LAURA WALDE

DIGITAL IMMIGRANTS (DENNIS STAUFFER, NORBERT KOTTMANN)

Die alte Dame erlebt eine Form des «metaphysischen Gruselns», wie es Mani Matter schon 1966 in seinem Klassiker «Bim Coiffeur» besungen hat. Sie wollte doch nur mit ihrem Handy ein Foto von sich schiessen – und plötzlich hört sie sich selber sprechen! Wo Matter sich noch lediglich mit einem «Männerchor us mir allei», einer «mise en abyme» generiert durch sein Spiegelbild, herumschlagen muss, ist sie konfrontiert mit ihrem digitalen Abbild und den Tricks und Tücken, die ihm zugrunde liegen. Die alte Dame ist ein so genannter «digital immigrant», also eine Person jener Generationen, die nicht mit digitalen Technologien aufgewachsen sind. In ihrem 2017 mit dem Schweizer Filmpreis für den «Besten Abschlussfilm» ausgezeichneten Kurzfilm Digital Immigrants portraitieren die beiden ZHdK-Absolventen Dennis Stauffer und Norbert Kottmann Lernende in einer Computeria. Das ist die in der Schweiz offizielle Bezeichnung für einen Ort, an dem Peer-Tutoring im Bereich der Computernutzung angeboten wird: RentnerInnen unterrichten andere ältere Menschen darin, ihre digitalen Geräte richtig zu nutzen.
 
Als «digital natives» gelten Leute, die nach 1980 geboren worden sind. Dennis Stauffer (*1990) gehört definitiv zu dieser Generation. Knapp auch Norbert Kottmann (*1979). Beide haben zudem einen beruflichen Bezug zur digitalen Welt. Stauffer hat vor seinem Bachelor eine Berufslehre als Elektroniker absolviert, Kottmann besitzt einen Master in Informatik und war vor seiner Ausbildung zum Cutter als Software-Entwickler tätig. Ihr Kurzfilm wurde an zahlreichen Festivals im In- und Ausland und auf VoD-Plattformen wie MUBI begeistert aufgenommen. Denn nicht nur die Filmemacher, auch ihr Publikum hat einen Bezug zum Inhalt, der eine Universalität besitzt wie heute fast kein anderes gesellschaftliches Problem. «Digital native» oder «immigrant» hin oder her – können wir überhaupt immer weiter mit dieser rasanten Entwicklung mithalten?
 
Der Film und seine visuelle Umsetzung sind relativ einfach aufgebaut: Die Szenen aus der Computeria werden Archivaufnahmen des Schweizer Fernsehens aus den Jahren 1959 bis 1990 gegenübergestellt. Diese behandeln Bereiche wie den Nutzen und die Benutzung von Heimcomputern, den Arbeitsplatz der Zukunft oder das schon damals kontrovers diskutierte Thema Datenschutz. Beide Erzählstränge wirken durch die Hilflosigkeit der ProtagonistInnen und die überspitzt misstrauische Haltung der Fernsehbeiträge gegenüber der technisierten Zukunft sowohl amüsant-grotesk wie auch zutiefst nachvollziehbar. Stauffer und Kottmann haben so einen beachtlichen und zeitgemässen Kurzdokumentarfilm produziert, der ganz auf die Relevanz des Themas für alle Genrationen setzt.
Laura Walde
*1988, hat Filmwissenschaft und Anglistik an der Universität Zürich studiert. Schon während ihres Masterstudiums hat sie als Programmer für die Internationalen Kurzfilmtage Winterthur gearbeitet. Ihre Masterarbeit verfasste sie zum Thema «Curating and/or Programming: An Attempt at Conceptualization in the Context of the Short Film Festival». Heute ist sie in der Co-Leitung der Schweizer Jugendfilmtage und weiterhin im Programmteam der Kurzfilmtage tätig
(Stand: 2016)
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