Stages [Marek Beles]

Von Laura Daniel [ Sélection CINEMA ]
Stages

Ina hat eine Brustkrebsoperation hinter sich. Sie kann es kaum erwarten, ihr normales Leben wieder aufzunehmen und endlich ihre lang gehegten Träume zu verwirklichen: Ina möchte Schauspielerin werden, eine Ausbildung dazu hat sie jedoch noch nicht. Mit einem fingierten Lebenslauf spricht sie an einem Theater für die Rolle der Antigone vor und wird überraschenderweise engagiert. Aus Angst davor, auf Mitleid oder gar Ablehnung zu stossen, verschweigt sie dem Regisseur Jaroslav Jelinek und der Regiesassistentin Klara, zu der sie in Folge eine Freundschaft aufbauen wird, auch ihre Krankheitsgeschichte. Sie stürzt sich in die Proben und weigert sich, über ihre Krankheit zu reden oder auch nur darüber nachzudenken. Inas Umfeld reagiert skeptisch auf die Euphorie der jungen Frau. Immer wieder wird ihr vorgehalten, dass sie sich zu schonen habe und dass auch nach der Operation eine Behandlung und Kontrolle notwendig seien, da sie schliesslich bloss «theoretisch» als gesund gelte. Zum Eklat mit ihrem Freund Ben kommt es, als dieser erfährt, dass sie für die Theaterproben die Kontrolluntersuchungen sausen lässt. Ben informiert den Regisseur über Inas fehlende Ausbildung, worauf Ina zwar nicht entlassen, aber von Jelinek stark unter Druck gesetzt wird. Als dieser von Ina verlangt, sich während der Proben nackt auszuziehen, obwohl Ina sich sogar vor ihrem Freund schämt, die von der Operation und Bestrahlung gezeichnete Brust zu entblössen, bricht das verdrängte Trauma ihrer Krebserkrankung auf. Ina muss lernen, einen Weg zu finden, um ihre Zukunft mit ihrer Vergangenheit zu versöhnen.

Stages ist der Diplomfilm des Schweizer Regisseurs Marek Beles, dem Produzententeam Carolina Schegg und Igor Dovgal sowie der Szenenbildnerin Ana Rocha Fernandes, den sie gemeinsam an der Filmakademie Baden-Württemberg vorgelegt haben. Als viel versprechendes Projekt wurde bereits das Exposé des Films 2003 mit dem Caligari-Förderpreis ausgezeichnet. Das Herzblut der Filmschulabgänger ist deutlich spürbar. Stages überzeugt nicht nur durch die eindringliche Leistung der Jungschauspielerin Anna Brüggemann; Szenenbild, Schauspielführung und Kameraarbeit zeugen von Professionalität und Sorgfalt. Nicht genug loben kann man nebst der überzeugenden Story ihren Willen, einen Filmort tatsächlich zu gestalten. Es ist wunderbar, wie sich Zürich in eine Filmkulisse verwandelt und es den Zuschauern ermöglicht, die Stadt mit neuen Augen zu sehen – auch wenn es zunächst befremden mag, dass ausgerechnet der Universitätseingang für die Theatertore herhalten muss.

Stages ist ein reifer und gelungener Versuch, darzustellen, wie nahe Lebensfreude und Grenzerfahrungen zusammenliegen können. Realistisch und ehrlich werden die Schwierigkeiten Inas und ihres Umfelds dargelegt, ein Leben nach der Krebserkrankung zu führen, was sich als schwierig, aber nicht als unmöglich entpuppt. Programmatisch wird der Film durch die folgenden Worte eingeleitet: «Alles, was man über das Leben lernen kann, ist in drei Worte zu fassen: Es geht weiter!»


P: Filmakademie Baden-Württemberg, Essence Entertainement (Weiach), SF DRS 2005. B: Nadine Fiebig. R: Marek Beles. K: Andrea Gatzke. S: Marco Baumhof. T: Marco Teufen. M: Jochen Fuchs. D: Anna Brüggemann, Johannes Allmayer, Katrin Bühring, Heiner Heusinger, Barbara Schnitzler, Frank-Otto Schenk, Jan Neuenschwander. W: Filmakademie Baden-Württemberg.
35 mm, Farbe, 80 Minuten, Deutsch.

12.11.2005, 14:00 | Permalink

Agata e la tempesta [Silvio Soldini]

Von Simona Fischer [ Sélection CINEMA ]
Agata

Nach dem düsteren Immigrantendrama Brucio nel vento (2002) kehrt der italienisch-schweizerische Regisseur Silvio Soldini mit Agata e la tempesta wieder zum leichteren Komödienton von Pane e Tulipani (2000) zurück. Mit derselben Crew (allerdings ohne Bruno Ganz) der für den Schweizer Filmpreis nominierten Erfolgskomödie zeigt der Regisseur auch diesmal ein farbenfrohes Panoptikum italienischen Lebens, allerdings insgesamt abgehobener von der Alltagsrealität. Während Soldini einerseits atmosphärisch an Pane e Tulipani anknüpft, so besinnt er sich andererseits auf die starken Frauenfiguren – wie schon in Le acrobate (1997), der Geschichte einer Freundschaft dreier Frauen.

Um die titelgebende Heldin reihen sich die Figuren, noch nichts ahnend, dass bald schon das Schicksal wie ein Sturm über ihr Leben brausen und ihre Existenz auf den Kopf stellen wird. Die attraktive Buchhändlerin Agata – hervorragend durch Licia Maglietta besetzt – verliebt sich heftig in Nico (Claudio Santamaria), einen um 13 Jahre jüngeren Mann, den ihre Kollegin (Giselda Volodi) amüsiert den «jungen Werther» nennt. Der wahrhaftig übersinnliche Sturm der Gefühle scheint sogar die Naturgesetze ausser Kraft zu setzen. In Gegenwart der Mittvierzigerin brennen Glühbirnen durch, Ampeln versagen ihren Dienst – mit allen möglichen Konsequenzen –, Computer spielen verrückt.

Ihr Bruder Gustavo (Emilio Solfrizzi), ein glücklich verheirateter Architekt und Vater eines Sohnes, muss eines Tages entdecken, dass er adoptiert wurde. Tief erschüttert über die ungelöste Frage seiner wahren Herkunft flüchtet er aufs Land zu seinem leiblichen Bruder Romeo (Giuseppe Battiston), der als fliegender Kleidervertreter voll aufrichtiger Liebe zu seiner Frau ist und dennoch jeglicher Versuchung des weiblichen Geschlechts nicht widerstehen kann.

Agata e la tempesta ist ein bunter, skurriler Film um die Kapricen der Liebe und die kleineren und grösseren Tragödien, die das Leben schreibt. Eigentlich wird nichts Weltbewegendes erzählt, nichts, was man nicht kennen würde, es ist vielmehr die Art und Weise, wie Soldini dem alltäglichen Irrsinn menschlicher Existenz seine Komik und Absurdität abgewinnt, die diesen Film auszeichnet. Soldini räumt der Studie jedes einzelnen Charakters genügend Platz ein, fängt die Stimmungen in den Gesichtsausdrücken ein und lässt das Mimenspiel der Schauspieler die Alltagsironie erzählen. Nebensächliche Begebenheiten erhalten ihre Dynamik durch den schnellen Wechsel der Schauplätze, die in stark leuchtenden Farben auch die traurigste Begebenheit aufzuheitern vermögen.

Der etwas lang geratene Film ist im Übrigen eine Hommage an Alda Merini – wie bereits der Titel verrät, der an das Gedicht «scatenar tempesta» erinnert –, einer der berühmtesten italienischen Poetinnen des 19. Jahrhunderts.


P: Amka Films Productions (Savosa), Mercury Film (London), Albachiara (Milano), RTSI 2004. B: Doriana Leondoff, Francesco Piccolo, Silvio Soldini. R: Silvio Soldini. K: Arnaldo Catinari. T: Francois Musy, Gabriel Hafner. S: Carlotta Cristiani. M: Giovanni Venosta. D: Licia Maglietta, Giuseppe Battiston, Emilio Solfrizzi, Marina Massironi u. a. V: Columbus Film (Zürich). W: Adriana Chiesa Enterprises (Roma).
35 mm, Farbe, 118 Minuten, Italienisch.

12.11.2005, 13:06 | Permalink

Herr Goldstein [Micha Lewinsky]

Von Simona Fischer [ Sélection CINEMA ]
Herr Goldstein

Micha Lewinsky hat bis jetzt vor allem als Drehbuchautor auf sich aufmerksam gemacht. Für Langfilm hat er Sternenberg geschrieben, den erfolgreichsten Schweizer Spielfilm des Jahres 2004. Ausserdem hat er das Drehbuch für die TV-Produktion Weihnachten (2002) verfasst und als Ko-Autor an Little Girl Blue (2004) und Lago Mio (2005), der mit dem Drehbuchpreis der SSA ausgezeichnet wurde, mitgewirkt. Mit dem Kurzspielfilm Herr Goldstein schuf er nun eine bemerkenswerte Debütarbeit in Eigenregie.

Herr Goldstein (Lukas Ammann), ein 93-jähriger, beinahe blinder Mann, verbringt seine letzten Tage im Altersheim. Er ist stark auf fremde Hilfe angewiesen, was ihm sichtlich widerstrebt. Seine Pflegerin Vera (Johanna Bantzer) bringt ihm die Unterstützung denn auch mit der gleichgültigen Geduld entgegen, die man für alte Menschen übrig hat, die nichts mehr vom Leben zu erwarten haben. Eines Tages erreicht ihn eine Nachricht aus Deutschland. Als Vera ihm den Brief vorliest, scheint die Zeit plötzlich zurückgedreht zu werden. Emmi, seine grosse Jugendliebe und Verfasserin des unerwarteten Schreibens, vermag damit den grauen Alltag dieses Mannes unverhofft und heftig zu durchbrechen. Dennoch kann der Aufgewühlte sich nicht entschliessen zurückzuschreiben. Erst ein Gesangsauftritt Veras am Altersheimfest kann den einstigen Musiker umstimmen. Es vergehen allerdings Wochen, ehe die Antwort eintrifft. Als Vera den Brief öffnet, um ihn dem alten Herrn vorzulesen, versagen ihr die Worte: Statt der lang ersehnten Zeilen Emmis kommt ihre Todesanzeige zum Vorschein. Vera weigert sich kurz entschlossen, Botin der traurigen Nachricht zu sein, und beginnt stattdessen, einen fiktiven Antwortbrief vorzutragen: «Lieber Abi ...».

Überaus sensibel und ebenso humorvoll wird in 17 Minuten die Lebensgeschichte eines alten Mannes beleuchtet, die beinahe ein Jahrhundert überspannt. Augenfällig dabei ist, dass die Geschichte ohne jegliche Rückblenden oder überstrapazierte Dialoge auskommt. Im Gegenteil, die Gespräche zwischen den beiden Figuren beschränken sich auf den nötigen Informationsaustausch, ohne je verknappt zu sein. Vielmehr wird damit die scheue und respektvolle Annäherung zwischen den Figuren augenscheinlich. Die relativ distanziert wirkende Kamera tut ihr Übriges. Die in der Kameraarbeit durch Point-of-View-Shots dennoch eingeführte subjektive Perspektive setzt sich auf der Tonebene fort, wenn Jazzsongs die Vergangenheit des alten Herrn in die Gegenwart holen.

Auffällig in Micha Lewinskys Porträt ist der Erzähltempus: Wenn anfänglich der Alltag von Herrn Goldstein in langsamer Schnittfrequenz erzählt und damit die zähflüssig vergehende Zeit symbolisiert wird, so wechselt die Dramaturgie nach Eintreffen des unvorhergesehenen Briefes in einen stark rhythmisierenden Erzähltempus.

Ein Kleinod von einer Liebesgeschichte – ohne Altersgrenzen und mit bestechender Schauspielleistung!


P: Langfilm (Zürich), SF DRS 2005. B, R: Micha Lewinsky. K: Pierre Mennel. T: Laurent Barbey. S: Michael Hertig, Rosa Albrecht. M: Markus Schönholzer, Haens’che Weiss. D: Lukas Ammann, Johanna Bantzer, Barbara Falter. V, W: Langfilm (Freienstein). 35 mm, Farbe, 17 Minuten, Schweizerdeutsch (deutsche, englische, französische Untertitel).

12.11.2005, 13:01 | Permalink

Nocturne [Ricardo Signorell]

Von Simona Fischer [ Sélection CINEMA ]
Nocturne

Wenn sich die Nacht über Sils Maria legt, erwachen die Geister des todessehnsüchtigen David (Martin Rapold). Im Angesicht der eigenen Ansprüche an seine Schaffenskraft verzehrt er sich zwischen Genialität und Wahnsinn. David bittet seinen Bruder Gian (Patrick Rappold) in die zeitlose Abgeschiedenheit des Nobelhotels Waldhaus. Unerwartet erscheint dieser jedoch mit seiner elfenhaften Freundin Valeria (Lisa Maria Potthoff). Im Spannungsfeld des angekündigten Freitodes bricht eine metaphysische Weltverlorenheit hervor, der sich die unfreiwillig zusammengefundene Gesellschaft gleichermassen ausgesetzt fühlt. Die unerhörte Bitte Davids, der Inszenierung seines Suizids beizuwohnen, diese Schicksalhaftigkeit kraft einer unausweichlichen Situation, wird von Signorell sensibel in Szene gesetzt und erlaubt dieser schwierigen Thematik, sich im direkten Mimenspiel der Beteiligten zu entfalten.

Als sich Valeria der wertherschen Todesromantik Davids nicht mehr entziehen kann, scheint die unerträgliche Angespanntheit zwischen den Figuren ihre Klimax zu erreichen. Gleichzeitig läutet die Ménage à trois eine Wende ein, die den Beteiligten den Weg eröffnen könnte, sich und der Welt neu zu begegnen.

Der Bündner Filmregisseur Riccardo Signorell hat mit seinem zweiten Spielfilm Nocturne ein Suiziddrama in Schwarzweiss geschaffen. Damit schliesst er an den Themenkreis Tabu an, wie schon in dem vor drei Jahren realisierten Inzestdrama Scheherezade (2001). Was der Regisseur dort anlegte, ist in Nocturne in formaler Hinsicht noch konsequenter realisiert. Wenn einerseits das Schwarzweissmaterial als Spiegel der Introspektion gelesen werden kann, so erzeugt die Wahl des Drehortes, das Grandhotel in Sils Maria, das in seiner leeren Mondänität geradezu absurd wirkt, ein Gefühl der Raum- und Zeitlosigkeit. Eigenartig entrückt scheinen darin die drei Figuren. Was hier seine Darstellung findet, entbehrt jeglicher realer Bezüge und ist bereits im Titel thematisch angelegt: Nocturne, ein nächtliches Stück, das die Nachtseiten der menschlichen Psyche, Identitätsverlust und die Suche danach in den Mittelpunkt des Erzählens stellt. Was in der Literatur spätestens seit der Romantik seinen Niederschlag gefunden hat, findet in der Figur Davids seine zeitgenössische filmische Entsprechung: der Topos des Depressiven. Während die entscheidende Sinnvermittlung den literarischen Bezügen zu Geistesgrössen wie Nietzsche und Rilke, der Musik und den sorgfältig komponierten Bildern oder der Montage und der intimen Darstellung der Schauspieler zugeschrieben wird, findet die Sprache nur in verknappter Form und kurz gehaltenen Dialogen ihren Ausdruck. Die herausragende Kameraarbeit Felix von Muralts bannt in distanziertem Blick die inneren Prozesse bestechend auf die Leinwand und hält die wechselseitige Bedingtheit von Weltabgewandtheit und Nähe in stark rhythmisierter Montage fest. Die Sehnsucht nach Echtheit, nach der puren Essenz des Seins, erinnert nicht nur inhaltlich, sondern auch formal an das Meisterwerk Truffauts Jules et Jim (F 1962).

Riccardo Signorell ist mit diesem Film etwas gelungen, das nur wenige schaffen. Er nimmt sich einem grossen Thema an, der Enttabuisierung des Suizids, und schafft trotz dem konstitutiven Motiv des Leidens Augenblicke der Heiterkeit und des Glücks.


P: Lichtspiele (Küsnacht) 2005. B: Riccardo Signorell, Martin Rapold, Patrick Rapold. R: Riccardo Signorell K: Felix von Muralt. T: Alex Müller. S: Riccardo Signorell, Martin Rapold. M: Don Li. D: Martin Rapold, Partick Rapold, Lisa Maria Potthoff, Christian Weinberger, Jürgen Brügger, Max Rüdlinger. V: Frenetic Films (Zürich).
W: Lichtspiele (Küsnacht).
35 mm, s/w, 80 Minuten, Deutsch.

11.11.2005, 11:40 | Permalink

Ricordare Anna [Walo Deuber]

Von Simona Fischer [ Sélection CINEMA ]

Walo Deuber, vornehmlich bekannt als Dokumentarfilmer, bewegt sich mit dem Spielfilm Ricordare Anna – Anna erinnern nicht weit von seinem Ansatz weg, Geschichten an das wahre Leben zu knüpfen, basiert die Familientragödie doch auf einer wahren Begebenheit. Der Regisseur wagt sich damit nicht nur an das bewegende Thema Aids, sondern schafft durch die Zweifachführung der Lebens- und Liebesgeschichte von Vater und Tochter eine über die Generationen hinwegreichende Erzählung.

Die Erinnerung an Anna (Bibiana Beglau) und ihre Kinder lässt Viktor Looser (Mathias Gnädinger) seit deren tragischem Tod nicht mehr los. Ein Jahrzehnt muss vergehen, bis er aufbricht, um den Ort aufzusuchen, der einst das Leben und das Schicksal seiner Tochter bestimmte: Sizilien. Dorthin zog es Mitte der Achtzigerjahre die rebellische Anna, nachdem sie sich von ihrem Engagement in der militanten Zürcher Jugendbewegung zurückgezogen und das Angebot einer universitären Karriere ausgeschlagen hatte. Letzteres zum Entsetzen des Vaters, der in der Tochter das Glück verwirklicht sehen wollte, das ihm selbst verwehrt blieb. Aber statt auf die erwartete Klärung von Annas Tod stösst er zunächst auf die Spuren ihres Lebens. Allmählich setzt sich für ihn das Bild der Liebes- und Leidensgeschichte Annas zusammen. Nachdem sie Zürich verlassen hatte, um an einer Schule zu unterrichten, fand sie in Salvo (Pippo Pollina) ihre grosse Liebe. Der Heirat der beiden sah der Vater mit grossem Misstrauen entgegen. Daran konnte auch die Geburt der Zwillinge Tonino und Paolo nichts ändern. Viktor schien Recht zu behalten: Bald schon sollte Anna ihren Eltern eröffnen, dass sie und die Kinder an Aids erkrankt waren. Viktor zweifelt keinen Moment daran, dass Salvo die Schuld an der Tragödie trägt. So muss die Suche Viktors zwangsläufig ihren Höhepunkt in der Begegnung mit dem Schwiegersohn finden. Schuldzuweisung und Anklage kehren sich schliesslich in einen Akt der Erkenntnis und Versöhnung.

Der Realität dieser zeitgenössischen Familientragödie setzt Walo Deuber zauberhafte, bisweilen geradezu märchenhafte Momente entgegen. So wird es möglich, dass die Suche nach Antworten weder im inneren Monolog des Vaters noch in Gesprächen mit Freunden endet, sondern gleichsam auf wundersame Weise in der Erscheinung der toten Anna wegweisende Ergänzung erhält. Oder die engelhafte Giuseppina, ein mysteriöses Mädchen, unerwartet aus dem Nichts kommend und darin wieder verschwindend, erscheint dem Suchenden als Zeichendeuterin. Allerdings fragt man sich bisweilen, warum der Regisseur sich solcher Taschenspielertricks bedient, statt die Figuren für sich selbst sprechen zu lassen. So wie die eindringlichen Landschaftsbilder, die ihre Wirkung dank der Authentizität der Drehorte nicht verfehlen. Der Einsatz fantastischer Elemente trägt daher eher zur dramaturgischen Unklarheit bei. Der Mut des Regisseurs, sich mit diesem Film dem Konzept des «Entstehens einer lebbaren Wahrheit» anzunähern, ist möglicherweise die grösste Schwäche der Geschichte.

Nichtsdestoweniger hat Walo Deuber mit seinem zweiten Spielfilm in Eigenregie – den ersten, sehr erfolgreichen drehte er 1988 mit Klassezämekunft – einen eindringlichen Film um das Drama der Krankheit Aids geschaffen und ihn bis in die Nebenrollen erstklassig besetzt. Daran vermag auch die Synchronisation der Originalversion (aus Budgetgründen) nichts zu ändern.



P: Dschoint Ventschr Filmproduktion (Zürich), SF DRS, RTSI 2005. B: Walo Deuber, Josy Meier. R: Walo Deuber. K: Stefan Runge, Knut Schmitz. T: Hugo Poletti. S: Caterina Mona. M: Peter G. Rebeiz, Pippo Pollina. D: Bibiana Beglau, Mathias Gnädinger, Pippo Pollina, Suly Röthlisberger. V: Frenetic Films (Zürich). W: Dschoint Ventschr Filmproduktion (Zürich).
35 mm, Farbe, 96 Minuten, Schweizerdeutsch, Italienisch, Deutsch.


10.11.2005, 13:27 | Permalink

Die Vogelpredigt [Clemens Klopfenstein]

Von Marcy Goldberg [ Sélection CINEMA ]
Vogelpredigt

Fast zehn Jahre nach ihrer Reise in Das Schweigen der Männer (1996) sind Max Rüdlinger und Polo Hofer wieder unterwegs in Richtung Alpensüdseite. Dieses Mal sind die Helden von Klopfensteins «Berner/Männer-Trilogie» (E Nachtlang Füurland, 1981, Füürland 2, 1991 – beide in Ko-Regie mit Remo Legnazzi – waren die ersten zwei Folgen) auf der Suche nach ihrem ehemaligen Regisseur, welcher nun zurückgezogen in Umbrien lebt. Die zwei Schauspieler wollen für einmal einen publikumsfreundlichen Schweizer Film drehen und haben sich dafür eine reisserische Sex-and-Crime-Geschichte an exotischen afrikanischen Schauplätzen ausgedacht. Um die Finanzierung soll sich Klopfenstein kümmern, der ja immer «Meister im Ausfüllen von Formularen» für staatliche Filmförderung gewesen sei. Dieser arbeitet allerdings an einer abstrusen Geschichte über die katholische Kirche und will nichts von ihrer Slapstick-Komödie wissen. An Stelle der ersehnten Reise nach Kapstadt werden Max und Polo bald von ihrem Regisseur – zwecks Probeaufnahmen für die Vogelpredigt des heiligen Franziskus – in den umbrischen Wald geschleppt. Ihre Mönchskutten sind aus Schweizer Armeewolldecken, und die Vögel sind Tontauben. Doch richtig schlimm wird es erst, als Klopfenstein plötzlich verschwindet.

Die Vogelpredigt basiert auf einem alten dramaturgischen Trick: Der Film erzählt die Geschichte seines eigenen Entstehens, Regisseur und Schauspieler parodieren sich selber. Doch die Selbstreflexivität hat ihren Grund: Die Vogelpredigt ist eine äusserst clevere und unterhaltsame Satire über die Tücken des Filmemachens in der Schweiz in einer Zeit der zunehmend erfolgsorientierten Förderpolitik und eines globalisierten Filmmarkts. In der Rolle des Autorenfilmer-als-Einsiedlers gelingt es Klopfenstein, sich sowohl über prätentiöse writer-directors lustig zu machen wie auch über diejenigen, die gerne jedes Filmprojekt jenseits vom Mainstream als «weltfremd» bezeichnen. Gleichzeitig funktioniert das absurde Filmkonzept der Schauspieler als listiger Kommentar auf trendorientierte Filmdrehbücher. Ingredienzien wie eine esoterische Liebesgeschichte, Al-Kaida-Terroristen und Aussenministerin Micheline Calmy-Rey sollen nämlich die Abenteuer der zwei Amok laufenden Schweizer aufpeppen.

Ironischerweise ist auch Die Vogelpredigt gespickt mit Insiderwitzen und Anspielungen auf Prominente. In Anlehnung an seinen Film WerAngstWolf (2000) wird Klopfenstein schliesslich von einem Wolf gefressen. Vorher opfert er seine letzte Gans – namens Bruno – als Mahlzeit für seine Gäste. Bei den Namen aktueller Fernsehredakteure und Filmpolitiker fragt man sich jedoch, ob die Pointen nicht zu sehr mit Aktualitäten verbunden sind, so dass in fünf Jahren wohl kaum noch jemand darüber lachen wird. Einen sichereren Wert haben die Cameo-Auftritte von Mathias Gnädinger als kapitalistischer Priester Augustinus und Ursula Andress als Madonna einer lebendigen Pietà-Skulptur.

Die Vogelpredigt wurde mit einfachsten Mitteln auf Mini-DV und in Klopfensteins unverkennbarem, scheinbar improvisierten Stil gedreht. Doch die raffinierten Dialoge – sowie Ben Jegers vielschichtige Filmmusik – zeugen von einer absoluten und zugleich humorvollen Professionalität.


P: Ombra Film (Bevagna) 2005. B, R: Clemens Klopfenstein. K: Clemens Klopfenstein, Vadim Jendreyko. T: Nicola Belluci, Vadim Jendreyko. S: Remo Legnazzi, Lorenz Klopfenstein. M: Ben Jeger. D: Max Rüdlinger, Polo Hofer, Clemens Klopfenstein, Sabine Timoteo, Mathias Gnädinger, Ursula Andress, Lukas Klopfenstein. V: Benjamin Weiss (Zürich). W: Ombra Film (Bevagna).
35 mm (Blowup), Farbe, 88 Minuten, Schweizerdeutsch.

10.11.2005, 01:22 | Permalink

Klingenhof [Beatrice Michel]

Von Daniel Däuber [ Sélection CINEMA ]
Klingenhof

Der Dokumentarfilm über eine Wohnsiedlung in einem multikulturellen Zürcher Quartier beginnt mit kommentarlosen Bildern von dem Ort, den er die nächsten gut 80 Minuten zum Thema machen wird. Beatrice Michel umreisst als Erzählerin aus dem Off kurz die Situation, wie sie und ihr Lebensgefährte Hans Stürm zum Motiv vor der Haustür kamen, obwohl sie gewohnt waren, die Themen ihrer bisherigen Filme in der weiten Welt zu finden. Einzelne Mosaiksteinchen des Mikrokosmos rund um den grossen Innenhof (von mehreren Mietshäusern) werden ausgelegt. Dabei wechseln sich stille Beobachtungen von (meist namenlosen) Menschen und Interviewpassagen mit Bewohnern der Mietshäuser ab. Es entsteht ein buntes Gemisch. Die «umherstreunende Kamera, die mehr der Neugier denn einem Konzept folgt» (Michel), scheint wie zufällig Lebensgeschichten und kleine Alltagsanekdoten aufzusammeln.

Langsam zeichnet sich ab, dass der umtriebige Dani, genannt «Ratz», als eigentlicher Reiseführer fungiert. Er, der für Ordnung sorgt, hat nicht nur immer eine Lebensweisheit oder einen passenden Spruch in breitestem Zürichdeutsch auf den Lippen, sondern auch ein Händchen dafür, die Leute zusammenzuführen. Damit sorgt er für einen geregelten «Warenaustausch» im Quartier.

Wir begegnen unterschiedlichsten Leuten und erhaschen einen kurzen Blick auf ihre Existenz, ihre Geschichte: Filmschüler Nico, der im kleinen Kiosk hinter der Kasse steht, möchte seine peruanischen Wurzeln zum Thema seines Abschlussfilms machen; Heidi hat einst in der Uhrenindustrie in Grenchen gearbeitet und verreist von Zeit zu Zeit; Herr Minh aus Saigon betreibt einen Take-away; der Kurde Mahdi sucht als junger Mann eine Vaterfigur. Kameramann Hans Stürm bleibt im Folgenden dran, rückt dieselben Menschen immer wieder ins Blickfeld. Nico, Heidi, Herr Minh, Mahdi - sie alle erzählen ihre Geschichte weiter, die Filmemacherin hört gespannt zu, stellt wenige Rückfragen.

Klingenhof schafft das Kunststück, die Schlagworte Heimat und Fremde mit Inhalten zu füllen, persönlichen Geschichten, die teilweise das Klischee in unseren Köpfen erfüllen, dem dann aber auch entgegenlaufen oder sogar etwas Neues etablieren. So kommt Nico nach seiner Südamerika-Reise zum Schluss, dass es zwar wichtig war, seine leibliche Mutter kennen zu lernen. Nun ist seine Heimat aber in der Schweiz, im Mittelpunkt steht seine eigene Familie.

Mutig ist der Einbezug des plötzlichen Todes von Beatrice Michels beruflichem und privatem Weggefährten Hans Stürm, das Bewusstwerden der Vergänglichkeit jeden Lebens. Gegen den Schmerz des Verlustes hilft schliesslich das Geschichtenerzählen, wie ein afrikanisches Sprichwort sagt. Und das beherrscht Beatrice Michel im Film Klingenhof in einer zurückhaltenden, diskret gestaltenden Art.


P: Filmkollektiv (Zürich), SF DRS 2005. B: Beatrice Michel, Hans Stürm. R: Beatrice Michel. K: Hans Stürm, Othmar Schmid. T: Beatrice Michel. S: Marlies Graf Dätwyler, Rainer M. Trinkler. V: Filmcoopi (Zürich). W: Filmkollektiv (Zürich).
35 mm, Farbe, 85 Minuten, Schweizerdeutsch (deutsche Untertitel).

10.11.2005, 00:42 | Permalink

Alles wegen Hulk [Peter Reichenbach]

Von Daniel Däuber [ Sélection CINEMA ]
Hulk

«Mir hätte einer vor einer Woche sagen sollen, dass ich ohne Geld, Kreditkarte, von der Polizei verfolgt, wie ein Penner in einer Telefonzelle übernachten muss. Und das alles wegen einer 15-Jährigen.» Der das ganz zu Beginn des Films sagt, ist ein Mann Mitte dreissig, bis vor kurzem äusserst erfolgreich im Beruf, jetzt aber arbeitslos, von der Freundin verlassen und auf der Flucht.

Rückblende: Martin Holzer ist ein nach aussen erfolgreicher, wenn auch rücksichtsloser Banker («Meine Zahlen sind der Hammer, weil ich rechtzeitig kille!»). Doch das Jonglieren mit Millionenbeträgen gelingt ihm nur mit den nötigen Aufputschmitteln, von denen er längst abhängig ist. Die Öffnungszeiten der Börsen rund um den Globus sind ihm wichtiger als seine Freundin, die ihm schliesslich den Laufpass gibt. In kurzen Sequenzen skizziert der Film den Jungbanker, den Pascal Ulli samt aalglattem Auftreten und nervöser Fahrigkeit überzeugend verkörpert.

Parallel dazu wird die zweite Hauptfigur eingeführt, deren Leben ebenfalls - wenn auch indirekt - von Drogen bestimmt wird: Die 15-jährige Schülerin Corinna hat nicht nur eine Junkie-Mutter zu umsorgen, sondern ist auch bemüht, das Sozialamt bei den Routinebesuchen abzuwimmeln und nachfragende Lehrer wenn nötig mit gefälschten Unterschriften zu beschwichtigen. Nachwuchsschauspielerin Miriam Stein verleiht dieser trotzigen jungen Frau, die immer am Rand der Verzweiflung und finanziellen Not agiert, eine kraftvolle Präsenz.

Regisseur Peter Reichenbach führt die beiden Figuren in einem Warenhaus zusammen. Corinna hat wieder einmal etwas mitlaufen lassen, Martin setzt sich spontan für sie ein, was sich die aufmüpfige Schülerin nur widerwillig gefallen lässt. Weil sich beide in ihrem bisherigen Leben nicht mehr heimisch fühlen - nach dem Drogentod ihrer Mutter fürchtet sie, wieder in ein Heim abgeschoben zu werden, ihm wurde die Stelle gekündigt -, raufen sie sich buchstäblich zusammen und flüchten gemeinsam. Martin will Corinna mit seinem Auto und Geld helfen, ihren Vater in Italien zu finden, den sie nur von Fotos und Erzählungen der Mutter kennt.

Der Film, welcher vom grauen Zürich in hellere, südliche Gefilde wechselt, gesteht sich und dem Zuschauer fast keine Atempause zu. Da ist jede Szene am richtigen Platz, hat ihre dramaturgische Berechtigung. Die Darsteller transportieren dabei die Geschichte glaubhaft, auch wenn die Dialoge in dramatischen oder aktionsreichen Momenten etwas zu sehr nach Drehbuch klingen. Leise Momente meistern insbesondere Miriam Stein und Pascal Ulli dagegen überzeugend. Selbst in Soutane gibt der Berner Schauspieler seine Figur nie der Lächerlichkeit preis. Die 16-jährige Miriam Stein stand schon in ihrem Debüt Das Mädchen aus der Fremde für Peter Reichenbach vor der Kamera und heimste prompt den Deutschen Fernsehpreis als beste Nachwuchsschauspielerin ein. Zu Recht, wie diese neuerliche Zusammenarbeit zeigt.


P: C-Films (Zürich), SF DRS 2004. B: Jochen Brunow (schweizerdeutsche Dialogbearbeitung: Michael Sauter). R: Peter Reichenbach. K: Felix von Muralt. T: Patrick Becker. S: Beat Lehnherr. M: Adrian Frutiger. D: Pascal Ulli, Miriam Stein, Nicolas Rosat, Regula Grauwiller, Bettina Dieterle, Soraya Gomaa, Nikola Weisse. W: C-Films (Zürich). Digital Beta, Farbe, 90 Min., Schweizerdeutsch.

10.11.2005, 00:25 | Permalink

Terra incognita [Peter Volkart]

Von Daniel Däuber [ Sélection CINEMA ]
Terra incognita

Der Kurzfilm mit dem programmatischen Titel Terra incognita ist die Geschichte von Igor Leschenko aus Siebenbürgen, der dort Anfang des 20. Jahrhunderts in einem physikalischen Institut arbeitet und versucht, das Gesetz der Schwerkraft zu überlisten. In Wissenschaftskreisen als Scharlatan verschrien und von der Akademie der Pataphysiker ausgeschlossen, kann Leschenko seinen ruinierten Ruf nur wiederherstellen, indem er den sagenhaften Antigravitätspunkt jenseits des 75. Breitengrades findet. Eine fantastische Reise zur Insel Nanopol beginnt, auf der er unter anderem dem Miederwarenfabrikant Fischbein begegnet und sich durch Gebiete bewegt, die zuvor kein Mensch je gesehen hat.

Wie die Hauptfigur in Terra incognita fremdes Terrain betritt, bekommt auch das Publikum etwas Ungewohntes geboten. Läuft man im ersten Moment Gefahr, diese aus Zeitdokumenten heraufbeschworene Vita Leschenkos ernst zu nehmen, entpuppt sich das Ganze bald schon als geschickt getarnte Fiktion mit einer spielerischen Freude an skurrilen Verrenkungen und manch augenzwinkerndem Zitat. Forgotten Silver (NZ 1995) von Peter Jackson oder Woody Allens Zelig (USA 1983) kommen einem unweigerlich in den Sinn.

In akribischer Kleinarbeit hat der Künstler Peter Volkart alte Fotos, Filmdokumente, Landkarten usw. aufgespürt und der fiktiven Persönlichkeit des irren Wissenschafters zu eigen gemacht. Leschenko taucht auf dem Foto mit seiner Fussballmannschaft auf oder kurbelt in Afrika während historischer Aufnahmen an einer Filmkamera. Auch andere Filmschnipsel werden für Leschenkos fantastische Welt instrumentalisiert und haben sich durch Volkarts Hand zu einem Ganzen zusammengefügt, als würden sie tatsächlich zusammengehören und mit einem koketten Augenaufschlag die Richtigkeit ihrer Angaben bezeugen.

Der in bäuerlichen Verhältnissen aufgewachsene Peter Volkart entwickelte während eines New-York-Aufenthalts seine persönliche Technik: Fundstücke von Flohmärkten, Brockenhäusern, Kellern und Estrichen ordnete er (fiktiven) Biografien zu und stellte diese «archäologischen Zeugnisse» auch in Museen und Galerien aus. Einen unbestrittenen Geistesverwandten hat Volkart in Raymond Roussel (1877-1933), dem er Terra incognita auch gewidmet hat. Roussel war ein exzentrischer französischer Schriftsteller, «der grösste Magnetisör der Moderne» (André Breton), der sich die Welt seiner Geschichten ebenso imaginierte wie Volkart und damit grossen Einfluss auf die Surrealisten und andere Dichter der Avantgarde ausübte.


P: Reck Filmproduktion (Zürich) 2005. B, R: Peter Volkart. K: Hansueli Schenkel. S: Harald & Herbert. Aus: Peter Volkart. T: Voco fauxPas. D: Paul Avondet, Sandra Künzi, Heidi Hiltebrand, Peter Beek, Jann Jenatsch, Peter P. Schneider, Mimmo Dutli. Erzähler: Volker Risch, Bodo Krumwiede. V: Look Now! (Zürich). W: Reck Filmproduktion (Zürich).
35 mm, s/w und Farbe, 17 Minuten, Deutsch (englische, französische Untertitel).

10.11.2005, 00:24 | Permalink

Angry Monk [Luc Schaedler]

Von Doris Senn [ Sélection CINEMA ]
Angry Monk

«Reflections on Tibet» heisst Luc Schaedlers Film im Untertitel – bescheidene Worte für diese spannende Dokumentation über eine historische Figur, die Tibet und seinen Mythos in ein neues Licht rückt. Im Zentrum steht der unorthodoxe Mönch Gendun Choephel, der 1903 in Osttibet geboren wurde und als inkarnierter Lama mit vier Jahren ins Kloster eintrat. Schon als kleiner Junge äusserst gewitzt, mauserte sich der Heranwachsende bald zu einem Meister des buddhistischen Debattierens – der Königsdisziplin der tibetischen Mönchsausbildung. Mit 24 brach er nach Lhasa auf, um in Drepung, einem der grössten Klöster der Welt, zu studieren. Bald wurde es ihm dort zu eng: Er verdingte sich als Maler und reiste mit dem indischen Historiker Rahul auf der Suche nach alten buddhistischen Texten durch die tibetischen Klöster. Dabei setzte er sich vertieft mit der Geschichte des Landes auseinander.

1938 ging Choephel mit Rahul nach Indien und bereiste über Jahre das Land. Er schrieb, malte und las sich quer durch die Bibliotheken. Und er führte ein sinnenfreudiges Leben: Sein damaliger Reisebegleiter, Golok Jigme, erzählt amüsiert, wie sehr Choephel sich zum Rauchen, Trinken und vor allem zu den Frauen hingezogen fühlte. Da erstaunt es nicht, dass Choephel das Kamasutra auf Tibetisch übersetzte, und noch weniger, dass dies einen grossen Skandal auslöste. Nichtsdestoweniger wollte Choephel in seine Heimat zurückkehren und kam dabei in Kontakt mit der Tibetischen Revolutionspartei, die vorhatte, das konservative Regime in Tibet zu stürzen. Dies sollte ihm nach seiner Rückkehr allerdings zum Verhängnis werden: 1946 denunzierten ihn die Engländer als Staatsfeind, und er wurde in Lhasa eingekerkert. Als er drei Jahre später freikam, war er ein gebrochener Mann. 1951 überrollte die chinesische Armee das Land, und Choephel starb in Resignation.

«In Tibet ist alles, was alt ist, ein Werk Buddhas, und alles, was neu ist, ein Werk des Teufels. Das ist die traurige Tradition Tibets.» Choephel blickte mit offenen Augen auf sein Land. Seine Vision war, dessen Geschichte (neu) zu schreiben – das Land sollte seinen Horizont öffnen und aus der Erstarrung der Traditionen hinausgeführt werden. Choephels wenig mystische Lebenshaltung und sein neugieriger Intellekt lassen uns Tibets Historie mit neuen Augen sehen – und zeigen auf, wie dessen Kultur von verschiedener Seite vereinnahmt wurde: zuerst von den eigenen konservativen Machthabern, dann von den chinesischen Invasoren und schliesslich von einem heilsbegierigen Westen, der Antworten sucht auf drängende Fragen nach dem Lebenssinn.

Luc Schaedler hat die Geschichte des unkonventionellen Lamas mit einer Reise durchs heutige Tibet und Indien verbunden. Die Kamera (Filip Zumbrunn) fängt erfrischend und unbeschwert das Alltagsleben ein und hat einen Blick für witzige Nebenschauplätze (vor allem, wenn Alt und Neu aufeinander prallen). Die Montage verbindet in dichtem und doch unhektischem Rhythmus die aktuellen Bilder mit Archivaufnahmen und den Erzählungen von Interviewpartnern. Angry Monk – der erst zweite Film des Ethnologen Schaedler nach Made in Hong Kong (1997) – setzt nicht nur sehr anschaulich die Lebensgeschichte dieses aufmüpfigen Mönchs um, er gibt auch inspirierten Anstoss zu einer Diskussion über Tradition und Geschichte, Religion und Politik, Mythos und Projektion.


P: Angry Monk Productions (Zürich), SF DRS 2005. B, R: Luc Schaedler. K: Filip Zumbrunn. T: Roland Widmer. S: Martin Witz, Kathrin Plüss. V: Xenix Filmdistribution (Zürich). W: Angry Monk Productions (Zürich).
Mini-DV/ 35 mm, 97 Minuten, Farbe, Tibetisch, Deutsch, Englisch (deutsche Untertitel).

10.11.2005, 00:07 | Permalink
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