KATJA ZELLWEGER

L’OSPITE (DUCCIO CHIARINI)

Ein zerschlissenes Sofa und ein geplatztes Kondom bringen die Dramödie L’ospite (Der Gast) von Duccio Chiarini, die sich um den italienischen Enddreissiger Guido (Daniele Parisi) dreht, ins Rollen. Seine Freundin Chiara (Silvia d’Amico) hat das alte Sofa satt und mit ihm auch die Beziehung zu Guido. Sie bedingt sich Bedenkzeit aus und nimmt die Pille danach. Die Ausstellungsführerin Chiara sieht, nomen est omen, «klar» und liebäugelt mit der Möglichkeit zum Karrieresprung in Kanada. Dieser Lebensentwurf enthält aber weder ein Kind, ein altes Sofa noch Guido, der sich in einem Leben als mittelmässiger Literaturwissenschaftler eingerichtet hat, und der von der Mutter gekaufte Unterhosen trägt. Er gibt ihr Zeit und verzieht sich auf eine Gästesofa-Odyssee bei Freunden. Diese ist erstaunlich erhellend, denn es kriselt bei allen: Der dynamische Loftbesitzer Dario ist in Liebesdingen so aktiv wie unentschlossen. Bei den eigenen Eltern hagelt es missmutige Anklagen zwischen zwei Langvermählten und eine Affäre des Vaters raubt allen dreien den Schlaf. Die dritte Sofastation manövriert Guido schliesslich mitten in die Familie seiner Arbeitskollegin Lucia (Anna Bellato), in der alle vom alltäglichen Organisationsmarathon erschöpft sind. Die hochschwangere Lucia eröffnet Guido schliesslich, dass sie in ihren Exfreund verliebt ist.
 
Die Komödie, die auf der Piazza Grande in Locarno Weltpremiere feierte, ist durchzogen von einigen Genre-bedingten aber auch typischen Italianitá-Klischees: die Verfolgungsjagd und Szene aus Eifersucht; die Sugo kochende Mamma; die schöne Frau, die sich mit Renaissance beschäftigt; und einige leicht bemühte literarische Vergleiche zu Guidos Gefühlslage. Dennoch ist der zweite fiktionale Langspielfilm des Regisseurs Duccio Chiarini – nach dem ersten, vielgezeigten Coming-of-Age-Film Short Skin (2014) – eine ehrliche, authentische und (erneut) autobiografisch inspirierte Geschichte über Identitätssuche. Ein Thema, das er im schonungslos privaten Dokumentarfilm Hit the road, Nonna (2011) über die exzentrische Grossmutter ebenfalls thematisiert hat. Mit L’ospite, der in einem Residenzprogramm von Cannes und am Torino Filmlab entwickelt wurde, hat der italienische Regisseur einen Film über eine prekäre Arbeitswelt und -ethik gedreht, die auch bedeutenden Einfluss auf das Privatleben ausübt. Mit Guido zeigt Chiarini das Porträt eines sensiblen Mannes, der nicht dem gängigen (italienischen) Alphamännchen entspricht und der nicht wegen eines Jobangebotes seine Beziehung hinwerfen will. Er mag stattdessen abgewetzte Sofas, die ihm in allen Haushalten viele Einblicke in moderne Beziehungen geboten haben.
Katja Zellweger
*1986, Studium der Germanistik und Kunstgeschichte in Bern, arbeitet als Redaktorin der Berner Kulturagenda, 2014 - 2017 als Produktionsleitung und Teil der Programmationsgruppe im Schlachthaus Theater Bern tätig, davor wissenschaftliche Mitarbeit im Robert Walser-Zentrum Bern, Co-Gründung des Dislike. Magazin für Unmutsbekundung, einem Format, das die Mannigfaltigkeit von Kritik zelebriert. Schreibt seit der Teilnahme an der Critics Academy Locarno Filmkritiken für Filmexplorer.ch und Filmbulletin und Cineman, in Bern vor allem im Kino Rex anzutreffen.
(Stand: 2018)

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