Hello Goodbye [Stefan Jäger]

Von Christina von Ledebur [ Sélection CINEMA ]
Hello Goodbye

Als Melina ihren kranken Vater besucht, um für ihn Lasagne zu kochen, ahnt sie nicht, dass sie die wohl schwierigste Nacht ihres Lebens vor sich hat. Michael will nicht warten, bis ihn der Lungenkrebs dahinrafft, sondern selber entscheiden, wann der Moment gekommen ist, zu gehen – und er will, dass Melina dabei ist. Obwohl Melina diesen Moment vorausgesehen hat, wirft es sie aus der Bahn, als sie nun vor vollendete Tatsachen gestellt wird: Michael hat den Strom abgestellt, sein Hab und Gut in Schachteln verpackt und seiner Tochter einen Abschiedsbrief geschrieben. Aber sie ist überhaupt noch nicht bereit, Abschied zu nehmen. Zu viel gibt es noch, das sie ihrem Vater erzählen und ihn fragen wollte: Dass sie sich zum ersten in eine Frau verliebt hat, dass sie vielleicht schwanger ist, dass sie noch immer nicht versteht, warum sie als Kind ihre Mutter vor deren Tod nicht noch einmal sehen durfte. Und so kann Michael nicht in Ruhe sterben. Vater und Tochter verbringen eine Nacht, in der sie sich ein letztes Mal miteinander konfrontieren, sich gegenseitige Erwartungen und Enttäuschungen eingestehen – eine Nacht aber auch, in der beide lernen, was es bedeutet, einen Menschen loszulassen.

Stefan Jäger hat sich bereits in mehreren Arbeiten intensiv mit dem Tod und dem Grenzbereich zwischen Leben und Tod auseinandergesetzt. So zum Beispiel in seinem Film Birthday, in dem sich die Protagonistin, ähnlich wie Michael, entscheidet zu sterben und ihre Freunde damit brüskiert. In Hello Goodbye verlegt Jäger dieses Tabuthema in eine Familie, und zwar in eine Familie, die bereits geschrumpft ist und nur noch aus zwei Personen besteht. Wenn der eine geht, ist der andere alleine. Diese reduzierte Situation gibt dem Film seine Substanz, denn die Geschichte spielt sich fast ausschliesslich zwischen Vater und Tochter ab. Die Intimität des Kammerspiels spiegelt sich in formalen Aspekten. Die Kamera von Piotr Jaxa, der früher mit Krzysztof Kieslowski arbeitete und im vergangenen Jahr die Kameraarbeit bei Nachbeben machte, rückt den Protagonisten richtiggehend auf den Leib. Nah- und Detailaufnahmen prägen den Film und sorgen für ein gekonntes Zusammenspiel zwischen Form und Inhalt. Dabei fehlt es trotz des schwermütigen Themas nicht an Humor, denn sterben scheint gar nicht so einfach zu sein, und bisweilen sogar komisch.

Stefan Gubser und Mona Petri, die die beiden Hauptfiguren hervorragend spielen, waren beide als Koautoren an der Entwicklung des Drehbuches beteiligt. Das Drehbuch wurde aus der Improvisation heraus entwickelt, gedreht wurde in Stefan Gubsers eigenem Haus. Dadurch ist ein ruhiger, beeindruckend persönlicher Film entstanden.

P: tellfilm (Zürich), Abrakadabra Films AG (Zürich), SF 2007. B: Mona Petri, Stefan Gubser, Stefan Jäger. R: Stefan Jäger. K: Piotr Jaxa. T: Laurent Barbey, Florian Eidenbenz. S: Roman Vital. M: Angelo Berardi, Lovebugs. D: Mona Petri, Stefan Gubser, Francesca Tappa. V: Frenetic (Zürich). W: tellfilm (Zürich).
HD/35mm, Farbe, 89 Minuten, Schweizerdeutsch.

28.9.2007, 16:09 | Permalink

Feltrinelli [Alessandro Rossetto]

Von Nicola Ruffo [ Sélection CINEMA ]
Feltirnelli

Das Leben von Giangiacomo Feltrinelli bietet alles was sich ein Drehbuchschreiber wünscht: Jetset, Liebesgeschichten, Revolution und ein tragisches Ende. 1936, geboren als Spross einer der reichsten Familien Italiens, wird er schon früh getrieben vom Glauben an eine sozialere, gerechtere Welt. Als Partisane, einflussreicher Verleger, politischer Playboy und später radikaler linker Revolutionär kämpft er im Laufe seines Lebens für seine Ideale. Als enger Freund Fidel Castros, Che Guevaras, Boris Pasternaks und Gabriel Gracía Márquez' beteiligte er sich aktiv auf den politischen Bühnen der Welt. Sein Leben endet jedoch einsam 1972 bei einem missglückten Anschlag auf einen Hochstrommast bei Mailand.

Der italienische Regisseur Alessandro Rossetto verwebt in seinem Dokumentarfilm die bewegte Biografie von Giangiacomo Feltrinelli mit einem aktuellen Blick hinter die Kulissen von dessen Buchimperium: La Feltrinelli ist inzwischen nicht nur ein wichtiger Buchverlag, sondern auch eine der grössten Buchhandelsketten Italiens. Überraschend wird der Film, wenn von dem fast aussichtslosen Versuch berichtet wird, die italienischen Arbeiter zu überzeugen, für eine Buchlektüre auf das nächste Fussballspiel der Serie A zu verzichten oder wenn Fidel Castro vor allen Augen für Feltrinellis Lasagne-Rezept schwärmt. Zudem gelingt es Alessandro Rossetto in seinem vierten dokumentarischen Werk mit Liebe fürs Detail, intime Momente aus der heutigen Bücherwelt einzufangen: Vom Schriftsteller auf der Suche nach dem richtigen Wort bis zur Schwierigkeit, ein Werk im Laden nach seinem Cover zu beurteilen, bietet Rossetto dem Zuschauer ungewohnte Einblicke in die Produktion einer Ware zwischen Kunst und Kommerz. Der einzige formale Wermutstropfen ist die Qualität der deutschen Fassung: die deutschen Untertitel gehen manchmal sehr lax mit dem Original um, und die Vertonung des deutschen Off-Kommentars wirkt etwas lieblos neben der sonst sorgfältig abgemischten Toncollage. Durch die gekonnte Montage von historischem Bildmaterial und sensiblen Handkamera-Aufnahmen zeichnet der Regisseur ein aktuelles Porträt einer italienischen Familiendynastie im Schatten eines gewichtigen politischen Abenteurers des 20. Jahrhunderts.

Angesichts der gescheiterten Weltverbesserungsversuche seines übermächtigen Vaters übt sich der Sohn Carlo Feltrinelli als jetziger Leiter des Imperiums im pragmatischen Umgang mit der Geschäftswelt. Ein Verleger macht heute keine Politik mehr, sondern Geschäfte mit Papstbüchern. La Feltrinelli soll exemplarisch für die Kommerzialisierung der Kultur stehen. Carlo Feltrinelli sieht sich bei mehreren intimen Stelldicheins mit alten Weggefährten seines Vaters mit dem Vorwurf der unpolitischen Liebe zu Büchern und deren Verkauf konfrontiert. Die Beantwortung der Frage, wo der politische Idealismus geblieben ist, wird der Literaturagentin Carmen Balcella überlassen. Sie beschliesst den Film mit dem Satz: «Allein die Kulturindustrie könne die Menschheit erlösen» – Die Hoffnung stirbt zuletzt.

P: Carlo Cresto-Dina, Eskimosa (Mailand), Werner Schweizer, Dschoint Ventschr Filmproduktion (Zürich), Raimond Goebel, Pandora Film (Köln) 2006. B: Alessandro Rossetto. R: Alessandro Rossetto. K: Gian Enrico Bianchi. T: Alberto Fasulo . S: Jacopo Quadri. V: Docufactory (Zürich).
35mm, Farbe , 81 Minuten, Italienisch/Englisch/Deutsch/Französisch.

28.9.2007, 16:04 | Permalink