Banquise [Claude Barras, Cédric Louis]

Von Nicola Ruffo [ Sélection CINEMA ]
Banquise

Animationsfilmemacher Claude Barras und Cédric Louis verbinden in ihren Filmen alltägliche Geschichten, in denen Traumwelten zur Realität werden. In Claude Barras letztem Werk La génie de la boîte de raviolis (2006) erscheint dem Nudelfabrikarbeiter in der Ravioli-Büchse ein Flaschengeist. In ihrer neusten Zusammenarbeit Sainte Barbe (2007) belebt Grossvaters Bart mit seinem Eigenleben das Familiendasein. Ob sie alleine arbeiten oder zu zweit, ihre Vorliebe fürs Fantastische bleibt die Konstante.

In Banquise dreht sich alles um die Tagträume eines kleinen Mädchens namens Marine. Die Geschichte beginnt an einem heissen Sommertag. Marine leidet darunter, dass sie keine Bikinifigur besitzt. So entschliesst sie sich zu einem gewagten Tenue für ihren Strandbesuch: Sie versteckt ihre überzähligen Pfunde hinter einem dicken Wintermantel und einem gestreiften Schal. Doch der Strandspaziergang dauert nicht lange. Gestresst von den Blicken der braungebrannten Beachvolleyballer, flüchtet sie sich sofort in ihren Kühlschrank. Dort träumt sie von einem besseren Leben unter Königspinguinen mit üppigem Bauchumfang. Als ihre Träume von den Eltern nicht verstanden werden und sie ihren kühlen Aufenthaltsort verlassen muss, entschliesst sie sich Richtung Eismeer aufzubrechen. Bald schon steht sie am Strassenrand, hält einen Zettel mit ihrer Destination, «Banquise» (Packeis), den Autos entgegen und hofft, der oberflächlichen Welt mit ihren Schönheitsidealen zu entkommen. Als sie auf der anderen Strassenseite die Bikinigirls der Werbeplakate erblickt, trifft sie der Hitzeschlag. Dieser endet tödlich. Im kühlenden Leichenhaus angelangt, entschwebt sie zu den Pinguinen und der wohligen Kälte.

Claude Barras und Cédric Louis verpacken aktuelle Themen in schwarzen Humor. Mit dem Computeranimieren von Papierzuschnitten kultivieren sie einen kindlichen Stil. Diese Mischung scheint auf den internationalen Filmbühnen anzukommen. Ohne Dialoge ist die Geschichte von Banquise universell verständlich. Seit seiner Fertigstellung wurde der kurze Animationsfilm an zahlreichen Filmfestivals der Welt gezeigt. Cannes, Rio de Janeiro, Hiroshima oder Palm Springs sind nur einige der Aufführungsorte. Doch was ist die Moral der Geschichte? Wie hat schon Bob Dylan einst gesungen: «When you're sad and when you're lonely and you haven't got a friend. Just remember that death is not the end.»

P: Hélium Films (Genf) 2005. B: Cédric Louis, Claude Barras. R: : Cédric Louis, Claude Barras. T: Rafael Sommerhalder. S: David Monti. M: Julien Sulser. V: Hélium Films (Genf). W: Hélium Films (Genf).
35 mm, Farbe, 6 Minuten, ohne Dialog.

25.1.2007, 19:09 | Permalink

Breakout [Mike Eschmann]

Von Veronika Grob [ Sélection CINEMA ]
Breakout

Schon das Intro macht überdeutlich, um was es in Breakout geht: Umgeben von versprayten Wänden, zirkulierenden Joints, flimmernden Bildschirmen und zum Rap des Schweizer Hip-Hoppers Stress liebkost der von Nils Althaus gespielte Protagonist Nia zärtlich seine Knarre. – In der trostlosen Zürcher Agglo zählen neben Games, fetten Beats und Breakdance Drogen, Kriminalität und Gewalt.

Nia landet im Jugendknast, weil er sich weigert, gegen seinen Erzfeind Spirit (Stress) auszusagen, der immerhin seinen besten Freund zum Invaliden geprügelt hat. Der Gefängnisalltag ist geprägt von verfeindeten Banden (Napolitaner gegen Sizilianer, Italos gegen Jugos, Ausländer gegen Nazis), dem unheimlich bünzligen Direktor Salis (Max Rüdlinger) und dem Aufseher Schleier (Roeland Wiesnekker), der Scherze gegen seinen hübsch ornamentierten Pulli schlecht verträgt und mit den beiden Neonazis zusammenspannt, die Nia in der Dusche prompt vergewaltigen. Zum Glück sitzen da auch noch Nias Homie Blade (Max Loong) und der jurassische Hip-Hopper Silenzio (Joel Basman), der die Einsilbigkeit der Kids auf den Punkt bringt und immer nur «Scheisse Mann, fick di!» von sich gibt. Obwohl ihm die hübsche Staatsanwältin (Melanie Winiger) helfen möchte, denkt Nia nur an Ausbruch und Rache.

Während die schöne Ex-Miss Schweiz Melanie Winiger als Staatsanwältin mit Brille doch eher verkleidet wirkt und Max Rüdlinger wieder einmal eine Satire von sich selbst spielt, sind Wiesnekker und Basman solid wie immer. Max Loong, «Music Star»-Moderator und unser MTV-Mann in Asien, sowie der Lausanner Rapper Stress sorgen für die nötige Street Credibility. Eine Entdeckung ist sicher der Berner Liedermacher Nils Althaus in seiner ersten Kinorolle. Er bekam denn auch vom Sonntags Blick den Titel «James Dean aus Gümmligen» verpasst und wurde als Schweizer Shooting Star nach Berlin geschickt. Auf seinen nächsten Film darf man gespannt sein.
Mit Breakout ist das Konzept des Erfolgsteams von Regisseur Mike Eschmann und Produzent Lukas Hoby (Achtung, fertig, Charlie!, 2003) nicht restlos aufgegangen: Von der Kritik in den Boden gestampft, konnte der Film das grosse Publikum nicht in die Kinosäle locken. Dies hat sicher auch damit zu tun, dass in der Schweiz die Codes und das Posing der Hip-Hopper für Leute ausserhalb der Rap-Szene oft etwas lächerlich wirken (es sei denn, der melancholisch-bleiche Eminem kämpfe für seine Ehre und für sein Girl). In Eschmanns Film bezeichnet denn auch der Apfel schälende Gefängnisdirektor die Kids als «Schwiizer Knilche, wo meinet si siget Yugos». Diese Zielgruppe durfte aber nicht ins Kino, weil der Jugendschutz den Film als zu gewalttätig einstufte. Zudem verscherzt sich Breakout ein gewaltiges Stück Street Credibility, indem seine Hipness mit gut gemeinter Sozialkritik à la «Gewalt ist keine Lösung» unterwandert wird.
Der düster-dämmrige Look der öden Vorstädte und des grauen Gefängnisalltags ist allerdings durchaus gelungen: Breakout sieht gut aus. Wenn Nia jeweils nachts in seiner engen Gefängniszelle mit virtuosem Breakdance die Wut rauslässt, nur beschienen von fahlem, durch die Gitterstäbe quadriertem Licht, so ist das so plakativ wie phänomenal.

P: Zodiac Pictures (Luzern), Impuls Home Entertainement (Cham), SF 2007. B: Thomas Hess, David Keller. R: Mike Eschmann. K: Roland Schmid. S: Michael Schaerer. T: Hugo Poletti. M: Mich Gerber, Moritz Schneider, Stress. D: Nils Althaus, Melanie Winiger, Roeland Wiesnekker, Stress, Max Rüdlinger, Hanspeter Müller-Drossaart, Max Loong, Joel Basman. V: Buena Vista International (Zürich). W: Telepool (Zürich).
35 mm, Farbe, 97 Minuten, Schweizerdeutsch.

21.1.2007, 12:55 | Permalink

Hippie Masala [Ulrich Grossenbacher, Damaris Lüthi]

Von Sonja Wenger [ Sélection CINEMA ]

Hippie Masala

Spätestens nach einer Viertelstunde Hippie Masala möchte man am liebsten nach Indien auswandern. Zu verlockend erscheint auf den ersten Blick auch heute noch die vermeintliche spirituelle Freiheit jenes Landes, das Ende der Sechzigerjahre ungezählte Europäerinnen und Europäer in seinen Bann gezogen hatte. Es waren so viele, dass die indischen Bauern hinter der Wanderbewegung eine grosse Dürre im Westen vermuteten. Dies dürfte so abwegig nicht gewesen sein, auch wenn es sich, zumindest in der Wahrnehmung der Hippies, wohl mehr um eine spirituelle Dürre gehandelt hatte.

Hippie Masala fragt nach, was nach zwanzig oder dreissig Jahren aus jenen geworden ist, die damals in Indien geblieben sind, und relativiert gleichzeitig einige Idealvorstellungen über «das Paradies Indien». Das Regie-Team Ulrich Grossenbacher und Damaris Lüthi lässt seine Protagonisten ohne Frage-und-Antwort-Spiel einfach erzählen – und dies funktioniert blendend: Während sich die einen selbst gnadenlos entlarven, werden andere als Sympathieträger wahrgenommen. In diesen Momenten wird der Film streckenweise ein wenig voyeuristisch, aber niemals wertend. Es ist dem Publikum überlassen, wer und welche Handlungen an welchen Wertmassstäben gemessen werden. Gleichzeitig sind es auch gerade diese Momente, die den Film so unterhaltsam machen: Sie lassen einen kichern und auflachen, sie nerven mal – und berühren einen dann wieder tief.

Die Kamera begleitet sechs Menschen, die bereits mehr als die Hälfte ihres Lebens in Indien verbracht haben. Zwischen ihnen besteht kaum eine Verbindung, ausser vielleicht der Konsum von Haschisch, und doch verweben sich die unterschiedlichen Biografien gerade wegen ihrer Gegensätze so harmonisch ineinander. Der Film porträtiert etwa den Italiener Cesare, der als Yogi in einer Höhle lebt und kaum noch als Europäer erkennbar ist, oder den niederländischen Kunstmaler Robert, der es mit seiner jungen Familie zu einem bescheidenen Wohlstand gebracht hat. Die belgische Asketin Meera leidet nach achtzehn Jahren noch immer unter der fehlenden Anerkennung durch die Einheimischen, und Hanspeter aus dem Emmental verheddert sich auch als Bergbauer in Indien in seinen eigenen Widersprüchen.

Viele der ausgewanderten Hippies sind schon nach wenigen Monaten oder Jahren zurückgekehrt, und noch mehr haben sich früher oder später in den ewigen Kreislauf des gesellschaftlichen Konsens integriert, sind Kompromisse eingegangen oder haben ihre Lust auf Anarchie begraben. Für all diese Menschen dürfte Hippie Masala wie ein Jungbrunnen wirken, ernüchternd und melancholisch zugleich.

P: Fair & Ugly (Bern) 2006. B: Damaris Lüthi, R: Ulrich Grossenbacher, Damaris Lüthi. K: Ulrich Grossenbacher. S: Maya Schmid. T: Avesh Serge Valentin, Balthasar Jucker. M: Disu Gmünder, Shalil Shankar. V: Look Now! (Zürich). W: Fair & Ugly (Bern). 
35mm, Farbe, 93 Minuten, diverse Sprachen.


10.1.2007, 17:59 | Permalink

Marmorera [Markus Fischer]

Von Thomas Hunziker [ Sélection CINEMA ]
Marmorera

Der Hunger nach Strom hat in den Schweizer Alpen sichtbare Spuren hinterlassen. Bei den Stauseen verwandeln Kraftwerke die Energie aus den Bergflüssen in Elektrizität, die dann über Hochspannungsleitungen in den Rest der Schweiz verteilt wird. Gelegentlich mussten den Stauseen ganze Dörfer weichen, wie im Fall von Marmorera im Juliertal. 1948 erteilte die Gemeinde die Erlaubnis für den Bau des Staudamms. Die wichtigsten Gebäude wurden gesprengt, das Dorf steht seit 1954 unter Wasser. Ein fiktives Geheimnis um das überflutete Dorf und den «Fluch» der erkauften Energiequelle bildet die Inspiration für den Mystery-Thriller Marmorera, den Eröffnungsfilm der 42. Solothurner Filmtage.

Im Lai da Marmorera wird die Leiche einer geheimnisvollen jungen Frau (Eva Dewaele) gefunden. Auf dem Weg ins Spital wacht sie plötzlich wieder auf. Der junge Psychiater Simon Cavegn (Anatole Taubman), der in den Flitterwochen in seiner ehemaligen Heimat die Frau entdeckt hat, soll sich in der Psychiatrischen Klinik von Zürich um sie kümmern. In Anlehnung an den Fluss, der in den Stausee fliesst, gibt er ihr den Namen Julia. Als sich bei den Bürgern von Marmorera bizarre Todesfälle häufen, vermutet Cavegn Zusammenhänge zwischen diesen Unfällen und seiner Patientin. Die Gespräche mit Julia, in denen sie ihm Hinweise auf die nächsten Toten gibt, wirken besonders verstörend auf ihn. Die Nachforschungen führen wiederholt in seine eigene Vergangenheit, auch zu Cavegns Grosseltern, die über den Bau des Staudamms geteilter Meinung waren. Ist Julia etwa die als Wassernixe wiederkehrende Reinkarnation seiner Grossmutter Maria?

Marmorera ist nach Angaben der Filmemacher und des Verleihers der erste Schweizer Mystery-Thriller. Wie beherrscht nun ein Schweizer Regisseur, der zuvor hauptsächlich Fernsehfilme realisiert hat, das unübliche Genre? Markus Fischer bedient sich fleissig bei Vorbildern aus Hollywood, lässt aber durch die lokale Verankerung und das Spiel mit der Sprache ein eigenständiges Werk entstehen.

Ursprünglich hat Fischer mit der Idee gespielt, einen Horrorstreifen zu drehen, und so erstaunt es wenig, dass die Inszenierung der unterschiedlichen Todesarten stark an Szenen aus Final Destination (USA 200) erinnert. Beste Verwendung findet Fischer dabei für prominente Schweizer Schauspieler wie Mathias Gnädinger, Patrick Frey oder Stefan Gubser. Ansonsten erlaubt die heraufbeschworene Stimmung Vergleiche mit den düsteren Sequenzen aus Filmen von M. Night Shyamalan, der in seinem Märchen Lady in the Water (USA 2006) ebenfalls eine Wassernixe als Hauptfigur auf die Leinwand brachte. Die verschiedenen Einflüsse werden nicht immer ganz stilsicher vermischt, es lassen sich aber durchaus positive Ansätze erkennen. Mit Marmorera bringt Fischer auf alle Fälle willkommenen frischen Wind in die Schweizer Filmlandschaft: Der Film ist ein gelungener – und vor allem mutiger – Einstand für ein neues Genre, das nicht nur Fans von Mystery-Thrillern Nervenkitzel bietet.


P: Snakefilm (Zürich), Kick Film (München), Teleclub (Zürich), SF 2007. R: Markus Fischer. B: Dominik Bernet, Markus Fischer. K: Jörg Schmidt-Reitwein. S: Bernhard Lehner. T: Hugo Poletti. D: Anatole Taubman, Eva Dewaele, Mavie Hörbiger, Urs Hefti, Norbert Schwientek, Peter Jecklin, Patrick Frey, Mathias Gnädinger, Stefan Gubser, Corin Curschellas. V: Rialto Film (Zürich). W: Snakefilm (Zürich).
35 mm, Farbe, 110 Minuten, Schweizerdeutsch, Deutsch und Rätoromanisch.

09.1.2007, 17:40 | Permalink

Mit Sicherheit zum Erfolg

Von  Redaktion [ Veranstaltungen ]

Fühlen wir uns nicht behütet und geborgen, wenn im beruhigenden Dunkel des Kinosaals auf der Leinwand der Mörder schliesslich gefasst wird, sich das Paar endlich in die Arme fallen kann, in Katastrophensituationen ein Held für die Rettung der Welt einsteht? Neben der Eindeutigkeit von Genrekonventionen vermitteln uns aber auch Filmmusik, Kameraführung oder verlässliche Erzähler emotionale Sicherheiten. Kino kann sich jedoch nicht in den sicheren Grenzen dieser bekannten Normen erschöpfen, sonst droht sich die Traummaschinerie totzulaufen und in Langeweile zu erstarren. Um aufregend zu bleiben, muss Kunst diese schützenden Grenzen auch immer wieder sprengen auf der Suche nach dem Anderen, dem Neuen, dem Überraschenden, dem Ambivalenten, dem Unsicheren.

Das Filmjahrbuch CINEMA beschäftigt sich in seiner neusten Ausgabe mit den unsicheren Momenten im Kino und möchte diese mit Schweizer Filmschaffenden diskutieren – über den «qualité et popularité»-Diskurs hinaus. Liegt es nicht gerade im Wesen des Filmes, dass es keine sicheren Erfolgskonzepte gibt, dass traditionelle dramaturgische und formale Normen immer wieder gesprengt und überschritten werden müssen – mit unsicherem Ausgang? Welche Risiken kann der Produzent eingehen? Was wagt die Förderung? Inwieweit ist der Drehbuchautor ein reiner Handwerker und wo kommt das künstlerische Talent ins Spiel? Was riskiert ein Schauspieler? Welche Filme bleiben unvergesslich und welche traditionellen Grenzen überschreiten sie?

Moderation: Veronika Grob, Redaktorin Film beim Schweizer Fernsehen und Mitherausgeberin der Schweizer Filmzeitschrift CINEMA.

Es diskutieren:
- Nils Althaus, Schauspieler (Schweizer Shooting Star 2007, „Breakout“)
- Nicole Hess, Filmkritikerin und Präsidentin Zürcher Filmpreis
- Natacha Koutchoumov, Schauspielerin (Nomination Schweizer Filmpreis für ihre Rolle in „Pas de panique“)
- Bernhard Lehner, Leiter Studienbereich Film HGKZ und freier Filmschaffender
- Bettina Oberli, Regisseurin („Im Nordwind“, „Herbstzeitlosen“)


Donnerstag 25.01.2007, 16.00 Uhr, Haus am Land, Solothurn.


Eine Veranstaltung der Reihe Reden über Film in Zusammenarbeit mit den Solothurner Filmtagen und dem Filmwissenschaftlichen Seminar der Universität Zürich.


09.1.2007, 00:01 | Permalink

Editorial Sicherheit [CINEMA 52]

Von Veronika Grob [ Frühere Ausgaben ]
Kaum ein Schlagwort wird in der Werbung und in Gesprächsrunden so ausnahmslos positiv verwendet wie «Sicherheit», denn auf die Sicherheit beim Autofahren, auf sichere Schulen oder Renten möchte wohl niemand verzichten. Doch in der zeitgenössischen politischen Landschaft ist der geradezu inflationäre Gebrauch des Begriffs nicht nur als Antwort auf die Drohungen des Terrorismus zu verstehen, sondern schafft gleichzeitig aktiv ein Klima der Angst. In diesem Sinne sind Sicherheit und Unsicherheit die zwei Seiten derselben Medaille. Das Böse, das Gefährliche, das Andere muss identifiziert, reglementiert und ausgegrenzt werden, um die Gemeinschaft zu schützen.

Davon erzählen im Kino nicht nur diverse Thriller, Horrorgeschichten Paranoiaszenarien und Kriminalfilme. Am Ursprung jeglicher Geschichte steht der Konflikt, der – stets neu erzählt – schliesslich gelöst und in die Ordnung des beruhigenden Happy Ends heimgeholt werden soll. Das ist die Sicherheit, die uns das Genrekino bieten kann. Fühlen wir uns nicht behütet und geborgen, wenn im beruhigenden Dunkel des Kinosaals auf der Leinwand der Mörder schliesslich gefasst wird, sich das Paar endlich in die Arme fallen kann, in Katastrophensituationen der Held für die Rettung der Welt einsteht? Und vermitteln uns neben der Eindeutigkeit von Genrekonventionen nicht auch Filmmusik, Kamera-führung, Lichtsetzung oder verlässliche Erzähler emotionale Sicherheiten?

Kino kann sich jedoch nicht in den sicheren Grenzen dieser bekannten Normen erschöpfen, sonst droht sich die Traummaschinerie totzulaufen und in Ideologie und Langeweile zu erstarren. Um aufregend zu bleiben, muss Kunst diese schützenden Grenzen immer wieder sprengen auf der Suche nach dem Anderen, dem Neuen, dem Überraschenden, dem Ambivalenten – dem Unsicheren. Wenn nötig mit avantgardistischer Gewalt, denn der Sicherheitswahn kann bis zur Zensur führen, die gerade im Filmgeschäft oft auch kommerziell begründet wird. Filme sollen uns jedoch nicht nur unterhalten, sondern uns auch immer wieder neue Einblicke ermöglichen, unsere lieb gewonnenen Gewohnheiten hinterfragen – aufrütteln.

Deswegen ist CINEMA 52 auch den unsicheren Momenten im Kino gewidmet. Neben kurzen Szenenbetrachtungen einzelner Filme wird in weiteren Texten sowohl der Lust an der erzählerischen Unsicherheit nachgespürt wie den endlosen, neobarocken Verästelungen im Erzählfluss der TV-Serie Six Feet Under. Untersucht werden Paranoiafilme der Siebzigerjahre, das Heist Movie, visuelle Unsicherheiten in Jane Campions In the Cut sowie die plötzlichen Gewaltausbrüche im langweiligen Leben von Versicherungsagenten. Der Filmemacher Dani Levy erzählt vom Erwartungsdruck und von der befreienden Kraft des Komischen. Die Selbstversicherungsstrategien der Filmkritik werden ebenso zum Thema gemacht wie die Enge der Schweiz, die prekäre Sicherheit, die ein Hut seinem Träger verschafft, das nervende Notausgangsschild im Kinosaal oder die Katastrophe, die ein einziges Malteser vor der Leinwand anrichten kann. Essayistische Texte stehen neben wissenschaftlichen und literarischen, ein zeichnerischer Bildessay neben einem fotografischen.

Der traditionelle «Filmbrief» berichtet dieses Mal von den Gefahren, denen Filmschaffende in Palästina ausgesetzt sind, während in der Rubrik «CHFenster» der Drehbuchautor Micha Lewinsky mit inneren Dämonen kämpft. Unter dem neuen Namen «Sélection CINEMA» wird schliesslich das Schweizer Filmschaffen des letzten Jahres in einer ausführlichen Übersicht kritisch kommentiert.

Für die Redaktion
Veronika Grob


07.1.2007, 13:54 | Permalink

Sicherheit [CINEMA 52]

Von  Redaktion [ Frühere Ausgaben ]
Sicherheit

Inhalt

Editorial

DANIELA JANSER
Geld oder Leben!
Agenten der Verunsicherung oder Das Unbehagen in der Versicherung

JEN HAAS
Lieber ein Schrecken ohne Ende ...
Six Feet Under zwischen neobarocker Offenheit und der Sehnsucht
nach dem Endgültigen

NATALIE BÖHLER
Der Notausgang

THOMAS CHRISTEN
Safety Last
Bausteine zu einem Konzept der narrativen Unsicherheit

SANDRA KÜHNE
Identität ist ein unsicheres Zuhause
Ein Bildessay

PHILIPP BRUNNER
«Nicht schwul.»
Strategien der Selbstversicherung in Kritiken zu Brokeback Mountain

ANITA GERTISER
Die Sehnsucht des Auges nach einem Anker im Bild
Jane Campions In the Cut

SASCHA LARA BLEULER
Ich kann nicht nur dramatisch unterwegs sein
Ein Gespräch mit Dani Levy

ROLAND ZEMP
Sicherheit
Ein Bildessay

RALF SCHLATTER
Die Geschichte mit den Maltesers

ANDREAS FURLER
Der Coup als Kunst und Katastrophe
Anmerkungen zum Heist Movie

HENRY M. TAYLOR
Das Goldene Zeitalter der Paranoia
Bedrohungsszenarien im Verschwörungsthriller der Siebzigerjahre

BENEDIKT EPPENBERGER
Hütchenspiele

MARCY GOLDBERG
Sicherheit, Langeweile, Selbstzerstörung
Filmemachen im «Gefängnis Schweiz»

Unsichere Momente
Sandra Walser, Michèle Wannaz, Sascha Lara Bleuler, Simon Spiegel, Till Brockmann, Flavia Giorgetta, Stephanie Kühnle, Veronika Grob, Florian Keller

CH-Fenster
MICHA LEWINSKY
Schreiben macht traurig

Filmbrief ...
AMER HLEHEL
... aus dem Nahen Osten
Das palästinensiche Kino: eine Frage von Leben und Tod

Sélection CINEMA
Das Schweizer Filmschaffen 2005/2006 im Überblick, kritisch kommentiert

Zu den Autorinnen und Autoren


07.1.2007, 13:45 | Permalink

Sicherheit

Von  Redaktion [ Frühere Ausgaben ]
Die neue Nummer kommt bald!

CINEMA 25: Sicherheit.

Sicherheit TItel


Zur Ansicht: ...
Plakat CINEMA Sicherheit
...von Roland Zemp.

07.1.2007, 13:15 | Permalink

Sélection CINEMA

Von  Redaktion [ In eigener Sache ]
CINEMA legt viel Wert auf eine kritische und unabhängige Begleitung der Schweizer Filmproduktion. In der Rubrik „Sélection CINEMA“ (ehemals „Kritischer Index“) kommentieren Filmkritikerinnen und Filmkritiker jeweils rund vierzig Schweizer Spiel- und Dokumentarfilme des laufenden Produktionsjahres. Darunter finden sich vermehrt Kurzfilme sowie Experimental- und Animationsfilme. Auswahlkriterien sind beispielsweise die künstlerische Eigenständigkeit, die Auswertung im Kino, das kontinuierliche Schaffen einer Filmemacherin, eines Filmemachers. Es werden auch Werke berücksichtigt, die in der Tagespresse keine Erwähnung finden.

Aus dieser kontinuierlichen Begleitung der Schweizer Filmproduktion ist im Laufe der Jahre eine Art kritisches Lexikon des Schweizer Films entstanden: über 400 Beiträge in diesem Bereich sind online abrufbar (ein Vielfaches an Texten findet sich in den gedruckten CINEMA-Ausgaben). Die „Sélection CINEMA“ ist somit ein film- und kulturhistorisch wertvolles Nachschlagewerk, ein Textfundus für Festivalkataloge und Programmzeitungen von Nachspielstellen.

Die „Sélection CINEMA“ finden Sie einmal jährlich gesammelt in gedruckter Form im Filmjahrbuch CINEMA – und laufend aktualisiert in diesem Weblog!

07.1.2007, 13:14 | Permalink

Filmbulletin [November 2006]

Von  Redaktion [ Rezensionen ]
Rezension zu CINEMA 51: Erotik

Filmbulletin

07.1.2007, 12:59 | Permalink
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