Il neige à Marrakech [Hicham Alhayat]

Von Daniela Janser [ Sélection CINEMA ]
il neige à Marrakech

Die Kernidee von Il neige à Marrakech, das marrokanische Skigebiet Oukaimeden als schweizerisches Splügen auszugeben, hat viel Charme und Witz. Ein marrokanischer Opa möchte unbedingt in die Schweiz, zum Skifahren. Er besitzt einen Schweiz-Schrein an seinem Bett, den er hingebungsvoll anbetet. Aber obwohl sich sein Sohn mehrfach bemüht, wird ihnen kein Visum für die ersehnte Reise in die Schweiz ausgestellt. Man hat Angst, dem altersschwachen Herrn die schlechte Botschaft zu überbringen. Als Ausweg verfrachtet man den mit einer massiven Dosis Schlafmittel ausser Gefecht Gesetzten, ins nahe einheimische Skigebiet Oukaimeden. Etwas Schnee und ein paar Sessellifte hat es dort zwar auch, aber sonst gibt es leider recht viele Anzeichen dafür, dass man nicht in den Schweizer Bergen ist. Trotzdem erzählt der Sohn, man sei jetzt in Splügen und zerbricht dem misstrauischen Alten dann kurzerhand die Brille, um sein konstantes Gejammer über «keine Chalets, keine Föhren, keine Kühe» abzublocken. Sie gehen essen. Zwei Verbündete haben das Restaurant in Windeseile fast erfolgreich zum Chalet umdekoriert. Der alte Mann lässt sich nicht mit Steak und Pommes Frites abspeisen, sondern will ein Käsefondue. Dass dieses aus geschmolzenen Tigerkäsli besteht, dreht dem Sohn den Magen um, aber der Papa ist glücklich. Erst recht als eine Skischönheit mit ihm für ein Erinnerungsfoto posiert. Und natürlich ist der Alte nur halb so naiv, wie der Sohn vermutet. Jede Notlüge des Sohns nimmt er zum Anlass, um forsch weitere Begehrlichkeiten zu äussern.

Der in 1974 in Marrakesch geborene und in Genf ausgebildete Schauspieler und Regisseur Alhayat (Sexe, beur & confiture und Haunted) erzählt seine Geschichte temporeich, witzig und in wohlproportionierten kleinen Szenen. Die stimmige Kurzfilm-Komödie ist überdies ein charmanter ironischer Kommentar zu gewissen Auswüchsen einer überdeutlich mit helvetischen Accessoires und Themen angereicherten einheimischen Filmproduktion. Aber auch die handfeste politische Dimension fehlt in der holprig-herzigen «Swissness»-Scharade nicht, wird doch dem schweizverliebten alten Mann wiederholt ein Touristenvisum verweigert. Die treffend gewählten Musikeinlagen und die knappen Dialoge tun das ihre dazu, um den kleinen Film zum grossen Vergnügen zu machen. Im Frühjahr 2007 hat Hicham Alhayat vom BAK 20’000 Franken als Drehbuchbeitrag für ein Langspielfilmprojekt mit Titel Il neige à Marrakech gesprochen bekommen.

P: Amir Productions, (Le Lignon), Bord Cadre films Sàrl (Genève), TSR 2006. B, R: Hicham Alhayat. K: Pascal Montjovent. T: Jürg Lempen. S: Laurent Nègre, Julien Sulser. M: Julien Sulser, Abdessamad Miftha. D: Atmen Kelif, Abdelajabbar Louzir, Abdessamad Miftha. W: Bord Cadre Film (Genève).
35mm, Farbe, 15 Minuten, Französisch.

31.8.2007, 19:10 | Permalink

René [Tobias Nölle]

Von Thomas Hunziker [ Sélection CINEMA ]
rené

René sehnt sich nach dem weissen Land, um seiner Einsamkeit zu entfliehen. Der Weg dorthin führe durch den Wald oder durch das Schneckenloch – seine Gedanken spricht René auf Tonbänder, die er dann in Briefkasten und an anderen Orten verteilt. Ständig trägt er eine gelbe Regenjacke, kickt weisse Fussbälle durch die Gegend und philosophiert sich durch die Einsamkeit: «Wenn ich einen Balkon hätte, würde ich einen Kaktus anpflanzen oder mir einen Fallschirm kaufen.»

René zahlt Miete, atmet, isst, schläft – wie die anderen Menschen auch. Was unterscheidet ihn von den anderen Menschen? «Ein Kaktus wäre praktisch, der könnte mich nämlich manchmal stechen.» Auf der Suche nach menschlichen Begegnungen nimmt René immer verzweifeltere Kontaktversuche auf sich, spricht sogar mit dem Publikum, doch die Erlösung findet er weder durch den Wald noch durch das Schneckenloch, sondern in der Erkenntnis, dass die eigene Existenz durchaus nicht ohne Humor ist.

Regisseur Tobias Nölle hat schon in anderen Filmen schräge Figuren ins Zentrum gerückt, etwa den Eulensammler in Bernd (2005) oder den schwarzen Touristen in Mes vacances (2007). In René wagt er sich nun an die wesentliche Frage, wodurch sich die menschliche Existenz bestimmt. Für René ist die Antwort ziemlich schnell gefunden: Der Kontakt zu anderen Personen ist das fundamentale menschliche Bedürfnis. Oder wie René selbst bemerkt, wird die positive oder negative Wirkung der eigenen Person erst durch die Beziehung zu einer anderen Person realisiert. Wegen dem Mangel an Kontaktpersonen gerät daher sein unsicheres Selbstverständnis immer wieder ins Wanken.

Das Porträt des einsamen Menschen ist gleichsam verstörend und berührend, zärtlich und brutal, dann wieder auch leicht schelmisch, mit einem Humor der Verunsicherung. Die delikate Gratwanderung gelingt Nölle durch die zugleich konkrete und doch unbestimmte Inszenierung, welche die Hauptfigur manchmal auf sicherem Boden gehen lässt, um sie in der nächsten Szene wieder aus dem Gleichgewicht zu kippen.

Nölle treibt die mühsame Suche des Mannes nach Erlösung nicht nur inhaltlich zielstrebig voran, sondern hat sie auch formal konsequent umgesetzt. Sein Werk überzeugt durch die stilsichere Kombination von sorgfältig kadrierten Einstellungen, wohl abgestimmtem Schnitt und unheimlichem Ton. Zuletzt muss noch die bestechende Präsenz der Schauspieler erwähnt werden, allen voran jene von Urs Jucker als René. Für sein reifes Werk hat Nölle in Locarno verdientermassen den Pardino d’oro für den besten Schweizer Kurzfilm erhalten.

P: Desaster Films (Zürich). B, R, S: Tobias Nölle. K: Simon Guy Fässler. M: Beat Jegen. D: Urs Jucker, Arthur M. Miranda, Hans Birrer, Hans Rudolf Twerenbold. V, W: Desaster Films (Zürich).
Digital Beta, Farbe, 30 Minuten, Schweizerdeutsch.

30.8.2007, 11:56 | Permalink

Fuori dalle corde [Fulvio Bernasconi]

Von Thomas Hunziker [ Sélection CINEMA ]
Fuori dalle corde

Michele (Michele Venitucci), ein junger Boxer aus Italien, wird für eine viel versprechende Karriere nach Hamburg geholt. Alles läuft bestens – bis er nach zweifelhaftem Entscheid der Punkterichter einen Kampf und somit auch seinen Vertrag verliert. Er kehrt niedergeschlagen nach Triest zurück und hängt die Boxhandschuhe an den Nagel. Die Wohnung teilt er sich mit seiner älteren Schwester Anna (Maya Sansa), die bei einem Fischverarbeiter arbeitet.

Anna kann die Entscheidung ihres Bruders nicht akzeptieren: Nach dem frühen Tod ihrer Eltern hat sie sich für Michele aufgeopfert, ja sogar verschuldet. Sein Entschluss, den Ring zu verlassen, ist für sie eine grosse Enttäuschung. Von Anna angetrieben fängt sich Michele wieder, aber trotz aller Anstrengungen und den vagen Versprechungen einiger Agenten gibt es keine neuen Verträge.

Michele hat immer mehr Mühe, die Misserfolge wegzustecken, und nicht zuletzt wegen der desaströsen finanziellen Lage seiner Schwester akzeptiert er den Vorschlag eines dubiosen Managers und nimmt an illegalen Boxkämpfen an der kroatischen Grenze teil. Er betritt eine Welt ohne Spielregeln. Von Wettkampf zu Wettkampf rutscht er tiefer ins kriminelle Boxmilieu. Angewidert möchte er aussteigen und nimmt schliesslich einen letzten Kampf in der Schweiz an, der ihm viel Geld einbringen soll…

In manchen Filmen können sich Figuren noch so gegen ihr Schicksal wehren, sie können ihm einfach nicht entrinnen. In Fuori dalle corde stürzen sich die beiden Hauptfiguren jedoch mit offenen Augen in ihr Elend. Dies ist zwischendurch beinahe so qualvoll mit anzusehen wie die Boxkämpfe. Dennoch gelingt es Fulvio Bernasconi, eine fesselnde Stimmung aufzubauen. In der düsteren Inszenierung kann man den Dreck und Schweiss, das Blut und nicht zuletzt die Verzweiflung beinahe riechen.

Fuori dalle corde, der Schweizer Beitrag im Internationalen Wettbewerb des Filmfestivals Locarno 2007, ist irgendwo zwischen Rocky (John G. Avildsen, USA 1976) und Bloodsport (Newt Arnold, USA 1988) angesiedelt. Der Kampf gegen das Schicksal in wirtschaftlich widrigen Zeiten erinnert auch an Cinderella Man (Ron Howard, USA 2005); im Gegensatz zu diesem amerikanischen Boxerdrama ist Fuori dalle corde jedoch in keiner Weise melancholisch.

«Fuori di testa» sind die Figuren in Bernasconis Drama – verrückt. Neben den emotionalen Bildern vertraut die simpel konstruierte Handlung dann auch voll auf die intensiven Hauptdarsteller. Ein wenig wie Lady Macbeth treibt die Schwester ihren Bruder dazu, böser zu sein und entfremdet sich dadurch von ihm. Schliesslich muss sie sich nicht Blut von ihren Händen waschen, sondern den Gestank der Fische. Das Blut bleibt an Micheles Händen kleben.

Am Filmfestival Locarno durfte Hauptdarsteller Michele Venitucci für seine Leistung den Leoparden für den besten Darsteller entgegen nehmen. Die Auszeichnung teilte er sich mit Michel Piccoli aus Sous les toits de Paris von Hiner Saleem.

P: Ventura Film SA (Meride), Arte, Bianca Film, ITC Movie srl, TSI, RAI Cinema, SRG SSR idée suisse 2007. B: Fulvio Bernasconi, Vincenza Consoli. R: Fulvio Bernasconi. K: Filip Zumbrunn. S: Milenia Fiedler. T: Patrick Becker. M: Alexander Hacke. D: Michele Venitucci, Maya Sansa, Juan Pablo Ogalde, Vilim Matula, Mauro Serio. V: Frenetic Films (Zürich). W: Media Luna International Film Sales (Köln).
35mm, Farbe, 86 Minuten, Italienisch

30.8.2007, 11:01 | Permalink

Twist [Alexia Walther]

Von Nicola Ruffo [ Sélection CINEMA ]
Twist

Die Badesaison ist längst vorbei. Vier Männer tanzen Twist in einer verlassenen Strandbar. Zu Beginn schildert einer von ihnen eine Episode des Gallischen Krieges: Die Helvetier beabsichtigten einst in den fruchtbaren Süden auszuwandern. Sie verbrannten ihre Häuser und wollten in der Fremde ein neues Leben beginnen. Doch Julius Caesar verhinderte die Völkerwanderung höchstpersönlich und zwang die Helvetier zur Rückkehr in ihre Heimat. Dort begannen sie ihr Leben wieder von Grund auf neu.

Diese geschichtlichen Zusammenhänge werden in einem vierminütigen Monolog präsentiert. Gleichzeitig wird die leere Kulisse durch eine 360-Grad-Kameradrehung etabliert. Erste Twist-Schritte werden angedeutet. Die Musik wird aufgedreht. Die vier Tanzenden steigern sich langsam in eine choreografierte Bewegungsartistik, während die Szene in ruhigen Bildern gezeigt wird. Die Mischung aus helvetischer Geschichte und Tanzperformance trifft nicht jeden Geschmack. Von den Kritikern und Jurys einiger Filmfestivals gefeiert, werden diese nur intuitiv erfahrbaren Zusammenhänge vom Festivalpublikum etwas ratlos zur Kenntnis genommen. Konzipiert hat das Werk die Genfer Künstlerin Alexia Walther in Zusammenarbeit mit dem Westschweizer Choreografen Foofwa d’Imobilité. Sie hat in ihrer Heimatstadt die Hochschule für visuelle Kunst in Genf abgeschlossen und lebt momentan in Paris und Nizza. Installationen und Fotografien waren ihre bisherigen künstlerischen Ausdrucksformen. Mit Twist hat sie sich erstmals aus dem Kunstkontext auf die Kinoleinwand gewagt. Twist entzieht sich den gängigen Sehgewohnheiten des Kinogängers und unterscheidet sich von sämtlichen Werken in jedem Kurzfilmblock. Eine experimentelle Tanzperformance wird mit narrativen Elementen kontrastiert. Diese formale Eigenheit wurde zum Eintrittsticket in die Kurzfilmsektionen von zahlreichen internationalen Filmfestivals. Neue Einflüsse mögen polarisieren, doch schlussendlich bereichern sie das Kurzfilmschaffen. Genauso unverstanden mussten sich die ersten Twisttänzer Ende der Fünfzigerjahre gefühlt haben. Paartanz war die tänzerische Norm. Beim Twist tanzte zum ersten Mal in der Geschichte des Tanzes jeder für sich. Der Tanz fesselte dann in den Sechzigerjahren generationsübergreifend die Welt. Die Tanzfläche war frei zugänglich. Wilde Solotanzeinlagen waren auf einmal möglich. Eine filmische Revolution ist dieser Kurzfilm nicht. Aber man erlebt im Kino den Moment der Überraschung – wie selten heutzutage.

P: Alexia Walther (Genf) 2006. B: Alexia Walther. R: Alexia Walther. K: Simon Beaufils. T: Sébastian Pierre. S: Martial Simon. M: Maxime Matray. D: Foofwa d'Imobilité, Grégoire Bourbier, Marc Chevalier, Filibert Tologo. V: Alexia Walther (Genf). W: Alexia Walther (Genf).
Beta SP, Farbe, 11 Minuten, Französisch (Englisch).

25.8.2007, 19:12 | Permalink

Wenn ich eine Blume wäre… [Barbara Burger]

Von René Müller [ Sélection CINEMA ]
Wenn ich eine Blume wär...

«Das ist eine Klasse, wo die Kinder blöd sind… Nein, das ist eine Klasse, wo man nicht so schnell arbeitet», erklärt Haris schalkhaft. Der 12-Jährige Junge aus Bosnien besucht in Bern eine Kleinklasse und ist eines der fünf porträtierten Kinder im Diplomfilm Wenn ich eine Blume wäre… von Barbara Burger. Die Filmemacherin arbeitet bereits seit fünf Jahren als Kleinklassen-Lehrerin. In ihrem Diplomfilm zeigt sie den Alltag ihrer Schüler und nimmt dabei die Doppelrolle als Protagonistin und Regisseurin ein.

Barbara Burger dokumentiert, wie die Kinder – oft widerwillig und stets mit einem Hang zum aufrührerischen Chaos – im Schulzimmer pädagogisch wertvolle Übungen machen. Dazu gehört das titelgebende Spiel: «Wenn ich eine Blume wäre, wäre ich am liebsten eine Sonnenblume, weil sie gelb ist», meint das zurückhaltende und zugleich aufgeweckte tamilische Mädchen Shenthuya. «Wenn ich eine Blume wäre, wäre ich am liebsten eine Rose, weil sie so schön ist», rezitiert Jana, die herausgeputzte Tochter einer allein erziehenden Putzfrau. «Wenn ich eine Maschine wäre, wäre ich ein Kühlschrank, weil es dort drin schön kühl ist» liest der 13-jährige Mazedonier Renad ungelenk vor.
So unterschiedliche Persönlichkeiten diese Kinder aus Migrantenfamilien und unterprivilegierten Milieus auch sind, ihre Lernprobleme hängen alle mit der deutschen Sprache zusammen. Doch auch mit der Sprache ihrer Eltern haben die Kleinklässlern zu kämpfen. So muss Shenthuya für ihre Eltern deutsche Briefe übersetzten und Zeitungsannoncen lesen, gleichzeitig muss das Mädchen in den Tamilischunterricht, um ihr «eigenartiges Tamilisch» zu verbessern. Für Shenthuya ist Deutsch eine Geheimsprache, die sie mit ihrem Bruder spricht, damit ihre Eltern nichts verstehen. Darauf angesprochen, wieso seine Mutter kein Deutsch könne, meint Renad ruppig: «Ich finde es unnötig. Ob sie deutsch lernen will, weiss ich nicht.» Und fügt in gebrochenem Deutsch an: «Sie kann deutsch, einfach nicht so perfekt wie wir.»

Barbara Burger ist mit ihrem Diplomfilm eine einfühlsame Dokumentation gelungen, die ganz ohne Off-Kommentar auf die Probleme von Kindern, die den normierten Schulanforderungen nicht entsprechen, aufmerksam macht. Die Filmemacherin beobachtet die jungen Menschen nicht nur im Klassenzimmer, sondern begleitet sie auch in der Freizeit – beim Shopping, Tanzen oder Arbeiten. Sie lässt sich dabei sorgfältig auf die Erlebniswelt der Jugendlichen ein, ohne eine autoritäre Perspektive einzunehmen. In dieser Herangehensweise erinnert der Film an Thomas Imbachs Ghetto (1997). Burgers Dokumentarfilm ist jedoch ungleich konventioneller geraten. So verzichtet sie auch auf eine Reflexion ihrer durchaus spannenden und für den Film entscheidenden Doppelrolle. Wenn ich eine Blume wäre… überzeugt denn auch vielmehr durch seine solide Machart und durch den berührend-gewinnenden Umgang mit seinen Protagonisten.

P: Verena Gloor, Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich 2007. B: Barbara Burger. R: Barbara Burger. K: Ulrich Grossenbacher. T: Balthasar Jucker. S: Rosa Albrecht. M: Shenthuya Anpalagan, Haris Budimlic, Joana Dias, Renad Ismaili, Ardijana Luzi. V: HGKZ (Zürich).
Digibeta, Farbe, 50 Minuten, Dialekt/Deutsch.

22.8.2007, 13:59 | Permalink

Schwarze Schafe [Oliver Rhys]

Von Veronika Grob [ Sélection CINEMA ]
Schwarze Schafe

Während im Schweizer Wahlkampf die Schafe um die Wette blöken, erobert der charmant-tabulose Berliner Kiezfilm Schwarze Schafe die Kinoleinwand und mischt die Schweizer Filmszene auf. Der im Kanton Zürich geborene Wahlberliner Oliver Rhys hat seinen schwarzweissen Episodenfilm ohne Fördergelder realisiert. Und so konnte sich die Low-Budget-Produktion rotzfrech über jegliche Kommissions-Kompromisse und TV-Machbarkeitstudien hinwegsetzen. Das ist ganz schön erfrischend.

Die Schweizer Autoren, die Oliver Rhys für seine Liebeserklärung an Berlins Anarchos und Loser zusammengetrommelt hat, konnten sich im Setting der deutschen «arm, aber sexy»-Hauptstadt richtig austoben. Rhys, der nach Brombeerchen (2002) mit Schwarze Schafe seinen zweiten Kinofilm vorlegt, und sein Basler Koproduzent und Kamermann Olivier Kolbe sahen sich als «eine Art Ideen-Fänger», welche die Inputs ihrer Zürcher Kollegen kanalisierten. Unter anderem haben die beiden Strähl- und Achtung, fertig, Charlie!-Autoren David Keller und Michael Sauter Episoden beigesteuert sowie der Zürcher Regisseur Thomas Hess. Der vielleicht etwas unstete, aber immer schwarzhumorige Reigen wird eröffnet mit Boris, der sich als schnöseliger Adeliger ausgibt, und sich mit einem gefakten Erstickungsanfall in einem Nobelrestaurant nicht nur die Luxussuite, sondern auch scharfen Sex mit einer Vogue-Redaktorin erschleicht. Derweil wollen zwei kiffende Junghippies eine Arbeitsgemeinschaft arbeitsloser Künstler anheuern, um ihre Wohnung gratis renovieren zu lassen, kriegen aber selbst einen Job verpasst. Charlotte macht Touristenführungen auf der Spree und schämt sich dafür vor ihrer ehemaligen Studienkollegin, die auf dem Dampfer mit ihrem Münchner Schickimicki-Mann naserümpfend Rotkäppchen-Sekt nippt. Was ihnen Charlottes sturzbesoffener Freund Peter mit dem Ruf: «Dies ist Feindesland!» und seinem Mageninhalt zurückzahlt. Zwei Satanisten missbrauchen die komatöse Oma für ein teuflisches Ritual, und eine türkische Secondo-Gang ist auf der verzweifelten Suche nach dem ultimativen Fick, die sie nicht nur in den legendären Kitkat-Club führt, sondern auch an eine Goa-Party am Müggelsee.

Der mit wenigen Farbakzenten versehene Schwarzweiss-Film ist mit Lust inszeniert, schmissig geschnitten und mit einem funkigen Soundtrack der kanadisch-deutschen Band King Khan unterlegt. Vor allem profitierte Rhys aber davon, dass sich mit Robert Stadlober, Jule Böwe, Bruno Cathomas, Oktay Özdemir, Milan Peschel und vielen anderen eine ganze Riege hervorragender Schauspieler gratis als schwarze Schafe zur Verfügung stellten. Der tabulose Film, der mit massivem Einsatz von Körperflüssigkeiten einige moralische Grenzen benässt, mag nicht jedermanns Geschmack sein. Umso mehr freuen einen die Auszeichnung in Schwerin und Hof und die guten Besucherzahlen aus Berlin und Zürich. Und in einem grandiosen Schlussbild gelingt es dem Punkfilm, sich hoffnungsfroh aus dem urbanen Sumpf zu ziehen. Nach einer langen Nacht springen die drei dauergeilen Secondos bei sanftem Morgennebel und mit Mammuterektionen in den Müggelsee: «Natur ist geil, Mann!»

P: Oliwood Productions (Stäfa), KoboiFilm (Berlin) 2006. B: Oliver Rihs, Michael Sauter, Thomas Hess, David Keller, Daniel Young, Olivier Kolb. R: Oliver Rihs. K: Olivier Kolb. T: Florian Kühnle, Ramón Orza. S: Sarah Clara Weber, Andreas Radtke. M: King Khan, Sandra Weckert. D: Marc Hosemann, Jule Böwe, Bruno Cathomas, Robert Stadlober, Tom Schilling, Barbara Kowa, Milan Peschel, Beat Marti. V: Filmcoopi (Zürich). W: Oliwood Productions (Zürich), Hollywood Classics (London).
35 mm, Schwarzweiss und Farbe, 95 Minuten, Deutsch.

21.8.2007, 13:00 | Permalink

Aprilwetter [Jeannine Hegelbach]

Von Sonja Eisl [ Sélection CINEMA ]
Aprilwetter

Ralf hört Musik. Es ist 2:47 in der Nacht und eigentlich möchte Ralf schlafen – so wie bis eben. Doch an Schlaf ist nun nicht mehr zu denken, denn erstens sind die Wände in der WG-Wohnung sehr ringhörig, wodurch das Liebesleben seiner Mitbewohnerin Annette in allen Klang-Nuancen erfahrbar wird, und zweitens ist Ralf in Annette verliebt - sie aber unüberhörbar nicht in ihn. So geht das jede Nacht von Montag bis Sonntag, denn die liebestolle Annette hat für jeden Wochentag die entsprechend beschriftete Unterhose und diese wechselt sie so oft wie... Nicht einmal Ralfs subtiler Sabotageakt – das Kidnapping vom «Freitag» – kann Annettes Libido bremsen. Und auch nicht seine Kochkünste, seine Messerjonglage, seine heisse Schokolade mit Honig, die er brüderlich fürsorglich als Trost auftischt, als einer ihrer Männer sie versetzt. Dankbarkeit und Zuneigung sprechen dann zwar aus Annettes Augen und sie möchte ihn küssen dafür. Just in diesem Augenblick meldet sich aber das Handy und die verheissungsvolle Möglichkeit rückt wieder in unerreichbare Ferne. Der unzuverlässige Galan meldet sich und Ralf hat einmal mehr das Nachsehen. So ist das Leben: Alle netten Mädchen wollen einen wilden Mann.

Jeannine Hegelbach präsentiert uns in ihrem Diplom-Kurzfilm Aprilwetter ein unterhaltsames Sittengemälde «light» der modernen Grossstadtmenschen. Dabei rüttelt sie an Geschlechterstereotypen, ohne dies aber in den Vordergrund zu stellen. Dass sich hier die Frau Nacht für Nacht der Polygamie hingibt (während der Mann sich in seinen Phantasien sehnsüchtig nach ihr verzehrt und still leidet), ist zwar nicht ganz neu, man denke etwa an das französische Kino von Regisseurinnen wie Catherine Breillat und Laetitia Masson. Die nonchalante, unproblematische Art hingegen, wie Hegelbach ihre weibliche Protagonistin und deren Lebensstil behauptet, ist überraschend. Das Spiel der beiden Hauptdarsteller ist so stimmig, eloquent, die Geschichte so swingend und locker-flockig erzählt, dass man fast etwas misstrauisch wird: Wo bleibt die Tragik, wo bleiben die seelischen Bruchstellen, die schlimmen Konsequenzen, die ein solches Verhalten doch zwangsläufig beinhalten muss? Der arme Ralf ist Opfer, klar, aber so richtig bangt man dennoch nicht um sein Seelenwohl. Hier bleibt vieles in der Schwebe, alles ist möglich, wenn nicht am Freitag, dann am Samstag. Ganz wie (schweizerisches) Aprilwetter eben – «nach em Räge schiint d’Sunne, nach em Briegge wird glacht.»

P: Hochschule für Gestaltung und Kunst (Zürich) 2007. B: Jeannine Hegelbach, Stephan Teuwissen. R: Jeannine Hegelbach. K: Simon Bächler. T: Simon Liniger, Paul Standerwick. S: Caterina Mona. M: Alex Good, Patrik Zeller. D: This Maag, Lale Yavas, Rouven Born, Samuel Kübler, Kiki Mäder. V, W: Hochschule für Gestaltung und Kunst (Zürich) 2007.
Digibeta, Farbe, 14 Minuten, Schweizerdeusch.

01.8.2007, 10:57 | Permalink

I Was a Swiss Banker [Thomas Imbach]

Von Thomas Hunziker [ Sélection CINEMA ]
Swiss Banker

Wer hinter dem Titel I Was a Swiss Banker die dokumentarische Aufarbeitung eines Schweizer Bankenskandals erwartet, täuscht sich gewaltig. Der Filmemacher Thomas Imbach tischt vielmehr ein verspieltes Märchen auf, in dem er die Hauptfigur in gefahrvolle Fantasiewelten abtauchen lässt: In seinem Porsche schmuggelt der Banker Roger Caviezel (Beat Marti) für seine Kunden Geld über die Grenze. Als er bei einer Kontrolle hängenbleibt, flüchtet er sich in den Bodensee. Unter Wasser rettet ihm eine Meerjungfrau das Leben. Wieder an Land, schliesst eine Hexe eine Wette mit ihm ab: Wenn es Roger nicht gelingen sollte, in drei Versuchen eine Frau zu finden, die ihn wirklich liebt, soll er der Hexe gehören.

Eine verwunschene Tour de Suisse nimmt so ihren Anfang, die durch die vielfältigen Gewässer der Schweiz, vom Zürichsee durch den Vierwaldstättersee, über den Brienzersee bis hin zum Neuenburgersee führt und schliesslich im und beim Genfersee endet. Nicht nur die landschaftliche Vielfalt der Schweiz wird in I Was a Swiss Banker betont, auch der kulturelle und soziale Reichtum dieser Nation mit verschiedensten Staatsangehörigkeiten ist Thema. So wird im Film neben Schweizerdeutsch auch noch Rätoromanisch, Türkisch, Englisch, Dänisch, Schwedisch und Französisch gesprochen. Den Ausflügen in die schwerelose Unterwasserwelt werden immer wieder mühevolle Kontaktversuche an Land gegenübergestellt, bei denen es nicht nur ums Abbauen der (scheinbar unüberwindbaren) Barriere zwischen den Geschlechtern geht, sondern eben auch ums Überwinden von Sprachgrenzen. Die zwischenmenschlichen Annäherungen enden ebenfalls im Fantastischen, und die Frage steht im Raum, ob der Banker in diesem Traumland je die wahre Liebe finden wird.

Wahre Liebe war schon das Thema von Imbachs Lenz (2006). Wie das Büchnersche Matterhorn-Drama reichert Imbach auch das Schwarzgeldmärchen I Was a Swiss Banker mit etlichen Naturelementen an. Landschaft und Tierwelt dienen dabei nicht nur als Kulisse. Aus der verstohlenen Elster wird irgendwann ein weisser Schwan; die lebensrettende Meerjungfrau bietet schliesslich der Hauptfigur die Erlösung aus der Fabelwelt – wie dieses Jahr übrigens auch schon im Mysterythriller Marmorera.

Für Imbach war es von Anfang an klar, dass sein neuer Film im Gegensatz zum schweren, literarischen Stoff Lenz eine eher unbeschwerte Geschichte sein sollte: «Ein zarter, poetischer Film, der sich anfühlt, als ob einem ein Schmetterling über die Wange streicht.» Neben der inhaltlichen Verspieltheit stechen auch die formalen Experimente ins Auge und flüstern verführerisch ins Ohr. Dabei finden in den Gesängen der Sirenen unter anderem Liedtexte von Mani Matter und Taxi sehr verschmitzte Verwendung. Eine Augenweide sind nicht nur die zahlreichen Tauchgänge, sondern auch die Titelsequenz und der Abspann.

Wie Lenz feierte auch I Was a Swiss Banker seine Uraufführung im Internationalen Forum des jungen Films an der Berlinale und wurde in das Programm «Appellations suisse» von Locarno aufgenommen.

P: Bachim Film, Zürich. B: Thomas Imbach, Eva Kammerer, Jürg Hassler. R: Thomas Imbach. K: Jürg Hassler, Thomas Imbach. S: Thomas Imbach, Jürg Hassler, Patrizia Stotz. M: Balz Bachmann, Peter Bräker. D: Beat Marti, Laura Drasbæk, Anne-Grethe Bjarup Riis, Sandra Medina, Helena af Sandeberg, Mellika Melani, Angelica Biert, Lale Yavas. V: Monopole Pathé (Zürich). W: First Hand Films (Zürich).
35mm, Farbe, 75 Minuten, Schweizerdeutsch, Englisch, Dänisch, Schwedisch, Rätoromanisch, Türkisch, Französisch

01.8.2007, 09:47 | Permalink