Arme Seelen [Edwin Beeler]

Von Natalie Böhler [ Sélection CINEMA ]
Arme Seelen

“Jetz muesi mit Gebät dehinder”, sagte sich der alte Älpler, als ihm eine “Arme Seele” begegnete und einfach nicht mehr von seiner Seite wich. Arme Seelen sind im Volksglauben der Innerschweiz Ahnengeister, Wiederkehrer aus dem Jenseits, die für nicht bereute Untaten büssen und unter den Lebenden herumspuken. Sie sind meist harmlos, aber oft unheimlich; betet man für sie, lassen sie sich manchmal besänftigen. Ursprünglich stammt der Glaube aus vorchristlicher Zeit, einige Elemente übernahm der lokale Volkskatholizismus.

Für seinen Dokumentarfilm Arme Seelen lässt sich Edwin Beeler Geschichten erzählen: Bäuerinnen, Sennen und Priester aus der Innerschweiz schildern ihre Begegnungen mit Ahnengeistern. Diese sind oft, aber nicht immer gruselig: Wenn sie nicht weiter wisse, denke sie an ihren verstorbenen Ehemann, verrät eine alte Bäuerin. Dann spüre sie Trost und seine Unterstützung. Neben den Bewohnern dieser Gegend erzählen auch die Landschaften selber: Dunkle Wolken ziehen über Gipfel, Schatten spielen auf den steilen Hängen; die Mystik, die dieser archaische Landstrich ausstrahlt, wird durch die Aufnahmen sehr präsent.

Der Film ist eine ethnografische Beobachtung vom Umgang mit dem Tod, den Toten und dem Sterben. Ein Anliegen des Filmemachers war es auch, eine Glaubens- und Erzählkultur zu dokumentieren, die kurz vor dem Verschwinden steht. Das magische Denken und die Einbindung des Todes in den Alltag werden unter dem Fortschrittsdenken der rationalen Moderne als Aberglaube abgetan. Dabei legt der Film nahe, dass das Brauchtum selbst wie ein Ahnengeist ist: Es entspringt der geschichtlich gewachsenen Herkunft der Menschen und bildet ihren kulturellen und spirituellen Nährboden.

Wie schon in seinem vorherigen Dokumentarfilm Gramper und Bosse (CH 2005), ein Porträt von Bahnangestellten der SBB, erwuchs das Interesse am Stoff aus biographischen Bezügen Beelers. In Arme Seelen kehrt er in die Welt seiner Kindheit zurück. Aufgewachsen in der Innerschweiz, bildeten der katholische Totenkult und seine Mythen einen wesentlichen Teil seiner Alltagskultur, und die Kruzifixe, Gebete und Heiligenbilder im Haus der Grossmutter waren prägende Eindrücke. Entgegen dem Trend zur Selbstthematisierung bringt der Filmemacher seine eigene Person jedoch nicht explizit ein, sondern filmt mit einer angenehmen Zurückhaltung, die zulässt, dass man sich ganz auf die Porträtierten und ihre Geschichten konzentriert.

PRODUKTION: Calypso Film (Luzern), Schweizer Fernsehen 2010. BUCH / REALISATION / KAMERA / SCHNITT: Edwin Beeler. TON: Olivier JeanRichard. MUSIK: Oswald Schwander. VERLEIH: Calypso Film (Luzern).
HDCAM/dCinema, Farbe, 92 Minuten, Schweizerdeutsch/Deutsch.

31.1.2011, 11:15 | Permalink

Satte Farben vor Schwarz [Sophie Heldman]

Von Nathan Schocher [ Sélection CINEMA ]
Satte Farben vor Schwarz

Senta Berger und Bruno Ganz spielen das seit fast 50 Jahren verheiratete Paar Anita und Fred. Das Leben hat es gut mit ihnen gemeint, sie wohnen in einer luxuriösen Villa, sind Eltern zweier schon erwachsener Kinder, ihr Enkelkind macht gerade Abitur. Eines Tages sieht Anita beim Einkaufen auf der Strasse plötzlich Fred, der sich doch eben ins Büro verabschiedet hatte. Es stellt sich heraus, dass Fred sich eine Wohnung gekauft hat, die schon fast fertig renoviert ist. Aufgrund seiner Krebserkrankung glaubt er, ein Recht auf mehr Freiraum zu haben, einen Platz, wo er für sich sein darf. Anita empfindet diesen Schritt als Verrat an ihrer Ehe. Kurzerhand zieht sie aus Protest in eine Seniorenresidenz. Ein schmerzhafter Prozess beginnt, in dem sich Anita und Fred zwar wieder annähern, aber dennoch von allem Abschied nehmen müssen.
Mit Satte Farben vor Schwarz wagt sich die Schweizer Jungregisseurin Sophie Heldman an das heikle Thema Alterssuizid. Sie erzählt eine Geschichte, die viele spannende Fragen aufwirft: Wie begegnet man einer Krebserkrankung? Wie entscheidet man sich für oder gegen eine Behandlung? Wen bezieht man in eine solche Entscheidung mit ein? Und wie verändern diese Entscheidungen eine Beziehung? Durch ihre ruhige, einfach den Alltag der Figuren beobachtende Erzählweise gibt Heldman dem Zuschauer viel Raum für Fragen. Mit Antworten hält sie sich zurück, lässt den Zuschauer letztlich bezüglich der Motivation der Figuren im Dunkeln. Dies eröffnet zwar viel Interpretationsspielraum, jedoch wenig Möglichkeiten sich in die Figuren hinein zu fühlen. So verschenkt Heldman viel Identifikationspotential.
Stattdessen vertraut die Regisseurin ganz auf die elegante Bildgestaltung und das sorgfältige Spiel ihrer Schauspieler. Mit Bruno Ganz und Senta Berger konnte sie zwei Stars gewinnen, die ihr Bestes geben, um ihren Figuren Glaubwürdigkeit zu verleihen. Doch der Bruch mit den bürgerlichen Konventionen, den die Wahl des Freitodes darstellt, wird weder motiviert noch in seiner Schärfe herausgearbeitet, dazu fehlt es dem Film an Dramaturgie, am Spannungsbogen.
Erst gegen Ende entwickelt Satte Farben vor Schwarz nochmals etwas Drive, als Anita und Fred gemeinsam an der Abiturfeier ihrer Enkeltochter zu „I‘m So Excited“ auf der Tanzfläche ein letztes Mal richtig abrocken; aber das war es dann auch schon mit der Aufregung. Anschliessend wird man Zeuge eines quälend langsamen Freitodes, der einen ratlos und seltsam unberührt zurücklässt.

PRODUKTION: Dschoint Ventschr Filmproduktion AG (Zürich), Unafilm GmbH (Köln) 2010. BUCH: Sophie Heldman, Felix zu Knyphausen. REGIE: Sophie Heldman. KAMERA: Christine A. Maier. TON: William Frank. SCHNITT: Isabel Meier. M: Balz Bachmann. DARSTELLER: Senta Berger, Bruno Ganz, Leonie Benesch, Carina N. Wiese, Barnaby. Metschurat. VERLEIH: Look Now! (Zürich). WELTVERTRIEB: Beta Film GmbH (Oberhaching).
35 mm, Farbe, 87 Minuten, Deutsch.

17.1.2011, 09:00 | Permalink

CINEMA 56: BEWEGT

Von  Redaktion [ Aktuelle Ausgabe ]


Seit die Bilder laufen lernten, assoziieren wir Filme mit Bewegung – nicht ohne Grund heissen sie im Englischen auch ‹Motion Pictures›. Die Filmkamera bewegt sich, schwenkt, fährt und zoomt heran; die Protagonisten vor der Linse bewegen sich auf sie zu und entfernen sich, abrupt oder langsam; ruhige Einstellungen werden durch Schnitte zu bewegten und bewegenden Geschichten montiert. Und CINEMA 56 bewegt nun auch!

In der neusten Ausgabe des Filmjahrbuchs interessierte uns, was die unterschiedliche Inszenierung von Bewegung bewirkt, wie sie eingesetzt wird, welche Filme sie geprägt hat. Jedes Genre – ob Roadmovie, Animationsfilm, Actionstreifen oder Melodrama – kennt seine eigenen Bewegungsabläufe und -rhythmen. Aber nicht nur technische und inszenatorische Aspekte beschäftigten die Autoren und Autorinnen des CINEMA 56, denn Kino bewegt auch auf anderen Ebenen: Mit bewegenden Geschichten und Schicksalen werden Emotionen geschürt – bei den Filmfiguren auf der Leinwand und auch beim Publikum im Kinosaal. Das breite Spektrum des Begriffs wurde gedeutet, analysiert und lustvoll untersucht.

Und wie jedes Jahr gibt es im Kapitel Sélection CINEMA einen Überblick über das Schweizer Filmschaffen 2009/2010 mit kritischen Kommentaren.

Herausgegeben von: Anita Gertiser, Daliah Kohn, Nathalie Jancso, René Müller, Bettina Spoerri.

Im Buchhandel, beim Verlag oder direkt bei der Redaktion zu beziehen.

15.1.2011, 12:51 | Permalink

Zu Zweit [Barbara Kulcsar]

Von Natalie Böhler [ Sélection CINEMA ]
Zu Zweit

Andreas und Jana sind Ende Dreissig, seit zehn Jahren verheiratet und Eltern von vierjährigen Zwillingen. Im Lauf der Zeit hat sich die Routine in ihre Beziehung eingeschlichen, und die Liebe droht ihnen immer mehr abhandenzukommen. Zeit für einen verzweifelten Rettungsversuch: Ein romantisches Wochenende im Tessin soll die Leidenschaft wiederbeleben und den Gefühlshaushalt ins Lot bringen. Doch es ist Winter, das Tessin ist verregnet, und schon auf dem Weg dorthin küsst Andreas eine Andere, was den Ausflug zum Nullpunkt der Ehe werden lässt. Wie weiter, wenn überhaupt? Der Film verschachtelt diese Zeitebene der Handlung mit einer zweiten, späteren, in der das Paar beim Therapeuten sitzt, die Ereignisse rekonstruiert und sie im Gespräch auszuwerten versucht: Ein geschicktes Erzählmittel, das Dramatisches mit distanzierterem Humor, eine bewegte Handkamera mit Statik und das Beziehungskistengewurschtel mit theoretischer Reflexion ausbalanciert.

Der Film entwirft lauter mögliche Gründe für das Straucheln der Liebe – die Kinder, der Stress, der Alltag – um schliesslich in Ratlosigkeit zu verharren. In der zweiten Hälfte verliert der Film entsprechend an Frische und Schwung, der Plot wird von etwas gar vielen Zufällen gelenkt. Dennoch sehenswert sind die grosse Natürlichkeit, mit der inszeniert und gespielt wird, und die liebevoll beobachteten Details aus dem Familien- und Paaralltag: das Chaos am Frühstückstisch, die kleinen Hoffnungen auf Romantik, die ins Leere laufen, das immer wieder haarscharfe Verfehlen der Harmonie und die nagenden Enttäuschungen, die daraus hervorwuchern.

Zu zweit, das Spielfilmdebüt von Barbara Kulcsar, Absolventin der ZdhK-Filmklasse, gewann den Zürcher Filmpreis 2010. Interessant ist das Ineinandergreifen von Produktionsbedingungen und Arbeitsweise. Anstatt öffentliche Fördermittel zu beantragen, entschloss sich das Produktionsteam, seine Zeit und Energie direkt in die Realisierung des Films zu stecken. Die Entscheidung für eine No-Budget-Produktion wurde konsequent umgesetzt: Gedreht wurde in wenigen Tagen mit kleinstmöglicher Crew, Requisiten und Kostüme stammen aus dem Privatfundus, die Aufnahmen entstanden mit natürlichen Lichtquellen und an realen Schauplätzen. Die Kamera arbeitete dabei mit Tiefenunschärfe, um die Sperrung der Schauplätze zu umgehen. Das klar durchdachte, intelligente Produktionskonzept verleiht dem Film eine Intensität und Dringlichkeit und ist seine eigentliche Stärke.

PRODUKTION: HC Vogel, Plan B Film (Zürich), 2010. REALISATION: Barbara Kulcsar. BUCH: Barbara Kulcsar, Anina La Roche. KAMERA: Orit Teply. SCHNITT: Christoph Menzi. TON: Jan Illing. MUSIK: Balint Dobozi. DARSTELLER: Linda Olsansky, Thomas Douglas, Peter Jecklin, Ragna Guderian. VERLEIH: Frenetic Films (Zürich).
HD, Farbe, 70 Minuten, Schweizerdeutsch/Deutsch.

07.1.2011, 09:08 | Permalink