Plattform für die liebevolle Auseinandersetzung mit Film
Tages-Anzeiger, 09.04.2005; Seite 50
Kultur
Plattform für die liebevolle Auseinandersetzung mit Film
Mit einem Podium zum Thema «Schreiben über Film» feierte «CINEMA»
seinen 50. Geburtstag.
Von Nicole Hess
Die Publikationen, in denen abseits der Tageskritik über Film nach-gedacht und geschrieben wird, sind in der Schweiz dünn gesät. Als einzige Filmzeitschrift im klassischen Sinn hat das monatlich erscheinende Filmbulletin überlebt; dazu kommt - in abgewandelter Form - das Trigon-Magazin, das seit 1997 Filme des Verleihs mit Interviews, Hintergrundartikeln und ausführlichen Kritiken begleitet.
Fast schon wie ein Wunder mutet in der rauen wirtschaftlichen Landschaft das Bestehen von «CINEMA» an, das heuer seinen 50. Geburtstag feiert: Dank der «Kunst der Selbstverjüngung» (so der Titel der «CINEMA»-Firmengeschichte von Thomas Schärer in der Jubiläumsausgabe) hat die ehrwürdige Publikation fünf Jahrzehnte Schweizer Filmgeschichte überdauert. Aus dem viertel-jährlichen «Nachrichten- und Kampfblatt» der Filmklubs von 1955 wurde über zahlreiche Mutationen das klassisch gebundene Jahrbuch, das sich als «unabhängige Plattform des Nachdenkens
über Film» versteht.
Eine der intensivsten Zeiten erlebte die Publikation in den Sechziger- und Siebzigerjahren, als sich die Redaktion unter «Spiritus Rector» Martin Schaub als kritische Begleitung des Neuen Schweizer Films verstand. In den Jahren danach verschob sich der Fokus etwas: Der politische Blick geriet in den Hintergrund; filmwissenschaftliche und medientheoretische Fragestellungen rückten ins Zentrum. Parallel dazu wandelten sich auch die Textsorten, in denen über den Film als Kunstform oder Phänomen nachgedacht wurde.
Konkreter Ausdruck dieser Öffnung ist das aktuelle Jahrbuch zum Thema «Essay», das etwa in der Form von Tagebüchern «Versuche» über das Medium Film anstellt. Zeugnis vom lebendigen Austausch über die «richtige Form» legte auch das Podium zu «Schreiben über Film» ab, mit dem die «CINEMA»-Redaktion im Zürcher Filmpodium den runden Geburtstag feierte. Unter der Leitung von Martin Walder, Filmredaktor der «NZZ am Sonntag», dachten fünf Schreibende laut über ihre Berufe nach: die Filmprofessorin Margrit Tröhler, der Publizist Thomas Tode, Andreas Furler, Ko-Leiter des Filmpodiums, der Drehbuchautor Peter Purtschert und Flavia Giorgetta von «CINEMA».
Rezension als Wegwerfpapier?
Am lebhaftesten wurde die Diskussion, die wegen der anschliessenden Filmvorführung etwas kurz ausfiel, bei der These, Filmpublikationen wie das «CINEMA» oder wissenschaftliche Texte brächten gegenüber der Filmkritik in Tageszeitungen einen eindeutigen Mehrwert. Furler ehemaliger Filmredaktor des TA, hielt der Aussage die Unproduktivität vieler umfangreicher Artikel entgegen. Und Tröhler stellte in Abrededass es sich bei Tageskritiken um «Wegwerfpapier» (Tode) handle: «Wir versuchen alle, Mehrwert zu produzieren. Rezensionen sind für mich als Material und Inspirationsquelle wichtig.» Allen Anfechtungen zum Trotz dürfte es sich bei der Filmkritik also (noch) nicht um ein «Auslaufmodell» handeln, wie Walder ketzerisch formulierte.
CINEMA. Schüren-Verlag, Marburg, 2005. 208 Seiten, 34 Fr.
50 Jahre CINEMA - Filmkritik - ein Gespräch im Filmpodium
9. April 2005, Neue Zürcher Zeitung
50 Jahre «Cinema»
Filmkritik - ein Gespräch im Filmpodium
als. «Ein Kritiker ist auch ein Missionar», soll Jean-Luc Godard als Filmkritiker in den Pioniertagen der «Cahiers du Cinéma» einmal konstatiert haben, in phlegmatischer Leidenschaft seinen Stylo wetzend, mit dessen Spitze er lüstern in die aufgeblasenen Ideologien bourgeoiser Altmeisterwerke oder grosser Studioproduktionen stach. Schreiben über Filme bedeutete in den aufgewühlten Zeiten der Nouvelle Vague zunächst einmal Stellung für eine bestimmte Ästhetik beziehen, Urteile über Meister- und Machwerke vergeben und dabei seinen Namen als Erkennungsmarke des auteur sprechen lassen. Und heute? Welche Rolle übernimmt die Filmkritik in Zeiten multimedialer Omnipräsenz? Hat das Schreiben über Film noch eine Funktion, wenn in den Internet-Foren potenziell jeder Kinozuschauer zum Kritiker werden kann?
«Ist der Filmkritiker ein Auslaufmodell?», fragte auch Martin Walder von der «NZZ am Sonntag» an einer Gesprächsrunde zum Thema «Schreiben über Film», zu der das Filmpodium anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Schweizer Kinozeitschrift «Cinema» eingeladen hatte; die Diskussion wurde von einem interessierten Fachpublikum verfolgt, unter das sich auch Marc Wehrlin gemischt hatte, scheidender Sektionschef Film im Bundesamt für Kultur, als dessen Stellvertretender Leiter er künftig amten wird. Und das von Walder moderierte Podium, bestehend aus dem freien Publizisten Thomas Tode, dem Drehbuchautor und Dozenten an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich (HGKZ) Peter Purtschert, Andreas Furler, Co-Leiter des Filmpodiums, Margrit Tröhler, Professorin für Filmwissenschaft an der Universität Zürich, sowie Flavia Giorgetta von der fünfköpfigen «Cinema»- Redaktion - das Podium war sich uneinig darüber, welche Textsorten überhaupt als Filmkritik betrachtet werden sollten. Flavia Giorgetta liess in einigen polemisch formulierten Thesen den journalistischen Gebrauchstext gegen die Langlebigkeit und den «Mehrwert» wissenschaftlicher Textformen antreten; während Andreas Furler darlegte, dass der Filmkritiker auch als Journalist gerade in Zeiten medialer Überflutung nötiger denn je sei - als eine Instanz, die aus dem Wust an flottierenden Pseudoinformationen das Interessante und Wichtige herauszufiltern vermöge.
In welche schlingernden Konstellationen Schreiben und Filmen historisch und ästhetisch schon getreten sind, illustriert auch die bewegte 50-jährige Geschichte der «Cinema»-Redaktion, die Thomas Schärer in der Jubiläumsnummer nachgezeichnet hat. Als der Bankangestellte Beat Kleiner und der Journalist Max Leutenegger 1955 die Zeitschrift «Filmklub - Cinéclub» gründeten, war das Medium Film im Kanton Zürich rechtlich noch dem «fahrenden Gewerbe» gleichgestellt. Der Kampf um die Anerkennung des Kinos, dem in jener Zeit noch immer der halbseidene Glanz des Variétés anzuhaften schien, zeichnete die ersten Jahre dieser Publikation, die bisher eine Namensänderung und sechs Herausgeberschaften in wechselnden Konstellationen gesehen hat. Dabei verstand es jede Generation, dem seit den achtziger Jahren als stattliches Jahrbuch erscheinenden Organ ihr Gesicht zu verleihen, das sich immer auch in einer je spezifischen Auseinandersetzung mit dem Schweizer Filmschaffen formte.
Die jüngste Jubiläumsnummer, die die Bereiche Schreiben und Filmen unter dem Thema «Essay» geschickt vereint, kreist den Schweizer Film von mehreren Seiten ein: Neben Retrospektiven auf 40 Jahre Solothurner Filmtage und 25 Jahre Kino Xenix finden sich etwa Auszüge aus den poetisch-selbstironischen Marschtagebüchern, die Peter Liechti für seinen Film «Hans im Glück» verfasst hatte. «Gehen, denken, drehen» nannte Marcy Goldberg ihren Essay über Liechtis Versuch einer schreibend-filmenden Vorgehensweise - über das eigentliche Essayieren mithin, das Goldberg im Schritt für Schritt der Füsse, der Worte und der Bilder ansiedelt.
Cinema 50: Essay. Herausgegeben von Nathalie Böhler, Laura Daniel, Flavia Giorgetta, Veronika Grob, Andreas Maurer und Jan Sahli. Schüren, Marburg 2005. 208 S., Fr. 34.-.
Titel Magazin/ Musik: Cinema 49
geschrieben von: Klaus Hübner
Film besteht aus mehr als nur aus Bildern
Nur einmal im Jahr erscheint die „unabhängige Schweizer Filmzeitschrift“ mit jeweils einem zentralen Thema. In früheren Ausgaben beschäftigte sich die Publikation, die einen mittleren Romanumfang aufweist, mit „Territorium“, „Ausstattung“ und „Das Private“. Im 49. Jahrgang liegt für 2004 das Heft „Musik“ vor.
Eines der wichtigsten Stilmittel des Films, die oft nur als Nebensache wahrgenommen und entsprechend reflektiert wird, ist die Musik. Und gerade in diesem Bereich bestehen zwei eklatante Unterschiede. Zum einen existiert die klassische, besonders von Hollywood geprägte orchestrale Filmmusik, die für alle Szenarien einsetzbar war und die Gefühle, Dramatik und oft auch Illustration transportierte. Daneben die inzwischen zur Hauptsache gewordenen Pop- und Rocksoundtracks, die als Marketingprodukt überhaupt nicht mehr wegzudenken sind. Den „Soundtrack und seine Interpretation als Marketinginstrument“ beschreibt Christian Jungen in „Bryan Adam’s Mustang im Kino“ anhand vieler populärer Beispiele.
Doch der Ton des Films besteht nicht nur aus Sprache und Musik, für Dra-maturgie und Spannungsaufbau sind dringend Geräusche, Lärm und andere Klänge notwendig. In ihrem Beitrag „Where’s The Link?“ beschäftigt sich Barbara Flückiger mit dem Sounddesigner, dem eine herausragende Rolle bei der Filmherstellung zugewiesen ist. Wie das Hubschraubergeräusch aus „A-pokalypse Now“ von Francis Ford Coppola den visuellen Eindruck erst auf die Spitze treibt, ist das Verdienst einer neuen filmischen Klanggestaltung.
In dem Buch ist aber noch mehr Musik drin. Florian Keller untersucht an-hand des Musiksenders MTV, ob Musikvideos narratologische Inhalte transportiert („Heavy Rotation“). Besonders interessant ist der Aufsatz von Philipp Brunner, „Con intimissimo sentimento“, in dem er das „Gesicht der musizierenden Figur im Film“ aufspürt, beschreibt und kommentiert. Außerhalb des Themas sammelt die Rubrik „CH-Fenster“ schweizerische Besonderheiten des Films, Jesper Andersen schreibt seinen Filmbrief aus Dänemark („Dänischer Film ist mehr als ‚Dogma’“), und der Index beschäftigt sich kritisch mit der Schweizer Produktion aus 2002/2003.
Alles in allem und musikalisch im Besonderen ist Cinema 49 ein gelungener Beitrag, Film, seine Wirkung und seine handwerklichen Voraussetzung zu beleuchten.
Klaus Hübner
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Musik. Cinema 49. Herausgegeben von Natalie Böhler, Laura Daniel, Meret Ernst, Flavia Giorgetta, Veronika Grob, Andreas Maurer, Jan Sahli. Schüren Verlag, Marburg. 2004. ISBN 3-89472-600-8. 24 Euro (im Abo 19 Euro).
DigitalVD: CINEMA 49 - Musik
Von Tino Hahn
Der 49. Band aus der „Cinema“-Reihe des Schüren-Verlag hört diesmal auf den Namen „Musik“ und will die vielfältigen Beziehungspunkte zwischen Film und Musik verdeutlichen. Das gelingt teilweise recht gut, doch die sehr spezielle Annäherung an dieses Thema verweigert einer breiteren Leserschaft den unkomplizierten Zugang und insbesondere Scores kommen deutlich zu kurz, obwohl sie das Salz in der Filmsuppe sind. Insgesamt bleibt nach der Lektüre ein zwiespältiger Eindruck zurück: Kompetente und detailliert recherchierte Artikel und Beiträge stehen einer sehr speziellen und eingeschränkten Sichtweise gegenüber, die einige Aspekte einfach ignoriert und populärere Themen meidet oder nur von oben herab betrachtet. Besonders störend fällt auf, dass Scores und Soundtracks nicht den Hauptteil des Buchs bilden, obwohl sie das akustische Bindeglied zwischen Zuschauer und Leinwand sind. An dieser Stelle kann man dem Ansatz des Buchs einen Vorwurf machen, denn ihrer Meinung nach geht die Schnittstelle zwischen Film und Musik wesentlich weiter, als bis zur unterstützenden Wirkung von orchestraler Filmmusik. Damit haben die Autoren sicherlich Recht, doch ist diese Schnittstelle stets präsent und verdient weitaus größere Aufmerksamkeit, als ihr in „Cinema 49 – Musik“ zugestanden wird. Die Ausführungen über die Wechselwirkung zwischen Videoclips und Spielfilmen sowie die Einflussnahme der Tonspur auf die Bilder sind hingegen sehr gelungen und besitzen einen großen Informationsgehalt, durch den die Wahrnehmung von Clips entscheidend beeinflusst und erweitert wird. In einem Interview mit dem Filmmusiker und Cellisten Martin Tillmann wird die praktische Seite der Filmmusikproduktion in Hollywood ins Rampenlicht gezerrt und mit einigen gängigen Vorurteilen aufgeräumt.
Die 208 Seiten von „Cinema 49 – Musik“ treffen einige Töne nicht richtig und lassen ganze Passagen ungespielt, dennoch bleibt unterm Strich ein kritisch-analystisches und literarisches überzeugendes Werk übrig, dessen Schwachstellen vor allen Dingen Liebhabern von orchestraler Filmmusik sauer aufstoßen werden.
Fazit: Traditionelle Filmmusikfreunde, die sich für die Werke von Goldsmith, Williams oder Goldenthal begeistern, werden von der Lektüre von „Cinema 49 – Musik“ zwangsläufig enttäuscht werden. Die vielfältigen Beziehungspunkte zwischen Film und Musik werden nahezu ausschließlich unter populären und/oder avantgardistischen Gesichtspunkten betrachtet, was Score-Liebhaber als Leserschaft ausschließt. Dennoch eine lohnenswerte Lektüre, auch wenn die Ausgrenzung oder lediglich kurze Abhandlung interessanter Aspekte eine klare Empfehlung verhindert.