Cosa voglio di più [Silvio Soldini]

Von Florian Leu [ Sélection CINEMA ]
Cosa voglio di piu

Das Handy spielt die Hauptrolle in diesem Film. Mal wird es von einer Frau gedrückt, die einen Anruf ihrer Affäre erwartet. Mal hält es die Tochter der Affäre in der Hand und nimmt es ab, als die Frau anruft, die Kinderstimme hört und wieder auflegt. Mal zittert es und lässt mit Pixeln den Puls der Frau in die Höhe schnellen. Mal liegt es still da und glänzt ein wenig – Cosa voglio di più zeigt das Handy als minimalistischen Charakterdarsteller auf der Höhe seiner Kunst.

In den Nebenrollen: Alba Rohrwacher als Anna und Pierfrancesco Favino als Domenico, Büroangestellte die eine, Aushilfskellner der andere, beide verheiratet, sie mit einem dicken Heimwerker, er mit einer müden Hausfrau. In ihrer ersten Szene schenkt er ihr Champagner ein, in der zweiten gibt er ihr seine Telefonnummer, in der dritten sitzt sie in einem Café und wartet auf ihn. Plötzlich packt sie die Angst, abrupt steht sie auf, rasch geht sie raus und stösst mit ihm zusammen. Szenen einer Affäre: Sie küssen sich in Hauseingängen, treffen einander in Motels, tippen sich Kurzbotschaften, erregen den Verdacht der Zuhausegebliebenen, reissen aus nach Tunesien.

Silvio Soldinis Neuling zeigt ihn als Meister des Realismus, als einen Dardenne auf Italienisch. Rohrwacher und Favino sagen ihre wenigen Sätze auf eine Weise, als träten sie in einem Dokumentarfilm auf. Das Drehbuch, das Soldini mit Doriana Leondeff und Angelo Carbone geschrieben hat, ist schlicht und witzig, trauriger als Pane e tulipani (I/CH 2000), doch näher an der Wirklichkeit. Einige Szenen könnten kaum trivialer sein, doch ist es ihre vermeintliche Einfachheit, die sie so bestechend machen. Als Favinos Domenico von seiner Frau aus der Wohnung geworfen wird und im Auto übernachtet, klopft auf einmal ein Mann an die Scheibe der Beifahrerseite und steigt ein. Es ist der Vater der Frau, einen ernsten Ausdruck im Gesicht, eine fleckige Tüte in der Hand. Er sagt, als würde er dem Oberarzt das Operationsbesteck reichen: „Hier hast du die Croissants. Jetzt geh in die Wohnung hoch und mach die Sache wieder gut, bevor die Kleinen wach sind.“

P: Lumière & Co. ( Milano), Vega Film (Zürich), RSI 2010. B: Doriana Leondeff, Angelo Carbone, Silvio Soldini. R: Silvio Soldini. K: Ramiro Civita. T: François Musy. S: Carlotta Cristiani. M: Giovanni Venosta. D: Alba Rohrwacher, Pierfrancesco Favino, Giuseppe Battiston, Teresa Saponangelo. V: Filmcoopi AG (Zürich). W: Pyramide International (Paris).
35 mm, Farbe, 126 Minuten, Italienisch.

31.5.2010, 14:37 | Permalink

David Wants to Fly [David Sieveking]

Von Nathan Schocher [ Sélection CINEMA ]
David Wants to Fly

Wenige lebende Filmemacher werden von Filmstudenten derartig kultartig verehrt wie David Lynch. Auch Filmschulabsolvent David Sieveking würde gerne so rätselhaft-düstere Filmwelten erschaffen wie sein berühmter Namensvetter. Leider fehlt ihm dazu die Inspiration, und so erhofft sich Sieveking von einem persönlichen Treffen mit Lynch wertvolle Tipps und Hinweise auf Lynchs eigene Inspirationsquellen. Lynch empfiehlt dem Jungfilmer Transzendentale Meditation (TM). Sieveking befolgt Lynchs Rat und besucht sofort einen teuren TM-Einführungskurs. Anfänglich scheint das Meditieren zu wirken, aber nach ersten Rückschlägen beginnt Sieveking genauer zu recherchieren, worauf er sich mit der Transzendentalen Meditation eigentlich eingelassen hat. Seine Recherchen dokumentiert er mit der Kamera. Es stellt sich heraus, dass TM eine durch Spendengelder finanzierte weltumspannende Organisation ist, die in sogenannten „Universitäten der Unbesiegbarkeit“ und Camps für Yogische Flieger den Weltfrieden anstrebt. Sieveking lernt bald auch TM-Aussteiger kennen, die vom autoritären und widersprüchlichen Verhalten des TM-Gründers Maharishi und dem obskuren Finanzgebaren der Organisation nichts Gutes zu berichten haben. Als Sieveking darauf sein Idol David Lynch mit kritischen Fragen konfrontieren will, blockt dieser plötzlich ab und will bei allfälliger Veröffentlichung des Filmmaterials den Jungfilmer verklagen.

Selbstironisch berichtet Sieveking in David Wants to Fly über seinen Selbstversuch mit der Transzendentalen Meditation. Er lehnt sich dabei klar an den forsch-investigativen Dokumentarfilmstil eines Michael Moore oder Morgan Spurlock (Super Size Me, USA 2004) an. Daraus ergeben sich einige amüsante Momente, wenn etwa Sieveking im Schneidersitz das Yogische Fliegen übt oder als Resultat einer kreativen Anwandlung die Grossmutter seiner Freundin stundenlang hinter einem Vorhang versteckt, um dieser einen Lynch-mässigen Empfang zu bereiten. Mit der Zeit beginnt der omnipräsente Sieveking mit seiner gespielten Naivität allerdings zu nerven, da es dem Regisseur und Hauptdarsteller in Personalunion schwerfällt, dem Publikum die Entwicklung vom Lynch-Fan zum Sekten-Kritiker glaubhaft nachzuzeichnen. Formal weist der Film keine klare Linie auf: Meditative Landschaftsaufnahmen wechseln sich ab mit verwackelten Handkamera-Bildern. Eindrücklich sind hingegen Szenen wie die von Tumulten überschattete Grundsteinlegung für eine Universität der Unbesiegbarkeit auf dem historisch vorbelasteten Teufelsberg in Berlin.

P: Lichtblick Film- und Fernsehproduktion GmbH (Köln), Dschoint Ventschr Filmproduktion (Zürich) 2010. B, R: David Sieveking. K: Adrian Stähli. T: Johannes Schmelzer-Ziringer. S: Martin Kayser-Landwehr. M: Karl Stirner. V: Praesens-Film AG (Zürich). W: Lichtblick Film- und Fernsehproduktion GmbH (Köln)
35 mm, Farbe, 97 Minuten, Deutsch/Englisch/Hindi

31.5.2010, 09:56 | Permalink

GURU – Bhagwan, his Secretary and his Bodyguard [Sabine Gisiger, Beat Häner]

Von Natalie Böhler [ Sélection CINEMA ]
Guru

Der Guru im Rolls Royce: Das Bild ging in den 1980er-Jahren durch die Medien und machte Bhagwan Shri Rajneesh, heute bekannt als Osho, weltweit berühmt-berüchtigt. Bhagwans Ashram im indischen Pune, gegründet in den 1970er-Jahren, wurde zur Zulaufsstelle für Westler auf der Suche nach alternativen Lebensformen und der Befreiung von sozialen und psychischen Zwängen. Nach Konflikten mit der indischen Regierung zog Bhagwans Anhängerschaft 1981 in die USA um und gründete Rajneeshpuram, eine Grosskommune in Oregon. Was als spirituelle Utopie gedacht war, kippte bald in eine totalitär strukturierte Gesellschaft, geprägt von Paranoia und Grössenwahn.

Das Ziel des Dokumentarfilms GURU – Bhagwan, his Secretary and his Bodyguard von Sabine Gisiger und Beat Häner ist es, den Gründen für diesen Wandel auf die Spur zu kommen. Dazu arbeiten die Filmemacher mit dem strukturellen Mittel der Gegenüberstellung zweier wichtiger Figuren aus Bhagwans Gefolgschaft: Sheela Birnstiel, seiner ehemaligen Sekretärin, und Hugh Milne, seinem Leibwächter. Beide erzählen von ihrer Zeit im Ashram und ihrem anschliessenden Bruch mit dem Guru, seiner Lehre und seiner Gemeinschaft. Reichhaltiges, sorgfältig recherchiertes Archivmaterial, das das Leben im Ashram dokumentiert, bringt visuelle Abwechslung in den Film, der sonst ganz auf die Porträts von Birnstiel und Milne setzt.

GURU erzählt die Entwicklung von Bhagwans Gemeinschaft als klassische, chronologische Narration von Aufstieg und Zerfall: Was als Befreiung und Utopie beginnt, artet aus zum Grossunternehmen, das neue Abhängigkeiten schafft und in dessen Zentrum das Verlangen nach Macht und Geld steht. Es ist die Geschichte einer ideologischen Bewegung, die ihre Unschuld verliert; an die Stelle spiritueller Suche tritt die bedingungslose Unterwerfung unter starre Regeln einer Obrigkeit.
Die Konzentration auf die beiden gut ausgewählten Porträtierten schafft eine grosse Nähe zu ihnen und ihren Erlebnissen. Stellenweise wäre mehr Tiefe in der Betrachtung wünschenswert, um hinter dem Stereotyp eines mystischen Indiens mehr Differenzierung zu gewinnen. Allzu leicht laufen die Schlagworte Tantra, freier Sex, Verschmelzung von Ost und West sonst Gefahr, ein pauschal exotisiertes Bild von Spiritualität und eine vereinfachende Ost-West-Dichotomie abzugeben. Ausserdem wären mehr Kommentare zum Archivmaterial interessant, um den Alltag im Ashram besser vorstellbar zu machen. Viele Fragen bleiben am Schluss des Films offen. Wie unterscheidet sich Bhagwans Gemeinschaft von anderen Ashrams? Wie sieht ihre Gegenwart aus? Das grösste Rätsel bleibt jedoch, worin nun eigentlich die einzigartige Anziehungskraft des Gurus bestand: Bis zum Schluss bleibt Rajneesh eine fremde, schillernde Figur.

P: Das Kollektiv für audiovisuelle Werke GmbH, Teleclub, SF 2010. B / R: Sabine Gisiger und Beat Häner. K: Beat Häner, Matthias Kälin. S: Barbara Weber. M: Marcel Vaid. V: Filmcoopi AG, Zürich. W: Das Kollektiv für audiovisuelle Werke GmbH, Zürich.
35mm, Farbe, 98 Min., Dolby Digital, Englisch

28.5.2010, 12:29 | Permalink

Zimmer 202 [Eric Bergkraut]

Von Sonja Wenger [ Sélection CINEMA ]
Es ist schon ein wenig verquer: Der Schriftsteller Peter Bichsel sitzt auf seinem Hotelbett im Bahnhofgebäude des Pariser Gare de l’Est, und schaut sich die Schlussetappe der Tour de France im Fernsehen an, die gerade in die französische Hauptstadt einfährt – während er gleichzeitig über die Liebe, die Ehe, über Politik und Macht und jenes «patriotische Würgen» spricht, das Schweizer im Ausland gerne überkommt.
Es ist eine Szene aus dem Dokumentarfilm Zimmer 202 von Regisseur Eric Bergkraut. Pünktlich zum 75. Geburtstag von Bichsel am 24. März 2010 war ein filmisches Porträt im Kino zu sehen, das einem vordergründig den Menschen Bichsel und weniger sein schriftstellerisches Werk nahe bringt. Quasi als dramaturgischen Rahmen hat sich Bergkraut vorgenommen, Bichsel dafür nach Paris fahren zu lassen, obwohl dieser seit seinem Buch Zur Stadt Paris von 1993 immer wieder erklärt hatte, dass er noch nie dort gewesen sei – und auch nie hinfahren werde.
Dennoch ist es Bergkraut gelungen, seinen Protagonisten zu überzeugen – wohl auch, weil dieser scheinbar eine Carte Blanche erhalten hat. Lass uns einfach losziehen und schauen, was passiert, war das Motto. Es gibt kein Drehbuch, keine Zwänge und nur ein paar Erwartungen.
Bichsel geht also auf eine Reise und das Publikum darf mit. Es kann im Zugabteil und im Hotelzimmer Nummer 202 und im kleinen Pariser Bistro ganz nahe bei ihm sitzen und seinen Gedanken, Geschichten und Bonmots lauschen, die er mit derselben stilistischen Präzision, mit jenem hinter-gründigen Humor und der scharfen Beobachtungsgabe formuliert, mit denen auch seine Kolumnen und Kurzgeschichten geschrieben sind.
Doch man sollte sich von der scheinbaren Mühelosigkeit, mit der Bichsel beinahe druckreif über sein Leben, seine Arbeit und die Welt im Allgemeinen spricht, nicht täuschen lassen, stellt der Ger-manistikprofessor Peter von Matt klar. «Was Bichsel tut, sieht nur leicht und locker aus, ist aber ein Kampf um jedes Wort», sagt von Matt. Diese «beinharte Arbeit, die dahinter steht, extra einfach wirken zu lassen, das ist Raffinesse.»
Und entsprechend raffiniert und unterhaltsam ist auch Zimmer 202: Neben der Reise nach Paris werden vermeintlich willkürlich Szenen eingestreut, die Bichsel beim Kochen in seinem Haus in Bellach und am Stammtisch zeigen, Bichsel zusammen mit seinem Kollegen Peter Weber unterwegs beim Schwingerfest, sowie Archivaufnahmen aus den Sechziger- und Siebzigerjahren. Stets mit dem Ziel, Bichsel als ein intellektuelles Schweizer Urgestein zu zelebrieren, das zwischen «populärer Kumpelhaftigkeit und radikaler Kunst» wahrgenommen wird – und im immer gleichen Gilet und mit einer Zigarette in der Hand der Gesellschaft, also uns als Zuschauer, einen liebevoll-kritischen Spiegel vorhält.

PRODUKTION: Eric Bergkraut, Schweiz 2010. BUCH, REGIE: Eric Bergkraut. KAMERA: Pio Corradi. TON: Martin Witz. SCHNITT: Vendula Roudnicka. MUSIK: Sophie Hunger. VERLEIH: Xenix Filmdistribution GmbH (Zürich). WELTRECHTE: p.s. 72 productions GmbH (Zürich).
35 mm, Farbe, 88 Minuten, Schweizerdeutsch/Deutsch.

27.5.2010, 19:50 | Permalink

Zimmer 202 [Eric Bergkraut]

Von Sonja Wenger [ Sélection CINEMA ]
Es ist schon ein wenig verquer: Der Schriftsteller Peter Bichsel sitzt auf seinem Hotelbett im Bahnhofgebäude des Pariser Gare de l’Est, und schaut sich die Schlussetappe der Tour de France im Fernsehen an, die gerade in die französische Hauptstadt einfährt – während er gleichzeitig über die Liebe, die Ehe, über Politik und Macht und jenes «patriotische Würgen» spricht, das Schweizer im Ausland gerne überkommt.
Es ist eine Szene aus dem Dokumentarfilm Zimmer 202 von Regisseur Eric Bergkraut. Pünktlich zum 75. Geburtstag von Bichsel am 24. März 2010 war ein filmisches Porträt im Kino zu sehen, das einem vordergründig den Menschen Bichsel und weniger sein schriftstellerisches Werk nahe bringt. Quasi als dramaturgischen Rahmen hat sich Bergkraut vorgenommen, Bichsel dafür nach Paris fahren zu lassen, obwohl dieser seit seinem Buch Zur Stadt Paris von 1993 immer wieder erklärt hatte, dass er noch nie dort gewesen sei – und auch nie hinfahren werde.
Dennoch ist es Bergkraut gelungen, seinen Protagonisten zu überzeugen – wohl auch, weil dieser scheinbar eine Carte Blanche erhalten hat. Lass uns einfach losziehen und schauen, was passiert, war das Motto. Es gibt kein Drehbuch, keine Zwänge und nur ein paar Erwartungen.
Bichsel geht also auf eine Reise und das Publikum darf mit. Es kann im Zugabteil und im Hotelzimmer Nummer 202 und im kleinen Pariser Bistro ganz nahe bei ihm sitzen und seinen Gedanken, Geschichten und Bonmots lauschen, die er mit derselben stilistischen Präzision, mit jenem hinter-gründigen Humor und der scharfen Beobachtungsgabe formuliert, mit denen auch seine Kolumnen und Kurzgeschichten geschrieben sind.
Doch man sollte sich von der scheinbaren Mühelosigkeit, mit der Bichsel beinahe druckreif über sein Leben, seine Arbeit und die Welt im Allgemeinen spricht, nicht täuschen lassen, stellt der Ger-manistikprofessor Peter von Matt klar. «Was Bichsel tut, sieht nur leicht und locker aus, ist aber ein Kampf um jedes Wort», sagt von Matt. Diese «beinharte Arbeit, die dahinter steht, extra einfach wirken zu lassen, das ist Raffinesse.»
Und entsprechend raffiniert und unterhaltsam ist auch Zimmer 202: Neben der Reise nach Paris werden vermeintlich willkürlich Szenen eingestreut, die Bichsel beim Kochen in seinem Haus in Bellach und am Stammtisch zeigen, Bichsel zusammen mit seinem Kollegen Peter Weber unterwegs beim Schwingerfest, sowie Archivaufnahmen aus den Sechziger- und Siebzigerjahren. Stets mit dem Ziel, Bichsel als ein intellektuelles Schweizer Urgestein zu zelebrieren, das zwischen «populärer Kumpelhaftigkeit und radikaler Kunst» wahrgenommen wird – und im immer gleichen Gilet und mit einer Zigarette in der Hand der Gesellschaft, also uns als Zuschauer, einen liebevoll-kritischen Spiegel vorhält.

PRODUKTION: Eric Bergkraut, Schweiz 2010. BUCH, REGIE: Eric Bergkraut. KAMERA: Pio Corradi. TON: Martin Witz. SCHNITT: Vendula Roudnicka. MUSIK: Sophie Hunger. VERLEIH: Xenix Filmdistribution GmbH (Zürich). WELTRECHTE: p.s. 72 productions GmbH (Zürich).
35 mm, Farbe, 88 Minuten, Schweizerdeutsch/Deutsch.

27.5.2010, 19:50 | Permalink

Unser Garten Eden [Mano Khalil]

Von Bettina Spoerri [ Sélection CINEMA ]
Unser Garten Eden

Mit humorvoll-ironischem, aber dennoch immer respektvollem Blick zeigt der kurdische Kameramann und Regisseur Mano Khalil in seinem fein beobachteten Dokumentarfilm, wer heute in der Schweiz so alles den Traum vom eigenen Garten mit Holzhäuschen lebt. Unser Garten Eden beleuchtet einen Schweizer Mythos, den Inbegriff kleinbürgerlicher Sehnsüchte, den Schrebergarten: diese wenigen Quadratmeter Land, wo sich erholungsbedürftige und natursehnsüchtige Menschen ihr Mini-Freizeit-Paradies einrichten und manche von ihnen im Schweisse ihres Angesichts liebevoll oder auch verbissen die eigenen Blumen, Gemüsesorten oder Früchte züchten.

In locker aneinandergereihten Episoden – ganz so, wie es der Mosaik-Struktur der Schrebergartenarchitektur entspricht – erzählt der Film von den «alten» und «neuen» Schweizern, die sich in einem Berner Schrebergartenareal zwischen Tomatenbeeten, Bierreservoirs und Fleischgrill-Festen in multikultureller Koexistenz und Toleranz zu üben versuchen. Über längere Zeit hat Mano Khalil die Schrebergarten-Pächter immer wieder besucht, darunter mehrere ehemalige italienische Gastarbeiter, wie etwa Domenico Manzo, der seit 45 Jahren in der Schweiz lebt, aber manchmal nicht weiss, ob er richtig entschieden hat, das schwermütige polnische Paar Boganski in seiner aufbrechenden Ehekrise und der Kurde Ali mit seiner Frau Fatima, die im Schrebergarten das Fladenbrot noch auf traditionelle Weise zubereitet. Oder auch das aufgestellte algerisch-schweizerische Ehepaar Barka, das sich über manche Streitereien der anderen amüsiert, und die unzertrennlichen Brüder «Aschi» und «Hausi» Wirth.

Khalil zeigt in Unser Garten Eden, wie sehr ein Schrebergarten ein facettenreicher gesellschaftlicher Mikrokosmos ist, der kabarettistische Nummern und absurde Vorfälle, aber auch sehr existentielle Geschichten bereithält – ein Ort voller Originale, Aussteiger, verbohrter Typen und einiger Lebenskünstler. Da wird ständig am Häuschen gebastelt, um es noch ein wenig gemütlicher zu haben, oder der Plan für einen so richtig grossen Spanferkel-Grill entworfen. Doch die Schrebergartenvorschriften, wo man so nahe aufeinander sitzt, sind akribisch, und wenige Zentimeter zu viel können bereits grössere Auseinandersetzungen nach sich ziehen. Für schwierigere Fälle gibt es die Vollversammlung. Und den strengen Gartenpräsidenten Giuseppe Assante mit seinem akkurat geschnittenen Bart, der in Anzug und Krawatte die Parzellen abschreitet und über die Einhaltung der Regeln wacht – seine Auftritte haben gar eine Art «running gag»-Qualität. Ein Schrebergarten, das macht dieser witzige, aber unterschwellig auch sehr ernste Dokumentarfilm deutlich, ist auch ein Miniaturabbild und eine Übungswiese in Sachen Schweizer Demokratie.

P: Mano Khalil (Schweiz) 2010. B/R: Mano Khalil. K: Mano Khalil, Steff Bossert. T: Andrea Leila Kühni, Ravin Asaf. S: Thomas Bachmann. M: Mario Batkovic, Kummerbuben. V: Look Now! (Zürich).
HD-Cam, 16:9, Farbe, 97 Minuten, Schweizerdeutsch / Deutsch / Französisch / Italienisch / Kurdisch

03.5.2010, 10:09 | Permalink