Prud'hommes [Stéphane Goël]

Von Florian Leu [ Sélection CINEMA ]
Prudhommes

Das Arbeitsgericht in Lausanne: Eine Welt der Klarsichtmäppchen, der Dossiers, des Sitzleders, der Verhandlungen ohne Ende. Wenn sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber nicht mehr verstehen, betreten sie einen Saal ohne Fenster und legen ihren Fall vor dem Arbeitsgericht dar. Lange ein Ort der Diskretion und ohne Medienpräsenz, hat sich nun Stéphane Goël Zugang zu den Verhandlungen verschafft und daraus einen Dokumentarfilm gemacht, der Anthropologen reizen wird. In Prud’hommes lassen sich Gesichter betrachten, in denen sich Extreme ereignen: Langeweile, mit der nur noch Studenten im Leistungskurs Statistik mithalten können. Frust, der an Versteinerung grenzt. Wut, so unterschwellig, dass man die Leute im Verhandlungssaal abholen und ihnen auf dem Set eines Thrillers eine Rolle als Bösewicht anbieten könnte.
Der Film hat eine Kraft, die an La forteresse (Fernand Melgar, CH 2008) erinnert. Verhandelte der Film über Asylsuchende die Trauer und die Hoffnung der Leute auf einer Fläche von ein paar hundert Quadratmetern, verengt sich das Recherchegelände in Prud’hommes noch mehr. Bis auf wenige Ausnahmen spielt der Film im Innern des Gerichts und entwickelt dabei einen Sog, den Freunde der Klaustrophobie im Film lieben werden. Ein Dokumentarfilm, der ebenfalls nach diesem Prinzip funktionierte, war La Consultation (Héléne de Crécy, F 2006), der nahezu vollständig in der Praxis eines Allgemeinarztes entstanden ist. Ebenso der erste Film eines anderen Filmers aus Lausanne: Jean-Stéphane Brons La bonne conduite (CH 2009), dessen Bilder der Regisseur im Innern von vier Fahrlehrerautos aufnahm.
Diese Fokussierung ist die grosse Stärke auch von Prud’hommes. Wie in einem Längsschnitt wird darin das Bild einer Gesellschaft sichtbar. Was besonders auffällt: Der Richter, ein junger Mann, ist während seiner Ausbildung wohl kaum davon ausgegangen, dass sein Job am Arbeitsgericht zwar viel mit Juristerei, aber noch mehr mit Erziehung zu tun haben wird. Die Leute reden ständig drein, fallen andern ins Wort, wollen nicht mehr aufhören zu reden, und sie sprechen auch, ohne dass ihnen jemand das Rederecht erteilt hätte. Der häufigste Satz des Richters ist deshalb: «Jetzt lassen Sie mich bitte ausreden!»
Was dem Film gut tut ist, dass er zwar extrem fokussiert, die Strenge des Gerichtssaals aber doch mit einigen gut plazierten und schön fotografierten Aussenansichten kontrastiert. Hier die Geometrie und die Verfahrenheit drinnen, da die Abendstimmung und das über eine Wiese tollende Kind draussen vor dem Gericht.
Wenn man Prud’hommes optimistisch betrachtet, müsste man ihn als das Resultat einer fast übermenschlichen Geduld bezeichnen. Wenn man ihn pessimistisch sieht, müsste man sagen, dass auch nur Leute mit der fast übermenschlichen Geduld eines Richters als Zuschauer infrage kommen.

PRODUKTION: Climage (Lausanne), TSR 2010. BUCH: Stéphane Goël, Claude Muret. REGIE: Stéphane Goël. KAMERA: Bastien Genoux, Stéphane Goël, David Monti. TON: Marc von Stürler, Jürg Lempen. SCHNITT: Loredana Cristelli. MUSIK: Jérôme Burri, Dimitri de Graaff. VERLEIH: Look Now! (Zürich). WELTRECHTE: Climage (Lausanne).
35 mm, Farbe, 85 Minuten, Französisch.

28.8.2010, 20:46 | Permalink

Songs of Love and Hate [Katalin Gödrös]

Von Simon Dick [ Sélection CINEMA ]
Songs of Love and Hate

Wenn Kinder zu Erwachsenen werden, ist dieser psychische und physische Reifeprozess nicht nur für Teenager eine Zeit voller Irrungen und Wirrungen. Die ganze Familie, insbesondere die Eltern müssen viel Geduld und Verständnis aufbringen, um die Sprösslinge ins Leben der Erwachsenen zu begleiten. Doch wenn Eltern mit dem Gefühlschaos selber nicht klarkommen, sind Konflikte vorprogrammiert.

Vor malerischer Kulisse am Fuss der Alpen lebt eine Winzer-Familie und führt ein Bilderbuchleben. Doch Tochter Lilli bringt durch ihre erwachende Sexualität Unruhe in das harmonische Familienleben. Das Kind wird zur Frau. Und Vater Rico kann die neue Situation nicht ertragen. Er fühlt sich durch ihre neu entdeckte Sexualität mit ihrem Jugendfreund bedroht. Enttäuscht wendet er sich der jüngeren Tochter Roberta zu und bemerkt gleichzeitig nicht, dass seine Ehe mit Anna auf wackligen Füssen steht. Lilli will das alte Verhältnis mit ihrem Vater wiederherstellen und wählt dabei ungewöhnliche Wege, um sein Vertrauen und seine Liebe zurückzugewinnen. Als ein angeblicher Unfall die gesamte Familie erschüttert, scheint Lilli ihr Ziel erreicht zu haben. Doch schon lauert der nächste Konflikt.

Es sind die wortlosen Szenen, in denen Blicke und Gesten tausend Bände sprechen, welche dieses Bergdrama einzigartig machen. Wenn Lilli den Blick ihres Vaters sucht und ihn regelrecht zur Kommunikation herausfordert, scheint die Zeit stehen zu bleiben. Die Atmosphäre wird so aufgeladen, dass man als Zuschauer die Protagonisten anschreien möchte, sich endlich zu unterhalten, um so ihre Konflikte zu lösen. Was Sarah Horváth als Lilli und Jeroen Willems als ihr Vater schauspielerisch zeigen, ist bemerkenswert und intensiv.

Songs of Love and Hate ist nicht nur ein Teenie-Drama, sondern auch eine Geschichte über die Machtverhältnisse in Familien. Dabei spielt der Film gekonnt mit Strukturen und Vorurteilen. Mal scheint der Vater auf dem Thron der Familie zu sitzen, doch im nächsten Augenblick stösst ihn seine eigene Tochter hinunter. Lilli beherrscht die Familie, ist Dreh- und Angelpunkt einer kleinen Gesellschaft, welche die Fähigkeit der Kommunikation verloren hat. Erst gegen Ende darf der Zuschauer hoffen, dass eine Versöhnung möglich ist.

Es geht nicht um die Suche nach den Gründen von Lillis Taten, vielmehr steht die Hilflosigkeit der Protagonisten im Zentrum. Trotz schrecklicher Taten haftet an Lilli nichts Böses. Doch gerade weil sich der Film nicht nur um die Perspektive der jungen Frau bemüht, sondern auch die anderen Familienmitglieder mit ihren Problemen mit einbezieht und alle zu Komplizen macht, bleiben Vorurteile und Stigmatisierungen aus. Inszeniert wurde das Drama von Katalin Gödrös in einer realistischen Bildsprache, die nur in wenigen Momenten ins Surreale abdriftet. Gödrös hat davor diverse Kurzfilme, den langen Spielfilm Mutanten (D 2002) sowie den Fernsehfilm Lous Waschsalon (CH 2005) realisiert.

P: Cobra Film (Zürich) 2010. B: Katalin Gödrös. R: Katalin Gödrös. K: Henner Besuch. T: Ingrid Städeli. S: Silke Botsch. M: Pawel Kominek. D: Sarah Horváth, Jeroen Willems, Ursina Lardi, Luisa Sappelt, Joel Basman, Mira Elisa Goeres, Peter Jecklin, Lilian Fritz, Stéphane Maeder, Aaron Hitz, Andreas Matti, Davide Gagliardi, David Grossenabacher, José Cavalli. V: Filmcoopi (Zürich). W: Noch offen.
35 mm, Farbe, 89 Minuten, Deutsch.

27.8.2010, 20:32 | Permalink

Schonzeit [Irene Ledermann]

Von Bettina Spoerri [ Sélection CINEMA ]
Schonzeit

In atmosphärisch starken Bildern und fast ohne Worte erzählt Irene Ledermann in Schonzeit, ihrem Master-of-Arts-Abschlussfilm an der Zürcher Hochschule der Künste, von zwei Jungen, die, vom Vater allein gelassen, sich selbst durch die Tage bringen müssen. Der jüngere, Jan, wird von seinen Mitschülern gehänselt und gejagt, einmal sogar geknebelt in einen Schrank gesperrt; er zieht sich immer mehr in seine Traumwelt zurück, in die Natur und zu den Tieren im Wald neben dem Haus. Der ältere, Oli, reagiert mit kaltem Trotz – bis er spürt, dass er Jan helfen muss, sich in der schwierigen, neuen Lebenslage zurechtzufinden.
Schonzeit erzählt auf behutsame Weise von einer emotionalen Ausnahmesituation, mit einer expressiven visuellen Sprache, mit viel Handkamera und wenig Licht, intensiven Nahaufnahmen und einer subjektiven Tonebene, und erreicht mit diesen Mitteln, dass sich der Zuschauer, die Zuschauerin ohne Vorgeschichte und Erklärungen mitten in einer Befindlichkeit wiederfindet, die zwischen Realität und Traum changiert. Jan wartet auf den Vater, möchte mit ihm fischen gehen, doch kaum ist der Vater einmal ins Haus zurückgekehrt, verlässt er es auch schon wieder, ohne auf seinen Sohn einzugehen. Trotzdem sammelt Jan draussen, mitten in der Nacht, schon einmal Würmer für die Angel. Der pubertierende Oli seinerseits nutzt die Abwesenheit des Vaters, um eine Freundin nach Hause einzuladen; doch der kleine Bruder stört die beiden. Dennoch wird Oli später in einem Laden einen Schwimmer stehlen, um Jan glauben zu machen, der Vater habe ihn für ihn gekauft. Als Jan merkt, dass Oli ihn angelogen hat, beginnen die beiden Brüder verzweifelt zu kämpfen. Diese Auseinandersetzung markiert einen Neubeginn in ihrer Beziehung, und vielleicht werden sie danach wieder vermehrt Zeit miteinander verbringen.
Schonzeit erzählt weniger eine Geschichte – dafür bleibt auch vieles absichtlich im zu Vagen – als einen bestimmten Zustand: den Zeitraum, der zur Erholung gewährt wird, bevor wieder die Jagd, bzw. das normale, harte Leben, beginnt. Irene Ledermann hat gemeinsam mit ihrem Kameramann Lorenz Merz Bilder gefunden, welche die Innenwelt insbesondere des verwirrten, einsamen Kindes Jan widerspiegeln und sich in einer poetischen, stimmungsvollen Inszenierung verdichten. Für ihren bemerkenswerten Abschlussfilm wurde Ledermann denn auch für den Schweizer Filmpreis 2010 (Kategorie Kurzfilme) nominiert, und sie gewann den Max-Ophüls-Preis 2010 für den besten Kurzfilm, während Lorenz Merz an den 13. Winterthurer Kurzfilmtagen für seine Arbeit den Kamerapreis erhielt.

PRODUKTION: ZHdK (Zürich), Teleclub 2009. BUCH, REGIE: Irene Ledermann. KAMERA: Lorenz Merz. TON: Simon Liniger, Ivo Schläpfer. SCHNITT: Lisa Blatter, Irene Ledermann. MUSIK: Marcel Vaid. DARSTELLER: Youri Ledermann, Manuel Neuburger, Jörg Reichlin.
HDCam/Digibeta, Farbe, 20 Minuten, Schweizerdeutsch.

27.8.2010, 20:00 | Permalink

Las pelotas [Chris Niemeyer]

Von Bettina Spoerri [ Sélection CINEMA ]
Las pelotas

Wie unbedingte Fussballbegeisterung in eine ziemlich gewagte genetische Versuchsanordnung münden kann, erzählt der 1973 in Zürich geborene Filmemacher Chris Niemeyer in seinem wunderbar frechen und eigenwilligen viertelstündigen Kurzfilm Las pelotas (spanisch „Die Bälle“). Der Titel darf in diesem Fall ruhig zweideutig aufgefasst werden, und mit der Gelassenheit der Grossmutter in dem Film – aufgrund ihrer Erfahrung mit der Zucht von Tieren die Verkuppelungsexpertin – kann es wohl kaum jemand aufnehmen.

Alles beginnt auf einem Fussballfeld in der argentinischen Provinz, wo Väter auf den Zuschauerrängen von der grossen Zukunft ihres kickenden Nachwuchses träumen, denn heute sind die Scouts der bedeutenden Fussballclubs anwesend. Doch die Enttäuschung von Chato und Lopez ist gross, denn für ihre Jungs interessiert sich keiner. Auf ihre Nachfrage, warum ihre Sprösslinge nicht gut genug seien, heisst es, der eine habe eine schöne Linke, der andere sei ein guter Kopfballspieler. „Die Kombination von beiden, das ergäbe einen Superspieler“, sagt der Mann im Anzug freundlich und rauscht in seinem teuren Wagen davon. Doch für Chato und Lopez ist dieser Bescheid kein Grund zur Resignation; vielmehr führen sie den Gedankengang konsequent zu Ende und ruhen nicht, bis sie eine solche Kreuzung – mit einiger Bauernschläue – in die Wege geleitet haben. Dafür müssen aber auch die Frauen mitmachen. In diesem wunderbar humorvollen, ja spitzbübischen Film haben sie volles Verständnis für den fussballerischen Zeugungsehrgeiz ihrer Männer und sind nur ein klein wenig nervös – nicht minder Chato und Lopez –, als tatsächlich der Partnertausch und der Akt stattfinden, natürlich unter den strengen Schiedsrichteraugen der Anstandsdame Grossmutter, die sich wie gesagt durch nichts erschüttern lässt. Wenn es dann „9 Monate später“ in der Geburtsabteilung heisst: „Es ist ein Junge“, wissen die beiden Männer nicht zu nennen, wer der Vater des Neugeborenen sei. Und als Zuschauer fragt man sich auch zumindest kurz, was denn nun aus dem zweiten Beischlaf geworden ist – doch gerade das augenzwinkernde Ignorieren solcher ‚Probleme‘ macht diesen Kurzfilm, der mit dem Schweizer Filmpreis für den Besten Kurzfilm (und unter anderem auch mit dem Pardino d’oro für den Besten Schweizer Kurzfilm am Filmfestival Locarno) ausgezeichnet worden ist, so unwiderstehlich witzig.

Genaues Timing von den Dialogen bis hin zum Schnitt, ein präziser Sinn für ironisierende Perspektiven und Bildkompositionen, zwei überzeugende Schauspieler-Paare und bei all dem ein Humor, der meisterhaft die Balance hält und nie ins Grobe kippt oder die Figuren ins Lächerliche abdriften lässt, machen den Zauber dieses kleinen Meisterwerks aus.

P: Plan B Film GmbH (Zürich) 2009. B: Laura Albornoz, Pablo Aguilar, Chris Niemeyer. R: Chris Niemeyer. K: Philipp Koller. T: Ignacio Zabalota. S: Gion-Reto Killias. D: Jorge Roman, Jorge Pedraza, Monica Lairana, Loreny Vega. V: Frenetic Films (Zürich). W: Plan B Film GmbH (Zürich).
35mm, Farbe, 15 Minuten, Spanisch.

21.8.2010, 13:15 | Permalink

Bazar [Patricia Plattner]

Von Bettina Spoerri [ Sélection CINEMA ]
Bazar

Die 60-jährige Gabrielle (Bernadette Lafont) ist eine lebensfreudige, selbstbewusste Antiquitätenhändlerin mit eigenem Laden an bester Adresse in Genf. Doch als sie den 25-jährigen Fred (Pio Marmaï) kennenlernt und sich in ihn verliebt, ist das nicht nur für sie eine Überraschung. Plötzlich sieht sich Gabrielle mit Eifersucht und Intoleranz in ihrem Umfeld konfrontiert – und dann muss sie auch noch ihren Laden räumen, der ihr schon vor längerer Zeit gekündigt worden ist, was sie aber einfach nicht wahrhaben wollte.

In vorwiegend komödiantisch-leichtem Ton erzählt die Westschweizer Regisseurin Patricia Plattner von der Leidenschaft einer älteren Frau für einen sehr viel jüngeren, freiheitsliebenden Adonis. Was eine mutige Stoffwahl wäre und auch von den Figurenzeichnungen her durchaus frisch und überraschend beginnt, gefasst in warme, sorgfältig komponierte Bilder, verliert sich indes immer mehr in konventionellen Wendungen. Bis zuletzt bestätigt Bazar viele gängige Klischees über ältere Frauen-junge Männer-Paare und umtänzelt das Tabuthema mit enttäuschender Konfliktscheue. An den Rand der Peinlichkeit geht das, wenn die Hauptdarstellerin (eine meist verschmitzt lächelnde Lafont, was mit der Zeit angestrengt maskenhaft wirkt) selbst im Bett kein Fleckchen nackte Haut zeigen darf, sondern stets vollkommen in Stoff eingehüllt neben dem wohlgeformten, muskulösen Mann liegt. Und dieser entpuppt sich am Ende, wenn sich darüber schon niemand mehr wundert, als unverantwortlicher Schürzenjäger.

Wo bleibt da das Begehren der Frau? fragt man sich besorgt, umso mehr, als dieses Gabrielle vom Drehbuch her so suggestiv in den Mund gelegt wird – es bleibt in diesem Film Behauptung. Interessanter als die Auseinandersetzung zwischen Fred und Gabrielle sind deshalb die Reibungsflächen, die zwischen Gabrielle und ihrem Freundeskreis sowie ihrer Tochter – ungefähr in Freds Alter – (gespielt von Lou Doillon, einer Tochter Jane Birkins) entstehen, nachdem sie ihnen ihre Verliebtheit eröffnet hat. Da offenbart sich die als Lockerheit getarnte Engstirnigkeit einer nur scheinbar toleranten urbanen Gesellschaft. Die Freunde und die Tochter wenden sich ab, als Gabrielle nicht mehr ganz dem Bild entspricht, das sie sich von ihr gemacht haben: zwar schon etwas unkonventionell und eigensinnig, doch nicht auf diese so unvernünftige, gar kindische Weise! Eine werdende Grossmutter soll bitte mehr Würde und Abgeklärtheit zeigen. Wo Bazar von solchen Misstönen erzählt, von der sanften Gewalt derjenigen, die uns zu lieben meinen – und von der Angst vor der Pensionierung, dem endgültigen Altwerden, dem Eintreten in den letzten Lebensabschnitt, gewinnt der Film und mit ihm die Schauspieler an Glaubhaftigkeit.

P: Light Night Production SA (Genf-Carouge), Alfama Films Productions (Paris / Lissabon),Arte, TSR 2009. B: Patricia Plattner, Aude Py, Blandine Stintzy, Christian Lyon. R: Patricia Plattner. K: Aldo Mugnier, Milivoj Ivkovic, Heidi Hassan. T: Etienne Curchod, Henri Maïkoff, Denis Séchaud. S: Loredana Cristelli. D: Bernadette Lafont, Pio Marmaï, Lou Doillon, Sacha Bourdon. V: Frenetic Films (Zürich). W: Light Night Production SA (Genf-Carouge), Alfama Films Productions (Paris / Lissabon),
35mm, Farbe, 103 Minuten, Französisch, Portugiesisch.

21.8.2010, 13:07 | Permalink

Mürners Universum [Jonas Meier]

Von Doris Senn [ Sélection CINEMA ]
Mürners Universum^

Es beginnt mit einer schummrigen Untertasse auf einem Fernsehbildschirm, davor Erwin Mürner mit schütterem weissem Haar. Erwin ist 77, und seine Leidenschaft gilt den Ausserirdischen: Nicht nur türmen sich in der kleinen Wohnung, die er mit seiner Frau Sonja teilt, Bücher und Zeitschriften zum Thema – er träumt auch davon, einen Film über seine persönliche Begegnung mit den Aliens zu machen.

Nun ist daraus ein Film über ihn geworden: darüber, wie Erwin mit seiner Kamera nachmittags den Himmel einfängt und nicht weniger als drei ominöse Punkte mit «Energieschirm» festhält – darüber, wie er seine Theorien über den Urknall ausbreitet und wie er mit einem stachligen, roten Massageball in seinem Arbeitszimmer den Flug eines UFOS nachahmt.

Der Regisseur Jonas Meier, der auch für Drehbuch, Kamera und Schnitt von Mürners Universum zeichnet, fand den «kurligen» Senioren in Winterthur, wo er selbst lebt. Nach einer Ausbildung an der HGK Luzern und einer Reihe von Werbefilmen und Musikvideos, die bereits von seinem schrägen Humor und seiner originellen Ästhetik geprägt waren, ist dies nun Meiers erster langer Dokumentarfilm. Der Filmemacher überlässt die Bühne dem liebenswerten Amateur-Ufologen – und manchmal dessen Frau Sonja. Sie hat so ihre liebe Mühe mit ihrem Erwin und seinem ausufernden Hobby. Und doch lässt sie ihn gewähren, stellt sich manchmal selbst hinter die Kamera oder zieht sich resigniert mit ihrem Akkordeon aufs Bett zurück, weil das noch der einzige freie Platz in der Wohnung ist.

Mürners Universum ist ein Film über das Alter und die Einsamkeit, über schweizerische Biederkeit und eine (unschweizerisch) grosse Passion. Jonas Meier fängt dies alles mit einem erfrischenden Sinn für Details und Situationskomik und einem Flair für überraschende Bildkompositionen ein. Auch versteht er es, das Aufregende, Schöne und Eigentümliche im absolut Unscheinbaren zu entdecken – vom Schüttstein über die Zimmerpflanze bis hin zur Küchenuhr, deren Sekundenzeiger nicht vom Fleck kommt. Mit seinen lakonischen Bildern begibt er sich damit auf eine ähnlich bestechende Gratwanderung zwischen groteskem Humor und existenziellem Tiefgang wie der renommierte schwedische Regisseur und Werbefilmer Roy Andersson (Songs From the Second Floor, S 2000).

Mürners Universum ist ein kurzweiliges Porträt über einen wunderlichen Zeitgenossen, dessen grosser Traum es ist, einen UFO-Film zu realisieren und damit um die Welt zu reisen. Was nun durchaus wahr werden könnte – wenn auch in einem etwas anderen Sinn: Dem kleinen dokumentarischen Juwel aus der Hand von Jonas Meier dürfte Kultstatus zuteil werden – sowohl im Kino als auch auf der internationalen Festivalkarriere, die der Film mit Sicherheit vor sich hat.

P: Zweihund GmbH (Winterthur), SF 2010. B, R, K, S: Jonas Meier. V: Xenix (Zürich). W: Zweihund GmbH (Winterthur).
Digital Beta, Farbe, 83 Minuten, Schweizerdeutsch.

18.8.2010, 15:09 | Permalink

Being Azem [Tomislav Mestrovic, Niccolò Settegrana]

Von Christina von Ledebur [ Sélection CINEMA ]
Being Azem

Las Vegas, 2006: Azem Maksutaj, fünffacher Weltmeister im Thaiboxen, steht kurz vor seinem wichtigsten Kampf. Nach 17 Jahren im Kampfsport erhält er die Möglichkeit, am so genannten K1 Battle at Bellagio zu kämpfen, ein Kampf, der gemäss Azems Trainer als «Mass aller Dinge» im Thaiboxen gilt. Gewinnt er, nimmt er als erster Schweizer seit Andy Hug am K1 Grandprix-Finale in Tokio teil. Für den «Black Eagle» – so Azems Kampfname – würde ein Sieg gegen den K1-Veteran Ray Sefo die Erfüllung seines Lebenstraums bedeuten. Doch die Vorbereitungen sind hart: Für den Kampf gegen Sefo muss Azem eine Gewichtsklasse aufsteigen, was ihm eine knallhartes Training abfordert. Seine Freundin leidet unter der ständigen Anspannung. Bei einem Wutausbruch zu Hause verletzt sich Azem zudem an der Hand. Und der Tag des Kampfes naht unausweichlich.

Die beiden Filmemacher Niccolò Settegrana und Tomislav Mestrovic begleiten in ihrem Dokumentarfilm Being Azem Azem Maksutaj Schritt für Schritt bei seinen Vorbereitungen für den alles entscheidenden Kampf. Doch nicht nur das: Sie porträtieren den Kampfsportler auch privat. Sie begleiten den Kosovoalbaner, der seit kurzem einen Schweizer Pass besitzt, in sein Heimatdorf, das er mit 15 Jahren in Richtung Schweiz verliess. In Homevideoaufnahmen seiner Freundin Njomza, die sich formal vom Rest der Kameraarbeit unterscheiden, zeigt sich Azem von seiner verletzlichen, manchmal gar von seiner verletzenden Seite. Wir erleben, wie ungehalten Azem gegenüber seiner Liebsten sein kann, wenn er die Nervosität vor einem Kampf fast nicht mehr aushält.
Durch die Mischung aus spannungsgeladenen Momenten vor dem Kampf und Einblicken in Maksutajs Alltag gelingt Mestrovic und Settegrana ein äusserst facettenreiches Porträt des Sportlers, so dass der Film das Versprechen, dass er mit seinem Titel Being Azem – zu Deutsch «Azem sein» – macht, durchwegs einlöst.

Das Porträt vermag auch ästhetisch zu überzeugen. Ko-Regisseur Nicolò Settegrana war zugleich auch der Kameramann von Being Azem. Er hat eine subtile Bildsprache für das Sujet Kampfsport gefunden. Die Kampfszenen werden nicht überstilisiert, sondern wirken echt und nah. Der Thurgauer hat sich als Kameramann bei Werbefilmen und Musikvideos einen Namen gemacht, er arbeitete aber auch immer wieder beim Spielfilm, zum Beispiel bei Peter Luisis Veflixt verliebt (CH 2004) oder Luzius Wespes Kurzfilm Schnäbi (CH 2006). Für die Filmmusik zeichnet Beat Solèr, besser bekannt unter seinem DJ-Pseudonym Seelenluft.

PRODUKTION: Pi-Filme GmbH (Zürich), Teleclub AG (Zürich), SF 2010. BUCH: Tomislav Mestrovic, Nicolò Settegrana. REALISATION: Tomislav Mestrovic, Nicolò Settegrana. KAMERA: Nicolò Settegrana. TON: Claude Wahrenberger. SCHNITT: Niklaus Siebenkorn, Thomas Meister. M: Beat Solèr. VERLEIH: Pi-Filme GmbH (Zürich). WELTRECHTE: Pi-Filme GmbH (Zürich).
35mm, Farbe, 87 Minuten, Deutsch/Schweizerdeutsch/Albanisch/Englisch/Französisch/Japanisch.

09.8.2010, 11:41 | Permalink

Daniel Schmid – Le chat qui pense [Pascal Hofmann, Benny Jaberg]

Von Doris Senn [ Sélection CINEMA ]
Daniel Schmid

Er war ein Träumer, ein Ästhet, ein Kosmopolit und ein Geschichtenerzähler. Der Cineast Daniel Schmid (1941–2006) realisierte zwischen 1972 und 1999 nicht weniger als 13 Spiel- und Dokumentarfilme. Der Film Daniel Schmid – Le chat qui pense zeichnet das unkonventionell-heterogene Werk und seine vielschichtige Persönlichkeit nach.

2006 ersannen die beiden Master-Studierenden der ZHdK, Pascal Hofmann und Benny Jaberg, das Projekt, ein «Porträt mit ihm, nicht über ihn» zu machen. Doch kaum begonnen, durchkreuzte der überraschende Tod Daniel Schmids ihr Vorhaben. Die Nachwuchsfilmer legten das Projekt vorerst ad acta – um es dann aber (glücklicherweise) doch wieder aufzunehmen. Sie nutzten die 200 Stunden Rohmaterial (!) unterschiedlichster Herkunft als Schatztruhe, um ein stilistisch ausgereiftes Bild von Schmids Person und Schaffen zu machen. Der Untertitel des Films – «Le chat qui pense» – geht auf einen Eintrag in einem Notizbuch Daniel Schmids zurück, den die Regisseure als ebenso «geschmeidigen, wie eigensinnig-verspielten, menschennahen und doch eigenbrötlerischen Künstler» erlebten.

Daniel Schmid – Le chat qui pense folgt der Chronologie von Daniel Schmids Leben und Werdegang: von seinem Aufwachsen als tagträumender Hoteliersohn im bündnerischen Flims (über das er 1992 den Film Hors Saison drehte), von seinen Erfahrungen im Berlin der 1960er, wo er Teil der Clique um Rainer Werner Fassbinder und Ingrid Caven wurde, später in Paris – und immer wieder von seiner Rückkehr in die Heimat: diese vom grauen Fels, von Wolken und Gipfeln beherrschte Landschaft.

Das Filmporträt besteht aus Gesprächen mit Daniel Schmid, mit Weggefährten – etwa dem Kameramann Renato Berta, dem Filmemacher Werner Schröter oder dem Filmpublizisten Shiguéhiko Hasumi –, ergänzt mit Ausschnitten aus Schmids Filmen und Archivmaterial, das bestechend Landschaft und Zeitepochen illustriert. Am Anfang von Schmids Œuvre standen avantgardistische, von Brecht inspirierte Filme (Heute Nacht oder nie, 1972), gefolgt von atmosphärisch-kraftvollen Bergdramen wie Violanta (1977) oder Jenatsch (1987). Schmid realisierte aber auch brillante Dokumentarfilme wie Il bacio di Tosca (1984) – über ein Altersheim für ehemalige Opernstars in Mailand – oder Das geschriebene Gesicht (1995) über das Kabuki-Theater. Sein letzter vollendeter Film ist die Schweiz-Satire Beresina oder die letzten Tage der Schweiz, die 1999 in Cannes gezeigt wurde.

Auf ebenso einfühlsame wie formal bestechende Art und Weise gelingt Pascal Hofmann und Benny Jaberg mit Daniel Schmid – Le chat qui pense eine Hommage an einen Filmemacher, der untypisch für die Schweiz und doch tief in ihr verwurzelt war. Ihr Werk – das nicht zuletzt auch viel Lust macht, Schmids Filme (wieder) zu entdecken – feierte seine Premiere an der Berlinale 2010.

P: T&C Film (Zürich), ZHdK, SF 2010. B/R/S: Pascal Hofmann, Benny Jaberg. K: Pascal Hofmann, Benny Jaberg, Filip Zumbrunn. V: Columbus Film (Zürich). W: T&C Edition (Zürich).
HD CAM, Farbe/Schwarzweiss, 83 Minuten, Deutsch.

02.8.2010, 22:18 | Permalink