Isa Hesse-Rabinovitch. Das grosse Spiel Film [Anka Schmid]

Von René Müller [ Sélection CINEMA ]
Hesse-Rabinovitch

Isa Hesse-Rabinovitch wuchs in Zürich in einem künstlerisch geprägten Umfeld auf. Die Tochter jüdisch-russischer Immigranten heiratete einen Sohn von Herman Hesse und arbeitete als Illustratorin und Reporterin. In den 1950er Jahren bildete sie sich autodidaktisch zur Fotografin aus – Fotoreportagen in renommierten Zeitschriften und Ausstellungen folgten. Erst im Alter von fünfzig Jahren begann sie zu filmen – und entdeckte damit ihre grosse Leidenschaft.

Isa Hesse-Rabinovitch war zu dieser Zeit in jeder Beziehung eine Ausnahmeerscheinung in der Schweizer Filmszene. Die alternative 68er-Filmbewegung im Umfeld der Solothurner Filmtage war eine Generation jünger und bestand fast ausschliesslich aus Männern. Die Experimentalfilmerin liess sich aber nicht beirren und begann, sich für Frauenfilmfestivals zu engagieren. Nach und nach baute sie damit wichtige Netzwerke für Frauen in der Filmbranche auf (man bedenke, dass es bis in die 1980er-Jahre in der Schweiz beispielsweise kaum Kamerafrauen gab). In New York eröffnete sie 1972 mit dem Kurzfilm Spiegelei das weltweit erste Frauenfilmfestival. Zehn Jahr später wurde die in ihrer Heimat kaum beachtete Künstlerin nach New York eingeladen, um mit dem Film Sirenen-Eiland das neue Kino im Museum of Modern Art zu eröffnen. Es lag sicher auch an ihrer unkonventionellen Arbeitsweise, dass Hesse-Rabinovitch in der Schweiz stets eine Randfigur der Filmszene blieb: Sie arbeitete nie mit Drehbüchern, sondern veranschaulichte ihre Ideen in Pläne und Diagramme; für komplexe Szenen zeichnete sie Storyboards oder fertigte Collagen. Wegen dieser Arbeitsweise erhielt die Künstlerin weder von staatlichen Förderinstitutionen noch vom Fernsehen finanzielle Unterstützung. Dank privaten Mäzenen und der finanziellen Absicherung durch das Familienerbe gelang es ihr aber immer wieder, ihre Projekte zu realisieren. Auch im hohen Alter war ihr Innovationsdurst noch nicht gestillt, und sie begann, sich mit dem damals neuen Medium Video zu beschäftigen.

Anka Schmid ist sicherlich eine ideale Besetzung für ein Filmprojekt über Isa Hesse-Rabinovitch. Schmid hat sowohl im Bereich des Dokumentarfilms (Techqua Ikachi, Land – Mein Leben, CH 1989) als auch als Experimentalfilmemacherin (Warum steht die Welt nicht auf dem Kopf?, CH 1982; Hierig – Heutig, CH 2008) Erfahrungen gesammelt. Zudem kennt sie die männerdominierte Schweizer Filmszene der 1980er Jahre noch aus eigener Erfahrung. Neben Erinnerungen von einigen Weggefährten – darunter etwa die Sängerin La Lupa – setzt der Dokumentarfilm Isa-Hesse Rabinovitch. Das grosse Spiel Film stark auf Eindrücke aus Rabinovitchs Filmen. Der 52 Minuten lange Dokumentarfilm hinterlässt einen sehr dichten Eindruck – der Werdegang der Künstlerin erscheint bisweilen fast zu ereignisreich und komplex, um ihm in der kurzen Zeit gerecht zu werden. Doch Schmid versteht es, die vielen, oft nur oberflächlich thematisierbaren biographischen Stationen mit atmosphärischem Bildmaterial zu veranschaulichen. Das innovative Werk Hesse-Rabinovitchs und der Zeitgeist, in dem es entstand, stehen so über weite Strecken im Vordergrund und lassen dem unnahbaren Menschen hinter der Kamera sein (bereits zu Lebzeiten gut gehütetes) Geheimnis. Hauptverdienst des Dokumentarfilms ist denn sicherlich auch die Erinnerung an das aussergewöhnliche Schaffen einer faszinierenden Künstlerin, die in der Schweiz zeitlebens zu wenig Beachtung für ihr innovatives Schaffen erhielt.

P: Reck Filmproduktion, Franziska Reck (Zürich), Schweizer Fernsehen, 3 Sat, RTSI, 2009. B+R: Anka Schmid. K: Daniel Leippert, René Baumann. T: Oliver Jeanrichard. S: Marina Wernli. M: Stephan Wittwer. W: Reck Filmproduktion, Franziska Reck (Zürich). V: Reck Filmproduktion, Franziska Reck (Zürich).
35 mm, Farbe, 52 Minuten, Deutsch.

21.5.2009, 11:24 | Permalink

Die Standesbeamtin [Micha Lewinsky]

Von Christina von Ledebur [ Sélection CINEMA ]
Die Standesbeamtin

Die Standesbeamtin Rahel trifft in einer Buchhandlung ihres Heimatstädtchens ihren alten Freund Ben wieder. Obwohl sie früher zusammen in einer Band spielten und sich sehr nahe standen, haben die beiden sich aus den Augen verloren. Ben ist inzwischen ein bekannter Musiker in Berlin und seit kurzem mit der exzentrischen deutschen Schauspielerin Tinka verlobt, Rahel ist Mutter eines Teenagers, von dessen Vater sie sich mehr und mehr entfremdet. Rahel fühlt sich rasch wieder zu Ben hingezogen, in den sie schliesslich einmal verliebt war, damals, bevor sie schwanger wurde. Doch für Liebesgefühle gibt es nur wenig Platz, denn Ben möchte, dass Rahel ihn und Tinka traut. Rahel versucht sich aus der Sache herauszureden, wird aber zu dieser Trauung verdonnert. Ihr Chef verspricht sich nämlich von der Prominentenhochzeit gute Werbung für die Gemeinde. Die Hochzeitsvorbereitungen beginnen und auf einmal merken Ben und Rahel, wie viel sie noch immer verbindet. Doch keiner der beiden hat den Mut, zu den neu aufkeimenden Gefühlen zu stehen. Und so sitzen sie sich schon bald auf dem Standesamt gegenüber.

Die romantische Komödie Die Standesbeamtin stammt aus der Feder von Micha Lewinsky, dem Drehbuchautor von Sternenberg (Christoph Schaub, CH 2004) und Ko-Autor von Little Girl Blue (Anna Luif, CH/D 2003). Nach seinem Regieerstling, dem preisgekrönten Kurzfilm Herr Goldstein (CH 2005), legte der Zürcher 2008 mit Ein Freund sein Langspielfilmdebüt vor. Die gelungene Mischung aus Tragödie und Komödie gewann den Schweizer Filmpreis QUARTZ.

Mit Die Standesbeamtin hat sich Lewinsky, zumindest, was das Genre angeht, auf sichereres Terrain begeben: Der Film ist eine romantische Komödie, wie sie im Buche steht. Dass die Geschichte von Lewinksy und Ko-Autor Jann Preuss trotz absehbarem Ausgang sehr gut zu unterhalten vermag, ist den witzigen Dialogen, der bestechenden Situationskomik, sowie der überzeugenden Besetzung zu verdanken. Die Theaterschauspielerin Marie Leuenberger, die – bis auf einen Kurzauftritt in Reto Caffis Kurzfilm Auf der Strecke (CH 2008) – zum ersten Mal auf der Leinwand zu sehen ist und der soeben mit dem Filmpreis ausgezeichnete Dominique Jann (Luftbusiness, Dominique de Rivaz, CH/LU 2008) geben ein äusserst glaubwürdiges Paar ab. Zu ihnen gesellt sich Oriana Schrage, Lewinskys Frau, die die zickige, aber verletzliche Zweitplazierte hervorragend spielt. Als Rahels Chef schliesslich ist sich Beat Schlatter nicht zu schade, den oberspiessigen SVPler zu geben. Ähnlich wie in Der Freund spielt auch in Die Standesbeamtin die Musik eine grosse Rolle. Markus Schönholzer und Marcel Vaid, beide schon bei früheren Produktionen von Lewinsky dabei, zeichnen für den Soundtrack.

P: Langfilm (Zürich),Schweizer Fernsehen 2009. B: Micha Lewinsky, Jann Preuss. R: Micha Lewinsky. K: Pierre Mennel. T: Patrick Becker, Roman Bergamin, Peter Bräker, Darko Linder. S: Bernhard Lehner. M: Markus Schönholzer, Marcel Vaid. D: Marie Leuenberger, Dominique Jann, Oriana Schrage, Herbert Leiser, Beat Schlatter, Beat Marti, Jennifer Mulinde-Schmid, Jörg Schneider. V: Walt Disney Studios Motion Picture (Schweiz). W: Langfilm (Zürich).
35mm, Farbe, 90 Minuten, Schweizerdeutsch.

11.5.2009, 08:56 | Permalink