Das letzte Versteck [Pierre Koralnik]
Als literarische Vorlage für Pierre Koralniks Spielfilm Das letzte Versteck dient der Roman Die Reise der Schriftstellerin Ida Fink. Den Spielfilm leiten einige dokumentarische Aufnahmen der in Tel Aviv lebenden Autorin ein. «Das, was ich erzähle, ist ganz, ganz wahr. Natürlich handelt es sich um eine persönliche Wahrheit, die nur einem selbst gehört», berichtet Fink über ihre literarisch verarbeitete Geschichte. Dieser für einen Spielfilm eher ungewöhnliche Einstieg stellt eine Würdigung der Autorin dar und weist zugleich auf die historische Authentizität der Charaktere in Das letzte Versteck hin.
Eva, die gerne studieren möchte und davon träumt, Schriftstellerin zu werden, und ihre Schwester Irene, die hingegen lieber beim Vater bleiben will, um sich zur Ärztin ausbilden zu lassen, sind 18, beziehungsweise 20 Jahre alt und plötzlich ganz auf sich alleine gestellt. Ihr Vater, ein jüdischer Arzt, schickt sie als Zwangsarbeiterinnen nach Deutschland. Zu diesem Zeitpunkt – im polnischen Zbaraz, im Herbst 1942 – scheint ‚das letzte Versteck’, um dem Genozid zu entkommen, die «Höhle des Löwen» zu sein. So irren die zwei als Katarzyna und Elzbieta und mit gefälschten Dokumenten durch das von Krieg geprägte Land in Richtung Deutschland.
Die Reise der beiden Schwestern führt sie zunächst in das Arbeitslager einer Maschinenfabrik im Ruhrgebiet. Die Arbeit ist hart – doch die Schwestern halten zusammen und mimen die frommen polnischen Bauernmädchen; die heilige Maria als Anhänger um den Hals, falten sie jeden Abend vor dem Einschlafen die Hände zum Gebet. Doch das Gerücht, Jüdinnen seien unter den jungen Polinnen versteckt, hält hartnäckig an. Eva und Irene müssen fliehen. Bei Weinbauern am Rhein finden sie Arbeit. Auf dem Gut beschäftigt die Familie auch einen jungen Polen, in den Eva sich verliebt; ihre Liebe wird erwidert. Doch auch dieser Aufenthalt erfährt ein abruptes Ende – ebenso Evas Liebe.
Schliesslich – auf einem Rheindampfer kurz vor der Schweizer Grenze – verspotten Nationalsozialisten die zwei polnischen Serviertöchter als ‚kulturlos’. Eva lässt sich das nicht gefallen, setzt sich ans Klavier und spielt ausgezeichnet – zeitgleich fliegt ein Flugzeug der Alliierten tief über den Dampfer hinweg und beginnt, auf die nationalsozialistische Tafelgesellschaft zu schiessen. Evas Musik begleitet diesen Angriff und kündet wie auch die Schüsse das Ende ihrer Odyssee an.
Der Film fokussiert besonders auf die psychologische Belastung eines solch gefährlichen Versteckspiels. Sich in falsche Identitäten hineinzulügen und in ständiger Angst zu leben, treibt die jungen Frauen an Rand der Verzweiflung. Sie kämpfen gegen Depressionen, Angstzustände und Resignation an. Doch immer wieder fängt sie ihre innige Schwesternliebe auf, gibt ihnen Kraft, all das durchzustehen.
Die Geschichte schreitet mit beachtlichem Tempo voran – entsprechend müssen sich einige NebendarstellerInnen mit teils fragmentarischen Charakteren zufrieden geben. Die Figuren Eva und Irene hingegen sind äusserst prägnant, gut und bewegend gespielt. Johanna Vokalek spielt ergreifend natürlich, während Agnieska Piwowarska durch eine ausdrucksstarke Mimik besticht. Das letzte Versteck überzeugt durch eine sorgfältige und solide Machart.
P: Tag/Traum Produktion (Köln), WDR, SF DRS, Arte 2003. B: Christoph Busch. R: Pierre Koralnik. K: Grzegorz Kedierski. T: Peter Schumacher. S: Corina Dietz, Matthias Meyer. M: Serge Franklin. A: Alexander Scherer. D: Johanna Vokalek, Agnieska Piwowarska, Cosma Shiva Hagen, Katja Studt. V, W: Tag/Traum Produktion (Köln).
35 mm, Farbe, 90 Minuten, Deutsch.
Die zweite Phase [Lukas Schmid]
Ein ehemaliges Kloster im thurgauischen Kalchrain beherbergt mitten in einer ländlichen Idylle eine Arbeitserziehungsanstalt (AEA) für junge Kriminelle, in die auch das Projekt «Suchtgruppe», kurz PSG, eingegliedert ist. Die mindestens dreimonatige Therapie hat zum Ziel, abhängige, straffällige Jugendliche auf ein drogen- und deliktfreies Leben ausserhalb der Anstalt vorzubereiten. Rund um die Uhr kümmert sich ein fünfköpfiges Betreuungsteam um die sieben Adoleszenten, die von einer auffällig ähnlichen kriminellen Karriere berichten: Diebstähle, Erpressung, wie auch Gewaltdelikte und Drogenkonsum gehörten zum Alltag der jungen Männer.
Besonders aufmerksam begleitet der Dokumentarfilmer Lukas Schmid, die Geschichte des 18jährigen Robert. Robert ist drogenabhängig und versucht, mit zwanghaftem Lügen die Therapiephase durchzustehen. In unzähligen, äusserst intensiven Gruppendiskussionen mit den Betreuern und den weiteren sechs Jugendlichen wird Robert jedoch stets mit der Wahrheit konfrontiert. Schmids Kamera nähert sich ihm, wie auch den übrigen Jugendlichen, auf ausgesprochen sachte, rücksichtsvolle Weise und frei jeglicher Wertung. Das Vertrauen der Anstaltsbewohner ist dem jungen Dokumentarfilmer so sicher; es grenzt gar an Komplizenschaft. Wie in dem Falle als er Martin in den bewilligten achtstündigen Urlaub nach Winterthur begleitet und beim Reinschmuggeln halluzinogener Pilze, versteckt zwischen den Salamischeiben eines gewöhnlichen Sandwichs, in die Erziehungsanstalt filmt.
Die Kamera – bei konfrontativen Gesprächen stets auf ihren Gesichtern verharrend – fängt Augenblicke zwischen trister Resignation und vehementer Auflehnung ein. Wie zum Beispiel als Marco bei Roberts Einweisung in das Isolationszimmer die Frage stellt, wozu eine solche Strafe gut sein soll. Frustrierend die Antwort: Das Betreuungsteam habe das nicht entschieden; es sei einfach so – zu den verärgerten und hilflosen Gesichtern der Jugendlichen gesellen sich diejenigen der Betreuer, irritiert und ratlos.
Als roter Faden der handwerklich soliden und eindrücklichen Dokumentation dient Roberts Geschichte; seine Person bestreitet sowohl die Anfangs- als auch Endszene. Einem eindeutigen Schluss aber verweigert sich Die zweite Phase: Nach der dreimonatigen Therapie muss Robert vor prüfender Anstaltsleitung gestehen: „Ich muess... ich bliib nomol drü Mönät.“ Mit diesem Satz, faktisch das Schlusswort, knüpft Schmid geschickt an den Anfang an. Dieses Ende stimmt nachdenklich – man verweilt in Gedanken bei Robert und den andern Anstaltsbewohnern.
Lukas Schmid gelingt es mit seinem ersten langen Dokumentarfilm (und zugleich Vordiplomfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg), nicht nur den Alltag von sieben ehemals kriminellen Jugendlichen in einer Erziehungsanstalt einzufangen, sondern zugleich die entwicklungspsychologischen Herausforderungen dieses Alters, wie Identitätssuche, Behaupten der eigenen Persönlichkeit, Lust an Grenzerfahrungen, Sozialisation und Integration, zu dokumentieren.
P: Filmakademie Baden-Württemberg, Tom Streuber (Ludwigsburg), Lukas Schmid (Rütihof) 2003. B, R: Lukas Schmid. K: Lukas Schmid. T: Lukas Schmid. S: Roland Muigg. M: Gentle Rain, Topdeal 2004. V: Luxor (Berlin). W: Filmakademie Baden-Württemberg (Ludwigsburg).
Video, Farbe, 87 Minuten, Deutsch, Schweizerdeutsch (deutsche Untertitel).
Tarifa Traffic [Joakim Demmer]
„Dieser Strand ist ein Sarg, ein europäischer Sarg.“ Ito Jimenez Dominguez starrt ins Meer hinaus, ihre Stimme verrät Bitterkeit: „Morgens kommen sie in Scharen hierher, um sich zu amüsieren – drei Stunden zuvor aber ist an diesem Strand ein Mensch gestorben.“
Das südspanische Tarifa, beliebte Feriendestination und Surferparadies, wird tagsüber von flanierenden und badenden Touristen bevölkert. Nachts aber zeigt es ein vollkommen anderes Gesicht: Zehntausende Immigranten aus Afrika versuchen jährlich illegal das Meer zwischen Marokko und Spanien zu durchqueren. Ihr Ziel: eine Zukunft in Europa. Vorwiegend junge Männer, aber auch Frauen und Kinder wagen sich auf einfachen Gummibooten ins zum Teil stürmende Meer hinaus. Hunderte werden aber niemals spanischen Boden betreten; wegen des hohen Wellengangs stürzen sie ins Wasser und ertrinken.
Seit dem 1. November 1988, als zum allerersten Mal Flüchtlinge ertranken, es waren 18 Menschen, wiederholt sich die Tragödie unentwegt. Damals berichtete die Zeitung ausgiebig – mittlerweile ist eine solche Nachricht nichts Neues. Der Alltag ist in Tarifa von den andauernden Immigrationsströmen, dem allzeit gegenwärtigen Leid und Tod geprägt.
Wie geht die Lokalbevölkerung mit diesem Elend um? Dieser Frage geht der Dokumentarfilmer Joakim Demmer nach. Er lässt die Küstenwachen, Mitarbeiter diverser Hilfsorganisationen, einen Journalisten und einen Bestattungsunternehmer zu Wort kommen. Betroffen teilen sie ihre Ohnmacht, ihre Wut, ihre Bitterkeit und Traurigkeit mit.
Konsequent aber weicht Tarifa Traffic den eigentlichen Protagonisten, den Flüchtlingen, aus. Man sieht sie zwar, in einem überfüllten Gummiboot, durch das Wasser watend, zwischen den Dünen kauernd – vollkommen durchnässt, zitternd und offensichtlich unter Schock, doch die illegalen Immigranten bleiben, so wie sie in der europäischen Öffentlichkeit auch wahrgenommen werden, tragische Schicksale ohne Namen. Das konzeptuelle Ausklammern ihrer Perspektive birgt unglücklicherweise die Gefahr, die Problematik der illegalen Immigration auf einen Haufen gestrandete Leichen zu reduzieren.
Dennoch wird Demmer dem Anspruch gerecht, sich den Betroffenen auf rücksichtsvolle und teilnehmende Art zu nähern und dies auch formal überzeugend umzusetzen. Der trauernde Mustafa, der aus Italien angereist ist, um die Leiche seines Bruders zurück in die Heimat Marokko zu führen, wird durch die Scheiben eines Cafés gefilmt; er sitzt, raucht und wartet auf das Bestattungsauto (mit der sarkastisch anmutenden Aufschrift: ‚24 Stunden Service’). Mustafas spricht aus dem Off, seine Stimme schafft eine Intimität, die dem schwierigen Inhalt gerecht wird, während die gewählte Bildeinstellung unaufdringlich und doch präsent wirkt.
Mit Tarifa Traffic ist Joakim Demmer ein stiller, nachdenklicher Dokumentarfilm gelungen, der sich trotz tragischer Thematik einer äusserst klaren, gar ästhetischen Bildsprache verpflichtet und inhaltlich an den Spielfilm Clandestins des Regisseurduos Chouinard/Wadimoff aus dem Jahre 1997 anknüpft.
P: Dschoint Ventschr Filmproduktion AG (Zürich), Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (Berlin), ZDF/3sat 2003. R: Joakim Demmer, Brenda Osterwalder. K: Hoyte van Hoytema. T: Daniel Iribarren. S: Joakim Demmer, Ingrid Landmesser, Natali Barrey. M: Matthias Trippner. V, W: Dschoint Ventschr (Zürich).
Video, Farbe, 60 Minuten, Spanisch, Marokkanisch (englische Untertitel).
Martha Argerich – Conversation nocturne [Georges Gachot]
Martha Argerich ist Pianistin mit Haut und Haaren. Die Argentinierin, die 1965 in Warschau den «Chopin Concours» gewann und so eine beeindruckende Weltkarriere startete, unterhält sich nachts in einer Hotellobby mit Regisseur Georges Gachot. Die hochbegabte und international geachtete Künstlerin gilt als impulsiv, schwierig im Umgang und exzentrisch – dem in Zürich lebenden Filmmacher jedoch hat sie vertraut und eine filmische Begegnung zugelassen.
Durch die einstündige Dokumentation führt das Interview beziehungsweise der durch wenige Fragen unterbrochene Monolog. Argerich erzählt aus ihrer Kindheit, sprich über ihren Lehrer, den Wiener Friedrich Gulda, dem sie mit 13 Jahren nach Europa folgte. Er habe den grössten Einfluss auf ihre Person ausgeübt, stellt die Künstlerin rückblickend fest; ihre Faszination für den Österreicher ist nach wie vor ungebrochen. Ihm habe sie auch die Entdeckung des musikalischen Humors zu verdanken: Gulda habe nämlich dieses in der klassischen Musik allzu oft vernachlässigte Element, das in zahlreichen Kompositionen unentdeckt schlummert, zu wecken gewusst.
Konsequent aber weigert sich Martha Argerich, über Privates zu reden. Es sei grässlich, bemerkt sie am Anfang des «Nachtgesprächs» über eine «Big Brother» Sendung am TV, wie man erpicht sei, das eigene Privatleben in aller Öffentlichkeit einfach so auszubreiten. Darauf verzichte sie gerne.
Dennoch mangelt es dem Dokumentarfilm keineswegs an Intimität. Die reduzierten filmischen Mittel verleihen den Aufnahmen gar einen unmittelbaren, persönlichen Zugang. In Gedanken bei ‚ihren’ Komponisten redet die Pianistin wie über echte Beziehungen. Es geht um Liebe, Sympathie, gar Eifersucht. Beethoven, Chopin, Debussy, Ravel und Bach stehen ihr emotional sehr nahe. Als seien sie Freunde, ja gar Liebhaber, spricht die Künstlerin über ihre Temperamente, über ihren Geschmack. Prokofjew zum Beispiel meine es gut mit ihr, er habe ihr auch nie einen Streich gespielt. Mit Schumann aber habe sie das Gefühl, verbinde sie noch mehr – Argerich denkt laut über Seelenverwandtschaft nach.
Die Kamera begleitet die Pianistin zuhause beim Proben, im Konzertsaal und in der Tonhalle Zürich. Konzertmitschnitte, sowie Tonaufnahmen aus dem Archiv ergänzen und vervollständigen das Porträt der Künstlerin, das behutsam ihr sprunghaftes und spontanes Erzählen gliedert. Ausgezeichnet geschnitten und stimmig aufgebaut, eröffnet der Dokumentarfilm nicht nur die künstlerischen Dimensionen der Martha Argerich, sondern vermag es, sich der geheimnisvollen Künstlerin auch persönlich zu nähern.
Martha Argerich – Conversation nocturne gehen Porträts über die Komponisten Rodion Shchedrin, Claude Debussy oder die Mezzosopranistin Grace Bumbry voraus. Georges Gachots Filmschaffen hat sich seiner Leidenschaft, der klassischen Musik, verschrieben. Mit grosser Affinität gelingt es ihm, klassische Musik und die MusikerInnen, die sich dieser Musik verpflichtet haben, in Bilder zu übersetzen.
P: George Gachot (Zürich), Idéale Audience (Paris), Arte France, BR 2002. B, R: George Gachot. K: Matthias Kälin, Milivoj Ivkovic. T: Toine Mertens, Alfred Benz, Martin Hertel, Dieter Meyer, Luc Yersin. S: Ruth Schläpfer. V: George Gachot (Zürich). W: Idéale Audience International (Paris).
Video Digital Beta, Farbe, 57 Minuten, Französisch, Englisch, Deutsch (französische, deutsche Untertitel).