Work Hard, Play Hard [Marcel Wyss]

Von Sascha Lara Bleuler [ Sélection CINEMA ]
Work hard, play hard

«Alle kommen am Montag erholt ins Büro, nur ich bin leichenblass!» Tim, ein erfolgreicher Mittdreisssiger, stürzt am Wochenende regelmässig ab. Er geniesst seinen ‚kontrollierten’ Kokskonsum und hofft, dass er bis zu seinem Tode so weitermachen kann. Die Droge für eine Beziehung aufgeben würde er nie. Tim führt ein Leben auf der Überholspur und muss im Büro schon mal vierzehn Stunden durcharbeiten. Da hilft es, auf der Klobrille eine Linie Koks zu ziehen und schon funktioniert das Hirn wieder – er sieht klar, ist leistungsfähig, cool.

Der Filmemacher Marcel Wyss verbirgt das Gesicht seines Protagonisten nicht mit den gängigen Verfremdungseffekten, sondern animiert Tims Kopf kunstvoll mit von Hand gezeichneten Illustrationen von Rodja Galli. Tim kriegt so einen anonymisierten, gutaussehenden Yuppie-Look mit Sonnenbrille. Die Kamera fängt das Hochgefühl des Koksers mit visuell stimmigen Bildern ein: Zeitraffer des urbanen Stadtgewimmels, verschwommen tanzende Verkehrsampeln, ein flammender Carachillo in einem düsteren Tanzclub und ein psychodelisches Sounddesign vermitteln einen salonfähig gewordenen Lebensentwurf, der von Erfolg, Schein und Who-is-Who-Anlässen geprägt ist. Wer heute gut verdient, kann sich Koks problemlos leisten. Man ist ein bisschen cooler, schneller, wacher und in diesem Sinne passt die Gesellschaftsdroge sehr zur heutigen Zeit, sinniert der melancholisch verlebte Clown Marco Morelli, der früher gerne mal vor einem Seiltanz eine Linie zog, aber heute die Finger vom weissen Staub lässt. Man dürfe die Partydroge aber keinesfalls verteufeln, so Morelli, sonder müsse die Sonnenseite ebenfalls enttabuisieren.

Wyss, der sich schon 2005 in seinem Kurzfilm Nach dem Fall filmisch mit der Heroinsucht seinen Bruders auseinander setzte, geht auch in Work Hard, Play Hard behutsam und ohne moralischen Zeigefinger an sein medial stark vorbelastetes Thema heran. Emotional bleibt Wyss aber seinen Subjekten gegenüber auf Distanz und so bleibt das Doppelporträt – nicht zuletzt aufgrund der arg geschwätzigen Protagonisten – zu sehr an der Oberfläche und schrammt mitunter knapp an der Faszinations-Symbolik von fiktiven 'kritischen' Drogenthrillern wie Fear and Loathing in Las Vegas vorbei. Mit der tickenden Ästhetik von Uhrzeit-Zwischentiteln vermittelt Wyss (der das weisse Pulver im Selbstversuch getestet hat) das rastlose Lebensgefühl der Kokser, und man ist überrascht, als dann die Milieustudie mit einer etwas forcierten 'Zmörgele-Szene' zwischen den ungleichen Protagonisten nach 40 Minuten abrupt zu Ende ist.

PRODUKTION: Lomotion AG (Bern) 2011, Louis Mataré. BUCH: Marcel Wyss. REALISATION: Marcel Wyss KAMERA: Dominik Gehring, Tobias Kaufmann, Marcel Wyss. TON: Marcel Wyss, Peter von Siebenthal. SCHNITT: Marcel Wyss, David Fonjallaz. MUSIK: Niklaus Hürny, Fabian M. Mueller, Alexandre Maurer, Don Li. ANIMATION: Rodja Galli, Pinto Galli, Rahel Soumaya Mekni, Yannick Mosimann. VERLEIH/WELTRECHTE: Lomotion AG.
Farbe, 40 min, Schweizerdeutsch

25.8.2012, 14:28 | Permalink

Where the Condors Fly [Carlos Klein]

Von Doris Senn [ Sélection CINEMA ]
Where the Condors fly

Im Zentrum von Where the Condors Fly steht der russische Dokumentarfilmregisseur Victor Kossakovsky und die Dreharbeiten zu seinem jüngsten Film ¡Vivan las Antipodas!. Es ist ein essayistisches Making-of, das der chilenische Regisseur Carlos Klein in seinem Debüt über den genialischen Kossakovsky geschaffen hat. Dieser hatte einen kundigen Führer für Patagonien gesucht und war dabei auf Klein gestossen. Letzterer wiederum kämpfte mit einer persönlichen Schaffenskrise und nutzte das Projekt für eine Reflexion über Sinn und Zweck des Filmemachens.

Where the Condors Fly nimmt uns mit ans Ende der Welt, wo Kossakovsy auf Rekognoszierung geht. Wir sehen die Welt durch seine Kamera, die uns erst einmal gründlich durchschüttelt, die Welt kopfstehen lässt, während wir Kossakovsky aus dem Off schimpfen hören. Wild zoomt er vorwärts, rückwärts, verkantet die Kamera, schreit «Go!» und «Stop!», während unser Blick unweigerlich von ein paar hellblauen Eisbergwürfeln in der mächtigen Landschaft angezogen wird. Klein gibt uns im Lauf des Films immer wieder die Sicht frei auf die grossartigen Gegenden, die Kossakovsky filmt – aber auch Einblicke hinter die Kulissen. Und so sehen wir, wie der russische Regisseur bei der Aufnahme eines sibirischen Frauenchors vor Rührung weint, wie er andächtig vor der Kamera sitzt, die Augen auf ein paar weisse Gänse in einem lichtdurchfluteten Stall gerichtet, oder enthusiastisch auf kleine Trouvaillen in seinen Rushes reagiert. Where the Condors Fly ist aber auch Anschauungsunterricht zum dokumentarischen Filmemachen: Da werden Bildausschnitte bestimmt, Verhandlungen mit der Produzentin geführt und da wird von Kossakovsky persönlich die Ackererde umgewühlt, um ein bestimmtes Rot in die farbliche Bildkomposition zu bringen. Wir erfahren: Dokumentarfilm heisst nicht Abfilmen von Vorhandenem, sondern Gestalten von Realität. Besonders bei Victor Kossakovsky.

Der 51-jährige Kossakovsky hat in seiner rund 20-jährigen Filmkarriere nicht wenige Meisterwerke geschaffen, darunter Belovy (1994) über eine russische Bauernfamilie, oder Tishe! (2003), für den Kossakovsky ein Jahr lang aus seinem Wohnungsfenster den Blick auf die Strasse filmte, oder auch den Kurzfilm Svyato (2005), in dem er festhielt, wie sich sein kleiner Sohn zum ersten Mal im Spiegel wiedererkannte. Der Meisterregisseur gilt als ebenso minimalistisch wie grandios poetisch. Bei der Kreation von ¡Vivan las Antipodas! nun porträtiert Kossakovsky Menschen und Landschaften, die sich auf dem Globus diagonal gegenüber befinden. Carlos Klein begleitete ihn dabei und befragte ihn mitunter, um dann die Bruchstücke und Fragmente zu einem ausdrucksstarken Puzzle zusammenzufügen. Und so gibt Where the Condors Fly nicht nur Einblick in die Seele des grossen russischen Dokumentarfilmers, sondern zeigt auch, wie er – ausgehend von seiner Vision – die Welt für den Film neu erschafft.

PRODUKTION: Mira Film (Zürich), TM Film (Freiburg), CKFilms (Santiago de Chile) 2012. REALISATION, KAMERA: Carlos Klein. SCHNITT: Carlos Klein, Beatrice Babin, Vadim Jendreyko. TON: Mario Diaz, Patrick Becker, Rafael Huerta, Hunag Xun. WELTRECHTE: Taskovski Films (London).
Farbe, 90 Minuten, Englisch, Russisch, Spanisch, Deutsch.

25.8.2012, 13:39 | Permalink

Das Missen Massaker [Michael Steiner]

Von Simon Meier [ Sélection CINEMA ]
Missen Massaker

Die Miss-Schweiz-Kandidatin Jasmin hat ein Ziel: Die Heilung ihrer psychisch Kranken Mutter, die bei einer frühren Miss-Schweiz-Wahl unterlag und darauf den Verstand verlor. Seiher dämmert sie in einer Parallelwelt aus Glimmer, Krönchen und Prominenz vor sich hin. Mit ihrer Kandidatur hofft sie, ihre Mutter heilen zu können. Nach dem ominösen Mord der Miss Zürich rutscht Jasmin als Zweitplazierte nach und reist mit fünfzehn weiteren Kandidatinnen auf eine Insel im Tanga Atoll, wo sie auf die aktuelle Miss-Schweiz-Wahl vorbereitet werden sollen. Mit dabei ist die Managerin Carmen, der unzimperliche PR-Agent Pino Falk und das Fotografenduo Serge und Didi. Kaum auf der Insel angekommen, bricht eine Mordserie unter den Kandidatinnen und der Crew aus und der Kontakt zum Festland bricht ab. Ist es ein Fluch der Inselgötter, wie zu Anfang glauben gemacht, oder doch eine der Missen, die sich so den ersten Platz unzimperlich erstreiten will? Nicht wenige scheinen ein Motiv für die Morde zu haben, aber wer ist der Mörder oder die Mörderin?

Die Geschichte And Then There Were None (1939) von Agatha Christie ist ein Klassiker der Thriller Literatur. Die Handlung um zehn Personen mit einer ominösen Vergangenheit, die auf eine Insel gelockt werden und dann eine nach der anderen auf möglichst ausgefallene Weise ermodert werden, wurde hundertfach kopiert und variiert. Besonders unterhaltsam gelang dies Family Guy in der Staffeleröffnung And Then There Were Fewer (2010). Michael Steiners Version zeichnet sich durch einen Mix aus Horror und absurdem Humor aus. Der Lusttrieb wird auf unterhaltsame Weise dem Überlebenstrieb gegenüber gestellt: Trotz der Todesgefahr durch den unbekannten Mörder treibt die Managerin Carmen das Liebesspiel auf alle nur erdenkliche Weisen mit dem unterwürfigen Fotografen Didi. Dieser heult, bellt, grunzt und schmatzt und versinnbildlicht das Animalische, das auf der Insel Einzug gehalten hat. Im Moment der Todesangst oder eben Mordlust gibt es nur noch Triebe. Der Film ist dann am stärksten, wenn er durchdacht mit den Erwartungen des Zuschauers spielt und man nicht mehr weiss, ob eine der Missen nun nur träumt, dass sie erstochen wird, es wirklich wird oder auch das wiederum nur träumt. Dann gibt es natürlich noch ein Sammelsurium an intertextuellen Verweisen, die von Freddy Krueger über Scream bis hin zu Lost reichen. Der Genrekenner wird seine Freunde daran haben. – Das Missen Massaker ist ein trashiger Unterhaltungsfilm und will auch nicht mehr sein. Wer intellektuelle oder künstlerische Höhenflüge erwartet – so betonte der Regisseur an der Premiere in Zürich selber – der sitzt im falschen Film.

PRODUKTION: Kontraproduktion, Schweizer Radio und Fernsehen, Teleclub, Bernhard Burgener, Norbert Preuss (Schweiz) 2012. BUCH: Michael Sauter, Michael Steiner. REGIE: Michael Steiner. KAMERA: Pascal Walder. TON: Christophe Giovannoni, Patrick Storck. TONSCHNITT: Manuel Gerber. SCHNITT: Benjamin Fueter, Sophie Blöchlinger. MUSIK: Adrian Frutiger. DARSTELLERINNEN: Meryl Valerie, Lisa Maria Bärenbold, Patrick Rapold, Mike Müller, Martin Rapold, Nadine Vinzens, Anouschka Renzi, Silvia Medina, Jennifer Hurschler, Lisa Brühlmann. VERLEIH: Filmcoopi Zürich. WELTRECHTE: Kontraproduktion. Farbe, 98 min, Schweizerdeutsch.

25.8.2012, 13:14 | Permalink

Nachtlärm [Christoph Schaub]

Von Simon Meier [ Sélection CINEMA ]
Nachtlärm

Nachtlärm ist die zweite Zusammenarbeit zwischen Christoph Schaub und dem Schweizer Erfolgsautor Martin Suter. Ihr neustes Projekt erzählt von den Nöten der jungen Eltern Livia und Marco, die wegen ihres neun Monate alten Schrei-Babys in der Nacht kein Auge zukriegen. Auch in der Beziehung der beiden herrscht alles andere als harmonische Eintracht. Als Marco und Livia einmal mehr von ihrem Sprössling um den Schlaf gebracht werden, wenden sie das einzig sich bewährende Schlafmittel für den Kleinen an: Sich ins Auto zu setzen und über die Autobahn zu donnern. Als sie nach einem erneuten Streit auf einer Raststätte anhalten und sich kurz von ihrem Auto entfernen, hat das fatale Folgen: der Wagen wird, mitsamt dem Baby, entwendet. Es beginnt eine Verfolgungsjagd durch die Nacht, die die Protagonisten aus ihrem gewohnten Trott herausreist.

Die Nacht, die die Protagonisten umgibt, wird zu einem der zentralen Elemente des Films. Sie hebt die Gesetze des Tages auf, scheint die Zeit zu dehnen, verfremdet die Konturen des Bekannten ins Unheimliche, Fantastische. Immer wieder sieht man die Schemen von nächtlichen Fahrzeugen, Häusern oder Landschaften vorbeiziehen, die Lichter von Scheinwerfen durch das Dunkle brechen. Dunkelheit und Lichtkegel werden zur bestimmenden visuellen Ikonographie. Die Protagonisten ihrerseits werden zu Suchenden, die sich durch ein Labyrinth der Konturenlosigkeit schlagen, oft ohne sicheren Anhaltspunkt, wo sie nach ihrem Baby suchen sollen. Die Nacht wird zu einem riesigen Negativraum für die Ängste und Nöte der beiden Elternteile. Sie symbolisiert aber auch Exzess, Lüsternheit und Dekadenz, wie dies beim Autodieb der Fall ist, der sich mit dem mitgeschleppten Freudenmädchen vergnügen will. Dann ist da noch der Besitzer des Mercedes, mit dem die Eltern die Verfolgung des gestohlenen Autos aufgenommen haben. Auch seine Absichten sind alles andere als durchsichtig. Mit Nachtlärm haben die Filmemacher eine ungewöhnliche Mischung aus Roadmovie, Komödie und Thriller geschaffen, die durch ihren anhaltenden Spannungsbogen und das Oszillieren zwischen Dramatisch und Komisch fasziniert.

Christoph Schaub ist einer der erfolgreichsten Schweizer Regisseure. Mit seinen Spielfilmen Sternenberg (2004), Jeune Homme (2006), Happy New Year (2008) und Gulias Verschwinden (2009) erreichte er ein breites Publikum.

PRODUKTION T&C Film, X Filme Creative Pool, Marcel Hoehn, Stefan Arndt (Schweiz/Deutschland) 2012. BUCH: Martin Suter. REGIE: Christoph Schaub. KAMERA: Nikolai von Graevenitz. TON: Patrick Becker, Hubert Bartholomae. SCHNITT: Marina Wernli. MUSIK: Peter Scherer. DARSTELLERINNEN: Alexandra Maria Lara, Sebastian Blomberg, Georg Friedrich, Carol Schuler, Tiziano Jähde, Andreas Matti. VERLEIH: Columbus Film (Zürich). WELTRECHTE: T&C Edition (Zürich).
Farbe, 94 min, Deutsch.

25.8.2012, 12:44 | Permalink

He Was A Giant With Brown Eyes [Eileen Hofer]

Von Simon Meier [ Sélection CINEMA ]
He was a giant with brown Eyes

Aserbaidschan: Nach der Scheidung ihrer Eltern fällt Sabina das Los zu, mit ihrer Mutter in die Schweiz ziehen, während ihre Schwester Narmina bei ihrem Vater in Baku bleibt. Nach fünf Jahren im Ausland kehrt Sabina nach Aserbaidschan zurück. Sie ist nun 17 Jahre alt. An diesem Punkt setzt der Film ein. Sabina möchte bei ihrem Vater, dem Riesen mit den braunen Augen, bleiben. Dieser will wieder heiraten und versucht dies seiner Tochter beizubringen. Schwester Narmina muss sich währenddessen von ihrem Freund Kerim verabschieden, der für ein Jahr in den Wehrdienst eingezogen wird. Der Film zeichnet das Bild einer Jungendlichen am Scheideweg, hin und her gerissen zwischen zwei Welten.

Gleich von Anfang an stellt sich bei diesem Film die Frage: Ist dies wirklich ein Dokumentarfilm? Die Licht- und Kameraführung sind hoch stilisiert, die Einstellungen wirken ikonografisch komponiert, wie dies sonst nur bei Spielfilmen üblich ist. Liest man auf der Website der Regisseurin nach, so wird einiges klarer: Die Geschichte ist wahr, die Protagonisten spielen sich selber, doch sind die Szenen inszeniert und mit den Filmemachern abgesprochen. So entsteht ein poetischer Mix zwischen Fiktion und Realität. Der Film wurde in gerade mal 18 Drehtagen in Aserbaidschan gefilmt. Die Reise Sabinas in ihre Heimat wird zu einer Suche nach ihren Wurzeln, ist geprägt von der Unsicherheit über ihre eigene Zukunft. Oft liefern die Filmemacher klar als inszeniert erkennbare Szenen: Wenn Sabina etwa auf ihrem Bett liegt und döst, ihre Schwester sich über sie beugt und ihr ins Ohr flüstert. Oder wenn sie die Umgebung bewusst wahrnimmt, mit der Hand über ein Auto und Bäume streicht, einfach nur da ist. Dann gibt es Momente, in denen wiederum der dokumentarische Charakter mehr hervortritt: Wenn sie etwa mit den Grosseltern über die Vergangenheit spricht und eine Authentizität entsteht, die nicht gestellt werden kann. Durch die durchgehend gleichbleibende Bildästhetik von kontrastreichen, weich ausgeleuchteten Bildern vermischen sich die Kategorien Fiktion und Dokumentation jedoch deutlich. Hofer hat mit He Was A Giant With Brown Eyes einen bestechend ungewöhnlichen Film geschaffen, der durch seine Unkategorisierbarkeit fasziniert.

Die Regisseurin hat selber die Erfahrung des Hin-und-hergerissen-Seins zwischen mehreren Kulturen erlebt: Ihre Mutter stammt aus dem Libanon, sie wurde in der Schweiz geboren. Seit 2003 realisiert Eileen Hofer Dokumentar- und Kurzspielfilme. In Le deuil de la cigogne joyeuse (2009) zeigt sie das einschneidende Erlebnis erzwungener Emigration durch den Krieg im Libanon anhand eines Ehepaares. In Soap Opera in Wonderland (2010) erzählt sie die ungewöhnliche Liebesgeschichte eines portugiesischen Emigranten, der als Hase verkleidet auf Geburtstagspartys arbeitet und sich in eine philippinische Haushaltshilfe verliebt.

PRODUKTION 5 To Five Team Production, Eileen Hofer (Schweiz) 2012. BUCH: Eileen Hofer. REGIE: Eileen Hofer. KAMERA: Javier Gesto. TON: Ivan Castiñeiras. TONMISCHUNG: Gabriel Hafner, François Musy. TONSCHNITT: Benjamin Benoit, Daniel Alvarez Flores. SCHNITT: Andres Enis, Valentin Rotelli. MUSIK: Julien Painot, Ladislav Agabekov, Kate Wax. VERLEIH: 5 To Five Team Production.
Farbe, 80 min, Russisch, Aserbaidschanisch.

25.8.2012, 12:39 | Permalink

L’ombrello di Beatocello [Georges Gachot]

Von Simon Meier [ Sélection CINEMA ]
Beatocello

Georges Gachot erzählt die Lebensgeschichte von Dr. Beat Richner, die aufs tiefste mit der jüngeren Geschichte Kambodschas verstrickt ist. Richner ist Kinderarzt und Cellist. Als Musiker tritt er unter dem Namen «Beatocello» auf. Schon als junger Arzt am Zürcher Kinderspital unterhält er seine Patienten zuweilen mit aufheiternden Geschichten und Cellobegleitung. 1974 reist er erstmals für das Rote Kreuz nach Phnom Penh, muss das Land aber bereits ein Jahr später wegen der Roten Khmer verlassen. Anfang der 90er Jahre kehrt er mit einer Vision zurück: Den Tod tausender kambodschanischer Kinder, die an Unterernährung, Tuberkulose und anderen Armutskrankheiten leiden, durch den Bau freizugänglicher Spitäler verhindern. Heute, zwei Jahrzehnte später, gehören seine fünf Spitäler in Kambodscha zu den Grundpfeilern der örtlichen Gesundheitsversorgung. Immer wieder reist Richner in die Schweiz, um private Spenden zu sammeln, mit denen er 90% der Kosten deckt.

Der Film lebt ganz von der Geschichte um Beat Richner. Einerseits ist da seine Vergangenheit als Cellist «Beatocolleo», als der er in der Kinderstunde, auf dem Paradeplatz oder im Bernhardtheater auftrat und neben Unterhaltungsstücken auch sein Lied «Dong und Deng» spielte, in dem er auf die Not in Kambodscha aufmerksam machte. Andererseits ist da der engagierte Kinderarzt, der die Herkulesaufgabe des Aufbaus und der Finanzierung mehrerer Kinderspitäler auf sich nimmt. Der Zuschauer bekommt ein Mosaik von Aktivitäten in und um die Spitäler geliefert, das sich sukzessive verdichtet und die enormen Anstrengungen Richners aufzeigt, der sein ganzes Leben in den Dienst der Institutionen gestellt hat. Etwas zu kurz kommt dabei der geschichtliche Kontext: Wieso gibt es in Kambodscha eine so schlechte öffentliche Gesundheitsversorgung? Welche Rolle spielt die Korruption? Wieso besucht Richner regelmässig den kambodschanischen König, der Richner aber nicht die Finanzierung für seine fünf Spitäler sichert?

So liegt die Stärke des Films in der Fokussierung auf das Geschehen in den Spitälern: Man erfährt Einzelschicksale kranker Kinder und ihrer Eltern, lernt über das Verhältnis Richners zu seinem Personal, das von grossem Respekt und Verehrung für den Arzt geprägt ist: Als die versammelte Belegschaft eines Spitals die Aufnahmen von Richner als Beatocello vorgespielt kriegt, brechen nicht wenige der Ärzte und Krankenschwestern in Tränen aus. Was die Ärzte und Krankenpfleger so berührt, ist die Tatsache, dass ein Ausländer sich mit soviel Herzblut für das Wohlergehen ihrer Kinder einsetzt.

Die Schattenseite des Erfolgs ist ein sichtlich überarbeiteter Richner, der kaum ein Privatleben zu führen scheint. Dauernd muss er sich um die Finanzierung seiner Spitäler kümmern, was ihn ganz beansprucht und an einen Ruhestand nicht denken lässt. Dafür kann er für sich die Rettung von tausenden Kinderleben beanspruchen, die zusammen mit der Spitalbelegschafte seine erweiterte Familie bilden. Georges Gachot hat Beat Richner seit 1996 mit der Kamera begleitet. Entstanden sind die Filme Bach At The Pagoda (1997), And The Beat Goes On (2000) gefolgt von Geld oder Blut (2004) und 15 Years Kantha Bopha (2007). In seinen anderen Filmen befasst er sich mit der visuellen Darstellung von Musikern aus der ganzen Welt.

PRODUKTION Gachot Films, Schweizer Radio und Fernsehen, Georges Gachot (Schweiz) 2012. BUCH: Georges Gachot. REGIE: Georges Gachot. KAMERA: Pio Corradi, Matthias Kälin, Séverine Barde, Peter Guyer, Georges Gachot. TON: Balthasar Jucker, Dieter Meyer, Martin Witz. TONMISCHUNG: Jürg von Allmen. TONSCHNITT: Jürg von Allmen. SCHNITT: Anja Bombelli. VERLEIH: Gachot Films. WELTRECHTE: Doc & Film International.
Farbe, 83 min, Französisch, Englisch, Khmer, Deutsch.

25.8.2012, 11:57 | Permalink

Ursula – Leben im Anderswo [Rolf Lyssy]

Von Jonas Ulrich [ Sélection CINEMA ]
Ursula - Leben im Anderswo

In den späten 60ern sorgte der Dokumentarfilm Ursula oder das unwerte Leben (CH 1966) schweizweit für Aufsehen, da er Missstände in der Behindertenbetreuung aufzeigte und die herrschende Definition von „entwicklungsunfähigen“ Kindern in Frage stellte. Eine Protagonistin des Filmes war Ursula Bodmer, ein taubblindes und geistig behindertes Mädchen, das von den offiziellen Stellen als völlig bildungsunfähig eingestuft worden war. In ihren frühen Jahren war sie von Heim zu Heim und von Anstalt zu Anstalt geschoben worden, bis sich endlich die Heilpädagogin Anita Utziger des damals achtjährigen Mädchens annahm. Gut fünfzig Jahre später wurde Rolf Lyssy (Die Schweizermacher, CH 1978), der bei Ursula oder das unwerte Leben an der Kamera gestanden hatte, von Anita Utziger wegen einer DVD des Filmes angefragt. Als Lyssy erfuhr, dass Ursula noch immer am Leben und wohlauf sei, inspirierte ihn dies, einen zweiten Dokumentarfilm über sie zu drehen.

Ursula – Leben im Anderswo ist in erster Linie ein feinfühliger, intimer Film. Zwar rekapituliert Lyssy Ursulas bisherige Lebensgeschichte anhand von Filmausschnitten, Fotographien und Interviews, der Hauptteil dreht sich jedoch um Ursulas Lebensalltag im Hier und Jetzt. Neben den Betreuern und Pädagogen fungiert vor allem Anita Utziger als Erzählerin: Sie schafft es, mit klarer Sprache und anschaulichen Schilderungen einen Einblick in die für uns schwer zugängliche Welt der Ursula zu geben. Es ist berührend zu sehen, wieviel Zuneigung und Herzlichkeit die alte Frau ihrer Adoptivtochter entgegenbringt, welche – zumindest äusserlich – mittlerweile ebenfalls zur alten Frau geworden ist. Da Ursula stets im Vordergrund steht, erkennt man als Zuschauer erst nach und nach, welche Opfer Utziger selbst erbrachte, als sie das Mädchen adoptierte und deren Pflege zu ihrer Lebensaufgabe machte. So entfaltet der Film das Portrait einer einzigartigen, mittlerweile schon ein halbes Jahrhundert andauernden Mutter-Tochter-Beziehung.

Was das Werk zudem auszeichnet, ist Lyssys bedächtige, unvoreingenommene Herangehensweise und sein Auge für Details. Jemand bemerkt im Film, dass das typische an Ursula ihr persönlicher, von aussen nicht bestimmbarer Rhythmus sei. Der Film passt sich diesem Rhythmus an und schafft es, dem Zuschauer ein Gefühl dafür zu vermitteln – ein Gefühl für ein Leben, dass mehr durch Zustände denn durch Fortschritte gekennzeichnet ist. Lyssy verschweigt nicht, dass die meisten Versuche, Ursula einfache Alltagshandlungen oder gar Sprache beizubringen, auf keinen fruchtbaren Boden gefallen sind. Doch wenn Ursula – Leben im Anderswo etwas nicht ist, dann ein politischer Film, der aus dem Einzelfall irgendwelche allgemeine Aussagen ableiten will. Und das ist auch gut so.

PRODUKTION: Doc Productions GmbH (Schweiz). BUCH: Walo Deuber. REALISATION: Rolf Lyssy. KAMERA: Elia Lyssy. TON: Reto Stamm. SCHNITT: Rainer M. Trinkler, Rolf Lyssy. MUSIK: Geschwister Küng, Micha Bar-Am und Omri Hason, Delia Mayer. VERLEIH: filmcoopi.
Farbe, 86 Minuten, Schweizerdeutsch.

25.8.2012, 11:16 | Permalink

Die Wiesenberger [Bernard Weber / Martin Schilt]

Von Stefan Staub [ Sélection CINEMA ]
Wiesenberger

Das Schöne an Dokumentarfilmen ist, dass sie sich im Verlauf des Drehs manchmal in eine ganz andere Richtung entwickeln, als sie anfangs angedacht worden sind. Die beiden Filmemacher Bernard Weber und Martin Schilt sind ausgezogen, um einen Film über die vielleicht bekannteste Jodlergruppe der Schweiz zu drehen, und kamen zurück mit einer äusserst kurzweiligen Lektion in helvetischer Basisdemokratie.

Einem breiten Schweizer Publikum sind die Jodler vom Wiesenberg dank ihrem Sieg in der TV-Sendung «Die grössten Schweizer Hits» bekannt, wo sie im Duett mit Francine Jordi ihre Interpretation des Liedes «Das Feyr vo dr Sehnsucht» zum Besten gaben. Dieses Ereignis nehmen die Filmemacher als Ausgangspunkt, um die Wechselwirkungen zwischen Erfolg und Gruppendynamik unter die Lupe zu nehmen. Nach ihrem medialen Durchbruch werden die singenden Bergler auf einmal mit Anfragen überhäuft. Darunter auch ein ganz besonderes Angebot: Die Nidwaldner Jodler werden eingeladen, die Schweiz an der Weltausstellung in Shanghai zu vertreten. Jetzt brechen die schwelenden Konflikte aus, die dem plötzliche Erfolg geschuldet sind, und der Zusammenhalt in der über zwanzig Jahre gewachsenen Gruppe droht zu zerreissen. Doch wer nun denkt, dies sei der Anfang vom Ende ihres Erfolges, hat nicht mit der schier unerschöpflichen Kompromissfähigkeit der Jodler gerechnet.

Zwei Jahre lang haben die beiden Filmemacher die singenden Bergler begleitet. So ist es ihnen gelungen, das nötige Vertrauen zu ihren Protagonisten aufzubauen und ihnen auch intime Worte zu entlocken. Die Jodler kommen durchs Band gutschweizerisch bescheiden und bodenständig rüber und haben dank ihrer träfen Sprüche bald die Lacher auf ihrer Seite. Und wer da noch nicht glaubt, dass es solch urchige Eidgenossen noch gibt, ist spätestens dann überzeugt, wenn sie eines ihrer Lieder anstimmen. Am stärksten ist der Film aber in jenen Szenen, in denen über das Für und Wieder der Shanghai-Reise debattiert wird. An den entsprechenden Vereinssitzungen und Stammtischen waren die Filmemacher jeweils mit mehreren Kameras dabei. So ist es ihnen gelungen, die Dynamik dieser Diskussionen festzuhalten und in ihrer ganzen Intensität rüber zu bringen.

Genau wie die Jodlertruppe in ihren Liedern schafft es dabei auch der Film, eine Balance herzustellen zwischen urchigem Brauchtum und populärer Unterhaltung. Die Filmemacher begegnen den Protagonisten mit Respekt. Sie verzichten auf einen erklärenden Kommentar und lassen Ironie und Kritik nur sehr punktuell über die Bilder aufblitzen. Und dies ist gerade die grosse Stärke des Filmes: Dass er nicht versucht Brauchtum und Showbusiness gegeneinander auszuspielen, sondern die Dynamik hinter diesen vordergründigen Gegensätzen in Bildern erzählt, die für sich selbst sprechen.

PRODUKTION: Zeitraum Film GmbH (Luzern), Lucky Film GmbH (Zürich), 2012. BUCH: Bernard Weber, Martin Schilt. REALISATION: Bernard Weber, Martin Schilt. KAMERA: Bernard Weber, Martin Schilt, Stéphane Kutty, Peter Indergand. TON: Dieter Meyer, Robert Müller, Marco Teufen, Simon Graf. SCHNITT: Stefan Kälin, Michael Schaerer, Dave D. Leins. MUSIK: Pantha du Prince, Roland Widmer. VERLEIH: Xenix Filmdistribution GmbH (Zürich). WELTRECHTE: Zeitraum Film GmbH (Luzern). DCP, Farbe, 90 Minuten, Schweizerdeutsch.



25.8.2012, 10:48 | Permalink

Bon vent Claude Goretta [Lionel Baier]

Von Doris Senn [ Sélection CINEMA ]


«Viel Glück, Claude Goretta!» oder auch «Gute Reise!» heisst der Titel dieses Dokumentarfilms übersetzt, der eine poetische Hommage von Filmemacher zu Filmemacher ist. Das Porträt ist einem bedeutenden Vertreter des «neuen Schweizer Films», Claude Goretta, gewidmet und stammt von einem jungen, nicht minder innovativen Regisseur – dem Westschweizer Lionel Baier.

Claude Goretta – 1929 in Genf geboren – gründete mit Alain Tanner, Jean-Louis Roy, Michel Soutter und Yves Yersin in den 50er-Jahren die «Groupe de 5», die den neuen Schweizer Film mitinitiierte und insbesondere in den 70er-Jahren in die Welt hinaustrug.
Der Kurzfilm Nice Time (1957), den Goretta mit Tanner in London drehte, erntete früh Preis und Lob in Cannes. Dorthin sollte Goretta später nicht minder erfolgreich mit L'invitation (1973), La dentellière (1977) und La mort de Mario Ricci (1983) zurückkehren. Der Regisseur von Bon vent Claude Goretta wiederum – Lionel Baier – wurde 1975 in Lausanne geboren und gehört seinerseits mit Jean-Stéphane Bron, Ursula Meier und Frédéric Mermoud zu einer neuen Generation Westschweizer Filmemacher, die mit «Bande à part» (nach einem Film von Jean-Luc Godard benannt) 2009 ihre eigene Produktionsfirma gründeten und sowohl national als auch international mit ihren Filmen grosse Beachtung finden.

Der Film Bon vent Claude Goretta nun liefert jenseits solcher Fakten eine sehr persönliche Annäherung an den Menschen und Filmemacher Claude Goretta, der vom Alter gezeichnet ist, aber durch sein nach wie vor jugendlich-charmantes und schalkhaftes Lächeln besticht. Bescheiden und informativ erzählt er aus seinem Leben und von den Dreharbeiten zu seinen Filmen. Baier liefert dazu einen lyrisch-essayistischen Kommentar und eine ebenso wirblige wie pointierte Collage mit Bildern und Episoden aus Gorettas Filmen (Schnitt: Pauline Gaillard). Diese ergänzt Baier mit erfrischenden Zwischenszenen eines Schauspielertrios, welche die Reflexionen zu Goretta und seinen Filmen untermalen oder als kleine Re-Inszenierungen Filmausschnitte von damals in die Aktualität holen.

So erfahren wir in kurzen, erhellenden Einblicken Exemplarisches aus Gorettas Leben – etwa, wie Filmemachen und Musik für ihn zusammenhängen, wie die seiner Ansicht nach «schönste Frau der Welt» aussieht oder wie sein Tonmeister die Sprinkleranlage in seinem legendären L'invitation mit minimalsten Mitteln nachsynchronisierte. Nebenbei zeigt der Film aber auch, dass der Regisseur mit den ganz Grossen des französischen Kinos drehte – dem blutjungen Gérard Dépardieu etwa, mit Nathalie Baye oder Isabelle Huppert, aber auch mit den renommierten Genfern Jean-Luc Bideau und François Simon.

Ein wunderbar leichtfüssiges Porträt, das vor allem zweierlei macht: Lust und neugierig, das Werk des Altmeisters, das sich so herzerfrischend modern, politisch und avantgardistisch präsentiert, (neu) zu entdecken.

PRODUKTION: Bande à part films (Lausanne), RTS. BUCH, REALISATION: Lionel Baier SCHNITT: Pauline Gaillard. KAMERA: Bastien Bösiger. WELTRECHTE: Bande à part films (Lausanne).
Digitalbeta, Farbe/schwarzweiss, 58 Minuten, Französisch (deutsche / englische Untertitel).

09.8.2012, 15:56 | Permalink

Toulouse [Lionel Baier]

Von Doris Senn [ Sélection CINEMA ]


Cécile (Julia Perazzini) und ihre zehnjährige Tochter Marion (Alexandra Angiolini) sind auf der Flucht – und dies am Schweizer Nationalfeiertag. Das Radio berichtet über einen Anschlag auf eine Bahnstrecke zwischen der Schweiz und Frankreich und spielt die Nationalhymne, während Cécile bei der Frau eines Bauern einen braun-goldenen Ford Taunus ersteht. Vom Stroh seines Abstellplatzes in der Scheune befreit, trägt dieser die beiden durch die weiten Sommerweizenfelder des Waadtlands mit Ziel Toulouse – und vielleich noch viel weiter: Die kleine Marion träumt davon, Astronautin zu werden, und hat das kultige Gefährt «Ariane» getauft.

Lionel Baier überrascht immer wieder mit seinen Filmen – so auch mit seinem traumwandlerischen Toulouse. Darin setzt er seine Bewunderung für die Tradition des grossen Westschweizer Kinos in den 70ern um und realisiert ein utopisches Märchen «on the road». Dabei ist Toulouse nicht sein erstes Roadmovie, erzählte doch schon Comme les voleurs (2006) – das Baier wortspielerisch und doppeldeutig mit «Autofiktion» bezeichnete – von der Reise eines Geschwisterpaars Richtung Osten. Und wie in Comme les voleurs zeigt sich im Lauf der Geschichte hier ein ähnlich abenteuerlicher Mix der Genres: Was wie ein Krimi (vor subversivem Hintergrund) beginnt, wird unversehens zum Beziehungsdrama, um schliesslich in eines dieser gesellschaftskritischen 70er-Jahre-Roadmovies des Schweizer Films überzugehen, in denen die Hauptfiguren – meist Frauen – alle Brücken hinter sich abbrachen, auf der Suche nach sich selbst und der weiten Welt.

Die Referenzen an die von Baier viel bewunderten «Vorfahren» des neuen Schweizer Films aus der Romandie sind augenscheinlich: etwa an Alain Tanner und Messidor, an Yves Yersin und Les petites fugues und immer wieder an Jean-Luc Godard – nebst der Anlehnung an verschiedene Titel aus dessen Filmografie tauchen auch verspielte Zitate auf – so etwa kadrierte Schriftzüge, die Faszination für das Auto oder auch Verfremdungsmechanismen wie die offensichtlichen Rückprojektionen bei den Fahrtsequenzen.

Gedreht wurde der Film hauptsächlich in der Gegend um die Waadtländer Gemeinde Aubonne – als Hommage an die Stadt, in der Lionel Baier aufwuchs – und in Zusammenarbeit mit der dortigen Schauspielertruppe Dentcreuze. Daraus entstanden ist ein heiter-existentialistisches Märchen, das mit viel Charme und einem postmodernen Augenzwinkern auf die frühere Erfolgsgeschichte des Westschweizer Films verweist.

PRODUKTION: Bande à part films (Lausanne), LWL Films, La troupe de la Dentcreuze (Aubonne) 2010. BUCH, REALISATION: Lionel Baier. KAMERA: Bastien Bösiger. SCHNITT: Felix Sandri. TON: Adrien Bordone, Marie-Eve Hildebrand, Raphaël Rivière, Vincent Weber. DARSTELLER/INNEN: Alexandra Angiolini, Julia Perazzini, Julien Baumgartner. WELTRECHTE: Bande à part films (Lausanne).
Digibeta, Farbe, 63 Minuten, Französisch (englische Untertitel).

09.8.2012, 15:45 | Permalink
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