Bettgeflüster [© Tages-Anzeiger; 29.03.2006; Seite 54]

Von  Redaktion [ Rezensionen ]
Das neue «Cinema»-Jahrbuch widmet sich der Erotik im Film.

«Cinema» stehe «ganz im Zeichen der Momentaufnahme, welche die flüchtige Erotik dieses Zeitmediums einzufangen» suche, schreibt Redaktor Andreas Maurer im Editorial der neuen Ausgabe. Vielleicht am sinnfälligsten eingelöst wird dieser Anspruch in der Beschreibung erotischer Momente der Filmgeschichte, wo der «bodenlose Schlafzimmerblick» Nicole Kidmans (in «Eyes Wide Shut») oder die aufregende Betastung eines zarten Handgelenks (in «The Age of Innocence») in fast lyrischer Manier beschworen werden.

Doch natürlich ist das «Cinema»-Jahrbuch immer noch ein Ort profunder Essays, die auch wissenschaftlichen Ansprüchen genügen wollen. Zum Glück spricht das für einmal nicht gegen die sinnliche und unterhaltsame Qualität der Texte, die insgesamt gut lesbar sind; man spürt hier, dass ein Grossteil der Autorinnen auch journalistisch arbeitet. So schreibt Michèle Wannaz («Facts») in «Der Witz und seine Beziehung zum Paarungsverhalten» - mit Witz! - über die erotisierende Wirkung, die männlicher Humor und zum Lachen reizende Ungeschicklichkeit auf die Heldinnen romantischer Komödien ausübt.

Überhaupt wird Erotik nicht nur in Genres und Filmen analysiert, wo sie eigentliches Thema ist wie in der Marguerite-Duras-Verfilmung «L'amant» von Jean-Jacques Annaud. Sie wird auch dort dingfest gemacht, wo man sie beim ersten Hinsehen kaum vermuten würde: im Actionfilm hollywoodscher Prägung etwa, wie die kurz vor Erscheinen von «Cinema» verstorbene Annette Althaus in einer komplexen Analyse von «Die Hard» vorführt. Und im vielleicht überraschendsten Essay des Jahrbuchs beschreibt die Filmkritikerin Julia Marx, wie in der Fanliteratur Fans von Fernsehserien Erlebnisse ihrer Lieblingsfiguren weiterspinnen - was im so genannten Slash so weit geht, dass den männlichen Helden von der vorwiegend weiblichen Fangemeinde homoerotische Beziehungen angedichtet werden.
Kathrin Halter


Cinema 51, Schüren-Verlag, 2006, 176 S., 34 Fr.

29.3.2006, 11:14 | Permalink