La vraie vie est ailleurs [Frédéric Choffat]

Von Thomas Hunziker [ Sélection CINEMA ]
La vraie vie est ailleurs

2003 präsentierte Regisseur Frédéric Choffat am Filmfestival in Locarno seinen Kurzfilm Genève–Marseille, in dem eine Frau und ein Mann sich im Zug von Genf nach Marseille näherkommen. Drei Jahre später hat der Filmemacher nun das Konzept zum Spielfilm La vraie vie est ailleurs ausgearbeitet, der in Locarno im Wettbewerb der «Cinéastes du présent» seine Welturaufführung feiern durfte. Ausgehend von der Frage, ob das wirkliche Leben woanders stattfinde, begleitet Choffat drei Menschen, die in Genf in den Zug steigen und auf der Fahrt durch die Nacht dem Leben begegnen. Abwechselnd werden die Erlebnisse der drei Zufallspaare weitererzählt.

Ein junger Mann möchte nach Berlin zu seiner Frau und dem neugeborenen Kind reisen, verpasst aber in Dortmund den Anschlusszug. Im verlassenen Bahnhofsgebäude trifft er auf eine hemmungslose Pariserin, die sein Leben kräftig durcheinanderwirbelt. Gleichzeitig fährt eine Forscherin nach Marseille, wo sie einen für ihre Karriere entscheidenden Vortrag halten soll. Nachdem sie für einen Mann im Zug die Fahrkarte bezahlt, bringt sie ihn nicht mehr los. Im dritten Erzählstrang begibt sich eine junge Italienerin, die in Genf aufgewachsen ist, mit ihrer Katze auf eine Reise nach Neapel, wo sie fortan leben möchte. Ein aufdringlicher Zugbegleiter bringt ihre Vorstellungen von der Welt aber ziemlich durcheinander. Wie unterschiedlich das Leben aus verschiedenen Blickwinkeln beurteilt werden kann, kommt in dieser Episode am deutlichsten zum Ausdruck. Als die Protagonistin sich über die Einschränkungen im «Paradies Schweiz» beschwert, erklärt der Zugbegleiter nur, dass er das Leben in einem Gefängnis dem Leben in einem Mülleimer vorziehe.

Choffat entschloss sich, die Geschichte ohne fertiges Drehbuch, mit einer minimalen Equipe zu drehen, nur mit ein paar Ideen im Kopf und der Erfahrung der Schauspieler, «um eine offenere Form auszuprobieren, die es erlaubt, einen Entwurf zu schaffen, der dem Dialog und dem improvisierten Spiel Platz lässt». Choffat spielt denn auch gekonnt mit den Emotionen seiner Protagonistinnen und Protagonisten, lässt sie zwischen Freude und Begeisterung, Wut und Elend hin- und herpendeln. In der Konfrontation zweier Personen konzentriert er sich auf die kleinsten Zeichen der Kommunikation. Die Nähe der Kamera erlaubt diesen intimen Einblick in die Gefühlswelt der erfrischend lockeren Schauspieler.

Nicht nur die Handlung und die Schauspieler vermögen zu überzeugen, auch die Kameraarbeit erweist sich als äusserst schwungvoll. Schon auf die erste Einstellung folgt ein erster Höhepunkt: eine knapp vierminütige Plansequenz, in der die Hauptfiguren auf ihrem Weg quer durch den Bahnhof von Genf begleitet werden. Damit gibt Choffat auch gleich den Rhythmus des Films vor. La vraie vie est ailleurs ist eine rastlose Fahrt durch die Nacht, in der selbst die ruhigen Momente in den engen Zugsabteilen ihre Spannung nicht verlieren. Während die Welt vor den Zugfenstern vorbeizieht, ist das wahre Leben überall.


P: Rita Productions (Genf), Oeil-Sud Film (Genf), TSR 2006. R: Frédéric Choffat. B: Frédéric Choffat, Julie Gilbert unter Beteiligung der Darsteller. K: Séverine Barde. S: Cécile Dubois. T: Jürg Lempen. D: Sandra Amodio, Vincent Bonillo, Jasna Kohoutova, Roberto Molo, Dorian Rossel, Antonella Vitali. V: Agora Films (Carouge). W: Rita Productions (Genf).
35 mm, Farbe, 81 Minuten, Französisch (deutsche Untertitel).



03.11.2006, 17:12 | Permalink

Riviera Cocktail [Heinz Bütler]

Von Sonja Wenger [ Sélection CINEMA ]
Riviera

Die Schönen und die Reichen, die Stars und die Künstler, die Primadonnen und die Millionäre – Edward Quinn hielt sie mit seiner Kamera fest: in bestechenden Schwarzweissfotografien, die er in den Goldenen Fünfzigern an der Côte d'Azur machte. Wenn die Stars zum Filmfestival von Cannes anreisten, im Carlton in Nizza logierten oder Onassis seine Yacht vor Monaco ankerte und damit die Haute Voilée wie das Licht die Motten anlockte: Der drahtige irische Fotograf war dabei. Entweder vor allen andern – dafür übernachtete er auch mal im Hotelkorridor – oder nach allen andern – wenn er sich im Badezimmer der Lollobrigida einschloss, bis der Ansturm vorbei war. Oft war Quinn aber auch einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort – etwa um Kim Novak, in selbstversunkener Attitüde an den Spiegel gelehnt, gerade noch vor dem Schliessen der Lifttür abzulichten.

Geboren wurde Quinn 1920 in Dublin. Er begann als Musiker, wurde während des Kriegs Funker und später Navigator für Charter-Airlines. Dabei lernte er seine Frau Gret kennen, er zog zu ihr nach Monaco und begann zu fotografieren – wobei er sein Wissen einzig aus Büchern bezog. Zuerst widmete er sich Pin-ups, als das zu wenig einbrachte, entdeckte er die Prominenz, die sich an der Côte d'Azur tollte. Audrey Hepburn und Alfred Hitchcock, Zsa Zsa Gabor und Gary Cooper, Edith Piaf und Brigitte Bardot, Alain Delon und Jane Fonda: Die Liste der Persönlichkeiten, die Edward Quinn vor seine Linse holte, ist lang und beeindruckend. Fern heutigen Paparazzitums sind seine Bilder stilvolle Ikonen – und darüber hinaus eigentliche Zeitdokumente einer unvergesslichen Epoche von Glanz und Glamour: In den Fünfzigerjahren konnten Fotos noch Karrieren initiieren, Schönheitsköniginnen zu Stars und Stars zu Prinzessinnen machen. Mit seiner zurückhaltenden Art und dank seiner künstlerischen Bravour besass Quinn das Vertrauen der High Society: Er begleitete Grace Kelly bei ihrer ersten Begegnung mit Fürst Rainier, er ging auf Onassis Yacht ein und aus, und er erwarb sich die Freundschaft Picassos, der nicht nur für Quinn posierte, sondern ihn auch während seiner Arbeit fotografieren liess.

Heinz Bütler, der sich mit seinen Porträtfilmen über Künstler im Rahmen der Fernsehproduktionen von NZZ Format, für die auch Riviera Cocktail entstand, einen Namen gemacht hat, erweist hier dem legendären Starfotografen Hommage. Als Zeitzeugen dienen ihm zum einen Gret Quinn, die nicht nur Quinns Fotos entwickelte, sondern seit seinem Tod 1997 auch sein Archiv (mehr als 100 000 Negative!) betreut. Zum andern Edward Quinn selbst, der amüsante Episoden aus seiner Laufbahn erzählt. Um die Fotos zum Leben zu erwecken, bedient sich Bütler einer experimentellen Vielschichtigkeit: nebst einem Off-Kommentar, der launige Fakten zur Zeitgeschichte einstreut, wählt er bilduntermalende Bruitage. Ausserdem improvisiert das Jazzquintett European Legacy zu den im Hintergrund der Band projizierten Fotografien – ein Dialog, der allerdings vor allem da überzeugt, wo die beiden Bildebenen nicht miteinander konkurrieren und die Musik sich ohne die Einblendung des Quintetts von Quinns Aufnahmen inspirieren lässt. Das Herzstück des Films bleibt allerdings die (Wieder-)Entdeckung des Fotografen und seiner einzigartigen Bilder.


P: NZZ Film (Zürich), SF, SSR SRG idée suisse 2006. B, R: Heinz Bütler. K: Matthias Kälin. T: Gabriele Kamm, Martin Witz, Dieter Meyer. S: Anja Bombelli. V: Filmcoopi (Zürich). W: NZZ Film (Zürich).
High Definition/35 mm, 96 Minuten, Deutsch, Englisch (deutsche Untertitel).




03.11.2006, 17:07 | Permalink

Alles bleibt anders [Güzin Kar]

Von Sonja Wenger [ Sélection CINEMA ]
Alles bleibt anders

Die sechzehnjährige Lisa Odermatt hat ein paar Probleme. Sie ist schwanger, der türkische Freund hat sie verlassen, ihre Eltern sind gegen das Baby, und die Chancen für eine gute Ausbildung hat sie so gut wie verpasst. Trotzdem will sie das Kind bekommen. Doch das ist nur der Anfang von Güzin Kars herzerfrischender Komödie Alles bleibt anders.

Kar, die in Deutschland und der Schweiz als Drehbuchautorin und Regisseurin arbeitet, hat nach Lieber Brad ein neues Feel-Good-Movie geschaffen, das mit leichter Hand ernste Themen beschwingt und heiter aufgreift. Und sie tut es ohne die Hauptgeschichte je aus den Augen zu verlieren, ohne auch nur einen Moment peinlich zu wirken und vor allem ohne Angst vor einer direkten und klaren Sprache. Kar vermischt in Alles bleibt anders Beziehungen, Ehekrisen, Liebe, Enttäuschung, Rassismus und Menschlichkeit zu einem gemütlichen Feuerwerk aus herzlicher Tiefgründigkeit. Wer hätte gedacht, dass eine Geschichte in einer fiktiven Zürcher Gemeinde, die von hartgesottenen «Bünzlis» und ihren kleinbürgerlichen Träumen handelt, so viel Spass machen kann? Wer hätte geahnt, dass in den allzu vertrauten Alltagsszenen und Verhaltensweisen so viel Leidenschaft und Herzblut steckt? Güzin Kar bedient hemmungslos jedes Klischee von Machos und Emanzen, von Gewinnern und Verlierern, von Hoffenden und Frustrierten, nur, um sie gleich darauf mit genauso viel Hingabe wieder ad absurdum zu führen. Und am Schluss gewinnt die pure Menschlichkeit.

Kaum hat sich Lisa entschieden, ihr Baby nicht abzutreiben, geht alles schief. Ihre Weigerung, die unerfüllten Hoffnungen und Wünsche ihrer Eltern zu leben, führt nicht nur zum Rausschmiss aus ihrem Zuhause, sondern auch zu der längst überfälligen Ehekrise ihrer Eltern. Und auch bei den Eltern ihres Freundes hängt der Haussegen schief. Doch gerade durch diese reinigenden Auseinandersetzungen finden beide Seiten neu zueinander, beginnen sich – zuerst noch heimlich – auf das Baby zu freuen und definieren neu, was eigentlich im Leben wichtig ist. Der Traum vom «eigenen Haus, eigenen Garten und dass es die Kinder mal besser haben sollen» hat da genauso Platz wie die Überwindung aller kulturellen und persönlichen Vorurteile.

Neben der Hauptdarstellerin Selina Weber in der Rolle der Lisa und Serhalt Leilek als ihr Freund Osman, brillieren Mike Müller und Nana Krüger als Lisas zunächst völlig überforderte, in engstirnigen Denkmustern gefangene Eltern. Aber auch Hilmi Sözer und Meral Perin als Osmans Eltern inszenieren die kulturelle Andersartigkeit – die so anders gar nicht ist – mit feinem Humor und beinharter Ernsthaftigkeit. Sie finden genau das richtige Mass an Pathos, das die Schauspieler und Schauspielerinnen zu absoluter Höchstform auflaufen lässt.

Ein grandioser Schnitt, eine witzige Bildkomposition, der Einsatz von Musik und Farbe tun das ihre, um Alles bleibt anders frisch, modern und sympathisch wirken zu lassen. Zu Recht hat Güzin Kar für ihre Geschichte 2004 den Drehbuchpreis der Schweizer Autorengesellschaft SSA erhalten. Wer von dem Charme dieses Filmes nicht berührt ist, sollte sich ein neues Herz suchen.


P: Langfilm (Freienstein), SF 2006. B, R: Güzin Kar. K: Pierre Mennel. T: Laurent Barbey. S: Kathrin Plüss. M: Balz Bachmann, Peter Bräker. D: Mike Müller, Selina Weber, Nana Krüger, Hilmi Sözer, Meral Perin, Serhalt Leilek, Gardi Hutter, Lorenz Keiser. V: Langfilm (Freienstein). W: Telepool (Zürich).
Digital Beta, Farbe, 88 Minuten, Schweizerdeutsch (deutsche, englische und französische Untertitel).





03.11.2006, 17:05 | Permalink

Love Made Easy [Peter Luisi]

Von Martina Huber [ Sélection CINEMA ]
Love Made Easy

Es war einmal ein hübscher junger Mann namens Gus, der wohnte bei seiner bösen, hässlichen Mutter in einer grossen Stadt. Tagsüber betätigte er sich mit Leidenschaft als Gärtner, abends spielte er mit seinen Freunden am Stubentisch Poker. Eines Tages veränderte sich sein Leben, als er auf der Strasse eine zwar unmanierliche, aber ebenfalls sehr hübsche junge Frau sah, in die er sich auf der Stelle verliebte. Leider vergass er nach ihrem Namen zu fragen, und so war Gus auf den Spürsinn, die Ideen und Hilfe seiner beschränkten Freunde angewiesen, um die geheimnisvolle Schöne wiederzufinden und sie auf ihn aufmerksam zu machen. Zu fünft liessen sie sich nicht von anfänglichen Rückschlägen entmutigen, bis Gus schliesslich in kindlich-romantischer Manier und mithilfe wunderlicher Tricks das Herz von Natalia erobert hatte.

Peter Luisi entwirft in Love Made Easy ein künstliches Universum, eine märchengleiche Welt mit bizarrem Personal, in der die Figuren keinen Charakter entfalten, sondern Klischees verschiedener Verlierertypen bleiben. Vor diesem Hintergrund und mit einer etwas unplausiblen Geschichte von beherzten Taugenichtsen gelingen dem Regisseur in den besten Momenten absurde oder ansatzweise komische Situationen, etwa dann, wenn ein kurioser Bote einen poetischen Wettbewerb veranstaltet oder wenn alle zu kurz Gekommenen gemeinsam beraten, wie die perfekte romantische Liebeserklärung auszusehen hat.

Ein paar sympathische Ideen reichen aber nicht für einen langen Spielfilm. Dafür ist die Geschichte zu dünn, und die parallelen Erzählstränge mit skrupellosen Mafiosi und einem einfältigen Schweizer Geheimagenten verursachen nur zusätzliche Längen. Zum Prädikat «missglückt» trägt schliesslich auch der wohl absichtlich dilettantisch wirkende und mit Action überladene Showdown bei.

Als Medienereignis interessierte Love Made Easy vor allem aufgrund seiner Entstehungsbedingungen. Luisi musste aus produktionstechnischen Gründen von Zürich nach Los Angeles ausweichen und konnte zusätzlich zur Schweizer Film- und Fernsehprominenz eine amerikanische Schauspielerlegende (Martin Landau) für sein Projekt gewinnen. In der Schweiz hat der Starrummel um Melanie Winiger dem Film zu grosser Medienpräsenz verholfen. Die von ihr gespielte, selbstbewusste und schlagfertige Striptänzerin Natalia hat allerdings markante Ähnlichkeit mit dem eigenwilligen Charakter der Darstellerin selbst (zumindest mit dem aus den Medien bekannten). Weil dadurch eine Metaebene entsteht – die einen Verfremdungseffekt bewirken kann – und der Film dadurch an Selbstironie einbüsst, gibt's Abzüge für’s Schauspiel.

Love Made Easy bleibt in seiner «Herzigkeit» zu harmlos und in seiner Harmlosigkeit zu redundant. Es fehlt dieser Gaunerkomödie an Witz und – nicht nur angesichts heruntergelassener Hose und laszivem Blick auf dem Filmplakat – auch an Sex. Man wünschte sich, Peter Luisi hätte sein altes Drehbuch nicht wieder aufgewärmt und stattdessen dort weitergemacht, wo er 2004 mit Verflixt verliebt aufgehört hatte.


P: Spotlight Media Productions (Zürich), Presence Production (Zürich), SF 2006. B, R: Peter Luisi. K: Joshua Hess. T: Dana Kopetzky. S: Laura Weiss. M: Domenico Ferrari. D: Ralph Gassmann, Melanie Winiger, Eddie Mekka, Frank Payne, Raymond O'Connor, Simon Desbordes, Martin Landau, Martin Rapold, Patrick Belton, Gretchen Becker. V: Columbus Film (Zürich). W: Spotlight Media Productions(Zürich).
35mm, Farbe, 87 Minuten, English (deutsche und französisch Untertitel).

03.11.2006, 16:46 | Permalink

Die Vitusmacher [Rolf Lyssy]

Von Sonja Wenger [ Sélection CINEMA ]
Vitusmacher

Es gehört heute beinahe schon zum Standardprozedere, die Dreharbeiten eines Spielfilms zu begleiten und damit den beliebten «Blick hinter die Kulissen» anzubieten. In diesen so genannten Making-ofs finden sich meist Interviews mit der Regie, mit Drehbuchautoren, Technikern und Schauspielern, attraktive, weggefallene Filmausschnitte und anderes, was das eigentliche Filmvergnügen verlängern kann. Diese Minidokumentarfilme sind üblicherweise eine Zugabe für die DVD oder werden für Promotionszwecke verwendet, selten schaffen sie es selbst ins Kino.

Anders aber, wenn sich das Making-of um einen der erfolgreichsten Schweizer Spielfilme seit Jahren dreht, der seit Kurzem im Rennen um den Oscar für den «Besten ausländischen Film» in Hollywood ist. Die Rede ist von Fredi M. Murers Film Vitus, der Geschichte eines hochbegabten Kindes, das mit dem Wissen eines erwachsenen Menschen zur Welt gekommen ist. Und kein Geringerer als der Regisseur von Die Schweizermacher (1978) hat zur Kamera gegriffen, um darüber zu berichten. Rolf Lyssy gehört zur gleichen Generation wie Murer und war einer der Mitinitianten des «jungen» Deutschschweizer Spielfilms in den Siebzigerjahren. Die Vitusmacher soll nach Lyssys eigener Aussage vor allem eine «Liebeserklärung an die Macher von Vitus» und eine Hommage an seinen Freund Murer sein. Das zumindest ist ihm unbestreitbar gelungen. Und doch will man nicht recht verstehen, weshalb dieser Film ins Kino gekommen ist.

So erzählt Murer zwar freimütig, wie er über dreizehn Jahre brauchte, um den Film realisieren zu können, und dass das Projekt mehrmals schon abgeschrieben worden sei, aber man erfährt nicht warum. Auch wird sehr beiläufig erwähnt, dass die Produzenten den Regisseur in eine eigens gegründete Firma eingebunden hatten, ein eher ungewöhnliches Vorgehen, das ebenfalls nicht näher erläutert wird. Und nicht zuletzt kann man sich des Eindrucks eines gewissen Unbehagens aufseiten des interviewten Produzenten nicht erwehren.

Dennoch fängt Die Vitusmacher auch schöne Momente ein, etwa wenn Murer erzählt, wieso ihm die Geschichte am Herzen liegt, wie er mit Kindern arbeitet, und er bemerkt, dass «ein Spielfilm immer auch eine Art Dokumentarfilm über die Schauspieler ist, der sich zu achtzig Prozent mit dem realen Leben deckt». Diese Beobachtung bestätigt sich zumindest in den Interviews mit Bruno Ganz, der im Film Vitus’ Grossvater spielt oder in jenen mit Teo Gheorghiu, der den zwölfjährigen Vitus darstellt und auch im echten Leben Pianist werden möchte. An anderer Stelle bezeichnet Murer das Making-of zudem scherzhaft als «die Entzauberung der Filmkunst, die eigentlich mit Kinoentzug bestraft werden sollte».

Immerhin: Nach Die Vitusmacher verspürt man den Wunsch, sich das Vorbild anzusehen, insofern hat er sein Ziel erfüllt. Und wer den Film schon kennt, kann sich nicht nur davon überzeugen, dass es Wunderkinder wirklich gibt, sondern auch, dass es die Schweizer Filmemacher und -macherinnen inzwischen verstehen, sich gegenseitig in den Himmel zu loben.


P: Vitusfilm (Zürich), SF 2006. B, R, K: Rolf Lyssy. S: Mirjam Krakenberger. T: Roland Widmer, Rainer Flury. V: Frenetic Films (Zürich). W: Vitusfilm (Zürich).
Digital Beta, Farbe, 55 Minuten, Deutsch und Schweizerdeutsch.

03.11.2006, 16:42 | Permalink

Rachel [Frédéric Mermoud]

Von Doris Senn [ Sélection CINEMA ]
Rachel

Rachel – eine junge Studentin – verdient sich ihr Taschengeld als Babysitter des kleinen Hugo. Weil sie die Nacht über bleiben muss, vereinbart sie mit ihrer Freundin Christine, dass diese ihr Gesellschaft leistet, sobald Hugos Vater aus dem Haus ist. Christine trudelt ein, erkundet forsch die Wohnung, die beiden sprechen über sich, über ihre Freunde Boris und Antoine, die wenig später dazukommen.

So das Exposé für Frédéric Mermouds Kurzfilm Rachel, der – unter demselben Namen und mit derselben Hauptdarstellerin (Nina Meurisse) – die Geschichte seines vorhergehenden Kurzfilms L'escalier (2002) fortsetzt. Wie dort geht es auch in Rachel um die liebe Not mit dem «ersten Mal» – das in L'escalier angepeilt, aber «verpasst» wurde –, um dieses Mittendrin zwischen jung und erwachsen, um das Zaudern zwischen Begehren, Anziehung und Verführung. Mit Handkamera und Jump Cuts skizziert Mermoud mit wenigen Strichen seine Geschichte: wie die vier sich ungeniert in der schicken Wohnung fläzen – trinken, rauchen, tanzen. Wie Christine mit ihrem Boris rumschmust und sich ins Schlafzimmer absetzt, während Rachel mit Antoine einzig den Joint und verlegene Blicke austauscht. In dieses Knistern platzt der Vater des kleinen Hugo, der früher als geplant zurückkommt. Die Jugendlichen verziehen sich, mit Ausnahme von Rachel, die noch bleibt, um aufzuräumen. Und da passiert’s – wie von selbst und als kleine Implosion aus Beschämtheit und erotischer Spannung: Rachel landet in den Armen von Hugos Vater – ohne Wenn und Aber. «Ich denke, es ist besser, wenn ich nicht mehr komme», meint Rachel anschliessend und verabschiedet sich. Im Spiegel des Lifts schaut sie sich dann in die Augen: verschmitzt lächelnd, ihr Gesicht noch von der Glut des leidenschaftlichen Flashs gezeichnet. Die Hürde ist geschafft – wenn auch mit einer etwas anderen Besetzung als geplant. Unten wartet Antoine. Mit ihm fährt sie davon, in die Nacht …

Die überzeugenden Darsteller und Darstellerinnen, die Dialoge, die aus dem Moment zu entstehen scheinen, und die dynamische Inszenierung machen Rachel zu einem dichten kleinen Erzählfragment, das die Gefühlsregungen dieser jungen Erwachsenen ausgesprochen authentisch zu umreissen vermag.


P: Tabo Tabo Films (Paris), FCA Films (Venthône), TSR, France 2 2006. B, R: Frédéric Mermoud. K: Thomas Hardmeier. T: Julien Gazels. S. Sarah Anderson. D: Nina Meurisse, Eric Ruf, Tina Becker, Damien Taranto, Mathieu Desertine, Tristan Mermoud.
35 mm, Farbe, 15 Minuten, Französisch (englische Untertitel).



03.11.2006, 16:39 | Permalink

Vitus [Fredi M. Murer]

Von Veronika Grob [ Sélection CINEMA ]
Vitus

Im Jahr 2006 wurde Fredi M. Murers Höhenfeuer (1985) von einer Expertenjury der Sonntagszeitung zum besten Schweizer Film aller Zeiten gewählt. Sieben Jahre nach dem eher ausufernden Mystery-Krimi Vollmond hat Murer nun mit seinem rührenden Wunderkind-Drama Vitus einen Film vorgelegt, der durchaus Parallelen zu Höhenfeuer aufweist: Wiederum steht ein Kind im Zentrum, statt der Gehörlosigkeit plagt den jungen Hauptdarsteller nun aber das absolute Musikgehör.
Der kleine Vitus hat einen IQ von schwindelerregender Höhe, löst jegliche Rechenaufgabe innert Sekunden und spielt auf dem Klavier die Werke der grossen Meister; solch ein Genie muss gefördert werden! Während sich Vitus’ Mutter ganz auf die Karriere ihres Sohnes fixiert, flüchtet der Bub immer öfter zu seinem bodenständigen Grossvater. Eine Gehirnerschütterung nimmt Vitus schliesslich als Chance, endlich zum «ganz normalen» Jungen zu werden: Er gibt vor, Intelligenz und Talent verloren zu haben. Nur den Grossvater weiht er in sein Geheimnis ein. Als die Familie aber in finanzielle Nöte gerät, baut sich Vitus eine Doppelexistenz auf.

Im Wunderkind-Mythos verdichten sich die Probleme des Erwachsenwerdens. Einerseits schwingt bei uns Normalsterblichen immer die Bewunderung für das unvorstellbare Talent der «kleinen Klugscheisser» mit, andererseits auch das Bedauern über eine verlorene Kindheit, die durch die Forderungen der Eltern und die Ausgrenzung durch die Gleichaltrigen verstärkt wird. Vitus sichert sich mit seiner Verweigerung all diese Ansprüche unsere Sympathien. Aus den weisen Gebrauchsphilosophien seines liebevollen Grossvaters scheinen wir die Stimme des Regisseurs zu hören, der aus der Fabel ein rundes, musikalisches Märchen geschaffen hat, das auf vielfältige Art mit der Metapher des Fliegens spielt. Es hat sich durchaus gelohnt, dass Altmeister Murer mit Vitus nochmals neue Wege beschritten hat und zum ersten Mal mit der jungen Produktionsfirma Hugofilm zusammenarbeitete.

Um sein Mammutprojekt, das einst als grosse europäische Koproduktion geplant war, zu entschlacken, hat er zudem Verflixt Verliebt-Regisseur Peter Luisi als Drehbuchautor hinzugezogen. Luisi hat geholfen, «die Kathedrale abzubrechen und daraus ein Einfamilienhaus zu machen». Das hat frischen Wind in die Produktion gebracht. Die wunderbaren Bilder von Murers langjährigem Kameramann Pio Corradi und die darstellerische Präsenz von Bruno Ganz würdigen aber auch die Generation des Regisseurs. Bruno Ganz, der das erste Mal mit Murer arbeitete, wird als kauziger Grossvater zum ruhigen Zentrum des Films. Aber natürlich steht und fällt eine solche Produktion mit den Kinderdarstellern: Während Fabrizio Borsani als kleiner Vitus einfach ein «Schnügel» ist, wirkt Teo Gheorghiu als sein älteres Pendant manchmal ein wenig hölzern, ist aber dafür ein virtuoser Klavierspieler. Man mag es dem luftigen, herzerwärmenden Drama gönnen, dass es nicht nur in den Schweizer Kinos zum Publikumsrenner wurde, sondern sich mittlerweile auch als Exportschlager des Schweizer Films erwiesen hat.


P: Vitusfilm (Zürich), SRG SSR idée suisse, Arte, Teleclub, SF 2005. B: Peter Luisi, Fredi M. Murer, Lukas B. Suter. R: Fredi M. Murer. K: Pio Corradi. T: Hugo Poletti, Jürg von Allmen. S: Myriam Flury. D: Teo Gheorghiu, Bruno Ganz, Julika Jenkins, Urs Jucker, Fabrizio Borsani, u. a. V: Frenetic Films (Zürich). W: Media Luna Entertainment (Köln).
35 mm, Farbe, 120 Minuten, Schweizerdeutsch.

03.11.2006, 16:34 | Permalink

Näkkälä [Peter Ramseier]

Von Michael Lang [ Sélection CINEMA ]
Näkkälä

Der 1954 in Liestal (BL) geborene, gelernte Fotograf Peter Ramseier weilte als Kameramann des Schweizer Fernsehens vor etwa einem Jahrzehnt in Schweden und in Lappland. Dort kam er in Kontakt mit dem urtümlichen, naturverbundenen Volk der Samen. Ramseiers Interesse war geweckt und bei weiteren Recherchen stiess er auf die literarischen Aufzeichnungen des heute über achtzig Jahre alten Emmentaler Autoren Hans Ulrich Schwaar. Der studierte Romanist, ehemalige Lehrer und Spitzensportler verbringt seit über zwei Jahrzehnten einen Grossteil seiner Zeit bei den Samen und gilt als einer der intimsten Kenner dieser Kultur. Schwaar spielt demnach in Peter Ramseiers Feldforschung der besonderen Art im Flecken Näkkälä in der finnischen Tundra eine wichtige Rolle: Er ist das Bindeglied zwischen einer uns vertrauteren schweizerischen ländlichen Mentalität und der archaischen, symbolstarken, ja magischen sämischen.

Seit den Sechzigerjahren leben die einstigen Nomaden aufgrund staatlicher Verordnungen meist an festen Wohnsitzen. Bis 1985 war ihre Haupteinnahmequelle die Rentierzucht. Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl führte jedoch zu einer drastischen Senkung der Fleischpreise. Viele Samen waren dadurch gezwungen, diverse Nebentätigkeiten anzunehmen, um ihre Existenz zu sichern.

Ramseiers Film berichtet in Ansätzen von diesen Zusammenhängen und Entwicklungen, erhebt aber nicht den Anspruch einer ethnologischen Feldstudie. Der Autor verbindet vielmehr – und das ist eine Qualität seiner präzisen Arbeit – filmisch aufbereitete Beobachtungen und Erkenntnisse vor Ort zu einem Feldporträt über diese spezielle Facette der nordischen Lebenskultur.

Der Film folgt strukturell dem natürlichen Rhythmus der vier Jahreszeiten und spiegelt sie an der Begegnung zwischen dem Wahlsamen Hans Ulrich Schwaar und seinem langjährigen Gastgeber, dem rund sechzigjährigen Lisakki-Matias Syväjärvi, einem Enkel des legendären Rentier-Fürsten Vilkuna Näkkäläjarvi. Die filmische Reise durch den Jahreslauf beginnt im Sommer, mit der traditionellen Rentiermarkierung und den rituellen Fischopfern. Im Herbst stehen dann die Holzwirtschaft im Zentrum sowie die minutiösen Vorbereitungen auf die entbehrungsreiche Winterzeit.

Das Winterkapitel bringt Informationen zur so genannten Rentierschneid – wozu etwa die Pflege der Herde oder deren Selektion für Verkauf und Schlachtungen gehören –, vermittelt berührend Einblicke ins alltägliche, fast symbiotische Zusammenwirken der Männerfreunde und zeigt das soziale Leben in der Gruppe.

Ramseiers Kamera hält all dieses in stimmigen, atmosphärisch dichten Bildern fest. In unaufgeregter Weise öffnet er so dem Publikum Verbindungstüren zum Unvertrauten. Akzentuiert durch die Volksmusik der Gegend wird man als Zuschauer in den Jahresreigen der einfach lebenden sämischen Bevölkerung aufgenommen. Mit dem Resultat einer bereichernden, diskret vollzogenen, sinnhaltigen Annäherung an eine Kultur zwischen Tradition und Moderne.


P: T&C Film (Zürich), TV Productioncenter (Zürich), Teleclub (Zürich), 3Sat, SF 2005. B, R, K: Peter Ramseier. T: Roland Arngrip. S: Anja Bombelli. M: Mari Boine Persen, Johan Sara Jr.. V: Columbus Film (Zürich). W: T&C Film (Zürich).
Digital Beta, Farbe, 88 Minuten, Schweizerdeutsch, Finnisch, Samisch (deutsche und französische Untertitel).

03.11.2006, 16:29 | Permalink

Zeit des Abschieds [Mehdi Sahebi]

Von Michael Lang [ Sélection CINEMA ]
Zeit des Abschieds

Der dokumentarische Porträtfilm Zeit des Abschieds schildert dramaturgisch sensibel, formal unauffällig und Anteil nehmend die letzte Lebensphase des 2003 im Zürcher Lighthouse-Hospiz verstorbenen, damals 44-jährigen, HIV-infizierten Krebskranken Giuseppe Tommasi. In einem vom Autor feinfühlig angeregten Gespräch findet der Todkranke zu einer erstaunlich differenzierten Selbstreflexion. Der Protagonist lässt seine von schweren Schicksalsschlägen geprägte Lebensgeschichte Revue passieren, berichtet von seinen Krankheitsleiden und nimmt Stellung zu seiner emotionalen, seelischen und körperlichen Befindlichkeit. Er tippt auch lebensphilosophische Fragen an und zeigt sich in anrührender Weise mit Personen aus seinem Umfeld.

Zeit des Abschieds beginnt mit dem Tod Tommasis, seiner Kremation und schlägt dann den Bogen zurück ins Leben: Auf eindringliche und ruhige Weise gelingt es Regisseur Mehdi Sahebi, ohne aufgesetzte Kommentare den dramatischen gesundheitlichen Verfall des Patienten sichtbar zu machen und gleichsam dessen enorme psychische Kraft aufzuzeigen, die dem Selbstmitleid keinen Raum lässt. Bemerkenswert ist der Umstand, dass dabei stets eine respektvolle Nähe des Autors zu Giuseppe Tommasi erkennbar bleibt. Zur Vorgeschichte: Sahebi lernte Tommasi in den Achtzigerjahren kennen, verlor ihn dann aus den Augen und erfuhr im Dezember 2002 von dessen Erkrankung. Ab Januar 2003 begleitete Sahebi seinen Bekannten in einem Zeitrum von neun Monaten bis hin zu dessen Tod.

Sahebi verzichtete bei den Dreharbeiten auf eine Equipe, er führt die Kamera und die Gespräche selber. So zeugt Zeit des Abschieds von Respekt und Würde, verzichtet stilistisch auf jegliche Effekthascherei und illustriert in klaren, prägnanten Bildern und Einstellungen die intimen, von einer selbstkritischen Distanziertheit zum eigenen Schicksal beseelten Statements der Hauptperson Giuseppe Tommasi.

Mehdi Sahebi wurde 1963 im Iran geboren und lebt seit 1983 in der Schweiz. Er studierte in Zürich Ethnologie, Geschichte und Völkerrecht und realisiert seit den Neunzigerjahren Filme, etwa Ecce homo (1993), Das Geschenk (1993), Über Grenzen (1994), Un étranger me regarde (2002) und Ali Kahn (2003). Zeit des Abschieds wurde am Filmfestival Locarno 2006 mit dem «Preis SSR SRG der Kritikerwoche» ausgezeichnet.


P: Cineworx (Basel), SF 2006. B: Mehdi Sahebi. R: Mehdi Sahebi. K: Mehdi Sahebi. T: Guido Keller. S : Aya Domenig, Mehdi Sahebi. M : Daniel Hobi. D: Giuseppe Tommsi. V, W: Cineworx (Basel).
Digital Beta, Farbe, 63 Minuten, Deutsch (Englisch).

03.11.2006, 16:21 | Permalink

KussKuss - Dein Glück gehört mir [Sören Senn]

Von Sonja Wenger [ Sélection CINEMA ]
KussKuss

Eigentlich sind sie ein schönes Paar, die resolute Ärztin Katja und der vergeistigte Humanwissenschaftler Hendrik. Die beiden leben in einer gemütlichen Wohnung in Berlin und einer eingespielten Beziehung. Katja forscht gegen den Krebs, Hendrik versucht, an einem Buch zu schreiben, und es könnte noch lange so weitergehen. Doch dann beobachtet Katja im Krankenhaus einen Streit zwischen der jungen Algerierin Saïda und einem Mann. Durch ihr gut gemeintes Eingreifen liefert sie Saïda, die sich illegal in Berlin aufhält, kaum Deutsch spricht und als Putzfrau arbeitet, beinahe an die Polizei aus. Saïda verliert ihre Papiere, kann aber flüchten. Voller Schuldgefühle nimmt Katja die junge Frau mit zu sich nach Hause. Hendriks zurückhaltende, beinahe zynische Reaktion darauf kann sie nicht verstehen. Saïda helfen zu wollen, ist für Katja selbstverständlich. Doch Hendriks Worte, dass es sich dabei um «eine Gleichung mit vielen Unbekannten» handle, wird sich bald als geradezu prophetisch herausstellen. Katja versucht, für Saïda einen Pass aufzutreiben, hätschelt und kleidet sie ein und muss sich von Hendrik den Vorwurf anhören, sie tanze «um ihr Goldenes Kalb herum». Sie geht gar so weit, Hendrik und Saïda eine Scheinehe vorzuschlagen. Geflissentlich übersieht sie dabei, dass sich zwischen den beiden längst eine Beziehung anbahnt. Als Katja dies zufälligerweise herausfindet, sind die Heimlichkeiten vorbei. Saïda beginnt nun ganz offen um Hendrik zu kämpfen – und Katjas Verhalten wechselt von einem Extrem in das andere.

KussKuss ist Sören Senns Abschlussfilm an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf, mit dem er den Babelsberger Medienpreis 2005 gewonnen hat. Der Regisseur reduziert das überwältigende Thema Migration auf eine einzelne, greifbare Geschichte und entlarvt Schuldgefühle als eine der Antriebsfedern für so genannt edelmütiges Verhalten. Frei von sämtlichem dramaturgischen Ballast wird die Geschichte geradlinig erzählt, keiner der Charaktere wird geschont oder erhält einen besonderen Sympathiebonus. KussKuss ist ein kompromissloser Film, in dem niemand gewinnt oder verliert, recht oder unrecht hat; in dem alle an irgendeinem Punkt der Geschichte einmal Opfer und einmal Täter sind. Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, kann man sich gut mit den Figuren identifizieren. Das Bedürfnis, gegenüber den Schwächeren grossherzig zu sein, wird immer auch überschattet von den eigenen Existenz- und Verlustängsten. Diese Widersprüche werden von allen Darstellern und Darstellerinnen äusserst zurückhaltend, feinfühlig und emotional intensiv gespielt. Nicht zuletzt durch diese hervorragenden Leistungen bezieht der Film denn auch seine Authentizität. Der Gegensatz von Schein und Sein wird durch musikalische und farbliche Stimmungsbilder spielerisch aufgegriffen. In der deutschen Fassung hat der Regisseur zudem bewusst auf eine Untertitelung von Saïdas Worten verzichtet, wodurch sich das Erleben des Nichtverstehens noch verstärkt.


P: Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf (Potsdam), Novapool Production (Berlin) 2006. B: Kathrin Milhahn, Sören Senn. R: Sören Senn. K: Marc Christian Weber. T: Kuen-II Song, Lars Ginzel. S: Kristine Langner. M: Boris Bergmann. D: Carina Wiese, Axel Schrick, Saïda Jawad, Victor Choulmann, Daniel Stock. V: Cineworks (Basel). W: Novapool Production (Berlin).
35 mm, Farbe, 95 Minuten, Deutsch (englische Untertitel).

03.11.2006, 16:12 | Permalink
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