50 Jahre CINEMA - Filmkritik - ein Gespräch im Filmpodium
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50 Jahre «Cinema»
Filmkritik - ein Gespräch im Filmpodium
als. «Ein Kritiker ist auch ein Missionar», soll Jean-Luc Godard als Filmkritiker in den Pioniertagen der «Cahiers du Cinéma» einmal konstatiert haben, in phlegmatischer Leidenschaft seinen Stylo wetzend, mit dessen Spitze er lüstern in die aufgeblasenen Ideologien bourgeoiser Altmeisterwerke oder grosser Studioproduktionen stach. Schreiben über Filme bedeutete in den aufgewühlten Zeiten der Nouvelle Vague zunächst einmal Stellung für eine bestimmte Ästhetik beziehen, Urteile über Meister- und Machwerke vergeben und dabei seinen Namen als Erkennungsmarke des auteur sprechen lassen. Und heute? Welche Rolle übernimmt die Filmkritik in Zeiten multimedialer Omnipräsenz? Hat das Schreiben über Film noch eine Funktion, wenn in den Internet-Foren potenziell jeder Kinozuschauer zum Kritiker werden kann?
«Ist der Filmkritiker ein Auslaufmodell?», fragte auch Martin Walder von der «NZZ am Sonntag» an einer Gesprächsrunde zum Thema «Schreiben über Film», zu der das Filmpodium anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Schweizer Kinozeitschrift «Cinema» eingeladen hatte; die Diskussion wurde von einem interessierten Fachpublikum verfolgt, unter das sich auch Marc Wehrlin gemischt hatte, scheidender Sektionschef Film im Bundesamt für Kultur, als dessen Stellvertretender Leiter er künftig amten wird. Und das von Walder moderierte Podium, bestehend aus dem freien Publizisten Thomas Tode, dem Drehbuchautor und Dozenten an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich (HGKZ) Peter Purtschert, Andreas Furler, Co-Leiter des Filmpodiums, Margrit Tröhler, Professorin für Filmwissenschaft an der Universität Zürich, sowie Flavia Giorgetta von der fünfköpfigen «Cinema»- Redaktion - das Podium war sich uneinig darüber, welche Textsorten überhaupt als Filmkritik betrachtet werden sollten. Flavia Giorgetta liess in einigen polemisch formulierten Thesen den journalistischen Gebrauchstext gegen die Langlebigkeit und den «Mehrwert» wissenschaftlicher Textformen antreten; während Andreas Furler darlegte, dass der Filmkritiker auch als Journalist gerade in Zeiten medialer Überflutung nötiger denn je sei - als eine Instanz, die aus dem Wust an flottierenden Pseudoinformationen das Interessante und Wichtige herauszufiltern vermöge.
In welche schlingernden Konstellationen Schreiben und Filmen historisch und ästhetisch schon getreten sind, illustriert auch die bewegte 50-jährige Geschichte der «Cinema»-Redaktion, die Thomas Schärer in der Jubiläumsnummer nachgezeichnet hat. Als der Bankangestellte Beat Kleiner und der Journalist Max Leutenegger 1955 die Zeitschrift «Filmklub - Cinéclub» gründeten, war das Medium Film im Kanton Zürich rechtlich noch dem «fahrenden Gewerbe» gleichgestellt. Der Kampf um die Anerkennung des Kinos, dem in jener Zeit noch immer der halbseidene Glanz des Variétés anzuhaften schien, zeichnete die ersten Jahre dieser Publikation, die bisher eine Namensänderung und sechs Herausgeberschaften in wechselnden Konstellationen gesehen hat. Dabei verstand es jede Generation, dem seit den achtziger Jahren als stattliches Jahrbuch erscheinenden Organ ihr Gesicht zu verleihen, das sich immer auch in einer je spezifischen Auseinandersetzung mit dem Schweizer Filmschaffen formte.
Die jüngste Jubiläumsnummer, die die Bereiche Schreiben und Filmen unter dem Thema «Essay» geschickt vereint, kreist den Schweizer Film von mehreren Seiten ein: Neben Retrospektiven auf 40 Jahre Solothurner Filmtage und 25 Jahre Kino Xenix finden sich etwa Auszüge aus den poetisch-selbstironischen Marschtagebüchern, die Peter Liechti für seinen Film «Hans im Glück» verfasst hatte. «Gehen, denken, drehen» nannte Marcy Goldberg ihren Essay über Liechtis Versuch einer schreibend-filmenden Vorgehensweise - über das eigentliche Essayieren mithin, das Goldberg im Schritt für Schritt der Füsse, der Worte und der Bilder ansiedelt.
Cinema 50: Essay. Herausgegeben von Nathalie Böhler, Laura Daniel, Flavia Giorgetta, Veronika Grob, Andreas Maurer und Jan Sahli. Schüren, Marburg 2005. 208 S., Fr. 34.-.

