überzeugt durch eine sorgfältige und solide Machart.

P: Tag/Traum Produktion (Köln), WDR, SF DRS, Arte 2003. B: Christoph Busch. R: Pierre Koralnik. K: Grzegorz Kedierski. T: Peter Schumacher. S: Corina Dietz, Matthias Meyer. M: Serge Franklin. A: Alexander Scherer. D: Johanna Vokalek, Agnieska Piwowarska, Cosma Shiva Hagen, Katja Studt. V, W: Tag/Traum Produktion (Köln).
35 mm, Farbe, 90 Minuten, Deutsch.

15.1.2004, 17:26 | Permalink

Die zweite Phase [Lukas Schmid]

Von Francesco Laratta [ Sélection CINEMA ]
Ein ehemaliges Kloster im thurgauischen Kalchrain beherbergt mitten in einer ländlichen Idylle eine Arbeitserziehungsanstalt (AEA) für junge Kriminelle, in die auch das Projekt «Suchtgruppe», kurz PSG, eingegliedert ist. Die mindestens dreimonatige Therapie hat zum Ziel, abhängige, straffällige Jugendliche auf ein drogen- und deliktfreies Leben ausserhalb der Anstalt vorzubereiten. Rund um die Uhr kümmert sich ein fünfköpfiges Betreuungsteam um die sieben Adoleszenten, die von einer auffällig ähnlichen kriminellen Karriere berichten: Diebstähle, Erpressung, wie auch Gewaltdelikte und Drogenkonsum gehörten zum Alltag der jungen Männer.
Besonders aufmerksam begleitet der Dokumentarfilmer Lukas Schmid, die Geschichte des 18jährigen Robert. Robert ist drogenabhängig und versucht, mit zwanghaftem Lügen die Therapiephase durchzustehen. In unzähligen, äusserst intensiven Gruppendiskussionen mit den Betreuern und den weiteren sechs Jugendlichen wird Robert jedoch stets mit der Wahrheit konfrontiert. Schmids Kamera nähert sich ihm, wie auch den übrigen Jugendlichen, auf ausgesprochen sachte, rücksichtsvolle Weise und frei jeglicher Wertung. Das Vertrauen der Anstaltsbewohner ist dem jungen Dokumentarfilmer so sicher; es grenzt gar an Komplizenschaft. Wie in dem Falle als er Martin in den bewilligten achtstündigen Urlaub nach Winterthur begleitet und beim Reinschmuggeln halluzinogener Pilze, versteckt zwischen den Salamischeiben eines gewöhnlichen Sandwichs, in die Erziehungsanstalt filmt.
Die Kamera – bei konfrontativen Gesprächen stets auf ihren Gesichtern verharrend – fängt Augenblicke zwischen trister Resignation und vehementer Auflehnung ein. Wie zum Beispiel als Marco bei Roberts Einweisung in das Isolationszimmer die Frage stellt, wozu eine solche Strafe gut sein soll. Frustrierend die Antwort: Das Betreuungsteam habe das nicht entschieden; es sei einfach so – zu den verärgerten und hilflosen Gesichtern der Jugendlichen gesellen sich diejenigen der Betreuer, irritiert und ratlos.
Als roter Faden der handwerklich soliden und eindrücklichen Dokumentation dient Roberts Geschichte; seine Person bestreitet sowohl die Anfangs- als auch Endszene. Einem eindeutigen Schluss aber verweigert sich Die zweite Phase: Nach der dreimonatigen Therapie muss Robert vor prüfender Anstaltsleitung gestehen: „Ich muess... ich bliib nomol drü Mönät.“ Mit diesem Satz, faktisch das Schlusswort, knüpft Schmid geschickt an den Anfang an. Dieses Ende stimmt nachdenklich – man verweilt in Gedanken bei Robert und den andern Anstaltsbewohnern.
Lukas Schmid gelingt es mit seinem ersten langen Dokumentarfilm (und zugleich Vordiplomfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg), nicht nur den Alltag von sieben ehemals kriminellen Jugendlichen in einer Erziehungsanstalt einzufangen, sondern zugleich die entwicklungspsychologischen Herausforderungen dieses Alters, wie Identitätssuche, Behaupten der eigenen Persönlichkeit, Lust an Grenzerfahrungen, Sozialisation und Integration, zu dokumentieren.
P: Filmakademie Baden-Württemberg, Tom Streuber (Ludwigsburg), Lukas Schmid (Rütihof) 2003. B, R: Lukas Schmid. K: Lukas Schmid. T: Lukas Schmid. S: Roland Muigg. M: Gentle Rain, Topdeal 2004. V: Luxor (Berlin). W: Filmakademie Baden-Württemberg (Ludwigsburg).
Video, Farbe, 87 Minuten, Deutsch, Schweizerdeutsch (deutsche Untertitel).


15.1.2004, 17:23 | Permalink

Tarifa Traffic [Joakim Demmer]

Von Francesco Laratta [ Sélection CINEMA ]
„Dieser Strand ist ein Sarg, ein europäischer Sarg.“ Ito Jimenez Dominguez starrt ins Meer hinaus, ihre Stimme verrät Bitterkeit: „Morgens kommen sie in Scharen hierher, um sich zu amüsieren – drei Stunden zuvor aber ist an diesem Strand ein Mensch gestorben.“
Das südspanische Tarifa, beliebte Feriendestination und Surferparadies, wird tagsüber von flanierenden und badenden Touristen bevölkert. Nachts aber zeigt es ein vollkommen anderes Gesicht: Zehntausende Immigranten aus Afrika versuchen jährlich illegal das Meer zwischen Marokko und Spanien zu durchqueren. Ihr Ziel: eine Zukunft in Europa. Vorwiegend junge Männer, aber auch Frauen und Kinder wagen sich auf einfachen Gummibooten ins zum Teil stürmende Meer hinaus. Hunderte werden aber niemals spanischen Boden betreten; wegen des hohen Wellengangs stürzen sie ins Wasser und ertrinken.
Seit dem 1. November 1988, als zum allerersten Mal Flüchtlinge ertranken, es waren 18 Menschen, wiederholt sich die Tragödie unentwegt. Damals berichtete die Zeitung ausgiebig – mittlerweile ist eine solche Nachricht nichts Neues. Der Alltag ist in Tarifa von den andauernden Immigrationsströmen, dem allzeit gegenwärtigen Leid und Tod geprägt.
Wie geht die Lokalbevölkerung mit diesem Elend um? Dieser Frage geht der Dokumentarfilmer Joakim Demmer nach. Er lässt die Küstenwachen, Mitarbeiter diverser Hilfsorganisationen, einen Journalisten und einen Bestattungsunternehmer zu Wort kommen. Betroffen teilen sie ihre Ohnmacht, ihre Wut, ihre Bitterkeit und Traurigkeit mit.
Konsequent aber weicht Tarifa Traffic den eigentlichen Protagonisten, den Flüchtlingen, aus. Man sieht sie zwar, in einem überfüllten Gummiboot, durch das Wasser watend, zwischen den Dünen kauernd – vollkommen durchnässt, zitternd und offensichtlich unter Schock, doch die illegalen Immigranten bleiben, so wie sie in der europäischen Öffentlichkeit auch wahrgenommen werden, tragische Schicksale ohne Namen. Das konzeptuelle Ausklammern ihrer Perspektive birgt unglücklicherweise die Gefahr, die Problematik der illegalen Immigration auf einen Haufen gestrandete Leichen zu reduzieren.
Dennoch wird Demmer dem Anspruch gerecht, sich den Betroffenen auf rücksichtsvolle und teilnehmende Art zu nähern und dies auch formal überzeugend umzusetzen. Der trauernde Mustafa, der aus Italien angereist ist, um die Leiche seines Bruders zurück in die Heimat Marokko zu führen, wird durch die Scheiben eines Cafés gefilmt; er sitzt, raucht und wartet auf das Bestattungsauto (mit der sarkastisch anmutenden Aufschrift: ‚24 Stunden Service’). Mustafas spricht aus dem Off, seine Stimme schafft eine Intimität, die dem schwierigen Inhalt gerecht wird, während die gewählte Bildeinstellung unaufdringlich und doch präsent wirkt.
Mit Tarifa Traffic ist Joakim Demmer ein stiller, nachdenklicher Dokumentarfilm gelungen, der sich trotz tragischer Thematik einer äusserst klaren, gar ästhetischen Bildsprache verpflichtet und inhaltlich an den Spielfilm Clandestins des Regisseurduos Chouinard/Wadimoff aus dem Jahre 1997 anknüpft.
P: Dschoint Ventschr Filmproduktion AG (Zürich), Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (Berlin), ZDF/3sat 2003. R: Joakim Demmer, Brenda Osterwalder. K: Hoyte van Hoytema. T: Daniel Iribarren. S: Joakim Demmer, Ingrid Landmesser, Natali Barrey. M: Matthias Trippner. V, W: Dschoint Ventschr (Zürich).
Video, Farbe, 60 Minuten, Spanisch, Marokkanisch (englische Untertitel).



15.1.2004, 17:19 | Permalink
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