Ein Lied für Argyris [Stefan Haupt]

Von Laura Daniel [ Sélection CINEMA ]

Ein Lied für Argyris

 

Stefan Haupt hat sich als Dokumentar- und Spielfilmregisseur von Filmen wie Elisabeth Kübler-Ross (2003) oder Utopia Blues (2001) längst einen Namen gemacht. Stets porträtiert er seine Protagonisten mit Feingefühl und grossem Respekt. Dies wird ihm nun bei seinem neusten Werk, Ein Lied für Argyris, fast zum Verhängnis.

Der kaum vierjährige Argyris Sfountouris überlebt im Sommer 1944 das Massaker der deutschen Besatzungsmacht im griechischen Dorf Distomo. Der bestialische Gewaltakt, Vergeltung für einen Partisanenangriff, reisst innert weniger Stunden 218 Dorfbewohner in den Tod. Der Junge verliert neben seinen Eltern dreissig Familienangehörige und verbringt fortan seine Kindheit in Waisenhäusern rund um Athen, bis eine Delegation des Roten Kreuzes ihn in die Schweiz mitnimmt und ihn im Kinderdorf Pestalozzi in Trogen unterbringt. Später studiert Sfountounis Mathematik und Astrophysik an der ETH Zürich, übersetzt griechische Dichter ins Deutsche, bereist die Welt als Entwicklungshelfer, unter anderem mit dem Schweizerischen Katastrophenkorps. Dabei bleibt das in seiner Kindheit erlebte Trauma eine der stärksten Konstanten im Leben des umtriebigen Wissenschafters.

Das Massaker von Distomo hat bis heute wenig Beachtung gefunden. Die deutschen Behörden haben es zwar als «eines der abscheulichsten Kriegsverbrechen» anerkannt, gleichzeitig wurde es aber von der deutschen Botschaft in Athen als eine «Massnahme im Rahmen der Kriegsführung» bezeichnet. Als Reaktion auf die Weigerung, Verantwortung für das Geschehene zu übernehmen, reichen Sfountounis sowie weitere Überlebende und deren Nachkommen aus Distomo eine Sammelklage mit der Forderung nach Reparaturzahlungen ein, die jedoch vom Bundesgericht in Karlsruhe abgelehnt wird. Haupt begleitet seinen Protagonisten auf seiner Mission, die zugleich eine Reise in die Abgründe seiner Seele ist.

Die Komplexität der Thematik sowie die Entscheidung, die kollektive Ebene der Schuldfrage mit der persönlichen des Protagonisten zu verweben, erweist sich als Schwierigkeit für die Dramaturgie des Films. So meint Sfountounis zum Beispiel, der Kniefall von Willy Brandt habe ihn beeindruckt und stelle für ihn ein adäquates Mittel im Umgang mit der historischen Schuld dar. In einer später folgenden Sequenz wird jedoch die Unmöglichkeit einer solchen Geste offenkundig, als der deutsche Botschafter anlässlich der Gedenkfeier des Massakers eine Entschuldigung ausspricht und damit nur Wut und Bestürzung provoziert. Dass Haupt ein Nachhaken aus Respekt vor den Leiden des Protagonisten unterlässt, ist zwar nachvollziehbar, dem Film aber nicht zuträglich. Haupt schafft es hier nicht, die Distanz zu seinem Protagonisten zu überbrücken.

Mehr Mut zur Reduktion hätte gut getan: Die Aussagen des Sängers Mikis Theodorakis, einem Zeitzeugen des griechischen Widerstands, sowie die eingestreuten Statements von Deutschen, die die Position der Täternachkommenschaft illustrieren, wirken leider wie eine Verlegenheitslösung und stehen in Kontrast zur emotional starken Auseinandersetzung mit Sfountounis.

D
ennoch gelingt Haupt eine berührende Darstellung des bedrückenden Schicksals seines Protagonisten, ebenso wie es Sfountounis gelungen ist, das Massaker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Antworten auf Sfountounis’ Fragen kann Ein Lied für Argyris kaum liefern, dafür dient der Film den Zuschauern als Anregung für viele Fragen. Aber wäre es nicht noch schrecklicher, wenn es auf die mit äusserster Dringlichkeit gestellten Fragen eine «zufriedenstellende» Antwort gäbe? Wohl gegönnt sei es Haupts neustem Werk und seinem Protagonisten, dass Ein Lied für Argyris am 9. International Documentary Film Festival in Thessaloniki den grossen Publikumspreis gewann.


P: Fontana Film (Zürich), SF, TSR, RTSI, SRG SSR idée suisse 2006. B, R: Stefan Haupt. K: Patrick Lindenmaier. T: Martin Witz. S: Stefan Kälin. M: Thomas Korber, Jorgos Stergiou. V: Frenetic Films (Zürich). W: Fontana Film (Zürich).
35mm, Farbe, 105 Minuten, Deutsch, Griechisch, Schweizerdeutsch, Französisch.

25.11.2006, 11:48 | Permalink