Das Februarbuch [Hochparterre, 12.02.2007]
Sicherheit heisst der aktuelle Band des Schweizer Filmjahrbuchs Cinema. Im Erzählkino werden kollektive Paranoia und individuelle Neurosen gepflegt, wie in kaum einem anderen Medium der Neuzeit. Wo sonst lassen wir uns so augenfällig versichern, dass das Gute gegen das Böse siegt? Doch es gibt auch dies: «erzählerische Unsicherheit», wie sie etwa Michelangelo Antonionis Filme prägen, weiss Thomas Christen. Wir mögen das, weil damit unsere Fantasie über die Vorführung hinaus geweckt ist – aber auch diese Geschichte sehen wir im gesicherten Raum des Kinos. Natalie Böhler berichtet über den unvermeidlichen Notausgang, durch den wir hoffentlich nur beim geordneten Verlassen des Kinos schreiten; Jen Haas kommentiert die hartnäckig dauerhaften TV-Serien, selbst wenn sie, wie «Six Feet Under» den Tod zum Thema haben; Andreas Furler erklärt, dass der Heist-Movie, der Film über einen Coup, so spannend ist, weil wir mit den Räubern paktieren. Henry M. Taylor widmet sich der Apotheose der kinematografischen Verunsicherung, dem Verschwörungsthriller der Siebzigerjahre. Dazwischen tritt zahlreich das nötige Personal auf: Supermänner und Versicherungsagenten, Bankräuber, unschuldige Opfer und Dynosaurier. Sie alle arbeiten daran, dass wir uns nirgends sonst so gerne verunsichern lassen wie im Kino.
(Meret Ernst)
Filmbulletin [November 2006]
Professional Production [2006]
Film und TV Kameramann [Juli 2006]
Bettgeflüster [© Tages-Anzeiger; 29.03.2006; Seite 54]
Das neue «Cinema»-Jahrbuch widmet sich der Erotik im Film.
«Cinema» stehe «ganz im Zeichen der Momentaufnahme, welche die flüchtige Erotik dieses Zeitmediums einzufangen» suche, schreibt Redaktor Andreas Maurer im Editorial der neuen Ausgabe. Vielleicht am sinnfälligsten eingelöst wird dieser Anspruch in der Beschreibung erotischer Momente der Filmgeschichte, wo der «bodenlose Schlafzimmerblick» Nicole Kidmans (in «Eyes Wide Shut») oder die aufregende Betastung eines zarten Handgelenks (in «The Age of Innocence») in fast lyrischer Manier beschworen werden.
Doch natürlich ist das «Cinema»-Jahrbuch immer noch ein Ort profunder Essays, die auch wissenschaftlichen Ansprüchen genügen wollen. Zum Glück spricht das für einmal nicht gegen die sinnliche und unterhaltsame Qualität der Texte, die insgesamt gut lesbar sind; man spürt hier, dass ein Grossteil der Autorinnen auch journalistisch arbeitet. So schreibt Michèle Wannaz («Facts») in «Der Witz und seine Beziehung zum Paarungsverhalten» - mit Witz! - über die erotisierende Wirkung, die männlicher Humor und zum Lachen reizende Ungeschicklichkeit auf die Heldinnen romantischer Komödien ausübt.
Überhaupt wird Erotik nicht nur in Genres und Filmen analysiert, wo sie eigentliches Thema ist wie in der Marguerite-Duras-Verfilmung «L'amant» von Jean-Jacques Annaud. Sie wird auch dort dingfest gemacht, wo man sie beim ersten Hinsehen kaum vermuten würde: im Actionfilm hollywoodscher Prägung etwa, wie die kurz vor Erscheinen von «Cinema» verstorbene Annette Althaus in einer komplexen Analyse von «Die Hard» vorführt. Und im vielleicht überraschendsten Essay des Jahrbuchs beschreibt die Filmkritikerin Julia Marx, wie in der Fanliteratur Fans von Fernsehserien Erlebnisse ihrer Lieblingsfiguren weiterspinnen - was im so genannten Slash so weit geht, dass den männlichen Helden von der vorwiegend weiblichen Fangemeinde homoerotische Beziehungen angedichtet werden.
Kathrin Halter
Cinema 51, Schüren-Verlag, 2006, 176 S., 34 Fr.
Rezension / IKONEN Magazin
Bild: Bea Lauper
Von Marcus Stiglegger
Nachdem bereits im letzten Jahr das Schweizer Filmjahrbuch Cinema mit einem Band über Essayfilme überzeugen konnte, ist auch das vorliegende neue Buch sehr gelungen: "Erotik" beleuchtet anhand sehr unterschiedlicher - teils poetischer, teils analytischer - Beiträge ein in der deutschsprachigen Filmliteratur weitgehend vernachlässigtes Thema. Dabei wird nicht ein grundsätzlicher Überblick gesucht, sondern der besondere, auch exzentrische, Blick gepflegt.
Bereits im ersten Text von Julia Marx geht es um ein bizarres Phänomen: Die Weiterentwicklung bekannter Filmcharaktere im Rahmen erotischer Szenarien durch ihre Fans - "Fanfic(k)s". Etwas filmwissenschaftlich konventioneller, wenn auch absolut treffend, geht Ilma Rakusa in ihrem Aufsatz über Adrian Lynes unterschätzten Film LOLITA vor: Sie untersucht die Bedeutung des Blicks für erotische Inszenierungen.
Der möglicherweise wichtigste Beitrag des Bandes ist ein Interview mit dem Filmemacher Lionel Baier über die fließenden Grenzen zwischen Kunst und Pornografie - sowohl in seinem eigenen Schwulendrama GARCON STUPIDE, als auch im französischen Kunstfilm (Cathérine Breillat). Jen Haas untersucht dann das Kinodispositiv als erotische Situation an sich - auch ein Ansatz, der hin und wieder auftauchte, aber nie wirklich zu Ende gedacht wurde.
Bea Laupers Bildessay "Erotik" zeigt dann, wie man vor allem in Details - und nicht nur des nackten Körpers - sinnliche und erotische Entdeckungen machen kann.
Ein zweiter wesentlicher Beitrag des Bandes ist Daniel Stapfers filmhistorische Aufarbeitung des Schweizer Sexfilms der sechziger und vor allem siebziger Jahre. Wir lernen, dass dieser mit Erwin C. Dietrich zwar einen noch heute aktiven Vorreiter hatte, aber auch sonst sehr verbreitet war. Ein aufregender Ansatz zur Erforschung des exploitativen Genrekinos - auch hier könnte man mit Folgearbeiten ansetzen.
Des weiteren fällt ein Text auf, der den Kontext von Erotik und Gewalt untersucht (Annette Althaus' "Die Hard"), was von daher produktiv ist, dass im amerikanischen Mainstream sich Mechanismen herausgebildet haben, die vor allem Sinnlichkeit und Sexualität durch Gewaltszenen kompensieren, um das Kino "familientauglicher" (sic!) zu gestalten.
Empfehlenswert ist auch Birgid Schmids Artikel "Die Sprache des Begehrens", der den Zusammenhang zwischen Arnauds Film DER LIEBHABER und Marguerite Duras' beiden Quellentexten analysiert - wobei ihr Buch "Der Liebhaber aus Nordchina" ja eine Art nachträglicher Kommentar zum Film ist.
Das ganze Buch über finden sich auch kleine Momentaufnahmen aus erotischen Filmen, die den Blick auf jenes fragile Konstrukt lenken, das den Zuschauer affizieren könnte, Szenen aus EYES WIDE SHUT, BOUND, VIRIDIANA, PSYCHO usw. Erotik im Film ist eine Frage der Umstände, des Kontextes, des Moments - kurz eine Frage der Virtuosität von Inszenierung. Das wird hier nochmal deutlich.
Neben weiteren Artikeln zum Schweizer Kino finden wir hier u.a. eine Kritik zu Daniel Schweizers neuem Film WHITE TERROR (2005), der nach SKIN OR DIE (1998) und SKINHEAD ATTITUDE (2003) nun hautnah die amerikanische White-Power-Bewegung untrersucht.
Sowohl formal als auch inhaltlich bestätigt der vorliegende Band "Cinema: Erotik" die hohen Erwartungen, die man nach dem letztjährigen "Cinema: Essay" haben konnte: Frische Perspektiven, literarisch hochwertige Beiträge, neue Forschungsansätze und inspirierende Gedankenblitze prägen dieses Buch, das nicht erschöpfend mit seinem Thema umgehen möchte, und gerade deshalb erfolgreich nach originellen Ansätzen sucht.
Die Beiträge diesen Bandes stammen von Annette Althaus, Johannes Binotto, Natalie Böhler, Philipp Brunner, Antonia Camponovo, Thomas Christen, Luzia von Deschwanden, Eleonore Frey, Anita Gertiser, Jen Haas, Daniela Janser, Ursula von Keitz, Francesco Laratta, Bea Lauper, Julia Marx, Daniele Muscionico, Ilma Rakusa, Birgit Schmid, Doris Senn, Daniel Stapfer, Mariann Sträuli, Sandra Walser, Michèle Wannaz.
www.ikonenmagazin.de
Hedy und die Nebelschwaden [BAZ 21.1.2006]
Die 41. Solothurner Filmtage
von Florian Keller
Liebe, Tod und Kafka: An den Solothurner Filmtagen lebte eine
vergessene Diva auf, Carlos Leal sprach über die Technik der Erotik.
Und zwei Sterbehelferinnen spazierten durch den Nebel.
Hollywood liegt nicht am Jurasüdfuss, aber wer will, findet auch in
Solothurn die eine oder andere Ikone des Kinos. Gut, man trifft die
Stars nicht leibhaftig in den Gässchen, ausser vielleicht Maximilian Schell, der für seine Retrospektive zu Besuch kam. Auf der Leinwand aber begegnete man etwa Hedy Lamarr (1913-2000), geborene Kiesler, aus Wien, vergessene Ikone des klassischen Hollywood. In dem Skandalfilm «Ecstasy» (1933) ging die geborene Kiesler aus Wien einst splitternackt in einem See baden. Da war sie 17 Jahre alt, und später sollte sie erklären, dass sie das nur getan habe, weil die Kamera weit weg platziert war und sie noch nichts von einer Zoom-Linse gewusst habe.
schillernd. Das ist nur das erste Kapitel in der schillernden
Hollywood-Biografie, der die Brüder Fosco und Donatello Dubini mit
Barbara Obermeier in ihrem neuen Dokfilm «Hedy Lamarr - Secrets of a
Hollywood Star» nachspüren. Als die frühreife Diva nach Amerika
auswandert, kursieren Gerüchte, dass sie auch militärische Geheimnisse mit sich geführt habe, auf der Höhe ihrer Karriere erleidet sie einen gröberen Imageschaden, als sie wegen Ladendiebstahls verhaftet wird.
Erst ein paar Jahre ist es her, da sorgte Winona Ryder bekanntlich für
eine Art Sequel, als Nachahmungstäterin.
bizarr. Formal ist das nun ein sehr handgestricktes Porträt, aber was
der Film in seiner Gestaltung vermissen lässt, macht die bizarre Vita
der Lamarr wieder wett. Eingebaut sind Statements von so
unterschiedlichen Figuren wie dem einstigen Kinderstar Mickey Rooney
und dem Avantgarde-Filmer Kenneth Anger, und immer wieder werden
Filmstills von Heddy Lamarr knallfarbig zum Leuchten gebracht wie Andy Warhols Monroe-Ikonen. Ob sie schon mal einen Sexfilm gesehen habe, fragt schliesslich ein Interviewer die gealterte Diva und frühere
Nacktschwimmerin. «Ja», sagt sie, «das ist aber Unsinn.»
erotisch. Sexfilme sind vielleicht Unsinn, aber wie stehts mit der
Erotik im Film? Dieser Frage widmet sich das Filmjahrbuch «Cinema» in
seinem aktuellen Band, und am Donnerstag gabs dazu in Solothurn ein
Podium mit kleiner Starbeteiligung. Carlos Leal, am Vorabend für seine
Rolle in «Snow White» mit dem Schweizer Filmpreis geehrt, bemerkte ganz lapidar und hübsch gereimt: «C’est très téchnique, les scènes
érotiques.» Blockaden kennt er nur dann, wenn ausgerechnet beim Drehen einer Liebesszene die eigene Freundin auf dem Set zu Besuch kommt, wie ihm das bei einem Kurzfilm passiert ist.
Wer nun abschliessende Antworten zur filmischen Erotik erwartete, war selber schuld. Auf dem Podium einigte man sich weit gehend darauf, dass das Erotische im Kino auf der Wahrung von Geheimnissen gründet. Oder auch auf der «dauernden Antizipation» eines Begehrens, das nie erfüllt wird, wie der Filmwissenschaftler Jen Haas das nannte.
zauberhaft. Stina Werenfels, Regisseurin des Solothurner
Eröffnungsfilms «Nachbeben», plädierte für die Langsamkeit als
Stimulans der Erotik. Und die Drehbuchautorin und «Weltwoche»-Kolumnistin Güzin Kar stellte klar: Dreharbeiten an sich
seien absolut unsexy, weil handwerklich anstrengend genug. Unerotisch findet sie übrigens auch «Softsexfilme mit ihren blöden Nebelschwaden», und damit wären wir quasi beim Wetter.
Über Solothurn hängen ja fast ständig Nebelschwaden um diese
Jahreszeit, aber blöde sind die nicht. Sie drücken höchstens ein
bisschen aufs Gemüt, aber manchmal bekommt das Städtchen im Winternebel auch etwas zauberhaft Jenseitiges. So ähnlich wie im Film «Exit» von Fernand Melgar, nur dass das eine symbolisch schwer befrachtete Szene ist, wenn hier zwei Sterbehelferinnen durch dichten Nebel spazieren und sich über ihre Tätigkeit an den Grenzen zum Tod austauschen.
«Exit» wurde am Mittwoch als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet, aber man muss schon sagen: Der Entscheid ist ein Hohn. Man braucht kein Gegner der Sterbehilfe-Organisation Exit zu sein, um sich daran zu
stossen, wie unkritisch dieser Film das ehrenamtliche Wirken ihrer
Mitglieder begleitet. Zu seinen besten Momenten findet Melgar dort, wo
er die Sterbehilfe als höchst bürokratischen Job schildert, der einem
menschlich doch alles abverlangt. Ein Mitglied von Exit bringt das
einmal mit schönem Galgenhumor auf den Punkt: Die Sache mit dem
Sterbewunsch, sagt sie, sei so verbürokratisiert, dass es einen fast
umbringe.
überflüssig. Ansonsten ist «Exit» nicht nur eine sehr redundante
Angelegenheit, man erinnert sich auch ständig an Jürg Neuenschwanders Film «Früher oder später». Dort ging es zwar nicht eigentlich um Sterbehilfe, sondern ums Sterben schlechthin, aber Neuenschwander führte einen doch auf eine subtilere Weise viel näher heran an die ungeheuerliche Normalität des Todes. Wenn hingegen bei Melgar der Präsident von Exit an einem Kongress in Japan über den «guten Tod» in der Schweiz referiert, so kommt es dem Regisseur gar nicht in den Sinn, diese Phrase auf ihre innere Wahrheit hin abzuklopfen.
literarisch. Gar nicht zu retten soll schliesslich Franz Kafka gewesen
sein, so jedenfalls erzählen das dessen Frauen im neuen Film von
Richard Dindo. «Wer war Kafka?» ist sozusagen eine filmische Diaschau und ein literarisches Hörspiel, mit Schauspielern, die in der Rolle von Kafkas Freunden und Geliebten wie Geistererscheinungen frontal zum Publikum sprechen. Ein formal gewagtes, oder sagen wir: sonderbares Stück Kino über einen, der postum zur literarischen Ikone wurde. Und wer das durchstand, fand sich draussen im Solothurner Nebel wie in einem kleinen Prag wieder.
Filmtage [Extra Zeitung 21.1.2006, © Solothurner Zeitung]
Das Vorhersehbare reizt nicht
von Christina Varveris
Fünf Filmschaffende diskutierten die Erotik im Film, und im
bis auf den letzten Platz gefüllten Jurasaal hörten alle gespannt zu.
«Da ist alles sehr technisch», sagte Carlos Leal. «Wenn Kameramänner, Skript-Autoren, Beleuchter und Maskenbildnerinnen um einen herum stehen, ist das beim besten Willen nicht verführerisch.» Der Schauspieler muss es wissen, denn er spielt in «Snow White» die Figur von Paco und hatte einige heisse Szenen zu drehen. Für seine Leistung hatte er am Mittwoch aber auch den Filmpreis erhalten. Das Podium über «Flüchtige Augenblicke - zur Erotik im Film» versprach offenbar, spannend zu werden. Der Jurasaal des Hauses am Land war jedenfalls bis auf den letzten (Steh-)Platz besetzt.
Stina Werenfels mache beim Filmen kein grosses Tamtam um erotische
Szenen. «Sie sollten so gedreht werden, wie alle anderen auch», sagte
die Regisseurin von «Nachbeben». Einige knisternde Szenen des
Eröffnungsfilms dienten den Anwesenden im Gespräch auch als
Erklärungsbeispiele. Sie mache kein Geheimnis aus erotischen Szenen, so Werenfels: «Die Personen auf dem Set haben eine professionelle Sicht.» Da kommen keine erotischen Gefühle auf.
Für Drehbuchautoren bedeuten erotische Szenen wenig Arbeit. Güzin Kar: «Das sind oft nur zwei, drei Zeilen Text. Schliesslich hat es kaum
Dialog.» Das Filmen dieser Zeilen dauere aber meistens sehr lange, «ist
aber total unsexy», verriet die Kolumnistin der «Weltwoche». Sehr
wichtig sei, dass die Schauspieler wüssten, was für eine Stimmung rüber kommen soll. Es liege in der Verantwortung des Drehbuchautors, diese auch zu beschreiben. Regisseur und Schauspielern dürfe das nicht überlassen werden. «Ausserdem muss jede Szene für den Film eine zentrale Bedeutung haben und darf nicht austauschbar sein.»
Ob diesen Aussagen erstaunt zeigte sich Filmwissenschafter und
-kritiker Jen Haas: «Erotik ist planbar?» Erotik könne doch auf
verschiedenen Ebenen stattfinden und sei «ein Versprechen, das nicht
eingelöst wird». Der Zuschauer erwarte Dinge, die aber nicht aufgezeigt würden.
Über die Definition von Erotik wurden sich die Podiumsteilnehmer bis
zum Schluss nicht einig. Güzin Kar versuchte den Begriff etwas
einzuschränken: «Was für den Zuschauer vorhersehbar ist, kann nicht
erotisch sein.» Wenn man ahne, was als Nächstes komme, sei die Spannung weg. «Soft-Sex-Filme zum Beispiel», sagte die Autorin, «die
funktionieren nicht, weil ich genau weiss, was passieren wird. Dass er
ihr gleich ein Kompliment machen wird und wie er ihr wann welchen
Blusenknopf auftut.»
Nicht der gleichen Meinung war Haas. «Diese Filme sind für dich nicht
erotisch», sagte er. Die These des Filmwissenschafters: «Erotik findet
nicht auf der Leinwand, sondern im Kopf statt.» Die eigene Stimmung,
die eigene Biografie führe bei jedem Zuschauer zu einer anderen
Wahrnehmung.
«Nein», entgegnete Güzin Kar, dann würde kein Kinoerlebnis entstehen:
«Das Kino spielt damit, dass ein Gemeinschaftserlebnis entsteht.»
Selbst was im Kopf passiere, müsse immer zuerst im Film angeboten bzw. angedeutet werden. Und: Die Regie könne mittels Schnitt, Farbe, Musik und anderer Stilmittel die gewünschte Stimmung provozieren.
Moderatorin Veronika Grob versuchte, die Erotik noch von einer anderen Seite zu beleuchten und an den Akteuren festzumachen. Dabei wandte sie sich an Carlos Leal, den besten Hauptdarsteller 2005: «Als
Shooting-Star bist du Projektionsfläche erotischer Fantasien. Was sagst
du dazu?». Etwas überrumpelt, stellte Leal erst einmal klar: «
und ich sind nicht dieselben Personen.» Verhalten und Charisma eines
Schauspielers seien wichtig für die Wahrnehmung. «Und dann hat man die Wahl: Entweder man macht seine Figur sexy oder nicht.» Paco sei
offenbar eine Figur mit Sex-Appeal, «aber ich habe auch schon Rollen
gespielt, die total unsexy waren.»
Kaum begonnen, schon vorbei: Die rege Diskussion im Jurasaal musste aus zeitlichen Gründen abgebrochen werden. Viele Fragen wurden
angeschnitten, blieben aber offen. Allerdings: Dass sie sich je
abschliessend beantworten lassen, ist unwahrscheinlich.
(Mitarbeit: Fabian Gressly)
RAY/Juni 2005
CINEMA 50: ESSAY
Gleich vorweg, um bei dem mit
Cinema möglicherweise nicht vertrauten Leser keine falsche Erwartungshaltung aufkommen zu lassen: Der vorliegende Band kann nur bedingt als ein Buch über den (filmischen) Essay bezeichnet werden. Doch das ist kein Grund, den Band gleich wieder aus der Hand zu legen.
Wie der erste Teil des Titels angibt, handelt es sich hier um die mittlerweile fünfzigste Ausgabe des Schweizer Filmjahrbuchs
Cinema, das als eine seiner Hauptaufgaben die "kritische und solidarische Begleitung" des Schweizer Filmschaffens sieht. Dies schlägt sich zum einen in dem zur Tradition gewordenen, den Band abschliessenden kritischen Jahresindex der Schweizer Filmproduktion nieder. Zum anderen ist eine Reihe von Beiträgen Geburtstagen in der Schweizer Film- und Kinolandschaft gewidmet: Neben dem runden Geburtstages des Filmjahbruchs selbst wird der 40er der Solothurner Filmtage und das 25-jährige Bestehen des Zürcher Programmkinos Xenix gewürdigt. Zwei weitere Beiträge beschäftigen sich mit der Präsenz von Schweizer Filmen im Ausland und ausländischen Filmen in der Schweiz.
Auch bei dem Teil des Bandes, der die Überschrift "Essay" trägt, ist der Schweizschwerpunkt unübersehbar. Und hier kommt auch der über den zweiten Tiel des Titels auf den Band gestossene Leser auf seine Rechnung: Denn neben Beiträgen über essayistische Aspekte bei bestimmten Regisseuren (Renoir, Egoyan, Duras) oder einem Interview mit dem Schweizer Filmessayisten Thomas Imbach, dienen andere Beiträge vor allem der Exemplifizierung wichtiger Prinzipien des Essays: wie z.B. das der formalen Offenheit ein einem Essay in Form einer Fotoserie oder auch in den Text- und Bildauszügen aus dem Filmessay
Hans im Glück - 3 Versuche das Rauchen loszuwerden von Peter Liechti. So erhält der Leser letztendlich auf spannende Weise einen Eindruck der vielfältigen Möglichkeiten des Essays und erfährt nebenbei noch so manches aus dem in der heimischen Kinos nicht gerade überrepräsentierten Filmland Schweiz.
(Grudrun Totschnig)
Illustration: Eva Kläui
CINEMA 50: Essay
Cinema 50: Essay
Schüren Verlag, 208 Seiten
Cinema - das ist in diesem nicht etwa die "größte europäische Filmzeitschrift", sondern das seit 50 Jahren existierende renommierte Schweizer Filmjahrbuch, das regelmäßig Aufsätze, Interviews und Kritiken zum Schweizer und internationalen Kino versammelt. Zu den regemäßigen Einrichtungen dieser Bände gehört vor allem der Jahresüberblick über die schweizer Filmproduktion mit Filmografien und Kommentaren. Die vorliegende Jubiläumsnummer widmet sich passenderweise einem ebenso interdisziplinären wie spannenden Thema: dem Essay. Dabei sind beide Zugänge möglich: die Thematisierung des Essayfilms bzw. Filmessays sowie das essayistische Schreiben über Film. Das erklärt, warum sowohl Filmwissenschaftler, Filmkritiker wie auch Filmemacher in diesem Kontext zu Wort kommen.
"Der Essay: ein Versuch. Das Essayistische: ein persönlicher, impressionistischer Gedankenablauf," so umschreibt es Marcy Goldberg (S.72). Dieser Ansatz betont bereits das subjektive und mäandernde des essayistischen Films, der oft einfach als 'subjektiver Dokumentarfilm' missverstanden wird. Dabei kann der Essayfilm durchaus fiktive Wege gehen, die jedoch stets mit dem Urheber des 'Versuchs' verknüpft bleiben. Catherine Silberschmidt analysiert das in ihrem Aufsatz (S.50ff.) über Marguerite Duras' LE CAMION (1977), der eigentlich von der Begegnung einer älteren Frau mit einem Lastwagenfahrer in dessen LKW handelt. Da es die äußeren Umstände nicht gestatteten, verlegte die Filmemacherin die Dreharbeiten kurzerhand in ihre Wohnung, wo sie selbst als Protagonistin und Gérard Dépardieu als LKW-Fahrer sich am Tisch gegenübersitzen und sich immer wieder vom vorgegebenen Text entfernen. "Man sollte sehen, was ich höre, wenn ich schreibe," wird Duras' Credo resümiert, und dieser auf den ersten Blick irritierende Ansatz erklärt einleuchten die Ton-Bild-Schere, die Duras zum Prinzip erhebt (auch in ihren anderen Filmen).
Peter Liechti unternimmt in seiner filmischen 'Selbstdokumentation' HANS IM GLÜCK (2003) ebenfalls einen Versuch: in einem langen Fußmarsch will er sich das Rauchen abgewöhnen. Das erinnert etwas an Werner Herzogs Marsch von München nach Paris in dem Buch "Vom Gehen in Eis", mit dem er Lotte Eisners Leben retten wollte - ein Selbstopfer in beiden Fällen. Im vorliegenden Band finden wir Auszüge aus Liechtis Marschtagebüchern, die seine drei Anläufe dokumentieren und assoziativ kommentieren (S.57ff.). Marcy Goldbergs Thesen schließen an diesen Film an.
Patrick Straumann untersucht in seinem Aufsatz "Eine Gespenstergeschichte für ganz Erwachsene" (S.87ff.) anhand mehrerer klassicher und aktueller Spielfilme deren Umgang mit der Grenze von Gegenwart und Vergangenheit, von Traum und 'Realität'. Und entdeckt dabei eher beiläufig den grundlegenden 'Traumcharakter' filmischer Realitätskonstitution. Wong Kar-weis 2046 (2003) wäre hier ein schönes aktuelles Beispiel gewesen - oder Nicholas Roegs Filme -, aber es funktioniert auch mit Lynch, Lang, Almodóvar und Shyamalan...
Weitere interessante Beiträge würdigen das Werk der Multimedia-Künstlerin Isa Hesse-Rabinovitch, Atom Egoyans selbstreferentiellen Film CALENDAR, Renoirs DIE SPIELREGEL als Essay oder den medialen Umgang mit den Bildern des Krieges (Harun Farocki, S.21ff.). Erhellend ist auch das Werkstattgespräch mit dem Dokumentarfilmer Thomas Imbach, der seine teilfiktionalisierte, essayistische Methode In GHETTO und anderen Filmen verdeutlicht. Ein sehr amüsanter, farbiger Fotoessay namens "Himmel unter Berlin" (S.33ff.) rundet den Band ab.
Sehr gelungen ist auch die formale Gestaltung des Bändchens: Fadenheftung und Klappbroschur sorgen für einen gelungenen Gesamteindruck. Ein solches ästhetisch wie inhaltlich ansprechendes Jahrbuch würde man sich auch für einige andere spezifische Kinematografien wünschen, Österreich z.B.
Marcus Stiglegger
http://www.ikonenmagazin.de/ikonenframe.htm