Tell [Mike Eschmann]

Von Martina Huber [ Sélection CINEMA ]
Tell

Apfelschuss, Hohle Gasse, irgendwo ein Hut auf einer Stange: alle kennen wir die Geschichte von Wilhelm Tell – oder wenigstens einen Teil davon. Ein paar von diesen mythenbehafteten Anekdoten nimmt Mike Eschmann für seine Komödie auf, doch wer bei Tell eine Geschichte über den Ursprung der Schweiz erwartet oder eine Heldensaga, wird enttäuscht, denn «eigentlich war alles ganz anders».

Die neu erfundene Geschichte hat kaum etwas mit Schillers Drama zu tun. Wobei Geschichte vielleicht etwas hoch gegriffen ist, denn Tell besteht vielmehr aus einer Aneinanderreihung von Sketches und Spässen. Item ist unser Nationalheld demnach ein österreichischer Scharlatan, der ein zweifelhaftes Wundermittel verkauft, um sich damit das Geld für den Schweizer Pass zu verdienen. Als seine Assistentin mit den Ersparnissen verschwindet, lässt er sich anheuern, den Bau einer österreichischen Burg zu sabotieren. Während er im Innern der Burg seine Mission erfüllen will, gelingt ganz in der Nähe der Rütlischwur nie recht, hauen geldgierige Touristenführer einen Schwaben übers Ohr und ein paar Pilze mit psychedelischer Wirkung bringen ein geplantes Hochzeitfest durcheinander. Doch zum Schluss reüssiert Tell mit Hilfe eines redseligen Eskimo-Prinzen, bekommt den Pass und obendrauf das schöne Burgfräulein.

So weit, so schwierig, denn die dürftige Geschichte mit vielen Nebenschauplätzen und überzeichneten Figuren ist schwer zusammenzuhalten. Eschmann und seine Crew haben nach bestem Wissen und allen Regeln des Marketing einen möglicherweise erfolgversprechenden Film zusammengezimmert – doch die krude Mischung aus literarischen Figuren, Schweizer Fernsehprominenz, anachronistischem Klamauk und deutschen Komödianten kann nicht darüber hinweg täuschen, dass es dem Film an vielem fehlt, insbesondere an Dramaturgie (und Humor ist bekanntlich Geschmackssache).

Schlecht recherchiert war aber das Skandalpotenzial der Thematik. Das Ansinnen, den Mythos Tell mit politisch inkorrekten Scherzen zu demontieren und damit auf sich aufmerksam zu machen, misslang. Ein Zeitungsjournalist sah sich zur Bemerkung veranlasst, mit diesem Film werde eher der Ruf des Regisseurs geschlachtet als eine Heilige Kuh.

Sowieso bekam Tell ausnahmslos schlechte Kritiken. Bemängelt wurde insbesondere der kindische Humor beziehungsweise dass es sich entgegen der Absicht des Regisseurs um einen «geistlosen Kommerzfilm» handle, der als fragwürdiger Auswuchs der zeitgenössischen Filmpolitik gesehen werden könne. Denn weil Mike Eschmann 2003 mit Achtung, Fertig, Charlie! einen Publikumserfolg realisiert hatte, wurde Tell im Filmförderungs-System «Succes Cinema» entsprechend berücksichtigt. Der Bund, das Schweizer Fernsehen und die Zürcher Filmstiftung investierten, was all jenen suspekt ist, die mit diesem Geld lieber anspruchsvollere Produktionen unterstützt sähen.

Es gibt Anzeichen dafür, dass dieses Projekt, das mit einer komfortablen finanziellen Ausgangslage, einer professionellen Besetzung und guten Kontakten zu den Medien den Marktanteil des Schweizer Films 2007 hätte erhöhen sollen, ein bisschen ins Leere gelaufen ist.

P: Zodiac Pictures LDT, Lukas Hobi & Reto Schaerli Luzern 2007. B: Jürgen Ladenburger. R: Mike Eschmann. K: Roli Schmid. T: Hugo Poletti. S: Michael Schaerer. M: Moritz Schneider, Robin Hoffmann. D: Mike Müller, Axel Stein,Christian Tramitz, Ellenie Salvo González, Udo Kier, Michael Kessler, Lea Hadorn, Max Rüdlinger, Erich Vock, Albert Tanner, Gardi Hutter, Esther Gemsch, Herbert Leiser, Kristina Walter, Charly Hübner. V: Universal Pictures International Switzerland GmbH (Zürich. W: Zodiac Pictures Ltd. (Luzern).
35 mm, Farbe, 96 Minuten, CH/Deutsch.

30.9.2007, 19:26 | Kommentare(0) | Permalink

Retour à Gorée [Pierre-Yves Borgeaud]

Von Thomas Hunziker [ Sélection CINEMA ]
Retour à Gorée

Vor der Küste von Senegal liegt die kleine Insel Gorée. Während 350 Jahren diente sie als Zentrum des Sklavenhandels. Von hier aus wurden bis zur Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1848 Millionen von Afrikaner in Ketten nach Nord- und Südamerika verschifft. 1978 wurde die Insel zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt. Sie dient heute als Gedenkstätte gegen den Sklavenhandel.

Youssou N'Dour, Sänger und Komponist aus Senegal, der 1994 mit der Single «7 Seconds» zu Weltruhm gelangte, macht sich in Retour à Gorée auf die Spuren seiner entführten Vorfahren. N'Dour stammt aus einer Familie von Griot-Musikern und sieht seine Lebensaufgabe ganz in der Tradition der Griots darin, das Wissen seiner Kultur in Liedern zu vermitteln. Retour à Gorée handelt von der Diaspora der Afrikaner und ihrer Musik. Durch den Sklavenhandel sind nämlich nicht nur Arbeitskräfte verschleppt worden, auch die Musik aus Afrika erreichte die Neue Welt.

N'Dour setzt sich zum Ziel, auf seiner Reise von Gorée nach Nordamerika, Europa und zurück nach Gorée die afrikanischen Einflüsse auf die Musik – vom Jazz über den Blues, vom Gospel bis zum Latin – aufzuspüren und diese Klänge wieder an ihren Ursprungsort zurückzubringen. Am Ende soll ein Konzert auf der ehemaligen Sklaveninsel die Kulturen zusammenführen und verschmelzen.

Die erste Station führt N'Dour nach Atlanta, wo er sich mit dem blinden Pianisten Moncef Genoud aus Genf trifft, der ihn auf seiner Reise durch die USA und Europa begleiten wird. Dort treffen die beiden Musiker auch den Gospelchor Harmony Harmoneers. In New Orleans begegnen sie dem Drummer Idris Muhammad und dem Bassisten James Cammack, in New York der Vokalistin Pyeng Threadgill und dem Mundharmonikaspieler Gregoire Maret, in Luxemburg schliesslich noch zwei europäischen Musikern, dem Gitarristen Ernie Hammes und dem Trompeter Wolfgang Muthspiel. Durch das Aufeinandertreffen der verschiedenen Musiktraditionen verändern sich die Lieder aller Beteiligten, sie werden von Jazz, Gospel und anderen Stilen durchdrungen.

Die musikalischen Begegnungen und die Proben in den Tonstudios stehen im Zentrum des Dokumentarfilms des Westschweizer Regisseurs Pierre-Yves Borgeaud, der 2003 in Locarno zusammen mit Stéphane Blok für den Spielfilm iXième, Journal d'un prisonnier mit dem Goldenen Leoparden im Internationalen Videowettbewerb ausgezeichnet worden ist. Dreh- und Angelpunkt von Retour à Gorée ist Projektleiter Youssou N'Dour. Gefühlvoll tasten sich die Musiker an die unterschiedlichen Musikverständnisse heran. Nur das Schlusskonzert, in dem diese vielen Stimmen zueinander finden sollen, wird viel zu früh abgebrochen.

Für Borgeaud war offensichtlich der Weg das Ziel, dabei hätte eine straffere Inszenierung dem Film gut getan. Zwischendurch verliert er sich in kleinen Episoden, die vom eigentlichen Projekt ablenken – etwa wenn N'Dour und Moncef hinter der Bühne auf ihren Auftritt warten oder wenn Threadgill von einer Sängerin aus Senegal in ein belangloses Gespräch verwickelt wird. Diese Szenen verleihen dem Film zweifellos viel Lokalkolorit, machen daraus aber in erster Linie ein Tagebuch eines Musikers auf Weltreise.

P: CAB Productions SA (Lausanne), DreamPixies (Vevey), Iris Productions SA (Luxemburg) 2007. B: Pierre-Ives Borgeaud, Emmanuel Gétaz, Youssou N'Dour (Idee). R: Pierre-Ives Borgeaud. K: Camille Cottagnoud. S: Daniel Gibel. M: Youssou N'Dour, Moncef Genoud. D: Youssou N'Dour, Moncef Genoud. V: Filmcoopi (Zürich). W: CAB Productions SA (Lausanne).
35mm, Farbe, 108 Minuten, Französisch, Englisch

30.9.2007, 16:06 | Kommentare(1) | Permalink

Gerhard Meier - Das Wolkenschattenboot [Friedrich Kappeler]

Von René Müller [ Sélection CINEMA ]
Gerhard Meier - Das Wolkenschattenboot

Friedrich Kappeler hat bereits 1995 einen Dokumentarfilm über das Leben und Werk des Schriftstellers Gerhard Meier realisiert: Gerhard Meier. Die Ballade vom Schreiben. Kurz danach ist Meiers Lebensgefährtin Dora gestorben. Über 60 Jahre waren die beiden ein glückliches Paar. Nach Jahrzehnten der trauten Zweisamkeit ist Gerhard Meier nun allein, ein neues Kapitel beginnt in seinem Leben. In dieser einsamen Zeit entsteht der Text «Ob die Granatbäume blühen» (2005). Der Dichter nimmt darin Abschied von seiner geliebten Frau. Bewegt von dem Buch hat Kappeler den Schriftsteller nochmals getroffen, um ihn in seiner neuen Lebenssituation mit der Kamera zu begleiten. Daraus ist Gerhard Meier - Das Wolkenschattenboot entstanden.

«Ich möchte als Schatten gelten in diesem Film und den Text hervortreten lassen», erwähnt der inzwischen 90-jährige Gerhard Meier beiläufig zu Beginn der Dokumentation. Meier meint sein Werk «Ob die Granatbäume blühen»: «Denn das ist wohl mein existentiellster Text. – Doch bei den Schreibern ist es ja immer so, dass das letzte Buch einem am nahsten ist.» Der Wittwer evoziert darin schöne Momente mit seiner Lebensgefährtin Dorli und verwebt diese mit künstlerischen Inspirationsquellen wie Nietzsche, Proust, Tolstoi.
Zusammen mit Kappeler kehrt Gerhard Meier an Orte des Eheglücks zurück. So etwa in den Garten des Palazzo Salis in Soglio. Ein Garten, der schlichte Poesie sei – ein Refugium für Paradiesvögel, Schreiber, Maler und Musiker. Im Schatten des Mammutbaums verbrachte das Paar viele Sommerstunden – lesend, schreibend, diskutierend. In kontemplativen, ausserordentlich sorgfältigen Bildern fängt Kameramann Pio Corradi die betörende Stimmung dieses Ortes ein. «Die du in den Gärten wohnst, lass mich deine Stimme hören», zitiert Meier die melancholisch-schönen Worte aus dem Hohelied Salomos. Und bemerkt kurz darauf nicht ohne Schalk: «Wir kommen aus den Gärten und gehen in die Gärten – und zwischendurch jäten wir ein bisschen in dem einen oder anderen Garten.»
Dann sieht man, wie die feingliedrige Hand des Greisen behutsam über eine Hecke fährt. Solche taktilen Momente kommen in Gerhard Meier - Das Wolkenschattenboot immer wieder vor, sie werden zu einem sanften Leitmotiv. Meier pflegt ein sehr körperliches Verhältnis zu den Orten, die ihm ans Herz gewachsen sind, er scheint sie mit seinen Berührungen geradezu verinnerlichen zu wollen.

Ein grosser Teil von Gerhard Meier - Das Wolkenschattenboot besteht aus Aufnahmen aus Kappelers erstem Film über den Schriftsteller. Der Filmemacher hat sie aber überarbeitet, gekürzt oder ergänzt. Dorli, eine aufgeweckte und bodenständige Frau voller Zuversicht und Elan, ist in diesen früheren Aufnahmen stets sehr präsent – umso deutlicher wird die Leerstelle, die sie im Leben von Gerhard Meier hinterlässt. Besonders nah geht die Sequenz, in der sie von ihrer selbstlosen Arbeit an einem Kiosk erzählt, um ihrem Mann das schriftstellerische Schaffen zu ermöglichen.

Der Dokumentarfilm Gerhard Meier - Das Wolkenschattenboot ist nicht nur ein aufschlussreiches Portrait eines wenig bekannten Schweizer Dichters, sondern auch ein berührendes Kleinod über die Kraft der Liebe und der Kunst.

P: Catpics (Zürich) 2006. B: Friedrich Kappeler. R: Friedrich Kappeler. K: Pio Corradi. T: Martin Witz. S: Mirjam Krakenberger. V: Look Now! (Zürich).
35mm, Farbe , 80 Minuten, Schweizerdeutsch, Deutsch.

29.9.2007, 09:01 | Kommentare(2) | Permalink

Hello Goodbye [Stefan Jäger]

Von Christina von Ledebur [ Sélection CINEMA ]
Hello Goodbye

Als Melina ihren kranken Vater besucht, um für ihn Lasagne zu kochen, ahnt sie nicht, dass sie die wohl schwierigste Nacht ihres Lebens vor sich hat. Michael will nicht warten, bis ihn der Lungenkrebs dahinrafft, sondern selber entscheiden, wann der Moment gekommen ist, zu gehen – und er will, dass Melina dabei ist. Obwohl Melina diesen Moment vorausgesehen hat, wirft es sie aus der Bahn, als sie nun vor vollendete Tatsachen gestellt wird: Michael hat den Strom abgestellt, sein Hab und Gut in Schachteln verpackt und seiner Tochter einen Abschiedsbrief geschrieben. Aber sie ist überhaupt noch nicht bereit, Abschied zu nehmen. Zu viel gibt es noch, das sie ihrem Vater erzählen und ihn fragen wollte: Dass sie sich zum ersten in eine Frau verliebt hat, dass sie vielleicht schwanger ist, dass sie noch immer nicht versteht, warum sie als Kind ihre Mutter vor deren Tod nicht noch einmal sehen durfte. Und so kann Michael nicht in Ruhe sterben. Vater und Tochter verbringen eine Nacht, in der sie sich ein letztes Mal miteinander konfrontieren, sich gegenseitige Erwartungen und Enttäuschungen eingestehen – eine Nacht aber auch, in der beide lernen, was es bedeutet, einen Menschen loszulassen.

Stefan Jäger hat sich bereits in mehreren Arbeiten intensiv mit dem Tod und dem Grenzbereich zwischen Leben und Tod auseinandergesetzt. So zum Beispiel in seinem Film Birthday, in dem sich die Protagonistin, ähnlich wie Michael, entscheidet zu sterben und ihre Freunde damit brüskiert. In Hello Goodbye verlegt Jäger dieses Tabuthema in eine Familie, und zwar in eine Familie, die bereits geschrumpft ist und nur noch aus zwei Personen besteht. Wenn der eine geht, ist der andere alleine. Diese reduzierte Situation gibt dem Film seine Substanz, denn die Geschichte spielt sich fast ausschliesslich zwischen Vater und Tochter ab. Die Intimität des Kammerspiels spiegelt sich in formalen Aspekten. Die Kamera von Piotr Jaxa, der früher mit Krzysztof Kieslowski arbeitete und im vergangenen Jahr die Kameraarbeit bei Nachbeben machte, rückt den Protagonisten richtiggehend auf den Leib. Nah- und Detailaufnahmen prägen den Film und sorgen für ein gekonntes Zusammenspiel zwischen Form und Inhalt. Dabei fehlt es trotz des schwermütigen Themas nicht an Humor, denn sterben scheint gar nicht so einfach zu sein, und bisweilen sogar komisch.

Stefan Gubser und Mona Petri, die die beiden Hauptfiguren hervorragend spielen, waren beide als Koautoren an der Entwicklung des Drehbuches beteiligt. Das Drehbuch wurde aus der Improvisation heraus entwickelt, gedreht wurde in Stefan Gubsers eigenem Haus. Dadurch ist ein ruhiger, beeindruckend persönlicher Film entstanden.

P: tellfilm (Zürich), Abrakadabra Films AG (Zürich), SF 2007. B: Mona Petri, Stefan Gubser, Stefan Jäger. R: Stefan Jäger. K: Piotr Jaxa. T: Laurent Barbey, Florian Eidenbenz. S: Roman Vital. M: Angelo Berardi, Lovebugs. D: Mona Petri, Stefan Gubser, Francesca Tappa. V: Frenetic (Zürich). W: tellfilm (Zürich).
HD/35mm, Farbe, 89 Minuten, Schweizerdeutsch.

28.9.2007, 16:09 | Kommentare(1) | Permalink

Feltrinelli [Alessandro Rossetto]

Von Nicola Ruffo [ Sélection CINEMA ]
Feltirnelli

Das Leben von Giangiacomo Feltrinelli bietet alles was sich ein Drehbuchschreiber wünscht: Jetset, Liebesgeschichten, Revolution und ein tragisches Ende. 1936, geboren als Spross einer der reichsten Familien Italiens, wird er schon früh getrieben vom Glauben an eine sozialere, gerechtere Welt. Als Partisane, einflussreicher Verleger, politischer Playboy und später radikaler linker Revolutionär kämpft er im Laufe seines Lebens für seine Ideale. Als enger Freund Fidel Castros, Che Guevaras, Boris Pasternaks und Gabriel Gracía Márquez' beteiligte er sich aktiv auf den politischen Bühnen der Welt. Sein Leben endet jedoch einsam 1972 bei einem missglückten Anschlag auf einen Hochstrommast bei Mailand.

Der italienische Regisseur Alessandro Rossetto verwebt in seinem Dokumentarfilm die bewegte Biografie von Giangiacomo Feltrinelli mit einem aktuellen Blick hinter die Kulissen von dessen Buchimperium: La Feltrinelli ist inzwischen nicht nur ein wichtiger Buchverlag, sondern auch eine der grössten Buchhandelsketten Italiens. Überraschend wird der Film, wenn von dem fast aussichtslosen Versuch berichtet wird, die italienischen Arbeiter zu überzeugen, für eine Buchlektüre auf das nächste Fussballspiel der Serie A zu verzichten oder wenn Fidel Castro vor allen Augen für Feltrinellis Lasagne-Rezept schwärmt. Zudem gelingt es Alessandro Rossetto in seinem vierten dokumentarischen Werk mit Liebe fürs Detail, intime Momente aus der heutigen Bücherwelt einzufangen: Vom Schriftsteller auf der Suche nach dem richtigen Wort bis zur Schwierigkeit, ein Werk im Laden nach seinem Cover zu beurteilen, bietet Rossetto dem Zuschauer ungewohnte Einblicke in die Produktion einer Ware zwischen Kunst und Kommerz. Der einzige formale Wermutstropfen ist die Qualität der deutschen Fassung: die deutschen Untertitel gehen manchmal sehr lax mit dem Original um, und die Vertonung des deutschen Off-Kommentars wirkt etwas lieblos neben der sonst sorgfältig abgemischten Toncollage. Durch die gekonnte Montage von historischem Bildmaterial und sensiblen Handkamera-Aufnahmen zeichnet der Regisseur ein aktuelles Porträt einer italienischen Familiendynastie im Schatten eines gewichtigen politischen Abenteurers des 20. Jahrhunderts.

Angesichts der gescheiterten Weltverbesserungsversuche seines übermächtigen Vaters übt sich der Sohn Carlo Feltrinelli als jetziger Leiter des Imperiums im pragmatischen Umgang mit der Geschäftswelt. Ein Verleger macht heute keine Politik mehr, sondern Geschäfte mit Papstbüchern. La Feltrinelli soll exemplarisch für die Kommerzialisierung der Kultur stehen. Carlo Feltrinelli sieht sich bei mehreren intimen Stelldicheins mit alten Weggefährten seines Vaters mit dem Vorwurf der unpolitischen Liebe zu Büchern und deren Verkauf konfrontiert. Die Beantwortung der Frage, wo der politische Idealismus geblieben ist, wird der Literaturagentin Carmen Balcella überlassen. Sie beschliesst den Film mit dem Satz: «Allein die Kulturindustrie könne die Menschheit erlösen» – Die Hoffnung stirbt zuletzt.

P: Carlo Cresto-Dina, Eskimosa (Mailand), Werner Schweizer, Dschoint Ventschr Filmproduktion (Zürich), Raimond Goebel, Pandora Film (Köln) 2006. B: Alessandro Rossetto. R: Alessandro Rossetto. K: Gian Enrico Bianchi. T: Alberto Fasulo . S: Jacopo Quadri. V: Docufactory (Zürich).
35mm, Farbe , 81 Minuten, Italienisch/Englisch/Deutsch/Französisch.

28.9.2007, 16:04 | Kommentare(1) | Permalink

Dutti der Riese [Martin Witz]

Von René Müller [ Sélection CINEMA ]
Dutti der Riese

Gottlieb Duttweiler (1888-1962) war gleichzeitig eine bodenständige und eine schillernde Persönlichkeit – man kannte ihn als Schlitzohr mit Geschäftssinn und als visionären Patron. Obwohl liebevoll «Dutti» genannt, war der Gründer der Migros alles andere als unumstritten. Duttweiler hatte nicht zu Unrecht den Ruf, ein Machtmensch zu sein. Wie kaum ein anderer Unternehmer prägte «der Riese» die Schweizer Konsumgesellschaft entscheidend mit und übte wirtschaftlich, politisch und kulturell einen enormen Einfluss aus.

Bereits als Lehrling in einem Handelsgeschäft fiel Gottlieb Duttweilers kaufmännisches Talent auf – und nur sieben Jahre nach Lehrabschluss fungierte er schon als Prokurist bei der Firma. Doch die steile Karriere des Zürchers wurde 1920 durch die Währungskrise auf jähe Weise gestoppt. Nachdem sein Arbeitgeber Konkurs anmelden musste, entschloss sich Duttweiler, zusammen mit seiner Frau das berufliche Glück in Brasilien zu suchen. Sie kauften sich eine Farm, doch schon bald sahen die beiden keine Perspektive mehr in Südamerika und kehrten in die Schweiz zurück. Nach erfolgloser Stellensuche gründete Duttweiler 1925 eine Verkaufsorganisation ohne Zwischenhandel – die heutige Migros. Zeitzeugen erinnern sich noch lebhaft an die zu Verkaufsständen umgebauten Lastwagen, die ihre Waren zum Missfallen des lokalen Gewerbes zu günstigen Preisen feilboten. Im Kampf um die Gunst der Hausfrau verfügte Dutti eindeutig über die besseren Waffen als die traditionellen Verkaufsgeschäfte. Schliesslich wusste er, dass die «Seele der Schweizer Hausfrau im Portemonnaie» zu suchen sei.

Dutti der Riese ist der erste Kinofilm, bei dem der Drehbuchautor Martin Witz Regie führt. Der Dokumentarfilm zählte zu den unbestrittenen Publikumslieblingen des diesjährigen Filmfestivals von Locarno. Dies ist kaum überraschend, schwelgt der Film doch ausgiebig in heiterer Nostalgie. Witz präsentiert eine erstaunliche Fülle an Archivmaterial von Duttweilers unzähligen Auftritten in der Öffentlichkeit, daneben ist aber auch privates Material aus dem Familienarchiv zu entdecken. Duttweiler und «seine» Migros stehen stets im Mittelpunkt der chronologisch erzählten Dokumentation. Die ergänzenden Interviews mit Zeitzeugen und Migros-Vertretern werden von den temperamentvollen und bisweilen skurrilen Selbstinszenierungen Duttweilers etwas an den Rand gedrängt.

Im letzten Lebensabschnitt wurde Duttweiler zunehmend skeptisch. Bisher unveröffentlichte, private Tonaufnahmen zeigen ihn von einer nachdenklichen Seite. Trotz ungebrochenem Tatendrang begann der Unternehmer mit der egoistischen Konsumgesellschaft, die er selbst entscheidend mitprägte, zu hadern. Gerade in diesem letzte Teil kommt eine Schwäche des Films deutlich zum Ausdruck: 94 Minuten reichen kaum aus, um dem Riesen und seinen Errungenschaften gerecht zu werden. Dutti der Riese zeichnet zwar ein durchaus vielschichtiges Bild von Gottlieb Duttweiler, gleichwohl ist die chronologisch gehaltene Dramaturgie zu additiv geraten, so dass man sich an einigen Stellen vertiefende Informationen und distanziertere Analysen wünscht.

P: Andres Pfaeffli, Ventura Film (Zürich) 2007. B: Martin Witz. R: Martin Witz. K: Matthias Kälin. S: Stefan Kälin. M: Martin Schumacher, Roland Widmer. V: Frenetic Films.
35mm, Farbe, 94 Minuten, Deutsch.

24.9.2007, 18:00 | Kommentare(0) | Permalink

Chrigu [Jan Gassmann, Christian Ziörjen]

Von Nathalie Jancso [ Sélection CINEMA ]
Chrigu

«Der Film soll nicht traurig sein, nicht moralisieren, er soll lustig werden.» Mit dieser Bitte an seinen besten Freund und Mitfilmer Jan Gassmann verabschiedet sich der 24-jährige Christian Ziörjen, genannt Chrigu, vor der Kamera. Chrigu, die beeindruckende Dokumentation über sein Leben und Sterben, wurde nach seinem Tod von Gassmann geschnitten und von Thomas Jörg, einem anderen Freund, produziert.

Chrigus Geschichte geht nahe. Sie zeigt einen Teenager voller Lebensfreude, einen der Dinge anreisst und gerne im Mittelpunkt steht, mit Freunden nach Indien reist, wilde Partys feiert, mit 16 Jahren seinen ersten Film dreht und damit die Welt verändern will. Und dann plötzlich mit 21 die Diagnose: Chrigu hat PNET, einen seltenen, bösartigen Tumor zwischen zwei Halswirbeln, in fortgeschrittenem Stadium.

Während seiner ersten Chemotherapie filmt sich Chrigu selbst. Diese Selbstinszenierungen helfen ihm, mit der neuen Situation klarzukommen. Fragen nach dem Sinn der Krankheit wechseln ab mit humorvollen Bestandesaufnahmen eines Lebens im Ausnahmezustand. Gefilmt in der selbstreflexiven Ästhetik eines verwackelten Homevideos, inszeniert sich Chrigu, wie er sich gerne sehen will.
Als er einen Rückfall hat und nicht mehr fähig ist, selber zu filmen, bittet er seinen Freund Jan Gassmann, zu dokumentieren, was ihn auf dem Weg ins Ungewisse erwartet. Damit wird der Film auch zum Dokument einer Freundschaft. Die Krankheit verändert den Protagonisten, nicht nur äusserlich, auch in seiner Haltung zum Leben. Bis zum Schluss will Chrigu weiterleben, aber irgendwann muss er sich in das Unvermeidliche fügen. Kurz vor seinem Tod wird abgeblendet.

Die teils sehr verwackelten Videobilder und die wilde Montage, die Bilder von Chrigus Indienreise mit Aufnahmen im abgedunkelten Spitalzimmer verbindet, um gleich darauf ihn und seine Freunde beim Herumalbern und Spaghettikochen zu zeigen, machen es einem nicht leicht, der Geschichte zu folgen. Erst mit der Zeit wird erkennbar, wie die verschiedenen Lebensphasen und der Krankheitsverlauf zeitlich einzuordnen sind. Als Klammer und roter Faden dient eine Zugfahrt, die nach Chrigus Tod stattfindet: Die Hinterbliebenen fahren an den Inn, um seinen letzten Wunsch zu erfüllen: Seine Asche soll «in einem Fluss, der nach Osten fliesst» verstreut werden.

Chrigu schafft es, durch die nonchalante Verbindung von leichten und schweren Momenten, vom Leben mit dem Sterben, die Leidensgeschichte in all ihren Facetten zu vermitteln.
Chrigus Bitte wurde von seinen Freunden beherzigt: Der Film moralisiert nicht, er bringt durchaus mal zum Lachen. Aber er kann auch zu Tränen rühren, einfach, weil der Protagonist in jeder Einstellung wahrhaftig bleibt und einen durch seine direkte Art berührt.

P: Xefilms GmbH (Zürich), 2006. B: Eric Andreae, Jan Gassmann. R: Jan Gassmann, Christian Ziörjen. K: Jan Gassmann, Thomas Jörg. T: David Wasilevsky. S: Jan Gassmann. M: Mundartisten. V: Look Now! (Zürich). W: Xefilms GmbH (Zürich).
Beta SP, Farbe, 87 Minuten, Schweizerdeutsch.

24.9.2007, 17:04 | Kommentare(5) | Permalink

O mein Papa [Felice Zenoni]

Von Sonja Eisl [ Sélection CINEMA ]
O mein Papa

Es begann mit vier aufeinanderfolgenden Noten in der selben Tonhöhe. Was folgte, war der sogenannte Durchbruch im internationalen Musikgeschäft. «O mein Papa» tönte es bald polyglott rund um den Globus; ein Number-One-Hit in den amerikanischen Billboard-Charts, der Dean Martins «That’s Amore» deklassierte! Der Beginn eines Erfolgsmärchens à la Hollywood hätte das werden können. Statt dessen entwuchs daraus eine durch und durch Schweizerische (Lebens-)geschichte, die von Fleiss und Pflichtbewusstsein, von Heimatverbundenheit und Volkstümlichkeit handelt – und von den dahinter versteckten Sehnsüchten und Träumen, dem Weltschmerz und der Trauer um die vielen verpassten Chancen. Es ist die Geschichte von Paul Burkhart, dem (kommerziell) erfolgreichsten Schweizer Komponisten, dem musikalischen Wunderkind und Tausendsassa, der auf allen Hochzeiten tanzte, nur nicht auf der eigenen. Felice Zenoni, erfahrener Radio- und Fernsehjournalist, lässt sie 30 Jahre nach Burkharts Tod in einem ambitionierten Dokumentarfilm nochmals Revue passieren.

Ausgehend vom namengebenden Liedtitel arbeitet sich Zenoni durch vier Jahrzehnte helvetischer Musik- und Theatergeschichte. Der Fundus, der ihm zur Verfügung stand, ist beeindruckend und verführerisch, wie die Intro-Sequenz – ein symbolischer Kofferfund auf Burkharts Estrich – vorführt: Briefe, Fotos, alte Film- und Tonaufnahmen, Partituren sowie rund 20'000 Tagebuchseiten. Diese schiere Überfülle an Archivmaterial ist das grösste Potential des Films, denn sie liefert die perfekte Mischung aus Witz und Tragik, wie sie eben nur das Leben bereithält. Zugleich aber ist sie auch die grösste Hypothek von O mein Papa, denn Zenoni, der bereits diverse Fernsehdokumentationen u.a. über Schweizer Künstlerpersönlichkeiten realisiert hat, will in seinem ersten Kinofilm die Vita Paul Burkharts in ihrer Gesamtheit ausloten. Er tut dies respektvoll ohne zu werten und ohne einem Aspekt den Vorzug vor den anderen zu geben.

Viel gelingt ihm in diesen kurzen 87 Minuten und doch hat man am Ende das Gefühl, bloss den Speck durch den Mund gezogen gekriegt zu haben. Türchen um Türchen wird geöffnet, dahinter private Themen wie unglückliche Liebschaften, Geschwisterliebe, Mutterverehrung, Angst vor Ablehnung (als Homosexueller), Religiosität ... verbunden mit den vielen professionellen Gesichtern Burkharts zwischen unverstandenem Genie und populärem «Operettenfritze». Es wäre vielleicht adäquater gewesen, sich auf einige Aspekte zu beschränken oder aber die Form des Fernseh-Mehrteilers zu wählen. Dies, zumal Zenoni das Originalmaterial zusätzlich ergänzt mit Interviews von Zeitzeugen und Bekannten Burkharts, kleinen fiktiven – leider überflüssigen – Spieleinlagen sowie einer Dokumentation über die – anlässlich des Filmes initiierte – Neuaufnahme der (un)bekannten Hits durch prominente Schweizer Künstler unter der Leitung von Greg Galli. Letztere hat dramaturgische Funktion und demonstriert quasi die Unsterblichkeit von Burkharts generationenverbindenden Evergreens aus der Kleinen Niederdorfoper, dem Schwarzen Hecht oder der Zäller Wiehnacht. Eine schöne Idee, die teilweise sehr stimmig ist und einen intimen Blick auf die zeitgenössischen Talente zulässt. Gleichzeitig unterbricht dieser Blick hinter die Kulissen aber oft den Erzählfluss und stiehlt dem eigentlichen Protagonisten die Show. Damit bewahrheitet sich auch der bekannte Refrain, den Hugo Loetscher zuvor als Burkharts (selbst empfundene) Lebenswahrheit entlarvt hat: «Für alli andere schint d'Sunne, mir mag halt niemert öppis gunne.»

P: 3sat (Zürich), Mesch & Ugge AG (Zürich), SF (Zürich), SRG SSR idée suisse (Bern) 2007. B, R: Felice Zenoni. K: Björn Lindroos. T: Ron Kurz, Hans-Peter Studer. S: Christian Müller. M: Greg Galli. D: Lys Assia, Maria Becker, Ettore Cella, Werner Düggelin, Fabienne Hadorn, Dodo Hug, Vera Kaa, Leonard, Hugo Loetscher, Nubya, Sandra Studer, Toni Vescoli, Michael von der Heide u.a. V: Filmcoopi AG (Zürich). W: Mesch & Ugge AG (Zürich).
35 mm, Farbe und s/w, 87 Minuten, Deutsch.

03.9.2007, 20:05 | Kommentare(0) | Permalink

Pas douce [Jeanne Waltz]

Von Doris Senn [ Sélection CINEMA ]
Pas douce

Pas douce («Die Unsanfte») ist das Porträt einer jungen Frau, Fréd, die in einer grossen Lebenskrise steckt. Nach aussen hin verschlossen und unnahbar, brodelt es in ihrem Innern wie ein Vulkan vor dem Ausbruch. Als hervorragende Verkörperung dieser kontroversen Figur wählte die Regisseurin Jeanne Waltz die eigenwillige Schönheit Isild Le Besco, deren explosive Innenwelt und innere Zerrissenheit man auf Schritt und Tritt zu erspüren vermag.

Mit wenigen kräftigen Pinselstrichen skizziert die Filmemacherin die Ausgangslage: Fréd an ihrem Arbeitsplatz als einfühlsame Krankenschwester und bei ihrem Hobby, dem Gewehrschiessen. Ihrem Vater, dem sie unerwartet am Schiessstand begegnet, weicht sie zornig aus. Sie gehe fort, bald, teilt sie ihrem Freund in der Folge mit, ohne zu sagen, wohin – und flüchtet mit ihrem Gewehr in den nahen Wald. Kurz bevor sie aber die Waffe unter dem eigenen Kinn platziert, wird sie durch den lauten Streit zwischen zwei Jungen aufgescheucht. Im puren Reflex wendet sie das Gewehr von sich ab, um auf den einen, besonders aggressiven, Jugendlichen zu zielen. Am Knie verletzt, landet der 14-Jährige dann ausgerechnet auf ihrer Station im Spital, wo Fréd von nun an im Angesicht des Opfers mit ihrer Tat zu Rande kommen muss.

Selbstmordgedanken, Liebe, Trauer und (neu erwachende) Lebenslust sind Themen, um welche die Filmemacherin bereits ihren Erstlingsfilm Daqui p'rá alegria (2003) kreisen liess. Und wie dort, wo ein lebensmüder junger Mann sich in einer Sackgasse wähnte und durch die Freundschaft mit einem aufgeweckten Mädchen auf der Schwelle zur Erwachsenen buchstäblich vor dem Tod errettet wird, ist es auch in Pas douce die Beziehung zwischen einer jungen Frau und einem Heranwachsenden, die das Leben beider in neue, versöhntere Bahnen weist. Schliesslich sind es gerade die Ähnlichkeiten ihres Wesens und ihrer Situation, die vor allem Fréd beim jüngeren Marco (Steven de Almeida) entdeckt, derentwegen sie sich – nebst ihrem Schuldgefühl – zu ihm hingezogen fühlt. Marco ist ein ebenso sensibler wie aufbrausender Junge, der seine Angst und seine Gefühle vor seiner Umwelt versteckt. Vor allem mit seiner Mutter steht er auf Kriegsfuss, fühlt er sich doch von ihr uneingestanden im Stich gelassen, weil sie die Familie verlassen hat. Im Gegensatz zu Fréd, die sich ebenso stolz und widerspenstig gebärdet wie er, aber alles hinter einer gleichmütigen Fassade verbirgt, versprüht Marco seine ganze Aggressivität nach aussen. Durch ihre Tat öffnet sich ihr wieder eine Türe zum Leben und zu den Menschen hin. Pas douce begleitet sie auf ihrem Weg zu Sühne, Eingeständnis, Verzeihen und zeichnet in einem eindringlichen Drama diesen langen Prozess des inneren Kampfs und der Läuterung nach. Der 35-jährigen Jeanne Waltz gelingt so ein eindringliches Schauspielerinnendrama, das insbesondere durch seine Protagonistin und ihre darstellerische Intensität besticht.

P: Prince Film (Genève), Bloody Mary Productions (Paris), TSR 2006. B, R: Jeanne Waltz. K: Hélène Louvart. T: Henri Maïkoff. S: Eric Renault. M: Cyril Ximenes. D: Isild Le Besco, Steven de Almeida, Christophe Sermet, Estelle Bealem, Lio, Yves Verhoeven. V: Frenetic (Zürich). W: Pyramide (Paris).
35 mm, Farbe, 85 Minuten, Französisch

01.9.2007, 10:40 | Kommentare(0) | Permalink

Heimatklänge [Stefan Schwietert]

Von Doris Senn [ Sélection CINEMA ]
.Heimatklänge

Schroffe Gebirgsspitzen im Nebelmeer. Sanftes Dämmerlicht. Juchzer und Jodel, die sich wie ein unsichtbarer Schleier darüber legen und in samtigem Echo nachklingen. «Gibt es ein schöneres Bild für die Schweiz», fragt Christian Zehnder, «als wenn ich singe und der Berg antwortet?» Und fügt hinzu, dass man eigentlich gar nicht anders könne, als auf so eine gewaltige Landschaft stimmlich zu reagieren. Sonst würde man sie nämlich gar nicht aushalten …

Vielleicht liegt dort denn auch der eigentliche Ursprung des Jodelns – und erst an zweiter Stelle das Kommunizieren zwischen abgelegenen Alpen oder im Sammelruf für das Vieh. Zehnder – der mit Balthasar Streiff (Alphorn und Büchel) als Duo Stimmhorn auftritt – ist auf der Suche nach den eigenen Wurzeln auf dem Urgrund stimmlicher Improvisation gelandet. Jodeln, Juchzer und Obertonsingen – dem er auch in der fernen Mongolei nachspürt – verbindet er mit dem experimentellen Ausloten des gesamten Stimmrepertoires. Dabei verwandelt er seine Auftritte zu eigentlichen dramatischen Aufführungen und nimmt uns mit ungeheurer mimischer Expressivität mit auf seine Klangreisen: Ganz ohne Worte erzählt er Geschichten voller Abenteuer und Emotionen, voller Spannung und Schalk, erschütternd und erheiternd zugleich.

Christian Zehnder ist eine der drei Musikerpersönlichkeiten, die Stefan Schwietert (Accordion Tribe, 2004, A Tickle in the Heart, 1996) in seinem neusten Musikfilm Heimatklänge porträtiert. Darin spürt der Filmemacher – wie bereits in Das Alphorn (2003) – dem neuen Umgang mit alpenländischer Musiktradition nach. Dafür steht auch Erika Stucky. Die mitten in die Flower-Power-Bewegung in San Francisco hineingeborene Vokalistin zog mit ihren Schweizer Eltern später in ein kleines Walliser Dorf. Ein Kontrastprogramm, das nachwirkt. Bis heute wohnen zwei Seelen (versöhnt, wohlgemerkt!) in ihrer Brust – eine unverschämt extrovertierte à l'américaine und eine versponnen-hintersinnige à la valaisanne. Die Stimmakrobatin ist schon in den verschiedensten Formationen aufgetreten und Gattungs-Vagabundin: Von Jodeln bis Jazz bricht und vermischt sie Traditionen und Konventionen mit Lautmalerischem wie Babyweinen oder Vogelgeschrei. In ihren Bühnenperformances zeigt sie ihr ganzes Können, wenn sie zwischen feiner Poetin und polternder Diva pendelt.

Als Dritter im filmischen Bunde porträtiert Heimatklänge den zurückhaltenden Noldi Alder: den jüngsten Spross einer Volksmusikdynastie aus dem Appenzellerland. Von klein auf trat der virtuose Geiger mit seinen Brüdern – den Alder-Buebe – in traditioneller Formation auf, bis er sich daraus löste und einen experimentellen Weg einschlug. Ungebunden und uneingeschränkt schöpft auch er seither seine Inspiration aus der Tradition, die er aber intuitiv und im unmittelbaren Dialog mit Natur und anderen Musikern virtuos verknüpft und variiert.

Heimatklänge dokumentiert nicht nur eindringlich die Musik dieser drei Interpreten – der Film nähert sich auch einfühlsam seinen Figuren, die aufgrund eigener Erfahrungen einen Resonanzraum für grundsätzliche Fragen schaffen, die über ihre individuellen Persönlichkeiten hinausgehen: etwa wenn es um Heimat, Selbstfindung, Inspiration, Leben und Tod geht. Die aussergewöhnliche Musik findet ihre Entsprechung in einer aussergewöhnlichen Bildgestaltung (Kamera: Pio Corradi): Teils zurückhaltend, teils imposant, fügen sich die Bilder manchmal kontrapunktisch, manchmal synchron zu der experimentellen Klangspur. Landschaftsaufnahmen vermischen sich mit Archivmaterial, Digitalkamera mit körnigem Super-8, und schaffen so eine variationsreiche Synthese zwischen sperrig-skurril und emotional-melodiös. Ein wirklich eindrückliches Klang-Bild-Erlebnis.

P: Maximage (Zürich), zero one film (Berlin), SF, BR, Teleclub 2007. B, R: Stefan Schwietert, K: Pio Corradi. T: Dieter Meyer. S: Stephan Krumbiegel, Calle Overweg. M: Erika Stucky, Noldi Alder, Christian Zehnder, Balthasar Streiff, Sina, Paul Giger, Huun Huur Tu. V: Look Now! (Zürich). W: Autlook Films (Wien).
Digital, Super-8/35 mm, Farbe, 81 Minuten, Schweizerdeutsch

01.9.2007, 10:33 | Kommentare(2) | Permalink