Ricordare Anna [Walo Deuber]

Von Simona Fischer [ Sélection CINEMA ]

Walo Deuber, vornehmlich bekannt als Dokumentarfilmer, bewegt sich mit dem Spielfilm Ricordare Anna – Anna erinnern nicht weit von seinem Ansatz weg, Geschichten an das wahre Leben zu knüpfen, basiert die Familientragödie doch auf einer wahren Begebenheit. Der Regisseur wagt sich damit nicht nur an das bewegende Thema Aids, sondern schafft durch die Zweifachführung der Lebens- und Liebesgeschichte von Vater und Tochter eine über die Generationen hinwegreichende Erzählung.

Die Erinnerung an Anna (Bibiana Beglau) und ihre Kinder lässt Viktor Looser (Mathias Gnädinger) seit deren tragischem Tod nicht mehr los. Ein Jahrzehnt muss vergehen, bis er aufbricht, um den Ort aufzusuchen, der einst das Leben und das Schicksal seiner Tochter bestimmte: Sizilien. Dorthin zog es Mitte der Achtzigerjahre die rebellische Anna, nachdem sie sich von ihrem Engagement in der militanten Zürcher Jugendbewegung zurückgezogen und das Angebot einer universitären Karriere ausgeschlagen hatte. Letzteres zum Entsetzen des Vaters, der in der Tochter das Glück verwirklicht sehen wollte, das ihm selbst verwehrt blieb. Aber statt auf die erwartete Klärung von Annas Tod stösst er zunächst auf die Spuren ihres Lebens. Allmählich setzt sich für ihn das Bild der Liebes- und Leidensgeschichte Annas zusammen. Nachdem sie Zürich verlassen hatte, um an einer Schule zu unterrichten, fand sie in Salvo (Pippo Pollina) ihre grosse Liebe. Der Heirat der beiden sah der Vater mit grossem Misstrauen entgegen. Daran konnte auch die Geburt der Zwillinge Tonino und Paolo nichts ändern. Viktor schien Recht zu behalten: Bald schon sollte Anna ihren Eltern eröffnen, dass sie und die Kinder an Aids erkrankt waren. Viktor zweifelt keinen Moment daran, dass Salvo die Schuld an der Tragödie trägt. So muss die Suche Viktors zwangsläufig ihren Höhepunkt in der Begegnung mit dem Schwiegersohn finden. Schuldzuweisung und Anklage kehren sich schliesslich in einen Akt der Erkenntnis und Versöhnung.

Der Realität dieser zeitgenössischen Familientragödie setzt Walo Deuber zauberhafte, bisweilen geradezu märchenhafte Momente entgegen. So wird es möglich, dass die Suche nach Antworten weder im inneren Monolog des Vaters noch in Gesprächen mit Freunden endet, sondern gleichsam auf wundersame Weise in der Erscheinung der toten Anna wegweisende Ergänzung erhält. Oder die engelhafte Giuseppina, ein mysteriöses Mädchen, unerwartet aus dem Nichts kommend und darin wieder verschwindend, erscheint dem Suchenden als Zeichendeuterin. Allerdings fragt man sich bisweilen, warum der Regisseur sich solcher Taschenspielertricks bedient, statt die Figuren für sich selbst sprechen zu lassen. So wie die eindringlichen Landschaftsbilder, die ihre Wirkung dank der Authentizität der Drehorte nicht verfehlen. Der Einsatz fantastischer Elemente trägt daher eher zur dramaturgischen Unklarheit bei. Der Mut des Regisseurs, sich mit diesem Film dem Konzept des «Entstehens einer lebbaren Wahrheit» anzunähern, ist möglicherweise die grösste Schwäche der Geschichte.

Nichtsdestoweniger hat Walo Deuber mit seinem zweiten Spielfilm in Eigenregie – den ersten, sehr erfolgreichen drehte er 1988 mit Klassezämekunft – einen eindringlichen Film um das Drama der Krankheit Aids geschaffen und ihn bis in die Nebenrollen erstklassig besetzt. Daran vermag auch die Synchronisation der Originalversion (aus Budgetgründen) nichts zu ändern.



P: Dschoint Ventschr Filmproduktion (Zürich), SF DRS, RTSI 2005. B: Walo Deuber, Josy Meier. R: Walo Deuber. K: Stefan Runge, Knut Schmitz. T: Hugo Poletti. S: Caterina Mona. M: Peter G. Rebeiz, Pippo Pollina. D: Bibiana Beglau, Mathias Gnädinger, Pippo Pollina, Suly Röthlisberger. V: Frenetic Films (Zürich). W: Dschoint Ventschr Filmproduktion (Zürich).
35 mm, Farbe, 96 Minuten, Schweizerdeutsch, Italienisch, Deutsch.


10.11.2005, 13:27 | Permalink

Die Vogelpredigt [Clemens Klopfenstein]

Von Marcy Goldberg [ Sélection CINEMA ]
Vogelpredigt

Fast zehn Jahre nach ihrer Reise in Das Schweigen der Männer (1996) sind Max Rüdlinger und Polo Hofer wieder unterwegs in Richtung Alpensüdseite. Dieses Mal sind die Helden von Klopfensteins «Berner/Männer-Trilogie» (E Nachtlang Füurland, 1981, Füürland 2, 1991 – beide in Ko-Regie mit Remo Legnazzi – waren die ersten zwei Folgen) auf der Suche nach ihrem ehemaligen Regisseur, welcher nun zurückgezogen in Umbrien lebt. Die zwei Schauspieler wollen für einmal einen publikumsfreundlichen Schweizer Film drehen und haben sich dafür eine reisserische Sex-and-Crime-Geschichte an exotischen afrikanischen Schauplätzen ausgedacht. Um die Finanzierung soll sich Klopfenstein kümmern, der ja immer «Meister im Ausfüllen von Formularen» für staatliche Filmförderung gewesen sei. Dieser arbeitet allerdings an einer abstrusen Geschichte über die katholische Kirche und will nichts von ihrer Slapstick-Komödie wissen. An Stelle der ersehnten Reise nach Kapstadt werden Max und Polo bald von ihrem Regisseur – zwecks Probeaufnahmen für die Vogelpredigt des heiligen Franziskus – in den umbrischen Wald geschleppt. Ihre Mönchskutten sind aus Schweizer Armeewolldecken, und die Vögel sind Tontauben. Doch richtig schlimm wird es erst, als Klopfenstein plötzlich verschwindet.

Die Vogelpredigt basiert auf einem alten dramaturgischen Trick: Der Film erzählt die Geschichte seines eigenen Entstehens, Regisseur und Schauspieler parodieren sich selber. Doch die Selbstreflexivität hat ihren Grund: Die Vogelpredigt ist eine äusserst clevere und unterhaltsame Satire über die Tücken des Filmemachens in der Schweiz in einer Zeit der zunehmend erfolgsorientierten Förderpolitik und eines globalisierten Filmmarkts. In der Rolle des Autorenfilmer-als-Einsiedlers gelingt es Klopfenstein, sich sowohl über prätentiöse writer-directors lustig zu machen wie auch über diejenigen, die gerne jedes Filmprojekt jenseits vom Mainstream als «weltfremd» bezeichnen. Gleichzeitig funktioniert das absurde Filmkonzept der Schauspieler als listiger Kommentar auf trendorientierte Filmdrehbücher. Ingredienzien wie eine esoterische Liebesgeschichte, Al-Kaida-Terroristen und Aussenministerin Micheline Calmy-Rey sollen nämlich die Abenteuer der zwei Amok laufenden Schweizer aufpeppen.

Ironischerweise ist auch Die Vogelpredigt gespickt mit Insiderwitzen und Anspielungen auf Prominente. In Anlehnung an seinen Film WerAngstWolf (2000) wird Klopfenstein schliesslich von einem Wolf gefressen. Vorher opfert er seine letzte Gans – namens Bruno – als Mahlzeit für seine Gäste. Bei den Namen aktueller Fernsehredakteure und Filmpolitiker fragt man sich jedoch, ob die Pointen nicht zu sehr mit Aktualitäten verbunden sind, so dass in fünf Jahren wohl kaum noch jemand darüber lachen wird. Einen sichereren Wert haben die Cameo-Auftritte von Mathias Gnädinger als kapitalistischer Priester Augustinus und Ursula Andress als Madonna einer lebendigen Pietà-Skulptur.

Die Vogelpredigt wurde mit einfachsten Mitteln auf Mini-DV und in Klopfensteins unverkennbarem, scheinbar improvisierten Stil gedreht. Doch die raffinierten Dialoge – sowie Ben Jegers vielschichtige Filmmusik – zeugen von einer absoluten und zugleich humorvollen Professionalität.


P: Ombra Film (Bevagna) 2005. B, R: Clemens Klopfenstein. K: Clemens Klopfenstein, Vadim Jendreyko. T: Nicola Belluci, Vadim Jendreyko. S: Remo Legnazzi, Lorenz Klopfenstein. M: Ben Jeger. D: Max Rüdlinger, Polo Hofer, Clemens Klopfenstein, Sabine Timoteo, Mathias Gnädinger, Ursula Andress, Lukas Klopfenstein. V: Benjamin Weiss (Zürich). W: Ombra Film (Bevagna).
35 mm (Blowup), Farbe, 88 Minuten, Schweizerdeutsch.

10.11.2005, 01:22 | Permalink

Klingenhof [Beatrice Michel]

Von Daniel Däuber [ Sélection CINEMA ]
Klingenhof

Der Dokumentarfilm über eine Wohnsiedlung in einem multikulturellen Zürcher Quartier beginnt mit kommentarlosen Bildern von dem Ort, den er die nächsten gut 80 Minuten zum Thema machen wird. Beatrice Michel umreisst als Erzählerin aus dem Off kurz die Situation, wie sie und ihr Lebensgefährte Hans Stürm zum Motiv vor der Haustür kamen, obwohl sie gewohnt waren, die Themen ihrer bisherigen Filme in der weiten Welt zu finden. Einzelne Mosaiksteinchen des Mikrokosmos rund um den grossen Innenhof (von mehreren Mietshäusern) werden ausgelegt. Dabei wechseln sich stille Beobachtungen von (meist namenlosen) Menschen und Interviewpassagen mit Bewohnern der Mietshäuser ab. Es entsteht ein buntes Gemisch. Die «umherstreunende Kamera, die mehr der Neugier denn einem Konzept folgt» (Michel), scheint wie zufällig Lebensgeschichten und kleine Alltagsanekdoten aufzusammeln.

Langsam zeichnet sich ab, dass der umtriebige Dani, genannt «Ratz», als eigentlicher Reiseführer fungiert. Er, der für Ordnung sorgt, hat nicht nur immer eine Lebensweisheit oder einen passenden Spruch in breitestem Zürichdeutsch auf den Lippen, sondern auch ein Händchen dafür, die Leute zusammenzuführen. Damit sorgt er für einen geregelten «Warenaustausch» im Quartier.

Wir begegnen unterschiedlichsten Leuten und erhaschen einen kurzen Blick auf ihre Existenz, ihre Geschichte: Filmschüler Nico, der im kleinen Kiosk hinter der Kasse steht, möchte seine peruanischen Wurzeln zum Thema seines Abschlussfilms machen; Heidi hat einst in der Uhrenindustrie in Grenchen gearbeitet und verreist von Zeit zu Zeit; Herr Minh aus Saigon betreibt einen Take-away; der Kurde Mahdi sucht als junger Mann eine Vaterfigur. Kameramann Hans Stürm bleibt im Folgenden dran, rückt dieselben Menschen immer wieder ins Blickfeld. Nico, Heidi, Herr Minh, Mahdi - sie alle erzählen ihre Geschichte weiter, die Filmemacherin hört gespannt zu, stellt wenige Rückfragen.

Klingenhof schafft das Kunststück, die Schlagworte Heimat und Fremde mit Inhalten zu füllen, persönlichen Geschichten, die teilweise das Klischee in unseren Köpfen erfüllen, dem dann aber auch entgegenlaufen oder sogar etwas Neues etablieren. So kommt Nico nach seiner Südamerika-Reise zum Schluss, dass es zwar wichtig war, seine leibliche Mutter kennen zu lernen. Nun ist seine Heimat aber in der Schweiz, im Mittelpunkt steht seine eigene Familie.

Mutig ist der Einbezug des plötzlichen Todes von Beatrice Michels beruflichem und privatem Weggefährten Hans Stürm, das Bewusstwerden der Vergänglichkeit jeden Lebens. Gegen den Schmerz des Verlustes hilft schliesslich das Geschichtenerzählen, wie ein afrikanisches Sprichwort sagt. Und das beherrscht Beatrice Michel im Film Klingenhof in einer zurückhaltenden, diskret gestaltenden Art.


P: Filmkollektiv (Zürich), SF DRS 2005. B: Beatrice Michel, Hans Stürm. R: Beatrice Michel. K: Hans Stürm, Othmar Schmid. T: Beatrice Michel. S: Marlies Graf Dätwyler, Rainer M. Trinkler. V: Filmcoopi (Zürich). W: Filmkollektiv (Zürich).
35 mm, Farbe, 85 Minuten, Schweizerdeutsch (deutsche Untertitel).

10.11.2005, 00:42 | Permalink

Alles wegen Hulk [Peter Reichenbach]

Von Daniel Däuber [ Sélection CINEMA ]
Hulk

«Mir hätte einer vor einer Woche sagen sollen, dass ich ohne Geld, Kreditkarte, von der Polizei verfolgt, wie ein Penner in einer Telefonzelle übernachten muss. Und das alles wegen einer 15-Jährigen.» Der das ganz zu Beginn des Films sagt, ist ein Mann Mitte dreissig, bis vor kurzem äusserst erfolgreich im Beruf, jetzt aber arbeitslos, von der Freundin verlassen und auf der Flucht.

Rückblende: Martin Holzer ist ein nach aussen erfolgreicher, wenn auch rücksichtsloser Banker («Meine Zahlen sind der Hammer, weil ich rechtzeitig kille!»). Doch das Jonglieren mit Millionenbeträgen gelingt ihm nur mit den nötigen Aufputschmitteln, von denen er längst abhängig ist. Die Öffnungszeiten der Börsen rund um den Globus sind ihm wichtiger als seine Freundin, die ihm schliesslich den Laufpass gibt. In kurzen Sequenzen skizziert der Film den Jungbanker, den Pascal Ulli samt aalglattem Auftreten und nervöser Fahrigkeit überzeugend verkörpert.

Parallel dazu wird die zweite Hauptfigur eingeführt, deren Leben ebenfalls - wenn auch indirekt - von Drogen bestimmt wird: Die 15-jährige Schülerin Corinna hat nicht nur eine Junkie-Mutter zu umsorgen, sondern ist auch bemüht, das Sozialamt bei den Routinebesuchen abzuwimmeln und nachfragende Lehrer wenn nötig mit gefälschten Unterschriften zu beschwichtigen. Nachwuchsschauspielerin Miriam Stein verleiht dieser trotzigen jungen Frau, die immer am Rand der Verzweiflung und finanziellen Not agiert, eine kraftvolle Präsenz.

Regisseur Peter Reichenbach führt die beiden Figuren in einem Warenhaus zusammen. Corinna hat wieder einmal etwas mitlaufen lassen, Martin setzt sich spontan für sie ein, was sich die aufmüpfige Schülerin nur widerwillig gefallen lässt. Weil sich beide in ihrem bisherigen Leben nicht mehr heimisch fühlen - nach dem Drogentod ihrer Mutter fürchtet sie, wieder in ein Heim abgeschoben zu werden, ihm wurde die Stelle gekündigt -, raufen sie sich buchstäblich zusammen und flüchten gemeinsam. Martin will Corinna mit seinem Auto und Geld helfen, ihren Vater in Italien zu finden, den sie nur von Fotos und Erzählungen der Mutter kennt.

Der Film, welcher vom grauen Zürich in hellere, südliche Gefilde wechselt, gesteht sich und dem Zuschauer fast keine Atempause zu. Da ist jede Szene am richtigen Platz, hat ihre dramaturgische Berechtigung. Die Darsteller transportieren dabei die Geschichte glaubhaft, auch wenn die Dialoge in dramatischen oder aktionsreichen Momenten etwas zu sehr nach Drehbuch klingen. Leise Momente meistern insbesondere Miriam Stein und Pascal Ulli dagegen überzeugend. Selbst in Soutane gibt der Berner Schauspieler seine Figur nie der Lächerlichkeit preis. Die 16-jährige Miriam Stein stand schon in ihrem Debüt Das Mädchen aus der Fremde für Peter Reichenbach vor der Kamera und heimste prompt den Deutschen Fernsehpreis als beste Nachwuchsschauspielerin ein. Zu Recht, wie diese neuerliche Zusammenarbeit zeigt.


P: C-Films (Zürich), SF DRS 2004. B: Jochen Brunow (schweizerdeutsche Dialogbearbeitung: Michael Sauter). R: Peter Reichenbach. K: Felix von Muralt. T: Patrick Becker. S: Beat Lehnherr. M: Adrian Frutiger. D: Pascal Ulli, Miriam Stein, Nicolas Rosat, Regula Grauwiller, Bettina Dieterle, Soraya Gomaa, Nikola Weisse. W: C-Films (Zürich). Digital Beta, Farbe, 90 Min., Schweizerdeutsch.

10.11.2005, 00:25 | Permalink

Terra incognita [Peter Volkart]

Von Daniel Däuber [ Sélection CINEMA ]
Terra incognita

Der Kurzfilm mit dem programmatischen Titel Terra incognita ist die Geschichte von Igor Leschenko aus Siebenbürgen, der dort Anfang des 20. Jahrhunderts in einem physikalischen Institut arbeitet und versucht, das Gesetz der Schwerkraft zu überlisten. In Wissenschaftskreisen als Scharlatan verschrien und von der Akademie der Pataphysiker ausgeschlossen, kann Leschenko seinen ruinierten Ruf nur wiederherstellen, indem er den sagenhaften Antigravitätspunkt jenseits des 75. Breitengrades findet. Eine fantastische Reise zur Insel Nanopol beginnt, auf der er unter anderem dem Miederwarenfabrikant Fischbein begegnet und sich durch Gebiete bewegt, die zuvor kein Mensch je gesehen hat.

Wie die Hauptfigur in Terra incognita fremdes Terrain betritt, bekommt auch das Publikum etwas Ungewohntes geboten. Läuft man im ersten Moment Gefahr, diese aus Zeitdokumenten heraufbeschworene Vita Leschenkos ernst zu nehmen, entpuppt sich das Ganze bald schon als geschickt getarnte Fiktion mit einer spielerischen Freude an skurrilen Verrenkungen und manch augenzwinkerndem Zitat. Forgotten Silver (NZ 1995) von Peter Jackson oder Woody Allens Zelig (USA 1983) kommen einem unweigerlich in den Sinn.

In akribischer Kleinarbeit hat der Künstler Peter Volkart alte Fotos, Filmdokumente, Landkarten usw. aufgespürt und der fiktiven Persönlichkeit des irren Wissenschafters zu eigen gemacht. Leschenko taucht auf dem Foto mit seiner Fussballmannschaft auf oder kurbelt in Afrika während historischer Aufnahmen an einer Filmkamera. Auch andere Filmschnipsel werden für Leschenkos fantastische Welt instrumentalisiert und haben sich durch Volkarts Hand zu einem Ganzen zusammengefügt, als würden sie tatsächlich zusammengehören und mit einem koketten Augenaufschlag die Richtigkeit ihrer Angaben bezeugen.

Der in bäuerlichen Verhältnissen aufgewachsene Peter Volkart entwickelte während eines New-York-Aufenthalts seine persönliche Technik: Fundstücke von Flohmärkten, Brockenhäusern, Kellern und Estrichen ordnete er (fiktiven) Biografien zu und stellte diese «archäologischen Zeugnisse» auch in Museen und Galerien aus. Einen unbestrittenen Geistesverwandten hat Volkart in Raymond Roussel (1877-1933), dem er Terra incognita auch gewidmet hat. Roussel war ein exzentrischer französischer Schriftsteller, «der grösste Magnetisör der Moderne» (André Breton), der sich die Welt seiner Geschichten ebenso imaginierte wie Volkart und damit grossen Einfluss auf die Surrealisten und andere Dichter der Avantgarde ausübte.


P: Reck Filmproduktion (Zürich) 2005. B, R: Peter Volkart. K: Hansueli Schenkel. S: Harald & Herbert. Aus: Peter Volkart. T: Voco fauxPas. D: Paul Avondet, Sandra Künzi, Heidi Hiltebrand, Peter Beek, Jann Jenatsch, Peter P. Schneider, Mimmo Dutli. Erzähler: Volker Risch, Bodo Krumwiede. V: Look Now! (Zürich). W: Reck Filmproduktion (Zürich).
35 mm, s/w und Farbe, 17 Minuten, Deutsch (englische, französische Untertitel).

10.11.2005, 00:24 | Permalink

Angry Monk [Luc Schaedler]

Von Doris Senn [ Sélection CINEMA ]
Angry Monk

«Reflections on Tibet» heisst Luc Schaedlers Film im Untertitel – bescheidene Worte für diese spannende Dokumentation über eine historische Figur, die Tibet und seinen Mythos in ein neues Licht rückt. Im Zentrum steht der unorthodoxe Mönch Gendun Choephel, der 1903 in Osttibet geboren wurde und als inkarnierter Lama mit vier Jahren ins Kloster eintrat. Schon als kleiner Junge äusserst gewitzt, mauserte sich der Heranwachsende bald zu einem Meister des buddhistischen Debattierens – der Königsdisziplin der tibetischen Mönchsausbildung. Mit 24 brach er nach Lhasa auf, um in Drepung, einem der grössten Klöster der Welt, zu studieren. Bald wurde es ihm dort zu eng: Er verdingte sich als Maler und reiste mit dem indischen Historiker Rahul auf der Suche nach alten buddhistischen Texten durch die tibetischen Klöster. Dabei setzte er sich vertieft mit der Geschichte des Landes auseinander.

1938 ging Choephel mit Rahul nach Indien und bereiste über Jahre das Land. Er schrieb, malte und las sich quer durch die Bibliotheken. Und er führte ein sinnenfreudiges Leben: Sein damaliger Reisebegleiter, Golok Jigme, erzählt amüsiert, wie sehr Choephel sich zum Rauchen, Trinken und vor allem zu den Frauen hingezogen fühlte. Da erstaunt es nicht, dass Choephel das Kamasutra auf Tibetisch übersetzte, und noch weniger, dass dies einen grossen Skandal auslöste. Nichtsdestoweniger wollte Choephel in seine Heimat zurückkehren und kam dabei in Kontakt mit der Tibetischen Revolutionspartei, die vorhatte, das konservative Regime in Tibet zu stürzen. Dies sollte ihm nach seiner Rückkehr allerdings zum Verhängnis werden: 1946 denunzierten ihn die Engländer als Staatsfeind, und er wurde in Lhasa eingekerkert. Als er drei Jahre später freikam, war er ein gebrochener Mann. 1951 überrollte die chinesische Armee das Land, und Choephel starb in Resignation.

«In Tibet ist alles, was alt ist, ein Werk Buddhas, und alles, was neu ist, ein Werk des Teufels. Das ist die traurige Tradition Tibets.» Choephel blickte mit offenen Augen auf sein Land. Seine Vision war, dessen Geschichte (neu) zu schreiben – das Land sollte seinen Horizont öffnen und aus der Erstarrung der Traditionen hinausgeführt werden. Choephels wenig mystische Lebenshaltung und sein neugieriger Intellekt lassen uns Tibets Historie mit neuen Augen sehen – und zeigen auf, wie dessen Kultur von verschiedener Seite vereinnahmt wurde: zuerst von den eigenen konservativen Machthabern, dann von den chinesischen Invasoren und schliesslich von einem heilsbegierigen Westen, der Antworten sucht auf drängende Fragen nach dem Lebenssinn.

Luc Schaedler hat die Geschichte des unkonventionellen Lamas mit einer Reise durchs heutige Tibet und Indien verbunden. Die Kamera (Filip Zumbrunn) fängt erfrischend und unbeschwert das Alltagsleben ein und hat einen Blick für witzige Nebenschauplätze (vor allem, wenn Alt und Neu aufeinander prallen). Die Montage verbindet in dichtem und doch unhektischem Rhythmus die aktuellen Bilder mit Archivaufnahmen und den Erzählungen von Interviewpartnern. Angry Monk – der erst zweite Film des Ethnologen Schaedler nach Made in Hong Kong (1997) – setzt nicht nur sehr anschaulich die Lebensgeschichte dieses aufmüpfigen Mönchs um, er gibt auch inspirierten Anstoss zu einer Diskussion über Tradition und Geschichte, Religion und Politik, Mythos und Projektion.


P: Angry Monk Productions (Zürich), SF DRS 2005. B, R: Luc Schaedler. K: Filip Zumbrunn. T: Roland Widmer. S: Martin Witz, Kathrin Plüss. V: Xenix Filmdistribution (Zürich). W: Angry Monk Productions (Zürich).
Mini-DV/ 35 mm, 97 Minuten, Farbe, Tibetisch, Deutsch, Englisch (deutsche Untertitel).

10.11.2005, 00:07 | Permalink