Der Fürsorger [Lutz Konermann]

Von Martina Huber [ Sélection CINEMA ]
Der Fürsorger

Lug und Betrug! Unanständige Rendite! Ein kostspieliges Doppelleben! Und alles ziemlich wahr, denn Der Fürsorger ist der Biografie von Hanspeter Streit frei nacherzählt. Streit alias Dr. Claudius Alder sorgte in den 1970er- und 80er-Jahren als «Millionenbetrüger» in der Schweiz für Aufsehen. Im Film von Lutz Konermann heisst er Stalder und wird von Roeland Wiesnekker dargestellt.

Stalder ist ein ehemaliger Jungsoldat der Heilsarmee, ein Fürsorger und Familienvater, der auf die Idee kommt, seinen immer teureren Lebensstil mit dubiosen Geldgeschäften zu finanzieren. Er habe Kenntnis von einem «Geheimcode» und «Beziehungen» zum Finanzdirektor der «Chemie Schweiz AG» - mit dieser Mär und der Aussicht auf fantastische Gewinne überzeugt er zahlreiche private Klienten und Geschäftsleute, ihm grosse Bargeldbeträge anzuvertrauen. Stalder wird zwar an seiner ersten Wirkungsstätte verhaftet, aber sein Fluchtversuch aus dem Gefängnis glückt noch vor der gerichtlichen Verurteilung. Er taucht unter, wechselt die Identität, bleibt unerkannt. So kann er in seinem neuen Leben – und ohne seine zweite Ehefrau über die Hochstapelei aufzuklären – an einem anderen Ort die gleiche Methode weiterverfolgen. Wieder gelingt es ihm, einige Dorfbewohner von den Vorteilen der wundersamen Geldvermehrung zu überzeugen. Kaum einer seiner Kunden interessiert sich für die Details der Finanzaktionen. Von sagenhaften Gewinnaussichten geblendet, lässt man sich nicht nur von selbstgemalten Aktien irritieren, sondern ersteht noch dazu prestigeträchtige Verwaltungsratssitze und schliesst eigenartige Monopolverträge ab. Festgenommen wird Stalder schliesslich wegen fehlender Identitätspapiere. Nachdem er sich jahrelang mit Ausflüchten hatte herausreden können, ist es zuletzt schwierig geworden, das Lügengebäude aufrecht zu erhalten.

Die schweizerisch-luxemburgische Produktion Der Fürsorger findet mit mehreren Erzählebenen eine adäquate Form für diese verwirrliche Lebensgeschichte. Wenn Hanspeter Stalder aka Jean-Pierre aka Dr. Claudius Lenz bei der Polizei sein Geständnis ablegt, der zukünftigen Ehefrau beichtet oder aus dem Gefängnis Briefe an die Tochter schreibt, werden verschiedene Facetten von Realität und Fiktion auf unterhaltsame Weise verwoben.

Dem Millionenbetrüger Streit gelang es mit Erzählkunst, Cleverness und krimineller Energie, die bigotte Gutgläubigkeit seiner Opfer auszunützen. Ihre schamlosen Gewinnerwartungen waren aber mitentscheidend, wenn es darum ging, an der Nase herumgeführt zu werden. In Der Fürsorger sind diesen wesentlichen Motiven und der zwiespältigen Hauptfigur alle Kanten abgeschliffen worden. Das Resultat ist eine witzige, professionell produzierte, flott geschnittene und bemerkenswert schön ausgestattete Tragikomödie - aber auch die brave und unverbindliche Darstellung einer dramatischen Geschichte und darum eine verpasste Chance, denn der Zeitpunkt für eine vertiefte Auseinandersetzung mit Geldgier und Scheinheiligkeit wäre perfekt gewesen. Mit etwas mehr psychologischem Tiefgang und einer profunderen Einbettung ins gesellschaftliche Umfeld wäre aus diesem Protagonisten mehr geworden als eine melodramatische (Witz)figur mit kuriosem Lebenslauf.

P: Fama Film (Zürich), PTD Studio (Luxemburg), Elsani Film (Köln) 2009. B: Lutz Konermann, Felix Benesch. R: Lutz Konermann. K: Sten Mende. T: Laurent Barbey, Ralph Popov. S: Thierry Faber. Aus: Heidi Lüdi. Kostüme: Isabelle Dickes. M: Anselme Pau. D: Roeland Wiesnekker, Katharina Wackernagel, Johanna Bantzer, Claude De Demo, Andrea Guyer, Thierry van Werke, Michael Neuenschwander, Leonardo Nigro, Manfred Liechti. V: Filmcoopi Zürich AG (Zürich). W: Fama Film AG (Zürich).
35 mm, Farbe, 96 Minuten, Schweizerdeutsch

11.11.2009, 18:49 | Kommentare(2) | Permalink

Im Sog der Nacht [Markus Welter]

Von Christina von Ledebur [ Sélection CINEMA ]
Im Sog der Nacht

Roger hat vom Leben die Schnauze voll. Er hat keine Familie mehr, von seiner Freundin hat er sich soeben getrennt. Er will sich umbringen. Doch im allerletzten Moment verlässt ihn der Mut. Er drückt zwar ab, statt sich aber das Gehirn wegzublasen, verletzt er sich bloss am Ohr. Durch den Schuss auf ihn aufmerksam geworden, kümmern sich seine beiden neuen Nachbarn Lisa und Chris um ihn. Bald wird dem Paar klar, dass sie in dem lebensmüden Durchschnittstypen Roger den perfekten Partner für ihren geplanten Banküberfall gefunden haben.

Der Überfall ist akribisch genau geplant, doch unerwarteterweise ist neben dem Bankdirektor auch dessen Frau im Saferaum anwesend. In der Hektik verliert Chris die Fassung und schlägt die Frau nieder. Hals über Kopf fliehen die drei Gauner in die Berghütte von Lisas Tante. Dort erfahren sie durch die Medien, dass die Frau des Bankdirektors verblutet ist. Die Stimmung schlägt um. Erst noch euphorisch glücklich über das erbeutete Geld, beginnt sich in der Dreierkonstellation Misstrauen breit zu machen. Chris’ Skrupellosigkeit stösst Roger vor den Kopf und auch Lisa überkommen Zweifel. Doch sich der Polizei zu stellen, steht ausser Frage und so begeben sich die drei auf die Flucht über die Landesgrenze und geraten mehr und mehr in eine Spirale von Gewalt und Angst. Während Lisa und Roger sich dabei näher kommen, verliert Chris zunehmend die Kontrolle über sich.

Im Sog der Nacht beginnt wie ein waschechter Thriller. Doch schon bald nach dem geglückten Banküberfall wandelt sich der Film in ein Kammerspiel, welches zwar noch immer von grosser Spannung lebt, aber vor allem die Persönlichkeiten der drei Beteiligten ausleuchtet. Die Figur von Lisa steht dabei zwischen den zwei Männern. Und während der eine sich das Leben nehmen wollte und durch Lisa schrittweise zurück ins Leben findet, verliert der andere den Halt im Leben und schlittert dem Tod entgegen.

Die Filmografie des gebürtigen Deutschen Markus Welter, der sich vorwiegend als Cutter bei Filmen wie zum Beispiel Strähl (Manuel Flurin Hendry, CH 2004) einen Namen gemacht hat, bestand bisher aus Werbefilmen sowie einem Kurzfilm. Mit Im Sog der Nacht gibt er ein überzeugendes Kinodebüt. Er verfilmte einen Roman des norwegischen Autors Fredrik Skagen von 1995. Nachdem er während fünf Jahren das Geld für seinen Film zusammengesucht hatte, entstand Im Sog der Nacht letztendlich in Rekordgeschwindigkeit.

Welter konnte für sein Debüt ein tolles Schauspieler-Trio gewinnen. Die Hauptrolle, für die zunächst Dominique Jann vorgesehen war, wird von Nils Althaus (Breakout, Mike Eschmann, CH 2007 / Happy New Year, Christoph Schaub, CH 2008) gespielt. Der Schweizer Shootingstar des Jahres 2006 hat einen schwierigen Stand gegen Stipe Ergec, dem die Rolle des durchgeknallten Aussenseiters wie auf den Leib geschrieben ist. Dies hat der deutsch-kroatische Schauspieler bereits in Die fetten Jahre sind vorbei (Hans Weingartner, D 2004) bewiesen, ein Film übrigens, der beinahe wie eine Vorlage für Im Sog der Nacht scheint. An Ergecs Seite spielt die Deutsche Lena Dörrie, die mit der Rolle von Lisa ein überzeugendes Leinwanddebüt gibt.

P: HesseGreutert Film (Zürich), Greensky Films GmbH (Köln), SF, SWR, Teleclub AG 2009. B: Moritz Gerber, Markus Welter. R: Markus Welter. K: Pascal Remond. T: Christian Heck, Hugo Poletti. S: Cécile Welter, Markus Welter. M: Michael Sauter. D: Nils Althaus, Lena Dörrie, Stipe Erceg, Urs Bihler, Nina Hesse Bernhard, Samuel Weiss, Martin Ostermeier, Thomas Douglas, Manfred Liechti. V: Praesens Film AG (Zürich). W: Arri Media Worldsales (München).
35mm, Farbe, 86 Minuten, Deutsch/Schweizerdeutsch.

09.11.2009, 10:14 | Kommentare(1) | Permalink

Barfuss nach Timbuktu [Martina Egi]

Von Sonja Eisl [ Sélection CINEMA ]
Barfuss nach Timbuktu

Der Hauert Gartendünger steht bereit. Daneben Säcke voll Samentütchen mit Schweizer Qualitätsgarantie, die jetzt unter den Einwohnern des malischen Wüstendorfes Araouane weitergereicht und skeptisch studiert werden. Eine Szene, ungewollt komisch, eingefangen von einem amerikanischen Fernsehteam, das 1989 die wundersame Wandlung dokumentierte, die in dieser verödeten Oase inmitten der Sahara vor sich ging. «Hier entsteht ein Garten Eden»– so oder ähnlich könnte das ambitionierte Hilfe-zur-Selbsthilfe-Projekt des Schweizer Malers und Lebenskünstlers Ernst Aebi gelautet haben, das durch politische Unruhen 1991 ein jähes Ende fand. 20 Jahre danach kehrt er, begleitet von Martina Egis Filmcrew, zurück. Was er vorfindet ist eine verödete Oase und die Erkenntnis, eine Million Franken in den Sand gesetzt zu haben.

Regisseurin Egi, die ihre Affinität für Porträts von aussergewöhnlichen Zeitgenossen bereits als Produzentin von Fernseh-Dokumentationen wie O mein Papa (CH 2007, über den Komponisten Paul Burkhard) und Yehudi Menuhin – die Schweizer Jahre (CH 2006) unter Beweis gestellt hat, versucht in ihrem Kinodebüt einem eigentlich «Unfassbaren» auf die Schliche zu kommen. Den dramaturgischen Aufhänger liefert Aebis Hilfsprojekt, dem der Porträtierte selbst aber mit seinem natürlichen Charme und seiner schillernden Biografie fast etwas den Rang abläuft. «Er ist immer die Hauptfigur in seinen eigenen Geschichten», bemerkt Aebis Sohn in einem Interview – man glaubt ihm aufs Wort. Der Film kommt ohne jeglichen Kommentar aus, und so berichtet über weite (Ton-)Passagen hinweg Aebi über Aebi. Komplettiert durch Interviews mit Freunden und Familienangehörigen sowie zahlreiches filmisches und fotografisches Archivmaterial zeichnet die Filmautorin den Lebensweg dieses Tausendsassas und Weltenbummlers aus Zürich-Wiedikon, der in den 1970ern das New Yorker Kreativviertel Soho begründete, Lofts gewinnmaximierend umbaute und parallel dazu vor Gericht das Erziehungsrecht für seine vier Kindern erstritt. Einer also, der oft den richtigen Riecher hatte oder auch einfach keine Angst vor der eigenen Courage. So charmant und beeindruckend Aebis Anekdoten sind, so wichtig, ja unentbehrlich sind die ergänzenden Stimmen von aussen, die mit dem Bruder, Partner oder Vater nicht eben zimperlich umgehen: Was Egi den Interviewten an Aussagen entlocken kann, ist erstaunlich und das eigentliche Salz dieses Dokumentarfilmes. Wie kleine platzende Bomben offenbaren diese intimen Einblicke bisweilen aufs Schönste den Unterschied zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung und verleihen vielen von Aebis Episoden damit erst wirkliche Authentizität und Tiefe.

«Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt», lautet denn auch sein abschliessendes Fazit beim Anblick der im Sand versunkenen Ruinenlandschaft. Ein Votum, dem sich die Kritikerin anschliessen kann. Froh, die unnötig kitschig inszenierte Eingangssequenz (mit einem barfuss durch die Wüste wandernden Ernst Aebi) am Ende fast ganz vergessen zu haben.

P: Mesch & Ugge AG (Zürich), SF 2009. R: Martina Egi. B: Martina Egi, Beat Hirt. K: Frank Messmer. T: Florian Flossmann, Roberto Filaferro. S: Christian Müller. M: Fatima Dunn, Nico Contesse. V: Filmcoopi AG (Zürich). W: Mesch & Ugge AG (Zürich).
Digital Beta, Farbe, 87 Minuten, Deutsch/Englisch/Französisch

08.11.2009, 10:30 | Kommentare(0) | Permalink

Rocksteady – The Roots of Reggae [Stascha Bader]

Von Nathan Schocher [ Sélection CINEMA ]
Rocksteady

Wem sagen die Namen Marcia Griffiths oder Hopeton Lewis etwas? Hierzulande wohl den wenigsten, doch in Jamaika gehören sie zu den Stars einer goldenen Ära der reichen Musikgeschichte dieser Insel, der Zeit des Rocksteady. Und über Coverversionen sind ihre Songs gar zu Welthits avanciert, wie zum Beispiel «The Tide Is High» von Blondie oder «Rivers Of Babylon» von Boney M beweisen, die im Original von Marcia Griffiths respektive Hopeton Lewis interpretiert worden waren.

Was zeichnet denn den Rocksteady musikalisch aus? Eigentlich ist er eine verlangsamte Form des Ska und damit der Ursprung des Reggae, wie ihn Musiker wie Bob Marley dann in den Siebzigerjahren in die Welt hinausgetragen haben. Rocksteady ist eine sehr positive und seelenvolle Musik und widerspiegelt damit das optimistische Klima einer Zeit ökonomischen Wachstums in Jamaika zwischen 1966 und 1968 – in den ersten Jahren, nachdem die Insel von der britischen Krone unabhängig wurde.

Anlass zum Dokumentarfilm von Stascha Bader gibt ein Zusammentreffen der legendären Musiker des Rocksteady zu Neuaufnahmen ihrer alten Hits und einem abschliessenden Konzert. Dabei schwelgen die Musiker in Erinnerungen und lassen die Zuschauer an der Entstehungsgeschichte des Rocksteady-Sounds und ihrer Hits teilhaben. Bader ist ein erfahrener Regisseur von Musikdokumentationen und hat die Protagonisten seines Films an viele geschichtsträchtige Orte geführt, wo sie entscheidende Stationen der Rocksteady-Musik wieder aufleben lassen. Sozusagen als roter Faden fungiert Sänger Stranger Cole, der als eine Art Märchenonkel die Zuschauer auf der Insel begrüsst und in deren musikalische Schätze einführt. Dazwischen schwankt der Film zum Teil etwas konzeptlos zwischen den aktuellen Aufnahmen der Reunion und Archivaufnahmen hin und her. Damit nimmt er in Kauf, dass sich manche Erinnerungen und Statements wiederholen. Etwas irritierend ist auch der Gastauftritt von Rita Marley, die allzu Privates aus ihrem Zusammenleben mit Bob Marley preisgibt, ohne dass es die Thematik des Films erfordern würde.

Effektiv mitreissend ist dagegen die Musik, die im Kontext des aktuellen Revivals der Soulmusik der Sechzigerjahre wieder überraschend modern klingt. So hört man manchen Gassenhauer plötzlich mit neuen Ohren und erfährt dazu noch einiges über die spirituellen und historischen Wurzeln der Musik. Nicht unerwähnt bleiben soll an dieser Stelle auch die ungemein sympathische Ausstrahlung der Musiker, die nicht nur bei den Musikaufnahmen und auf der Konzertbühne für ihr Alter extrem vitale Performances hinlegen, sondern in den Interviews auch interessante und kluge Vergleiche zum heutigen Jamaika und seiner Musikszene anstellen.

P: HesseGreutert Film AG (Zürich), Muse Entertainment Enterprises (Montreal), Peace Arch Entertainment (Marina del Rey), SF 2009. B, R: Stascha Bader. K: Pjotr Jaxa, Andreas Birkle, Carlotta Steinemann. S: Teresa De Luca, Mathieu Grondin, Claudio Cea. T: Dieter Meyer. M, D: Ken Boothe, Hopeton Lewis, Leroy Sibbles, Stranger Cole, Judy Mowatt, Marcia Griffiths, Derrick Morgan, U-Roy, Dawn Penn, The Tamlins. V: Filmcoopi Zürich AG (Zürich). W: Peace Arch Entertainment (Marina del Rey).
35 mm, Farbe, 95 Minuten, Englisch.

08.11.2009, 10:22 | Kommentare(0) | Permalink

sounds and silence – unterwegs mit Manfred Eicher [Peter Guyer, Norbert Wiedmer]

Von Nathan Schocher [ Sélection CINEMA ]
Sounds and silence

Sounds and silence trägt den Untertitel unterwegs mit Manfred Eicher. Manfred Eicher hat mit der Schallplattenfirma ECM (Edition of Contemporary Music) Ende der Sechzigerjahre das vielleicht weltweit einflussreichste Musiklabel für zeitgenössische Musik gegründet. Als musikalischer Nomade reist er um den Erdball im Bestreben, die Schönheiten zeitgenössischer Musik in möglichst perfekter Klangqualität einzufangen. Peter Guyer und Norbert Wiedmer sind mitgereist und haben dabei, anders als es der Untertitel vermuten lassen würde, nicht ein Porträt des umtriebigen Produzenten geschaffen, sondern einen Filmessay über Musik und die Stille, aus der Klänge entstehen.

Es herrscht also ganz programmatisch entweder Stille oder es spricht die Musik. Damit wir Zuschauer ganz genau hinhören, sind sowohl stille wie klingende Passagen in einer Art bebildert, die nicht vom Hören ablenkt. Bilder vom Reisen und von Landschaften, aber natürlich auch von Musikern bei der Arbeit, machen es möglich, sozusagen mit den Ohren zu sehen, wie Musik entsteht. Die im Film vorkommende Musik widerspiegelt die Vielfalt des Label-Programms und schlägt den Bogen von neuer Klassik über Jazz bis Weltmusik; ein faszinierender globaler Musikteppich, der einen durch den Film trägt.

Manfred Eicher selbst ist das Gegenteil eines Selbstdarstellers, die Musiker, mit denen er an Aufnahmen arbeitet, sind häufiger im Bild als er. Obwohl er selbst zu Protokoll gibt, dass ein guter Musikproduzent auch Musiker sein müsse, wird seine eigene Vergangenheit als Kontrabassist nur kurz thematisiert. Wir erleben dafür einen offensichtlich gleichberechtigten Partner im Dialog mit den Musikern, einen Verbündeten auf der Suche nach dem perfekten Klang. Diese Einstellung und sein Engagement tragen ihm wiederum den hohen Respekt ein, den er bei den Komponisten und Musikern geniesst.

Anstrengende Aufnahmen in einer Kirche machen den geradezu sakralen Ernst deutlich, mit dem beispielsweise Arvo Pärt mit Manfred Eicher arbeitet. Umso stärker wirkt dann der magische Moment, als Eicher und Pärt – beglückt von einer gelungenen Aufnahme – spontan zu einem Tänzchen ansetzen. Leider beleben solche unbeschwerten Momente den Film selten, etwas oft beugen sich ernste, hochkonzentrierte Mienen über Instrumente, Partituren und Mischpulte. Gut möglich, dass dieses Arbeitsethos unabdingbar ist für die Qualität der im Entstehen begriffenen Aufnahmen. Dennoch riskiert dessen Darstellung im Film, dass damit das auf Nichteingeweihte manchmal abweisend wirkende Image der zeitgenössischen E-Musik oder des Jazz zementiert wird. Das ist schade, denn wer sich dem Fluss der Bilder und dem wirklich wunderschön subtil herausgearbeiteten Klang der Musik hingibt, wird diese Vorurteile nicht bestätigt finden.

P, W: Recycled TV AG (Bern), Biograph Film (Aarberg), ZDF/3sat (Mainz), SRG SSR idée suisse 2009. B, R, K: Peter Guyer, Norbert Wiedmer. S: Stefan Kälin. T: Balthasar Jucker. M, D: Manfred Eicher, Arvo Pärt, Anouar Brahem, Eleni Karaindrou, Dino Saluzzi, Anja Lechner, Gianluigi Trovesi, Nik Bärtsch, Marilyn Mazur, Jan Garbarek. V: Filmcoopi Zürich AG. W: Recycled TV AG (Bern), Biograph Film (Aarberg).
35 mm, Farbe, 90 Minuten, Deutsch/Englisch/Französisch/Italienisch/Spanisch.

07.11.2009, 10:24 | Kommentare(0) | Permalink

Tôt ou tard [Jadwiga Kowalska]

Von Thomas Hunziker [ Sélection CINEMA ]
Tôt ou tard

Sonne, Mond und Sterne verzieren das riesige Zahnrad, dass sich ächzend im Innern der Erde in Bewegung setzt. Weiter oben steht eine Eiche, auf und in der ein Eichhörnchen und eine Fledermaus leben. Das Eichhörnchen sammelt am Tag seine Nüsse, die Fledermaus jagt in der Nacht nach Mücken. Die verschiedenen Welten sind durch Tageszeiten voneinander getrennt. Das Räderwerk in der Unterwelt steuert Tag, Nacht und noch einiges mehr.

Doch eines Tages lässt das Eichhörnchen eine Nuss fallen, die im Innern der Eiche in die Tiefe rollt und zwischen zwei Rädern eingeklemmt wird. Der geregelte Alltag gerät ins Stocken, Tag und Nacht sind gleichzeitig. So treffen Eichhörnchen und Fledermaus aufeinander. Die beiden Einzelgänger machen sich auf eine gemeinsame Reise und entdecken die seltsamsten Auswirkungen der einzelnen Zahnräder auf ihre beschauliche Welt. Da stehen die beiden plötzlich Kopf und lösen eine Sintflut aus. Als der Schaden behoben ist, wird dem Eichhörnchen langweilig.

Hat das sprichwörtliche Sandkorn im Getriebe für gewöhnlich unerwünschte Auswirkungen, erweist sich die Eichel im Räderwerk von Tôt ou tard als erfreulicher Auslöser einer ungewöhnlichen Freundschaft. Charmant, subtil und auch ein wenig hintersinnig schildert Jadwiga Kowalska die besondere Begegnung und ihre Folgen. Die einfühlsam erzählte Geschichte bietet viel Spielraum für Interpretationen, lässt sich aber auch als einfaches Abenteuer von zwei gegensätzlichen Figuren geniessen.

Für ihren Diplomfilm an der Hochschule Luzern verwendete Kowalska geschmeidige Legetechnik und dezente 2D-Computeranimation. Wie schon in Die Erde ist rund (CH 2006) lässt sie behutsam Humor einfliessen und entwickelt einen entspannten Rhythmus. Abgerundet wird das harmonisch inszenierte Werk durch die sehnsüchtige Klezmer-Musik von Louis Crelier, und die ausgefeilten Toneffekte von Alexander Miesch und Denis Séchaud, die es wunderbar rattern, surren, knarren und quietschen lassen.

Die vermutlich höchste Auszeichnung erhielt Jadwiga Kowalska im März 2009, als ihr für Tôt ou tard der Schweizer Filmpreis verliehen wurde. Aber auch an zahlreichen Festivals bewährte sich die bezaubernde Geschichte. Die Liste der Auszeichnungen ist beeindruckend lang. Neben Hauptpreisen an den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen und dem Jeugfilm Festival in Antwerpen erhielt Tôt ou tard auch die Publikumspreise am Festival Animateka in Ljubljana, den Bremer Tierfilmtagen Camera Animale und den Schweizer Jugendfilmtagen in Zürich.

P: Hochschule Luzern (Luzern), SF 2008. B, R, K, Animation: Jadwiga Kowalska. T: Alexander Miesch, Denis Séchaud. M: Louis Crelier. V, W: Hochschule Luzern (Luzern).
35mm, Farbe, 5 Minuten, ohne Dialoge

01.11.2009, 10:37 | Kommentare(0) | Permalink

Signalis [Adrian Flückiger]

Von Thomas Hunziker [ Sélection CINEMA ]
Signalis

Schon Christian Morgenstern erkannte die künstlerische wertvolle Bedeutung von Wieseln. Sein ästhetisches Wiesel sass inmitten Bachgeriesel – um des Reimes willen. Für seinen animierten Kurzfilm Signalis hat Adrian Flückiger ebenfalls ein Wiesel als Hauptfigur ausgesucht. Erwin sitzt inmitten Verkehrsgeriesel. Er steuert in einer Ampel den Fluss der Autos. Das kann ganz schön eintönig sein. Aber nur, wenn alles nach Plan läuft.

Der Tagesablauf von Erwin ist nach einem strengen Schema geregelt. Im mittleren, gelben Stock sind sein Bett, die Zuckerwürfel und der Kühlschrank. In der unteren, grünen Etage befinden sich der Wecker, der ihn um 5 Uhr zum Dienst ruft, der Esstisch, die Küchenutensilien und das dekorative Bild von der grünen Wiese. Im oberen, roten Stock warten die Kaffeemaschine, der Kochherd, der Fernseher und die Toilette. So eilt Erwin regelmässig die Treppe hoch, um danach an einer Stange in den untersten Stock zu rutschen und befriedigt während der Arbeit auch gleich seine persönlichen Bedürfnisse.

Nach Arbeitsschluss bleibt noch genügend Zeit, um ein wenig fernzusehen. Doch eines Abends schläft Erwin vor dem Fernseher kurz ein. Weil er dadurch seine Tasse vergisst, gerät der nächste Tag ganz schön aus dem Lot. Anstatt der Tasse stellt Erwin die Giesskanne unter die Kaffeemaschine. Doch das klappt nicht wirklich. Irgendwie will sich anschliessend der geregelte Ablauf einfach nicht mehr einstellen und so verschieben sich die Phasen der Ampel. Unter Druck trifft Erwin eine folgenschwere Entscheidung, die zum befreienden Knall führt.

Wie schon im Kurzfilm What‘s Next? (CH 2007), den er zusammen mit Claudia Röthlin realisierte, entwickelt Adrian Flückiger in Signalis, seiner Abschlussarbeit an der Hochschule Luzern, aus einer einfachen, aber fantastischen Grundidee einen hinreissenden Stop-Motion-Film. Technisch überzeugen der ausgeklügelte, pulsierende Rhythmus, die lebendige Tonspur und das dynamische Zusammenspiel von Animation und Schnitt. Inhaltlich begeistert der verschmitzte Humor und die trotz reduzierten Requisiten liebevollen Details – so sieht Erwin sich im Fernsehen etwa Autorennen an und die Positionen all seiner Utensilien sind sorgfältig an Wänden und Böden markiert.

Das Abenteuer des Wiesels hat sich 2009 als wahrer Abräumer an zahlreichen Festivals entpuppt. Neben diversen Auszeichnungen erhielt Signalis die Publikumspreise am Animationsfilmfestival Fantoche, an den Schweizer Jugendfilmtagen, am Time Film Festival in Lausanne und am IAFF in Lodz. Zudem gewann Flückigers Film in Solothurn den Nachwuchspreis Suissimage/SSA und wurde für den Schweizer Filmpreis nominiert.

P: Hochschule Luzern (Luzern), SF 2008. B, R, K, Animation: Adrian Flückiger. T: Joern Poetzl, Wolf-Ingo Römer, Philipp Sellier. M: Andy Iona. V, W: Hochschule Luzern (Luzern).
Beta SP, Farbe, 5 Minuten, ohne Dialoge.

01.11.2009, 10:34 | Kommentare(0) | Permalink