Die Frau mit den 5 Elefanten [Vadim Jendreyko]
| Von Christina von Ledebur | [ Sélection CINEMA ] |

Swetlana Geier, die bedeutendste Übersetzerin russischer Literatur in die deutsche Sprache, lebt alleine in Freiburg, wo sie sich, längst im Ruhestand, tagtäglich ihrem Lebenswerk widmet: der Übersetzung von Fjodor Dostojewskis fünf grössten Werken, den «fünf Elefanten», wie sie sie selbst nennt. Ihren Arbeitsalltag teilt sie sich mit einer ebenfalls pensionierten Frau, die Geiers gesprochene Sätze auf der Schreibmaschine festhält. Alle paar Wochen kriegt Geier Besuch von einem Musiker, mit dem sie das Geschriebene auf seinen Klang hin prüft.
Eines Tages wird ihr strukturierter Alltag durch einen Unfall jäh durcheinander gebracht. Ihr Sohn verletzt sich bei einem Berufsunfall so schwer, dass er monatelang im Krankenhaus liegt und kaum noch ansprechbar ist. Swetlana Geier legt ihre Arbeit nieder und kocht jeden Tag für ihren Sohn.
Die Auszeit von der Übersetzerarbeit bringt Geier dazu, in ihre Vergangenheit zu reisen. Der Unfall ihres Sohnes ist nicht der erste grosse Schicksalsschlag in ihrem Leben. Nachdem die erst 15-jährige Swetlana – damals lebte die Familie in der Ukraine und war dem stalinistischen Terror ausgesetzt – ihren Vater einen Sommer lang alleine gepflegt hatte, erlag dieser den Folterverletzung, die ihm in der Haft zugefügt worden waren. Nur wenig später verlor sie ihre beste Freundin, die als Jüdin von den in Kiew einmarschierenden Deutschen hingerichtet wurde. Dennoch nahm sie daraufhin eine Stelle bei einer deutschen Firma an, für die sie, die bereits als Kind Deutschunterricht genossen hatte, übersetzte. Aus Angst, der Kollaboration angeklagt zu werden, floh sie 1943 nach der Niederlage der Deutschen gemeinsam mit ihrer Mutter nach Deutschland und wurde in ein Gefangenenlager interniert. Dort begann sie kurze Zeit später ihre akademische Laufbahn und wurde zu einer der renommiertesten Übersetzerinnen.
Der ursprünglich aus Deutschland stammende, in der Schweiz aufgewachsene Filmemacher Vadim Jendreyko ging davon aus, mit Die Frau mit den 5 Elefanten einen Dokumentarfilm über die Übersetzungsarbeit und das alltägliche Leben von Swetlana Geier zu drehen. Dass Geier ihre Arbeit zur Seite legte, als ihr Sohn sich verletzte, war ein unvorhersehbarer Zwischenfall. «Als der Unfall geschah, hörte Frau Geier auf zu arbeiten. Zunächst sorgte ich mich um mein ursprüngliches Konzept», sagte Jendreyko in einem Interview.
Tatsächlich aber verhilft der Unfall Jendreykos Film zu einer neuen Dimension. Ist der Beginn des Filmes von einer unglaublich sprachgewandten, kontrollierten Frau geprägt, die selbst beim Bügeln ihrer Leintücher auf die Textur des Stoffes achtet, der für sie einem Text gleichkommt, zeigt die Reise in die Vergangenheit auf einmal eine zerbrechliche Frau, die angesichts ihrer Vergangenheit auch mal verstummt. Jendreyko zieht sich, wenn er sie zu den Stätten ihrer Geschichte begleitet, auf eine beobachtende Position zurück. Kritische Fragen, die sich insbesondere bei Geiers Engagement für die Deutschen beinahe aufdrängen, stellt er nicht. Dies führt im Film zu einer sonderbaren Lücke, deren Schliessung sich Geier aber beharrlich verweigert.
Vadim Jendreyko ist der Regisseur von Bashkim (CH 2002), dem Film über den hochbegabten, aber gewalttätigen Boxer Bashkim Berisha, der 2002 als bester Schweizer Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde. Wenn auch auf den ersten Blick zwischen Bashkim Berisha und Swetlana Geier kein Zusammenhang besteht, so sind es doch die Schicksale der Entwurzelten, die den Basler Filmemacher immer wieder interessieren. Über Die Frau mit den 5 Elefanten sagte er: «Während der Entwicklung dieses Projektes wurde mir bewusst, dass ich mich einmal mehr mit einem Flüchtlings- bzw. Migrantenschicksal auseinandersetze.»
Es ist Jendreyko ein äusserst subtiles Porträt einer aussergewöhnlichen Frau gelungen. Er verwebt in stimmigen Bildern die beiden Seiten von Swetlana Geier: Die junge, unerfahrene Ukrainerin einerseits, die alte, weise Vermittlerin der Kulturen andererseits. Jendreykos Film wurde 2009 am Festival Visions du réel in Anwesenheit der 86-jährigen Protagonistin uraufgeführt und holte dort mehrere Preise.
P: Mira Film GmbH (Basel/Zürich), Filmtank Hamburg GmbH, ZDF/ 3sat Berlin, Schweizer Fernsehen 2009. B: Vadim Jendreyko. R: Vadim Jendreyko. K: Nils Bohlbrinker, Stéphane Kuthy. T: Daniel Almada, Florian Beck, Patrick Becker. S: Gisela Castronari-Jaensch, Vadim Jendreyko. M: Daniel Almada, Martin Iannacone. V: Cineworx GmbH. W: Mira Film GmbH (Basel/Zürich).
35mm, Farbe, 93 Minuten, Deutsch/Russisch.

