Ein Lied für Argyris [Stefan Haupt]

Von Laura Daniel [ Sélection CINEMA ]

Ein Lied für Argyris

 

Stefan Haupt hat sich als Dokumentar- und Spielfilmregisseur von Filmen wie Elisabeth Kübler-Ross (2003) oder Utopia Blues (2001) längst einen Namen gemacht. Stets porträtiert er seine Protagonisten mit Feingefühl und grossem Respekt. Dies wird ihm nun bei seinem neusten Werk, Ein Lied für Argyris, fast zum Verhängnis.

Der kaum vierjährige Argyris Sfountouris überlebt im Sommer 1944 das Massaker der deutschen Besatzungsmacht im griechischen Dorf Distomo. Der bestialische Gewaltakt, Vergeltung für einen Partisanenangriff, reisst innert weniger Stunden 218 Dorfbewohner in den Tod. Der Junge verliert neben seinen Eltern dreissig Familienangehörige und verbringt fortan seine Kindheit in Waisenhäusern rund um Athen, bis eine Delegation des Roten Kreuzes ihn in die Schweiz mitnimmt und ihn im Kinderdorf Pestalozzi in Trogen unterbringt. Später studiert Sfountounis Mathematik und Astrophysik an der ETH Zürich, übersetzt griechische Dichter ins Deutsche, bereist die Welt als Entwicklungshelfer, unter anderem mit dem Schweizerischen Katastrophenkorps. Dabei bleibt das in seiner Kindheit erlebte Trauma eine der stärksten Konstanten im Leben des umtriebigen Wissenschafters.

Das Massaker von Distomo hat bis heute wenig Beachtung gefunden. Die deutschen Behörden haben es zwar als «eines der abscheulichsten Kriegsverbrechen» anerkannt, gleichzeitig wurde es aber von der deutschen Botschaft in Athen als eine «Massnahme im Rahmen der Kriegsführung» bezeichnet. Als Reaktion auf die Weigerung, Verantwortung für das Geschehene zu übernehmen, reichen Sfountounis sowie weitere Überlebende und deren Nachkommen aus Distomo eine Sammelklage mit der Forderung nach Reparaturzahlungen ein, die jedoch vom Bundesgericht in Karlsruhe abgelehnt wird. Haupt begleitet seinen Protagonisten auf seiner Mission, die zugleich eine Reise in die Abgründe seiner Seele ist.

Die Komplexität der Thematik sowie die Entscheidung, die kollektive Ebene der Schuldfrage mit der persönlichen des Protagonisten zu verweben, erweist sich als Schwierigkeit für die Dramaturgie des Films. So meint Sfountounis zum Beispiel, der Kniefall von Willy Brandt habe ihn beeindruckt und stelle für ihn ein adäquates Mittel im Umgang mit der historischen Schuld dar. In einer später folgenden Sequenz wird jedoch die Unmöglichkeit einer solchen Geste offenkundig, als der deutsche Botschafter anlässlich der Gedenkfeier des Massakers eine Entschuldigung ausspricht und damit nur Wut und Bestürzung provoziert. Dass Haupt ein Nachhaken aus Respekt vor den Leiden des Protagonisten unterlässt, ist zwar nachvollziehbar, dem Film aber nicht zuträglich. Haupt schafft es hier nicht, die Distanz zu seinem Protagonisten zu überbrücken.

Mehr Mut zur Reduktion hätte gut getan: Die Aussagen des Sängers Mikis Theodorakis, einem Zeitzeugen des griechischen Widerstands, sowie die eingestreuten Statements von Deutschen, die die Position der Täternachkommenschaft illustrieren, wirken leider wie eine Verlegenheitslösung und stehen in Kontrast zur emotional starken Auseinandersetzung mit Sfountounis.

D
ennoch gelingt Haupt eine berührende Darstellung des bedrückenden Schicksals seines Protagonisten, ebenso wie es Sfountounis gelungen ist, das Massaker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Antworten auf Sfountounis’ Fragen kann Ein Lied für Argyris kaum liefern, dafür dient der Film den Zuschauern als Anregung für viele Fragen. Aber wäre es nicht noch schrecklicher, wenn es auf die mit äusserster Dringlichkeit gestellten Fragen eine «zufriedenstellende» Antwort gäbe? Wohl gegönnt sei es Haupts neustem Werk und seinem Protagonisten, dass Ein Lied für Argyris am 9. International Documentary Film Festival in Thessaloniki den grossen Publikumspreis gewann.


P: Fontana Film (Zürich), SF, TSR, RTSI, SRG SSR idée suisse 2006. B, R: Stefan Haupt. K: Patrick Lindenmaier. T: Martin Witz. S: Stefan Kälin. M: Thomas Korber, Jorgos Stergiou. V: Frenetic Films (Zürich). W: Fontana Film (Zürich).
35mm, Farbe, 105 Minuten, Deutsch, Griechisch, Schweizerdeutsch, Französisch.

25.11.2006, 11:48 | Kommentare(3) | Permalink

Jeu [Georges Schwizgebel]

Von Laura Daniel [ Sélection CINEMA ]
Jeu

Böse Zungen behaupten, Georges Schwizgebel realisiere seit Jahren immer wieder den gleichen Film. Vergleicht man die Schwizgebel-Produktionen der letzen Jahre, ist eine gewisse Linearität durchaus nicht von der Hand zu weisen. Nichtsdestotrotz – oder gerade deswegen – zählt Schwizgebel zu den bedeutendsten Animationsfilmemachern der Schweiz. In seiner Beständigkeit liegt auch sein Können: Schwizgebels Spezialität ist die virtuose Verknüpfung von Farb- und Formspielen – gezeichnet, gemalt und animiert –, unterlegt mit klassischer Musik.

In L’homme sans ombre (2004) tauschte Peter Schlehmil zu Musik von Judith Gruber-Stitzer seine Seele gegen Reichtum und brachte Schwizgebel weltweit Anerkennung. In seinem neusten Werk, das im August 2006 auf der Piazza Grande anlässlich des Filmfestivals Locarno uraufgeführt wurde, gehen Ball und Klavierspiel einen Pakt ein. Im Vorspann werden zunächst nur Zahlen und Buchstaben in Reih und Glied gestellt, während auf der Tonspur das Stimmen der Instrumente zu hören ist, begleitet vom Räuspern und Raunen des Publikums. Mit der Musik von Prokofjew geraten die Buchstaben J, E und U («Jeu») schliesslich in Bewegung, verschmelzen mit der Musik und offenbaren immer wieder neue visuelle Interpretationen des Klavierspiels. Die Leinwand verwandelt sich in eine Wiese, auf der Ball gespielt wird. Später wird ein Konzertsaal zum Schauplatz des Farbenspiels. Mit Leichtigkeit spannt Schwizgebel einen Bogen vom Ballspiel zum Klavierspiel des Prokofjew-Konzerts und beendet den furiosen Reigen sinnigerweise wieder mit drei Buchstaben: F, I, N.

Angesichts solcher Virtuosität und Liebe zum Detail erstaunt es nicht, dass auch Jeu, wie bereits sein Vorgängerfilm, der unter anderem in Zagreb, Genf und Cannes prämiert wurde, mehrere Preise erhielt: unter anderem den Preis für den «Besten Animationsfilm» der Kategorie «Experimental/Abstract Animation» 2006 in Ottawa, den «Spezialpreis der Internationalen Jury» in Hiroshima sowie die «Silberne Taube im Bereich Animation» in Leipzig.


P: Studio GDS (Carouge), National Film Board of Canada (Montréal), TSR 2006. B, R, K, S: Georges Schwizgebel. T: Jean-Claude Gaberel. M: Sergej Prokofiew.
V: Studio GDS (Carouge). W: National Film Board of Canada (Montréal).
35 mm, Farbe, 4 Minuten, ohne Dialog.


16.11.2006, 14:07 | Kommentare(0) | Permalink

Mon frère se marie [Jean-Stéphane Bron]

Von Doris Senn [ Sélection CINEMA ]
Mon frère se marie


Vinh steht kurz vor seiner Hochzeit mit Sarah. Als Flüchtlingskind in den Siebzigern adoptiert, wuchs er mit Schwester Catherine und Bruder Jacques in einer Schweizer Vorzeigefamilie auf. Seither ist viel passiert: Die Eltern Claire (Aurore Clément) und Michel (Jean-Luc Bideau) sind geschieden, Michel steht vor dem geschäftlichen Bankrott, und die Geschwister haben sich entfremdet. Da melden sich überraschend Vinhs Mutter und Onkel aus Vietnam zu den Feierlichkeiten an, und man beschliesst, Vinh zuliebe den Schein zu wahren und die Familie für die Dauer der Hochzeit wiederzuvereinen.

Was nach klassischer Culture-Clash-Komödie tönt, wird unter Jean-Stéphane Brons Regie zum ebenso leichtfüssigen wie tiefgründigen Familiendrama. So hat Mon frère se marie nicht wenig humoristische Ingredienzien – etwa wenn Michels Villa wieder auf familiäres Zuhause getrimmt wird, wenn die Familie sich den Anstrich katholischer Gläubigkeit verpasst oder die Hochzeitsgesellschaft ad hoc mit Nachbarn, Arbeitskollegen und sonstigen Zufallsbekanntschaften bestückt wird. Doch zum Plot gehören auch die unterschwelligen Spannungen zwischen den Familienmitgliedern, die einen ganzen Film lang eine schwelende Dramatik erzeugen: Nicht nur zwischen Claire und Michel brodelt es ganz gehörig, auch zwischen Catherine und ihrer Mutter liegt eine Menge Unausgesprochenes im Argen.

Mit Mon frère se marie wagt der Dokumentarfilmer Bron den Sprung ins Spielfilmgenre, wobei sich in der schweizerisch-französischen Koproduktion durchaus Spuren seiner vorangehenden Werke finden: etwa die Multikulti-Thematik seines La bonne conduite (1999), in dem Bron fünf Fahrlehrer-Schüler-Paare als dokumentarische Comédie humaine porträtierte, oder die spannungsvolle Dramaturgie des erfolgreichen Mais im Bundeshuus (2003), in dem der Filmemacher den Parlamentarieralltag in eine Art Thriller verwandelte. Auch formal knüpft Mon frère se marie an Brons vorhergehendes Schaffen an: etwa wenn einzelne Sequenzen sich wie eine Art Video-Tagebuch präsentieren (Jacques lässt seine Familienangehörigen ihre Sicht der Dinge frontal in die Kamera erzählen), oder wenn sich die Kadrierung an einen dokumentarischen Gestus anlehnt, die Kamera den Figuren buchstäblich auf den Fersen bleibt und eine visuelle Dynamik erzeugt, welche die Montage mit viel Jump Cuts noch unterstützt.

Der Handlungsverlauf bleibt dabei erfrischend unvorhersehbar: Bron verzichtet auf jegliche Zugeständnisse an gängige Handlungsschemen – keine grosse Aussprache, keine grosse Versöhnung. Und selbst solch visuelle Schlüsselszenen wie diejenige, in der Michels ausrangierte Fabrik zum farbenfrohen Festsaal à la vietnamienne wird, oder der Ausflug der Grossfamilie zum Matterhorn, dem Schweizer Symbolberg par excellence, werden gegen den Strich gebürstet: Die Festansprachen von Claire und Michel enden im Desaster, und der ominöse Berg präsentiert sich recht unspektakulär als nebelverhangener Sporn in einer Steinwüste. Zwar strapaziert die Fokussierung auf das Hier und Jetzt mitunter etwas die Glaubwürdigkeit des Plots und die Plastizität der Charaktere. Doch bleibt der Film bis zum offenen Ende seiner ungeschönten, möglichst realitätsnahen Sicht der Dinge treu. Dafür steht auch das verhaltene «Fazit» des Films, das sich in einem Foto kristallisiert, das Vinhs Mutter vor dem Matterhorn macht. Dieses zeigt die Familienmitglieder so, wie sie tatsächlich sind: als atomisierte Individuen, die ohne falsche Kompromisse ihren eigenen Weg suchen.


P: Box Productions (Renens), Les Films Pélleas (Paris), SRG SSR idée suisse, TSR 2006. B: Jean-Stéphane Bron, Karine Sudan. R: Jean-Stéphane Bron. K: Matthieu Poirot-Delpech. S: Karine Sudan. T: Luc Yersin. M: Christian Garcia. D: Aurore Clément, Jean-Luc Bideau, Cyrill Tiroley, Delphine Chuillot, Quoc Dung Nguyen, Michèle Rohrbach, Man Thu, Thanh An. W: Film Distribution (Paris). V: Filmcoopi (Zürich).
Video/35 mm, 95 Minuten, Farbe, Französisch (deutsche, englische, italienische Untertitel).

15.11.2006, 14:53 | Kommentare(1) | Permalink

Comme les voleurs [Lionel Baier]

Von Doris Senn [ Sélection CINEMA ]
Comme des voleurs

Seit seinem ersten Film Celui au pasteur (ma vision personelle des choses) (2000) besteht Lionel Baier auf seiner «persönlichen Sicht der Dinge». Dabei drehen sich seine Werke vorzugsweise um seine eigene Person, seine Identität, seine Wurzeln. Nach seinen dokumentarischen Anfängen, in denen er sein Coming-out thematisierte sowie die umstrittene Durchführung des Gay Pride im konservativen Waadtland (La parade, 2001), wandte er sich in seinem vielfach prämierten Garçon stupide (2004) erstmals dem Spielfilm zu und porträtierte exemplarisch schwule Selbstfindung am Beispiel des jungen Loïc. In seinem neusten Titel nun verschmilzt Baier Spiel- und Dokumentarfilm und nimmt seine eigene Geschichte (wieder) zum Ausgangspunkt für seine filmische Enquete. «Autofiktional» nennt und definiert er seine Arbeitsweise und tritt zur Veranschaulichung auch selbst als Figur in Aktion.

Die Ausgangssituation zeigt Protagonist «Lionel» in einem befriedeten Alltagseinerlei: Er lebt mit seinem Freund zusammen, arbeitet beim Radio, pflegt ein harmonisches Verhältnis zu seiner Familie. Doch innerlich scheint es zu brodeln, und er sucht geradezu nach einem Vorwand, um sein Umfeld zu brüskieren. So beginnt er, sich plötzlich für seine polnischen Vorfahren zu interessieren (seinen Urgrossvater väterlicherseits), entdeckt in seinem Gesicht typisch slawische Züge und will eine Polin heiraten, um ihr eine Aufenthaltsbewilligung zu verschaffen. Dabei quartiert er diese auch gleich bei sich ein und verweist seinen Freund kurzerhand in die zweite Reihe. Das Ganze eskaliert bei einem Familienpicknick, infolgedessen Schwester Lucy sich mit Bruder Lionel im gestohlenen Auto davonmacht – «wie Diebe», was dem Film seinen Titel verlieh.

Die beiden fahren Richtung Osten – auf der Suche nach Abenteuer, nach Herausforderung und auch ein bisschen auf der Suche nach sich selbst. Dabei erweist sich Lucy durchaus als Komplizin: Sie ist nämlich schwanger und hat sich noch nicht entschieden, ob sie das Kind behalten will. So lassen die beiden die eintönige Landschaft an sich vorbeiziehen, landen im polnischen Shoppingcenter und im Überfluss des westlichen Kapitalismus, der das ex-kommunistische Land überschwemmt. Sie stranden in Auschwitz, in Warschau, werden zusammengeschlagen, beraubt, es folgt ein Techtelmechtel, eine Aussprache und schliesslich ein Zeichen des Himmels: Im Archiv treffen sie auf einen entfernten Angehörigen, der Licht ins Dunkel um den verschollenen Ahnen bringt.

In einem bemerkenswerten Genre-Mix entfaltet Comme les voleurs erst alle Charakteristika einer Familienkomödie, wird dann zum skurrilen Drama und endlich zum abenteuerlichen Roadmovie. Mit leichtfüssiger Nonchalance (und einiger Chuzpe, wenn es um die Grundregeln der Continuity geht) schafft es Baier, sein Publikum zu umgarnen – vor allem wenn die Geschichte mal ins buchstäbliche Rollen gekommen ist. Dies nicht zuletzt dank der bestechenden darstellerischen Leistung von Natacha Koutchoumov als Lucy, die bereits in Garçon stupide zu bewundern war. Bei allen Unebenheiten zeigt Comme les voleurs viel Mut, filmisches Neuland zu ergründen, und überzeugt vor allem durch die Lust des Filmemachers am Geschichtenerzählen, die förmlich mit Händen zu greifen ist.


P: Saga Production/Cine Manufacture (Lausanne), TSR, SRG SSR idée suisse 2006. B: Lionel Baier, Marina de Van. R: Lionel Baier. K: Séverine Barde. T: Benedetto Garro. S: Christine Hoffet. V: Saga Production (Lausanne), Vega Distribution (Zürich). W: Saga Production (Lausanne).
Video/35 mm, Farbe, 112 Minuten, Französisch, Polnisch (englische, deutsche Untertitel).


15.11.2006, 14:47 | Kommentare(1) | Permalink

Fragile [Laurent Négre]

Von Laura Daniel [ Sélection CINEMA ]
Fragile


An einer Tankstelle, irgendwo in der Westschweiz, mitten in der Nacht, eskaliert der bereits lange schwelende Konflikt zwischen den Geschwistern Sam und Catherine, die ausser ihrer Mutter nicht viel gemeinsam haben. Sam ist der Jüngere der beiden, bis vor kurzem kümmerte er sich um die kranke Mutter, die – von Alzheimer geplagt – ohne ihn kaum in der Lage gewesen wäre, ihr Leben zu meistern.

An dem Tag, an dem Sam sie in ein Pflegeheim begleiten sollte, begeht die Mutter Selbstmord. Den Kindern hinterlässt sie Abschiedsbriefe und Ratlosigkeit. Von ihren Plänen ahnten die beiden nichts – Catherine, die ehrgeizige Ärztin, wusste bis anhin nicht einmal von der Krankheit der Mutter. Zum ersten Mal seit langer Zeit sind die Geschwister wieder aufeinander angewiesen, können sich nicht aus dem Weg gehen, wie sie es zu tun pflegten. Es gilt, die Formalitäten zu regeln und, noch viel schlimmer, gemeinsam einen Weg zu finden, um mit der Trauer zurechtzukommen. Doch nicht einmal in der Trauer sind sie sich ähnlich: Sam reagiert mit Verzweiflung und unbändiger Wut; Catherine bewahrt Ruhe.

In der Nacht vor der Beerdingung erledigt sie, wie immer, ihre Tour als Mitglied der Vereinigung «Nez rouge», die alkoholisierte Nachtfalter sicher nach Hause bringt. Der stark alkoholisierte Partygast, den sie in dieser Nacht vorfindet, ist ihr Bruder. Die darauf folgende Auseinandersetzung ist ein erster Schritt der Annäherung.

Zerbrechlich ist in Fragile nicht nur das Verhältnis der beiden Geschwister, sondern auch der psychische Zustand der einzelnen Figuren, denn jede befindet sich in einer Krisensituation, was vom fabelhaften Schauspielerensemble – Nègre konnte unter anderem Marthe Keller für die Rolle der Mutter gewinnen – fein und überzeugend zugleich umgesetzt wird.

Fragile ist Laurent Nègres erster Langspielfilm und hat mit seinem vorangegangenen Kurzfilm, der experimentellen Animation Schenglet (2002), vordergründig nur wenig gemein. Stand dort der politische Appell im Vordergrund, so zählt bei Fragile die Hinwendung zum Privaten, zu jenem zerbrechlichen Gebilde, das sich Familie nennt. Eine entwaffnende Ehrlichkeit in der Zeichnung der Figuren und eine gewisse Faszination am Scheitern der Letzteren sind Eigenschaften, die das Spielfilmdebüt mit Jean-Stéphane Brons Mon frère se marie (2006) teilt. Trägt Nègre bisweilen doch ziemlich dick auf, wenn etwa Sam sich mithilfe der Genfer Fontäne das Leben zu nehmen versucht, so gelingt es ihm doch, das Verhältnis der Geschwister, ihre Zwänge und Prägungen glaubhaft und sensibel darzustellen.

Marthe Keller spielt ihre kleine Rolle mit Grandezza und wurde dafür mit dem Schweizer Filmpreis 2006 für die «Beste Nebenrolle» ausgezeichnet. Neben der Nomination in der Kategorie «Bester Spielfilm» beim Schweizer Filmpreis gewann Fragile in Genf am Cinéma Tout Écran den Prix TV5 für den «Besten frankophonen Film».


P: Bord Cadre Film (Genève), TSR 2006. B, R: Laurent Nègre. K: Béatrice Mizrahi. T: Julien Sulser. S: Jürg Lempen. M: Ladislav Agabekov, Jérome Pellegrini, Andrès Garcia. D: Marthe Keller, Felipe Castro, Stefanie Günther, Joël Demarty, Sandra Korol, Louis Charles Finger, Jean-Marie Daunas u.a. V: Agora Films (Carouge). W: Bord Cadre Film (Genève).
HD, Farbe, 85 Minuten, Französisch (englische Untertitel).

12.11.2006, 17:36 | Kommentare(0) | Permalink

Federer et moi [Robin Harsch]

Von Veronika Grob [ Sélection CINEMA ]
Federer

Filmemacher Robin Harsch hat gleich zwei Probleme: Sein Idol Roger Federer tritt im Roland Garros zum French Open an, dem einzigen Turnier, das Federer bisher noch nie gewonnen hat, und sein bester Freund Charles, ein grosser Romantiker, hat sich in die schöne Jasna verliebt. Robin wünscht sich, dass beide gewinnen.

So fiebert er also konzentriert mit bei den Spielen des Schweizer Tennis-Asses, kleistert seine Wohnung mit Plakaten zu, ahmt sein Idol vor dem Spiegel nach, schreit anfeuernd jeden Punktegewinn vom kleinen Balkon und legt, wenn nötig, auch mal selbst unterstützend Hand auf dem Tennisplatz an, um stellvertretend gegen Rogers Gegner zu spielen. Und es läuft gut: Federer schafft den Einzug ins Halbfinal, und auch sein Freund Charles punktet bei seiner Flamme. Doch dann der brutale Rückschlag: Charles hat einen Konkurrenten, einen kleinen, hässlichen Spanier aus Barcelona –, und Roger Federer trifft auf seinen grossen Widersacher, den Katalanen Rafael Nadal. So coacht Robin seinen besten Freund mit einer Spielanalyse, denn was im Tennis zählt, gilt auch in der Liebe: Selbst bei Spielen, die aussichtslos scheinen, darf man nie aufgeben.

Mit verspieltem Dilettantismus hat der ECAL-Abgänger Robin Harsch sein pseudodokumentarisches Tagebuch Federer et moi um Liebe, Freundschaft und Tennis inszeniert. In einer kunstvollen Parallelmontage schneidet er wild zwischen den subjektiven Aufnahmen der Wackelkamera, mit der er seinem Freund Charles folgt, den Selbstporträts und den Fernsehbildern von Federer hin und her, arbeitet mit Split Screens und kritzelt ins Bild hinein. Dass sich Harsch dabei selber ins Bild rückt, kennt man bereits von seinem kreativen Schulfilm Sophie Calle, près texte. Da die Performance-Künstlerin nicht mit ihm zusammenarbeiten wollte, hatte er sich kurzerhand selbst porträtiert – im Zerrspiegel von Calles Werk.

In seinem neuen Kurzfilm geht es nun aber anscheinend weniger um «Federer et moi», sondern vielmehr um Federer und Charles, und so wird folgerichtig das «moi» in den ersten Filmminuten durchgestrichen und durch den Namen seines Freundes ersetzt. Doch natürlich steht auf den zweiten Blick auch Robin Harsch im Zentrum. Ähnlich wie das Tennisspiel wird auch das Filmemachen von Zweifeln, Niederlagen und Erfolgen geprägt. Und auch beim Filmemachen gilt es, nie aufzugeben. Mit seinem gleichsam witzigen wie rührenden Kurzfilm hat Harsch den Satz gewonnen!


P: Lago Films (Genf), TSR 2006. B, R, K: Robin Harsch. S: Christine Hoffet. T: Robin Harsch, Denis Séchaud. D: Charles-Antoine Chamay, Robin Harsch, Jasna Kohoutova u.a. V, W: Lago Films (Genf).
Beta SP, Farbe, 25 Minuten, Französisch (englische Untertitel).

09.11.2006, 16:20 | Kommentare(2) | Permalink

Sonnenhalb [Martina Fischbacher]

Von Thomas Hunziker [ Sélection CINEMA ]
Sonnenhalb

«Alles fahrt Schi, alles fahrt Schi» hat Martina Fischbacher früher als Kind mit ihrer Schwester auf dem Skilift gesungen, mit dem Gefühl, dass es überall auf der Welt so aussehe wie im Toggenburg. Dort ist sie aufgewachsen, dort ist ihre Heimat. Mittlerweile lebt sie schon seit zehn Jahren in Zürich. Seit sie das Tal verlassen hat, vermisst sie es. Kaum kehrt sie zurück, beengt es sie. So begibt sich Fischbacher für den Dokumentarfilm Sonnenhalb in das Tal auf Spurensuche nach ihren Wurzeln und begegnet dort den Menschen, die in der Enge und Abgeschiedenheit abseits der hektischen Welt ausharren. Fischbacher trifft auf ihre Eltern und ihre Schwester, auf eine Familie aus Zürich, die vor vielen Jahren eine günstige Wohnung suchte und sie in Ebnat gefunden hat, und auf weitere Talbewohner zwischen Tradition und Moderne. Einen Besuch stattet Fischbacher auch dem SVP-Politiker ab, mit dem das Tal heute häufig in Verbindung gebracht wird. Bei Toni Brunners «buureradio.ch» wird die Filmemacherin dann selbst zum Objekt vieler Fragen.

Martina Fischbacher findet ein Tal vor, in dem viele Zeichen auf einen Umbruch hindeuten, wo die Einheimischen den vielen Traditionen teilweise störrisch treu nacheifern. Über die Traditionen definiert sich ein Teil der Talbewohner, und so stossen die Fragen der Regisseurin bei einigen Einheimischen auf nichts als Verwunderung. Das Leben im Tal, der Bezug zur Heimat wird hier nicht hinterfragt.

Fischbachers Dokumentarfilm deckt die Divergenzen in der Selbstwahrnehmung mit viel Gespür für die Eigenheiten des Toggenburgs auf und berücksichtigt dabei auch die Unschärfe des beobachtenden Blicks und der eigenen Gefühle. Diese Reflexionen zeigen auch, wie sich die Schwester der Regisseurin bereits wenige Kilometer von ihrem Elternhaus entfernt als Fremde in der eigenen Heimat fühlt – obschon auch im Toggenburg die Anzeichen der Zentrumskonzentration unübersehbar sind. Der berührendste Moment folgt zweifellos am Schluss: Fischbacher fragt ihre Schwester, ob sie glücklich sei. Ein beherztes «Ja» gibt diese zurück. Nach einem kurzen Blick folgt die Frage «Wege?», als ob sie sich keine andere Antwort vorstellen könnte.

Es ist nicht weiter überraschend, dass Peter Liechti im Abspann als Mentor aufgeführt wird. Sonnenhalb kann nämlich in direkten Bezug zu Liechtis Wanderfilm Hans im Glück (2003) gesetzt werden. Die Suche nach der eigenen Identität im Wandel der Zeit erweist sich auch in Fischbachers Fall als geeignetes Ausdrucksmittel der filmischen Auseinandersetzung mit der eigenen Person.

P: Hochschule für Gestaltung und Kunst (Zürich), SF 2006. B, R, S: Martina Fischbacher. K: Kaleo La Belle. T: Ulrich Schaffner. S: Margot Zanni. M: Daniel Hobi. V, W: Hochschule für Gestaltung und Kunst (Zürich).
Digital Beta, Farbe, 27 Minuten, Schweizerdeutsch.


09.11.2006, 16:18 | Kommentare(0) | Permalink

Sonjas Rückkehr [Tobias Ineichen]

Von Veronika Grob [ Sélection CINEMA ]
Sonjas Rückkehr

Auf den Fernsehfilm Sonjas Rückkehr waren im Frühling 2006 alle gespannt: Würde sich Melanie Winiger auch in einer dramatischen Rolle bewähren? Die ehemalige Miss Schweiz gab ihr Filmdebüt als Rekrutin Bluntschi in Achtung, fertig, Charlie! und verhalf der RS-Komödie unter anderem mit einer heissen Duschszene zu grandiosem Publikumserfolg. Danach zog sie sich eine Weile zum Schauspielstudium in die USA zurück, bevor sie nun mit Sonjas Rückkehr wieder auf den hiesigen Bildschirmen zu sehen war. Und ja, sie hat die Feuerprobe bestanden! Mit rotziger Verletzlichkeit gibt sie die gerade aus dem Knast entlassene Mutter, die um ihr Kind kämpft, und vermeidet trotz des an sich kitschigen TV-Stoffs jegliches Pathos.

Es klingt schon im Titel an – eigentlich ist Sonjas Rückkehr ein klassisches Herz-Schmerz-Rührstück aus der Fernsehküche: Junge Frau hat wegen Mordes an ihrem Ehemann Jahre unschuldig im Knast gesessen und möchte nun – endlich wieder draussen – nur ihren Sohn sehen. Diesem wurde jedoch gesagt, seine Mutter sei tot, der böse Schwiegervater meldet Besitzansprüche an und verbietet ihr, den Kleinen zu besuchen. Was aus der Geschichte ein «TV-Movie plus» macht, ist die komplexe Rolle der Sonja, welche nicht bloss unschuldig und rührselig ihre Muttergefühle hegt, sondern rebellisch («mit em Chopf dur d’Wand») für ihren Sohn kämpft und dabei gegen einige Bewährungsauflagen verstösst. Leider fokussiert das TV-Movie gar stark auf die verzweifelten Erziehungsmassnahmen ihres Schwiegervaters (Urs Hefti), der es zwar gut meint, aber mit der Fürsorge für seinen Enkel vor allem seine eigenen Schuldkomplexe verdrängt. Wie sich herausstellt, ist er sogar mitverantwortlich dafür, dass Sonja im Gefängnis landete. Mehr Zeit dagegen hätte man dem herzigen Secondo-Geschwisterpärchen (Oliver Zgorelec, Fitore Aliu) gewünscht, das Sonja bei ihrem Kampf um ihren Sohn schliesslich tatkräftig unterstützt.

Mit Sonjas Rückkehr ist dem Schweizer Fernsehen ein rührendes, schwungvolles und tief in der Schweizer Mittelland-Mentalität verwurzeltes Melodrama gelungen, das an einem Sonntagabend über 600'000 Zuschauer begeistern konnte. Sowohl Drehbuchschreiber Dave Tucker wie die junge Produktionsfirma HesseGreutert konnten mit diesem Projekt ihren ersten Langspielfilm realisieren, während sich Regisseur Tobias Ineichen schon als Lüthi-und-Blanc-Regisseur, mit dem SF-Film Dilemma und dem Tatort Schneetreiben einen Namen gemacht hat. Kameramann Felix von Muralt dagegen ist ein Bilder-Profi, der zudem mit dem Kurzfilm Visite médicale eben seine erste Regiearbeit vorgelegt hat. Vor allem aber konnte Melanie Winiger beweisen, dass sie nicht nur schön ist, sondern auch schauspielerisch einiges auf dem Kasten hat. Das Jahr 2006 könnte denn auch glatt zum Melanie-Winiger-Jahr erklärt werden. Nach Sonjas Rückkehr ist sie auch in zwei Kinofilmen zu sehen, in Peter Luisis Slapstick-Komödie Love Made Easy und Mike Eschmanns Hip-Hop-Drama Breakout.


P: HesseGreutert Film (Zürich), SF 2006. B: Dave Tucker. R: Tobias Ineichen. Kamera: Felix von Muralt. T: Patrick Becker. S: Lilo Gerber. M: Fabian Römer. D: Melanie Winiger, Urs Hefti, Marlon Altenburger, Michael Finger, Suly Röthlisberger, Renate Steiger, Oliver Zgorelec u. a. V: HesseGreutert (Zürich). W: Telepool (Zürich).
Digital Beta, Farbe, 90 Minuten, Schweizerdeutsch.

09.11.2006, 16:04 | Kommentare(1) | Permalink

Irène Schweizer [Gitta Gsell]

Von Sonja Eisl [ Sélection CINEMA ]
Irène Schweizer

«Ein Mädchen gibt den Ton an!», titelt die Illustrierte «Sie & Er» Anfang der Fünfzigerjahre, als die Schweizer Jazzpianistin Irène Schweizer am Amateurjazzfestival Zürich ihren ersten Erfolg mit dem eigenen Trio feiert. Wie aussergewöhnlich nicht bloss der Sieg, sondern nur schon die Teilnahme am Wettbewerb für eine Frau damals war, zeigt der Hauptpreis: ein Herrenhemd. Diese Episode aus dem neuen Dokumentarfilm Irène Schweizer von Gitta Gsell (Propellerblume [1997], Lilo & Fredi [2004]) könnte stellvertretend für das Leben der Porträtierten stehen, die nonkonform und innovativ den anderen immer ein wenig voraus war – ob als musikalische Pionierin und Autodidaktin oder als Kämpferin für die Rechte von Frauen und Homosexuellen. Mit viel Gespür für persönliches Timbre nähert sich Gsell einer Meisterin des (eigenen) Rhythmus, einer sperrigen Persönlichkeit, die zugleich bodenständig und nahbar wirkt. Gerade so, als ob sie nie vom heimatlichen Schaffhausen, wo sie im elterlichen Gasthof während der Kriegsjahre erstmals mit Jazz in Berührung kam, in die weite Welt gezogen wäre, um Musikgeschichte zu schreiben.

In chronologischer Abfolge werden die einzelnen Dekaden seit Schweizers Geburt 1941 mit der Gegenwart verwoben. Eine Kommentarstimme (Gilles Tschudi) begleitet Archivbilder von Wochenschauen und Privataufnahmen und schafft so einen fliessenden Übergang zwischen Zeitgeschichte und Biografie. Auf der Tonebene spielt jedoch die Jazzmusik die erste Geige, die das visuelle Geschehen oft kongenial unterstützt, um schliesslich immer wieder mit den tanzenden Fingern Schweizers bildlich zu verschmelzen. Um die Gegenwart zu repräsentieren, verwendet Gsell hier vor allem Konzertmitschnitte aus jüngerer Zeit, Interviewsequenzen mit Bekannten Schweizers sowie Aufnahmen, die diese privat beim Jassen mit Freundinnen oder beim Schwimmen im Zürichsee zeigen.

Mittels Split Screen wird Vergangenes und Aktuelles, werden Beschreibende und Beschriebene einander gegenübergestellt. Dieser äusserst raffiniert gehandhabten Bilddramaturgie verdankt der Film zahlreiche unterhaltsame und pointierte Momente. Sie symbolisiert aber auch die Wichtigkeit der verschiedenen Ereignisse und Stationen, die nicht nur für die Entwicklung der Privatperson und der Musikerin Schweizer, sondern für diejenige einer ganzen Generation prägend waren. In 75 Minuten gelingt Gsell so eine gesellschaftspolitische wie musikalische Zeitreise: von der dixiebegeisterten Aktivdienstgeneration, über die Quasiemigration der legendären Township-Combo «The Blue Notes» ins Zürcher Jazzcafé «Africana» bis hin zu den berüchtigten Globuskrawallen und Kunsthappenings der 68er, wo ziviler Ungehorsam noch Pflicht und «Kaputt-spiel-Musik» (so nannte man den Freejazz in seinen Anfängen) eine Provokation war.

Gitta Gsell präsentiert uns keinen übermenschlichen Superstar sondern eine stets in Zürich verwurzelt gebliebene Altmeisterin ihres Fachs mit internationaler Ausstrahlung und schweizerischer Bescheidenheit, die ihr ganzes Leben in den Dienst der Jazzmusik gestellt hat. Bezeichnenderweise zeigt das Schlussbild Schweizers Flügel, während die Pianistin sich ausserhalb des Bildrands wohl vor dem hörbar begeisterten Publikum verneigt.


P: Reck Filmproduktion (Zürich). Mirapix (Zürich), SRG SSR idée suisse, Teleclub (Zürich), 3sat, SF 2005. B, R: Gitta Gsell. K: Hansueli Schenkel. T: Dieter Meyer. S: Kamal Musale, Gitta Gsell. M: Originalkompositionen von Irène Schweizer, Maggie Nicols, Joëlle Léandre, Pierre Favre, Louis Moholo, Han Bennink, Jürg Wickihalder, Hamid Drake, Fred Anderson, La Lupa, Co Streiff. V: Filmcoopi (Zürich). W: Reck Filmproduktion (Zürich).
Digital Beta/35mm, Farbe und s/w, 75 Minuten, Schweizerdeutsch, Deutsch, Englisch (deutsche und englische Untertitel).


09.11.2006, 16:00 | Kommentare(0) | Permalink

Tarte aux pommes [Isabelle Favez]

Von Doris Senn [ Sélection CINEMA ]
Tarte aux pommes

Eine Katze. Eine Bäckersfrau. Ein Metzger. Ein Jäger mit Hund. Die Katze trägt ein Glöckchen, das den Metzger nachts nicht schlafen lässt. Die verliebte Bäckerin stellt dem Metzger jeden Tag heimlich einen Apfelkuchen vor die Tür. Der Jäger bringt seine erlegten Hasen zum Metzger, während der Hund jeweils ungesehen vom Apfelkuchen nascht. So eröffnet der Animationsfilm Tartes aux pommes seinen Erzählreigen und fügt Missverständnis an Missverständnis und Missgeschick an Missgeschick – um schliesslich, nach immer wieder überraschenden Wendungen, in einer pfiffigen Schlusspointe zu enden. Die 32-jährige Bernerin Isabelle Favez hat sich mit ihren Animationsfilmen bereits einen klingenden Namen gemacht und schafft es auch hier, mit einfachen Mitteln eine gewitzte Geschichte zu erzählen. Wie in einem Kinderreim fügen sich in Tarte aux pommes eine Handvoll Elemente zu einer Erzählspirale, die sich um ein Leitmotiv – das Glöckchen der Katze – dreht. Und wie schon in der Endlos-Liebesgeschichte Replay (1999), ihrem Abschlussfilm an der HGKZ, verschlauft Favez geschickt und humorvoll Figuren und Handlungsfäden.

Tarte aux pommes basiert auf einer 2-D-Animation in einer schlichten und bunten Szenerie aus Tuschzeichnung und bunten Papiermustern, aus denen auch die rundlichen Figürchen mit den Punkt-Punkt-Strich-Gesichtern geschaffen sind. Die Handlung kommt praktisch ohne Worte aus: Lautmalerisches ersetzt den Dialog, während die Zigeunermusik der Gruppe Bratsch der Story etwas Balkan-Flair verleiht. Mit Tarte aux pommes bleibt Favez ihrem Lieblingsthema vom Fressen und Gefressenwerden treu, das sie schon in Les voltigeurs (2002) und Circuit marine (2003) zu kleinen Erzählungen fügte. Angereichert mit amourösen Verstrickungen – weil Liebe bekanntlich durch den Magen geht – ist daraus eine muntere kleine Fabel entstanden, die für Kinder und Erwachsene gleichermassen funktioniert und für die Favez bereits erste internationale Auszeichnungen erhalten hat.


P: Swiss Effects (Zürich), SF 2006. B, R: Isabelle Favez. S: Fee Liechti. T: Guido Keller, Loïc Burkhardt. M: Bratsch. V, W: Swiss Effects (Zürich).
35 mm, 10 Minuten, Farbe, ohne Dialog.




09.11.2006, 15:53 | Kommentare(0) | Permalink
Posts  1 - 10 /30