La reina del condón [Silvana Ceschi und Reto Stamm]

Von Jenny Billeter [ Sélection CINEMA ]
La reina del condón

1961, im Jahr als die Berliner Mauer gebaut wurde, verliebt sich die 20-jährige Studentin Monika Krause in den kubanischen Kapitän Jesús Jiménez, als sein Frachtschiff in ihrer Heimat Rostock getauft wird. Sie folgt ihm nach Havanna, wo sie bald in den besten gesellschaftlichen Kreisen verkehrt und einige Jahre später die Sexualerziehung Kubas begründen wird.

Silvana Ceschi und Reto Stamm zeichnen das Porträt der Sexologin Krause, einer Frau, die kaum dem Klischee der sexy Kubanerin entsprach: «Für die Kubaner war ich eine Karikatur», ostdeutsch, kurzhaarig, ungeschminkt – und bald eine allbekannte Persönlichkeit. Weil in den neu gegründeten Internaten zahlreiche Teenager schwanger wurden, die Schule abbrachen und dadurch in einen Widerspruch zur angestrebten Gleichberechtigung von Mann und Frau gerieten, war der Bedarf an sexueller Aufklärung deutlich geworden. Im Auftrag von Vilma Castro, Vorsitzende des kubanischen Frauenverbandes und Ehefrau von Raúl, sollte Monika Krause dabei helfen. Ihr erstes Buch wurde wegen der freizügigen Darstellung von Sexualpraktiken sofort zum Bestseller. Es folgten eigene Radio- und Fernsehsendungen. Der legendäre Auftritt, als sie vor laufender Kamera ein Kondom mit einem Liter Wasser füllte, brachte Krause den Übernamen «La reina del condón» – die Königin des Kondoms – ein, führte aber auch dazu, dass man sich auf höchster politischer Ebene mit ihren Tabubrüchen beschäftigte.

Vermag das punktuell eingesetzte Archivmaterial etwas von der Aufbruchstimmung des revolutionären Kubas zu vermitteln, so beruhen die im Film erzählten Ereignisse überwiegend auf Gesprächen mit Krause, die heute wieder in Rostock lebt. Jesús Jiménez, unterdessen ihr Ex-Mann, ergänzt ihre Sicht der Dinge aus Havanna; die zwei etwa 40-jährigen Söhne schliesslich, die ebenfalls in Deutschland leben, begeben sich gemeinsam mit den Filmemachern auf die Spuren des aufklärerischen Erbes ihrer Mutter. Zuweilen die zweite Kamera führend, vermag Daniel Jimenez Krause den Leuten in den Strassen von Havanna Erinnerungen an die Sexologin und ihr Werk wachzurufen. Entzückend beispielsweise der Mann, der ausführlich erzählt, wie er das Aufklärungsbuch als Onanier-Vorlage benutzte.

Neben solch lustvollen Episoden wirkt die Rekonstruktion der Ereignisse aus Krauses Leben durch den Verzicht auf einen erklärenden Kommentar streckenweise etwas umständlich. Dies macht die atmosphärische Dichte des Filmes aber wett. Die sorgfältig kadrierten Bilder in gedämpften Farben lassen uns in angenehmem Rhythmus zwischen winterlicher Nordsee und subtropischem Malecón hin und her reisen. Bleibt die Darstellung der Söhne und deren Vater eher flüchtig, so setzt sich die Protagonistin Monika Krause umso stärker in der Erinnerung fest. Im Ton leicht selbstironisch, aber freilich mit didaktischem Unterton, erzählt sie berührend von ihren 30 Jahren in Kuba. Sie nahm ihre Aufgabe äusserst ernst und ihr Verständnis von Aufklärung hörte nicht bei der Empfängnisverhütung auf. Sie thematisierte die weibliche Sexualität in einer machistisch geprägten Gesellschaft und befand, dass der Machismo nichts Angeborenes sei. Trotz Rückschlägen prägte sie lange den öffentlichen Diskurs über diese Themen.

Der Dokumentarfilm La reina del condón ermöglicht Einblicke in den real gelebten Sozialismus und in das Leben einer transnationalen Familie. Dabei drängt sich auch der Gedanke an die Subjektivität von Erinnerungen auf, etwa als das ehemalige Ehepaar die Gründe für ihre Trennung gänzlich unterschiedlich darlegt. Wahrscheinlich sind es die gegensätzliche Ansichten über den Verlust und Verbleib der Vergangenheit, die dem Film eine melancholische Note verleihen und aus Monika Krause eine irgendwie tragische Heldin machen.

P: Dschoint Ventschr Filmproduktion (Zürich), Soilsiú Films (Irland), Schweizer Fernsehen. R, B: Silvana Ceschi, Reto Stamm. K: Enzo Brandner. S: Úna Ní Dhonghaíle. T: Reto Stamm. V: Look Now! (Zürich), W: Accent Films International (Montreux).
HDV/35 mm, Farbe, 76 Minuten, Deutsch/Spanisch

21.5.2008, 11:46 | Kommentare(0) | Permalink

Geld oder Leben [Jacqueline Falk]

Von Thomas Hunziker [ Sélection CINEMA ]
Geld oder Leben

Als der Computer-Experte Frank (Marcello Montecchi) seinen Arbeitgeber auf Sicherheitslücken im Online-Banking hinweist, wird er vom Bankdirektor verleumdet und landet vorübergehend unschuldig im Knast. Dort werden der zwielichtige Polizist Max (Daniel Rohr) sowie die actionverliebte Polizistin Rahel (Mona Petri) auf ihn aufmerksam. Max überzeugt Frank, den Kampf mit der übermächtigen Bank aufzunehmen. Dabei wird Frank in einen Banküberfall verwickelt, den Max mit den Ganoven Tony (Pablo Aguilar) und Carlito (Sebastian Arenas) organisiert hat. Weitere Handlungsstränge drehen sich um einen verliebten Grossvater, eine besorgte Mutter und einen Boxer.

Leichtfüssig und augenzwinkernd wird die Geschichte des Spielfilms Geld oder Leben vorangetrieben. Von den Produzenten wird er als Gaunerkomödie angepriesen, doch diese Bezeichnung ist nur beschränkt zutreffend. Die Witze sind eher dünn gesät, der Krimi-Plot ist dafür umso dominanter. «Schräges Gaunerdrama» ist die wohl treffendere Bezeichnung für den Film der HGKZ-Absolventin Jacqueline Falk, die nach diversen Kurzfilmen und dem Dokumentarfilm Der letzte Coiffeur von der Wettsteinbrücke (CH 2004), nun mit Geld oder Leben ihren ersten Spielfilm realisiert hat. Sie hat darin ein charmantes Mini-Universum entworfen, in dem sich die Figuren ständig über den Weg laufen. Das kann ein wenig zufällig wirken – oder auch als Metapher für die Kleinräumigkeit der Schweiz verstanden werden. Das reiche Figurenkabinett führt aber dazu, dass selbst einige tragende Figuren etwas gar hastig und wenig differenziert eingeführt werden. Die Handlung selbst bewegt sich zwischen fernsehgerechter Beschaulichkeit – dem Erfolgsrezept von Die Herbstzeitlosen (CH 2006) – und der Schrägheit von Verflixt verliebt (CH 2004).

Während die Produzenten der Low-Budget-Komödie Verflixt verliebt aus den beschränkten Mitteln eine Tugend gemacht haben, versuchen die Filmemacher von Geld oder Leben nach den Sternen zu greifen. Dabei kommt es gelegentlich zum Zusammenprall zwischen dem etwas holprigen Inhalt und der professionellen Oberfläche. Auf der technischen Ebene lässt die Produktion nämlich wenig zu wünschen übrig. Die Kameraarbeit ist einfallsreich verspielt und verleiht dem Film eine geschmeidige Note. Auch die Spezialeffekte sind erstklassig. Von den insgesamt 980 Einstellungen im Film sind 220 durch Tricktechnik bearbeitet worden. Verblüffend für einen mit geringen Mitteln realisierten Schweizer Film sind insbesondere die Szenen auf einem Zuggelände, das Finale mit einer Autoverfolgung und die dynamische Titelsequenz.

Das Projekt ist auch hinsichtlich der Finanzierung bemerkenswert. Obwohl für die Produktion ein Antrag beim Bundesamt für Kultur gestellt wurde, musste sie ohne staatliche Fördergelder auskommen. Das Gesuch ist abgelehnt worden, weil weder die Regisseurin noch der Produzent Erfahrung mit Spielfilmen vorweisen konnten. So musste der Film ausschliesslich durch Private finanziert werden. Dadurch gestaltete sich auch die Suche nach einem Kinoverleih mühsam, war aber letztlich erfolgreich.

P: Moving Image GmbH, Binningen. B, R: Jacqueline Falk. K, S: Brian D. Goff. M: Ramon De Marco, Daniel Dettwiler. T: Patrick Becker, Michael Vescovi. D: Marcello Montecchi, Mona Petri, Daniel Rohr, Pablo Aguilar, Sebastian Arenas, Wolfram Berger, Isabella Schmid, Maja Stolle, Siegmund Tischendorf, Hans-Peter Ulli. V: Movie Biz Films (Wattwil). W: Moving Image GmbH (Binningen).
HDCAM, Farbe, 86 Minuten, Schweizerdeutsch.

18.5.2008, 09:29 | Kommentare(0) | Permalink

Hidden Heart [Cristina Karrer, Werner Schweizer]

Von Veronika Grob [ Sélection CINEMA ]
Hidden Heart

1967 wurde im südafrikanischen Capetown unter der Leitung des Chirurgen Christiaan Barnard die erste Herztransplantation durchgeführt. Der Strahlemann wurde zum internationalen Star und zum Botschafter des Apartheidregimes. Erst nach Barnards Tod begann sich die Welt zu fragen, ob vielleicht nicht er, sondern sein Gärtner verantwortlich für eines der aufregendsten medizinischen Ereignisses des 20. Jahrhunderts gewesen war.

Die in Südafrika lebende Journalistin Cristina Karrer und der Schweizer Filmemacher Werner Schweizer haben ihr Dokudrama Hidden Heart über die erste Herztransplantation auf diesen Krimiplot zugespitzt. In einer Doppelbiographie erzählen sie sowohl vom Leben des Starchirurgen Barnard, als auch von dessen schwarzen Angestellten Hamilton Naki, der vielleicht eine zentrale Rolle in der Nacht gespielt hat, in der in Capetown Medizingeschichte geschrieben wurde. Naki hatte im Groote-Schuur-Spital als Gärtner begonnen und sich hartnäckig zum medizinischen Assistenten im Tierlabor hochgearbeitet, wo Barnard und sein Team die ersten Transplantationen an Tieren testeten. Als Schwarzer hatte Naki nie eine medizinische Ausbildung genossen, doch seine chirurgische Begabung war unbestritten.

Vordergründig geht Karrers und Schweizers Dokudrama der Frage nach, ob Naki in jener legendären Nacht wirklich Teil des Chirurgenteams war. Doch es wird auch bald klar, dass dies gar nicht der zentrale Punkt ist. Erwiesen ist nämlich, dass Naki sehr nah mit Barnard zusammenarbeitete und für ihn später, als den Starchirurgen eine Arthritis plagte, unzählige knifflige Operationen ausführte, sowie Hunderte von Ärzten aus aller Welt in der Kunst der Transplantation unterrichtete. Trotzdem hatte bis ins Jahr 2001 niemand von Hamilton Naki gehört. Im Gegensatz zu Christiaan Barnard, der durch diese erste Herztransplantation zum internationalen Star aufstieg und sich im Jetset vergnügte. Obwohl Barnard behauptete, dass innen alle gleich aussähen, gab es schon bei der dritten Herztransplantation einen Skandal, da Barnard die Familie der schwarzen Spenderin nicht um Erlaubnis fragte, bevor er das Herz einem Weissen einsetzte. Für das Apartheidregime Südafrikas war das «Wunder von Capetown» aber ein gelungener Anlass sich in der Welt in einem besseren Licht zu zeigen. Und Barnard liess sich noch so gerne als Botschafter dafür einspannen. Hidden Heart zeigt aber auch, wie sich der Mediziner und Frauenheld bald schon im glamourösen Leben verirrte und sein unheimliches Strahlelächeln immer mehr zu einer Frankensteinschen Fratze gefror.

In einer gewagten und sehr geschickten Montage von Interviews, Archivaufnahmen und nachgestellten Szenen erzählen Cristina Karrer und Werner Schweizer vom unterschiedlichen Werdegang der beiden Südafrikaner, dem Arzt und dem Gärtner. Durch die – von der Sache her vielleicht unnötige – Zuspitzung auf einen Krimiplot legen sie auf sinnige Art und Weise das dramaturgische Prinzip ihres Dokumentarfilms offen. Durch geschickt geführte Interviews gelingt es ihnen nämlich, ihre Gesprächspartner, allen voran Barnards Tochter Deidre Barnard und den Filmproduzenten Dirk de Villiers, nach und nach als nicht ganz vertrauenswürdige Kommentatoren zu entlarven. Beide haben darunter gelitten, im Schatten dieses Strahlemanns gestanden zu haben. Fast schon unheimlich wirkt es, als Barnards Freund de Villiers, selbst ein Verfechter des Apartheid-Regimes, am Schluss des Interviews das Zimmer wechselt und an der Wand ein überlebensgrosses Barnard-Porträt zum Vorschein kommt. Hidden Heart ist als Dokumentarfilm mehrfach gelungen: Spannend und selbstreflexiv erzählt er nicht nur von einem grossen Ereignis der Medizingeschichte und von der Welt der Schönen und Reichen, sondern vor allem auch von den sozialen Folgen, die Südafrikas Apartheidregime zeitigte. (vg)

P: Dschoint Ventschr Filmproduktion (Zürich), Lichtblick Film- und Fernsehproduktion (Köln), Big World Cinema (Capetown), SF, SRG SSR idée suisse, WDR, BR 2008. R,B: Cristina Karrer, Werner Schweizer. K: Michael Hammon. S: Patricia Wagner. T: Jow Diamini. V: Look Now! (Zürich). W: Dschoint Ventschr Filmproduktion (Zürich).
35 mm, Farbe, 95 Minuten, Englisch/Xhosa.

15.5.2008, 17:37 | Kommentare(1) | Permalink

1 journée [Jacob Berger]

Von Sonja Wenger [ Sélection CINEMA ]
1 journée

Es ist halb fünf Uhr morgens in einem Stadtteil von Meyrin, der Regen prasselt auf menschenleere Strassen. Serge (Bruno Todeschini) wälzt sich aus dem Bett, wechselt ein paar Worte mit seiner Frau Pietra (Natacha Régnier), schleicht sich aus der Wohnung und versucht dabei seinen Sohn Vlad (Louis Dussol) nicht zu wecken. Es ist der Beginn eines Tages, der für alle drei Familienmitglieder einen Bruch mit ihrem bisherigen Leben bringen wird und der dennoch fast wie jeder andere zu verlaufen scheint.

Für das Drehbuch zu 1 journée erhielt der Genfer Regisseur und Dokumentarfilmer Jacob Berger (Aime ton père, F 2002) zusammen mit seiner Koautorin Noémie Kocher eine Nomination für den Schweizer Filmpreis 2008 in Solothurn. Er erzählt darin eine erstaunlich banale Geschichte, die einen aber nach wenigen Minuten bereits vollkommen in ihren Bann zu ziehen vermag. Mit einer grossen Konsequenz vertraut Berger dabei auf die Mystik des Unspektakulären. Er fordert die absolute Aufmerksamkeit des Publikums für eine Geschichte ohne Action, ohne lautes Drama und ohne viele Worte – die aber dennoch erstaunlich viel sozialen Brennstoff beinhaltet. Der Regisseur zeigt, dass sich in jedem Winkel unseres Alltags nicht erzählte Geschichten verbergen, und er hat für 1 journée eine beachtliche Anzahl davon ineinander verwoben.

Es beginnt bereits damit, dass Serge nur wenige Meter mit dem Auto fährt, und Mathilde (Noémie Kocher), seine Geliebte, im Nachbarblock besucht. Eine Stunde später, auf dem tatsächlichen Weg zur Arbeit als Radiomoderator, scheint er jemanden zu überfahren. Doch trotz Blutspuren, Blechschaden und mehrfachem Rufen kann Serge niemanden auf der Strasse finden. Bei der Arbeit ist er danach unkonzentriert und gereizt. Kurzerhand verschwindet er am Mittag aus dem Büro, hat mit Mathilde Sex in seinem Ehebett und sucht anschliessend für den Rest des Tages nach dem mysteriösen Unfallopfer. Dabei landet er irgendwann sogar im Verhörzimmer der Polizei.

Wie wenig es braucht, um hinter die brüchige Fassade einer vordergründig funktionierenden Familie zu blicken, demonstriert der Regisseur mit einem dramaturgischen Kniff. Immer wieder unterbricht er die geradlinige Erzählung und beginnt noch einmal von vorne, allerdings aus einem anderen Blickwinkel. So begleitet das Publikum auch Pietra durch den Tag und erlebt aus ihrer Sicht – nachdem Serge das Haus verlassen hat – wie ihr Tag abläuft und wie sie reagiert, als sie seinen Ehebruch miterlebt. Gleichzeitig beobachtet Vlad, wie sein Vater beim Nachbarblock hält und in einer Wohnung das Licht angeht. Später versucht Vlad, ein Mädchen aus seiner Klasse zu küssen. Man erfährt, weshalb ihn seine Mutter nicht wie üblich von der Schule abholt und wie es kommt, dass er stattdessen in Mathildes Schlafzimmer landet.

Auf diese Weise verdichtet sich der Film zu einem Gesamtbild, das seine Geheimnisse zwar nur langsam preisgibt, doch dem Zuschauer einen immer grösseren Wissensvorsprung zugesteht. Das reine Beobachten befreit sich hierbei von seiner voyeuristischen Komponente. Im Gegenteil wird der Film für die Zuschauer schnell zu einem Puzzlespiel, bei dem jedes noch so kleine Detail wichtig ist. Nicht alle Handlungsstränge werden aufgelöst, einige Wendungen wirken etwas gekünstelt oder aufgesetzt. Dennoch ist 1 journée mit seinem Konzept der Erzählung in Häppchen ein ungewohntes, aber spannendes Seherlebnis – und dabei gleichzeitig eine ruhige Filmperle.

P: Vega Film – Why not Productions – Avventura Films, (Schweiz/Frankreich), 2007. B: Jacob Berger, Noémie Kocher. R: Jacob Berger. K: Jean-Marc Fabre. T: François Musy, Gabriel Hafner. S: Catherine Quesemand. M: Cyril Morin. D: Bruno Todeschini, Natacha Régnier, Noémie Kocher, Zindedine Soualem, Louis Dussol, Amélia Jacob, Hiro Uchiyama, Isabelle Caillat. V, W: Vega Distribution AG, (Zürich)
35 mm, Farbe, 95 Minuten, Französisch.

10.5.2008, 21:14 | Kommentare(0) | Permalink

Jimmie [Tobias Ineichen]

Von Daniela Janser [ Sélection CINEMA ]
Jimmie

Fredi Murers Kinowunderkind Vitus (CH 2006) war gestern, jetzt kommt der Autist Jimmie in Tobias Ineichens gleichnamigem Schweizer Fernsehfilm. Und Jimmie muss den Vergleich mit dem Kinobruder auf der grossen Leinwand nicht scheuen. Insbesondere ist es den Machern hoch anzurechnen, dass sie aus ihrem autistischen Protagonisten keinen Hochbegabten, wie das autistische Zahlengenie in Rain Man (USA 1988) gemacht haben, um so der Verhaltensauffälligkeit möglichst spektakulär und unterhaltsam die verstörende Spitze zu brechen.

Jimmie (Joel Basman) ist kein überirdisches Wunderkind – dennoch, das muss auch für den Spannungsbogen so sein, hat er eine besondere Eigenschaft: Er kann besser schwimmen als die anderen Untrainierten im Schwimmbad. Überhaupt ist das Wasser sein Element, seit er als Kind mit seiner Mutter (Stephanie Japp) in einer Delfintherapie war. Nicht nur im Schwimmbecken ist es ihm also sichtlich wohl, er zählt auch jeden Abend andächtig die Wassertropfen, die aus dem Hahn fallen. Gerät er völlig aus der Fassung, beruhigt es ihn, wenn man ihm Wasser über die Hand laufen lässt. Der Alltag mit Jimmie ist alles andere als leicht, dies muss seine allein erziehende Mutter schnell merken, nachdem sie ihn aus dem Heim versuchshalber zu sich nach Hause holt. Er redet kein Wort und macht auch sonst kaum Anzeichen, dass er die Aussenwelt wahrnimmt oder Menschen wieder erkennt. Dass schliesslich ein Schwimmcoach im Hallenbad auf Jimmies Talent aufmerksam wird und ihn in seine Trainingsgruppe aufnimmt, macht dann erst das hochemotionale, hollywoodreife Finale des Films möglich: Jimmie schwimmt am Wettkampftag in der Staffel des SC Dolphins mit – nachdem dem renitenten Rennkommittee per superprovisorischer Verfügung beigebracht wurde, dass ein Autist kein Behinderter ist.

Es ist rar, dass Menschen mit auffälligem Verhalten in Spielfilmen nicht als staunenerregende Kuriosität, als Witzfigur oder als Mitleidsquelle dargestellt werden. Jimmie umgeht diese Fallstricke gekonnt und bleibt dabei rührend und packend zugleich. Dies liegt nicht nur an der Inszenierung von Regisseur Tobias Ineichen (Sonjas Rückkehr), und an Martin Fuhrers Kameraführung mit geschärftem Blick für Regentropfen und andere Flüssigkeiten (Unterwasserkamera von Hans Streit), sondern vor allem auch an den Schauspielern. Allen voran am Zürcher Naturtalent Joel Basman (Lüthi und Blanc, Breakout) als sprachloser Autist Jimmie. Der Berlinale Shootingstar 2008 Basman war ein paar wenige Tagen in einem Heim für Autisten zu Gast. Dort hat er sich eine Auswahl an Gesten und Verhaltensmustern abgeschaut und glaubhaft zu Eigen gemacht. Stephanie Japp (Grounding) spielt nuanciert seine engagierte, am Grat der Überforderung balancierende Mutter – und auch Martin Rapold als bodenständiger Schwimmlehrer überzeugt. Das Fernsehpublikum gab ebenfalls seinen Segen: Bei der Erstausstrahlung am 4.5.2008 schalteten sich knapp 500’000 Zuschauer zu. Ein sehr gutes Resultat.

P: C-Films AG (Zürich), SF 2008. B: Thomas Peter. R: Tobias Ineichen. K: Martin Fuhrer. T: Jürg Lempen. S: Mike Schärer. M: Fabian Römer. D: Joel Basman, Stephanie Japp, Martin Rapold, Michael Neuenschwander. V: C-Films (Zürich).
16mm, Farbe, 89 Minuten, Schweizerdeutsch.

07.5.2008, 20:39 | Kommentare(1) | Permalink

Salonica [Paolo Poloni]

Von René Müller [ Sélection CINEMA ]
Salonica

Die griechische Stadt Thessaloniki galt lange als «Jerusalem des Balkans». 450 Jahre lang war Thessaloniki ein wichtiger Zufluchtsort für sephardische Juden. Jene Juden, welche 1492 aus dem katholischen Spanien vertrieben wurden und im osmanischen Reich eine neue Heimat fanden.

Paolo Poloni erforscht in seinem neuen Dokumentarfilm Salonica das heutige Thessaloniki. Der Luzerner Filmemacher verzichtet auf historische Exkurse. Vielmehr saugt er mit Salonica Eindrücke der Gegenwart auf, begleitet den Alltag der jüdischen Einwohner, deren aussergewöhnliche Verbundenheit mit der Stadt heute kaum mehr spürbar ist. Einem Netz gleich spannt Poloni zahlreiche Lebensgeschichten auf. Ihn interessieren die Menschen, ihre Schicksale und persönlichen Sichtweisen. So lernen wir den 87-jährigen Moishe Bourla kennen, einen überzeugten Kommunisten, der in einem jüdischen Altersheim wohnt und auf ein bewegtes Leben zurückblickt: Nach 1945 wurde Bourla von der rechten griechische Regierung für sieben Jahre auf eine Strafinsel verbannt, bevor man ihn nach Israel auslieferte. Später lebte er in Russland, 1990 kam er schliesslich in seine Heimatstadt Thessaloniki zurück. Aus einer ganz anderen Perspektive erlebt Devin Naar die griechische Stadt: Die Vorfahren des amerikanischen Geschichtsstudenten emigrierten in den 1920er Jahren in die USA. Die persönliche Suche nach seinen Wurzeln führte den engagierten Studenten nach Thessaloniki, wo er – angetrieben von einer emotionalen Anziehung, welche die Stadt auf ihn ausübt – in den wenigen erhaltenen Archivmaterialen der jüdischen Gemeinde zu seiner Familiengeschichte und der Geschichte der jüdischen Gemeinde allgemein forscht.

Im Laufe des Films zeigt Poloni immer mehr Menschen – so dass man stellenweise durchaus den Überblick über die verschiedenen Protagonisten verlieren kann. Die Gespräche bleiben oftmals fragmentarisch und zwingen einen dadurch zu besonderer Aufmerksamkeit. Diese eher essayistische denn konventionell dokumentarische Herangehensweise kommt ganz ohne Kommentar aus – Poloni überlässt seinen Protagonisten das Wort. Salonica ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie sich ein Dokumentarfilm auf aktuelle und reflektierte Art und Weise mit schwierigen historischen Themen auseinandersetzen kann.

Besonders zu erwähnen bleibt noch die eindrückliche Bildsprache, die Salonica zu einem visuellen Genuss macht. Kameramann Matthias Kälin (Die Tunisreise von Bruno Moll, CH 2007; Hardcore Chambermusic von Peter Liechti, CH 2007) versteht es, die unbekannte Stadt überraschend und umsichtig einzufangen.

P: Rose-Marie Schneider, Doc Productions GmbH, SF/SRG SSR idée suisse. Schweiz 2007. R: Paolo Poloni. K: Matthias Kälin. T: Kriton Kalaitzidis, Theodoros Koutsoulis. S: Paolo Poloni. M: Minos Matsas. V: Xenix Filmdistribution (Zürich).
HD, Farbe, 87 Minuten, verschiedene Sprachen.

07.5.2008, 20:25 | Kommentare(0) | Permalink