Bei Parish [Yaël Parish]

Von Natalie Böhler [ Sélection CINEMA ]
«Bei Parish»: Mit diesen Worten meldeten sich die Kindermädchen im Elternhaus der Regisseurin jeweils am Telefon. Sie selbst übernahm als Kind diese Gewohnheit – «bis mir», so schreibt sie in einem Text zu ihrem Film, «eines Tages klar wurde, dass ich selbst eine Parish bin». Mit ihrem Diplomfilm an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich unternimmt Yaël Parish eine dokumentarische Expedition in die eigene Familiengeschichte, die geprägt ist von der Scheidung der Eltern: Der Vater verliess die Familie, als Yaël und ihre beiden Brüder noch im Kindesalter waren.
Bei Parish spürt den Verletzungen nach, die dieser Einschnitt bei den Familienmitgliedern hinterliess: In Einzelinterviews und gemeinsam am Esstisch erzählen die Mutter und die mittlerweile erwachsenen Brüder von ihren Erinnerungen. Dabei gehen die Stellungnahmen und die Haltungen frappant auseinander: Die Mutter interpretiert eine Kinderzeichnung der Regisseurin als Indiz einer glücklichen Kindheit – farbenfroh zeigt es die Familie vereint vor einem Haus im Grünen, umgeben von Tieren und Blumen –; die analytische Distanz, mit der sie spricht, steht jedoch in seltsamem Gegensatz zu dieser Deutung. Die Risse in den Beziehungen brechen immer mehr auf, als die Brüder erzählen: Der eine redet mit manchmal sarkastischer Offenheit von den Unfähigkeiten und Problemen der Eltern, der andere wirkt eher depressiv und kann sich, wie traumatisiert, an vieles schlichtweg nicht mehr erinnern. Der Vater in Australien sagt, er wünsche sich mehr Begegnungen mit seinen Söhnen. Durch das verwackelte Bild der Videokonferenz erscheint er dabei entfernt und fremd, als lebe er auf einem andern Planeten. So entsteht mosaikartig die Geschichte einer gescheiterten Ehe und einer zerbrochenen Familie. Ergänzt wird sie durch Gespräche mit einer Reihe ehemaliger Kindermädchen, die als Aussenstehende die Zerwürfnisse kommentieren. Durch diese Seitenblicke erfahren wir von den schwierigen Lebensumständen: Die Mutter ist polnisch-schweizerische Jüdin, der Vater Australier, zu den kulturellen Differenzen kommen charakterliche. Beide arbeiten ganztags, für Familie und Beziehung bleibt wenig Zeit. Ihr Wohnort, Guntershausen, ist ein Schweizer Dorf, in dem die Stille fast erdrückend wirkt: Hier gibt es nicht viel Platz fürs Anderssein.
Das wichtigste Gestaltungsmittel des Films ist die sorgfältige Montage, welche die verschiedenen Standpunkte und Empfindungen miteinander konfrontiert und zuweilen krasse Widersprüche aufzeigt, die manchmal in ihrer Pointiertheit durchaus amüsant sind. Meist aber machen die Unvereinbarkeit und Unversöhnlichkeit der verschiedenen Empfindungen betroffen. Zurück bleibt nach dem Film eine Trauer um die schmerzlich vermisste Nähe und Nestwärme, um eine kindliche Unbeschwertheit und um den Verlust eines Daheims.

P: Hochschule für Gestaltung und Kunst (Zürich) 2003. B, R: Yaël Parish. K: Christine Munz. T: Bettina Tenchio. S: Gion-Reto Killias, Yaël Parish. V, W: Hochschule für Gestaltung und Kunst (Zürich).
Digibeta, Farbe, 33 Minuten, Schweizerdeutsch, Deutsch, Englisch, Hebräisch.



14.2.2004, 18:52 | Permalink

Haus ohne Fenster [Peter Reichenbach]

Von Veronika Grob [ Sélection CINEMA ]
In einer kritischen Würdigung des Fernsehfilms Haus ohne Fenster muss als Erstes die schauspielerische Leistung von Esther Gemsch erwähnt werden. Die als ehrgeizige Witwe Lisbeth Rohner aus der Schweizer Schoggi-Soap Lüthi und Blanc bekannte Actrice spielt hier ihre erste Hauptrolle mit Bravour und Überzeugungskraft. Dabei ist die Figur der einst selbstsicheren Renate, die Hilfe bei einem betrügerischen Therapeuten sucht und plötzlich nahe am psychischen Abgrund steht, sicher nicht einfach darzustellen. Auch die Nebenrollen in Peter Reichenbachs Psychoanalysedrama sind äusserst originell besetzt: Neben Esther Gemsch sind darin Robert Hunger-Bühler von Marthalers Schauspielhaus-Ensemble als schmieriger Therapeut, Karin Baal, Star des deutschen Nachkriegsfilm, als Renates hilflose Mutter und Max Bertsch, Kriminalkommissar aus der RTL-Serie Im Namen des Gesetzes, als Renates Ex-Freund zu sehen.
Die Geschichte verbindet die Probleme der Übertragungsliebe mit denjenigen des psychotherapeutischem Missbrauch und wandelt sich schliesslich zum regelrechten Gerechtigkeits- und Befreiungsdrama. Die erfolgreiche Unternehmerin Renate Schaller kommt nicht über den Suizid ihrer Schwester Franziska hinweg. Als auch noch ihre Beziehung in die Brüche geht, wendet sie sich an Franziskas ehemaligen Therapeuten Sebastian Frey und meint dort den Trost zu finden, den sie gesucht hat. Die emotionale Abhängigkeit wandelt sich zur vermeintlichen Liebe, doch die Regeln des Arzt-Patientin-Verhältnisses werden verletzt, als sich Frey auf ein sexuelles Abenteuer mit ihr einlässt. Renates Liebe steigert sich zur Obsession. Als sie entdeckt, dass Frey auch mit anderen Patientinnen intimen Umgang pflegt, stürzt sie in eine tiefe Krise und in eine lebensgefährliche Depression, von der sie sich in einer Klinik langsam erholt. Nur zögerlich kann sie sich aus ihrer Abhängigkeit befreien und sich von ihrer Phantasiewelt verabschieden. Aus Franziskas Abschiedsbrief, den ihr die Mutter schliesslich zeigt, erfährt sie, dass auch ihre Schwester in Frey verliebt war. Und nun schafft sie es, sich aufzuraffen und gegen den missbräuchlichen Therapeuten vorzugehen.
Die Drehbuchautorin Christa Capaul und der Regisseur Peter Reichenbach haben sich für einen Fernsehfilm reichlich komplexen und schweren Stoff vorgenommen. Und so bleibt schliesslich auch das Gefühl, dass in Haus ohne Fenster zuviel Drama in 90 Minuten verpackt werden wollte. Die Geschichte ist jedoch elegant und zügig inszeniert. Reichenbach ist Mitbegründer von C-Films und war jahrelang als Produzent tätig, bevor er 1999 mit dem TV-Movie Das Mädchen aus der Fremde als Regisseur debütierte. Auch dieses wurde schon von Christa Capaul mitverfasst, die auch das Buch von Stefan Haupts Fernsehfilm Moritz (2003) schrieb. C-Films produziert ebenfalls die TV-Soap Lüthi und Blanc und realisierte in der Reihe «Fernsehfilm SF DRS» bereits das Drama Tod durch Entlassung und die beiden Komödien Big Deal und Füür oder Flamme.

Produktion: C-Films (Zürich), SF DRS, WDR 2003. B: Christa Capaul. R: Peter Reichenbach. K: Felix von Muralt. T: Patrick Becker. S: Beat Lenherr. M: Benjamin Fueter. D: Esther Gemsch, Robert Hunger-Bühler, Karin Baal, Max Gertsch, Delia Mayer, Sara Capretti, Babett Arens, Meret Hottinger. W: C-Films (Zürich).
DigiBeta 16:9, Farbe, 88 Minuten, Schweizerdeutsch.

14.2.2004, 18:49 | Permalink

Alles wird gut [Thomas Hess]

Von Veronika Grob [ Sélection CINEMA ]
Anfang der Neunziger Jahre begrüsste der farbenfrohe Slogan «Alles wird gut» die Zugreisenden in Zürich. Die besetzte Kulturfabrik Wohlgroth, an deren Fassade die Wörter prangten, wurde längst abgerissen, und der Zürcher Kreis 5 hat mit Platzspitz und Letten eine traurige internationale Berühmtheit erlangt. Zwar ist die Drogenproblematik heute nicht mehr ganz so augenfällig, doch gibt es immer noch genug Junkies und damit Angehörige, die sich mit der Suchtproblematik auseinandersetzen müssen, ohne dabei die Hoffnung zu verlieren. Genau darum geht es im Fernsehfilm Alles wird gut von Thomas Hess.
Herbert Müller, Vater der drogensüchtigen Isabelle, will verzweifelt daran glauben, dass sich alles zum Guten wenden wird. Nach einem Entzug kommt die 19-jährige zurück nach Hause, um wieder festen Boden unter die Füsse zu kriegen. Isabelle interessiert sich allerdings wenig für das Elektronikgeschäft ihres Vaters, wo sie arbeiten soll: Sie will Rocksängerin werden. Eines Nachts plündert sie die Geschäftskasse und landet wieder auf der Gasse.
Während sich die Mutter von Sozialarbeitern und einer Selbsthilfegruppe beraten lässt, macht sich der Vater auf, seine Tochter im Zürcher Langstrassenquartier zu suchen. Er ist überzeugt, dass Isabelles Kollege Osman etwas mit dem Rückfall seiner Tochter zu tun hat. Ein Bekannter vom Kegelverein macht ihm den Vorschlag, ein paar rechtsextreme Schläger anzuheuern, um herauszufinden, wo sich Isabelle aufhält. Doch diese prügeln Osman ins Koma, ohne etwas in Erfahrung zu bringen. Nun hat Herbert nicht nur die Polizei, sondern auch die Schläger am Hals, die von ihm ein Alibi für die Tatzeit verlangen.
Thomas Hess hat 1999 mit Einladung auf dem Lande seinen Abschlussfilm an der Hochschule für Gestaltung vorgelegt. Danach wirkte er als Co-Autor von Simon Aebys Das Fähnlein der 7 Aufrechten, bevor er mit Alles wird gut seinen ersten Spielfilm realisierte. Er hat sich viel vorgenommen: Das subtile Drogendrama wandelt sich nämlich in einen veritablen Krimi. Überzeugend ist die Schilderung von Isabelles Elternhaus, in dem Vater und Mutter sich entfremden angesichts der Frage, was der richtige Umgang mit der süchtigen Tochter ist. Alles wird gut ist vor allem das Porträt eines verzweifelten Vaters, auch dank Herbert Leiser (bekannt aus den Filmen Xavier Kollers), der diese Rolle mit grosser Intensität spielt. Neben ihm gibt Anne-Marie Kuster die Mutter und die Neuentdeckung Türkân Yavas, die eben gerade ihre Schauspielausbildung abgeschlossen hat, spielt die drogensüchtige Tochter. Erwähnenswert ist Pierre Mennels raffinierte Kameraführung: Oft werden die dunklen, schweren Bilder von wenigen Lichtquellen beleuchtet. Der Film endet in einer furiosen Schlussequenz, in der Michael Finger, Träger des Schweizer Filmpreises 2002, als bösartig überdrehter Neonazi auf seinem Opfer durch den nasskalten Wald reitet.

Produktion: Kontraproduktion (Zürich), SF DRS 2003. B, R: Thomas Hess. K: Pierre Mennel. T: Christian Beusch. S: Markus Welter. M: Adrian Frutiger. D: Herbert Leiser, Türkân Yavas, Anne-Marie Kuster, Roberto Guerra, Michael Finger, Walter Hess, Siegfried W. Kernen. W: Kontraproduktion (Zürich).
DigiBeta 16:9, Farbe, 88 Minuten, Schweizerdeutsch.



14.2.2004, 18:46 | Permalink

Hans im Glück - Drei Versuche, das Rauchen loszuswerden [Peter Liechti]

Von Veronika Grob [ Sélection CINEMA ]
Peter Liechti ist überzeugt, dass es zwei mögliche Interpretationen des Grimm`schen Märchens Hans im Glück gibt: In der einen ist der geschäftsuntüchtige Wanderer einfach ein naiver Trottel, in der anderen erreicht er eine Art Glückszustand, in dem es ihm gelingt, allen Ballast abzuwerfen. Peter Liechti wollte das Laster des Rauchens loswerden. Und so zog der Filmemacher dreimal von Zürich gegen St. Gallen, um auf der Wanderschaft die Sucht nach dem Glimmstängel zu bekämpfen: zu Fuss und allein, nikotinfrei, mit DV-Kamera und Tagebuch im Reisegepäck. Die Wege variieren, nicht jedoch das Ziel: Liechti wandert jedes Mal in Richtung seiner Heimatstadt St. Gallen; dorthin, wo alles angefangen hat.
Von seinen drei Reisen kehrte er mit 150 Stunden Videomaterial und 90 Seiten Tagebuch zurück. In monatelanger Montagearbeit im Schnittraum mit der Cutterin Tania Stöcklin entstand daraus das bebilderte Tagebuch Hans im Glück - Drei Versuche das Rauchen loszuwerden. Aus Liechtis einsamen Pilgerfahrten ist aber kein Anti-Raucher-Film geworden, sondern vielmehr ein filmischer Essay über die Gratwanderung zwischen Fremdsein und Dazugehören und eine liebenswürdige Auseinandersetzung mit dem eigenen gebrochenen Verhältnis zur Heimatregion Ostschweiz. Mit vom Entzug geschärften Blick fängt Liechti erstaunliche Details und Kuriositäten des Alltags ein. Er begegnet dem Kobold von Steinegg mit dessen Sau Mäxli, dem Hobbyfilmer Alois Haas, einem anonymen Laiensänger auf dem Fahrrad, beobachtet Folklorefeste und Höhenfeuer, macht Besuche bei seinen Eltern, im Altersheim und auf der Krebsstation eines Spitals. Das Wandern, das Liechti auch «Vor-sich-hin-Schweizern» nennt, wird zur Begegnung mit der Heimat und damit auch zur Auseinandersetzung mit sich selbst. Den Stimmungsschwankungen, die der Rauch-Entzug auslöst, kann er sich trotzdem nicht entziehen. Mit feiner Ironie beschreibt Liechti im Tagebuch zum Beispiel seine Wut gegen alle, die behaupten, es sei toll, einen Berg zu besteigen, nur um am nächsten Wandertag die Landschaft um ihn herum als umso lieblicher zu schildern. Nicht zuletzt ist aber Hans im Glück auch eine Reflexion über das Filmemachen selbst, was etwa klar wird, wenn Liechti vor einer Eisenbahnbrücke fluchend in der Kälte ausharrt, um auf den nächsten Zug zu warten. Das unspektakuläre Bild aber, dass er schliesslich schiesst, entspricht überhaupt nicht seinen Erwartungen.
Der Schauspieler Hanspeter Müller spricht die geistreichen, manchmal witzigen, manchmal traurigen, aber immer sehr präzisen persönlichen Auszüge aus dem Reisetagebuch, die den Bildern unterlegt sind und die Peter Liechti auch als «Hyperventilieren der Gedanken» bezeichnet. Der Regisseur, bekannt vor allem durch das Porträt des St. Galler Aktionskünstler Roman Signer (Signers Koffer, 1995) und den Spielfilm Marthas Garten (1997), ist mit dem sehr persönlichen, assoziativen Filmessay ein kühnes Wagnis eingegangen. Man könnte an dem Film denn auch einiges kritisieren, etwa dass die letzte Reise zerfleddert oder dass die eingeflochtenen Bilder aus Namibia wenig Sinn machen, wenn man nicht weiss, dass Liechti zeitgleich am Film Namibia Crossings arbeitete. Doch schliesslich sind es Liechtis ganz persönlichen Assoziationen, denen wir zuschauen. Und zwar mit grossem Vergnügen.

P: Liechti Filmproduktion (Zürich), SF DRS 2003. B,R,K: Peter Liechti. T: Dieter Lengacher. S: Tania Stöcklin. M: Norbert Moslang. V: Look Now! (Zürich).
DV und DVCam, Super 8, 35 mm, Farbe, 90 Minuten, Deutsch, Schweizerdeutsch (deutsche, englische Untertitel).

14.2.2004, 18:41 | Permalink
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