Namibia Crossings [Peter Liechti]

Von Laura Daniel [ Sélection CINEMA ]


Die Hambana Sound Company besteht aus zwölf MusikerInnen unterschiedlichster nationaler und musikalischer Herkunft: Sie vereint Perkussionisten, Bläser und Sängerinnen aus Namibia, Simbabwe, Angola, einen Akkordeonspieler und einen Schlagzeuger aus der Schweiz, eine Flötistin aus Russland und den schweizerisch-namibischen Cellisten Bernhard Göttert, der das Projekt ins Leben gerufen hat. Alle MusikerInnen haben ein Lied aus ihrer musikalischen Heimat mitgebracht, das sie dem Ensemble zur Verfügung stellen. Die Auswahl dieser Stücke schafft die Grundlage für vielfältige Improvisationen und Jams: Traditionelle, regional geprägte afrikanische Musik trifft auf Gospel trifft auf Folklore und Jazz – mit diesem vielfältigen Programm tourt das Ensemble durch Namibia. Die Erwartungen sind hoch und, wie sich zeigt, äusserst unterschiedlich. Das Projekt mit der ursprünglichen Idee, im interkulturellen Austausch nach tieferen Quellen zeitgenössischer Musik zu suchen, wird mehr und mehr überschattet von den unüberbrückbaren musikalischen und persönlichen Differenzen.
In gewohnt schonungsloser Ehrlichkeit dokumentiert Liechti die Schwierigkeiten und Grenzen dieses Projekts. Dabei verliert er weder die Schönheit Namibias aus den Augen noch den Humor, der sowohl innerhalb des Ensembles als auch in der filmischen Konfrontation mit der westafrikanischen Landschaft seinen Ausdruck findet – wenn er zum Beispiel zu den Klängen der Flöte eine Echse mit der Kamera verfolgt – und dieses schwierige, aber höchst interessante Projekt durchzieht.
Musikalische Sequenzen on- und offscreen, wunderschöne Landschaftsaufnahmen und der tagebuchartige Kommentar Liechtis offenbaren einen differenzierten Blick auf ein Projekt, dessen Ausgangslage zum Romantisieren verführen könnte. Doch in diese Falle ist Liechti noch nie getappt: Sein halb ironischer Kommentar leitet auch in Namibia Crossing souverän durch die verschiedenen Etappen dieses musikalischen Roadmovies, von der Hauptstadt Windhoek zur Küstenstadt Lüderitz. Das Ensemble besucht Missionsstationen, Townships und die Siedlungen der San, Ureinwohner des Landes. Überall treffen sie auf Musik und Rhythmus, doch paradoxerweise ist das Interesse an einem musikalischen Austausch nicht überall vorhanden. Die San beispielsweise rauchen lieber und geben eher gelangweilt etwas zum Besten; die Kinder von Marienthal sind weitaus begeisterter von der lokalen jungen Amateurband, die sie zum wilden Tanzen animiert, als vom hochkarätigen Ensemble. Dass Liechti auch diese eher unrühmlichen Rückschläge dokumentiert, zeugt von seinem Bestreben, sich der romantischen Vorstellung von Afrika nicht hinzugeben, sondern die damit verbundenen Erwartungen vor dem Hintergrund von Kolonialherrschaft, Apartheid und der Realität von Aids auf eine sehr persönliche Art zu reflektieren.

P: Reck Filmproduktion (Zürich), SF DRS, Bayerisches Fernsehen, 3sat 2004. B, R: Peter Liechti. K: Peter Guyer, Peter Liechti. T: Dieter Meyer. S: Loredana Cristelli. M: Hambana Sound Company. V: Look Now! (Zürich). W: Reck Filmproduktion (Zürich).
35 mm (Videotransfer), Farbe, 90 Minuten, Englisch, Deutsch, Afrikaans, afrikanische Sprachen (deutsche Untertitel).



10.2.2005, 17:51 | Permalink

Des épaules solides [Ursula Meier]

Von Flavia Giorgetta [ Sélection CINEMA ]

«Weisst du, was Amenorrhoe ist?», fragt Sabine zu Beginn ihre Mutter, um sie gleich darauf zu beruhigen, sie habe ihre Menstruation im Gegensatz zu einigen Spitzensportlerinnen noch. In dieser Feststellung schwingt aber auch Bedauern mit, denn nichts scheint der Teenager Sabine mehr zu wollen, als eine professionelle Mittelstreckenläuferin zu werden – und Frau-Sein ist für sie dabei bloss hinderlich. Nichts lässt sie unversucht, um ihren Körper zu stählen, doch ihr Ziel liegt fern, und immer wieder driftet sie in Selbsthass ab. Gegen den Befehl ihres Trainers und Mentors trainiert sie auch an Wochenenden; sie lässt sich von Freundinnen heimlich filmen, um sich danach auf dem Bildschirm anzuschreien. Die Brüste sind zu gross, der Start zum Kotzen – und Marion Jones unerreichbar, auch wenn sie sich an einem Leichtathletik-Meeting in den Gängen vor Sabines Augen aufwärmt. Mit ihren Freundinnen verbringt sie die Abende im Sportinternat damit, weibliche Sportstars zu bewundern und gleichzeitig ihre Körper als zu männlich zu taxieren. «Magst du muskulöse Frauen?», fragt sie Rudy, bevor sie einander verschiedene Körperteile vorführen, gemeinsam die Erotik ihrer trainierten Körper feiern und schliesslich miteinander schlafen. Aber Sabine will viel weniger mit ihm als vielmehr er sein: der neue Star des Internats, so schnell, wie nur ein Mann sein kann. Sie erzählt ihm, wie Frauen in der damaligen DDR sich vor wichtigen Wettbewerben schwängern liessen, worauf sie wegen der Hormone Höchstleistungen erbrachten – und danach abtrieben. Wieso sollen Frauen ihren Körper nicht dort ausnützen, wo er ihnen ausnahmsweise hilft? Rudy wendet sich angeekelt ab.
Ursula Meiers erster Langspielfilm entstand als Beitrag zur Arte-Serie «männlich/weiblich» und findet im Spitzensport ein extremes Spannungsfeld besonders für Mädchen. Fast ausnahmslos verdienen Männer im Sport das X-fache ihrer weiblichen Kollegen, und sie erzielen höhere Fernsehquoten. Schliesslich sprinten sie ja schneller, springen höher, werfen weiter. Der Mann ist im Sport das Mass. Dies wird Sabine in der Pubertät schmerzhaft bewusst: Ihr Körper verändert sich nicht nur als Konsequenz des Trainings. Völlig unfunktionale Brüste wachsen – Fett ist ein Bremser. Für sie haben nur Muskeln ihre Berechtigung. Um die Spitze zu erreichen, muss man seinen Körper kontrollieren, doch die Pubertät zeigt dem Mädchen im Extrem, dass dies blosse Illusion ist. Wenn Sabine am Ende des Films beim Wettbewerb am Startpflock kleben bleibt, liegt in diesem Scheitern, in dieser Verweigerung ihr grösster Befreiungsschlag: Sie akzeptiert ihre körperliche Grenzen und wird vielleicht gar lernen, ihre Weiblichkeit zu mögen.
Louise Szpindel in der Rolle der launischen Sabine trägt mit ihrem Spiel und nicht zuletzt mit ihrem athletischen Aussehen viel zur Authentizität des Films bei. Auch dank der entfesselten Kamera und den vielen Jump Cuts scheint Ursula Meiers erster Langspielfilm streckenweise mehr Dokumentation denn Fiktion zu sein – wie schon in ihrem Kurzspielfilm Tous à table gelingt es ihr oft, kleine Momente grösster Wahrhaftigkeit einzufangen.

P: PCT Cinéma & Télévision (Martigny), Need Productions (Brüssel), GMT Productions (Paris), TSR, Arte 2002. B: Ursula Meier, Frédéric Videau. R: Ursula Meier. K: Nicolas Guicheteau. T: Luc Yersin. S: Suzanna Rossberg. D: Louise Szpindel, Jean-François Stévenin, Guillaume Gouix, Dora Jeema, Nina Meurisse, Anne Coesens, Max Rüdlinger, Jean-Pierre Gos. V, W: PCT Cinéma & Télévision (Martigny).
Digital-Beta-Video, Farbe, 96 Minuten, Französisch (englische Untertitel).


10.2.2005, 16:50 | Permalink

Wenn der Richtige kommt [Stefan Hillebrand/Oliver Paulus]

Von Flavia Giorgetta [ Sélection CINEMA ]

Wenn der Richtige kommt, weisst du das mit dem ganzen Herzen, sagt die Putzfrau Paula, und im Wachmann Mustafa hat sie den Richtigen gefunden. Sie arbeiten im gleichen Gebäude und reden in den Pausen über ihre Hobbys. Wenn Mustafa von seiner Stammbar erzählt, missversteht Paula das als Einladung; in jeder freundlichen Geste von ihm sieht sie ein Liebesbekenntnis. Die so direkte wie naive Paula versteht soziale Codes nicht und nimmt jeden Satz, jede Geste für bare Münze. Deshalb durchschaut sie auch nicht ihre neue Freundin: Frau von Dewitz nennt sie sich, und sie tritt so elegant auf und ist so perfekt frisiert, dass Paula sich in ein Märchen versetzt fühlt. Mit ihrer Resolutheit und ihrem Aussehen kaschiert von Dewitz ihre Armut und Arbeitslosigkeit: Sie kann nicht mal ihre Zeitung bezahlen, und bügelt täglich dasselbe Kleid.
Eines Tages taucht Mustafa nicht mehr bei der Arbeit auf; er ist in die Heimatstadt seines Vaters gezogen, nach Adana. Hier beginnt «Paulas Reise», ihr eigentliches Abenteuer. Sie fliegt alleine in die türkische Millionenstadt, nachdem die von Dewitz sie im letzten Moment sitzen gelassen hat, und sucht nach Mustafa. «Paulas Wunder» ist, dass sie ihn tatsächlich findet, doch die Ernüchterung folgt: Er ist verheiratet. Paula hat aber schon einen neuen Freund gefunden, dank dem sie einige Wochen in einem Luxushotel arbeiten kann – «ich, Paula Hartnagel, habe im Hilton geputzt!».
Der Schweizer Oliver Paulus hat bereits den mehrfach ausgezeichneten Kurzspielfilm Die Wurstverkäuferin mit dem Regisseur Stefan Hillebrand und der Schauspielerin Isolde Fischer, beide Deutsche, realisiert. Wie dort gelingt es ihnen mit Wenn der Richtige kommt, in der Naivität einer «Unsichtbaren» Momente der Poesie zu finden. Während die Einteilung in Kapitel auf ein Märchen verweist – als das Paula ihr Leben auch teilweise gestaltet –, führen Namens- und Berufseinblendungen zu Beginn des Films die Zuschauer auf die Fährte des Dokumentarischen. Die Regisseure wollten einen Spielfilm wie einen Dokumentarfilm drehen: Ohne Drehbuch wurde improvisiert, es gab keine Wiederholungen, und Nebenrollen sind mit Laien besetzt, die beim Dreh vor Ort gefunden wurden. Das mag manchmal in Sackgassen führen, so entstehen aber auch genau diese banalen Gespräche, welche die Personen glaubwürdig machen. Auch wenn Paula in Sätzen spricht, die O-Ton einer x-beliebigen Talkshow sein könnten, wird sie nie der Lächerlichkeit preisgegeben. Im Gegenteil: In ihrer Kindlichkeit liegt eine grosse Aufrichtigkeit, und manchmal scheint auch Selbstironie aufzublitzen. Als sie dem baffen Mustafa in der Türkei aus einem Maisfeld entgegentritt, bemerkt sie locker: «Ich hab gedacht, ich schau mal vorbei.» Auch wenn sie ihn nicht kriegt, so hat sie doch ihr Abenteuer gewagt und ist einer Idee nachgereist – um sich schliesslich von ihr wieder zu verabschieden.
Wenn der Richtige kommt wurde 2003 in der Sektion «Zabaltegi – New Directors» am Filmfestival von San Sebastián gezeigt und von der Jury lobend erwähnt.
P: Motorfilm Filmproduktionen (Dornach), Frischfilm Produktionen (Mannheim), Schicke Bilder (Köln), Sprint Film (Düsseldorf), Far Horizons (Köln) 2003. B, R: Oliver Paulus, Stefan Hillebrand. K: Mathias Schick. T: Wolfgang Stock. S: André Bigoudi. M: Erdal Tosun. D: Isolde Fischer, Helga Grimme, Can Sengül, Tülay Gönen, Arcan Arican. V: Look Now! (Zürich). W: Motorfilm Filmproduktionen (Dornach).
35 mm (Videotransfer), Farbe, 78 Minuten, Deutsch, Türkisch (deutsche, englische Untertitel).



10.2.2005, 16:45 | Permalink

Vanya [Christina Zulauf]

Von Simona Fischer [ Sélection CINEMA ]

Zwei Männer, der eine ein alter Jäger, der andere ein junger entflohener Häftling, treffen während einer stürmischen Winternacht inmitten der russischen Taiga aufeinander. Hier, am Ende der Welt – oder 150 Kilometer vom nächstgelegenen Dorf entfernt –, lebt der alte Russe Nikititsch in einem Haus, in dem Vanya, der Flüchtige, Schutz vor der erbarmungslosen Kälte sucht. In dieser Nacht wird sich im Schein des Kaminfeuers und nach ausgiebigem Tabak- und Wodkakonsum eine scheinbare Freundschaft anbahnen, deren Schicksalhaftigkeit durch die subtil gezeichneten Wesensunterschiede der beiden Protagonisten vorweggenommen wird. Der ungestüme Vanya verzweifelt auf der Suche nach Freiheit und Leben, über das er spricht «wie andere über Weiber». Er und der alternde Jäger, ein am Leben und an der Einsamkeit in der Wildnis geschulter Mann, stehen sich metonymisch wie Vater und Sohn gegenüber. Als mitten in der Nacht zwei Polizisten in Zivil auftauchen, verrät Nikititsch seinen Schützling nicht. Doch Vanya wird dem Alten seine Grossherzigkeit nicht danken. Tags darauf muss dieser feststellen, dass sein Gast sich in aller Heimlichkeit davongemacht hat und dabei des Väterchens Tabak und das zum Überleben notwendige Gewehr mitgehen liess. Der Alte nimmt, ohne zu zögern, die Spur seines vermeintlichen Freundes auf. Die schicksalhafte Begegnung nimmt ihren Lauf.
Nach Christina Zulaufs erstem, bereits ausgezeichneten Kurzfilm Das Passfoto (2002), entstand ihr zweiter Kurzfilm ebenfalls in Russland, wo die Regisseurin auch ihre Ausbildung absolviert hat. Vanya überzeugt handwerklich wie atmosphärisch. Dies verdankt er unter anderem dem formalen Aufbau, der den Inhalt poetisch zu widerspiegeln vermag. Alles deutet auf eine dramatische Zuspitzung hin: Vom Aufeinanderprallen der gegensätzlich ausgerichteten Figuren bis zur Einhaltung der klassischen Einheit von Ort und Zeit. Trotzdem büsst diese auf eine schicksalhafte Wendung hin ausgelegte Handlung nichts an ihrer Spannung ein. Mit der Wahl des schwarzweissen Filmmaterials tritt das gekonnt eingesetzte Licht- und Schattenspiel verstärkt hervor und unterstreicht den parabelhaften Verweischarakter der Geschichte. Die auf einem Roman von Vladimir Shukshin basierende Erzählung reicht weit über die Frage des Generationenkonfliktes hinaus.
Auf subtile Weise wirft Christina Zulaufs Film tiefgründige Fragen der menschlichen Existenz auf. Diese eröffnen sich vor dem Hintergrund einer menschenleeren Schneelandschaft, die symbolisch gesehen beinahe zum Seelenschauplatz avanciert. Der Film rührt in den tiefen Abgründen der menschlichen Daseinsfragen, ohne einem moralischen Pathos zu verfallen.

P: Christina Zulauf (Luzern) 2003. B, R: Christina Zulauf. K: Vladimir Bryliakov. T: Aleksander Alikov. S: Christina Zulauf, Raissa Lissova, Ekaterina Kharlamova. Aus: Andrei Malykh. M: Aleksej Karpov. D: Jaroslav Ivanov, Viktor Terechov, Igor Dubryakov, Valeriy Zakharev. V, W: Christina Zulauf (Luzern).
35 mm, s/w, 22 Minuten, Russisch (deutsche Untertitel).



10.2.2005, 16:33 | Permalink

Sternenberg [Christoph Schaub]

Von Veronika Grob [ Sélection CINEMA ]


Die alte Feindschaft zwischen Fernsehen und Kino scheint sich in Minne aufzulösen. Nicht nur, dass Fernsehproduktionen immer öfter den Weg an die Schweizer Filmfestivals finden, mit Sternenberg war auch das erste TV-Movie auf grosser Leinwand zu sehen: Der Schweizer Ableger der US-Grossverleihs Buena Vista lancierte den Film. Dabei kann man sich natürlich fragen, ob an Fernsehfilme nicht andere Ansprüche gestellt werden sollten als an Kinoproduktionen. Für die Flimmerkiste ist die sympathische, etwas behäbige Komödie Sternenberg auf jeden Fall wie geschaffen, für die Grossleinwand wünschte man sich jedoch ein wenig mehr filmischen Wagemut. Das Publikum schätzte den mit Stars gespickten Schweizer Heimatfilm auch im Kinosaal.

Volksschauspieler Mathias Gnädinger spielt in Sternenberg den ältesten Primarschüler der Schweiz. Die Schule des kleinen Dorfes Sternenberg soll wegen Schülermangels geschlossen werden; die Politiker riechen Sparpotenzial. Als sich die rührige Dorfgemeinschaft nicht mehr zu helfen weiss, stellt sich Weltenbummler Franz, der nach 30 Jahren wegen einer Erbschaft in sein Heimatdorf zurückgekehrt ist, als neuer Schüler zur Verfügung. Franz hat allerdings Hintergedanken: Er sucht die Nähe zur Lehrerin Eva (Sara Capretti), die durch die Schliessung der Schule ihre Stelle verlieren würde. Eva ist seine uneheliche Tochter. Davon ahnt sie allerdings nichts. Als die Politiker den Lausbubenstreich des pensionierten Schülers auszuhebeln drohen, schalten Franz und die Kinder flugs die Medien ein. Auch Evas Liebesleben kommt derweilen in Schwung: Sie kann sich endlich von ihrem Liebhaber, dem anpasserischen – und verheirateten – Schulinspektor Freudiger, lösen und verliebt sich in den tamilischen Kinderarzt Babu Sivaganeshan.

Christoph Schaub hat seine gemütliche Komödie, die auf einem Drehbuch von Micha Lewinsky beruht, an Originalschauplätzen im Zürcher Oberland gedreht. Die Postautofahrten über die grünen Hügelzüge machen denn auch viel vom Charme des Films aus. Die Chemie im Vater-Tochter-Konflikt zwischen Gnädinger und Capretti stimmt. Auch die Nebenrollen sind mit viel Schweizer Film- und anderer Prominenz besetzt: Walo Lüönd gibt den gutmütigen Gemeindepräsidenten, Mona Vetsch eine verschrobene Journalistin, Hanspeter Müller den schmierigen Politiker, Stefanie Glaser und der kürzlich verstorbene Ettore Cella geben ein altes Ehepaar, das für einige Lacher sorgt. Gerade der Kurzauftritt von beiden Letzteren ist auch eine sympathische Verbeugung vor dem alten Schweizer Film, dessen Tradition Schaub mit Sternenberg im 21. Jahrhundert wieder aufleben lässt. Mit dem von Stephen Sikder verkörperten tamilischen Kinderarzt kommt aber auch ein exotisches Element hinein, das im nicht gerade urschweizerisch zu nennenden Soundtrack von Balz Bachmann und Peter Bräker reflektiert wird und politische Korrektheit garantiert. Denn schliesslich gibt es für den Bevölkerungsschwund in Sternenberg eine ganz einfache Lösung: Ausländer rein!


P: Langfilm (Zürich), SF DRS. B: Micha Lewinsky. R: Christoph Schaub. K: Peter Indergand. T: Laurent Barbey. S: Marina Wernli. M: Balz Bachmann, Peter Bräker. D: Sara Capretti, Mathias Gnädinger, Walo Lüönd, Daniel Rohr, Hanspeter Müller, Stephen Sikder, Stephanie Glaser, Ettore Cella, Mona Vetsch. V: Buena Vista International Schweiz (Zürich). W: Telepool (Zürich).
Digital Beta, Farbe, 88 Minuten, Schweizerdeutsch.

10.2.2005, 15:38 | Permalink

Hoi Maya [Claudia Lorenz]

Von Veronika Grob [ Sélection CINEMA ]
Diplomfilme neigen dazu, thematisch und formal überfrachtet zu sein, schliesslich sollen sie das gesamte Können der angehenden RegisseurInnen demonstrieren und dienen nicht selten als Visitenkarte für die weitere berufliche Laufbahn. Claudia Lorenz ist mit ihrem 12-minütigen fiktionalen Kurzfilm dieser Falle entgangen: Handwerklich präzise erzählt sie in Hoi Maya eine hübsche kleine Geschichte, die in ihrer Alltäglichkeit zu überraschen vermag.
In Luigis Frisörsalon treffen sich zufällig zwei ältere Damen, die sich zunächst nicht zu kennen scheinen. Doch die Begegnung löst etwas aus, was auch den beiden Frisören im Laden nicht entgeht. Bilder aus der Vergangenheit schwappen an die Oberfläche: Die zwei Frauen hatten in ihrer Jugend eine unschuldige Romanze, bevor sich Charlotte (Heidi Diggelmann) nach Paris davonmachte, später heiratete und nun – verwitwet – in ihre Heimat zurückgekehrt ist. Sie ist es, die sich schliesslich überwindet, sich zu ihrer Jugendfreundin (Monica Gubser) setzt und sie mit «Hoi Maya» begrüsst. Trotz der anfänglichen Befangenheit kommen sich die beiden schnell wieder näher. Doch Maya will von Charlotte wissen, wieso sie damals einfach verschwunden ist: «Besch emel muetig gnueg gsi, mit sebzähni allei uf Paris zgo», worauf Charlotte zugibt: «Weisch was, Maja, muetig wär gsi, do zbliibe.»
Mit wenigen Worten und umso suggestiveren Blicken wärmt Hoi Maya die nie ganz erloschene Liebesgeschichte der beiden älteren Damen auf. Mit hellem Mädchenlachen und in verwaschenen Bildern aus dem Strandbad kehren die Erinnerungen daran zurück.
Claudia Lorenz deutet in ihrem Diplomfilm allerdings mit der «verbotenen» Homosexualität jener Generation auch ein ernstes Thema an, was die heitere Grundstimmung des Films jedoch nicht zu trüben vermag. Charlottes und Mayas Neuanfang im Alter unterstreichen auch die verspielten Songs der Frauenband Les Reines Prochaines, die in Zusammenarbeit mit Hipp Mathis von den Aeronauten entstanden sind. Die charmante Romanze hat schliesslich nur eine Botschaft: Es ist nie zu spät für die Liebe.

P: Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich 2004. B: Claudia Lorenz, Steven Hayes. R: Claudia Lorenz. K: Jutta Tränkle. T: Andreas Brüll. S: Michael Hertig. M: Les Reines Prochaines. D: Heidi Diggelmann, Monica Gubser, Dominique Lüdi, Simone Oswald, Kenneth Huber, Hans-Joachim Frick, Elisabeth Graf, Werner Steiner, Elena Mpintsis. V, W: Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich.
35 mm, Farbe, 12 Minuten, Schweizerdeutsch (deutsche, englische Untertitel).

10.2.2005, 15:33 | Permalink

Strähl [Manuel Flurin Hendry]

Von Veronika Grob [ Sélection CINEMA ]

Strähl ist Drogenfahnder an der Zürcher Langstrasse und ein tablettensüchtiger Choleriker. Die grossen Fische wollen ihm nicht ins Netz gehen, dafür schlägt er sich tagtäglich mit Kleingaunern, Prostituierten und Junkies herum. Um den frustrierenden Job zu verdauen, füttert der verwahrloste, einsame Cop in seiner Wohnung Piranhas mit Frischfleisch. Ein Routinejob wird ihm zum Verhängnis: Während einer Hausdurchsuchung stürzt ein Fixer aus dem Fenster, und Strähl wird suspendiert. Nur das Junkie-Paar René und Carol können ihn entlasten. Strähl, durch seine Tablettensucht längst selbst in die Illegalität abgerutscht, greift schliesslich zu radikalen Mitteln: Er überfällt den Kleindealer Beko, um das Fixerpärchen mit Heroin zu bestechen.
Die Inhaltszusammenfassung von Manuel Flurin Hendrys Strähl klingt, als wäre The French Connection an die Zürcher Langstrasse versetzt worden. Strähl ist aber nicht nur ein Genrekrimi, sondern auch eine prägnante Milieustudie, eine wunderschöne Romanze und ein etwas anderer Heimatfilm. Reminiszenzen an die betulichen «Chreis Cheib»-Porträts von Kurt Früh in Bäckerei Zürrer und Hinter den sieben Gleisen sind nicht zufällig, doch der Mikrokosmos von Rotlichtmilieu, Drogenghetto, Ausländer- und Studentenviertel ist in Hendrys Version einiges härter geworden, wozu auch die grobkörnigen, kühlen Bilder von Kameramann Filip Zumbrunn beitragen. Dass das Team wegen fehlenden Budgets während des ganzen Drehs keine einzige Strasse absperren konnte und dadurch den unberechenbaren Reaktionen des Milieus ausgesetzt war, mag zwar ein Stress gewesen sein, trägt aber zum authentischen Lokalkolorit des Langstrassen-Krimis bei – wie auch die grossartigen schweizerdeutschen Dialoge von Michael Sauter und David Keller. Das Autorenteam des erfolgreichen RS-Klamauks Achtung, fertig, Charlie! leistete sich in diesem Herzensprojekt einen durchaus subversiven Unterton: Die kleinbürgerlichsten Träume hat der drogenabhängige Fussballfan René, der verwahrloste Drogenbulle teilt sich dagegen liebevoll Pillen mit der jungen Fixerin, die gerade aus einem Heim abgehauen ist.
Manuel Flurin Hendry beweist in seinem Erstlingsfilm nicht nur grossartiges Gespür für das Langstrassen-Milieu und für eine rasante Inszenierung, sondern auch eine sichere Hand in der Schauspielerführung. So zeigt die junge Theaterschauspielerin und Filmdebütantin Johanna Bantzer in der Rolle der Carol eine grossartige Leistung und wurde in Saarbrücken zu Recht mit dem Nachwuchspreis ausgezeichnet. Dreh- und Angelpunkt von Strähl ist aber die gleichnamige Hauptfigur, der sowohl melancholische wie reizbare Cop, dessen emotionale Überforderung Roeland Wiesnekker mit beängstigender Intensität darstellt. Mit Leichtigkeit trägt der Theater- und Filmschauspieler, bekannt auch aus der Schoggi-Soap Lüthi & Blanc, den ganzen Film. Unterstützt werden Bantzer und Wiesnekker von Manuel Löwensberger als nervig leiernder Junkie sowie von Mike Müller, der als Bulle im Tanga für komische Momente sorgt.
Nach diesem gelungenen Debütfilm kann man nur hoffen, dass das Smarties-Orakel, mit dem Carol in Strähl jeweils die Zukunft voraussagt, der jungen Schweizer Filmszene weiterhin so gut gesonnen ist.

P: Dschoint Ventschr (Zürich), ZDF 2004. B: Michael Sauter, David Keller. R: Manuel Flurin Hendry. K: Filip Zumbrunn. T: Ruedi Guyer. S: Markus Welter. M: Michael Sauter. D: Roeland Wiesnekker, Johanna Bantzer, Nderim Hajrullahu, Manuel Löwensberg, Mike Müller, Andrew Mitchell, Raphael Clamer. V: Look Now! (Zürich). W: Telepool (Zürich).
35 mm, Farbe, 80 Minuten, Schweizerdeutsch.

10.2.2005, 15:30 | Permalink

Paul s'en va [Alain Tanner]

Von Doris Senn [ Sélection CINEMA ]
17 SchülerInnen der Genfer Schauspielschule spielen sich selbst in einem «Stück», dessen Angelpunkt ein verschwundener Philosophieprofessor mit Namen Paul ist. Präsent ist der Alt-68er trotz seiner Abwesenheit mit philosophischen und revolutionären Texten, die seine Schüler und Schülerinnen lesen, diskutieren, rezitieren – und mit einer Reihe emblematischer Aufgaben, die er für sie hinterlassen hat. Was nach spröder Theater-Etüde tönt, entpuppt sich als aussergewöhnlich atmosphärischer Film. Zwar atmet er unmissverständlich den Geist der Siebzigerjahre und erinnert an die Meisterwerke von Alain Tanner und auch Jean-Luc Godard, doch ist weit davon entfernt, als verstaubtes Relikt zu wirken. Im Gegenteil: Die talentierten Schauspiel-Eleven kreieren – mit ungewöhnlich filmischer Präsenz – in ihren Rezitationen von Heidegger bis Brecht, von Pasolini bis Paz und von Artaud bis Rimbaud äusserst intensive Momente.
Gesprochen werden die Texte in Alltagssituationen und -umgebungen: im Bett, beim Frühstück, an der Demo, beim Spazieren, im Schulzimmer. Manchmal sind sie eingebettet in ein kleines fiktionales Szenario, manchmal sind sie direkt an die Kamera gerichtet. Die rezitierten Auszüge haben nichts Papierenes, sondern entwickeln sich – dank der Leistung der DarstellerInnen – wie philosophische Reflexionen in den Raum hinein. Unschwer sind immer wieder Versatzstücke von Tanners früheren Filmen zu erkennen, seien es Plot Points – wie etwa, dass Pauls Verschwinden an Charles mort ou vif? (1969) erinnert –, seien es Charaktere – die Tankstellenshop-Verkäuferin, die ihren abgebrannten KollegInnen aus der Patsche hilft wie Rosemonde in La salamandre (1971) – oder Drehorte – etwa der Weg entlang der Rhone, den wir aus Fourbi (1996) kennen.
Das Drehbuch stammt von Tanner und Bernard Comment, einem renommierten Schriftsteller, Essayisten und Tabucchi-Übersetzer. Trotz dem stark fragmentierten Aufbau – ein Prolog, vier Kapitel, die alle wiederum nach einzelnen Tagen unterteilt und nach Autoren benannt sind – und der Ensemble-Struktur – mehr oder weniger 17 ProtagonistInnen – ergibt sich in einem unbeschwerten Sich-von-Szene-zu-Szene-Tollen ein anregender dramatischer Spannungsbogen. Für die filmische Qualität bürgt die Kamera von Denis Jutzeler, der schon verschiedentlich mit Tanner zusammenarbeitete: Beschwingt bewegt sie sich durch die Szenen, umschmeichelt die Figuren; immer in Bewegung und doch ruhig, schält sie Charaktere heraus, umwirbt sie, um sie dann wieder freizugeben. Die Musik von Michel Wintsch (Violine, Klavier, Cello und Perkussion) schafft dafür den entsprechenden Klangraum.
Bei Tanner kreisen die meisten seiner Filme um die Vermittlung von Wissen, das Weitergeben von Erfahrungen über Generationen hinweg. Und auch in Paul s'en va steht diese Tradierung im Zentrum: Die SchauspielerInnen werden zu buchstäblichen «WortführerInnen» in dieser inspirierten filmischen Umsetzung des Altmeisters, der damit seinerseits der jungen Generation die Hand reicht.

P: Filmograph (Genève), TSR, CAB Productions (Genève), Gemini Films (Paris) 2003. B: Alain Tanner, Bernard Comment. R: Alain Tanner. K: Denis Jutzeler. T: Christophe Giovannoni. S: Max Karli. M: Michel Wintsch. D: Madeleine Piguet, Julien Tsongas, Lucie Zelger, Pauline Le Comte, Julia Batinova, Nathalie Dubey, Guillaume Prin, Anna Pieri, Dimitri Janin, Romain Bevierre, Carine Sechehaye, Fahid Taghavi, Stefanie Gunther, Tatiana Auderset, Aquilino Ascension, Rachel Gordy, Anouk Mettaz. V: CAB Productions (Genève). W: Gemini Films (Paris).
35 mm, Farbe, 85 Minuten, Französisch.

10.2.2005, 15:12 | Permalink

Que sera? [Dieter Fahrer]

Von Doris Senn [ Sélection CINEMA ]

«Do het me es Läbe lang Sorg zum alt wärde – und wenn me alt isch, dänkt meh, me hätt lieber nid eso Sorg treit...» So die resignierte Bilanz einer Bewohnerin des Alters- und Pflegeheims Schönegg in Bern. Die Schönegg ist für diejenigen, die dort einziehen, die letzte Station im Leben. Das Alter der Insassen bewegt sich zwischen 75 und 100 Jahren – auf ein gutes Dutzend Frauen kommt gerade ein Mann. Die Zeit fliesst zäh dahin – die banalen Rituale des Heimalltags sind gleichzeitig auch die wenigen Ereignisse des Tages: Wecken, Morgentoilette, Mittagessen, Abendessen, Bettruhe. Den grössten Teil der Zeit verbringt man im ungeselligen Zusammensein auf dem Gang: Die einsilbigen Dialoge oder besser Monologe brechen meist nach ein, zwei Sätzen wieder ab. Für uns ZuschauerInnen entbehren sie nicht einer gewissen humorigen Skurrilität: Zum Beispiel wenn moniert wird, dass es just jetzt, wo man doch Zeit hätte, keine Orangen gebe. Oder wenn ausgerechnet die verbissene Claire von sich behauptet, «schon noch gerne zu lachen». Oder wenn ein aggressiver Wortwechsel zu einem Gerangel mit den Stützwägelchen führt, mit deren Hilfe sich die Alten durch die Gänge bewegen.
Sonst aber zeugen die dokumentierten Momente aus dem Heimalltag vor allem von der Einsamkeit dieser alten Menschen, ihrer Unfähigkeit oder ihrem Unwillen zu kommunizieren, von der Flüchtigkeit des Lebens, das nicht einmal mehr als Erinnerung präsent ist, von der Konfrontation mit dem unausweichlichen körperlichen Zerfall. Allerdings etwas Besonderes hat die Schönegg: nämlich eine Art institutionalisierte Generationenbegegnung. Als kleiner Lichtstrahl und Kontrast ist im ersten Stock ein Hort eingerichtet worden, dessen Kinder mit ihren Leiterinnen dem Altersheim immer mal wieder einen Besuch abstatten: Man backt gemeinsam oder malt – und wir sehen, wie die SeniorInnen mit verlorenem Blick in eine ferne Kindheit zurückschauen und die Kleinen mit grossen Augen die mitunter wunderlichen Alten bestaunen.
Dieter Fahrers Que sera? – der titelgebende Song von Doris Day wird an einer Nachmittagsunterhaltung gespielt – ist ein mutiger Film. Und dies ist alles andere als eine Floskel. Denn es braucht tatsächlich eine gehörige Portion Mut, einen Film diesem Thema zu widmen, seine Kamera mit Geduld darauf zu richten, wo man mit Vorliebe die Augen verschliesst und die Gedanken abwendet: Alter, körperlicher und geistiger Zerfall, Sterben. Doch nicht nur die Wahl des Sujets verdient Anerkennung – auch die Herangehensweise, die trotz der oft schonungslosen Nähe noch Anteilnahme zu vermitteln vermag. Fahrer schöpft dabei aus seinem Erfahrungsschatz: Er arbeitete als Hilfspfleger in der Schönegg und kann seine Sympathie für die Senioren auch für aussen Stehende vermitteln. Die Kamera, die er selbst bediente, fand dabei den richtigen Ausgleich zwischen registrierender Nähe und respektvoller Distanz, zwischen Empathie und einer philosophischen Leichtigkeit, die alles in einen Fluss von Werden und Vergehen setzt. So entlässt einen der Film nachdenklich, aber nicht hoffnungslos, auch wenn die Fragen nach dem Altwerden, nach Würde, Selbstbestimmung, dem Sinn und der Gestaltung des Lebens noch lange nachklingen.
P: Balzli & Fahrer (Bern), SF DRS, SRG SSR idée suisse, Arte 2004. B, R, K: Dieter Fahrer. T: Balthasar Jucker. S: Maya Schmid. M: Disu Gmünder, Bernhard Nick, Christoph Rechsteiner. V: Look Now! (Zürich). W: First Hand Films (Bern).
35 mm, Farbe, 91 Minuten, Schweizerdeutsch (deutsche, französische Untertitel).

10.2.2005, 14:50 | Permalink