Stages [Marek Beles]

Von Laura Daniel [ Sélection CINEMA ]
Stages

Ina hat eine Brustkrebsoperation hinter sich. Sie kann es kaum erwarten, ihr normales Leben wieder aufzunehmen und endlich ihre lang gehegten Träume zu verwirklichen: Ina möchte Schauspielerin werden, eine Ausbildung dazu hat sie jedoch noch nicht. Mit einem fingierten Lebenslauf spricht sie an einem Theater für die Rolle der Antigone vor und wird überraschenderweise engagiert. Aus Angst davor, auf Mitleid oder gar Ablehnung zu stossen, verschweigt sie dem Regisseur Jaroslav Jelinek und der Regiesassistentin Klara, zu der sie in Folge eine Freundschaft aufbauen wird, auch ihre Krankheitsgeschichte. Sie stürzt sich in die Proben und weigert sich, über ihre Krankheit zu reden oder auch nur darüber nachzudenken. Inas Umfeld reagiert skeptisch auf die Euphorie der jungen Frau. Immer wieder wird ihr vorgehalten, dass sie sich zu schonen habe und dass auch nach der Operation eine Behandlung und Kontrolle notwendig seien, da sie schliesslich bloss «theoretisch» als gesund gelte. Zum Eklat mit ihrem Freund Ben kommt es, als dieser erfährt, dass sie für die Theaterproben die Kontrolluntersuchungen sausen lässt. Ben informiert den Regisseur über Inas fehlende Ausbildung, worauf Ina zwar nicht entlassen, aber von Jelinek stark unter Druck gesetzt wird. Als dieser von Ina verlangt, sich während der Proben nackt auszuziehen, obwohl Ina sich sogar vor ihrem Freund schämt, die von der Operation und Bestrahlung gezeichnete Brust zu entblössen, bricht das verdrängte Trauma ihrer Krebserkrankung auf. Ina muss lernen, einen Weg zu finden, um ihre Zukunft mit ihrer Vergangenheit zu versöhnen.

Stages ist der Diplomfilm des Schweizer Regisseurs Marek Beles, dem Produzententeam Carolina Schegg und Igor Dovgal sowie der Szenenbildnerin Ana Rocha Fernandes, den sie gemeinsam an der Filmakademie Baden-Württemberg vorgelegt haben. Als viel versprechendes Projekt wurde bereits das Exposé des Films 2003 mit dem Caligari-Förderpreis ausgezeichnet. Das Herzblut der Filmschulabgänger ist deutlich spürbar. Stages überzeugt nicht nur durch die eindringliche Leistung der Jungschauspielerin Anna Brüggemann; Szenenbild, Schauspielführung und Kameraarbeit zeugen von Professionalität und Sorgfalt. Nicht genug loben kann man nebst der überzeugenden Story ihren Willen, einen Filmort tatsächlich zu gestalten. Es ist wunderbar, wie sich Zürich in eine Filmkulisse verwandelt und es den Zuschauern ermöglicht, die Stadt mit neuen Augen zu sehen – auch wenn es zunächst befremden mag, dass ausgerechnet der Universitätseingang für die Theatertore herhalten muss.

Stages ist ein reifer und gelungener Versuch, darzustellen, wie nahe Lebensfreude und Grenzerfahrungen zusammenliegen können. Realistisch und ehrlich werden die Schwierigkeiten Inas und ihres Umfelds dargelegt, ein Leben nach der Krebserkrankung zu führen, was sich als schwierig, aber nicht als unmöglich entpuppt. Programmatisch wird der Film durch die folgenden Worte eingeleitet: «Alles, was man über das Leben lernen kann, ist in drei Worte zu fassen: Es geht weiter!»


P: Filmakademie Baden-Württemberg, Essence Entertainement (Weiach), SF DRS 2005. B: Nadine Fiebig. R: Marek Beles. K: Andrea Gatzke. S: Marco Baumhof. T: Marco Teufen. M: Jochen Fuchs. D: Anna Brüggemann, Johannes Allmayer, Katrin Bühring, Heiner Heusinger, Barbara Schnitzler, Frank-Otto Schenk, Jan Neuenschwander. W: Filmakademie Baden-Württemberg.
35 mm, Farbe, 80 Minuten, Deutsch.

12.11.2005, 14:00 | Permalink

Agata e la tempesta [Silvio Soldini]

Von Simona Fischer [ Sélection CINEMA ]
Agata

Nach dem düsteren Immigrantendrama Brucio nel vento (2002) kehrt der italienisch-schweizerische Regisseur Silvio Soldini mit Agata e la tempesta wieder zum leichteren Komödienton von Pane e Tulipani (2000) zurück. Mit derselben Crew (allerdings ohne Bruno Ganz) der für den Schweizer Filmpreis nominierten Erfolgskomödie zeigt der Regisseur auch diesmal ein farbenfrohes Panoptikum italienischen Lebens, allerdings insgesamt abgehobener von der Alltagsrealität. Während Soldini einerseits atmosphärisch an Pane e Tulipani anknüpft, so besinnt er sich andererseits auf die starken Frauenfiguren – wie schon in Le acrobate (1997), der Geschichte einer Freundschaft dreier Frauen.

Um die titelgebende Heldin reihen sich die Figuren, noch nichts ahnend, dass bald schon das Schicksal wie ein Sturm über ihr Leben brausen und ihre Existenz auf den Kopf stellen wird. Die attraktive Buchhändlerin Agata – hervorragend durch Licia Maglietta besetzt – verliebt sich heftig in Nico (Claudio Santamaria), einen um 13 Jahre jüngeren Mann, den ihre Kollegin (Giselda Volodi) amüsiert den «jungen Werther» nennt. Der wahrhaftig übersinnliche Sturm der Gefühle scheint sogar die Naturgesetze ausser Kraft zu setzen. In Gegenwart der Mittvierzigerin brennen Glühbirnen durch, Ampeln versagen ihren Dienst – mit allen möglichen Konsequenzen –, Computer spielen verrückt.

Ihr Bruder Gustavo (Emilio Solfrizzi), ein glücklich verheirateter Architekt und Vater eines Sohnes, muss eines Tages entdecken, dass er adoptiert wurde. Tief erschüttert über die ungelöste Frage seiner wahren Herkunft flüchtet er aufs Land zu seinem leiblichen Bruder Romeo (Giuseppe Battiston), der als fliegender Kleidervertreter voll aufrichtiger Liebe zu seiner Frau ist und dennoch jeglicher Versuchung des weiblichen Geschlechts nicht widerstehen kann.

Agata e la tempesta ist ein bunter, skurriler Film um die Kapricen der Liebe und die kleineren und grösseren Tragödien, die das Leben schreibt. Eigentlich wird nichts Weltbewegendes erzählt, nichts, was man nicht kennen würde, es ist vielmehr die Art und Weise, wie Soldini dem alltäglichen Irrsinn menschlicher Existenz seine Komik und Absurdität abgewinnt, die diesen Film auszeichnet. Soldini räumt der Studie jedes einzelnen Charakters genügend Platz ein, fängt die Stimmungen in den Gesichtsausdrücken ein und lässt das Mimenspiel der Schauspieler die Alltagsironie erzählen. Nebensächliche Begebenheiten erhalten ihre Dynamik durch den schnellen Wechsel der Schauplätze, die in stark leuchtenden Farben auch die traurigste Begebenheit aufzuheitern vermögen.

Der etwas lang geratene Film ist im Übrigen eine Hommage an Alda Merini – wie bereits der Titel verrät, der an das Gedicht «scatenar tempesta» erinnert –, einer der berühmtesten italienischen Poetinnen des 19. Jahrhunderts.


P: Amka Films Productions (Savosa), Mercury Film (London), Albachiara (Milano), RTSI 2004. B: Doriana Leondoff, Francesco Piccolo, Silvio Soldini. R: Silvio Soldini. K: Arnaldo Catinari. T: Francois Musy, Gabriel Hafner. S: Carlotta Cristiani. M: Giovanni Venosta. D: Licia Maglietta, Giuseppe Battiston, Emilio Solfrizzi, Marina Massironi u. a. V: Columbus Film (Zürich). W: Adriana Chiesa Enterprises (Roma).
35 mm, Farbe, 118 Minuten, Italienisch.

12.11.2005, 13:06 | Permalink

Herr Goldstein [Micha Lewinsky]

Von Simona Fischer [ Sélection CINEMA ]
Herr Goldstein

Micha Lewinsky hat bis jetzt vor allem als Drehbuchautor auf sich aufmerksam gemacht. Für Langfilm hat er Sternenberg geschrieben, den erfolgreichsten Schweizer Spielfilm des Jahres 2004. Ausserdem hat er das Drehbuch für die TV-Produktion Weihnachten (2002) verfasst und als Ko-Autor an Little Girl Blue (2004) und Lago Mio (2005), der mit dem Drehbuchpreis der SSA ausgezeichnet wurde, mitgewirkt. Mit dem Kurzspielfilm Herr Goldstein schuf er nun eine bemerkenswerte Debütarbeit in Eigenregie.

Herr Goldstein (Lukas Ammann), ein 93-jähriger, beinahe blinder Mann, verbringt seine letzten Tage im Altersheim. Er ist stark auf fremde Hilfe angewiesen, was ihm sichtlich widerstrebt. Seine Pflegerin Vera (Johanna Bantzer) bringt ihm die Unterstützung denn auch mit der gleichgültigen Geduld entgegen, die man für alte Menschen übrig hat, die nichts mehr vom Leben zu erwarten haben. Eines Tages erreicht ihn eine Nachricht aus Deutschland. Als Vera ihm den Brief vorliest, scheint die Zeit plötzlich zurückgedreht zu werden. Emmi, seine grosse Jugendliebe und Verfasserin des unerwarteten Schreibens, vermag damit den grauen Alltag dieses Mannes unverhofft und heftig zu durchbrechen. Dennoch kann der Aufgewühlte sich nicht entschliessen zurückzuschreiben. Erst ein Gesangsauftritt Veras am Altersheimfest kann den einstigen Musiker umstimmen. Es vergehen allerdings Wochen, ehe die Antwort eintrifft. Als Vera den Brief öffnet, um ihn dem alten Herrn vorzulesen, versagen ihr die Worte: Statt der lang ersehnten Zeilen Emmis kommt ihre Todesanzeige zum Vorschein. Vera weigert sich kurz entschlossen, Botin der traurigen Nachricht zu sein, und beginnt stattdessen, einen fiktiven Antwortbrief vorzutragen: «Lieber Abi ...».

Überaus sensibel und ebenso humorvoll wird in 17 Minuten die Lebensgeschichte eines alten Mannes beleuchtet, die beinahe ein Jahrhundert überspannt. Augenfällig dabei ist, dass die Geschichte ohne jegliche Rückblenden oder überstrapazierte Dialoge auskommt. Im Gegenteil, die Gespräche zwischen den beiden Figuren beschränken sich auf den nötigen Informationsaustausch, ohne je verknappt zu sein. Vielmehr wird damit die scheue und respektvolle Annäherung zwischen den Figuren augenscheinlich. Die relativ distanziert wirkende Kamera tut ihr Übriges. Die in der Kameraarbeit durch Point-of-View-Shots dennoch eingeführte subjektive Perspektive setzt sich auf der Tonebene fort, wenn Jazzsongs die Vergangenheit des alten Herrn in die Gegenwart holen.

Auffällig in Micha Lewinskys Porträt ist der Erzähltempus: Wenn anfänglich der Alltag von Herrn Goldstein in langsamer Schnittfrequenz erzählt und damit die zähflüssig vergehende Zeit symbolisiert wird, so wechselt die Dramaturgie nach Eintreffen des unvorhergesehenen Briefes in einen stark rhythmisierenden Erzähltempus.

Ein Kleinod von einer Liebesgeschichte – ohne Altersgrenzen und mit bestechender Schauspielleistung!


P: Langfilm (Zürich), SF DRS 2005. B, R: Micha Lewinsky. K: Pierre Mennel. T: Laurent Barbey. S: Michael Hertig, Rosa Albrecht. M: Markus Schönholzer, Haens’che Weiss. D: Lukas Ammann, Johanna Bantzer, Barbara Falter. V, W: Langfilm (Freienstein). 35 mm, Farbe, 17 Minuten, Schweizerdeutsch (deutsche, englische, französische Untertitel).

12.11.2005, 13:01 | Permalink