The Sound of Insects – Record of a Mummy [Peter Liechti]
| Von Christina von Ledebur | [ Sélection CINEMA ] |

Ein Polizeiwagen steht am Waldrand. Aus dem Gestrüpp tragen Beamte die mumifizierte Leiche eines Mannes, der sich während mehrerer Wochen in einer kleinen Plastikhütte zu Tode gehungert hat. So beginnt Peter Liechtis neuestes Werk The Sound of Insects – Record of a Mummy. Was folgt ist eine filmische und musikalische Auseinandersetzung mit dem, was vorher geschah. Ein 40-jähriger Mann beschliesst, sich umzubringen. Mit einer Plastikplane, einem Radio und einem Tagebuch ausgerüstet, verschanzt er sich im Wald und wartet auf den Tod. Doch dieser lässt lange auf sich warten. Statt der erwarteten vier Wochen siecht der Mann während zweier Monate dahin. Die Veränderungen seines Körpers und seines Geistes hält er akribisch genau und bis kurz vor seinem Tod in seinem Tagebuch fest. Nach und nach wird sein Körper so schwach, dass er sich kaum mehr bewegen kann, und sein Geist beginnt zu halluzinieren. In welcher Form wird der Tod ihm erscheinen? Ist er schon lange da und seine Gedanken nur noch ein Nachhallen, ein letztes Aufflammen von Leben vor dem grossen Nichts?
Der St. Galler Regisseur Peter Liechti hat sich für The Sound of Insects – Record of a Mummy an einem literarischen Text des Japaners Shamada Masahiko orientiert, der wiederum auf einer wahren Begebenheit basiert, nämlich auf den Aufzeichnungen eines Mannes, der sich zu Tode hungerte. Zu den Aufzeichnungen, die im Off zu hören sind, hat Liechti einen Reigen von Bildern zusammengestellt, welche die halluzinativen Zustände illustrieren, in die der Schreibende mehr und mehr gerät. Bisweilen sind das ganz konventionelle Bilder wie die des Sensemanns, andere sind meditativer Art oder suggerieren Träume des Sprechers. Diese Assoziationen werden gemischt mit Aufnahmen, in welcher die Kamera auf die Plastikplane gerichtet ist, mit der sich der Sterbende vor Wind und Regen schützt und deren Zustand den langsamen Verlauf der Zeit illustriert. Begleitet wird die Bildersammlung von einer durchgehenden Tonspur aus Musik und Geräuschen. Je näher der Sprecher dem Tod kommt, desto intensiver und subtiler werden die Geräusche. Auf einmal wird sein Alltag vom «Summen der Insekten» - so der deutsche Titel des Filmes – beherrscht.
Liechti bewegt sich mit The Sound of Insects – Record of a Mummy wie bereits in mehreren seiner Arbeiten an der Grenze zwischen Dokumentarfilm und Experimentalfilm. Zwar ist die Geschichte im Dokumentarischen verankert, was Liechti aber daraus macht, ist eine Art Assoziationsfluss in Bildern und Tönen. Es gelingt ihm, damit einen beklemmenden Sog herzustellen, der einen letztendlich – genau wie den Protagonisten – auf den Tod als Erlösung warten lässt.
Für die Musik zeichnet Norbert Möslang, die Bilder stammen von Liechti selbst und vom kürzlich verstorbenen Kameramann Matthias Kälin. Als Sprecher in der englischen Version ist Peter Mettler, kanadischer Regisseur mit Schweizer Wurzeln, zu hören, in der deutschen Alexander Tschernek. The Sound of Insects – Record of a Mummy wurde an zahlreichen Festivals aufgeführt und mit dem Europäischen Dokumentarfilmpreis 2009 ausgezeichnet.
P: Liechti Filmproduktionen GmbH (Zürich), Schweizer Fernsehen 2009. B: Peter Liechti (nach einem Roman von Shimada Masahiko). R: Peter Liechti. K: Matthias Kälin, Peter Liechti, Peter Guyer. T: Christian Beusch, Balthasar Jucker. S: Tania Stöcklin. M:Norbert Möslang, Christoph Homberger. V: Look Now! (Zürich). W: Autlook Filmsales GmbH (Wien).
35mm, Farbe und s/w, 88 Minuten, Deutsch/Englisch.




