KussKuss - Dein Glück gehört mir [Sören Senn]

Von Sonja Wenger [ Sélection CINEMA ]
KussKuss

Eigentlich sind sie ein schönes Paar, die resolute Ärztin Katja und der vergeistigte Humanwissenschaftler Hendrik. Die beiden leben in einer gemütlichen Wohnung in Berlin und einer eingespielten Beziehung. Katja forscht gegen den Krebs, Hendrik versucht, an einem Buch zu schreiben, und es könnte noch lange so weitergehen. Doch dann beobachtet Katja im Krankenhaus einen Streit zwischen der jungen Algerierin Saïda und einem Mann. Durch ihr gut gemeintes Eingreifen liefert sie Saïda, die sich illegal in Berlin aufhält, kaum Deutsch spricht und als Putzfrau arbeitet, beinahe an die Polizei aus. Saïda verliert ihre Papiere, kann aber flüchten. Voller Schuldgefühle nimmt Katja die junge Frau mit zu sich nach Hause. Hendriks zurückhaltende, beinahe zynische Reaktion darauf kann sie nicht verstehen. Saïda helfen zu wollen, ist für Katja selbstverständlich. Doch Hendriks Worte, dass es sich dabei um «eine Gleichung mit vielen Unbekannten» handle, wird sich bald als geradezu prophetisch herausstellen. Katja versucht, für Saïda einen Pass aufzutreiben, hätschelt und kleidet sie ein und muss sich von Hendrik den Vorwurf anhören, sie tanze «um ihr Goldenes Kalb herum». Sie geht gar so weit, Hendrik und Saïda eine Scheinehe vorzuschlagen. Geflissentlich übersieht sie dabei, dass sich zwischen den beiden längst eine Beziehung anbahnt. Als Katja dies zufälligerweise herausfindet, sind die Heimlichkeiten vorbei. Saïda beginnt nun ganz offen um Hendrik zu kämpfen – und Katjas Verhalten wechselt von einem Extrem in das andere.

KussKuss ist Sören Senns Abschlussfilm an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf, mit dem er den Babelsberger Medienpreis 2005 gewonnen hat. Der Regisseur reduziert das überwältigende Thema Migration auf eine einzelne, greifbare Geschichte und entlarvt Schuldgefühle als eine der Antriebsfedern für so genannt edelmütiges Verhalten. Frei von sämtlichem dramaturgischen Ballast wird die Geschichte geradlinig erzählt, keiner der Charaktere wird geschont oder erhält einen besonderen Sympathiebonus. KussKuss ist ein kompromissloser Film, in dem niemand gewinnt oder verliert, recht oder unrecht hat; in dem alle an irgendeinem Punkt der Geschichte einmal Opfer und einmal Täter sind. Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, kann man sich gut mit den Figuren identifizieren. Das Bedürfnis, gegenüber den Schwächeren grossherzig zu sein, wird immer auch überschattet von den eigenen Existenz- und Verlustängsten. Diese Widersprüche werden von allen Darstellern und Darstellerinnen äusserst zurückhaltend, feinfühlig und emotional intensiv gespielt. Nicht zuletzt durch diese hervorragenden Leistungen bezieht der Film denn auch seine Authentizität. Der Gegensatz von Schein und Sein wird durch musikalische und farbliche Stimmungsbilder spielerisch aufgegriffen. In der deutschen Fassung hat der Regisseur zudem bewusst auf eine Untertitelung von Saïdas Worten verzichtet, wodurch sich das Erleben des Nichtverstehens noch verstärkt.


P: Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf (Potsdam), Novapool Production (Berlin) 2006. B: Kathrin Milhahn, Sören Senn. R: Sören Senn. K: Marc Christian Weber. T: Kuen-II Song, Lars Ginzel. S: Kristine Langner. M: Boris Bergmann. D: Carina Wiese, Axel Schrick, Saïda Jawad, Victor Choulmann, Daniel Stock. V: Cineworks (Basel). W: Novapool Production (Berlin).
35 mm, Farbe, 95 Minuten, Deutsch (englische Untertitel).

03.11.2006, 16:12 | Permalink

La vérité vraie [Tania Zambrano-Ovale]

Von Doris Senn [ Sélection CINEMA ]
Vérité vraie

Erwachsene tun oft so, als gäbe es eine klare Grenze zwischen Wahrheit und Lüge. Dabei wissen alle aus eigener Erfahrung, dass die beiden Kategorien erstens nahtlos ineinander übergehen, sie zweitens weit davon entfernt sind, eindeutig gut oder böse zu sein – und es drittens eine Rolle spielt, aus welchem Grund Unwahrheiten aufgetischt werden. Diesen komplexen Umgang mit der Realität müssen Kinder erst lernen. Darum dreht sich Tania Zambrano-Ovalles neuer Kurzfilm.

La vérité vrai handelt von einem achtjährigen Jungen, seiner Mutter und seinem Vater. Aus dem Off erzählt der Kleine, wie alles seinen harmonischen Alltagsverlauf nimmt – zumindest bis zu dem Tag, an dem der Vater bei seiner Tätigkeit in der Sägerei eine Hand verliert und arbeitslos wird. Da entdeckt der Vater als neues Hobby das Kino und die Filme Charlie Chaplins. Im Kreise der kleinen Familie imitiert er dann jeweils die Tricks des grossen Komikers und sorgt so für viel Heiterkeit. Doch die Idylle endet abrupt, als er eines Tages in aller Früh aufbricht – um nie wieder nach Hause zu kommen. Was sich erst als herzliches Treffen zwischen Vater und «Meister» Chaplin ausnimmt – und was der Kleine stolz all seinen Schulkameraden erzählt –, enthüllt sich bald als «Lüge». Der kleine Junge steht zu Unrecht als Aufschneider da und erfährt erst jetzt, was tatsächlich geschehen ist: nämlich ein Unfall, der seinen Vater das Leben gekostet hat und diesen nie wieder zurückkehren lässt.

Wie schon in ihrem preisgekrönten Vorgänger La limace (2005) erzählt die Filmemacherin auch in ihrem neuen Kurzfilm die Welt aus der Sicht der Kinder. Und auch hier steht im Mittelpunkt wieder eine der grossen Hürden des Erwachsenwerdens, die sie mit viel Originalität bei Kamera und Schnitt in Szene setzt: Ging es bei La limace um den ersten Kuss, steht hier der Umgang mit dem Tod im Zentrum. Und damit, wie mit gewissen schmerzhaften Aspekten der Wirklichkeit umzugehen sei, wozu auch gehört, die andern manchmal hinters Licht zu führen. Mit viel Geschick verschränkt Tanja Zambrano-Ovalle in La vérité vraie Realität und Vorstellungswelt, indem sie beide Sachverhalte dramaturgisch auf dieselbe Ebene stellt und so auch das Publikum – ähnlich dem kleinen Hauptdarsteller – erst im Lauf der Erzählung die «richtige» Variante der Wirklichkeit herausfiltern lässt. So veranschaulicht die Regisseurin äusserst einfühlsam und humorvoll, wie Kinder ihre Umgebung wahrnehmen und wie sie oft auf schmerzhafte Weise lernen müssen, die vielschichtigen Zeichen der Erwachsenenwelt zu deuten.


P: Tell me prod. (Lausanne), Bleeph tech (Lausanne) 2006. R, B: Tania Zambrano-Ovalle. S: Thierry Faber. K: Patrick Tresch. T: Marc von Stürler. M: Gabrielle Zappelli. D: Robin Torrent, Thierry Jorand, Valeria Bertolotto u.a. W, V: Tell me prod. (Lausanne), Beeph tech (Lausanne).
16 mm/35 mm, Farbe, 9 Minuten, Französisch.


03.11.2006, 16:06 | Permalink

La petite dame du Capitol [Jacqueline Veuve]

Von Daniel Däuber [ Sélection CINEMA ]
Capitole

Eine kleine, gebückt gehende Frau steigt behände in einen Heizungskeller hinab und macht sich geübt an den Schaltungen zu schaffen. Sie erklärt präzise, was sie macht. Dieser Kommentar – im Off oder direkt in die Kamera gesprochen – durchzieht den ganzen Dokumentarfilm von Jacqueline Veuve, der eine Person ganz ins Zentrum rückt: Lucienne Schnegg, 81-jährige Besitzerin des Lausanner Kinos «Capitole», das mit 867 Plätzen und einer riesigen Leinwand eines der grössten der Schweiz ist. Mit jugendlicher Stimme erzählt die alte Frau die Geschichte des Hauses, während sie dort herumwuselt und als «Seele des Kinos» dieses Relikt aus einer anderen Zeit am Leben hält.

Im Januar 1925 in Tavannes geboren, entdeckte Madame Schnegg schon früh die Liebe zu den bewegten Bildern und entschied, selbst als sie von zwei Verehrern gleichzeitig umworben wurde, sich ohne lange zu überlegen für Charles Chaplin, Shirley Temple und Fernandel. Immer wieder illustrieren eingeschobene Filmstills, Plakate und Tonbeispiele die in besagtem Kino aufgenommenen Interviewpassagen. In Wochenschau-Ausschnitten wird der Bau des Kinos 1928 gezeigt, und Fotos der ursprünglichen Architektur vergegenwärtigen die grosszügig konzipierten, edel ausgestatteten Räume. 1949 begann Lucienne Schnegg ihre Arbeit als Sekretärin im «Capitole», welches 1959 einer Renovation unterzogen wurde. Mit Stolz und Scharfsinn lässt die alte Dame die Historie «ihres» Kinos Revue passieren.

Beim Rückblick auf die Goldenen Fünfzigerjahre, die eigentliche Hoch-Zeit des Kinos, kommen weitere Interviewpartner zu Wort. Sie berichten, wie die Leute bereits Wochen vor der Premiere ihre Billette kauften; nicht selten hätten die Stammgäste auch ihren festen Platz gehabt. Von langen Schlangen vor dem Kino hört man und davon, dass einen Monat lang jede Vorstellung von The Longest Day (USA 1962) ausverkauft gewesen sei. In dieser Zeit war eine Kinovorstellung noch ein gesellschaftlicher Anlass, zu dem man elegant gekleidet erschien, die Platzanweiser trugen Uniform.

Auch vom Tod ihres Chefs 1982 und der durch einen Rechtsstreit um vierzehn Jahre sich hinziehenden Übernahme des Hauses berichtet Madame Schnegg sachlich und fast ungerührt. Nur als sie von Roger Moores Besuch oder ihrer Heimfahrt im Auto der spanischen Königin erzählt, beginnen ihre Augen zu leuchten. Einen kurzen Moment lang versagt ihre Stimme, als ein nächtlicher Überfall zur Sprache kommt. Respektvoll und doch mit gutem Blick für die Einsamkeit der Porträtierten zeichnet Veuve ihren «Star»: Allein kassiert, ordnet und putzt Lucienne Schnegg nicht nur; sie wurde auch von den Verleihern allein gelassen, muss sich mit den «Krümeln» des Filmgeschäfts begnügen, weil ihr Saal nicht gleichermassen rentiert wie die Multiplex-Kinos.

Jacqueline Veuve setzt den beiden grossen alten Damen – dem Lausanner Kino «Capitole» und dessen unermüdlicher Betreiberin Lucienne Schnegg – mit diesem Dokumentarfilm ein würdiges Denkmal.


P: Aquarius Film Production (Les Monts-de-Corsier) 2005. R: Jacqueline Veuve. B: Jacqueline Veuve, Anne Pellaton (Mitarbeit). K: Peter Guyer, Pierre Reischer. T: Blaise Gabioud, Benedikt Fruttiger. S: Loredana Christelli. M: André-Daniel Meylan.
V, W: Aquarius Film Production (Les Monts-de-Corsier).
Digital Beta, Farbe, 55 Minuten, Französisch (deutsche und englische Untertitel).


03.11.2006, 16:03 | Permalink

Schnäbi [Luzius Wespe]

Von Nathalie Jancso [ Sélection CINEMA ]
Schnäbi

Der vierzehnjährige Leander hat sich in die hübsche Martina verknallt, die ihm die Geometrieaufgaben erklärt. Bei seinem ersten Anbaggern ist er zwar verlegen, möchte dann aber immerhin wissen, wie es sich anfühlt, wenn es beim Herumrennen im T-Shirt so rauf- und runterhüpft. Doch von ihm lässt sich Martina die Frage gerne gefallen.

Leanders Annäherungsversuch bleibt nicht unbemerkt. Joni aus seiner Klasse beobachtet die beiden auf dem Schulhof. Und schon beginnen in der Umkleidekabine vor dem Turnunterricht die Hänseleien. Leanders Klassenkameraden sind überzeugt: Zu so einer wie Martina passt nur einer, der auch genug in der Hose hat! Das Geodreieck wird gezückt und reihum gereicht. Doch Leander weigert sich, sein «Schnäbi» zu messen. Schämt er sich etwa dafür? In der nächsten Turnstunde traut er sich nicht zu seiner «Neuen» zu stehen und auch in der Geometrie lacht er lieber mit den Jungs, als Martina zu verteidigen. Sie zeigt ihm daraufhin die kalte Schulter. Doch Leander lernt aus seinen Fehlern und stellt sich schliesslich auf ihre Seite, was die beiden einander am Ende auf höchst unkonventionelle Art und Weise näher bringt.

Pubertäre Unsicherheiten, Hierarchien in der Turnumkleidekabine, die Angst davor, ein Aussenseiter zu sein und vorsichtige erste Annäherung zwischen den Geschlechtern – Luzius Wespe nimmt sich dieser Themen in seinem Kurzfilm Schnäbi mit viel Gespür für seine jungen Protagonistinnen und Protagonisten und mit feinem Humor an. Erwachsene im Publikum fühlen sich unweigerlich in jene Tage zurückversetzt, als ein harmloses Gespräch zwischen Junge und Mädchen bereits die Gerüchteküche zum Brodeln brachte und jeder verschämte Blick in Richtung der Angebeteten mit rüden Witzen kommentiert wurde.

Felix Tunger als Leander nimmt man seine Unentschlossenheit und Verlegenheit, sein Lavieren zwischen dem Mädchen seiner Träume und seinen Klassenkollegen jederzeit ab, und auch die anderen jugendlichen Darstellenden spielen mit überzeugender Frische.

Der Film wurde an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich als Abschlussfilm produziert und für den Förderpreis 2006 nominiert.


P: Hochschule für Gestaltung und Kunst (Zürich) 2006. B, R: Luzius Wespe. K: Nicolo Settegrana. T: Ivo Schläpfer. S: Claudio Cea. M: Nadja Zela. D: Felix Tunger, Maja Bader, Manuel Neuburger, Benedikt Lustenberger, Kilian Hurschler, Salomo Schweizer, Andy Knezic, Katharina Medic. V, W: Hochschule für Gestaltung und Kunst (Zürich).
16mm/Digital Beta, Farbe, 13 Minuten, Schweizerdeutsch.


03.11.2006, 16:00 | Permalink

Zwischen den Welten [Yusuf Yesilöz]

Von Natalie Böhler [ Sélection CINEMA ]
Zwischen den Welten

Zwischen den Welten ist ein filmisches Porträt von Gül Dogan, der Tochter türkisch-kurdischer Gastarbeiter. Sie kam im Alter von zehn Jahren in die Schweiz und lebt seither in Winterthur. Nun ist sie Mitte dreissig, eingebürgerte Schweizerin, Mutter zweier Töchter und arbeitet fürs Winterthurer Bevölkerungsamt. Ihr Landsmann Yusuf Yesilöz begleitet sie durch ihren Alltag. Diese Begegnung stellt verschiedene Themenbereiche der Migration dar und ergründet, welche Konsequenzen die Werte der Herkunftskultur haben, wo Konflikte entstehen und wie sie sich auf das Leben in der neuen Heimat auswirken.

Güls Adoleszenz war geprägt von der Loslösung vom strengen Vater, von der Koranschule und der frühen Heirat mit dem Cousin aus der Türkei. Yesilöz wirft hier einen Seitenblick auf patriarchale Strukturen, Traditionen und religiöse Haltungen, an denen im Exil verstärkt festgehalten wird.

Auch Güls Familie und Freunde kommen zu Wort. Ihre beste Freundin aus Schultagen erinnert sich an einen eindrücklichen Besuch bei Güls Familie: Im Kochtopf auf dem Herd habe ein ganzer Schafskopf geschmort. Das sei ihr dann schon etwas fremd gewesen, meint sie lächelnd. Gül fühlt sich wohl in der Schweiz; beim Betrachten von Fotos ihres türkischen Heimatdorfs empfindet sie Sehnsucht und den Wunsch, ihre Kinder mögen viel Zeit im Dorf verbringen, um es lieben zu lernen. Auf die Frage des Regisseurs, ob dies denn realistisch sei, bricht Gül in Tränen aus. Der Verlust der ehemaligen Heimat schmerzt, weil Letztere unerreichbar ist, eine Utopie aus der Vergangenheit. Gül fährt kaum hin, auf den Videoaufnahmen aus der Türkei fehlt sie. Die Bilder wirken eigenartig befremdend und geisterhaft leer.

Das Leben in der Schweiz ist viel einfacher und der Wohlstand angenehm, sagt Gül. Beispielsweise gebe es viel mehr Auswahl an Lebensmitteln, und die Schweizer Küche sei toll. Selbst ihre Mutter esse mittlerweile gerne Käsefondue. Schafskopf, so ahnt man, kocht hier schon lange niemand mehr. Der Film erzähle von einer gelungenen Integration, ist im Verleihtext zu lesen. Allerdings fragt man sich aufgrund der schmerzlichen Brüche, die teilweise nur flüchtig oder zwischen den Zeilen ausgesprochen werden, ob Integration vor allem Assimilation bedeuten muss.

Das gelungene Aufzeigen dieser Brüche macht Zwischen den Welten zu einer reichhaltigen, nachdenklichen Studie zum Thema Migration.


P: Reck Filmproduktion (Zürich), 3sat, SF 2005. R: Yusuf Yesilöz. K: Hansueli Schenkel. T: Olivier Jeanrichard. S: Dieter Gränicher. V: Filme für eine Welt (Bern). W: Reck Filmproduktion (Zürich).
Digital Beta, Farbe, 54 Minuten, Schweizerdeutsch, Deutsch, Kurdisch-Zaza, Türkisch (deutsche und französische Untertitel).




03.11.2006, 15:57 | Permalink

Building the Gherkin [Mirjam von Arx]

Von Julia Marx [ Sélection CINEMA ]
Gherkin

Zigarre, Rakete, Fabergé-Ei, Tannenzapfen, Essiggurke, Patrone: Wenige Gebäude haben die Fantasie der Betrachtenden so angeregt wie das konisch geformte Swiss-Re-Hochhaus in London. Durchgesetzt hat sich schliesslich die Bezeichnung «Gherkin», also Gurke. Building the Gherkin heisst denn auch der Dokumentarfilm, in dem die Regisseurin Mirjam von Arx die Entstehung dieses Wolkenkratzers begleitet.

Wir sehen, wie das Beton-Fundament gegossen, wie der erste Stahlträger aufgerichtet und in Schwindel erregender Höhe die Glaslinse in die Spitze des Gebäudes eingesetzt wird. Am Ende schiesst der ganze Turm noch einmal im Zeitraffer in die Höhe. Für etwas Spannung sorgt der regelmässig eingeblendete Countdown: Wird man rechtzeitig fertig werden? Mehr dramatisches Potenzial findet von Arx in Interviews mit den Menschen, die massgeblich an dem Turmbau von London beteiligt sind: der Stadtplaner, der dem Standort London mit einem modernen Wahrzeichen ein zukunftsträchtiges Image verpassen will; Stararchitekt Sir Norman Foster, dem viel daran liegt, endlich wieder ein Grossprojekt zu realisieren; der Bauherr, der Schweizer Rückversicherer Swiss Re, der mit herausragender Architektur das Plazet der Stadt ergattern und einen repräsentativen Firmensitz schaffen möchte. Alle drei brauchen einen Prestigebau, doch das schliesst Konflikte zwischen Kundenbedürfnissen und dem künstlerischen Konzept der Architekten nicht aus. So muss ein deutlich ungehaltener Foster in die saure Gurke beissen und hinnehmen, dass eine andere Firma mit dem Innenausbau beauftragt wird.

Bauen ist Business, zeigt uns der Film, und Prestige ist eine harte Währung. Ein Umstand, dem auch Building the Gherkin seine Existenz verdankt, denn er wurde komplett von der Swiss Re finanziert und von ihr auch zur Öffentlichkeitsarbeit eingesetzt. Allerdings sicherte man der Regisseurin Meinungsfreiheit zu.

Hauptfigur ist nicht, wie man hätte meinen können, Sir Norman Foster, sondern die Bauleiterin Sara Fox, die resolut die Interessen des Bauherrn vertritt. Die eiserne Lady führt uns mit Humor und sogar einem Quäntchen Emotion durch die «ups and downs» des Bauprozesses. Zu Letzteren gehört die anfängliche Ablehnung des Bauwerks, die sich in hämischen Übernamen wie «Erotic Gherkin» niederschlug, und der 11. September, der in eine frühe Bauphase fiel. Doch die Entstehung von derart Monumentalem verströmt leicht einmal einen feierlichen Optimismus, der schwerer wiegt. Auch, weil von Arx das ästhetische Schauspiel voll ausschöpft: Eine raffinierte Zeitrafferfahrt umkreist das Gebäude; Luftaufnahmen lassen dessen Spitze für Momente wie ein Mandala erscheinen. Wenn der schlanke Glasriese im Sonnenlicht glänzt oder nachts leuchtet wie ein glitzernder Weihnachtsbaum, ist das ein wundervolles Spektakel. Missglückt ist den Machern eigentlich nur die Namensgebung: Zwar schert sich keiner drum, aber die Gurke heisst offiziell «30 St Mary Axe».


P: Condor Films (Zürich), ican films (Zürich) 2005. B,R: Mirjam von Arx. K: Fred Rotkopf. T: Eddie Bannerman, Eric Arnaud. S: Janet Taylor. M: Diego Baldenweg. V: ican films (Zürich). W: Accent Films (Montreux).
Digital Beta, Farbe, 89 Minuten, Englisch (deutsche Untertitel).

03.11.2006, 15:50 | Permalink

Aschenbrüder [Steve Walker]

Von Veronika Grob [ Sélection CINEMA ]
Aschenbrüder

Nach Steve Walkers Aschenbrüder möchte man sich am liebsten zu einer Wanderung in den nebelverhangenen Jura aufmachen, denn die unbesiedelte jurassische Landschaft wird im lakonischen Roadmovie wunderbar in Szene gesetzt. Aschenbrüder ist der HGKZ-Abschlussfilm der beiden Berner Steve Walker und Markus Heiniger, die gemeinsam mit Lawrence Grimm auch das Drehbuch verfasst haben. Auf dem Set teilten sie sich jedoch die Arbeit: Walker übernahm die Regie, Heiniger die Kamera.

Mit subtilem Humor erzählen sie die Geschichte zweier entfremdeter Brüder, die sich zum ersten Mal seit Jahren an der Testamenteröffnung ihres Vaters wieder treffen. An das Erbe ist jedoch eine Bedingung geknüpft: Die beiden sollen gemeinsam ins Val de Travers reisen, um die Asche des Toten zu verstreuen. Die lange Autofahrt zwingt die beiden mürrischen Herren, sich miteinander auseinanderzusetzen. Unterschiedlicher könnten die Brüder nämlich nicht sein: Während sich der behinderte André, ein Uhrmacher wie sein Vater, liebevoll um Sammlerstücke kümmert, verkauft der grossspurige Endo gefälschte Rolex’ und prahlt mit seinem BMW. Doch nach und nach fällt sein Lügengebäude in sich zusammen: Der windige Geschäftsmann hat Schulden und befürchtet sogar, seine chinesischen Lieferanten verfolgten ihn bis in den Jura. Zu dumm, dass er die sperrige Pendeluhr, die ihm sein Vater vermachte, achtlos auf einem Feld stehen lässt, denn auf Ebay könnte er damit viel Geld verdienen. Zum Eclat kommt es, als Endo wegen einer Kuh auf der Strasse eine Vollbremse reissen muss und sich der ganze Inhalt der Urne im Auto verstreut. Nun sind die beiden verrussten Gesellen buchstäbliche Aschenbrüder.

Die Geschichte mag ein wenig altmodisch klingen, wurde jedoch äusserst sorgfältig inszeniert. Die einsilbigen und treffsicheren Dialoge, der bedächtige Rhythmus und die visuelle Ausdruckskraft machen den 22-minütigen Kurzfilm zu einem stimmigen Ganzen. Zudem konnten Walker und Heiniger für ihren Abschlussfilm mit Andreas Beutler, Fascht-e-Familie-Darsteller Andreas Matti und dem Lüthi-und-Blanc-Ensemblemitglied Hans-Joachim Frick eine professionelle Besetzung engagieren. Aschenbrüder zählt denn auch zu den Überfliegern des HGKZ-Abschlussjahrgangs 2006, wurde zu diversen Festivals eingeladen und vielfach preisgekrönt. Zu den Höhepunkten der Festivalkarriere zählt sicher, dass die beiden Diplomanden auf der Piazza Grande in Locarno in der Sektion «Pardi di domani» den Silbernen Leoparden entgegennehmen durften.


P: Hochschule für Gestaltung und Kunst (Zürich), SF 2006. B: Steve Walker, Markus Heiniger, Lawrence Grimm. R: Steve Walker. K: Markus Heiniger. T: Jürg Lempen, Carlos Ibanez, Marco Teufen. S: Caterina Mona, Jürg Krebs. M: Manuel Rindlisbacher, Ephrem Lüchinger. D: Andreas Matti, Andreas Beutler, Hans-Joachim Frick, Teddy Wassmer u.a. V, W: Hochschule für Gestaltung und Kunst (Zürich).
35mm, Farbe, 22 Minuten, Schweizerdeutsch, Deutsch und Englisch (deutsche und englische Untertitel).

01.11.2006, 18:43 | Permalink

Grounding [Michael Steiner/Tobias Fueter]

Von Veronika Grob [ Sélection CINEMA ]
Groundingbr />

2001 erlebte die Schweiz einen schwarzen Herbst: Nach der globalen Katastrophe am 11. September folgte zwei Wochen später mit dem Amoklauf im Zuger Kantonsparlament ein weiterer Schlag, der den Glauben an eine sichere Schweiz erschütterte. Die am 2. Oktober gestrandeten Swissair-Flugzeuge waren darüber hinaus das Sinnbild einer Schweiz am Boden. Denn natürlich war das Grounding mehr als ein bloss wirtschaftliches Fiasko: Mit der Swissair wurde auch ein Stück Schweizer Mythos begraben.

Einmalig in der Schweizer Filmgeschichte ist es, dass sich der Produzent PC Fueter mit den jungen Drehbuchautoren Jürg Brändle und Michael Sauter sowie dem Regisseur Michael Steiner nur kurze Zeit nach dem historischen Ereignis an die filmische Aufarbeitung dieses nationalen Traumas machte – Fueter möchte den Spielfilm Grounding denn auch als Beitrag zur Trauerarbeit verstanden wissen. Mutig war dieses Unternehmen auch deshalb, weil man zu jenem Zeitpunkt von den Beteiligten durchaus noch Klagen befürchten musste – auch wenn einem Spielfilm eher zugestanden wird, dass er komplexe Sachverhalten dramatisiert. So wird Gilles Tschudi als taktierender Ospel zum grinsenden Mephistopheles hochstilisiert, während mit Hanspeter Müller-Drossaart aus dem treuherzigen Corti ein tragischer Held wird.
Die Filmemacher entschieden sich im Vorfeld für eine gewisse Geheimniskrämerei, was der Produktion marketingtechnisch durchaus zugutekam: Nie löste ein Schweizer Film schon im Vorfeld so viel Spekulationen und ein solch grosses Medienecho aus.

Grounding fokussiert auf die Zeit kurz vor der Bankrotterklärung der Schweizer Luftfahrtgesellschaft. Im März setzt der Verwaltungsrat den ehemaligen Nestlé-Finanzchef Mario Corti als Konzernchef ein, der alles unternimmt, um das marode Unternehmen zu retten. Hinter verschlossenen Türen wird taktiert und verhandelt: Corti muss sich gegen den intrigierenden Crossair-Chef Moritz Suter zur Wehr setzen, verhandelt mit den Bankenchefs Ospel, Dosé und Mühlemann und bittet schliesslich den Bundesrat um Hilfe. Alles umsonst! Am 2. Oktober geschieht das Unfassbare: Die Flieger bleiben am Boden. Um neben den Topmanagern Identifikationsfiguren zu schaffen, haben die Filmemacher fiktive Nebenschauplätze mit Figuren gestaltet, die stellvertretend für jene stehen, die vom Konkurs der Swissair existenziell betroffen waren: eine Flugbegleiterin, die in New York strandet, italienische Einwanderer, welche ihr Leben lang bei GateGourmet schufteten und deren Sohn ausgerechnet bei der UBS arbeitet, und ein Mechaniker, der stellvertretend für die ganze Schweiz am Tag des Groundings einen Herzinfarkt erleidet.

Auch wenn mit diesen Nebensträngen zuweilen gar tief in die Emotionskiste gegriffen wird und man sich über das Postulat einer «Basler Verschwörung» streiten kann, so ist aus Steiners Grounding doch ein spannender Dokuthriller geworden, der vor allem auf formaler Ebene restlos überzeugt. Nach dem Vorbild von Steven Soderberghs Traffic (USA/D 2000) werden die verschiedenen Handlungsstränge des episodischen Dramas gekonnt miteinander verknüpft. Grossartig auch der rasante Schnitt von Tobias Fueter und Filip Zumbrunns dynamische Kamera, welche immer wieder überraschende Blickwinkel findet, um sich ganz nah an die konspirativen Treffen der Chefetage heranzuzoomen. Nur vier Monate nach dem fulminanten Erfolg von Mein Name ist Eugen haben Steiner und sein Team mit Grounding einen aufregenden Wirtschaftskrimi voller Herzschmerz vorgelegt, welcher die Schweiz nochmals an jene Unsicherheit erinnert, die sie im Herbst 2001 erschütterte.


P: C-Films (Zürich), La petite entreprise (Martigny), SF 2005. B: Jürg Brändli, Michael Sauter, Michael Steiner, René Lüchinger, Tobias Fueter. R: Michael Steiner, Tobias Fueter. K: Filip Zumbrunn. T: Patrick Becker. S: Tobias Fueter. M: Adrian Frutiger. D: Hanspeter Müller-Drossaart, Gilles Tschudi, László I. Kish, Michael Neuenschwander, Stephanie Japp, Hans-Heinz Moser, Leonardo Nigro u. a. V: Filmcoopi (Zürich), W: C-Films (Zürich).
35 mm, Farbe, 120 Minuten, Schweizerdeutsch.

01.11.2006, 17:13 | Permalink

Das Erbe der Bergler [Erich Langjahr]

Von Doris Senn [ Sélection CINEMA ]
Bergler

Wilderheuer heissen sie, und sie gelten als Ikonen des Schweizertums. Mit ihrem charakteristischen weissen Kapuzenhemd und den Holzschuhen repräsentierten sie nicht selten in Skulpturen und Gemälden, etwa von Ferdinand Hodler, gar den Urschweizer par excellence: Wilhelm Tell. Erich Langjahr porträtiert nun die letzten Vertreter dieses aussterbenden «Handwerks» in seinem Film Das Erbe der Bergler. Er zeigt, wie sie noch heute Ende Sommer hinaufsteigen, um die Bergwiesen zu mähen. Wie sie am Steilhang stehen, das Gras mit der Sense schneiden und es anschliessend in groben Netzen bündeln. Wie sie die Heuballen, unter deren Volumen sie fast verschwinden, zur Seilwinde tragen, die gewichtigen «Päcklein» dann am dicken Draht befestigen und ein paar hundert Meter talwärts zu den Ställen schicken, wo das Heu sorgsam für den Winter verstaut wird.

Aufgestöbert hat der Filmemacher diese letzten Wildheuer im Innerschweizer Muotatal. Einst war dort das Wildheuen von existenzieller Bedeutung: Männer ohne eigenes Land durften auf den hoch gelegenen Wildwiesen das Gras mähen, um einen Batzen dazuzuverdienen oder um das eigene Vieh damit durch den Winter zu bringen. Alte Fotografien zeigen ein ansehnliches Grüppchen – vor einem halben Jahrhundert waren es noch mehr als sechzig Heuer, die eine Woche und mehr auf der Alp zubrachten. Heute sind es bloss noch eine Handvoll, vorwiegend Ältere, die das Wildheuen aus Tradition aufrechterhalten.

Wie schon in seinen Filmen Sennen-Ballade (1996) oder Hirtenreise ins dritte Jahrtausend (2002), mit denen Das Erbe der Bergler eine Trilogie bildet, gibt Langjahr Einblick in ein friedvolles Mit-und-aus-der-Natur-Leben. Seinen erzählerischen Bogen beginnt er beim Schuhwerk. Bedächtig vertieft sich die Kamera in die Arbeitsschritte für dessen Herstellung und zeigt, wie sich das Sägeblatt durch das Holz fräst, wie gehobelt und geschmirgelt wird; wie schliesslich die Lederbändel über den «Holzschiffchen» angebracht und die extra geschmiedeten Griffeisen an die Sohle genagelt werden. Dann erst steigt die Kamera mit den Heuern hoch über die grünen Kuppen und das Felsgestein, über silbern glänzende Wasserläufe hinauf zu den Wildwiesen. Um sieben Uhr in der Früh beginnt das «Zirknen» – das Auslosen der Wiesenstücke –, man trinkt schwarzen Kaffee und «etwas Geistiges» und macht sich dann an die Arbeit.

Das Tun der Wildheuer dokumentiert der Film praktisch ohne Kommentar – einzig Insekten hört man summen, Holzschuhe knirschen, das Heu knistern. Kleine, urige Musikausschnitte (Hans Kennel), zusammengesetzt aus Juzern, Klatschen oder Klängen des Büchel, finden sich als markante Einsprengsel. In ruhigen Bildern zeichnet Langjahr, der selbst die Kamera geführt hat, eine Idylle – auch wenn er selbst nichts von Nostalgie wissen will. Das «Wissen um das einfache Leben» stehe für ihn im Vordergrund, meint er, und die innere Bedeutung dieser «Überlebenskultur», die sich der heutigen Zivilisation entgegensetze. So lässt Das Erbe der Bergler denn auch eintauchen in dieses harmonische Geben und Nehmen von Mensch und Berg – jedoch ohne die Berührungsflächen mit der Neuzeit auszublenden: Mit einem Augenzwinkern klingt der Film aus und zeigt das Nebeneinander von Tradition und Moderne, wenn sein Protagonist, der Wildheuer und Postangestellte Erich Gwerder, mit seinen Inlineskates durch die Gegend flitzt.


P: Langjahr Film (Root) 2006. B, R, K, S: Erich Langjahr. T: Silvia Haselbeck. M: Hans Kennel. V, W: Langjahr Film (Root).
35 mm, Farbe, 97 Minuten, Schweizerdeutsch, Deutsch (deutsche, englische Untertitel).


01.11.2006, 16:48 | Permalink

Eden [Michael Hofmann]

Von Sonja Eisl [ Sélection CINEMA ]
Eden

Spätestens seit Fried Green Tomatoes (John Avnet, USA 1991) wissen wir: Das Geheimnis liegt in der Sosse. In Eden liegt es in der Schoko-Cola-Sosse und will von der jungen Kellnerin Eden (Charlotte Roche) – nomen est omen – ergründet werden. Ohne zu wissen, dass sie gerade zum Verzehr eines Topfs Stierhoden verführt worden ist, taumelt Eden in Michael Hofmanns märchenhafter Tragikomödie glückselig berauscht von dannen. Es ist der Beginn einer aussergewöhnlichen Liebesgeschichte, deren heimliche Hauptprotagonistin die «Cucina erotica» des dicken Meisterkochs Gregor Barbier (Josef Ostendorf) ist. Dieser Koloss, der sich seit seiner frühsten Kindheit nichts sehnlicher wünscht, als einen stattlichen Bauch zu haben, versteht es wie kaum ein Zweiter, sich selber beim Kochen und seine Gäste beim Essen in Ekstase zu versetzen. Doch während seine Anhänger von weit her in das Sternelokal im beschaulichen Kurort pilgern und der «Gault Millau» in höchsten Tönen schwärmt, braut sich über den Wipfeln des Schwarzwaldes bereits ein Gewitter zusammen: Bald geht das Gerücht um, dass sich die Frau von Xaver Trepp (Devid Striesow), die schöne Eden, «auswärts Appetit hole»...

Die deutsch-schweizerische Koproduktion Eden ist der dritte Langfilm des Berliners Michael Hofmann. Der ursprüngliche Werberegisseur schafft es mit einem bis in die Nebenrollen (Manfred Zapatka, Max Rüdlinger, Roeland Wiesnekker, Pascal Ulli) hochkarätig besetzten Ensemble, eine dramaturgisch eher bescheidene, manchmal auch vorhersehbare Story in etwas aussergewöhnliches zu verwandeln, wie dies der Spitzenkoch mit seinen kulinarischen Kreationen tut. Der grossartige Theatermime Josef Ostendorf und das deutsche TV-Nachwuchstalent Charlotte Roche (in ihrer ersten Filmrolle) sind ein kongeniales Darstellerpaar. Mit ihren von unzähligen Grossaufnahmen eingefangenen Blicken, ihrem mal offenherzigen, mal bösartigen Lächeln erzählen sie eine Geschichte der Zwischentöne und Uneindeutigkeiten. Kontrastiert wird das sublime Spiel durch die orgiastischen Bilder vom Kochen und Schlemmen, unterlegt mit klassischer Musik von Vivaldi und Delibes.

Nicht zuletzt besticht der Film aber auch durch die vielen liebevoll gestalteten Momentaufnahmen und überraschende Einfälle wie die selbstreflexive Kommentarebene von Gregor. Es ist aber der an so manche skandinavische Produktion erinnernde skurrile, schwarze Humor, der den Film vor dem Abgleiten ins Kitschig-Dramatische bewahrt, und dafür verantwortlich ist, dass man – wie der Volksmund kalauert – trotzdem lacht.


P: Gambit Film und Fernsehproduktion (Ludwigsburg), Cine Plus (Berlin), C-Films (Zürich), SWR, BR und SF 2006. B, R: Michael Hofmann. K: Jutta Pohlmann. T: Rudi Guyer. S: Bernhard Wiesner, Isabel Meyer. Food Design: Frank Oehler. M: Florian Beck, Christoph Kaiser. D: Charlotte Roche, Josef Ostendorf, Devid Striesow, Loenie Stepp, Manfred Zapatka, Max Rüdlinger, Roeland Wiesnekker u. a. V: Filmcoopi (Zürich). W: Gambit Film (Ludwigsburg).
35 mm, Farbe, 103 Minuten, Deutsch.

01.11.2006, 09:53 | Permalink
Posts  21 - 30 /30