Jubiläum

Von Laura Daniel [ Veranstaltungen ]


Das Schweizer Filmjahrbuch CINEMA feiert seinen fünfzigsten Geburstag. Anlässlich dieser Feier wurde Autoren und Autorinnen, die dem Buch schon lange verbunden sind, zum Thema Essay eine carte blanche offeriert. Nicht nur der Essayfilm steht im Zentrum der vielfältigen Betrachtungen, sondern auch der Essay als Textgattung. CINEMA hat sich in diesem halben Jahrhundert immer als Plattform für den Dialog zwischen Filmschaffenden, Künstlern, Kritikern und Wissenschaftern begriffen und als Ort, an dem nach neuen Formen des Schreibens über Film gesucht wird.
Während sich einige Texte der Jubiläumsausgabe - aus zum Teil ungewohnter Perspektive - mit dem essayistischen Aspekt in Filmen von Jean Renoir, Marguerite Duras und Atom Egoyan beschäftigen, haben andere Beiträge die Form des Essays gewählt und umkreisen so vielfältige Sujets wie die paradoxale filmische Erzählzeit, den Bilderkampf im Golfkrieg, das Leben der Multimedia-Künstlerin Isa Hesse-Rabinowitch und – in assoziativer Verdichtung – die filmische Autobiographie einer Kinogängerin. Nicht zuletzt melden sich mit Peter Liechti und Thomas Imbach auch zwei herausragende Schweizer Vertreter des Essayfilms zu Wort.
Aber CINEMA will seinen runden Geburtstag nicht alleine feiern. In der Jubiläums-Rubrik gratuliert das Filmjahrbuch auch den Solothurner Filmtagen zum vierzigsten und dem Programmkino Xenix zum fünfundzwanzigsten Geburtstag. Der Filmbrief wurde dieses Jahr gleich doppelt in der Schweiz abgeschickt. Wie immer bietet schliesslich der kritische Index einen Überblick über das Schweizer Filmschaffen vom letzten Jahr.
Beiträge von Felix Äppli, Natalie Böhler, Harun Farocki, Flavia Giorgetta, Marcy Goldberg, Veronika Grob, Thomas Imbach, Eva Kläui, Ivo Kummer, Peter Liechti, Jean Perret, Walter Ruggle, Isolde Schaad, Thomas Schärer, Micha Schiwow, Catherine Silberschmidt, Mirjam Staub, Patrick Straumann, Thomas Tode, Kristina Trolle
Herausgegeben von Natalie Böhler, Laura Daniel, Meret Ernst, Flavia Giorgetta, Veronika Grob, Andreas Maurer, Jan Sahli

In Kürze:
Wie? Wozu? Für wen? - Schreiben über Film
Eine Podiumsdiskussion anlässlich der 50-Jahr-Feier von CINEMA am 7. April 2005, Filmpodium Zürich


19.2.2005, 19:38 | Permalink

Halleluja! der Herr ist verrückt [Alfredo Knuchel]

Von Sabine Hensel [ Sélection CINEMA ]


Die Nahaufnahme eines Kaleidoskops zaubert Formen- und Farbengebilde hervor. Ein melancholisches Lied ertönt; kurz darauf sehen wir dessen Sänger, der sich selbst auf der Gitarre begleitet. Es schneit dicke Flocken auf das bereits in Weiss gehüllte Areal. Schauplatz von Halleluja! der Herr ist verrückt ist die Waldau in Bern, eine psychiatrische Klinik an idyllischer Lage, die bereits viele Künstler beherbergt hat. Schriftsteller wie Robert Walser und Friedrich Glauser lebten wie die Künstlerin Rosa Marbach oder der Maler Adolf Wölfli, der als Begründer der Art brut gilt, eine Zeit lang – oft sogar viele Jahre – in diesem geschützten Umfeld. Dr. Walter Morgenthaler, zur Zeit von Wölflis Internierung Anfang des 20. Jahrhunderts Oberarzt, erkannte und förderte dessen Talent. Damit legte er den Grundstein zu einer wertvollen Kunstsammlung von mittlerweile beachtlichem Umfang.
Das Augenmerk richtet der Dokumentarfilm jedoch weniger auf Vergangenes (die historischen Rückblicke mit Fotos, Dias und Werkausschnitten sind kurz gehalten) als vielmehr auf gegenwärtiges künstlerisches Schaffen: Fünf Patienten und eine Patientin erläutern ihre Bilder, erzählen von ihren Ängsten und Hoffnungen. Knuchel geht es nicht um ausführliche Biografien oder Krankengeschichten; es gibt keine Werkanalysen. Stattdessen konzentriert sich das stimmige Filmporträt auf die Ausdruckskraft des Malens und Zeichnens, das aus einem inneren Zwang heraus entsteht. Nie werden die Künstler zu Aussagen gedrängt, sondern respektiert in ihrem Anderssein. Die Vielseitigkeit der Kunst verblüfft: Jonas Konrad schafft witzige Collagen aus je zwei Gesichtshälften; Daniel Curti malt farbig-geometrische Bilder, die ihrerseits aus unzähligen, detaillierten Bildern bestehen; Gabor Dios bearbeitet und koloriert Fotos. Gordian Hanemann verbindet Worte und Skizzen zu feinen Bleistift-Farbstift-Organismen; Philippe Saxer kreiert grossflächige expressionistische Werke; Margrith Roth komponiert Zeichnungen aus Köpfen und Körpern.
Als Gegenpol kommen in Halleluja! der Herr ist verrückt zwei Handwerker zu Wort: der Schlossermeister der Waldau, Heinz Feldmann, sowie der Malermeister Otto Frick. Während Ersterer über viele Jahre hinweg die Sammlung der Klinik betreute und nach seiner Pensionierung weiterhin als Archivar fungiert, bietet Letzterer den Künstlern Raum, sich zu entfalten. Fricks verständiger Umgang mit den Patienten leistet einen wichtigen Beitrag zur Förderung der Kreativität. Wie in Knuchels früheren Filmen – besser und besser (1996) über den Umbruch im Leben eines Lichtpausenkuriers und Vaglietti zum Dritten (1999) über einen ehemaligen Amateurboxer – wird auch hier der Aspekt des Menschlichen hervorgehoben.
Die ausgewogene Komposition des Films unterstützt eine oft dissonante Musik sowie eine ruhige Kameraführung. Nachdenkliche Momente, in denen die Krankheit der Porträtierten Thema wird – und teilweise spürbar –, wechseln sich ab mit spielerischen und mit ironisch-selbstreflexiven. Konrad kommentiert eine seiner präzisen Skizzen mit den Worten: Das sei «Art brut live». Am gelungensten sind jene (Nah-)Aufnahmen, in denen wir die Künstler beim Arbeiten beobachten. Von Konzentration, Hingabe oder Getriebensein zeugen die Gesichter, die Pinsel und Stifte führen. Das Ringen mit sich und dem Leben wird erfahrbar im künstlerischen Prozess; auf subtile Weise wird uns auch die Relativität des «Normalen» vor Augen geführt. Das sich drehende Kaleidoskop im Vorspann ist vorausweisend Sinnbild für den ganzen Film: ein lebendiges Mosaik aus dem Schaffen von Künstlern, die damit einen Teil ihres Leides nach aussen tragen.

P: Alfredo Knuchel Filmproduktion (Ostermundigen), SF DRS 2004. B, R: Alfredo Knuchel. K: Peter Guyer, Norbert Wiedmer. T: Balthasar Jucker, Alain Roulet. S: Stefan Kälin. M: Mischa Käser. V: Frenetic Films (Zürich). W: Alfredo Knuchel Filmproduktion (Ostermundingen).
35 mm (Videotransfer), Farbe, 87 Minuten, Schweizerdeutsch, Deutsch.

17.2.2005, 18:47 | Permalink

Wackelkontakt [Ralph Etter]

Von Sabine Hensel [ Sélection CINEMA ]


Mit seiner Abschlussarbeit an der HGKZ präsentiert Ralph Etter ein erstaunlich reifes Werk: schnörkellos, abgerundet, schön. Wackelkontakt hat auch beim deutschen Nachwuchspreis First Steps 2004 in Berlin überzeugt und den ersten Preis in der Kategorie Kurz- und Animationsfilme bis 25 Minuten gewonnen. Aussergewöhnlich ist nicht nur die Qualität dieses Kleinods von Film, sondern auch die Tatsache, dass er als Koproduktion mit der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) Potsdam-Babelsberg entstand. Sowohl die Kamerafrau Ulrike Thiele als auch die Produktionsleiterin Christine Haupt beendeten mit dieser Zusammenarbeit ihre Ausbildung.
Die Geschichte wird mit wenigen Worten, dafür in umso poetischeren, warmtonigen Bildern erzählt: Zwei verwaiste Geschwister bewohnen mit ihrer Grossmutter ein Bauernhaus auf einem Hügel am Dorfrand. Dieser Standort verweist auf die gesellschaftliche Position der Familie – sie ist nicht integriert, hat eine Aussenseiterrolle inne. Darunter leidet die zehnjährige, rothaarige Sibylle: Ihre Mitschüler schneiden sie; in der Pause steht sie abseits, allein. Ihre Einsamkeit vertraut das Mädchen dem Tagebuch an, ebenso die Gefühle für den gleichaltrigen Peter oder die Sorge um die immer vergesslicher werdende Grossmutter. Denn ausser um Ausgrenzung und den Verlust der Kindheit geht es in Wackelkontakt auch um Altersdemenz.
Sibylles Unbeliebtheit gründet nämlich auf dem beschämenden Auftritt der Grossmutter. Diese holt ihre Enkelin täglich vom Postauto ab – im rosaroten Morgenmantel. Während der jüngere Bruder das ungeschickte Benehmen der verwirrten alten Frau am Tisch nachäfft, weiss sich Sibylle irgendwann nicht mehr anders zu helfen, als «s'Grosi» ins Hühnergehege zu sperren und an den Bettpfosten zu ketten. Diesem unmenschlichen Gewaltakt, gleichzeitig Ausdruck von Überforderung und Verzweiflung, werden zärtliche Momente entgegengesetzt, etwa wenn Sibylle das faltige Gesicht der Grossmutter streichelt. Als Zuschauerin ist man hin- und hergerissen zwischen Entsetzen und Mitgefühl. Am Ende wird die Grossmutter in ein Pflegeheim gebracht; Sibylle und ihr Bruder blicken einer ungewissen Zukunft bei einer Pflegefamilie entgegen.
Seine Intensität verdankt der einfühlsam inszenierte Wackelkontakt nicht zuletzt den schauspielerischen Leistungen von Chloé Braunschweiger (Sibylle) und Stephanie Glaser (Grossmutter) sowie der traurig-schönen Musik – einem karg klingenden Streicherquartett und einem sanft klagenden Song im Abspann und in der letzten Einstellung, die Sibylle auf dem Rücksitz des Autos zeigt, das sie und ihren Bruder wegbringt aus ihrem Heimatdorf.
P: Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich, HFF Potsdam-Babelsberg, SF DRS 2004. B, R: Ralph Etter. K: Ulrike Thiele. T: Andi Drost. S: Rosa Albrecht. Aus: Mirjam Zimmermann. M: Michael Duss. D: Chloé Braunschweiger, Stephanie Glaser, Jan Hersche, Dominik Trauffer, Silvia Jost, Dieter Stoll. V, W: Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich.
35 mm, Farbe, 20 Minuten, Schweizerdeutsch (deutsche, französische, englische Untertitel).

17.2.2005, 18:41 | Permalink

Fledermäuse im Bauch [Thomas Gerber]

Von Sabine Hensel [ Sélection CINEMA ]


Mit feinem Humor und einer wohl dosierten Portion (blutiger) Dramatik kommt diese Vampir-Liebeskomödie daher. Allein der Titel dieses Diplomfilms der HGKZ zeugt von Fantasie und Witz. Eben keine bunten Schmetterlinge, sondern Fledermäuse schwirren dem jungen, verliebten Vampir im Bauch herum.
Die erste Einstellung führt den Zuschauer mitten ins Setting eines klassischen Vampirfilms – es ist finstere Nacht, ein überdimensional grosser, blau geäderter Mond steht am Himmel. Ein Sanitätswagen fährt mit Blaulicht über die kurvenreiche Landstrasse. So beginnt die Geschichte vom Vampir Viktor, der als Rettungssanitäter Nachtschicht arbeitet und sich unsterblich (wie wahr!) in die neue Assistenzärztin Sophia verliebt.
Dem Filmemacher Thomas Gerber gelingt es auf wunderbar leichtfüssige Art, die typischen Attribute, die wir mit den Blut saugenden Wesen assoziieren, mit modernen Aspekten anzureichern. Der eher scheue, romantisch veranlagte Viktor ernährt sich von Blutkonserven, an die er im Spital leicht herankommt. Doch sein Vater redet ihm am Telefon ins Gewissen. Er soll endlich ein richtiger (Vampir-)Mann werden und eine junge Dame «ansaugen», was ihm aber nicht so recht gelingen will.
Sobald er sich länger mit der attraktiven Sophia unterhält, wachsen Viktor spitze Eckzähne. Seine sexuelle Erregung zeigt sich also zuerst im Mund und nicht in der Hose. Aber wie es sich für eine – wenn auch ungewöhnliche – Liebesgeschichte ziemt, kommt es zum Date, und zwar im Zoologischen Museum – und zu Viktors erstem Biss. Überrascht vom Tageslicht und einem Wärter, verwandelt sich das Vampirpärchen in Fledermäuse und wird in eine Vitrine gesperrt. Doch es gibt ein Happy End: Die Verliebten entkommen, denn Liebe kann nicht nur Berge versetzen, sondern auch Glas zertrümmern. Und so flattern sie gemeinsam bis in alle Ewigkeit.
Fledermäuse im Bauch ist farblich intensiv gestaltet. Da die Vampirkomödie im High-Definition-Format gedreht wurde, kommt gerade das knallige Rot des Blutes besonders gut zur Geltung. Die Ausstattung des Kurzfilms ist durchwegs gelungen. Vor allem Viktors gruftige Wohnung verdient eine Erwähnung: Unzählige Kerzen brennen im dunklen, rötlichbraun gestrichenen Raum, an den Wänden hängen ausgestopfte Tiere, und im Kühlschrank liegt der Blutvorrat. Auch die Komposition und das Timing der Story lassen nichts zu wünschen übrig und zeugen von humor- und lustvollem Filmemachen.

P: Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich 2004. B, R: Thomas Gerber. K: René Baumann. T: Ruedi Guyer. S: Marina Wernli, Thomas Gerber. D: Philipp Siegel, Sandra Schlegel, Bruno Föger. M: Nurotic Soundsystem. V, W: Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich.
Digital Beta, Farbe, 18 Minuten, Schweizerdeutsch.



17.2.2005, 18:15 | Permalink

Buchpräsentation und Jubiläumsapéro in Solothurn

Von Laura Daniel [ Veranstaltungen ]
Jubiläumsapéro

Anlässlich der 40. Solothurner Filmtage fand am 27.1.2005 die Buchpräsentation der neuen Ausgabe des CINEMA Jahrbuchs sowie ein Jubiläumsapéro im Haus am Land statt.
Nebst dem Jubiläumsband von CINEMA mit dem Titel Essay wurden von Thomas Schärer und Marille Hahne, beide von der HGKZ, mit Wir sollten den Film neu erfinden und Das Digitale Kino. Filmemachen in High Definition mit Fallstudie (PDF) zwei weitere Bücher vorgestellt.

Alexandra Schneider präsentierte Die Stars sind wir. Heimkino als filmische Praxis in der Schweiz der Dreißigerjahre (PDF), Gianni Haver Le Cinéma au pas. Les productions des pays autoritaires et leur impact en Suisse und Alain Boillat stellte mit der Zeitschrift Décadrages unser Schwesternprodukt aus der Romandie vor.

Nebst Autoren und Autorinnen, Herausgebern und Herausgeberinnen erschienen zahlreiche Gäste: Bilder vom Jubiläumsapéro

17.2.2005, 16:36 | Permalink

Accordion Tribe [Stefan Schwietert]

Von Doris Senn [ Sélection CINEMA ]

Sein Klang beinhaltet das Glimmern finnischer Eislandschaft und die grünen Hügel Sloweniens. Er evoziert die Schneegischt, die über die verschneiten Felder Uppsalas streicht, und die nüchterne Skyline New Yorks. Er steht für die Melancholie des Nordens und die Lebensfreude des Südens. Das Akkordeon hat viele Klangfacetten. Vor allem in der Hand der fünf Musikerpersönlichkeiten, die als Accordion Tribe auftreten. Dieser ungewöhnlichen Band widmet Stefan Schwietert, der sich bereits einen Namen als Musikfilmer gemacht hat (A Tickle in the Heart, 1996; El acordeón del diablo, 2000; Das Alphorn, 2003), sein jüngstes Werk.
Die Idee, fünf Akkordeons zusammenspielen zu lassen, hatte Guy Klucevsek. Er stammt aus Pennsylvania, hat slowenische Wurzeln und lebt in New York. Am Ursprung der Idee steht eine Kindheitserinnerung: die grossen Akkordeon-Schulorchester, die Beethovens Fünfte oder sonst ein Meisterwerk spielten. Diesen mitunter schrillen Klang wollte Klucevsek neu kreieren und suchte dafür die geeigneten Mitspieler: Er fand vier Solisten-Komponisten aus je unterschiedlichen Sparten – Jazz, Folklore, Avantgarde oder Klassik – und Ländern. Allen ist eigen, dass sie die Musik des als «volkstümlich» verpönten Instruments gegen den Strich bürsten – auch wenn für alle die Volksmusik der musikalische Nährboden bleibt.
Konzertmitschnitte, Tourneesequenzen und Bilder von der heimatlichen Landschaft der Bandmitglieder fliessen nahtlos ineinander. Eine unprätentiöse Kamera (Wolfgang Lehner), die bei den Konzerten vor allem auf Nah- und Grossaufnahmen setzt und bei atmosphärischen Aufnahmen immer wieder mit schönen Lichteffekten überrascht, überlässt die filmische Bühne der Musik und den Musikern. Das sind der Schwede Lars Hollmer, der von sich sagt, ein «romantic bastard» zu sein; Guy Klucevsek, der den Minimalismus mit slowenischer Tanzmusik verbindet; Maria Kalaniemi, die – ganz Finnin – nicht nur über den Balg ihres Akkordeons atmet, sondern auch über das Instrument ihren Gefühlshaushalt in Balance hält – sowie der slowenische Bratko Bibič, der die andern mit seiner Übungsmanie auch schon mal nervt, und als feinsinniger «Beobachter» und pointierter Kommentator der Wiener Otto Lechner. Er ist ein virtuoser Jazzer und hält dem in dieser Sparte ungewöhnlichen Instrument zugute, dass es «selbst die schrägsten Sachen herzlich und zahm macht». Für Otto, der blind ist, bedeutet die Bühne das Zuhause und der Alltag das Abenteuer. Umso mehr schätzt er das kreative Zusammenspiel der Accordion Tribe, das der Liveperformance wieder etwas «Dschungelatmosphäre» verleiht.
Es sind charismatische Figuren, die sich für dieses Klangexperiment zusammengefunden haben und die im Film auch auf eine aussergewöhnlich persönliche Weise rüberkommen. Lange Einstellungen und ein kalibrierter Schnitt (Stephan Krumbiegel) bieten der Musik genug Raum, um sich zu entfalten und uns als ZuhörerInnen nicht nur das Zusammenspiel, sondern auch die jeweiligen individuellen Stile würdigen zu lassen – ein Genuss, der Lust auf mehr macht.

P: Maximage (Zürich), FischerFilm (Linz) 2003. B: Stefan Schwietert, Stephan Settele. R: Stefan Schwietert. K: Wolfgang Lehner. T: Dieter Meyer. S: Stephan Krumbiegel. M: Guy Klucevsek, Lars Hollmer, Maria Kalaniemi, Otto Lechner, Bratko Bibič. V: Look Now! (Zürich). W: Maximage (Zürich).
35 mm, Farbe, 90 Minuten, Deutsch, Englisch (deutsche, französische Untertitel).

16.2.2005, 16:05 | Permalink

Tout un hiver sans feu [Greg Zglinski]

Von Veronika Grob [ Sélection CINEMA ]

Es kam einer kleinen Sensation gleich, als nach 15 Jahren mit Tout un hiver sans feu endlich wieder einmal eine Schweizer Produktion zum Wettbewerb des ehrwürdigen Filmfestivals nach Venedig eingeladen wurde. Und das feinsinnige Drama, das im verschneiten Freiburger Jura spielt, vermochte Publikum, Kritiker wie auch die Jury zu beeindrucken. Zwar reichte es nicht für den Goldenen Löwen, doch Greg Zglinskis Erstlingswerk wurde von CinemAvvenire, der internationalen Jugendjury, als bester Nachwuchsfilm sowie von der katholischen Jury mit dem Signis-Preis als bester Film ausgezeichnet.
Die Bauersleute Jean (Aurélien Recoing) und Laure (Marie Matheron) haben bei einem Scheunenbrand vor einigen Monaten ihre fünfjährige Tochter Marie verloren. Laure kommt mit der Trauer nicht zurecht: Sie entfremdet sich von ihrem Ehemann und beginnt, sich wie ihre kleine Tochter zu benehmen, bis sie schliesslich in einer psychiatrischen Klinik landet – von Weinkrämpfen geschüttelt. Jean mag im Winter nach dieser Katastrophe in seinem Haus kein Feuer mehr anzünden. Und so bleibt der Bauernhof ungeheizt – dies ausgerechnet in La Brévine, dem kältesten Ort der Schweiz. Neben dem Schmerz durch den Verlust seiner Tochter und den Sorgen um die angeschlagene Ehefrau steht Jean auch vor den Scherben seiner finanziellen Existenz: Der Brand hat einen Berg von Schulden verursacht. Während Laure in der Klinik betreut wird, nimmt er Arbeit in einem Stahlwerk an, wo er die beiden Kosovo-Flüchtlinge Kastriot und Labinota (Gabriela Muskala) kennen lernt. Auch Labinota, die als Kantinenhilfe arbeitet, hat einen schweren Schicksalsschlag erlitten: Ihr Mann ist im Krieg verschollen. Doch die junge Frau ist eine Kämpferin, die sich im Gegensatz zu Jean ein Stück Lebensfreude bewahrt hat. Mit Hilfe dieser beiden neuen Freunde und der unterstützenden Gemeinschaft der Kosovo-Flüchtlinge lernt auch Jean wieder zu leben.
Auch wenn in Tout un hiver sans feu europäisches Geld steckt, die meisten Teammitglieder aus Polen stammen und der Regisseur heute in Warschau lebt, fühlt sich das Werk – gerade durch sein Setting – doch wie ein Schweizer Film an. Der Pole Greg Zglinski ist im Aargau aufgewachsen, hat aber seine Filmausbildung in Lodz, unter anderem bei Krzysztof Kieslowski, absolviert. Die strenge Ausbildung, für die Lodz bekannt ist, sieht man Zglienskis Debüt an, das von hohem handwerklichen Können zeugt. Die Leere der Trauer und der seelische Winter, in dem die Hauptfigur gefangen ist, spiegelt sich symbolisch in langen Fahrten durch die kalte, neblige und verschneite Landschaft des Juras, die dabei nie idyllisch wirkt. Jeans existenzielle Verzweiflung dagegen zeigt sich in den lodernden Flammen des Stahlwerks, in dem er arbeitet. Zglinski hat das heftige Drama um Schuld, Trauer und Depression sehr subtil inszeniert: In kargen Dialogen und kleinen Gesten tun sich die seelischen Abgründe auf. Mit Tout un hiver sans feu wurde in Venedig ein schweizerisches Beziehungsdrama gezeigt, das berührt.

P: CAB Productions (Lausanne), Mars Entertainment (Bruxelles), TSR, RTBF, Arte, TVP Telewizja Polska 2004. B: Pierre-Pascal Rossi. R: Greg Zglinski. K: Witold Plociennik. S: Urszula Lesiak. T: Luc Cuveele, Michael Kosterkiewicz. D: Aurélien Recoing, Marie Matheron, Gabriela Muskala, Blerim Gjoci, Nathalie Boulin, Antonio Buil, Michel Voïta.
35 mm, Farbe, 91 Minuten, Französisch.





14.2.2005, 15:42 | Permalink

Ässhäk – Geschichten aus der Sahara [Ulrike Koch]

Von Simona Fischer [ Sélection CINEMA ]
Der neue Dokumentarfilm von Ulrike Koch wartet mit einer Reihe von Geschichten aus der Sahara auf. Dabei verschwimmt die Grenze zwischen orientalischem Märchen und dokumentarischem Beitrag über das Leben der Tuareg. Zu dieser Wirkung dürften sowohl die beeindruckenden Bilder von Kameramann Pio Corradi wie der vollständige Verzicht auf einen Voice-over-Kommentar beitragen.
Bereits in der ersten Einstellung wird das Dromedar gezeigt, das einem Nomaden entlaufen ist und auf dessen Suche er sich fortan begibt. Leitmotivisch strukturiert diese Suche den ganzen Film und steht für das unbedingte Zusammenleben der Menschen mit diesen Vierbeinern. Wir begegnen dem Geschichtenerzähler El Hadj Ibrahim Tshibrit, der seit seiner Kindheit «Lügengeschichten» erzählt, die im Laufe der Zeit von den Leuten übernommen und dadurch zur Wahrheit werden. Der grossartige Erzähler bringt uns die Bedeutung von «Ässhäk» näher. Ässhäk heisst, «den guten Prinzipien, den Regeln des Wohlverhaltens und Gott zu folgen». Da ist die alte Nomadin, die über das Leben der Tuareg-Frauen berichtet. Diese verlassen sich allein auf sich selbst, denn «der Ehemann ist wie der Schatten eines Baumes am Morgen, der verschwindet und dich unter der brennenden Sonne zurücklässt». Der gottesfürchtige Marabut, der in der Felsenwüste von Takriza eine jahrhundertealte Moschee behütet, erzählt über die Bedeutung vorislamischer Bräuche und Riten, über Respekt gegenüber Mensch und Natur, eben über Ässhäk. Schliesslich spielt Schilen auf jener einsaitigen Geige – traditionsreiches Tuareginstrument –, das Imzâd genannt wird und Ässhäk geradezu verkörpert. Denn sein Spiel vertreibt sämtliche schlechten Gedanken, während es den Wunsch weckt, Gutes zu tun.
In elliptischem Erzählen und in beeindruckenden Panorama-Einstellungen offenbart sich das Leben in der Mutter aller Wüsten, der Sahara. Der blutrote Abendhimmel über unendlicher Wüste, der plötzliche Regen, welcher der Einöde wieder Leben einhaucht, das Wassergraben des Nomaden für sein Dromedar und die Langzeiteinstellung, in dem sich der kleine Mensch und das stattliche Tier gegenübersitzen, an der Quelle, die Überleben bedeutet. Die volkstümlich gefärbte, zurückhaltende Musik von Harry de Wit setzt zu den uralten Klängen und Nomadengesängen einen zeitgenössischen Akzent.
Bereits in Ulrike Kochs mehrfach preisgekröntem Vorgänger Die Salzmänner von Tibet (1997) wurde auf einen Kommentar verzichtet. Auch bei Ässhäk wird auf diese Weise versucht, direkt und unverfälscht Lebensweisen und Riten einzufangen, ohne jedoch den Anspruch auf Objektivität zu erheben. Dies schafft der Film gerade durch jene märchenhaften Momente, die den Objektivitätsanspruch bewusst zu untergraben wagen. Andererseits zeigt sich durch die Wahl des Märchenhaften im Dokumentarischen eine tiefe Einsicht in das Leben der Porträtierten. Exemplarisch dafür steht der in Zeitlupe verzerrte Traum des Nomaden, in dem ihm jene Tiere erscheinen, die einst die Wüste bevölkerten. Märchenhaft poetisch wird so die Verbindung zu den Mythen der Tuareg hergestellt, und gleichzeitig verweist dieser fiktive Eingriff auf die orientalische Tradition des Märchenerzählens.

P: Catpics Coproductions (Zürich), Pegasos Film (Frankfurt a. M.), Artcam The Netherlands (Arnhem/NL), SF DRS, RTSI, Arte, ZDF, NPS, YLE, TV1 (Finnland) 2004. B, R: Ulrike Koch. K: Pio Corradi. T: Dieter Meyer, Peijn Aben. S: Magdolna Rokob. M: Harry de Wit. V: Columbus Film (Zürich). W: Catpics Coproductions (Zürich).
35 mm, Farbe, 110 Minuten, Tamashek (deutsche Untertitel).


12.2.2005, 16:36 | Permalink

Verflixt verliebt [Peter Luisi]

Von Veronika Grob [ Sélection CINEMA ]

Während Miro und sein Regieassistent François auf die Filmförderung warten, um ihre Produktion fertig stellen zu können, hausen sie im Wald, essen Ravioli aus der Büchse und lassen sich lange Bärte wachsen. Dies ist nur eine der vielen selbstironischen, spitzen Seitenhiebe auf die Schweizer Filmlandschaft in Peter Luisis turbulenter Komödie Verflixt verliebt. Auch Luisis eigene Produktion zeugt von viel Durchhaltevermögen: Als die Förderung dem noch unbekannten, in den USA ausgebildeten Filmemacher das Geld verweigerte, kratzte er es für die Low-Budget-Produktion selbst zusammen und machte aus der (Geld-)Not geschickt eine künstlerische Tugend: Sein Film handelt von den chaotischen Dreharbeiten eines Dilettanten.
Der argentinische Austauschstudent Miro gibt vor, ein berühmter Regisseur zu sein, um das Herz der Schauspielerin Mercedes zu erobern. Kurzerhand castet er sie als Hauptdarstellerin für einen neuen Film, ohne irgendeine Ahnung von Regie und Produktion zu haben. Seine chaotische Herangehensweise ohne Drehbuch und -plan wird von der kleinen Crew als geniale Improvisation missverstanden. Glücklicherweise werden die Dreharbeiten von zwei Filmstudenten begleitet, die mehr von Filmdramaturgie verstehen. Die beiden wollen als Abschlussfilm eine Dokumentation über die Filmarbeiten des Argentiniers drehen, und um das Ganze aufzupeppen, greifen sie gerne in die Geschichte ein. Das Chaos ist vorprogrammiert, da der Geldgeber, ein zwielichtiger Geschäftsmann, einen Actionfilm will, Miros Sinn aber nach einer Romanze steht.
Voller schräger Einfälle, jongliert Peter Luisi in Verflixt verliebt virtuos mit verschiedenen Erzählebenen, Stilmitteln und Formaten. Alles Bildmaterial findet seine Motivation in den Geschehnissen der fiktiven Filmwelt: Wenn also die teure 35-mm-Kamera verloren geht, wird halt stumm auf Super-8 weitergedreht, und auch gelegentliche Unschärfen und Wackeleinstellungen verzeiht man dem Anfänger im Film gerne, der das Dilettantische zur Norm erklärt. Ebenso lustvoll wie die Formate mixt Luisi auch die Genres: Aus der verspielten Komödie wird nämlich ein veritabler Krimi, in dem sich Hauptdarsteller Miro plötzlich mit einer Bombe und einer bewaffneten Polizeieinheit konfrontiert sieht. Die üblichen Verdächtigen der Schweizer Schauspielergilde wie Martin Rapold und Max Rüdlinger unterstützten Luisi in Nebenrollen. Als neurotisches Nervenbündel in der Hauptrolle aber agiert umwerfend Pablo Aguilar, der auch schon als musizierender Freund der dicken Friseuse in Stina Werenfels’ Meier Marilyn zu sehen war und von der Filmkritik gerne als kleiner Bruder von Roberto Benigni gefeiert wird.
Die «abgedrehte Komödie», wie sich Verflixt verliebt in der Eigenwerbung nennt, wurde für Peter Luisi zwar zu einer teuren Visitenkarte für seine weitere berufliche Laufbahn, doch der Einsatz hat sich gelohnt. Dieser atemlose Debütfilm gewann den Förderpreis des Max-Ophüls-Festivals in Saarbrücken und brachte frischen Wind in die Schweizer Kinosäle.

P: Spotlight Media Productions (Zürich), Filumé Filmproduktion (München), Teleclub (Zürich) 2004. B, R: Peter Luisi. K: Nicolò Settegrana, Orit Teply. T: Stefan Graf. S: Peter Luisi, Claudio Di Mauro. M: Filippo Trecca. D: Pablo Aguilar, Sandra Schlegel, Philipp Stengele, Simon Desbordes, Fiamma-Maria Camesi, Martin Rapold, Max Rüdlinger, Susanne Kunz, Patricia Boser. V: Columbus Film (Zürich). W: Spotlight Media Productions (Zürich).
35 mm (Videotransfer), Farbe, 91 Minuten, Schweizerdeutsch, Deutsch, Englisch, Spanisch (deutsche Untertitel).

11.2.2005, 15:36 | Permalink

Namibia Crossings [Peter Liechti]

Von Laura Daniel [ Sélection CINEMA ]


Die Hambana Sound Company besteht aus zwölf MusikerInnen unterschiedlichster nationaler und musikalischer Herkunft: Sie vereint Perkussionisten, Bläser und Sängerinnen aus Namibia, Simbabwe, Angola, einen Akkordeonspieler und einen Schlagzeuger aus der Schweiz, eine Flötistin aus Russland und den schweizerisch-namibischen Cellisten Bernhard Göttert, der das Projekt ins Leben gerufen hat. Alle MusikerInnen haben ein Lied aus ihrer musikalischen Heimat mitgebracht, das sie dem Ensemble zur Verfügung stellen. Die Auswahl dieser Stücke schafft die Grundlage für vielfältige Improvisationen und Jams: Traditionelle, regional geprägte afrikanische Musik trifft auf Gospel trifft auf Folklore und Jazz – mit diesem vielfältigen Programm tourt das Ensemble durch Namibia. Die Erwartungen sind hoch und, wie sich zeigt, äusserst unterschiedlich. Das Projekt mit der ursprünglichen Idee, im interkulturellen Austausch nach tieferen Quellen zeitgenössischer Musik zu suchen, wird mehr und mehr überschattet von den unüberbrückbaren musikalischen und persönlichen Differenzen.
In gewohnt schonungsloser Ehrlichkeit dokumentiert Liechti die Schwierigkeiten und Grenzen dieses Projekts. Dabei verliert er weder die Schönheit Namibias aus den Augen noch den Humor, der sowohl innerhalb des Ensembles als auch in der filmischen Konfrontation mit der westafrikanischen Landschaft seinen Ausdruck findet – wenn er zum Beispiel zu den Klängen der Flöte eine Echse mit der Kamera verfolgt – und dieses schwierige, aber höchst interessante Projekt durchzieht.
Musikalische Sequenzen on- und offscreen, wunderschöne Landschaftsaufnahmen und der tagebuchartige Kommentar Liechtis offenbaren einen differenzierten Blick auf ein Projekt, dessen Ausgangslage zum Romantisieren verführen könnte. Doch in diese Falle ist Liechti noch nie getappt: Sein halb ironischer Kommentar leitet auch in Namibia Crossing souverän durch die verschiedenen Etappen dieses musikalischen Roadmovies, von der Hauptstadt Windhoek zur Küstenstadt Lüderitz. Das Ensemble besucht Missionsstationen, Townships und die Siedlungen der San, Ureinwohner des Landes. Überall treffen sie auf Musik und Rhythmus, doch paradoxerweise ist das Interesse an einem musikalischen Austausch nicht überall vorhanden. Die San beispielsweise rauchen lieber und geben eher gelangweilt etwas zum Besten; die Kinder von Marienthal sind weitaus begeisterter von der lokalen jungen Amateurband, die sie zum wilden Tanzen animiert, als vom hochkarätigen Ensemble. Dass Liechti auch diese eher unrühmlichen Rückschläge dokumentiert, zeugt von seinem Bestreben, sich der romantischen Vorstellung von Afrika nicht hinzugeben, sondern die damit verbundenen Erwartungen vor dem Hintergrund von Kolonialherrschaft, Apartheid und der Realität von Aids auf eine sehr persönliche Art zu reflektieren.

P: Reck Filmproduktion (Zürich), SF DRS, Bayerisches Fernsehen, 3sat 2004. B, R: Peter Liechti. K: Peter Guyer, Peter Liechti. T: Dieter Meyer. S: Loredana Cristelli. M: Hambana Sound Company. V: Look Now! (Zürich). W: Reck Filmproduktion (Zürich).
35 mm (Videotransfer), Farbe, 90 Minuten, Englisch, Deutsch, Afrikaans, afrikanische Sprachen (deutsche Untertitel).



10.2.2005, 17:51 | Permalink
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