René [Tobias Nölle]

Von Thomas Hunziker [ Sélection CINEMA ]
rené

René sehnt sich nach dem weissen Land, um seiner Einsamkeit zu entfliehen. Der Weg dorthin führe durch den Wald oder durch das Schneckenloch – seine Gedanken spricht René auf Tonbänder, die er dann in Briefkasten und an anderen Orten verteilt. Ständig trägt er eine gelbe Regenjacke, kickt weisse Fussbälle durch die Gegend und philosophiert sich durch die Einsamkeit: «Wenn ich einen Balkon hätte, würde ich einen Kaktus anpflanzen oder mir einen Fallschirm kaufen.»

René zahlt Miete, atmet, isst, schläft – wie die anderen Menschen auch. Was unterscheidet ihn von den anderen Menschen? «Ein Kaktus wäre praktisch, der könnte mich nämlich manchmal stechen.» Auf der Suche nach menschlichen Begegnungen nimmt René immer verzweifeltere Kontaktversuche auf sich, spricht sogar mit dem Publikum, doch die Erlösung findet er weder durch den Wald noch durch das Schneckenloch, sondern in der Erkenntnis, dass die eigene Existenz durchaus nicht ohne Humor ist.

Regisseur Tobias Nölle hat schon in anderen Filmen schräge Figuren ins Zentrum gerückt, etwa den Eulensammler in Bernd (2005) oder den schwarzen Touristen in Mes vacances (2007). In René wagt er sich nun an die wesentliche Frage, wodurch sich die menschliche Existenz bestimmt. Für René ist die Antwort ziemlich schnell gefunden: Der Kontakt zu anderen Personen ist das fundamentale menschliche Bedürfnis. Oder wie René selbst bemerkt, wird die positive oder negative Wirkung der eigenen Person erst durch die Beziehung zu einer anderen Person realisiert. Wegen dem Mangel an Kontaktpersonen gerät daher sein unsicheres Selbstverständnis immer wieder ins Wanken.

Das Porträt des einsamen Menschen ist gleichsam verstörend und berührend, zärtlich und brutal, dann wieder auch leicht schelmisch, mit einem Humor der Verunsicherung. Die delikate Gratwanderung gelingt Nölle durch die zugleich konkrete und doch unbestimmte Inszenierung, welche die Hauptfigur manchmal auf sicherem Boden gehen lässt, um sie in der nächsten Szene wieder aus dem Gleichgewicht zu kippen.

Nölle treibt die mühsame Suche des Mannes nach Erlösung nicht nur inhaltlich zielstrebig voran, sondern hat sie auch formal konsequent umgesetzt. Sein Werk überzeugt durch die stilsichere Kombination von sorgfältig kadrierten Einstellungen, wohl abgestimmtem Schnitt und unheimlichem Ton. Zuletzt muss noch die bestechende Präsenz der Schauspieler erwähnt werden, allen voran jene von Urs Jucker als René. Für sein reifes Werk hat Nölle in Locarno verdientermassen den Pardino d’oro für den besten Schweizer Kurzfilm erhalten.

P: Desaster Films (Zürich). B, R, S: Tobias Nölle. K: Simon Guy Fässler. M: Beat Jegen. D: Urs Jucker, Arthur M. Miranda, Hans Birrer, Hans Rudolf Twerenbold. V, W: Desaster Films (Zürich).
Digital Beta, Farbe, 30 Minuten, Schweizerdeutsch.

30.8.2007, 11:56 | Permalink

Fuori dalle corde [Fulvio Bernasconi]

Von Thomas Hunziker [ Sélection CINEMA ]
Fuori dalle corde

Michele (Michele Venitucci), ein junger Boxer aus Italien, wird für eine viel versprechende Karriere nach Hamburg geholt. Alles läuft bestens – bis er nach zweifelhaftem Entscheid der Punkterichter einen Kampf und somit auch seinen Vertrag verliert. Er kehrt niedergeschlagen nach Triest zurück und hängt die Boxhandschuhe an den Nagel. Die Wohnung teilt er sich mit seiner älteren Schwester Anna (Maya Sansa), die bei einem Fischverarbeiter arbeitet.

Anna kann die Entscheidung ihres Bruders nicht akzeptieren: Nach dem frühen Tod ihrer Eltern hat sie sich für Michele aufgeopfert, ja sogar verschuldet. Sein Entschluss, den Ring zu verlassen, ist für sie eine grosse Enttäuschung. Von Anna angetrieben fängt sich Michele wieder, aber trotz aller Anstrengungen und den vagen Versprechungen einiger Agenten gibt es keine neuen Verträge.

Michele hat immer mehr Mühe, die Misserfolge wegzustecken, und nicht zuletzt wegen der desaströsen finanziellen Lage seiner Schwester akzeptiert er den Vorschlag eines dubiosen Managers und nimmt an illegalen Boxkämpfen an der kroatischen Grenze teil. Er betritt eine Welt ohne Spielregeln. Von Wettkampf zu Wettkampf rutscht er tiefer ins kriminelle Boxmilieu. Angewidert möchte er aussteigen und nimmt schliesslich einen letzten Kampf in der Schweiz an, der ihm viel Geld einbringen soll…

In manchen Filmen können sich Figuren noch so gegen ihr Schicksal wehren, sie können ihm einfach nicht entrinnen. In Fuori dalle corde stürzen sich die beiden Hauptfiguren jedoch mit offenen Augen in ihr Elend. Dies ist zwischendurch beinahe so qualvoll mit anzusehen wie die Boxkämpfe. Dennoch gelingt es Fulvio Bernasconi, eine fesselnde Stimmung aufzubauen. In der düsteren Inszenierung kann man den Dreck und Schweiss, das Blut und nicht zuletzt die Verzweiflung beinahe riechen.

Fuori dalle corde, der Schweizer Beitrag im Internationalen Wettbewerb des Filmfestivals Locarno 2007, ist irgendwo zwischen Rocky (John G. Avildsen, USA 1976) und Bloodsport (Newt Arnold, USA 1988) angesiedelt. Der Kampf gegen das Schicksal in wirtschaftlich widrigen Zeiten erinnert auch an Cinderella Man (Ron Howard, USA 2005); im Gegensatz zu diesem amerikanischen Boxerdrama ist Fuori dalle corde jedoch in keiner Weise melancholisch.

«Fuori di testa» sind die Figuren in Bernasconis Drama – verrückt. Neben den emotionalen Bildern vertraut die simpel konstruierte Handlung dann auch voll auf die intensiven Hauptdarsteller. Ein wenig wie Lady Macbeth treibt die Schwester ihren Bruder dazu, böser zu sein und entfremdet sich dadurch von ihm. Schliesslich muss sie sich nicht Blut von ihren Händen waschen, sondern den Gestank der Fische. Das Blut bleibt an Micheles Händen kleben.

Am Filmfestival Locarno durfte Hauptdarsteller Michele Venitucci für seine Leistung den Leoparden für den besten Darsteller entgegen nehmen. Die Auszeichnung teilte er sich mit Michel Piccoli aus Sous les toits de Paris von Hiner Saleem.

P: Ventura Film SA (Meride), Arte, Bianca Film, ITC Movie srl, TSI, RAI Cinema, SRG SSR idée suisse 2007. B: Fulvio Bernasconi, Vincenza Consoli. R: Fulvio Bernasconi. K: Filip Zumbrunn. S: Milenia Fiedler. T: Patrick Becker. M: Alexander Hacke. D: Michele Venitucci, Maya Sansa, Juan Pablo Ogalde, Vilim Matula, Mauro Serio. V: Frenetic Films (Zürich). W: Media Luna International Film Sales (Köln).
35mm, Farbe, 86 Minuten, Italienisch

30.8.2007, 11:01 | Permalink