Früher oder später [Jürg Neuenschwander]

Von Sabine Hensel [ Sélection CINEMA ]
Das Sterben markiert den Übergang vom Leben in den Tod. Jeder Mensch wird irgendwann damit konfrontiert. Während der Tod in unserer Kulturgeschichte häufig Erwähnung findet, ist der Vorgang des Sterbens nach wie vor ein Tabu. Jürg Neuenschwander widmet sich im Dokumentarfilm Früher oder später genau diesem Thema. Er porträtiert Personen aus seiner Heimat, dem Emmental, die in hohem Alter am Ende ihres Lebens angelangt sind oder die sterben, bevor sie erwachsen oder alt werden können.
Zwillinge werden tot geboren, ein anderes Baby stirbt kurz nach der Geburt. Ein Teenager siecht, unheilbar krebskrank, mit Chemotherapie noch ein Jahr dahin; ein 40-jähriger Mann mit derselben Diagnose stirbt ohne Behandlung nach sechs Monaten. Eine alte Frau und ein alter Mann sterben altersbedingt. In den sieben Beispielen, die aufzeigen, wie verschieden das Sterben vor sich geht, lässt Neuenschwander auch Familienangehörige oder Partner zu Wort kommen. Folgendes Zitat stellt er an den Anfang seines Dokumentarfilms: «Mit Sterbenden habe ich angefangen. Mit Hinterbliebenen habe ich aufgehört. Alle wussten, dass wir den Film nie gemeinsam sehen werden.»
In ruhigen, schlichten Bildern und langen Einstellungen, in denen die Kamera oft ganz nah an die Menschen herangeht, ohne aufdringlich zu wirken, die aber auch der Stille Raum lassen, begleitet Neuenschwander die Sterbenden in ihrer letzten Lebensphase. Wir nehmen Anteil an Alltagshandlungen, an Momenten der Hoffnung oder Gelassenheit, erfahren von Ängsten, Verzweiflung, Hilflosigkeit. Die genauen, respektvollen Beobachtungen machen betroffen; sie weisen darauf hin, wie wertvoll es ist, beim Sterben nicht allein zu sein und in Würde gehen zu dürfen. Andererseits verschweigen sie nicht, wie unbedeutend die letzten Stunden eines Lebens sein können oder wie schwer es für Hinterbliebene ist, den Tod einer geliebten Person zu akzeptieren. Untermalt wird die von den Bildern vermittelte Stimmung von Musikkompositionen, die nie zu sehr in den Vordergrund treten.
Als Gegenpol zu unserem Umgang mit sterblichen Überresten integriert der Filmemacher Szenen eines tibetischen Totenrituals. Während wir die Toten kremieren, begraben und Abdankungsfeiern abhalten, werden Verstorbene in Tibet zerhackt und den Fischen verfüttert. Für jedes vergangene Leben wird dort eine neue Gebetsfahne an Ästen aufgehängt. Hierzulande gibt es Arbeit für Sargtischler, Totengräber und Bestattungsinstitute, in Tibet beten Mönche für die Seele der Verstorbenen und werden von den Hinterbliebenen dafür entlöhnt. Bereits in früheren Werken hat sich Neuenschwander mit den beiden Kulturen auseinander gesetzt: Shigatse (1990) erzählt von der tibetischen Medizin, in Kräuter und Kräfte (1995) werden Naturheiler aus dem Emmental vorgestellt.
Dieser aufwühlende Dokumentarfilm zwingt uns, den Blick nicht abzuwenden und uns mit unserer eigenen Vergänglichkeit zu befassen. Denn gehen müssen wir alle, früher oder später.

P: Carac-Film AG, Container-Film AG (Schweiz, Tibet) 2003. B: Jürg Neuenschwander, Nicolas Broccard. R: Jürg Neuenschwander. K: Philippe Cordey. T: Ingrid Städeli. S: Regina Bärtschi. M: David Gattiker. V: Filmcoopi Zürich AG. W: Carac-Film AG, Container-Film AG.
35 mm, Farbe, 90 Minuten, Schweizerdeutsch, Tibetisch (deutsche Untertitel)


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