Promised Land [Michael Beltrami]
Der erste Kinospielfilm des Tessiners Michael Beltrami war 2004 der einzige Schweizer Wettbewerbsbeitrag am Filmfestival in Locarno. In Amerika angesiedelt, wo Beltrami mehrere Jahre lebte und eine Filmschule besuchte, ist Promised Land gleichzeitig ein uramerikanischer Film und eine liebevolle Huldigung ans amerikanische Kino – von einem europäischen Fan. Zwar bleibt der American Dream im Film unerreichbar, doch werden die – oft skurrilen – Figuren so zärtlich gezeichnet, dass dem Film auch keine Blossstellung der USA nachgesagt werden kann. Vielmehr liegt gerade im Absurden, in der ständigen Suche nach Ruhm und Anerkennung, ja in der enormen Selbstüberschätzung das Liebenswerte an Amerika, und am Protagonisten.
Ethan Wildwood sieht sich als Star, auch wenn er seit seiner Kindheit in keinem Film mehr mitgespielt hat. Damals erhielt er eine Oscar-Nominierung für seine Rolle in einem Western, von dem mehrmals Ausschnitte gezeigt werden. Seitdem ist er überzeugt, dass er für den Film geboren ist, doch kaum jemand nimmt den Egomanen mehr wahr. Immerhin sein Auto lässt die Menschen aufblicken: Auf dem Dach prangt sein Name in bewährtem «Hollywood»-Schriftzug, und Porträtfotos von ihm pflastern die Kühlerhaube. Um es in die lokalen Nachrichten zu schaffen, verbrennt er schon mal seinen Wohnwagen – oder geht es ihm tatsächlich um einen Neubeginn? Als ein befreundeter Produzent ihn mit einer Kamera auf die Suche nach «echten Menschen» schickt, beginnt eine Reise nicht nur durch den amerikanischen Weste(r)n, auch der Mensch Ethan schält sich immer mehr unter den Schichten der Selbstdarstellung hervor.
Ihn interessiere die Welt zwischen Realität und Vorstellung, sagt Regisseur Beltrami und lässt Ethan, der selbstbewusst als eigentliches Filmzitat auftritt, Alltägliches (und immer wieder sich selbst) aufzeichnen. Die Wüsteneindrücke und fast surrealen Beobachtungen einsamer Menschen machen einer eigentlichen Geschichte Platz, als Ethan in einem Motel eine Sängerin trifft, die auf der Suche nach ihrer vor zehn Jahren verschollenen Tochter ist, und kurz darauf einem ausgebüxten Mädchen begegnet. Dieses behauptet, ebendiese Tochter zu sein, und gemeinsam versuchen sie, die Sängerin wieder zu finden. Plötzlich interessiert sich Ethan nicht mehr nur für sich selbst; erst durch diese Öffnung kann die eigentliche Reise zu seinem Selbst beginnen. In einem eigentlichen Anfall von Selbstreinigung reisst er seinen Namen vom Auto; er braucht keine Eigenwerbung mehr , da er sein Image ausgetauscht hat gegen eine überfällige Auseinandersetzung mit sich, aber auch mit anderen Menschen. Ohne ins Banale abzurutschen, bedient sich Beltrami der Genreformeln; sein Blick auf den so sonnigen wie vielfältigen Westen der USA mit seinen etwas spleenigen Bewohnern ist stets ein zärtlich neugieriger. Hommage an Western und Roadmovie, zeigt Promised Land liebevoll, wie die Fantasie in der Realität Raum findet und wie durch Imitationen Wahrhaftes entstehen kann. Am Schluss seiner Reise wird Ethan auch ohne Kamera mehr als seine Selbstprojektion sehen.
P: Amka Films (Savosa), Orione Cinematografica (Rom), TSI 2004. B: Michael Beltrami, Steve Anderson, Francesca Demichelis, Richard Alexander. R: Michael Beltrami. K: Alexa Ihrt. T: Greg Cosh. S: Ilaria Fraioli. M: Giovanni Venosta, Ruth Gerson. D: Chad Smith, Ruth Gerson, Lalaine, Giuseppe Cederna, Patrick Bauchau, William Sanderson. V: Columbus Film (Zürich). W: Adriana Chiesa Enterprises (Rom).
35 mm, Farbe, 99 Minuten, Englisch (deutsche, französische Untertitel).
Downtown Switzerland [Davi/Haupt/Kasics/Murer]
Von den meisten Zürchern geliebt und der übrigen Schweiz gehasst, verkörpert Zürich, das nebst Genf als einzige «richtige» Grossstadt der Schweiz gehandelt wird, tatsächlich einen Schmelztiegel, wie er in allen grossstädtischen Downtown-Bezirken zu finden ist. Nirgendwo sonst prallt die urschweizerische Gemütlichkeit so auf Trendsettertum und Hektik.
Davi, Haupt, Kasics und Murer zogen aus, um in Zürich eine repräsentative Spannbreite schweizerischer Befindlichkeit zu erforschen. Das Autorenkollektiv möchte ihren Film als Reaktion auf den politischen Wechsel im Bundesrat verstanden wissen. Zu Wort kommen «Büssler» – es gibt schliesslich «Büssler», «Trämmler» und «VBZler» –, SVP-Parteitags-RednerInnen – da wäre insbesondere die Jung-SVP zu nennen, an deren geradezu literarischen Ergüssen man sich ergötzen kann –, Bauherren, Vertreter der IBM, Fussballer und Trainer des African Football Club in Zürich, Asylsuchende, Mitbegründerinnen der Gruppe Zoff!, diverse politisch exponierte Persönlichkeiten, Künstler und Wahlzürcher verschiedenster Couleur. Relativ wertfrei werden die Aussagen der Porträtierten nebeneinander gestellt. Im Vordergrund steht die persönliche, menschliche Begegnung und der subjektive Eindruck der in Zürich Lebenden, wobei diese Kurzporträts von feinem Humor und gut beobachteter Situationskomik leben. Unvergessen bleiben Szenen wie jene, in der SVP-Gemeinderat Mauro Tuena auf zwei Zürcherinnen im Teenageralter trifft, denen er das von der SVP gebrauchte Sinnbild des Steuerzahlers als «gerupftes Huhn» zu erklären versucht, diese ihm aber trocken entgegnen: «Aber mer fühled eus gar ned wie grupfti Hüener!» In seinem unermüdlichen Engagement für die «jungen Menschen» trifft er bei einer Podiumsdiskussion auf einen Gymnasiasten, der ihm vorhält, seine Partei verhalte sich mit den geforderten Steuersenkungen schlichtweg asozial. Fast tut einem Tuena leid, wenn er anschliessend im Auto zugeben muss: «Gege so Lüüt hesch eifach kei Chance.»
Schön auch die Szene mit Susan Kish vom Think Tank First Tuesday, die meint, in Zürich leben sei «like living in Disneyland – it’s gorgeous!», dem aber hinzufügt, dass die Verbindung von Isolation (sprich Nichtzugehörigkeit zur EU), dem Denken, dass man das Recht auf einen Sonderstatus habe und der Überzeugung, dass alles, was in der Schweiz geschieht, a priori gut ist, durchaus eine «dangerous combination» ist.
Äusserungen des Regiekollektivs zeugen vom Wunsch nach der Wahrnehmung des Films als einheitliches Ganzes. Darüber hinaus ist ihnen sicher gelungen, ein ehrliches Zeitdokument zu schaffen. Man verlässt den Film nicht unbedingt klüger, fühlt sich im einen oder anderen bestätigt; dass der Film sein Publikum aufrütteln wird, bleibt leider zu bezweifeln.
Ein tragikomisches Element dominiert in gewissen Szenen, so dass einem das Lachen bisweilen im Hals stecken bleibt, wie etwa bei der bereits erwähnten Jung-SVP oder bei einem Intermezzo auf dem Paradeplatz, als eine ältere Frau von einer Mittfünfzigerin angefaucht wird: «Gönd Sie doch hei! Sie sind doch scho alt! Was wänd ihr dumme Wiiber denn no? Ich chönnt jedi Einzelni vo dene verschüsse!» – Hoppla! Auch das ist also Zürich.
P: Fontana Film (Zürich), Extra Film (Berlin), FMM Film (Zürich), Hugofilm (Zürich) 2004. B: Stefan Haupt. R: Christian Davi, Stefan Haupt, Kaspar Kasics, Fredi M. Murer. K: Pio Corradi, Jann Erne, Kaspar Kasics, Pierre Mennel, Filip Zumbrunn. S: Stefan Kälin. T: Christian Davi, Jann Erne, Matteo Pellegrini, Lukas Piccolin. M: Thomas Korber, Galoppierende Zuversicht, Minimetal & Luxus. V: Frenetic Films (Zürich).
35 mm, Farbe, 94 Minuten, Schweizerdeutsch, Deutsch, Englisch, Französisch (deutsche Untertitel).
Schwarze Madonna [Stefan Schwietert]
Das Kloster Einsiedeln beherbergt eine der grössten privaten Musikbibliotheken der Schweiz. In ihr sind an die 50 000 Titel vereint, worunter sich auch die älteste erhaltene Musiknotation abendländischer Musik überhaupt befindet, der Codex 121 aus dem späten 10. Jahrhundert. Diese Musik- und Handschriftentradition begründet die Wahl des Klosters als Begegnungsort von zeitgenössischer und gregorianischer Musik unter der Leitung des Franzosen Michel Godard. Dieser lässt eine Reihe zeitgenössischer MusikerInnen mit dem gregorianischen Gesang des italienischen Chores Calixtinus in einen Dialog treten. Eigentlich, so lässt uns der Film in seiner Exposition wissen, entspricht dies nicht einer Verfremdung des liturgischen Chorgesangs, sondern greift im Gegenteil eine bestehende Tradition auf – wurde dies doch bereits in der Renaissance so gehandhabt. Das hängt damit zusammen, dass der gregorianische Gesang nur eine arbiträre, also nicht konventionalisierte Notation des Gesangs kennt, die lediglich die Betonung und Akzentuierung vorschreibt, nicht aber Tonhöhe und Begleitung. Diese Art Musik festzuhalten, ist seit jeher auf die Interpretationskunst von MusikerInnen angewiesen – so war das Einfliessenlassen von weltlicher-zeitgenössischer und kirchlicher Musik nicht nur üblich, sondern unabdingbar.
Nebst Michel Godard (Tuba) und dem Chor Calixtinus agieren und interagieren innerhalb der klösterlichen Mauern die MusikerInnen Gabrielle Mirabassi (Klarinette), Helen Breschant (Harfe), Pierre Favre (Perkussion) und die Sängerinnen Christina Zavalloni und Linda Bsiri. Sie werden zunächst einzeln oder in kleinen Gruppen abwechselnd ins Bild gerückt, bis sie schliesslich alle aufeinandertreffen. Das Kloster, seine mittelalterlich anmutende Atmosphäre und der gregorianische Gesang treten in Widerstreit mit der modernen musikalischen Improvisation unter Godards Führung. Die wie gewohnt ruhige, stilvoll-ästhetische und ausgewogene Kameraführung Pio Corradis unterstützt das schlichte Konzept des Films. Die Dunkelheit und Ernsthaftigkeit innerhalb der Mauern wird nur selten durch eine Aussenaufnahme, wie etwa die eines Stück Himmels, unterbrochen, wirkt aber dennoch nie erdrückend, sondern schafft für das intensive Zusammenspiel der MusikerInnen einen adäquaten Rahmen.
Stefan Schwietert hat mit seinen Werken El acordeón del diablo (2000) oder Das Alphorn (2003) bereits Achtungserfolge im Bereich Musikfilm errungen. Auch der dieses Jahr erschienene Accordion Tribe knüpft an die musikalische Erfolgsstory an. Das mag daran liegen, dass Schwietert wie kein anderer versteht, Musik «sichtbar» zu machen. Eigentlich gebührte seinen Filmen, besonders aber der Schwarzen Madonna, eine eigene Genrebezeichnung, die in Anlehnung an das bereits existierende Dance on Screen am besten mit Music on Screen zu bezeichnen wäre. Denn es ist die unaufdringlich schlicht visualisierte Musik, die in seinen Filmen die Hauptrolle spielt. Der Film entwickelt einen Sog und lässt uns intensiv erleben, was auf der Leinwand an musikalischen Prozessen passiert, ohne dass es je langweilig werden würde.
P: SF DRS 2004. B, R: Stefan Schwietert. K: Pio Corradi. T: Wilhelm Zürrer. S: Tania Stöcklin. M: Michel Godard. V, W: SF DRS.
Digital Beta, Farbe, 45 Minuten, Deutsch.
Poldek [Claudius Gentinetta]
Poldek, so nennt sich der als Taufpate für den Film fungierende Hund, ist der treue Begleiter einer armen, alten Frau. Gemeinsam bewohnen sie ein Zimmerchen inmitten einer slawisch anmutenden Kleinstadt, in der jegliche Anzeichen von Wohlstand zu fehlen scheinen und wo nebst gelegentlichen Radrennen und dem allabendlichen Besäufnis der Stadtbewohner nicht viel los ist. Der rote Faden und gleichzeitig ein repetitives Element der Geschichte bestehen darin, dass die Alte täglich das Haus verlässt, um in actionreichen Streifzügen durch die Stadt für sich – vor allem aber für Poldek – etwas Essbares aufzutreiben. Der hungrige Hund vertreibt sich die Zeit bis zur Fütterung mit herzzerreissendem Jaulen im Hinterhof, sehr zum Missfallen der AnwohnerInnen, die ihrem Ärger schon mal freien Lauf lassen und deren Hälse und Köpfe dabei, höchst massstabsungetreu, ins Unermessliche zu wachsen drohen.
Sehr unterschiedlich sind die im besten Falle essbaren Fundstücke der Alten, es kann schon mal vorkommen, dass die Quartierkatze oder ein auf der Strasse gefundener Mensch dran glauben muss und zu Hackfleisch verarbeitet wird, womit wir bereits bei der makaberen Seite der kleinen, feinen Geschichte wären.
In jahrelanger Arbeit steckte Claudius Gentinetta sein ganzes zeichnerisches Können in den zehnminütigen Animationsfilm
Poldek. Dabei trug Gentinetta Tusche auf Trickfilmfolie auf, die er im Negativverfahren mit einer selbst entwickelten Kratztechnik bearbeitete und nachträglich kolorierte. Von grosser Sorgfalt und Gespür für Farben und Licht zeugen denn auch die aufwändigen Bilder, die sich durch eine ungeheure Detaildichte und das Spiel mit Perspektiven auszeichnen. So scheint es aus der Vogelperspektive, als könne Poldek, der sich im Hinterhof auf die Hinterbeine stellt, die Dächer der umliegenden Häuser überblicken. Überhaupt besteht ein Reiz des Films darin, dass die oft gewählte Vogelperspektive verschiedene Schauplätze zugleich anbietet. Wir sehen also sowohl die alte Dame auf Futtersuche als auch den hungergeplagten Hund im Innenhof sowie das die angegebene Ortsgeschwindigkeit klar missachtende Auto, das jede Sekunde um die nächste Häuserecke zu schiessen droht und damit auch das Leben der Alten gefährdet – Suspense in Reinform also.
Inspiration für
Poldek fand Claudius Gentinetta 1995/96 im Verlauf seines dreizehnmonatigen Stipendiataufenthalts in Krakau, wo er selbst in einem bescheidenen Hinterhofzimmer hauste und auf den real existierenden Protagonisten traf: Dessen Heulen ist nun auf der Tonspur zu hören. Wie seine bereits mehrfach preisgekrönten früheren Werke
Wohlstandskühe (1993) und
Amok (1997) wurde auch sein neustes Werk ausgezeichnet, diesmal mit dem Nachwuchspreis der Kulturstiftung der SSA und der Suissimage an den 39. Solothurner Filmtagen.
P: Swamp (Luzern), SF DRS 2004. B, R: Claudius Gentinetta. T: Balz und Peter. M: Hagazusa, Karin Schwarzbeck, Melinda Nadj Abonji. V, W: Swamp (Luzern).
35 mm, Farbe, 10 Minuten, ohne Dialog.
Circuit marine [Isabelle Favez]

Wie bereits in ihrem Kurzfilm
Les voltigeurs (2002) wählt Isabelle Favez für ihren neusten Animationsfilm die Thematik des Fressen-und-Gefressenwerdens. Lieferten sich in
Les voltigeurs ein Vogelpaar, das eine Raupe adoptiert, und eine Katze einen Showdown, spielt
Circuit marine, wie der Name schon verrät, auf hoher See.
Die Katze ist wieder mit dabei, diesmal als Schiffskätzchen eines Piratenkapitäns. Dieser hat ein Herz für Tiere, besonders die Fische haben es ihm angetan. Sowohl seine Katze als auch der Papagei teilen diese Vorliebe, freilich aus anderen Gründen. Die Piratenmeute und das Kätzchen frönen einem Ritual, das sich wie folgt abspielt: Wird etwas Essbares, sprich Fisch, gefangen, verköstigen sich zuerst die Piraten mit den rohen Meertieren, worauf sie sich einen Spass daraus machen, die Katze mit den übrig gebliebenen Gräten zu attackieren. Diese darf dann noch die Reste fressen und die Fischgräte sauberlecken. Die Nächsten in der Hackordnung sind die Bordfliegen, die sich nach der Katze auf die Überreste stürzen. So weit, so gut. Als der Kapitän aber eines Tages einen ganz besonders schönen Fisch fängt, wird das Szenario um einen Schritt erweitert. Ab nun werden die Fliegen während des Essens von der Katze mit einem Prankenschlag erlegt und fein säuberlich, eine nach der anderen, dem schönen Fisch im Kugelglas verfüttert. Als der Fisch eine gewisse Feistheit erreicht, wartet die Katze einen besonders hohen Seegang ab, um das Fischglas vom Tisch fallen zu lassen. Gierig stürzt sie sich auf den Fisch. Als der Kapitän vom Hinschied seines geliebten Fisches erfährt, stürzt er sich, ausser sich vor Wut, auf die Katze und rächt den Fisch. Die beiden Tiere werden neben dem bereits an der Wand hängenden Papagei – er hatte es gewagt, der Katze in die Quere zu kommen – in Form von Porträts in der Kapitänskombüse verewigt.
In gewohnt expressiver Manier geizt Favez nicht mit Farben und schrillen Geräuschen auf der Tonspur. Die Figuren sind etwas skurriler geraten als die blauen Vögel in Les voltigeurs. Auch arbeitet Favez dieses Mal stärker mit Mustern und matten Farben, aus denen sie das Szenario an Bord entwirft. Im Gegensatz dazu war
Les voltigeurs in klareren, schlichteren Formen gehalten. Für
Circuit marine verwendete sie 2-D-Computertechnik und fügte aus Papier ausgeschnittene Figuren in einen ebenfalls auf Papier gezeichneten Hintergrund. Eric Houdart und Kriss Koyazounda haben die Musik zu dem kleinen Kammerstück beigesteuert und treffen den Ton der kleinen Satire bestens, indem sie Zigeunermusik mit Zirkusmusik mischen.
Circuit marine entstand in einer Koproduktion von Folimage mit dem Canadian Film Board und wurde anlässlich der Solothurner Filmtage mit dem Publikumspreis belohnt.
P: Folimage (Valence/F), National Film Board of Canada (Montréal) 2003. B, R: Isabelle Favez. S: Hervé Guichard. T: Jean-Claude Millet, Loïc Burkhardt. M: Eric Houdart, Kriss Koyazounda. V, W: Folimage (Valence/F).
35 mm, Farbe, 8 Minuten, ohne Dialoge.
Galeries [David Epiney]

Etwas verloren steht er da, der junge Mann, der irgendwie nicht wirklich zu wissen scheint, weshalb er sich in diesem riesigen Kaufhaus befindet. Eigentlich ist alles hier schrecklich: die einlullende Easy-Listening-Musik, die vielen Stimmen, Menschen im Kaufrausch, voller Frustration.
Der Ort erinnert an ein grosses Pariser Kaufhaus im Stile der Galeries Lafayette oder des noch älteren Bon Marché. Es ist wohl auch deren Luxus und die Eleganz, die den Mann gleichzeitig überfordern wie faszinieren. Ziellos streift er durch die verschiedenen Abteilungen, doch überall dasselbe Szenario: anschauen, auswählen, anprobieren, kaufen. Zwar versucht er sich dem Kaufrausch hinzugeben und kann dem Ganzen ein paar positive, geradezu erheiternde Momente abgewinnen, die kindliche Neugier in ihm zu wecken scheinen. Plötzlich verspürt er eine gewisse Nervosität, er hat genug, er möchte raus, ihm ist heiss, er findet den Ausgang nicht, und dann sehen auf einmal auch noch alle aus wie er! Er flüchtet sich ins Treppenhaus, steigt immer weiter, bis er endlich die Dachterrasse erreicht, wo ihn die ersehnte Ruhe erwartet und er endlich durchatmen beziehungsweise eine rauchen kann.
Leider ist er nicht der Einzige, der den Weg nach oben gefunden hat. Er stürzt zum Ausgang und trifft irgendwo auf dem Weg nach draussen auf – seine Frau. Ihr Gesichtsausdruck ähnelt dem einer verärgerten Mutter, deren Kind wieder etwas ausgefressen hat. Kaum hat er sie gesehen, kehrt seine ursprüngliche Lethargie zurück, er lässt die Schultern hängen und nimmt ihr die Einkaufstüten ab, dann schlurft er ihr nach – in Richtung Ausgang.
Galeries ist nach
Les bains (2000) David Epineys zweiter Animationsfilm, der nach seiner Uraufführung in Solothurn bereits an mehreren internationalen Festivals gezeigt wurde. Der spitzbübische Charme des Fünfminüters hat dem ungewöhnlichen Szenario sicher einiges zu verdanken. Die Bewegungen werden so genau wiedergegeben, als hätte man Menschen beim Einkaufen gefilmt und dann mit Farbstift über den Filmstreifen gezeichnet. Dies trägt viel dazu bei, dass man dem Protagonisten wenigstens einen Teil seines Horrors abnimmt: Wer kennt es nicht, das leidige Drängeln auf der Rolltreppe, die Schweissausbrüche in der Kabine und die aufsteigenden misanthropischen Regungen. Die gut beobachtete Alltäglichkeit täuscht an manchen Stellen aber nicht über eine gewisse Willkür in dramaturgischer Hinsicht hinweg. Auf den nächsten Film Epineys kann man dennoch gespannt sein.
P: Bordu Films (Genève) 2004. B, R, K, S: David Epiney. T, M: Yanneck Salvo. W: David Epiney (Genthod).
35 mm, Farbe, 5 Minuten, ohne Dialog.
Geld oder Blut – Welche Medizin für die Armen dieser Welt? [Georges Gachot]
Seit 1996 begleitet der französische Dokumentarfilmer Georges Gachot das Schaffen des Musikers und Kinderarztes Dr. Beat «Beatocello» Richner in Kambodscha. Entstanden sind bisher vier Porträts des bekannten Kinderarztes, der letztes Jahr zum «Schweizer des Jahres» gewählt wurde.
In Gachots neuestem Dokumentarfilm Geld oder Blut werden zwei gegensätzliche Gesundheitssysteme einander gegenübergestellt und damit die übergeordnete, seit Jahrzehnten umstrittene Frage aufgeworfen, welche Versorgungsmedizin für die Armen dieser Welt angemessen ist. Die WHO und die Unicef vertreten seit über 25 Jahren eine ärztliche Betreuung auf der Grundlage der Basisversorgungsmedizin. Der Schweizer Kinderarzt Beat Richner setzt sich hingegen seit 1991 für eine ganz andere humanitäre Vision ein. Unter seiner Obhut und seinem unermüdlichen Einsatz entstanden in dieser Zeit in Kambodscha drei Kinderspitäler, die dem europäischen Standard entsprechen. Darin werden 80 Prozent der kranken Kinder des Landes betreut.
Nebst Bewunderern von Beatocello wie den französischen Filmgrössen Gérard Depardieu und Carole Bouquet kommen auch die Stimmen des gegnerischen Lagers zu Wort. Die im Film zusammengetragenen Fakten zeigen unmissverständlich, dass der von Kritikern geschmähte «Luxusmediziner» Dr. Beat Richner, im Gegensatz zum staatlichen von der WHO und der Unicef unterstützen Gesundheitswesen, Kinderspitäler unterhält, in denen Korruption und Unmenschlichkeit der Vergangenheit angehören und die eigentliche ärztliche Verpflichtung, nämlich Leben zu retten, kompromisslos wahrgenommen wird.
Unter der Regie von Georges Gachot gelang es zum ersten Mal, die Türen des staatlichen Gesundheitswesens von Kambodscha für die Kamera zu öffnen. Durch die Gegenüberstellung der gegensätzlichen Gesundheitsdienste wird ein direkter Vergleich erst möglich. Diese Zusammenführung lässt ein neues Bild der Wirklichkeit entstehen.
Die Musik stellt ein Leitmotiv in der dokumentarischen Handschrift Georges Gachots dar. Im filmischen Themenkreis über Beat Richner ist auch Bach at the Pagoda (1997) einzuordnen. Dieses erste Werk widmet sich ausschliesslich Beatocellos musikalischem Schaffen. In Geld oder Blut – Welche Medizin für die Armen dieser Welt? rückt die Tonkunst zugunsten des humanitären Wirkens des Arztes in den Hintergrund, untermauert jedoch den gesamten Film. Die zurückhaltende, aber präsente Einbringung der Musikkompositionen Beatocellos widerspiegeln auch deren Bedeutung für sein soziales Engagement. Trotz dem emotionalen Thema ist Gachots Bildsprache nie pathetisch, sondern bleibt der sachlichen Information verschrieben. Das Tempo des sowohl politisch wie ästhetisch eindrucksvollen Films lässt den Zuschauern immer genügend Zeit. Geld oder Blut nimmt das Dokumentarische als oppositionelles Genre wahr und ist als Beitrag zu einer mutigen Sichtweise auf die Welt zu werten.
P: Georges Gachot (Zürich), Teleclub, SRG SSR idée suisse 2004. B, R: Georges Gachot. K: Matthias Kälin, Giorgio Zehnder. T: Dieter Meyer, Andreas Litmanowitsch. S: Anja Bombelli. M: Beat «Beatocello» Richner. V: Columbus Film (Zürich). W: Georges Gachot (Zürich).
35 mm, Farbe, s/w, 68 Minuten, Schweizerdeutsch, Französisch, Englisch, Khmer (deutsche, französische Untertitel).
Ferien im Duett [Dieter Gränicher]

Dieter Gränicher kennt man als Dokumentarfilmer, der sich bisher vorwiegend schwierigen Themen wie der Trauer (
Spuren der Trauer, 1986), dem Banker-Milieu (
Der Duft des Geldes, 1998) oder der Depression (
SeelenSchatten, 2002) widmete. Mit
Ferien im Duett hat er ein federleichtes Experiment gewagt: Er schickte vier junge Paare mit einer DV-Kamera in die Ferien und liess sie ihre Erlebnisse filmen. Nach ihrer Rückkehr visionierte er das Material, arbeitete Schwerpunkte heraus und führte mit den vier Paaren Interviews, die er in Form von Talking-Head-Sequenzen oder Voice-over-Kommentaren in den Film einarbeitete. Entstanden ist eine unterhaltsame Doku-Soap, die nicht nur viel über Paarbeziehungen verrät, sondern auch über das Verhalten von Schweizern im Ausland. Nicht zuletzt reflektiert
Ferien im Duett das Bildermachen selbst.
Anna und Erich haben schon beim Packen Knatsch: Muss denn Erichs Wollmütze unbedingt mit auf die Safari in Namibia? Sascha fordert halb ironisch von Stefan, kein Angsthase zu sein und sie in dem «gefährlichen» Marokko zu beschützen. Daniela und Markus freuen sich nach dem rauschenden Hochzeitsfest auf ihre Flitterwochen in Australien. Salome hat Angst davor, dass sich Salsatänzer Walter in der kubanischen Kultur heimischer fühlen könnte als sie.
Die vier Paare stehen nicht nur in unterschiedlichen Phasen ihrer Beziehung, sondern wählen auch ganz verschiedene Arten, Ferien zu machen. Sascha und Stefan sind in Marokko auf der Suche nach dem Authentischen: Sie sind stolz darauf, wie Einheimische zu feilschen, aber der Garantieschein des gekauften Tigerbalsams wird trotzdem gleich kontrolliert. Anna – zum ersten Mal ohne Eltern unterwegs – weiss genau, was sie in Namibia interessiert: Sie will Löwen sehen, keine Nashörner. Ihr Freund Erich dagegen fühlt sich dabei als «Obertourist»; er stört sich am lauten Klicken der Fotoapparate, kaum taucht am Horizont ein wildes Tier auf.
Die hohen Erwartungen an die Ferienzeit, das dauernde Beisammensein und die Auseinandersetzung mit einer fremden Kultur können Paarbeziehungen auf die Probe stellen. Für Erich und Anna war die Safari denn auch die letzte gemeinsame Reise. In Havanna reagiert Salome gereizt auf Walter, sobald die beiden aber ins kubanische Hinterland weiterziehen, finden sie zurück zur Harmonie. Nicht nur,
was uns die Paare zeigen, sondern auch
wie sie es zeigen, verrät viel über sie. Während Stefan seine tatkräftige Sascha am liebsten im Sucher verfolgt, sieht man Walter und Salome meist gemeinsam im Bild.
Zusammengehalten wird Dieter Gränichers kunterbunter Feriendok durch die witzigen Klänge von Jürgen Kienbergers Claviola. Der live eingespielte Soundtrack des Musikers aus dem Theaterteam von Christoph Marthaler wird von Gränicher auch als «musikalische Reisebegleitung» bezeichnet.
Obwohl Gränicher mit Konventionen von Reality-Formaten spielt, wirkt Ferien im Duett nie voyeuristisch. Das filmische Experiment ist keine soziologische Analyse, sondern ein humorvolles, munteres Porträt von Ferienreisenden, das in vielen kleinen Details Tiefgründiges aufblitzen lässt. Manchmal aber auch nur Erkenntnisse, wie dass sich der kubanische Tropenregen auch nicht so anders anfühlt als das typische Züriwetter.
P: momenta film (Zürich), SF DRS, Teleclub (Zürich) 2004. B, R, S: Dieter Gränicher. T: Florian Eidenbenz. M: Jürg Kienberger. V: Filmcoopi (Zürich). W: momenta film (Zürich).
35 mm (Videotransfer), Farbe, 82 Minuten, Schweizerdeutsch, Französisch, Englisch, Spanisch (deutsche Untertitel).
Karim Patwa's Spaceship [Karim Patwa]
Karim Patwa ist überzeugt davon, ein Ausserirdischer zu sein. Er lebt in Biel, wurde in London geboren, hat eine Schweizer Mutter und einen indischen Vater – und eine grosse Verwandtschaft in Ostafrika. Um Licht ins Dunkel seiner Herkunft zu werfen – und vor allem um etwas mehr über seinen verstorbenen Vater zu erfahren –, macht er sich auf zu einem Trip durch die «Patwa Galaxy». Dorthin gelangt er durch ein magisches Getränk – «Vimto», ein Erfolgsprodukt seiner indischen Vorfahren –, das ihm seine Mutter verabreicht. Zwar ähnelt die Flasche verdächtig dem Coca-Cola-Design, doch ihr Inhalt schmeckt nach Erdbeere und tut überraschende Wirkung: Karim schrumpft auf Reissnagelgrösse, muss sich in der Folge vor den rosa Pantoffeln seiner Mutter in Sicherheit bringen und landet in der Flasche, die zum Raumschiff mutiert und pinkfarbene Bläschen durchs All schickt. Im bananengelben Ganzkörperanzug, der an Woody Allen in Sleepers (USA 1973) erinnert, surft er fortan durchs Weltall, begleitet von Alter (seinem «Alter Ego»), und tritt über einen Bildschirm in (nicht immer störungsfreie) Verbindung mit seinen vielen Verwandten, die er nach der Vergangenheit befragt.
Als Doku-Sciencefiction bezeichnet Karim Patwa diese autobiografische Erkundung seiner Wurzeln. Schliesslich geht es um seine eigene Geschichte und – mit Ausnahme von Karim (seine Rolle spielt Matthias Fankhauser) – treten seine authentischen Angehörigen auf. Doch Karim Patwa's Spaceship ist auch eine schrille Weltraumkomödie irgendwo zwischen Teletubbies und 2001: A Space Odyssey (USA/GB 1968) in geradezu phänomenaler Umsetzung: Im grellen Farb- und Stildesign der Sechziger eröffnet sich uns ein Fantasiereich aus Realfilm und Computeranimation, das durch seine technische Perfektion verblüfft und viel Augenschmaus bietet. Samosas flattern durchs All – die hausgemachten von Tante Sophie versteht sich –, Horden von Peperoncini-Libellen entfalten ihr Zerstörungspotenzial und können nur durch die geballte Kraft von Karims Fürzen unschädlich gemacht werden. Fotos aus dem Familienalbum und Homemovies der Patwa-Family säumen den Weg in die Vergangenheit und finden sich zwischen echt und geflunkert nahtlos ins Pop-Art-Styling integriert. Und damit die Space Opera nicht in kalten Technikperfektionismus abhebt, sorgt die Off-Stimme des Protagonisten, der die Story aus der Innensicht erzählt, für den heimelig-naiven schweizerischen Charme. Vielleicht hätte die Geschichte, um dramaturgisch einwandfrei zu sein, eine leichte Straffung vertragen, doch darf man sich in den etwas laueren Momenten ruhig den spritzigen visuellen Gags hingeben, die der überbordenden Fantasie des Machers nicht auszugehen scheinen.
P: Dschoint Ventschr (Zürich) 2004. B, R: Karim Patwa. K: Dominique Margot. T, S: Arne Hector. M: Jonas Cslowjescek. Animationen: Stefan Bischoff, Noé Marti. D: Matthias Fankhauser, Anne-Marie Patwa, Miriam Patwa. W, V: Dschoint Ventschr (Zürich).
Digital Beta, 60 Minuten, Farbe, Schweizerdeutsch, Deutsch, Englisch (englische Untertitel).
Notre musique [Jean-Luc Godard]
In einem jüngst gegebenen Interview zu Sport und Kino sagte Godard: «Mein einziger Wunsch ist es, einmal im Roland Garros zu spielen, im Mantel, mit schweren Schuhen, dabei zu rauchen und zu lesen ...» Gibt es eine treffendere Veranschaulichung seines Schaffens als dieses skurrile Bild von Godard als Tennisspieler? Die exzessive Inszenierung, sprich: Verfremdung (der Mantel, die Schuhe), der klingende Name (das legendäre Pariser Stadion) und die Simultaneität sich konkurrenzierender Tätigkeiten (spielen, rauchen, lesen), sprich: Botschaften. Auf dieser polyphonen Tastatur, die Godard seit seinen Frühwerken bespielt und damit immer wieder hohe Anforderungen an sein Publikum stellt, ist auch sein jüngstes Werk, Notre musique, entstanden. Zentrales – und altes – Thema: das dialektische Verhältnis von Abbild und Wirklichkeit, von Dokument und Fiktion. Brennpunkt: der israelisch-palästinensische Konflikt.
In Anlehnung an die christliche Jenseitsvorstellung durchläuft Notre musique drei «Königreiche». Als Auftakt: eine achtminütige Bilderkaskade aus Dokumentar- und Spielfilmen, die in pulsierender Montage Kriegsszenen präsentiert. Ohne chronologische Ordnung, mit kurzen Off-Kommentaren und Pianosequenzen: Aufnahmen von der jahrhundertealten Selbstvernichtung der Menschheit – die «Hölle».
Es folgt der einstündige Mittelteil, «Fegefeuer», in dem fiktionale Handlung und dokumentarischer Blick sich durchdringen. Im Zentrum steht Sarajewo, das – noch halb in Trümmern – den Neuanfang, die Versöhnung repräsentiert. Die Teilnehmer eines internationalen Schriftsteller-Kongresses suchen an diesem symbolischen Ort den Dialog – obwohl letztlich der polyglotte Monolog vorzuherrschen scheint. Rolle und Identität des Intellektuellen in Zeiten von Krieg, Versöhnung und Frieden stehen zur Diskussion. Emblematische Autoren wie Juan Goytisolo, der 1993 in Sarajewo Kriegsbeobachter war, deklamieren in Häuserruinen, der Palästinenser Mahmud Darwisch räsoniert über Sieg und Niederlage. Gleichzeitig fordern (Bilderbuch-)Indianer ein friedliches Zusammenleben, und in einem Zimmer sitzt ein Zensor neben einem Scheiterhaufen aus Büchern, der stetig wächst. Zwei junge Frauen – beide jüdischen Ursprungs – sind auf der Suche (wie so oft bei Godard): Sie hinterfragen das Leben, den Krieg und symbolisieren Aufbruch und Idealismus (Sarah) – und Resignation (Olga).
Nebst diesem Konglomerat von Sprachen, Zitaten, Musik (Arvo Pärt, Peter Tschaikowski, Jean Sibelius) und bizarren Inszenierungen fährt die Kamera durch die nachtdunklen, verregneten Strassen oder verweilt auf dem geschäftigen Treiben der Markthalle. Godard selbst tritt auf und unterweist Studierende über Schuss/Gegenschuss als grundlegende filmische Parameter – über die Umsetzung bei Howard Hawks (der nicht zwischen Mann und Frau unterscheidet) und die Adaption auf zwei exemplarische, fast identische Fotos von der Gründung Israels: Juden, die Füsse noch im Meer, betreten 1948 das verheissene Land; und eine Schar Palästinenser, die von ihrem Land ins Wasser getrieben werden. Utopie und Wirklichkeit, Fiktion und Dokument, Ursache und Folge, so das bündige Fazit des Regisseurs.
Als Epilog: das «Paradies». Godard als Gärtner im Blumenmeer. Wir erfahren vom Tod Olgas, die für den Frieden ihr Leben opferte und nun entlang einem von US-Marines bewachten Gestade die Pforte ins utopische Jenseits (mit Reminiszenzen an die Flower-Power-Bewegung) sucht und findet. Ist das die Erlösung? Godards Schaffen hat sich nicht nur die polemische formale Unkonventionalität bewahrt, sondern auch die provozierende Ambivalenz seiner Thesen.
P: Vega Film (Zürich), Avventura Films (Paris), Périphéria/JLG Films (Paris), TSR 2004. B, R, S: Jean-Luc Godard. K: Julien Hirsch. T: François Musy. D: Sarah Adler, Nade Dieu, Rony Kramer, Georges Aguilar, Leticia Gutierrez, Ferlyn Brass, Jean-Luc Godard. V: Vega Distribution (Zürich). W: Wild Bunch (Paris).
35 mm, Farbe, 80 Minuten, Französisch (deutsche Untertitel).