Unter Wasser atmen – Das zweite Leben des Dr. Nils Jent [Stefan Muggli, Andri Hinnen]
| Von Sascha Lara Bleuler | [ Sélection CINEMA ] |

«Es ist ein zweites, ein neues Leben, das ich gestalten darf», sagt Nils Jents Stimme aus dem Off, seine nasale, leicht stockende Aussprache ist nicht auf Anhieb verständlich, man orientiert sich zunächst an den Untertiteln auf schwarzem Hintergrund. Grobkörnige Super 8-Aufnahmen zeigen Nils als aufgewecktes Kleinkind und Teenager und zeugen von einer naturverbundenen, glücklichen Kindheit. Ein begabter Turmspringer, nie furchtsam und mechanisch begabt sei der Nils gewesen, erinnern sich die in ihrem gutbürgerlichen Wohnzimmer vor der Kamera drapierten Eltern. Es sind dies rührende Momente, die musikalisch von Streichern unterlegt werden, so dass die ohnehin über den ganzen Film überstrapazierten Talking Heads der Eltern durch zuviel TV-Tauglichkeit etwas von ihrem emotionalen Potential einbüssen.
Mit 18 Jahren erleidet Nils einen schweren Motorradunfall, vier Wochen liegt er im Koma und als er wieder zu sich kommt, ist er blind und ausser dem Gehör sind alle seine Sinne lahm gelegt. Erst nach mehreren Monaten gelingen ihm mittels Augenblinzeln erste Kommunikationsversuche mit seiner Mutter. Körperlich schwerstbehindert, sieht er sich mit der Stigmatisierung und den Fehleinschätzungen seiner Mitmenschen konfrontiert; sogar das Pflegepersonal in der Reha-Klinik behandelt ihn wie einen geistig Zurückgebliebenen. So setzt er schliesslich auf seine einzig vollständig intakt gebliebene Fähigkeit: die Intelligenz. Durch ausgiebige Schachpartien trainiert er sein Gehirn, indem er die beschriebenen Spielstände memorisiert und schon bald all seine Gegner schachmatt setzt. Ehrgeizig und diszipliniert kämpft er sich Schritt für Schritt ins Leben zurück, holt 27-jährig die Matura nach, indem er den ganzen Schulstoff auf Kassetten aufnehmen lässt und auswendig lernt. Er studiert Betriebswirtschaft und doktoriert; heute ist Nils ein gefragter Lektor und Leiter des Kompetenzbereichs «Learning from Diversity» an der Universität St.Gallen.
Die wissenschaftliche Feldforschung dazu liefert Nils täglich in seinem eigenen Leben, wo das Überstülpen eines Pullovers zur Zerreissprobe werden kann. «Wenn von A bis Z alles schief geht, dann kann das Anziehen schon mal eineinhalb Stunden brauchen», meint Nils und lacht sein kehliges, gewinnendes Lachen.
Die jungen Filmemacher Stefan Muggli und Andri Hinnen beobachten in Unter Wasser Atmen mit viel Feingefühl den Alltag ihres charismatischen Protagonisten und montieren die eigenen Aufnahmen mit poetischen Stimmungsbildern aus den Home Movies von Nils Vater. Ein einsam treibender Schwimmgurt im Wasser und immer wieder die Bewegungen von prähistorisch anmutenden Schildkröten werden zu treffenden Metaphern für das Lebensgefühl von Doktor Nils Jens, der – wie die gepanzerten Kriechtiere – durch sein perfektionierte Langsamkeit immer wieder Unglaubliches erreicht.
PRODUKTION: CH Instantview Filmproduktion (Zürich) 2011. BUCH: Stefan Muggli, Andri Hinnen REALISATION: Stefan Muggli, Andri Hinnen KAMERA: Mike Krishnatreya TON: Toni Genovese, Ueli Würth SCHNITT: Stefan Muggli, Andri Hinnen MUSIK: Pierre Funck VERLEIH: Ascote Elite Entertainment Group (Zürich). WELTRECHTE: Ascote Elite
FORMAT: HD, Canon EOS MK II / Sony XDCam, Farbe, 90 Minuten, Schweizerdeutsch

