Manipulation [Alex Martin, Pascal Verdosci]

Von Bettina Spoerri [ Sélection CINEMA ]
Manipulation

Walter M. Diggelmanns Roman „Das Verhör des Harry Wind“ von 1962 spielte in den späten fünfziger Jahren und bezog sich auf den geheimen Plan zum Bau einer Atombombe und die heimliche Überwachung der eigenen Bevölkerung. Im Kern aber ging es um die Beeinflussbarkeit der öffentlichen Meinung mittels manipulierter Fakten und konstruierter Feinde: ein Thema, das gerade heute wieder brisant ist. Alex Martin und Pascal Verdosci haben sich an eine Filmversion des Stoffes gewagt, in der ein cleverer, aber windiger PR-Berater (Sebastian Koch) zum willigen Helfer der reaktionären Männer wird, die an den Hebeln der Macht sitzen. Sein Gegenspieler ist der Spezialagent Urs Rappold (Klaus Maria Brandauer), der kurz vor seiner Pensionierung steht und durch diesen Fall in seinem Wahrheitsverständnis tief verunsichert wird.

Alles beginnt mit einer Küchenschürze. Gemäss Harrys Geschichte – wie sie im Film erzählt wird – ist ihr durchsichtiger Stoff daran schuld, dass er schon als Kind den Glauben an den Wert der Wahrheit verlor. Sein Cousin, der mit ihm wie ein Bruder aufwuchs, wurde des Diebstahls beschuldigt, obwohl doch Harry der Schuldige war, der denn auch seine Tat gleich gestand. Aber die Mutter lehrte ihn, dass Tatsachen auch durch Manipulation hergestellt werden können: Sie führte ihn zu seinem leeren Sparschwein, zur Demonstration, dass er das Geld nicht aus der Ladenkasse entwendet hatte. Doch durch die Tasche der Küchenschürze seiner Mutter sah er den Geldschein schimmern, den sie dorthin gesteckt hatte… Aber ist diese Geschichte über die Korrumpierung einer Kinderseele erfunden? Jahre später jedenfalls hat Harry diese Lektion verinnerlicht.

Die filmische Umsetzung des explosiven Stoffs ist leider allzu zahm geraten. Zum einen schliesst die sorgfältige zeitgenaue Ausstattung von Franz Bauer eine Aktualisierung aus. Vor allem aber vertraut Manipulation nicht auf die Kraft der raffinierten Erzählweise des Romans und erklärt Zusammenhänge gleich mehrfach, was eine gewisse Zähflüssigkeit bewirkt. Der Film bleibt zudem gängigen Thriller-Konventionen verhaftet und setzt auf einen aufdringlichen Soundtrack. Immerhin tragen Brandauer und Koch in den Hauptrollen über manche Schwächen des Drehbuchs, das fast alle anderen Figuren vernachlässigt, hinweg. Der zwiespältige Eindruck, den der Film hinterlässt, bestätigt sich im Abspann. „Ein Film von Alex Martin“ steht da, sodann: „Regie: Pascal Verdosci“. Der Regisseur und der Mann, der bei diesem Projekt zugleich Autor und Produzent war und auch für den Schnitt verantwortlich zeichnet, haben sich zwar wieder zusammengerauft, damit die teure europäische Koproduktion doch noch fertiggestellt werden konnte. In Zukunft wollen sie aber getrennte Wege gehen. Das Seilziehen zwischen stark divergierenden Interpretations- und Regieansätzen ist dem Film anzumerken: Er entwickelt keine klare künstlerische Handschrift.

PRODUKTION: Sunvision Filmatelier Basel GmbH (Basel), Filmfonds.ch GmbH (Basel) 2011. BUCH: Alex Martin, Marion Reichert. REALISATION: Pascal Verdosci. KAMERA: Krzysztof Ptak. TON: Michael Hermann, Carsten Schmid. SCHNITT: Alex Martin. MUSIK: Peter Philippe Weiss, Burkhard Dallwitz. DARSTELLER: Klaus Maria Brandauer, Sebastian Koch, Thomas Douglas, Susanne Abelein, Markus Merz, VERLEIH: Elite Film AG (Zürich). WELTVERTRIEB: Filmfonds.ch GmbH (Basel).
35mm, Farbe, 90 Minuten, Deutsch.

26.7.2011, 10:58 | Permalink

Goodnight Nobody [Jacqueline Zünd]

Von Bettina Spoerri [ Sélection CINEMA ]
Goodnight Nobody

Die Nacht scheint ewig, wenn man nicht schlafen kann. Was das bedeutet und wie ein zu langer Wachzustand die Sinne beeinträchtigt, erkundet Jacqueline Zünd in Goodnight Nobody. Der Dokumentarfilm spürt den mentalen Auswirkungen der Krankheit Insomnia nach, indem er vier ganz unterschiedliche Menschen durch die Nacht begleitet und ihre Befindlichkeit nicht nur präsentiert, sondern zumindest annähernd nachvollziehbar macht. In Burkina Faso, in der Ukraine, in Shanghai und in Arizona wohnen die zwei Männer und zwei Frauen, deren Leben durch chronische Schlaflosigkeit stark beeinträchtigt wird: der Nachtwächter Jérémie, die Punkfrau Mila, die Krankenschwester Lin Yao und Fedor, ein älterer Mann, den Zeitungen auch schon als unheimliche Sensation dargestellt haben.

Kommentare der Betroffenen über ihren Zustand wechseln in Goodnight Nobody mit starken atmosphärischen Dämmerungs- und Nacht-Bildern: das Lichterspiel der Hausfassaden in der nur halb erleuchteten Metropole Shanghai, das Scheinwerferlicht und die Schatten auf verlassenen amerikanischen Strassen, das Grau des trostlosen Hinterlands in der Ukraine, kontrastiert mit dem Licht schwacher Birnen in kargen, ärmlichen Innenräumen, schwarzen Silhouetten von Radfahrern auf staubigem Untergrund in Burkina Faso.

Mutig ist der konsequente Verzicht der jungen Zürcher Filmemacherin auf Erklärungen des geheimnisvollen und erstaunlichen Insomnia-Phänomens. Dieses muss bis zum Schluss rätselhaft bleiben, denn die Regisseurin hat bewusst und klugerweise medizinische oder psychologische Definitionen und Deutungen weg gelassen. Allerdings erscheint trotz der Konzentration auf den Imsomnia-Zustand die geografisch weit ausgreifende – und nicht zuletzt auch sehr aufwändige – Auswahl der Protagonisten letztlich zu wenig zwingend, da der Film Gemeinsamkeiten und Verschiedenheiten nicht thematisiert. So erfährt man beispielsweise nicht, wie sich das Leben mit diesem stark beeinträchtigenden Phänomen an einem Ort von dem an einem anderen Ort unterscheidet und wie der Umgang damit sich durch kulturelle oder arbeitsspezifische Gegebenheiten verändert. Die schillernde Grauzone zwischen Wachzustand und Schlaf unterstreicht aber Marcel Vaids subtile Musikkomposition (für die er bereits zum zweiten Mal mit dem Schweizer Filmpreis in dieser Sparte ausgezeichnet wurde), die die schiere Unerträglichkeit eines andauernden Zwangs zum Wach-Sein mit sirrenden, pochenden, schwebenden Klängen beinahe physisch spürbar macht. Der langsame Rhythmus des Films und die unwirklichen Szenerien erzeugen einen hypnotisierenden Sog, dem man sich am besten nicht in nüchtern-wacher Stimmung aussetzt.

PRODUKTION: DOCMINE Productions AG (Zürich), mixtvision (München), Schweizer Radio und Fernsehen 2010. BUCH/REALISATION: Jacqueline Zünd. KAMERA: Nikolai von Graevenitz, Lorenz Merz. TON: Andreas Prescher; Roman Bergamin (Rerecording Sound Mix). SCHNITT: Marcel Derek Ramsay, Natali Barrey. MUSIK: Marcel Vaid. VERLEIH: Columbus Film (Zürich). WELTVERTRIEB: Autlook Filmsales GmbH (Wien).
35mm, Farbe, 75 Minuten, Englisch/Chinesisch/Französisch/Ukrainisch

26.7.2011, 10:54 | Permalink