Jimmie [Tobias Ineichen]

Von Daniela Janser [ Sélection CINEMA ]
Jimmie

Fredi Murers Kinowunderkind Vitus (CH 2006) war gestern, jetzt kommt der Autist Jimmie in Tobias Ineichens gleichnamigem Schweizer Fernsehfilm. Und Jimmie muss den Vergleich mit dem Kinobruder auf der grossen Leinwand nicht scheuen. Insbesondere ist es den Machern hoch anzurechnen, dass sie aus ihrem autistischen Protagonisten keinen Hochbegabten, wie das autistische Zahlengenie in Rain Man (USA 1988) gemacht haben, um so der Verhaltensauffälligkeit möglichst spektakulär und unterhaltsam die verstörende Spitze zu brechen.

Jimmie (Joel Basman) ist kein überirdisches Wunderkind – dennoch, das muss auch für den Spannungsbogen so sein, hat er eine besondere Eigenschaft: Er kann besser schwimmen als die anderen Untrainierten im Schwimmbad. Überhaupt ist das Wasser sein Element, seit er als Kind mit seiner Mutter (Stephanie Japp) in einer Delfintherapie war. Nicht nur im Schwimmbecken ist es ihm also sichtlich wohl, er zählt auch jeden Abend andächtig die Wassertropfen, die aus dem Hahn fallen. Gerät er völlig aus der Fassung, beruhigt es ihn, wenn man ihm Wasser über die Hand laufen lässt. Der Alltag mit Jimmie ist alles andere als leicht, dies muss seine allein erziehende Mutter schnell merken, nachdem sie ihn aus dem Heim versuchshalber zu sich nach Hause holt. Er redet kein Wort und macht auch sonst kaum Anzeichen, dass er die Aussenwelt wahrnimmt oder Menschen wieder erkennt. Dass schliesslich ein Schwimmcoach im Hallenbad auf Jimmies Talent aufmerksam wird und ihn in seine Trainingsgruppe aufnimmt, macht dann erst das hochemotionale, hollywoodreife Finale des Films möglich: Jimmie schwimmt am Wettkampftag in der Staffel des SC Dolphins mit – nachdem dem renitenten Rennkommittee per superprovisorischer Verfügung beigebracht wurde, dass ein Autist kein Behinderter ist.

Es ist rar, dass Menschen mit auffälligem Verhalten in Spielfilmen nicht als staunenerregende Kuriosität, als Witzfigur oder als Mitleidsquelle dargestellt werden. Jimmie umgeht diese Fallstricke gekonnt und bleibt dabei rührend und packend zugleich. Dies liegt nicht nur an der Inszenierung von Regisseur Tobias Ineichen (Sonjas Rückkehr), und an Martin Fuhrers Kameraführung mit geschärftem Blick für Regentropfen und andere Flüssigkeiten (Unterwasserkamera von Hans Streit), sondern vor allem auch an den Schauspielern. Allen voran am Zürcher Naturtalent Joel Basman (Lüthi und Blanc, Breakout) als sprachloser Autist Jimmie. Der Berlinale Shootingstar 2008 Basman war ein paar wenige Tagen in einem Heim für Autisten zu Gast. Dort hat er sich eine Auswahl an Gesten und Verhaltensmustern abgeschaut und glaubhaft zu Eigen gemacht. Stephanie Japp (Grounding) spielt nuanciert seine engagierte, am Grat der Überforderung balancierende Mutter – und auch Martin Rapold als bodenständiger Schwimmlehrer überzeugt. Das Fernsehpublikum gab ebenfalls seinen Segen: Bei der Erstausstrahlung am 4.5.2008 schalteten sich knapp 500’000 Zuschauer zu. Ein sehr gutes Resultat.

P: C-Films AG (Zürich), SF 2008. B: Thomas Peter. R: Tobias Ineichen. K: Martin Fuhrer. T: Jürg Lempen. S: Mike Schärer. M: Fabian Römer. D: Joel Basman, Stephanie Japp, Martin Rapold, Michael Neuenschwander. V: C-Films (Zürich).
16mm, Farbe, 89 Minuten, Schweizerdeutsch.

07.5.2008, 20:39 | Permalink

Salonica [Paolo Poloni]

Von René Müller [ Sélection CINEMA ]
Salonica

Die griechische Stadt Thessaloniki galt lange als «Jerusalem des Balkans». 450 Jahre lang war Thessaloniki ein wichtiger Zufluchtsort für sephardische Juden. Jene Juden, welche 1492 aus dem katholischen Spanien vertrieben wurden und im osmanischen Reich eine neue Heimat fanden.

Paolo Poloni erforscht in seinem neuen Dokumentarfilm Salonica das heutige Thessaloniki. Der Luzerner Filmemacher verzichtet auf historische Exkurse. Vielmehr saugt er mit Salonica Eindrücke der Gegenwart auf, begleitet den Alltag der jüdischen Einwohner, deren aussergewöhnliche Verbundenheit mit der Stadt heute kaum mehr spürbar ist. Einem Netz gleich spannt Poloni zahlreiche Lebensgeschichten auf. Ihn interessieren die Menschen, ihre Schicksale und persönlichen Sichtweisen. So lernen wir den 87-jährigen Moishe Bourla kennen, einen überzeugten Kommunisten, der in einem jüdischen Altersheim wohnt und auf ein bewegtes Leben zurückblickt: Nach 1945 wurde Bourla von der rechten griechische Regierung für sieben Jahre auf eine Strafinsel verbannt, bevor man ihn nach Israel auslieferte. Später lebte er in Russland, 1990 kam er schliesslich in seine Heimatstadt Thessaloniki zurück. Aus einer ganz anderen Perspektive erlebt Devin Naar die griechische Stadt: Die Vorfahren des amerikanischen Geschichtsstudenten emigrierten in den 1920er Jahren in die USA. Die persönliche Suche nach seinen Wurzeln führte den engagierten Studenten nach Thessaloniki, wo er – angetrieben von einer emotionalen Anziehung, welche die Stadt auf ihn ausübt – in den wenigen erhaltenen Archivmaterialen der jüdischen Gemeinde zu seiner Familiengeschichte und der Geschichte der jüdischen Gemeinde allgemein forscht.

Im Laufe des Films zeigt Poloni immer mehr Menschen – so dass man stellenweise durchaus den Überblick über die verschiedenen Protagonisten verlieren kann. Die Gespräche bleiben oftmals fragmentarisch und zwingen einen dadurch zu besonderer Aufmerksamkeit. Diese eher essayistische denn konventionell dokumentarische Herangehensweise kommt ganz ohne Kommentar aus – Poloni überlässt seinen Protagonisten das Wort. Salonica ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie sich ein Dokumentarfilm auf aktuelle und reflektierte Art und Weise mit schwierigen historischen Themen auseinandersetzen kann.

Besonders zu erwähnen bleibt noch die eindrückliche Bildsprache, die Salonica zu einem visuellen Genuss macht. Kameramann Matthias Kälin (Die Tunisreise von Bruno Moll, CH 2007; Hardcore Chambermusic von Peter Liechti, CH 2007) versteht es, die unbekannte Stadt überraschend und umsichtig einzufangen.

P: Rose-Marie Schneider, Doc Productions GmbH, SF/SRG SSR idée suisse. Schweiz 2007. R: Paolo Poloni. K: Matthias Kälin. T: Kriton Kalaitzidis, Theodoros Koutsoulis. S: Paolo Poloni. M: Minos Matsas. V: Xenix Filmdistribution (Zürich).
HD, Farbe, 87 Minuten, verschiedene Sprachen.

07.5.2008, 20:25 | Permalink