Editorial Sicherheit [CINEMA 52]
Kaum ein Schlagwort wird in der Werbung und in Gesprächsrunden so ausnahmslos positiv verwendet wie «Sicherheit», denn auf die Sicherheit beim Autofahren, auf sichere Schulen oder Renten möchte wohl niemand verzichten. Doch in der zeitgenössischen politischen Landschaft ist der geradezu inflationäre Gebrauch des Begriffs nicht nur als Antwort auf die Drohungen des Terrorismus zu verstehen, sondern schafft gleichzeitig aktiv ein Klima der Angst. In diesem Sinne sind Sicherheit und Unsicherheit die zwei Seiten derselben Medaille. Das Böse, das Gefährliche, das Andere muss identifiziert, reglementiert und ausgegrenzt werden, um die Gemeinschaft zu schützen.
Davon erzählen im Kino nicht nur diverse Thriller, Horrorgeschichten Paranoiaszenarien und Kriminalfilme. Am Ursprung jeglicher Geschichte steht der Konflikt, der – stets neu erzählt – schliesslich gelöst und in die Ordnung des beruhigenden Happy Ends heimgeholt werden soll. Das ist die Sicherheit, die uns das Genrekino bieten kann. Fühlen wir uns nicht behütet und geborgen, wenn im beruhigenden Dunkel des Kinosaals auf der Leinwand der Mörder schliesslich gefasst wird, sich das Paar endlich in die Arme fallen kann, in Katastrophensituationen der Held für die Rettung der Welt einsteht? Und vermitteln uns neben der Eindeutigkeit von Genrekonventionen nicht auch Filmmusik, Kamera-führung, Lichtsetzung oder verlässliche Erzähler emotionale Sicherheiten?
Kino kann sich jedoch nicht in den sicheren Grenzen dieser bekannten Normen erschöpfen, sonst droht sich die Traummaschinerie totzulaufen und in Ideologie und Langeweile zu erstarren. Um aufregend zu bleiben, muss Kunst diese schützenden Grenzen immer wieder sprengen auf der Suche nach dem Anderen, dem Neuen, dem Überraschenden, dem Ambivalenten – dem Unsicheren. Wenn nötig mit avantgardistischer Gewalt, denn der Sicherheitswahn kann bis zur Zensur führen, die gerade im Filmgeschäft oft auch kommerziell begründet wird. Filme sollen uns jedoch nicht nur unterhalten, sondern uns auch immer wieder neue Einblicke ermöglichen, unsere lieb gewonnenen Gewohnheiten hinterfragen – aufrütteln.
Deswegen ist CINEMA 52 auch den unsicheren Momenten im Kino gewidmet. Neben kurzen Szenenbetrachtungen einzelner Filme wird in weiteren Texten sowohl der Lust an der erzählerischen Unsicherheit nachgespürt wie den endlosen, neobarocken Verästelungen im Erzählfluss der TV-Serie Six Feet Under. Untersucht werden Paranoiafilme der Siebzigerjahre, das Heist Movie, visuelle Unsicherheiten in Jane Campions In the Cut sowie die plötzlichen Gewaltausbrüche im langweiligen Leben von Versicherungsagenten. Der Filmemacher Dani Levy erzählt vom Erwartungsdruck und von der befreienden Kraft des Komischen. Die Selbstversicherungsstrategien der Filmkritik werden ebenso zum Thema gemacht wie die Enge der Schweiz, die prekäre Sicherheit, die ein Hut seinem Träger verschafft, das nervende Notausgangsschild im Kinosaal oder die Katastrophe, die ein einziges Malteser vor der Leinwand anrichten kann. Essayistische Texte stehen neben wissenschaftlichen und literarischen, ein zeichnerischer Bildessay neben einem fotografischen.
Der traditionelle «Filmbrief» berichtet dieses Mal von den Gefahren, denen Filmschaffende in Palästina ausgesetzt sind, während in der Rubrik «CHFenster» der Drehbuchautor Micha Lewinsky mit inneren Dämonen kämpft. Unter dem neuen Namen «Sélection CINEMA» wird schliesslich das Schweizer Filmschaffen des letzten Jahres in einer ausführlichen Übersicht kritisch kommentiert.
Für die Redaktion
Veronika Grob
Sicherheit [CINEMA 52]
Inhalt
Editorial
DANIELA JANSER
Geld oder Leben!
Agenten der Verunsicherung oder Das Unbehagen in der Versicherung
JEN HAAS
Lieber ein Schrecken ohne Ende ...
Six Feet Under zwischen neobarocker Offenheit und der Sehnsucht
nach dem Endgültigen
NATALIE BÖHLER
Der Notausgang
THOMAS CHRISTEN
Safety Last
Bausteine zu einem Konzept der narrativen Unsicherheit
SANDRA KÜHNE
Identität ist ein unsicheres Zuhause
Ein Bildessay
PHILIPP BRUNNER
«Nicht schwul.»
Strategien der Selbstversicherung in Kritiken zu Brokeback Mountain
ANITA GERTISER
Die Sehnsucht des Auges nach einem Anker im Bild
Jane Campions In the Cut
SASCHA LARA BLEULER
Ich kann nicht nur dramatisch unterwegs sein
Ein Gespräch mit Dani Levy
ROLAND ZEMP
Sicherheit
Ein Bildessay
RALF SCHLATTER
Die Geschichte mit den Maltesers
ANDREAS FURLER
Der Coup als Kunst und Katastrophe
Anmerkungen zum Heist Movie
HENRY M. TAYLOR
Das Goldene Zeitalter der Paranoia
Bedrohungsszenarien im Verschwörungsthriller der Siebzigerjahre
BENEDIKT EPPENBERGER
Hütchenspiele
MARCY GOLDBERG
Sicherheit, Langeweile, Selbstzerstörung
Filmemachen im «Gefängnis Schweiz»
Unsichere Momente
Sandra Walser, Michèle Wannaz, Sascha Lara Bleuler, Simon Spiegel, Till Brockmann, Flavia Giorgetta, Stephanie Kühnle, Veronika Grob, Florian Keller
CH-Fenster
MICHA LEWINSKY
Schreiben macht traurig
Filmbrief ...
AMER HLEHEL
... aus dem Nahen Osten
Das palästinensiche Kino: eine Frage von Leben und Tod
Sélection CINEMA
Das Schweizer Filmschaffen 2005/2006 im Überblick, kritisch kommentiert
Zu den Autorinnen und Autoren
Sélection CINEMA
CINEMA legt viel Wert auf eine kritische und unabhängige Begleitung der Schweizer Filmproduktion. In der Rubrik „Sélection CINEMA“ (ehemals „Kritischer Index“) kommentieren Filmkritikerinnen und Filmkritiker jeweils rund vierzig Schweizer Spiel- und Dokumentarfilme des laufenden Produktionsjahres. Darunter finden sich vermehrt Kurzfilme sowie Experimental- und Animationsfilme. Auswahlkriterien sind beispielsweise die künstlerische Eigenständigkeit, die Auswertung im Kino, das kontinuierliche Schaffen einer Filmemacherin, eines Filmemachers. Es werden auch Werke berücksichtigt, die in der Tagespresse keine Erwähnung finden.
Aus dieser kontinuierlichen Begleitung der Schweizer Filmproduktion ist im Laufe der Jahre eine Art kritisches Lexikon des Schweizer Films entstanden: über 400 Beiträge in diesem Bereich sind online abrufbar (ein Vielfaches an Texten findet sich in den gedruckten CINEMA-Ausgaben). Die „Sélection CINEMA“ ist somit ein film- und kulturhistorisch wertvolles Nachschlagewerk, ein Textfundus für Festivalkataloge und Programmzeitungen von Nachspielstellen.
Die „Sélection CINEMA“ finden Sie einmal jährlich gesammelt in gedruckter Form im Filmjahrbuch CINEMA – und laufend aktualisiert in diesem Weblog!
Filmbulletin [November 2006]
Professional Production [2006]
Film und TV Kameramann [Juli 2006]