Hedy und die Nebelschwaden [BAZ 21.1.2006]
| Von Redaktion | [ Rezensionen ] |
von Florian Keller
Liebe, Tod und Kafka: An den Solothurner Filmtagen lebte eine
vergessene Diva auf, Carlos Leal sprach über die Technik der Erotik.
Und zwei Sterbehelferinnen spazierten durch den Nebel.
Hollywood liegt nicht am Jurasüdfuss, aber wer will, findet auch in
Solothurn die eine oder andere Ikone des Kinos. Gut, man trifft die
Stars nicht leibhaftig in den Gässchen, ausser vielleicht Maximilian Schell, der für seine Retrospektive zu Besuch kam. Auf der Leinwand aber begegnete man etwa Hedy Lamarr (1913-2000), geborene Kiesler, aus Wien, vergessene Ikone des klassischen Hollywood. In dem Skandalfilm «Ecstasy» (1933) ging die geborene Kiesler aus Wien einst splitternackt in einem See baden. Da war sie 17 Jahre alt, und später sollte sie erklären, dass sie das nur getan habe, weil die Kamera weit weg platziert war und sie noch nichts von einer Zoom-Linse gewusst habe.
schillernd. Das ist nur das erste Kapitel in der schillernden
Hollywood-Biografie, der die Brüder Fosco und Donatello Dubini mit
Barbara Obermeier in ihrem neuen Dokfilm «Hedy Lamarr - Secrets of a
Hollywood Star» nachspüren. Als die frühreife Diva nach Amerika
auswandert, kursieren Gerüchte, dass sie auch militärische Geheimnisse mit sich geführt habe, auf der Höhe ihrer Karriere erleidet sie einen gröberen Imageschaden, als sie wegen Ladendiebstahls verhaftet wird.
Erst ein paar Jahre ist es her, da sorgte Winona Ryder bekanntlich für
eine Art Sequel, als Nachahmungstäterin.
bizarr. Formal ist das nun ein sehr handgestricktes Porträt, aber was
der Film in seiner Gestaltung vermissen lässt, macht die bizarre Vita
der Lamarr wieder wett. Eingebaut sind Statements von so
unterschiedlichen Figuren wie dem einstigen Kinderstar Mickey Rooney
und dem Avantgarde-Filmer Kenneth Anger, und immer wieder werden
Filmstills von Heddy Lamarr knallfarbig zum Leuchten gebracht wie Andy Warhols Monroe-Ikonen. Ob sie schon mal einen Sexfilm gesehen habe, fragt schliesslich ein Interviewer die gealterte Diva und frühere
Nacktschwimmerin. «Ja», sagt sie, «das ist aber Unsinn.»
erotisch. Sexfilme sind vielleicht Unsinn, aber wie stehts mit der
Erotik im Film? Dieser Frage widmet sich das Filmjahrbuch «Cinema» in
seinem aktuellen Band, und am Donnerstag gabs dazu in Solothurn ein
Podium mit kleiner Starbeteiligung. Carlos Leal, am Vorabend für seine
Rolle in «Snow White» mit dem Schweizer Filmpreis geehrt, bemerkte ganz lapidar und hübsch gereimt: «C’est très téchnique, les scènes
érotiques.» Blockaden kennt er nur dann, wenn ausgerechnet beim Drehen einer Liebesszene die eigene Freundin auf dem Set zu Besuch kommt, wie ihm das bei einem Kurzfilm passiert ist.
Wer nun abschliessende Antworten zur filmischen Erotik erwartete, war selber schuld. Auf dem Podium einigte man sich weit gehend darauf, dass das Erotische im Kino auf der Wahrung von Geheimnissen gründet. Oder auch auf der «dauernden Antizipation» eines Begehrens, das nie erfüllt wird, wie der Filmwissenschaftler Jen Haas das nannte.
zauberhaft. Stina Werenfels, Regisseurin des Solothurner
Eröffnungsfilms «Nachbeben», plädierte für die Langsamkeit als
Stimulans der Erotik. Und die Drehbuchautorin und «Weltwoche»-Kolumnistin Güzin Kar stellte klar: Dreharbeiten an sich
seien absolut unsexy, weil handwerklich anstrengend genug. Unerotisch findet sie übrigens auch «Softsexfilme mit ihren blöden Nebelschwaden», und damit wären wir quasi beim Wetter.
Über Solothurn hängen ja fast ständig Nebelschwaden um diese
Jahreszeit, aber blöde sind die nicht. Sie drücken höchstens ein
bisschen aufs Gemüt, aber manchmal bekommt das Städtchen im Winternebel auch etwas zauberhaft Jenseitiges. So ähnlich wie im Film «Exit» von Fernand Melgar, nur dass das eine symbolisch schwer befrachtete Szene ist, wenn hier zwei Sterbehelferinnen durch dichten Nebel spazieren und sich über ihre Tätigkeit an den Grenzen zum Tod austauschen.
«Exit» wurde am Mittwoch als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet, aber man muss schon sagen: Der Entscheid ist ein Hohn. Man braucht kein Gegner der Sterbehilfe-Organisation Exit zu sein, um sich daran zu
stossen, wie unkritisch dieser Film das ehrenamtliche Wirken ihrer
Mitglieder begleitet. Zu seinen besten Momenten findet Melgar dort, wo
er die Sterbehilfe als höchst bürokratischen Job schildert, der einem
menschlich doch alles abverlangt. Ein Mitglied von Exit bringt das
einmal mit schönem Galgenhumor auf den Punkt: Die Sache mit dem
Sterbewunsch, sagt sie, sei so verbürokratisiert, dass es einen fast
umbringe.
überflüssig. Ansonsten ist «Exit» nicht nur eine sehr redundante
Angelegenheit, man erinnert sich auch ständig an Jürg Neuenschwanders Film «Früher oder später». Dort ging es zwar nicht eigentlich um Sterbehilfe, sondern ums Sterben schlechthin, aber Neuenschwander führte einen doch auf eine subtilere Weise viel näher heran an die ungeheuerliche Normalität des Todes. Wenn hingegen bei Melgar der Präsident von Exit an einem Kongress in Japan über den «guten Tod» in der Schweiz referiert, so kommt es dem Regisseur gar nicht in den Sinn, diese Phrase auf ihre innere Wahrheit hin abzuklopfen.
literarisch. Gar nicht zu retten soll schliesslich Franz Kafka gewesen
sein, so jedenfalls erzählen das dessen Frauen im neuen Film von
Richard Dindo. «Wer war Kafka?» ist sozusagen eine filmische Diaschau und ein literarisches Hörspiel, mit Schauspielern, die in der Rolle von Kafkas Freunden und Geliebten wie Geistererscheinungen frontal zum Publikum sprechen. Ein formal gewagtes, oder sagen wir: sonderbares Stück Kino über einen, der postum zur literarischen Ikone wurde. Und wer das durchstand, fand sich draussen im Solothurner Nebel wie in einem kleinen Prag wieder.

