Räuberinnen [Carla Lia Monti]

Von Thomas Hunziker [ Sélection CINEMA ]
Räuberinnen

Noch bevor Räuberinnen im Januar 2009 an den Solothurner Filmtagen erstmals der Öffentlichkeit vorgeführt wurde, inszenierten die Medien einen Skandal. Der Blick schrieb vom «versautesten Film seit Bestehen der Schweizer Filmförderung». «Degoutant und peinlich», befand die Mittelland Zeitung. Auch Journalisten, die sich nicht entsetzen liessen, waren vom Film nicht begeistert. «Der Film ist öde und spannungslos», konstatierte Christoph Egger in der Neuen Zürcher Zeitung. «Die Gags sind so derbe, wie sie flach sind», so Sonja Eismann für Cineman.

Die Tonart von Räuberinnen wird gleich zu Beginn durchgegeben. «Blooond! Ich will keine Brünette, ich will eine Blondineeeeee!!!» brüllt der verzogene Meinrad von Bock (Antoine Monot, Jr.) mit verdrecktem Mund in die Kamera – bis ihm ein Schnuller reingesteckt wird. Zu blöd, dass seine Exzellenz (Hans-Peter Ulli) und die intrigierende Adlige Katharina (Alexandra Prusa) ihm bereits die dunkelhaarige Magdalena (Cynthia Coray) zur Gattin bestimmt haben.

Alles nur halb so schlimm. Für die Hochzeit steht noch eine weitere Tochter von Katharina zur Auswahl: die süsse naturblonde Emily (Nina Bühlmann). Die ist jedoch in den Stallburschen Josef (Nils Althaus) verliebt. Als sie von der anstehenden Zwangsheirat erfährt, flieht sie zusammen mit der Magd Trizi (Myriam Muller) in den Wald und gründet mit ein paar Prostituierten eine Räuberinnenbande. Nun muss das starke Geschlecht die Hosen runterlassen. Die Wege von Adligen und Räuberinnen werden auch noch von zwei unbeholfenen Wegelagerern (Patrick Frey, Viktor Giacobbo) gekreuzt.

Sex, Drogen und Blasphemie sind die Hauptelemente im ersten langen Spielfilm von Regisseurin Carla Lia Monti. Während sich Katharina vor dem Kreuz lustvoll kasteit, sitzt sie auf einem Stuhl mit Dildo. Später befriedigt sie seine Exzellenz auf alle möglichen Sadomaso-Varianten, vom Absatz auf dem Penis bis hin zur Kneifzange an den Brustwarzen. Der Geistliche vergnügt sich später im Bordell bei den mit Drogen vollgepumpten Prostituierten, die ihrerseits den wehrlosen Josef mit potenzsteigernden Pillen abfüllen, um sich auf ihm zu vergnügen. Die Liste der sexuellen Spielereien ist damit noch lange nicht abgeschlossen.

Hysterisch, schrill und derb wird die Geschichte über Exzesse und Fetische vorgetragen. Dabei bleibt leider der Humor auf der Strecke. Obschon John Waters als (geistiger) Vater von Emily ausgewiesen wird – und somit auch von diesem Schauermärchen? – sind die Geschmacksverwirrungen und -übertretungen in Räuberinnen wenig belustigend. Die Kalauer der von Giacobbo und Frey gespielten Wegelagerer sind so banal und abgestanden, dass sie selbst als Enthauptete nur noch die Augen verdrehen können.

Gegen Schluss des Films stellt die feministischste der Räuberinnen entsetzt fest: «Die Frauen sind ekelhaft. Sie machen es gleich wie die Männer.» Da lässt sich nur noch die Erkenntnis von Christoph Egger anfügen: «Zweifelsfrei ist jedenfalls der Beweis erbracht, dass auch Frauen strohdumme Filme machen können.» Nicht nur strohdumm, sondern auch einfach sterbenslangweilig und wenig einfallsreich. Daher erübrigt sich auch die Diskussion, ob der Film seine Funktion als Trash-Satire erfüllt. Was nicht lustig ist, scheitert auch als Satire.

P: Dschoint Ventschr Filmproduktion (Zürich), Paul Thiltges Distributions (Luxemburg) 2009. R: Carla Lia Monti. B: Carla Lia Monti, Thomas Hess, Martin Muser. K: Enzo Brandner. S: Michael Hertig. T: Philippe Kohn. M: Heinz Rohrer, Nils Althaus, Anselme Pau. D: Nina Bühlmann, Myriam Muller, Alexandra Prusa, Nils Althaus, Hans-Peter Ulli, Sabine Timoteo, Sascha Ley, Patrick Frey, Viktor Giacobbo, Kaspar Weiss, Gianin Löffler, Antoine Monot, Celine Wenger, Cynthia Coray, Mathis Künzler. V: Praesens Film AG (Zürich). W: Wide Managment (Paris).
35mm, Farbe, 80 Minuten, Schweizerdeutsch, Deutsch, Luxemburgisch, Englisch

13.6.2009, 12:35 | Kommentare(3) | Permalink

Du bruit dans la tête [Vincent Pluss]

Von René Müller [ Sélection CINEMA ]
Du bruit dans ma tête

Laura ist Anfang dreissig und arbeitet nach einem Soziologiestudium in Kanada als Journalistin bei einer Genfer Zeitung. Doch sie steht nicht mit beiden Beinen im Leben, wie dies der erste Eindruck vermitteln könnte. Mit ihrem Job tut sie sich schwer und sie ist einsam. Eines Tages begegnet sie dem 18-jährigen Simon, einem einsilbigen Rumtreiber. Laura, die sich mit dessen jugendlicher Vogelfreiheit mehr zu identifizieren scheint als mit ihrem braven Büroalltag, nimmt Simon bei sich auf. Doch schon bald wird die fragile Beziehung auf die Probe gestellt: Laura verliert wegen einer Bagatelle ihren Job und sieht sich deshalb auch noch mit materiellen Ängsten konfrontiert. Als zudem Simons Onkel, ein undurchschaubarer Arzt, auftaucht und den Ausreisser zu seiner Mutter zurückbringen will, beginnt Laura immer mehr an ihrem Leben zu zweifeln.

Das titelgebende Rauschen im Kopf wird in Du bruit dans la tête als Stilmittel eingesetzt, um die Unsicherheit und Widersprüchlichkeit, aber auch die Fantasien der Hauptfigur zu veranschaulichen. Lauras Gedanken sind zeitweise auf der Tonspur genauso präsent wie die normalen Dialoge – sie reiben sich sozusagen an der (filmischen) Realität. Solche inneren Monologe könnten leicht zum prätentiösen Kunstgriff geraten, doch der Genfer Regisseur Vincent Pluss setzt sie sparsam und auf poetische Art und Weise ein, so dass sie dem bedrückten Grundton des Films entgegenwirken und der Sozialstudie eine gewisse Leichtigkeit und Verspieltheit verleihen.

Mit seinem zweiten Langspielfilm nach On dirait le sud (CH 2007) stellt Pluss erneut sein enormes Gespür für die Dramatisierung zwischenmenschlicher Beziehungen unter Beweis. Indem er seine Schauspieler improvisieren lässt und mit unruhigen Handkamera-Bildern arbeitet erschafft er trotz eines bescheidenen Produktionsbudgets berührende Filme, die dank ihrer Originalität und Qualität weit über das durchschnittliche Schweizer Filmschaffen hinausragen. Vincent Pluss’ Figuren sind nie stereotyp, sondern vielschichtig und widersprüchlich – eine Herausforderung für Schauspieler und Publikum zugleich. Mit Celine Bolomey als Laura und Gabriel Bonnefoy als Simon hat Pluss eine hervorragende Besetzung gefunden – Bolomey wurde für ihre Leistung so auch als beste Schauspielerin 2008 mit dem Schweizer Filmpreis Quartz ausgezeichnet. Diese Auszeichnung ist mehr als verdient, haben Bolomey und Pluss mit Laura doch eine der spannendsten Figuren im Schweizer Film der letzten Jahre geschaffen.

P: Intermezzo Film (Genf), Komplizen Film (Berlin/München) 2008. R: Vincent Pluss. B: Vincent Pluss, Patrick Claudet (in Zusammenarbeit mit den Schauspielern). K: Pascal Dubi, Luc Peter. T: Vincent Kappeler. S: Orsola Valenti, Vincent Pluss, Florent Mangeot. M: Christian Garcia. D: Celine Bolomey, Gabriel Bonnefoy, Frédéric Landenberg, François Nadin, Lucie Zelger. W: Films Boutique (Berlin). V: Frenetic Films (Zürich).
35 mm, Farbe, 90 Minuten, Französisch.

07.6.2009, 15:07 | Kommentare(0) | Permalink

Beyond Farewell. Antennen ins Jenseits [Susanna Hübscher]

Von Martina Huber [ Sélection CINEMA ]
Beyond Farewell

Der Dokumentarfilm Beyond Farewell beginnt mit einer langen Einstellung, einem Blick auf Berge, ein Stück Himmel mit Wolken und Sonnenlicht im Zeitraffer. Undefinierbare Geräusche sind zu hören, sie könnten von Funktürmen stammen oder von Satelliten, vom Kosmos vielleicht. Dieser Bereich zwischen Himmel und Erde eröffnet uns den Raum, in den sich Susanna Hübscher aufmacht, um nach dem Leben nach dem Tod zu forschen. Konkret geht sie der Frage nach, ob die Menschen ihre „verstorbenen Liebsten im Jenseits kontaktieren“ könnten. Ja, lautet ihre eindeutige Antwort, es gibt Menschen mit übersinnlichen Fähigkeiten, die zwischen dem Dies- und dem Jenseits vermitteln können. Zum Beispiel der Schotte Bill Coller, der seine Gabe zu seinem Beruf gemacht hat. Er kommuniziert im Auftrag seiner Kunden mit Verstorbenen und transportiert tröstende Botschaften.

Während der Arbeit am Film verstarb der Vater der Autorin, was ihren Zugang zum Thema grundlegend veränderte. Zur allgemeinen Fragestellung über das Leben nach dem Tod kam ihre ganz persönliche Erfahrung dazu. Hübscher versuchte nun, der emotionalen Leere zu begegnen und die Unfähigkeit, über den Verlust zu sprechen, zu verarbeiten. Damit wurde das Filmemachen zum therapeutischen Prozess. Bill Coller begleitet diesen Trauerprozess und übernimmt dabei eine vermittelnde Rolle: Er soll die Verbindung zum Vater herstellen und verkörpert für Hübscher symbolisch „die Sehnsucht“, das Heimweh nach dem Verstorbenen.

Die Suche nach (Ant)Worten führt Hübscher in die Schweizer Berge, wo sie auf langen Wanderungen mit ihrer Mutter über ihre Gefühle redet und mit dem Verlust umzugehen lernt. In den USA besucht sie einen Workshop Collers und versucht dort, ihre Wahrnehmung zu erweitern und die Sinne für neue Dimensionen zu öffnen. Die Reise führt sie aber hauptsächlich zurück in die Vergangenheit mit frohen Erinnerungen an das Leben in der intakten Kleinfamilie, die auf Super-8-Filmen festgehalten sind.

Beyond Farewell will den Zuschauer zur Offenheit bewegen gegenüber dem Unerklärlichen und den Geheimnissen des Todes. Hübscher selbst überlässt sich ganz ihrem Therapeuten, seinen Methoden und emotionalen Erfahrungen. Sie traut sich dann aber doch nicht, die privaten Erkenntnisse mitzuteilen. Formal setzt sie ihr Experiment mit einigen originellen Schnittfolgen um, mit ausgezeichneter Musik und mit Bildern, die von weitläufigen Naturaufnahmen bis zur verwackelten Handkamera von ganz unterschiedlicher Qualität sind. Schliesslich münden die universellen Fragen aber in eine individuelle spirituelle Erfahrung, die keine überzeugenden Antworten zu geben weiss. Vor allem das Geheimnisvolle und Unwirkliche bleibt eher eindimensional, die Bilder irdisch: Die imaginäre Reise ins Jenseits unterscheidet sich kaum von Hausbootferien in der Kindheit. So ist das also im Paradies – genau wie hier, „nur schöner“. Das Rationale lässt Hübscher bewusst weg, weder die Denkmuster noch die Vorgänge oder das Medium werden hinterfragt. Dabei hätte diesem Essay, das sich irgendwo zwischen dem Portrait des Mediums und dem nostalgische Familienfilm verliert, ein bisschen kritische Distanz und etwas mehr Konzept nicht geschadet.

P: Hugofilm Productions GmbH (Zürich), Schweizer Fernsehen, SRG SSR idée suisse 2009. B+R: Susanna Hübscher. K: Marcel Derek Ramsay, Till Brinkmann, Gaudenz Hübscher. T: Roman Bergamin, Hans Künzi, Dieter Meyer, Patrick Storck, Alexander Szombath. S: Marcel Derek Ramsay. M: Joke Lanz. V: Frenetic Films (Zürich). W: Hugofilm Productions GmbH (Zürich), Nour Films (Paris).
35mm, Farbe, 78 Minuten, Schweizerdeutsch, Englisch.

05.6.2009, 07:27 | Kommentare(0) | Permalink

No More Smoke Signals [Fanny Bräuning]

Von Sonja Wenger [ Sélection CINEMA ]
No More Smoke Signals

Die Basler Regisseurin Fanny Bräuning verbindet in ihrem ersten lange Dokumentarfilm meisterhaft Informationen, Emotionen und cineastische Ästhetik zu einem politischen Plädoyer mit nachhaltiger Wirkung und grandiosem Unterhaltungswert. Den Zürcher Filmpreis 2008, den Basler Filmpreis 2009, den Schweizer Filmpreis 2009 und den Prix de Soleure 2009 hat No More Smoke Signals mehr als verdient.

Der Film über die KILI-Radiostation im Pine-Ridge-Indianerreservat im US-Bundesstaat South Dakota besticht durch eine Mischung aus innerer Ruhe und Wahrhaftigkeit. Die darin verwobene, bitter nötige Geschichtsstunde über Verfolgung, Diskriminierung und Kampf der Indianer in den USA erschüttert jeden aufgeklärten Geist. Und die Mittel, mit denen dies erreicht wird, verblüffen durch ihre Einfachheit und Überzeugungskraft. So fügen sich durch die makellose Dramaturgie und den kreativen Schnitt, die brillant gefilmten Bilder, die eingängige Musik und die Erzählungen der Bewohner und Bewohnerinnen von Pine Ridge zu einem Gesamtbild, das wie die Trommeln indianischer Gesänge Herz und Verstand vibrieren lassen.

Der Film funktioniert gänzlich ohne Kommentar aus dem Off und transportiert dennoch eine Fülle von Wissen: Archivaufnahmen aus den siebziger Jahren dokumentieren den bisher wenig erfolgreichen Kampf der American Indian Movement AIM für die Gleichstellung der Indianer, die Anerkennung ihrer Kultur und die Respektierung ihrer Landrechte; die Erzählungen der Menschen aus dem Reservat zeichnen ein eindringliches Bild der oft prekären Lebensbedingungen, von Alkoholismus, Drogensucht, Arbeitslosigkeit oder fehlenden Perspektiven; und die Einspielungen und Aktionen von KILI-Radio zeigen die wichtige Rolle, die „the voice of the great Lakota Nation“ für das Selbstbewusstsein der Indianer spielte und noch immer spielt.

Doch das Besondere an No More Smoke Signals ist das völlige Fehlen von Pathos: Die Armut ist nur in den Details sichtbar. Informationen über die gesellschaftlichen Missstände wie 85 Prozent Arbeitslosigkeit, hohe Kindersterblichkeit, geringe Lebenserwartung oder ein völlig unzureichendes Bildungssystem werden mit Beispielen anschaulich gemacht. Niemand erhebt den Zeigefinger oder fordert Mitleid für begangenes Unrecht wie den konstanten Landraub der letzten 150 Jahre oder verübte Gräuel wie das Massaker an 200 Männern, Frauen und Kindern 1890 am Wounded Knee. Die Fakten der US-amerikanischen Rechtssprechung sprechen für sich. Stattdessen richtet sich die Wut der Menschen gegen ein System der Heuchelei, das damals wie heute wirtschaftliche Interessen stets über Menschenrechte stellt und dessen Liebe zu Freiheit, Demokratie und Gleichheit sich mit Rhetorik begnügt. Dem stellen die Menschen von Pine Ridge künstlerische wie technische Kreativität, ein zähes Festhalten an Traditionen und eine zünftige Portion Galgenhumor entgegen. Respekt, Ehre und Würde sind dann auch viel gehörte Äusserungen. Inzwischen ist es „ok, Indianer zu sein“, sagen verschiedene Protagonisten. Sie haben sich dieses Selbstbewusstsein hart erkämpfen müssen. Zwar lassen die Geschichten von Roxanne Two Bulls, John Trudell, Buzi Two Lance oder Derrick Janis keinen Zweifel daran, dass die Indianer in den USA noch einen langen Kampf vor sich haben, aber KILI-Radio wird mit Sicherheit darüber berichten.

P: Distant Lights Filmproduktion GmbH (Zürich), Schweizer Fernsehen, ARTE 2008. B+R: Fanny Bräuning. K: Pierre Mennel, Dieter Stürmer, Igor Martinovic. T: Gabriel Miller, Judy Karp, Jaime Reyes. S: Kaspar Kasics, Myriam Flury, Petra Gräwe. M: Tomas Korber. V: Columbus Film, (Zürich). W: Distant Lights Filmproduktion (Zürich).
35 mm, Farbe, 90 Minuten, Englisch.

01.6.2009, 17:19 | Kommentare(0) | Permalink