Bottled Life – Nestlés Geschäfte mit dem Wasser [Urs Schnell]

Von Simon Meier [ Sélection CINEMA ]
Bottled live

"Dr. Frankenstein's creation has overwhelmed and overpowered him as has the corporate form done with us” (The Corporation).
Der Schweizer Journalist Res Gehriger und der Filmemacher Urs Schnell machen sich auf die Reise, um herauszufinden, wie mit sauberem Trinkwasser – dem wohl heiss umkämpftesten Rohstoff des anbrechenden 21. Jahrhunderts – in grossem Stil Geld erwirtschaftet wird. Den Fokus legen sie dabei auf den transnationalen Konzern Nestlé, der mit der Abfüllung von Trinkwasser in PET-Flaschen einen Mehrgewinn von Milliarden erwirtschaftet. Nestlé, der weltweit grösste Lebensmittelkonzern, besitzt über 70 verschiedene Wassermarken. Die Geschichte führt den Journalisten von der Schweiz über die USA und Nigeria bis nach Pakistan. In den USA wie in den Schwellenländern wendet der Konzern die Technik der Privatisierung und Monopolbildung an. Während die massive Wasserentnahme in den amerikanischen Bundesstaaten zu Anwaltsgefechten führt, bleibt den Machtlosen in Nigeria und Pakistan wegen der meist versagenden öffentlichen Wasserversorgung nur das gereinigte Grundwasser ‘Pure Life‘ von Nestlé. Da dieses zu Wucherpreisen vertrieben wird, wird sauberes Trinkwasser zu einem Luxusgut.

Bereits Filme wie We feed the World (2005), The Corporation (2003) oder Surplus: Terrorized into Being Consumers (2003) thematisieren das amoralische Handeln von transnationalen Konzernen. Sie kommen zu einem ähnlichen Schluss: Trotz ihres rechtlichen Status als juristische Person erweisen sich die meisten Grossunternehmen psychologisch analysiert als soziale und moralische Psychopathen. Die Idee, dass das Wohlergehen von Gemeinschaften einen Wert hat, ist für sie genauso unverständlich wie die Vorstellung eines Menschenrechts auf Wasser. So wurde Nestlé Konzernchef Peter Brabeck in We feed the World mit der Aussage zitiert, dass ein Markwert für Wasser intelligenter sei als ein öffentliches Recht darauf. Erst dadurch würden die Endkonsumenten dessen Wert schätzen lernen. Bottled Life greift diese Aussage auf und rückt sie ins Zentrum der Fragenstellung. Dabei berührt vor allem die Erkenntnis, dass die Herstellung von ‘Pure Life‘ für die Mittel- und Oberschicht auf Kosten von sauberem, öffentlichem Trinkwasser für die Mittellosen geht. Dieser Logik der ungerechten Umverteilung eines öffentlichen Rohstoffes, der mittels Privatisierung von Wasserquellen geschieht, gilt das Hauptinteresse des Films. Das ethisch fragwürdige Handeln stützt sich dabei auf schwammige Gesetzgebungen, die Wasser als Rohstoff in der Regel nicht berücksichtigen.

Die pauschale Kritik am Grosskonzern und seinem Vorsteher Brabeck, der als Big Brother des Konzerns inszeniert wird, greift etwas zu kurz. Es wird zu wenig berücksichtigt, dass die Konsumenten mit ihrem Kaufentscheid das Handeln des Konzerns mitbestimmen. Wir, die Konsumenten, bilden Teil des Leviathans Nestlé.

Urs Schnell studierte in Bern Germanistik und Philosophie und realisierte seit Anfang der 90er Jahre zahlreiche Kurzdokumentarfilme, die thematisch von Hooligans (2008), über schwererziehbare Jugendliche – Die Jungs vom Berg (2004) – bis hin jungen Menschen in der postkommunistische Gesellschaft – Protsess idiot (1995) – reichen. Bottled Life (2012) ist sein erster abendfüllender Dokumentarfilm.

PRODUCTION DokLab, Eikon Südwest, SRG SSR, Schweizer Radio und Fernsehen, WDR - Westdeutscher Rundfunk Köln, ARTE (Schweiz, Deutschland) 2012. BUCH: Res Gehriger, Urs Schnell. REGIE: Urs Schnell. KAMERA: Laurent Stoop. TON: Dodo Hunziker. SCHNITT: Sylvia Seuboth-Radtke. MUSIK: Ivo Alessandro Ubezio. VERLEIH: Frenetic Films (Zürich). WELTRECHTE: Österreichischer Rundfunk.
35mm 16:9, Farbe, 90 min, Englisch, Deutsch, Amharisch, Urdu