Filmtage [Extra Zeitung 21.1.2006, © Solothurner Zeitung]

Von  Redaktion [ Rezensionen ]
Das Vorhersehbare reizt nicht

von Christina Varveris

Fünf Filmschaffende diskutierten die Erotik im Film, und im
bis auf den letzten Platz gefüllten Jurasaal hörten alle gespannt zu.

«Da ist alles sehr technisch», sagte Carlos Leal. «Wenn Kameramänner, Skript-Autoren, Beleuchter und Maskenbildnerinnen um einen herum stehen, ist das beim besten Willen nicht verführerisch.» Der Schauspieler muss es wissen, denn er spielt in «Snow White» die Figur von Paco und hatte einige heisse Szenen zu drehen. Für seine Leistung hatte er am Mittwoch aber auch den Filmpreis erhalten. Das Podium über «Flüchtige Augenblicke - zur Erotik im Film» versprach offenbar, spannend zu werden. Der Jurasaal des Hauses am Land war jedenfalls bis auf den letzten (Steh-)Platz besetzt.

Stina Werenfels mache beim Filmen kein grosses Tamtam um erotische
Szenen. «Sie sollten so gedreht werden, wie alle anderen auch», sagte
die Regisseurin von «Nachbeben». Einige knisternde Szenen des
Eröffnungsfilms dienten den Anwesenden im Gespräch auch als
Erklärungsbeispiele. Sie mache kein Geheimnis aus erotischen Szenen, so Werenfels: «Die Personen auf dem Set haben eine professionelle Sicht.» Da kommen keine erotischen Gefühle auf.

Für Drehbuchautoren bedeuten erotische Szenen wenig Arbeit. Güzin Kar: «Das sind oft nur zwei, drei Zeilen Text. Schliesslich hat es kaum
Dialog.» Das Filmen dieser Zeilen dauere aber meistens sehr lange, «ist
aber total unsexy», verriet die Kolumnistin der «Weltwoche». Sehr
wichtig sei, dass die Schauspieler wüssten, was für eine Stimmung rüber kommen soll. Es liege in der Verantwortung des Drehbuchautors, diese auch zu beschreiben. Regisseur und Schauspielern dürfe das nicht überlassen werden. «Ausserdem muss jede Szene für den Film eine zentrale Bedeutung haben und darf nicht austauschbar sein.»

Ob diesen Aussagen erstaunt zeigte sich Filmwissenschafter und
-kritiker Jen Haas: «Erotik ist planbar?» Erotik könne doch auf
verschiedenen Ebenen stattfinden und sei «ein Versprechen, das nicht
eingelöst wird». Der Zuschauer erwarte Dinge, die aber nicht aufgezeigt würden.

Über die Definition von Erotik wurden sich die Podiumsteilnehmer bis
zum Schluss nicht einig. Güzin Kar versuchte den Begriff etwas
einzuschränken: «Was für den Zuschauer vorhersehbar ist, kann nicht
erotisch sein.» Wenn man ahne, was als Nächstes komme, sei die Spannung weg. «Soft-Sex-Filme zum Beispiel», sagte die Autorin, «die
funktionieren nicht, weil ich genau weiss, was passieren wird. Dass er
ihr gleich ein Kompliment machen wird und wie er ihr wann welchen
Blusenknopf auftut.»

Nicht der gleichen Meinung war Haas. «Diese Filme sind für dich nicht
erotisch», sagte er. Die These des Filmwissenschafters: «Erotik findet
nicht auf der Leinwand, sondern im Kopf statt.» Die eigene Stimmung,
die eigene Biografie führe bei jedem Zuschauer zu einer anderen
Wahrnehmung.

«Nein», entgegnete Güzin Kar, dann würde kein Kinoerlebnis entstehen:
«Das Kino spielt damit, dass ein Gemeinschaftserlebnis entsteht.»
Selbst was im Kopf passiere, müsse immer zuerst im Film angeboten bzw. angedeutet werden. Und: Die Regie könne mittels Schnitt, Farbe, Musik und anderer Stilmittel die gewünschte Stimmung provozieren.

Moderatorin Veronika Grob versuchte, die Erotik noch von einer anderen Seite zu beleuchten und an den Akteuren festzumachen. Dabei wandte sie sich an Carlos Leal, den besten Hauptdarsteller 2005: «Als
Shooting-Star bist du Projektionsfläche erotischer Fantasien. Was sagst
du dazu?». Etwas überrumpelt, stellte Leal erst einmal klar: «
und ich sind nicht dieselben Personen.» Verhalten und Charisma eines
Schauspielers seien wichtig für die Wahrnehmung. «Und dann hat man die Wahl: Entweder man macht seine Figur sexy oder nicht.» Paco sei
offenbar eine Figur mit Sex-Appeal, «aber ich habe auch schon Rollen
gespielt, die total unsexy waren.»

Kaum begonnen, schon vorbei: Die rege Diskussion im Jurasaal musste aus zeitlichen Gründen abgebrochen werden. Viele Fragen wurden
angeschnitten, blieben aber offen. Allerdings: Dass sie sich je
abschliessend beantworten lassen, ist unwahrscheinlich.

(Mitarbeit: Fabian Gressly)