Lenz [Thomas Imbach]

Von Natalie Böhler [ Sélection CINEMA ]
Lenz

Der Filmemacher Lenz reist aus seiner Heimatstadt Berlin in die Vogesen, um für seinen neuen Film die Hintergründe von Georg Büchners Novelle Lenz zu recherchieren. Schon bald aber verlässt er Frankreich und besucht in Zermatt seinen Sohn Noah, der dort in den Ferien weilt. Mit Noahs Hilfe trifft er auch seine Exfrau Natalie wieder, die er immer noch liebt und zurückgewinnen möchte. Doch das Familienglück erweist sich als eine kurzlebige Illusion, denn Lenz ist, wie sein Alter Ego aus der Novelle, ein Besessener, der an seiner eigenen Suche nach seinem Film, nach der Liebe und dem Glück scheitert. Seine übersteigerten Gefühle drängen sich immer mehr zwischen ihn und seine Liebsten.

Lenz’ Aussenwelt stellt Thomas Imbach anhand des Ferienorts Zermatt dar. Die Genormtheit des Freizeitbetriebs und die Künstlichkeit des Naturerlebens stehen im Gegensatz zu der archaischen Schneelandschaft, zu den wuchtigen Walliser Bergen, in denen sich Lenz auf der Grenze zwischen Komik und Wahn bewegt. Mal schlittelt er als Slapstick-Einlage auf seinem Koffer die Skipiste runter und fuchtelt tollpatschig mit der Skiausrüstung, mal geistert er nackt und mit irrem Blick durch die Schneenacht. Lenz’ Bau eines Iglus vor der Ferienwohnung wirkt wie ein heroischer Versuch, sich in einer unwirtlichen Umgebung ein Nest zu schaffen. Der Schnee wird zu einem elementaren Teil der Erzählung, das Matterhorn zur Filmfigur: Wir sehen die Ikone in immer wieder anderen Aufnahmen, und doch bleibt sie unnahbar und faszinierend. Die Vermischung von Fakten und Fiktion, Imbachs Markenzeichen, ist auch in Lenz zu finden. Der Zugang zur Figur scheint oft erst über Studien der Landschaft zu entstehen, die Aussenwelt wird zur Innenwelt. Das Publikum, so der Regisseur, solle das Gefühl kriegen, es sehe einen Dokumentarfilm über Lenz und seine Familie. Die Arbeit am Film bestand dementsprechend darin, die Schauspieler in den Zustand der Figuren hineinzuversetzen und sie dabei mit der Kamera zu beobachten.

Bis zum Schluss bleibt Lenz das Objekt seiner eigenen Geschichte im doppelten Sinn: seines Filmstoffs und des Films auf der Leinwand. «So lebte er hin», der Schlusssatz aus Büchners Novelle, ist als Schlusssatz des Films der einzige wörtlich übernommene Text der Literaturvorlage. Wir sehen Lenz beim Scheitern zu, beim verzweifelten Nichtschaffen, beim Erleiden der Erfolglosigkeit. Auch dies wirkt dokumentarisch gefilmt und ist zuweilen umso schwerer erträglich, doch gleichzeitig das grosse Wagnis des Films.


P: Bachim Film (Zürich), Pandora Filmproduktion (Zürich), SF 2005. B, R: Thomas Imbach. K: Jürg Hassler, Thomas Imbach. S: Thomas Imbach, Jürg Hassler, Patrizia Stotz. M: Peter Bräker, Balz Bachmann. D: Milan Peschel, Barbara Maurer, Noah Gsell. V: Monopole Pathé Films. W: Bachim Film (Zürich).
35 mm, Farbe, 96 Minuten, Deutsch, Schweizerdeutsch (französische Untertitel).

20.5.2006, 10:16 | Kommentare(1) | Permalink

Nachbeben [Stina Werenfels]

Von Nathalie Jancso [ Sélection CINEMA ]
Nachbeben

Du musst immer schauen, dass du nicht der Idiot bist – so belehrt H.-P., die Hauptfigur in Nachbeben, seinen Sohn Max. Im Lauf des Nachmittags wird H.-P. selber zum Idioten, zum Verlierer, der zu hoch gepokert hat, dies aber vor sich selbst und vor seiner Familie nicht zugeben kann. Von Anfang an verweist in Stina Werenfels’ stimmigem Kinospielfilmdebüt jede Dialogzeile auf die Tragödie, die sich in den nächsten Stunden auf dem Rasen einer schicken Villa am Zürichsee abspielen wird.

H.-P., bis anhin erfolgreicher Investmentbanker, lädt seinen Chef Philip und dessen Gattin zum Grillabend in seine Villa. Die Einladung erfolgt nicht ohne Hintergedanken: H.-P. hat sich verspekuliert, für den rettenden Deal, der ihn vor dem finanziellen Ruin bewahren soll, braucht er Philips Einwilligung. H.-P.s Frau Karin weiss nichts vom drohenden Bankrott, die Beziehung zwischen den Eheleuten ist aber auch so schon angespannt genug. Ein weiterer Gast taucht auf: Toni Gutzler. Er tritt unglaublich selbstsicher auf, als wäre er weit mehr als bloss Philips neuer Praktikant – und schon bald flirtet er ungeniert mit Karin. HP behandelt den Jüngeren betont von oben herab. Sein Versuch, Philip allein zu sprechen, scheitert, dieser hat nämlich ein ganz anderes Problem: Er möchte sein Verhältnis mit Birthe, dem Au-Pair-Mädchen von H.-P. und Karin, beenden. Doch Birthe lässt sich nicht so leicht abwimmeln. Als sie ihn nach einem heftigen Streit mit einer überrissenen Geldforderung erpresst, wendet sich Philip an H.-P., dieser soll Birthe zur Vernunft bringen. Ansonsten droht Philip, ihn in den Ruin zu treiben. Doch die Strategien, die im Geschäftsleben funktionieren, scheitern im Privaten: Der «Deal» der beiden lässt den Abend in einem Fiasko enden.

Der Vergleich von Nachbeben mit Thomas Vinterbergs Festen (DK/SE 1998) liegt nahe. Ähnlich wie im Dogma-Film wird auch hier eine Handvoll Figuren mit ihrer Vergangenheit konfrontiert; Fehler werden vertuscht und Machtspiele sollen den drohenden Gesichtsverlust kaschieren. In beiden Filmen münden die gelüfteten Geheimnisse in ein tragisches Ende. Neben diesen frappanten inhaltlichen Parallelen und der Einheit von Zeit und Ort finden sich auf formaler Ebene jedoch wenig Ähnlichkeiten: Die bewegliche, aber nie zu bewegte Kamera, fliessende Übergänge von extremen Nahaufnahmen zu distanziert-beobachtenden Totalen sowie die sorgfältige Farbgebung verraten einen strengeren Formwillen, als es der Dogma-Stil zulässt.

Eine starke Ensembleleistung der durchwegs am Theater geschulten Darstellerinnen und Darsteller macht die Selbstentlarvung der Schweizer Business-Elite zu einem packenden Kammerspiel. Einzig die Figur des Sohnes von H.-P. und Karin, Max, der das Geschehen mit seiner Überwachungskamera verfolgt, wirkt in seiner pubertären Fettleibigkeit seltsam klischiert; zu angestrengt wird er auf seine Funktion als Voyeur reduziert.

Wie bereits im preisgekrönten Kurzfilm Pastry, Pain and Politics (1998) beweist Stina Werenfels erneut ihre Stärke in der genauen Beobachtung zwischenmenschlicher Beziehungen. Dazu kommt das perfekte Zusammenspiel von Form und Inhalt. Beides zusammen macht Nachbeben zu einem der aufregendsten Schweizer Filme der letzten Jahre.


P: Dschoint Ventschr (Zürich), Teleclub (Zürich), SF Schweizer Fernsehen 2006. B: Petra Lüschow, Stina Werenfels. R: Stina Werenfels. K: Piotr Jaxa. T: Luc Yersin. S: Isabel Meier. M: Winfried Grabe. D: Michael Neuenschwander, Susanne-Marie Wrage, Bettina Stucky, Georg Scharegg, Olivia Frølich, Leonardo Nigro, Mikki Levy. V: Look Now! (Zürich). W: Dschoint Ventschr (Zürich).
35 mm, Farbe, 96 Minuten, Schweizerdeutsch, Deutsch, Englisch.

19.5.2006, 15:26 | Kommentare(0) | Permalink

White Terror [Daniel Schweizer]

Von Doris Senn [ Sélection CINEMA ]
White Terror

Nach Skin or Die (1998) und Skinhead Attitude (2003) zeichnet Daniel Schweizer mit seinem jüngsten Film, White Terror, den letzten Teil seiner Trilogie über rechtsextremistische Bewegungen. War Skin or Die auf die Schweiz und Skinhead Attitude auf die historische Entwicklung der Skin-Bewegung fokussiert, verfolgt Schweizer in White Terror die Kerngruppen des Neofaschismus in Skandinavien und den USA.

Ausgehend von einem fait divers im Berner Oberland, stiess Daniel Schweizer auf die rassistische Vereinigung Blood and Honour. In Dindo'scher Schauplatzbegehung lässt der Filmemacher seine Recherche im Herzen der Schweiz – am Thunersee – beginnen, wo vor wenigen Jahren Marcel von Allmen, ein Anhänger einer neonazistischen Gruppe, von seinen «Kameraden» zu Tode geprügelt wurde, weil er die Schweigepflicht verletzt hatte. Das fatale Grüppchen bezieht sich mit ihrer Tat auf die obige, in Schweden beheimatete rechtsextreme Vereinigung. Schweizer besuchte sie in Skandinavien und erfuhr von ihrem florierenden Internethandel mit Nazi-Gadgets sowie ihrer wachsenden Vernetzung. Er verfolgte ihre Kontakte zu der gleichnamigen Gruppierung in den USA, wo sich die Neonazis zur Gruppe White Power formierten und mit dem Ku-Klux-Klan zusammenspannten, und wieder zurück in den Osten Europas, wo rechtsextreme Ideologien zurzeit auf einen erschreckend fruchtbaren Boden fallen.

White Terror gibt einen Augen öffnenden Einblick in ein Universum des Hasses – ist aber gleichzeitig auch eine Gratwanderung zwischen Enthüllung und Plattform, was hie und da ein mulmiges Gefühl aufkommen lässt: Erstaunlich ist immer wieder, wie offen sich die Anführer vor der Kamera präsentieren und ihr perverses Gedankengut preisgeben. Dies wirft nicht zuletzt auch die Frage auf, was sich die Neonazis, die sich sonst im illegalen Untergrund bewegen, von einem solchen Auftritt versprechen und – auf der andern Seite – wie der Regisseur es schaffte, ihr Vertrauen zu erlangen. Obwohl es Schweizers unbestrittenes Verdienst ist, die Protagonisten und damit die Innensicht dieser Gruppen authentisch vor die Kamera zu holen, und obwohl der Filmemacher – im Gegensatz zu seinen vorangehenden Trilogieteilen – sich nun selbst als Rechercheur ins Bild setzt, bleibt diese Frage letztlich unbeantwortet.

Schliesst man – zu Recht – eine Propagandawirkung in diesem Kontext aus, kann auf extremistischer Seite der Drang zur Legitimierung vermutet werden. Der Filmemacher andererseits möchte natürlich genau die Dinge hervorholen, die allzu gern unter den Teppich gekehrt werden. White Terror spiegelt damit nicht zuletzt das Dilemma vieler Regierungen, deren Vertreter Schweizer auch zu Wort kommen lässt: Zwischen Offenlegen und Totschweigen, zwischen Dulden und Verbieten wählt jede Nation ihren eigenen (schwankenden) Weg. Entsprechend fällt im einen Land unter die Rassismusklausel, was im anderen toleriert wird – und was in Deutschland gesetzlich geahndet wird, spielt sich in den USA unter den Augen der Gesetzeshüter ab (Hitlergruss und Nazi-Embleme, die Schändung der israelischen Fahne oder die Forderung nach weisser Vorherrschaft). White Terror legt damit den Finger gleich auf zwei wunde Stellen in der Thematisierung dieses Phänomens: das Umsichgreifen neonazistischen Gedankenguts und die zögerliche Unsicherheit der Gesellschaft im Umgang damit.


P: Dschoint Ventschr Filmproduktion (Zürich), Little Bear Production (Paris), Cameo Film (Köln), Making Movies (Helsinki), Horizon Films (Troinex) 2005. B, R: Daniel Schweizer. K: Piotr Jaxa, Johannes Imdahl. T: Luc Yersin. S: Kathrin Plüss. M: Tapani Rinne. V: Look Now! (Zürich). W: Dschoint Ventschr (Zürich).
35 mm (Videotransfer), Farbe, 90 Minuten, französische, englische, deutsche, russische Version (englische, französische Untertitel).

18.5.2006, 02:00 | Kommentare(10) | Permalink

Matchmaker – Auf der Suche nach dem koscheren Mann [Gabrielle Antosiewicz]

Von Laura Daniel [ Sélection CINEMA ]
Matchmaker

Eine 30-jährige jüdische Regisseurin spielt mit dem Gedanken, sich zu vermählen. Neugierig darauf, was auf dem schweizerisch-jüdischen Heiratsmarkt verfügbar ist, macht sie sich auf die Suche nach dem richtigen Mann. Aber wie koscher soll er denn sein? Gabrielle Antosiewicz bezeichnet sich selbst als eine «Dreitagesjüdin», d.h. sie übt ihre Religion nur an den drei höchsten jüdischen Feiertagen aus.

Um herauszufinden, wie wichtig das Judentum in einer Ehe werden könnte, lädt sie vier Heiratskandidaten zum «Casting» in ihre Küche,mit ihr die Challe, den traditionellen Zopf, der von orthodoxen Juden am Freitagabend gegessen wird, zu backen. Denn eignet sich nicht die Küche bestens dafür, um etwas über den zukünftigen Gemahl herauszufinden? Nicht nur, um ihm die wahre Gretchenfrage moderner Beziehungen zu stellen, wie er es denn mit der Rollenverteilung halte, sondern auch, um gleich zu sehen, wie er sich am Herd anstellt. Über Diskussionen, ob Lebensmittel wegzuwerfen sind, wenn sie sich als nichtkoscher entpuppen, und die Frage nach der Bereitschaft, für die Liebe seines Lebens zu einer anderen Religion zu konvertieren, bietet uns das Küchencasting gleichermassen witzige wie tiefe Einblicke in das Verhalten paarungswilliger Singles. Um das Bild abzurunden, werden diese höchst amüsanten Sequenzen mit Interviews gespickt: So kommen junge und ältere, säkulare und orthodox lebende Juden aus drei Familien zu Wort und geben dem Publikum einen Einblick in die Vielfalt jüdischen Lebens in und um Zürich. Ein besonderes Schmankerl bieten die Auszüge aus dem Stummfilm Jüdisches Glück (Alexander Granovsky, R 1925), in dem gleich Dutzende heiratswillige Frauen nach Amerika verschifft werden, weil dort der jüdische Heiratsmarkt brachliegt.

Am Ende dieses Selbstversuchs steht fest, dass jüdisch-orthodoxe Männer nicht zwangsläufig bessere Challe-Bäcker sind. Ein Mann für die Regisseurin bleibt aber ebenfalls aus. Jüdisch müsse er nicht unbedingt sein, folgert die Regisseurin, aber einen humorvollen, einfühlsamen, intelligenten und liebenswerten Mann hofft sie – so Gott will – dennoch zu finden.

Mit Witz, Mut und Charme erzählt Gabrielle Antosiewicz in ihrem dritten Dokumentarfilm von der Suche nach dem geeigneten Mann und von der Auseinandersetzung damit, inwiefern Religionszugehörigkeit entscheidend ist für die Partnerwahl und den Erfolg einer Ehe. Zwar bieten die auf VHS gedrehten Talking-Head-Sequenzen formal nichts Neues, sie werden aber durch überraschend persönliche Einblicke in jüdische Liebes- und Lebensgeschichten in der Schweiz sowie eine geschickte Montage allemal wettgemacht. So kommentiert Corinne Amiache, eine orthodox lebende Jüdin, beim Frühlingsputz, ihr Ehemann und die Kinder dürften ruhig auch mithelfen, sonst seien vom Publikum wieder Leserbriefe zu erwarten, weshalb bei den Juden eigentlich immer die Frauen putzen müssten.

Am Schluss des Films sehen wir die Regisseurin über die Zürcher Rathausbrücke hechten. Dabei trägt sie zum klassischen Brautkleid aber Turnschuhe, frei nach dem Motto: Für die gelungene Mischung nehme man von allem ein bisschen.


P: C-Films (Zürich), Mishmash Film (Zürich), SF DRS 2005. B: Gabrielle Antosiewicz, Tamar Lewinsky. R: Gabrielle Antosiewicz. K: Michael Spindler. S: Yves Scagliola. T: Reto Stamm. M: Domenico Ferrari. V: Frenetic Films (Zürich). W: C-Films (Zürich).
Beta SP, Farbe, 70 Minuten, Schweizerdeutsch.

05.5.2006, 02:30 | Kommentare(1) | Permalink