Day Is Done [Thomas Imbach]

Von Natalie Böhler [ Sélection CINEMA ]
Day Is Done

Aufnahmen aus dem Atelierfenster und die aufgezeichneten Nachrichten des Telefonbeantworters: Über zwanzig Jahre hinweg sammelte der Zürcher Filmemacher Thomas Imbach beides. Aus diesem audiovisuellen Archiv ist entstanden, eine Art Tagebuchfilm. Chronologisch reihen sich Gesehenes und Gehörtes aneinander. Der Vater erzählt aus den Ferien und gratuliert zum neuen Film, die Grossmutter gerät in Verlegenheit wegen des Piepstons, die junge Frau lädt zum Bad im See ein... Aus den Fragmenten entsteht eine Geschichte: die einer Zeitspanne im Leben einer Hauptfigur, die nur für Sekunden schemenhaft vor der Kamera auftaucht und die man sonst nie sieht oder hört. Es ist eine autobiographische Erzählung, deren Protagonist durch seinen Blick und sein Gehör anwesend ist, ansonsten aber passiv erscheint; er blickt aus dem Fenster, während Leute versuchen, ihn zu erreichen, ist gleichzeitig an- und abwesend. Zwischendurch verleihen ihm eingespielte Stücke aus Songs eine Stimme, sie drücken seine Befindlichkeit aus, bevor sie mit harten Schnitten abrupt wieder abbrechen: Stimmungen sind relativierbar, da zeit- und lebensabschnittsgebunden.
Wieviel Zeit zwischen den Aufnahmen liegt, erahnen wir nur. Es wechseln sich Schneegestöber, Sommergewitter, Herbstsonne ab, die Zeit vergeht, und grosse Dinge geschehen: Liebe, Tod, Geburt, Trennung. Immer stärker wird die Vergänglichkeit greifbar. Der Titel des Films ist einem Song von Nick Drake entnommen, der von der Melancholie des Vergehens handelt: «When the day is done, down to earth then sinks the sun, along with everything lost and won.» Nichts währt ewig, alles geht vorüber.
Was gleich bleibt: der Blick aus dem Fenster. Der Blickpunkt bietet eine Vielzahl von Details, die sich ihrerseits aber laufend verändern: Die Leuchtsignale auf der Hardbrücke erstrahlen, die Züge werden moderner, ein Hochhaus entsteht etagenweise. Day Is Done ist auch ein Landschaftsfilm, der die Entwicklung einer urbanen Topografie beobachtet, und eine Hommage an Zürichs Hardbrücke. Das Portrait des Mannes wandelt sich mit dem Portrait seiner Stadt, beide verändern sich im Lauf der Zeit. Ausserdem ist der Film eine Reverenz an den Telefonbeantworter. Im Zeitalter von SMS und Livechat, in dem die menschliche Stimme auf der Combox meist bloss noch kurze, knappe, funktionale Nachrichten hinterlässt, wirken die langen, persönlichen Botschaften auf dem Beantworter wie ein Anachronismus, dessen Intimität berührt.
Day Is Done wurde an den Berliner Filmfestspielen 2011 uraufgeführt.

PRODUKTION: Okofilm Productions GmbH (Schweiz), 2011. BUCH: Thomas Imbach, Patrizia Stotz.REALISATION/KAMERA: Thomas Imbach. TON: Félix Blume, Christian Manzutto. SCHNITT: Gion-Reto Killias, Thomas Imbach. MUSIK: Peter Bräker. DARSTELLER: Thomas Imbach. VERLEIH: Monopole Pathé (Zürich).
DCP, Farbe, 111 Minuten, Schweizerdeutsch.

18.10.2011, 18:17 | Permalink

Giochi d'estate [Rolando Colla]

Von Nathalie Jancso [ Sélection CINEMA ]
Giochi destate

Sommer an einem Strand in der Toskana, Zelte im Pinienhain, die Grillen zirpen, die Luft flirrt vor Hitze. Die Ferienstimmung, die Regisseur Rolando Colla und Kameramann Lorenz Merz mit den ersten Bildern von Giochi d’estate evozieren, ist jedoch trügerisch. Denn unter der träge- entspannten Oberfläche der sommerlichen Idylle lauern Dissonanzen.
Der Teenager Nic, sein kleiner Bruder und sein Vater haben sich auf dem Campingplatz eingerichtet. Die Mutter kommt später dazu – die Stimmung zwischen den Eltern wirkt angespannt. Bald wird klar wieso: Der Vater tickt regelmässig ohne Grund aus und schlägt zu. Nic, noch zu jung und schwach um sich für seine Mutter zu wehren, aber alt genug, um Hass zu empfinden, hat sich einen regelrechten Gefühlspanzer zugelegt. Mit stets coolem, ablehnendem Blick geht er durch die Welt und behauptet nichts zu empfinden, keinen Schmerz, keine Freude. Für seinen Vater hat er nur Verachtung übrig, doch auch seine Mutter, die immer wieder zum Schläger zurückkehrt, ist kaum ein Vorbild. Am Strand begegnet Nic der hübschen Marie, die mit Schwester und Mutter ebenfalls in Italien im Urlaub ist. Auch sie fühlt sich allein gelassen von den Erwachsenen: Ihr sehnlichster Wunsch ist es, ihren unbekannten Vater kennenzulernen, doch ihre Mutter verweigert ihr jede Auskunft über dessen Verbleib.
Mit ihren kleineren Geschwistern und Lee, dem Sohn des Kioskbesitzer, spielen Nic und Marie – ausser Reichweite der Eltern – in einer verfallenen Hütte. Nic, der Älteste, hat hier das Sagen. Seine unterdrückten Aggressionen drohen die naiv-unbekümmerten Machtspiele immer wieder in blutigen Ernst kippen zu lassen. Gleichzeitig beginnt er Gefühle für Marie zu entwickeln, mit denen beide nicht recht umgehen können.
Rolando Colla, Schaffhauser Regisseur mit italienischen Wurzeln, erzählt in Giochi d’estate eine universelle Geschichte über das Erwachsenwerden. Er zeigt, wie Jugendliche ihr Leben selbst in die Hand nehmen und schlechte Erfahrungen hinter sich lassen können – Nic und Marie erleben ihre erste Liebe. Dem stellt er die Unfähigkeit der Erwachsenen gegenüber, sich aus eingetretenen Pfaden zu befreien.
Der Film will mehr als eine Geschichte erzählen, er will eine Atmosphäre und die Stimmungslage der Protagonisten fühlbar machen. Das gelingt über weite Stecken gut, doch manchmal drohen die durchwegs schönen Bilder – wie zufällig aufgenommen und doch sorgfältig komponiert – zu sehr ins Symbolhafte und Geschmäcklerische zu kippen, die bloss angedeuteten Stimmungen wirken dann plötzlich dick aufgetragen. Dabei genügt es den durchwegs talentierten (Jung)Schauspielern zuzusehen, um zu spüren, was die Figuren bewegt.
Giochi d’estate, der seine Weltpremiere im Wettbewerb des Filmfestivals von Venedig 2011 feierte, wurde als offizieller Teilnehmer der Schweiz für das Rennen um den «ausländischen Oscar» 2012 ausgewählt.

PRODUKTION: Peacock Film (Zürich), Classic srl (Rom), RSI, ARTE 2011. BUCH: Rolando Colla, Roberto Scarpetti, Olivier Lorelle, Pilar Anguita-MacKay. REALISATION : Rolando Colla. KAMERA : Lorenz Mer. SCHNITT : Rolando Colla, Didier Ranz. TON: Michael Duss. MUSIK: Bernd Schurer, Nikolaj Grandjean. DARSTELLER : Armando Condolucci, Fiorella Campanella, Alessia Barela, Antonio Merone, Francesco Huang. VERLEIH: Look Now! (Zürich). WELTVERTRIEB: Rezo Films (Paris).
35 mm, Farbe, 101 Minuten, Italienisch.

18.10.2011, 17:59 | Permalink