Der Sandmann [Peter Luisi]
| Von Simon Meier | [ Sélection CINEMA ] |

Der dritte Spielfilm von Peter Luisi erzählt die ungewöhnliche Geschichte des Briefmarken-Antiquars Benno. Dieser ist ein frustrierter, notorischer Lügner, beruflich wie privat. Einzig zu seiner Nachbarin Sandra, die unter seiner Wohnung ein Café betreibt, ist er unmaskiert fies und zieht boshaft über ihre abendlichen, ruhestörenden Gesangsversuche her. Als Benno einen seltsamen, idyllischen Traum von sich und seiner verhassten Nachbarin am Meer hat, beginnt er Sand zu verlieren. Sand, der ihm buchstäblich vom Körper rieselt. Anfänglich versucht er diesen noch zu verstecken, doch nimmt die Menge des Sandes im weiteren Verlauf beängstigende Ausmasse an. Je mehr Sand Benno verliert, desto mehr löst er sich selber auf. Bald wird klar, dass das immer dann passiert, wenn er lügt.
Der Film besticht formal durch die ungewöhnliche Zusammenführung von Komödie und metaphorischem Drama. Zu Beginn wird der Fokus mehr auf die ironischen Aspekte des Themas gelegt: Wie Benno etwa dauernd den Sand vor seinem Umfeld zu verstecken versucht, und wie die überzeichneten Figuren darauf reagieren. Gegen Ende wird Der Sandmann mehr und mehr zu einem Drama. Denn als Benno merkt, dass er nur noch die Wahrheit sagen darf, um sich vor dem totalen Auflösen in formlosen Sand zu bewahren, verliert er die Lust daran, fiese Sprüche zu klopfen und seinen Makel vor seinem Umfeld zu verstecken. Waren Benno und Sandra zu Beginn passive Zuschauer in ihren Träumen – die eine Art Gegenwelt heraufbeschwören, in denen die beiden ein verliebtes Liebespaar sind – können sie diese nun aktiv steuern. In diesen diffusen Traum-Realitäten treffen sie auf alternative Persönlichkeiten ihrer selbst und hinterfragen dadurch ihre eigenen Identitäten.
Mit Der Sandmann ist Peter Luisi ein bestechend ungewöhnlicher Film gelungen. Sein drittes Werk – nach Verflixt verliebt (CH 2004) und Love Made Easy (CH 2006) – zeichnet sich durch eine innovative Mischung von Tragik und Komik aus. Der Filmemacher reizt das Sandmotiv dramaturgisch wie gestalterisch voll aus. Heraus ragt die schauspielerische Leistung von Fabian Krüger, der einnehmend den verbitterten Fiesling mit weichem Kern spielt. Krüger kennt man von seinen Auftritten am Zürcher Schauspielhaus unter Intendant Hartmann, von dem er gern als Spezialist für skurrile Figuren eingesetzt wurde, etwa in Don Juan.
Der Sandmann gewann zahlreiche Festivalpreise, u.a. den Max Ophüls Publikumspreis.
P: Spotlight Media Productions AG (Zürich), SRF 2011. B/R: Peter Luisi. K: Lorenz Merz. T: Oliver Schwarz. S: Claudio Cea. M: Martin Skalsky, Christian Schlumpf, Michael Duss. D: Fabian Krüger, Frölein DaCapo (Irene Brügger), Beat Schlatter, Florine Deplazes. V: Cineworx (Basel). W: Atrix Films (Starnberg).
35mm, Farbe, 87 min, Schweizerdeutsch/Deutsch.

